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Der Auror

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P16 / Gen
08.11.2021
28.06.2022
40
172.401
22
Alle Kapitel
59 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
08.11.2021 6.382
 
Hi :)
Ein paar Worte vorab - die Geschichte ist fertiggestellt und hat etwa 200.000 Wörter. Sie hängt grundsätzlich mit meinen anderen Geschichten: "Alles was du willst" und "Der Löwe von Kerry" zusammen, kann aber unabhängig davon gelesen werden, obwohl sie vielleicht den einen oder anderen Hinweis zur Lösung des Falles enthalten. Mehr gibt es nicht zu sagen :D
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29. - 30. April 2000
Kapitel 1 – In dem Miles seine Partnerin verliert


Es war ein lauer Abend. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne tauchten die Straße in ein fahles Licht und Miles Bletchley gestattete es sich für einen kurzen Moment, fast genießerisch die Augen zu schließen und die schwache Wärme, die sie zu spenden vermochten, auf seinem Gesicht zu genießen. Nur ein Augenblick der Ruhe, der Bruchteil einer Sekunde, bevor er sie wieder öffnete und seine Aufmerksamkeit erneut auf das Gebäude vor ihnen richtete. Es war eine Lagerhalle und während er nicht wusste, was ihn darin erwarten würde, so wusste er doch, dass es sich nur noch um Minuten handeln würde, bis sie den Befehl zu ihrer Stürmung bekämen. Mit Einbruch der Dunkelheit würde ein Dutzend Auroren von unterschiedlichen Seiten in das Gebäude eindringen und alles sicherstellen, was sich darin befand. Worum es ging, wusste er nicht. Es war nicht sein Auftrag, er war nur als ausführendes Organ hier.
Ein Räuspern an seiner Seite ließ ihn den Blick von der Lagerhalle lösen und er wandte seine Aufmerksamkeit seiner Partnerin zu. Marie Galen befand sich im ersten Jahr ihrer Aurorenausbildung und obwohl er anfangs ziemliche Probleme damit gehabt hatte, ihr Mentor sein zu müssen, hatte er sich irgendwann damit abgefunden.
„Was?“, fragte er und fixierte ihre linke Hand, die die beiden Kragenenden ihres schwarzen Trenchcoats zusammenhielten. Er hasste diesen Trenchcoat. Sie hätte einen Zauberumhang tragen sollen, so wie alle anderen auch. Leider hatte sie es irgendwie geschafft, ihren Chef davon zu überzeugen, dass der Dresscode für Außeneinsätze nur eine farbliche Linie vorschrieb, aber keine genaueren Verpflichtungen mit sich brachte. Diese farbliche Linie hatte sie mit dem Schwarz durchaus erfüllt, alles andere war Geschmackssache.
„Sag es“, forderte sie ihn auf und sah ihn herausfordernd an. Er riss seinen Blick von ihrer Hand los und lenkte ihn hoch zu ihrem Gesicht, während sie mit der anderen Hand ihre schwarzen Locken in ein Haarband zwängte. Ihre Haare waren noch so etwas, das er nicht mochte. Sie waren zu modisch geschnitten. Leider hatte er aber auch hier keinen Hebel, etwas daran zu ändern, denn durch das Haarband bekam sie sie stets so gut unter Kontrolle, dass sie kein Problem beim Kämpfen darstellten.
Als er immer noch nichts sagte, verdrehte sie die Augen und fügte hinzu: „Ich weiß, dass du es schon die ganze Zeit sagen willst. Ich habe deinen Blick gesehen.“
Seine Mundwinkel zuckten und er wandte sich wieder der Lagerhalle zu, bevor er ihr den Gefallen tat und anmerkte: „Ich hasse deine Schuhe.“
„Du hasst sie?“ Die Empörung in ihrer Stimme war deutlich zu hören und aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie sie einen Blick auf den Stein des Anstoßes warf, der mit seinen sicher zehn Zentimeter hohen Absätzen wahrscheinlich verdammt unbequem war. „Du wolltest sicher sagen, dass du sie für den Beruf ungeeignet findest, aber dass du sie hasst, kannst du mir nicht erzählen.“
„Sie sind wirklich ungeeignet“, sagte er und vermied es, ihren Blick aufzufangen. Marie schnaubte und konnte es sich nicht verkneifen, zu sagen: „An deiner Nachbarin würdest du sie nicht hassen. Sie hatte doch ganz ähnliche an, als sie dir letztens einen Brief gebracht hat, der versehentlich in ihrem Postkasten gelandet ist.“
Miles schmunzelte. „Meine Nachbarin befand sich aber auch nicht auf Außenmission.“
Die Antwort folgte, mit leicht bissigem Unterton, auf dem Fuße. „Das ist wohl Ansichtssache. Obwohl man es vielleicht eher als Innenmission bezeichnen sollte.“
Seine Mundwinkel zuckten wieder. „Leider weiß ich, dass du diese Schuhe nicht gewählt hast, um mich zu verführen, sondern um mich zu ärgern.“
Sie bedachte ihn mit einem spöttischen Blick. „Eine rechte Schande, nicht wahr? Wo du doch aus jeder Pore deinen dringlichen Wunsch, von mir verführt zu werden, laut herausschreist.“
Ihre Stimme triefte vor Sarkasmus, aber bevor Miles anmerken konnte, dass das wohl auch nicht gerade professionell wäre, ertönte ein lauter Knall, wie von einer Explosion, und die ihnen zugewandten Fenster der Halle barsten. Automatisch wandten sie ihre Körper von der ausstrahlenden Hitze ab und hielten ihre Hände vor die Gesichter, doch die glühende Wärme war dennoch zu spüren.
Es dauerte nur wenige Momente, Augenblicke, in denen sich Miles Herzschlag, der kurzzeitig deutlich stärker geworden war, wieder normalisierte. Die beiden blickten sich an, dann liefen sie auf die Halle zu. Eine Explosion war definitiv nichts, was irgendwie geplant gewesen war. Was auch immer schief gegangen war – und etwas war schiefgegangen – es galt das Beste daraus zu machen und das Schlimmste zu verhindern.
Die Fenster mochten die Explosion nicht überstanden haben, aber die Türe befand sich noch in ihren Angeln und Miles ließ sie mit Hilfe von Magie aufspringen.
Rauch schlug ihnen entgegen, aber nachdem Miles kurz abschätzte, ob er einen Kopfblasenzauber brauchen würde, oder ob es ohne ging, entschied er sich, ihn für ein vorübergehendes Übel zu nehmen und trat ohne weitere Vorkehrungen in den Raum. Tatsächlich erwies sich seine Annahme als richtig und es dauerte nicht lange, bis er genug von der Örtlichkeit sehen konnte, um sich einen Überblick zu schaffen.
Es war nicht die Haupthalle, sondern nur ein verhältnismäßig kleiner Raum, der offenbar ein Büro dargestellt hatte. Die Explosion hatte sich scheinbar im Flur ereignet, zu dem die Türe offen stand und auf dem Boden lagen drei Leichen neben einem kleinen, runden, blau schimmernden Ball, bei dem es sich wahrscheinlich um den Sprengkörper handelte. Mit erhobenem Zauberstab ging Miles  vorsichtig auf die Szene  zu und schluckte, als er sich den Toten so weit genähert hatte, dass er sie genauer betrachten konnte. Ihre Haut war verbrannt, aber nicht verkohlt, sodass man das rote Fleisch sehen konnte, das teilweise noch Brandblasen warf und ihm schlug ein Gestank von verbranntem Haar in die Nase, der auch hartgesotteneren Gesellen als ihm Übelkeit verursacht hätte. Er hörte, wie Marie hinter ihm ein entsetztes Geräusch von sich gab und warf einen raschen Blick über seine Schulter, um sicherzugehen, dass sie es nicht mit einem Angreifer, sondern nur mit ihrem Magen zu tun hatte. Sie stand wie angewurzelt hinter ihm und schien ihren Blick nicht von den Toten lösen zu können, während ihre Wangen sämtliche Farbe verloren hatten.
„Komm“, forderte er sie auf und stieg vorsichtig über die Leichen. „Wir müssen weiter und die Räume sichern.“
Aber sie regte sich nicht. Inzwischen war sie so blass, dass er fürchtete, sie würde in Ohnmacht fallen. „Marie, reiß dich zusammen!“, forderte er sie barsch auf und bemerkte, dass sie leicht schwankte.
„Ich kann nicht“, brachte sie schließlich hervor und trat einen Schritt zurück. Sie schluckte hörbar. „Es tut mir Leid.“
Mit diesen Worten stolperte sie zurück und noch ehe Miles etwas eingefallen wäre, um sie aufzuhalten, hatte sie die Halle verlassen. Eine wütende Falte grub sich in seine Stirn und der Griff um seinen Zauberstab festigte sich. Er war alles andere als begeistert gewesen, als er sich in der Position von Maries Mentor wiedergefunden hatte, denn er hatte gefunden, dass sie viel zu sehr Modepüppchen war, als dass sie eine taugliche Aurorin hätte sein dürfen. Die Monate mit ihr hatten ihn eines besseren belehrt und umso ärgerlicher war er, dass sie genau jetzt, wo er sie eigentlich gebraucht hätte, bewies, dass er doch nicht Unrecht gehabt hatte.
Es gab einen Grund, warum man als Auror nicht alleine im Außendienst unterwegs war und Marie hatte sich eines schweren Verstoßes schuldig gemacht, indem sie ihn seiner Rückendeckung beraubt hatte. Obwohl er sich ohne einer solchen einer unnötigen Gefahr aussetzte, entschied Miles zähneknirschend, allein weiterzugehen, anstatt ihr zu folgen und ihr den Kopf zu waschen und gründlich den Hintern zu versohlen. Sie würde sich später eine entsprechende Standpauke anhören müssen – jetzt hatte diese Mission erst einmal Vorrang.
Miles straffte die Schultern und warf einen weiteren Blick auf den Detonationskörper, nur um irritiert festzustellen, dass er merklich kleiner geworden war. Verschwand er etwa gerade?
Was für eine raffinierte Waffe, schoss ihm durch den Kopf und er war versucht, ihn mit der Fußspitze anzustupsen, ließ es aber dann doch. Eine Bombe, die sich nach der Detonation in Luft auflöste, sodass man keine Spuren mehr nachweisen konnte. Wäre er nicht rechtzeitig gekommen, um sie noch selbst zu sehen, hätte er den Ursprung der Explosion nicht mehr ausmachen können.
Seine Augen wanderten von den schnell kleiner werdenden Resten der Bombe ein weiteres Mal zu den Leichen und er zwang sich, sie genau anzusehen. Von der Kleidung war nicht mehr viel übrig, aber sein Herz machte einen kleinen Satz, als er eine Muggelpistole an der Hüfte einer der Personen (eines Mannes?) ausmachte. Er hatte schon einmal Bekanntschaft mit so einer Waffe gemacht – die runde Narbe trug er immer noch auf seiner Schulter. Aber Zauberer besaßen normalerweise keine Muggelwaffen, während Muggel normalerweise nicht mit magischen Bomben hantierten. Irgendetwas stank hier gewaltig und eine innere Stimme drängte ihn, der Sache auf den Grund zu gehen.
Gewarnt, dass er es mit bewaffneten Muggeln zu tun bekommen könnte, schlich er sich vorsichtig mit erhobenem Zauberstab vorwärts und öffnete langsam eine Tür am Ende des Flures.
Ein großer Raum, der gefüllt war mit schweren Holzkisten, tat sich vor ihm auf. Er horchte misstrauisch in die Stille hinein, aber konnte nichts hören als seinen eigenen Atem.
Wo waren seine Kollegen? Hatten sie die Explosion nicht gehört? Warteten sie immer noch auf das Signal ihres Einsatzleiters, um die Halle von den anderen Seiten zu stürmen?
Er rief sich alles in Erinnerung, was er von diesem Einsatz eigentlich wusste. Es hatte definitiv etwas mit Waffenschmuggel zu tun, aber er war sich ziemlich sicher, dass man nicht mit Muggeln gerechnet hatte. Verkaufte jemand magische Waffen an Muggel? Mit einem üblen Gefühl in seiner Brust trat er an eine der Kisten heran und entsiegelte sie mit einem Zauber. Er fühlte sich seltsam an einen Vorfall erinnert, der sich vor einigen Jahren zugetragen hatte. Damals hatten sie ebenfalls ein Lager gesprengt, in dem sich magische Utensilien in den Händen von Muggeln befunden hatten. Leider war das Ministerium recht kurz danach von Voldemort übernommen und die Ermittlungen abgebrochen worden. Er wusste nicht, was daraus geworden war, aber nahm sich vor, nachzuforschen, während er den Deckel der Truhe beiseiteschob und einen Blick auf sicher hundert runder, blau schimmernder Gegenstände warf.
„Merlin, wenn hier alles voll mit den Dingern ist…“, murmelte er, runzelte dann aber seine Stirn. Die Detonation hatte einen Raum verwüstet, den größten Schaden hatte sie in unmittelbarer Nähe angerichtet. Man konnte die Bomben also kaum nutzen, um eine ganze Stadt wegzusprengen, aber natürlich könnte man sie wie Hagel auf eine solche niederlassen, wenn man sich sämtlicher hier zu findenden Kugeln bediente. Er streckte vorsichtig seine freie Hand aus, um eine von ihnen zu nehmen (eine schlechte Gewohnheit, die er noch nicht hatte loswerden können), als hinter ihm eine zittrige Stimme erklang: „Halt!“
Miles hielt in seiner Bewegung inne und drehte sich langsam und mit erhobenen Händen um, bis ein Mann in sein Blickfeld geriet, dessen Knie er sogar von hier aus schlottern sehen konnte. Er hatte eine Muggelpistole auf ihn gerichtet und schien sich sichtlich unwohl zu fühlen. „Einen Schritt von der Kiste weg, wenn ich bitten darf!“
Hätte die Vergangenheit Miles nicht einen gewissen Respekt vor Muggelpistolen gelehrt, hätte er ob des bemüht selbstsicheren Befehls mehr Amüsement gezeigt, so jedoch trat er brav einen Schritt nach vorne, bevor er aus seinem Zauberstab dünne Seile schießen ließ, die sich fest um Arme und Beine des Muggels schlossen, sodass er zu Boden fiel und die Pistole fallen ließ. Das war in etwa das, was Miles zu verhindern versucht hatte, indem er einen Schockzauber oder Beinklammerfluch unterließ, denn er wusste, dass sich bei solchen Aktionen dennoch ein Schuss aus der Waffe lösen konnte, aber dieses Mal hatte er Glück und sie blieb harmlos am Boden liegen. Er trat zu ihr, schob sie mit seinem Fuß rasch außerhalb der Reichweite des Muggels und hockte sich vor ihn zu Boden.
„Waren das deine Freunde oder Feinde, die mit einer der Bomben abgehauen sind?“, fragte er und der Gefesselte brachte ein angsterfülltes: „Freunde“, hervor.
Miles nickte langsam und warf einen Seitenblick auf die geöffnete Kiste. Er konnte eine Gravur darauf erkennen. TQCV. Sie kam ihm bekannt vor, aber obwohl die Lösung zum Greifen nahe war, oder vielleicht genau deswegen, wandte er sich dem dringlicheren Problem zu, während er in der Ferne hörte, dass sich Schritte näherten. Endlich.
„Und wie kommt ihr in den Besitz von solchen Waffen?“
„Wir haben sie gekauft.“
Er sah, dass der Mann seine Augen zusammenzog, als würde ihn etwas überraschen oder irritieren, aber da er wusste, dass es seine Leute waren, die sich näherten, hatte er keine Angst und sprach in seiner ruhigen Art weiter.
„Von wem? Wo? Ich brauche schon ein bisschen mehr Informationen.“
Er konnte sehen, dass der Mann sich fürchtete, dabei hielt er sich selber eigentlich nicht für sonderlich angsteinflößend. Er öffnete seinen Mund und wollte etwas sagen, er begann sogar vielversprechend mit einem „Dort, wo du alles bekommst. Tu;“, aber er kam nicht weiter, denn irgendetwas schien seine Sprache zu unterbinden. Er machte ein keuchendes Geräusch, dann wurde Miles klar, dass er keine Luft mehr bekam und sofort machte er sich auf die Suche nach dem Ursprung des Problems. Der Mann vor ihm röchelte immer heftiger, immer verzweifelter waren seine Versuche, zu atmen, während Miles seinen Kragen aufriss und erstaunt erkannte, dass eine Art hellbraunes Seil sich um seinen Hals gelegt hatte und ihn zusammenzog. Er griff danach, nur um festzustellen, dass es eine Tätowierung war. Eine tiefe Furche grub sich in seine Stirn und er musste an jene Tätowierungen denken, die die Arme der ehemaligen Todesser zierten. Er kannte sich mit magischen Tattoos nicht wirklich aus, aber innerlich wusste er schon, dass er nichts mehr für den Mann tun konnte. Seine Hände rissen das Hemd komplett auf, sodass einige Knöpfe absprangen und er folgte dem Seil, bis er eine Kordel an seinem Ende ausmachte. Nein, eine Quaste.
Es kam kein Geräusch mehr von dem Mann, als Miles ihn umdrehte und mit immer noch gerunzelter Stirn das Hemd auszog, um seinen Rücken und das andere Ende des Tattoos sehen zu können. Es war ein Löwe. Und das Seil war sein Schwanz.
Miles starrte auf die beeindruckende Zeichnung, die sich nun, da der Mann tot war, nicht mehr rührte, war sich aber sicher, dass sie noch vor wenigen Momenten ein höchst tödliches Eigenleben geführt hatte. Ein Muggel mit einem magischen Tattoo, das ihn erwürgte, damit er nicht sagen konnte, woher die Waffen stammten? Oder übersah er etwas?
Die große Doppeltüre der Halle wurde aufgerissen und mehrere Auroren stürmten herein, ohne, dass Miles ihnen sonderlich viel Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Der Kollege, der für die Mission verantwortlich war, blieb neben ihm stehen und warf ihm einen fragenden Blick zu.
„Magische Bomben in Muggelbesitz“, fasste Miles kurz zusammen. „Der hier ist leider bei dem Versuch, mir etwas zu sagen, gestorben.“
Die Bomben wurden gesichert, die Lagerhalle auf den Kopf gestellt, aber Miles rechnete nicht damit, dass sich ein wirklich brauchbarer Hinweis finden würde. Es war nicht davon auszugehen, dass jemand, der durch ein Tattoo verhindern konnte, dass geplaudert wurde, irgendwo einen Hinweis herumliegen ließ. Außerdem war Miles sowieso nur Teil der stürmenden Einheit gewesen und es fiel nicht in seinen Aufgabenbereich, die Halle weiter zu durchsuchen. Und er hatte auch ein wesentlich dringlicheres Anliegen, nämlich seine Partnerin zu finden und ihr den Kopf zu waschen, bevor es ihr Chef tun konnte. Er hatte nicht vor, Finn O‘Neill, ihrem Vorgesetzten und seinem ehemaligen Mentor aus Ausbildungszeiten, etwas von Maries Verhalten zu erzählen, denn er war der Ansicht, dass sie das unter sich ausmachen konnten und er ging auch davon aus, dass Marie damit rechnete. Wahrscheinlich wartete sie im Büro auf ihn und falls sie sich nicht dorthin gewagt hatte, dann vermutlich bei ihm zu Hause. Aus irgendeinem Grund schweißte die Zusammenarbeit einen so nah zusammen, dass man bedenkenlos auf der Couch des anderen herumlümmeln konnte, obwohl dieser gar nicht in der Wohnung war.
Also probierte Miles es mit der Aurorenzentrale. Sie befand sich im Ministerium für Zauberei im zweiten Stock und obwohl er nun schon einige Jahre hier arbeitete, erfüllte es ihn immer noch mit einem Hauch von Stolz, wenn er den riesigen Büroraum betrat, den er sich mit den meisten anderen Auroren teilte. Das Großraumbüro war in Einzelzellen unterteilt, die jedoch nicht hoch genug abgegrenzt waren, als dass man sich nicht mit seinem Nachbarn hätte unterhalten können. Der Uhrzeit entsprechend fand er es relativ leer vor, aber dennoch rechnete er fast damit, dass er Marie auf seinem Schreibtisch sitzend vorfinden würde, damit sie ihre Auseinandersetzung noch vor dem Abendessen aus der Welt schaffen würden können.
Doch sein Schreibtisch war, bis auf halb fertige Berichte und einen Haufen Unterlagen, leer. Er spähte über die Trennwand hinüber zu Maries Schreibtisch, den er komplett verwaist vorfand, dann ließ er seinen Blick noch einmal durch den Raum schweifen. Wenn sie nicht hier war, musste er es wohl bei sich zu Hause versuchen und wenn er sie dort nicht fand, würde er wohl oder übel auf den nächsten Tag warten müssen.
Miles seufzte und fühlte sich seltsam zerschlagen, während er das Ministerium wieder verließ und obwohl ihm die heutige Mission genug Dinge gegeben hatte, über die er hätte nachdenken können, kreisten seine Gedanken hauptsächlich um seine Partnerin und darum, dass sie ihn allein gelassen hatte. Er war immer noch damit beschäftigt, sich über sie zu ärgern und gleichzeitig Sorgen zu machen, als er bei seiner Wohnung ankam.
Sie befand sich im obersten Stock eines Altbaus, ein Haus, das seiner Familie schon seit Generationen gehörte und  bis vor einem Jahrhundert noch als Stadtresidenz während der Ballsaison gedient hatte. Nicht, dass ein echter Reinblüter sonderlich stolz darauf sein sollte, dass seine Familie sich zu Napoleons Zeit in der Londoner Highsociety profiliert hatte, aber es war im Auftrag des Zaubereiminsteriums geschehen und sie hatten, rein finanziell, wirklich davon profitiert. Tatsächlich ging die Familie Bletchley zwar recht weit zurück, war aber erst seit dem späten 18. Jahrhundert Teil der Zauberergemeinschaft. Sein 1780 geborener Vorfahr Christopher Bletchley war als einziges Kind eines verarmten irischen Grafen geboren worden. Als Zauberer. Er hatte Hogwarts besucht, während sein Vater sich weiter verschuldete und schließlich eine Stelle im Minsterium angenommen. Miles kannte die Umstände nicht, aber irgendwie war er dazu gekommen, das Bindeglied zwischen der Gesellschaft der Zauberer und jener der Muggel zu werden. Er hatte die Schulden der Familie getilgt, den Besitz vergrößert und sich einen Namen gemacht. Heute hatten die Bletchleys mit Muggelbeziehungen nichts mehr am Hut. Sein Vater arbeitete in der Mysteriumsabteilung, sein Großvater lebte von der Verwaltung des Besitzes.
Und Miles hatte sich für eine Karriere als Auror entschieden. Das Stadthaus war ihm gerade recht gekommen, denn er konnte sich wirklich schöneres vorstellen, als immer noch mit seinen Eltern, oder – schlimmer noch – mit seinem Großvater und dessen Frau, Abigail, zusammenzuleben.
Miles hatte genommen, was er bekommen hatte. Dass es zufälligerweise auch die schönste der Wohnungen gewesen war, war reines Glück gewesen. Und dass der Vormieter ihm sämtliche Möbel abgelöst hatte, und er sich um nichts hatte kümmern müssen, auch.
So kam es, dass er in einer luxuriös ausgestatteten Altbauwohnung lebte, die mit Muggelgeräten versehen war, von denen er bis vor einem Jahr nicht einmal gewusst hatte, dass sie existierten. Er besaß sogar ein Telefon! Nicht, dass er jemals damit telefoniert hatte, aber er wüsste theoretisch, wie es funktionieren würde.
Weil ihm nach körperlicher Ertüchtigung war, bewältigte er die Treppen zu Fuß, anstatt hinauf zu apparieren und während er die Türe aufsperrte, erwartete er, dass ihm der charakteristische Duft von Maries Parfüm entgegen schlagen würde. Der Geruch blieb aus. Stattdessen empfing ihn seine Wohnung verwaist und während er sich auf dem leeren Sofa niederließ, konnte er die aufsteigende Enttäuschung nicht mehr länger ignorieren. Marie und er waren selten einer Meinung, aber er musste ihr lassen, dass sie der Konfrontation nicht scheute. Sie hätte hier sein müssen und dass sie es nicht war, bereitete ihm Sorgen.

Am nächsten Tag  machte er sich zur gewohnten frühen Uhrzeit auf zur Arbeit, nur um dort beinahe sofort nach dem Betreten des Büroraums von seinem Chef abgefangen zu werden.
„Miles, komm bitte einen Sprung in mein Büro.“
Finn O‘Neill ging auf die fünfzig zu und hatte sich, nachdem Gawain Robards Rufus Scrimgeour als Leiter der Zentrale abgelöst hatte, bald in die Organisation zurückgezogen und ging nur noch selten auf Außeneinsätze. Da er früher Miles Mentor gewesen war, standen die beiden sich recht nahe und es gab keinerlei Berührungsängste zwischen ihnen. (Sie hatten auch schon ein paar Stunden auf dem Sofa des jeweils anderen herumgelümmelt, unabhängig davon, ob er überhaupt daheim gewesen war.)
Miles folgte ihm, nicht ohne seine Augen suchend durch den Raum wandern zu lassen, aber auch jetzt fand er Marie nicht. Das ungute Gefühl in seiner Brust verstärkte sich und wurde zu einer Art Knoten, der sich erst löste, als Finn ihm, ohne jede Einleitung, verkündete: „Ich fürchte, Marie hat gestern Abend gekündigt.“
„Das ist nicht dein Ernst“, hörte Miles sich sagen und ließ sich, etwas aus der Fassung gebracht, auf dem Besucherstuhl vor Finns Schreibtisch nieder.
„Leider doch. Sie wollte keine Bedenkzeit oder irgendetwas – nicht einmal ihren Urlaub aufbrauchen. Sie wollte einfach nur weg.“ Er machte eine kurze Pause, in der er Miles musterte, dann fügte er hinzu: „Tut mir Leid.“
Finn war derjenige gewesen, der Marie als Miles Partnerin ausgewählt hatte und dementsprechend wusste er, wie sehr ihn das damals geärgert hatte. Als erste Frau seit Nymphedora Tonks hatte sie regen Anklang in der Abteilung gefunden und Miles war mit seiner Meinung, dass sie alles geschenkt bekäme, recht allein dagestanden. Genau aus diesem Grund war er dazu verdonnert worden, ihr Mentor zu werden – zur Charakterbildung und um etwas zu lernen.
„Sie hat sich nicht einmal bei mir verabschiedet“, sagte er schließlich, nachdem er einige Momente gebraucht hatte, um sich innerlich zu sammeln.
„Naja, du mochtest sie sowieso nicht besonders“, erinnerte Finn ihn und klopfte mit seinen Fingern auf Maries Akte herum.
„Nein.“ Er hatte begonnen, sie zu mögen. Sie war ihm ans Herz gewachsen.
„Und im Endeffekt hast du ja Recht behalten – das Leben als Auror war wirklich nicht das Richtige für sie. Jetzt aber genug davon – du brauchst einen neuen Partner. Irgendwelche Wünsche?“
„Seit wann hat man da ein Mitbestimmungsrecht?“, erkundigte Miles sich und versuchte, seine Enttäuschung über Maries Verhalten beiseite zu schieben.
Finn grinste ihm aufmunternd zu. „Hast du nicht, aber wünschen kann man sich alles.“
„Dann hätte ich bitte gern Harry Potter.“ Der Spott in seiner Stimme war nicht zu überhören und da Finn wusste, dass Miles sich auch ein wenig darüber geärgert hatte, dass all jene, die an der Schlacht von Hogwarts teilgenommen hatten, ohne Aufnahmeverfahren zur Ausbildung zugelassen worden waren, musste er grinsen. „Dein Wunsch sei mir Befehl. Nein – ernsthaft Miles, es tut mir Leid. Den Partner zu verlieren ist immer hart, selbst, wenn sie freiwillig gehen. Man öffnet sich ja auch, damit die Zusammenarbeit klappt und es muss eine ziemliche Enttäuschung sein, wenn es dann so endet.“ Er seufzte und schob Maries Akte ein wenig weiter von sich. „Geh nach Hause, ruh dich aus. Ich hab heute sowieso nichts für dich zu tun. Deinen Bericht kannst du auch von daheim aus schreiben. Es reicht, wenn du ihn morgen abgibst.“
Miles blickte ihn eine Weile an, dann seufzte er tief und erhob sich, aber anstatt nach Hause zu gehen, begab er sich geradewegs in die Winkelgasse.
Die meisten Zaubererfamilien waren weitschichtig miteinander verwandt und obwohl Miles den Geschmack ihrer Schwester in diesem Punkt als schlecht empfand, war Marie seit ein paar Jahren mit den Weasleys verschwägert. Nach ihrem Schulabschluss war sie, aus Gründen der Praktikabilität und Sparsamkeit, wie sie ihm dargelegt hatte, in das frei gewordene Zimmer ihres Schwagers gezogen. Oberhalb des Ladens Weasleys Zauberhafte Zauberscherze befand sich eine kleine Wohnung, die sie sich in den vergangenen Monaten mit George Weasley geteilt hatte. Miles wusste, dass sie in ihrer freien Zeit im Laden aushalf – noch so etwas, das ihn immer ziemlich geärgert hatte, denn, bei Merlins Bart, er wusste noch sehr genau wie anstrengend er seine Ausbildungszeit empfunden hatte und allein die Vorstellung, in seiner Freizeit einfach weiterzuarbeiten, hätte ihn erschöpft. Dass Marie es fertig gebracht und dann auch noch augenscheinlich genossen hatte, hatte er einfach als Affront empfunden.
Miles steuerte gerade auf die Türe des Ladens, der eben erst vor einer halben Stunde seine Tore geöffnet hatte und schon jetzt ziemlich voll zu sein schien, zu, als sie von innen geöffnet wurde und niemand geringeres als einer der Besitzer, Fred Weasley, heraustrat.
Miles war mit den Zwillingen gemeinsam zur Schule gegangen. Sie waren im gleichen Jahrgang gewesen, hatten gegeneinander Quidditch gespielt und in ihrem sechsten Jahr hatte er die Frechheit besessen Freds spätere Frau auf den Weihnachtsball auszuführen. Obwohl er glaubte, dass es mehr an der Quidditch- und Häuserrivalität lag, floss diese Tatsache sicher auch in die negativen Gefühle ein, die sie einander entgegen brachten und so war er ziemlich überrascht, als Freds Miene nicht sofort ein paar Nuancen dunkler wurde, als er ihn erblickte. Stattdessen blieb er stehen und begrüßte ihn mit seinem Vornamen, was noch irritierender war, denn obwohl sie einander mit Vornamen nannten, wenn Freds Frau anwesend war, so war das doch eigentlich nur eine Farce, die sie ihr zuliebe abhielten. Außerdem waren sie, seit Freds Heirat mit ihr, tatsächlich irgendwie weitschichtig verwandt, war Miles Großvater in zweiter Ehe doch mit Maries Großmutter verheiratet. Da Zaubererfamilien jedoch irgendwie immer verwandt waren, hatte das nur einen sehr kleinen Einfluss auf die Höflichkeiten, die sie einander entgegen brachten und so flogen Miles Augenbrauen verwundert nach oben.
„Steph ist nicht hier“, fuhr Fred fort, der wohl zur naheliegenden Annahme gekommen war, dass Miles zu seiner Frau wollte. Auch das sagte er viel zu nett, denn er hatte die freundschaftliche Beziehung zwischen ihm und Stefanie nie gerne gesehen.
„Ich will eigentlich zu Marie“, erwiderte er und glaubte auch, ihren schwarzen Haarschopf durch das Schaufenster hindurch sehen zu können. Vielleicht um zu prüfen, wie gut Freds Laune wirklich war, fügte er mit sardonischem Grinsen an: „Mit dieser Schwester darf ich ja in ihrer Arbeitszeit sprechen?“
Fred zwinkerte. „Diese Schwester kannst du von mir aus sogar mit nach Hause nehmen. Sie ist grad am Tresen, glaube ich. Und jetzt entschuldige mich – Steph ist in den Wehen.“
Das erklärte so einiges. „Viel Glück“, wünschte Miles und meinte es tatsächlich so, dann schoben die beiden Männer sich aneinander vorbei und er betrat den Laden.
Obwohl er es nie zugegeben hätte, mochte er das Geschäft der Zwillinge und hätten sie einander ein wenig besser ausstehen können, hätte er sich auch bereitwilliger hier aufgehalten. Natürlich hatte Marie ihm einen angenehmen Vorwand geliefert, öfter hier durchzukommen, aber selbst wenn er sie zu Hause aufsuchen hatte wollen, konnte er doch nicht einfach durch die Regale schlendern und sich die zum Verkauf gebotenen Spielereien ansehen. Danach war ihm an diesem Tag aber sowieso nicht zumute.
Marie stand, wie von Fred prophezeit, hinter dem Verkaufstresen und bediente mit einem freundlichen Lächeln eine lange Schlange an zahlungswilligen Kunden. Er konnte sehen, wie sie in Sekundenschnelle die Nummern der Artikel auf einen kleinen Block schrieb, die Preise zusammenrechnete und kassierte, bevor sie einen Strich unter der Rechnung machte und die nächste ansetzte. Er hatte ihre Rechnungen gesehen, aber während er sie chaotisch und kaum zu entziffern fand, hatte es während ihrer Arbeitszeit noch nie einen Fehler bei der Verrechnung gegeben und die Kasse abends immer gestimmt.
Sie konnte schnell denken und bisher hatte er geglaubt, dass sie sich von nichts aus der Ruhe bringen lassen konnte – weder von einer Horde kaufwütigen Kunden noch von unerwarteten Angreifern. Dass sie ausgerechnet der Anblick eines verbrannten Körpers an ihre Grenzen bringen würde, war für ihn vollkommen unerwartet gekommen und er brauchte eine Weile, bis er sich den nötigen Tritt geben konnte, zum Tresen zu treten und sie auf sich aufmerksam zu machen.
„Miles!“, entfuhr ihr, sobald sie ihn bemerkt hatte und er bemerkte, dass ihre Hand leicht zitterte, während sie ein paar Münzen entgegennahm und in der Kasse verschwinden ließ.
„Du hast dich nicht bei mir verabschiedet“, sagte er und beobachtete, wie sie schluckte. Mit einem Klimpern schob sie die Münzlade zurück.
„Tut mir Leid, wirklich. Ich…“ Sie blickte hoch und ihre Augen trafen sich, bevor sie über die Schlange an Leuten wanderten. „Ich kann gerade nicht reden.“
„Das kannst du mir nicht erzählen. Normalerweise wärst du gerade in der Aurorenzentrale und nicht hier, es muss also jemanden geben, der das für dich übernehmen kann. Im Übrigen hat dein Chef mir vorhin erst versichert, dass ich dich sogar mit nach Hause nehmen könnte, ohne, dass es ihn stören würde, also tu mir den Gefallen und führ dieses Gespräch mit mir. Das zumindest bist du mir schuldig.“
Marie bediente schweigend den nächsten Kunden, dann seufzte sie tief und hielt eine, ebenfalls in einen magentafarbenen Verkäuferumhang gehüllte Frau auf. „Verity, du musst für mich hier weitermachen.“
„Ist gut.“
Er konnte sehen, dass Marie ihre Schultern straffte, bevor sie sich hinter dem Tresen hervor schob und ihn auffordernd ansah. „Willst du nach oben gehen?“
Also folgte er ihr durch den vollen Verkaufsraum bis zu einem Vorhang, der einen sehr kleinen Bereich abtrennte, in dem sich, neben weniger gefragtem Sortiment, zwei Türen befanden. Eine davon öffnete Marie nun und führte ihn eine schmale Treppe hinauf in den ersten Stock und dann in die kleine Küche, von der aus der Lärm des Ladens nur mehr sehr gedämpft an ihre Ohren drang. Während Miles sich unaufgefordert setzte, schwang sie ihren Zauberstab und ein Teekessel füllte sich mit Wasser und setzte sich dann auf den Herd. Anstatt sich selber zu setzen, lehnte sie sich gegen die Theke und umklammerte ihre Ellbogen mit ihren Händen.
„Es tut mir wirklich Leid, Miles. Wirklich. Ich weiß, dass die Aktion von mir gestern richtig bescheuert war. Den Partner allein lassen und einfach abhauen, aber ich…“ Sie brach ab und musste sich räuspern, bevor sie weitersprechen konnte. „Ich konnte einfach nicht. Diese Leichen waren… ihr Fleisch… der Geruch. Ich … mir war so schlecht, dass ich mir sicher war, ich würde mich übergeben müssen, wenn ich noch eine Sekunde länger dort sein müsste. Ich habe wirklich Panik bekommen, dagegen konnte ich einfach nichts tun. Ich dachte immer, wenn die Leute von Panikanfällen erzählen, dass sie einfach schwach sind, aber jetzt, wo ich selber eine Panikattacke hatte, weiß ich, dass man sich gar nicht wehren kann.“
Der Teekessel pfiff laut und sie war immer noch so bewegt von den Ereignissen des vergangenen Abends, dass sie ganz darauf vergaß, ihren Zauberstab zu benutzen und stattdessen mit ihren Händen zwei Teetassen füllte. „Tut mir Leid“, wiederholte sie und stellte eine der Tassen vor ihm ab, bevor sie endlich doch ihm gegenüber Platz nahm. „Wirklich.“
Miles musterte sie schweigend und angesichts ihrer Miene, die eine Mischung aus Reue, schlechtem Gewissen und Enttäuschung über sich selbst zeigte, verging ihm jede Lust, eine Strafpredigt zu halten.
„Ich verstehe das ja“, hörte er sich stattdessen sagen. „Sie waren kein Anblick für schwache Nerven. Aber gleich kündigen? Es ist ja nicht so, als hätten wir es jeden Tag mit solchen grausigen Leichen zu tun, die Chance, dass dir das nochmal passiert, ist nicht sehr hoch.“
Marie presste kurz die Lippen zusammen, dann angelte sie nach ihrer Teetasse und nahm einen, vermutlich ziemlich heißen, Schluck, bevor sie sie hastig wieder abstellte. „Wie soll ich mir selber trauen? Ich habe dich im Stich gelassen und obwohl dir nichts passiert ist, war das nicht einmal sicher. Es hätte dort sonst eine Gefahr auf dich warten können, der du ohne Rückendeckung und Hilfe ausgeliefert gewesen wärst. So etwas macht ein Partner nicht und …“ Sie stockte wieder, fand ihre Sprache aber wieder, nachdem sie geschluckt hatte. „Ich will niemanden in Gefahr bringen, wenn ich mal wieder in Panik verfalle und keinen Schritt mehr tun kann.“
„Ich bin sicher, dass man an so etwas arbeiten kann“, gab Miles zu bedenken und nahm seine Tasse auf, um vorsichtig auf die Oberfläche zu blasen. „Kein Grund, gleich die ganze Karriere an den Nagel zu hängen. Verdammt Marie – du warst doch gut!“
Sie schenkte ihm ein schwaches Lächeln. „Und das von dir. Aber weißt du, vielleicht ist dieser Beruf einfach nicht das Richtige für mich. Vielleicht hatte ich die falschen Vorstellungen und war nur zu stolz, es zuzugeben und einen Rückzieher zu machen und nun habe ich diese Hintertür dankbar durchquert.“
Miles runzelte seine Stirn und sagte: „Ich erinnere mich, dass du, auf meine Frage, warum du den Job machen willst, meintest, dass du die Herausforderung suchst.“
„Ja, und du meintest, dass du das nicht für den richtigen Grund hältst, Auror werden zu wollen. Und wie du siehst, hattest du Recht.“ Sie versuchte, ihre Mundwinkel zu einem Grinsen zu verziehen. „Du solltest also eigentlich froh sein, immerhin hast du sozusagen gewonnen.“
Recht zu behalten war tatsächlich eine schöne Sache, aber in diesem Fall wäre es Miles lieber gewesen, ins Unrecht gesetzt zu werden. Er verzog seinen Mund zu einer Grimasse und nahm einen Schluck Tee.
Marie, der seine Unzufriedenheit nicht entging, seufzte leise. „Ich sehe, dass du das nicht verstehst, aber du musst es positiv sehen. Du bist mich los. Ich weiß doch, dass du alles andere als begeisterst warst, mich am Hals zu haben.“
Das stimmte, aber seltsamerweise blieb die Freude darüber, sie los zu sein, aus. Stattdessen war da nur das ungute Gefühl der Enttäuschung und eine seltsame Leere, wenn er an die Zukunft dachte.
„Erinnere dich – du hasst meine Arroganz und Selbstzufriedenheit, dass ich hohe Schuhe zur Arbeit trage, meine kurzen Röcke und die Selbstverständlichkeit, mit der ich mich von meinen Kollegen in der Kaffeepause bedienen und mit Leckereien versorgen lasse. Dass ich den Klatscher lieber lese, als Quidditch-Heute, ein Faible für gutaussehende Quidditchspieler habe und in der Pause in Modemagazinen blättere. Dass ich noch Energie habe, hier auszuhelfen, anstatt abends todmüde ins Bett zu kippen und dass ich Wing-Tsun beherrsche und dich im Nahkampf fertig machen kann.“ Sie machte eine ungeduldige Handbewegung, als würde sie eine Fliege verscheuchen wollen. „All das eben.“
Auch das stimmte, aber während sie all die Dinge aufzählte, die ihn an ihr gestört hatten, stellte er fest, dass er sie genau deswegen vermissen würde.
„Du magst mich nicht“, führte sie ihm zurück ins Gedächtnis, während er ihr innerlich widersprach. Er mochte sie.
„Du wirst froh sein, dass ich nicht mehr an deinen Rockaufschlägen hänge und dir bis in die Boxhalle nachlaufe, damit du mich ja nicht bei einem Auftrag außen vor lassen kann. Dass ich dich nicht mehr wegen deiner Nachbarin aufziehen werde, oder wegen deiner engen T-Shirts oder dieser Jogginghose, die überhaupt nicht zu deinem Image passt.“
„Du warst jetzt fast ein Jahr lang meine Partnerin“, erwiderte Miles, weil er die Gefühle, die er hatte, selber nicht genug analysiert hatte, als dass er sie in Worte kleiden hätte können.
Marie versuchte sich an einem spöttischen Lächeln, um den Abschiedsschmerz zu überspielen. „Soll das etwa heißen, dass du mich vermissen wirst?“
In ihm tat sich die schreckliche Befürchtung auf, dass er das tatsächlich würde.
Er zuckte die Achseln.
„Magst du mich etwa doch?“, hakte sie ein wenig ungläubig nach, so ungläubig, dass er den Eindruck gewann, sie würde tatsächlich glauben, dass er sie immer noch verabscheute.
„Ich will mich nicht an einen neuen Partner gewöhnen müssen. Mit dir hatte ich schon zu kämpfen“, sagte er ausweichend. Sie hatte gekündigt, sie war nicht mehr seine Partnerin. Ihr jetzt zu sagen, dass er sie sehr wohl mochte, möglicherweise mehr, als er bereit war, sich einzugestehen, machte zu wenig Sinn, als dass er es in Betracht zog.
„Na, schlimmer als mit mir kanns ja nicht werden“, spottete sie und trank ihren Tee aus. Sie stellte die Tasse ab und fuhr mit ihren Fingern den Rand entlang, während sie ihn nachdenklich musterte.
„Und was wirst du jetzt tun?“, hörte er sich fragen und nahm ebenfalls einen Schluck Tee. „Hier im Laden arbeiten? Das kann doch nicht deine Zukunft sein – du hast so viel mehr drauf, als eine Verkäuferin zu sein.“
Marie lachte kurz und girrend, auch ein Geräusch, das ihn anfangs ziemlich genervt hatte. „Nein, natürlich nicht. Ich bin mir noch nicht sicher aber… ich weiß nicht, wenn ich den Mut dazu finde, dann gehe ich vielleicht wieder nach Frankreich. Du weißt ja, ich war ein Jahr in Beauxbatons und es hat mir gut gefallen. Ich würde gerne etwas mit Mode machen.“ Sie grinste schief. „Konträrer gehts nicht, oder?“
Miles zuckte die Achseln und enthielt sich einer Antwort. Dass sie im Bereich der Mode besser aufgehoben war, als bei den Auroren, hatte er sich schon gedacht, als er sie das erste Mal gesehen hatte. Das damals anzusprechen, war allerdings ein Sakrileg gewesen. Recht zu haben machte weniger Spaß, als erwartet.
Sie schwiegen sich eine Weile an, dann sagte er: „Du kannst es dir ja noch überlegen.“
Er konnte sehen, dass ihre Finger sich für ein paar Sekunden fest um den Henkel der leeren Tasse schlossen, dann ließ sie von ihr ab und lächelte. „Ich glaube nicht, aber danke, Miles.“ Sie stand auf und warf einen Blick auf die Uhr, die über der Küchentüre hing. „Ich denke, ich sollte zurück an die Arbeit – du nicht auch?“
„Ja…“ Er erhob sich langsam und sie stiegen die Treppe hinunter, zurück in die Verkaufsräume. Als sie in den kleineren der beiden traten, räusperte er sich und sagte: „Dann...adieu?“
„Adieu? Nur nicht so optimistisch. Wir sind immer noch zu den selben Familienfeiern eingeladen und selbst wenn ich nach Frankreich ziehe, komme ich zu jeder Geburt zurück hierher. Also, sagen wir au revoir.“
Eine weitere Sache, die ihn an Marie ziemlich gestört hatte, war ihre Angewohnheit alles und jeden zur Begrüßung und zum Abschied zu umarmen. Dass sie es jetzt nicht tat, wurde ihm klar, als sie mit nichts als einem Lächeln zum Abschied hinter dem Vorhang verschwand und ihn mit einem mittelalterlichem Zauberer, der mit großer Begeisterung durch das seit Voldemorts Tod vor etwa zwei Jahren sehr viel weniger gefragte Sortiment an Schutzhüten wühlte, allein.
„Au revoir“, hörte er sich murmeln und schloss für einen Moment ergebend die Augen. „Au revoir.“
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