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Life's alright in Devil Town

von Djali
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
Kenny McCormick Kyle Broflovski Leopold "Butters" Stoch Stan Marsh
07.11.2021
17.12.2021
3
10.404
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07.11.2021 5.048
 
- Kyle-


Beißender Wind wehte Kyle entgegen, als er die Tür öffnete und einen Schritt in die winterliche Nacht hinausmachte. Sofort zog er sich die grüne Mütze tiefer ins Gesicht, bevor er sich noch einmal zu der Person umdrehte, die in der Tür lehnte und ihn musterte. Kyle überlegte, ob er noch einen kleinen Abschieds-Smalltalk der Sorte "Ganz schön kalt wird es jetzt wieder, was?" lostreten sollte, beließ es dann aber bei einem verlegenen "Also dann... Gute Nacht."
Er war froh über die Dunkelheit, durch die er nicht dazu gezwungen war, Kenny direkt in die Augen zu blicken. Dennoch konnte er sich vorstellen, mit welchem Blick sein Gegenüber ihn gerade bedachte. Kenny löste sich langsam vom Türrahmen und nickte Kyle zu, soviel konnte er erkennen.
"Bis Morgen dann". Damit verschwand er im Haus und ehe er sich versah, stand Kyle allein in der kalten Nacht. Seufzend schloss er auch die Jacke bis obenhin und begann, durch den Schnee zu stapfen. Er hatte es bis vor kurzem lieber gehabt, wenn Kenny zu ihm nach Hause gekommen war. Allein durch das dunkle South Park zu gehen ließ ihm immer wieder leicht unbehaglich zumute werden. Aber das letzte Mal, als sie sich bei Kyle verabredet hatten, war Ike wachgeworden und hatte wissen wollen, warum Kenny immer erst nachts nach Hause ging.
Und einmal hatte er sie gehört. Das wollte Kyle nicht weiterhin riskieren, denn dann würden es irgendwann seine Eltern erfahren.
Dann lieber Kennys abseits gelegenes Haus, wo alle immer entweder tief schliefen oder einfach nur nichts hinterfragten, und der nächtliche Fußmarsch.
Bis morgen. Kyle lachte in sich hinein. Morgen war Sonntag.
Keine Schule, aber der blonde Teufel kannte Kyle in jener Hinsicht mittlerweile besser als der sich selbst.
Kyle passierte Stans Haus - wie immer fragte er sich kurz, ob sein bester Freund allein war. Oder ob jemand bei ihm war. Aber er kannte die Antwort eigentlich.
Und tatsächlich brannte Licht hinter den roten Vorhängen von Stans Fenster und sofort spürte Kyle wieder den altbekannten Stich im Bauch. Mit ihr kann er bis drei Uhr morgens wach bleiben, aber wir haben das seit Monaten nicht gemacht.
Er ging weiter und seine wirbelnden Gedanken übertönten immerhin seine leichte Dunkel-Angst, sodass er schon bald zuhause ankam. Er steckte so geräuschlos wie möglich den Schlüssel ins Loch und öffnete langsam die Tür. Wenn seine Eltern wüssten, dass er immer so spät zurückkam, würden sie wütend werden. Gut, samstags war das noch in Ordnung, aber auch unter der Woche kam es oft genug vor. Er schlich nach oben, ins Bad. Zähne putzen, ausziehen, aufs Klo. Und ab ins Bett.
Seufzend drehte er sich auf die Seite und beobachtete durch sein Fenster noch eine Weile den Mond.
Stan hatte vielleicht Wendy, aber immerhin musste Kyle seine Nächte auch nicht allein verbringen.
Nur hin und wieder sicherstellen, dass Stan das auch mitbekam.
Was seine Mission dabei war, wusste er selbst nicht so wirklich.
Stan ein bisschen eifersüchtig machen, obwohl dem ganz sicher klar war, dass zwischen Kyle und Kenny nicht wirklich was Ernstes lief? Aber warum sollte Stan eifersüchtig sein? Dafür, dass Kyle sich solche Hoffnungen machte, hatte sein Freund schon immer erstaunlich wenig Anzeichen gemacht, an mehr als einer platonischen Freundschaft interessiert zu sein... oder?
Vermutlich wollte er einfach Stans Aufmerksamkeit. Jetzt, wo Wendy ebenfalls eine große Rolle in dessen Leben spielte und Kyle sich nicht selten ersetzt fühlte. Er sollte sich denken: Wow, Kyle, du musst dich wirklich einsam fühlen, wenn du dich so oft von Kenny vögeln lässt. Geht's dir gut? Wollen wir mal ganz ausführlich darüber reden?
Aber in Wahrheit verlor Stan vermutlich nur die Achtung vor ihm, wenn er ihm zu viel erzählte.
Also ließ er es größtenteils bleiben. Und tat es überwiegend für sich selbst. Gegen die Einsamkeit. Und weil es verdammt toll war, was Kenny mit ihm anstellte. Und weil es Kenny nicht störte.
Kenny war vermutlich der einzige Mensch auf der Welt, der sich nicht wie eine Hure fühlte, wenn er regelmäßig mit seinem besten Freund Sex hatte - oder, vielleicht fühlte Kenny sich auch wie eine Hure, aber das hatte ihm noch nie etwas ausgemacht.
Nichtsdestotrotz... Kyle konnte sich nicht daran erinnern, ob er überhaupt jemals nicht in Stan verliebt gewesen war. Und wahrscheinlich würde es auch immer so bleiben. Aber er hatte nie ihre Freundschaft zerstören wollen und dank Wendy war das Ganze eh aussichtslos. Warum sollte Kyle also nicht ein wenig Spaß haben, während er darauf wartete, endlich über Stan hinwegzukommen?
Zum Glück war morgen erst Sonntag. Vielleicht ist es auch gerade irgendwie okay, wie es ist.
Er schlief ein.


Sich davonzuträumen war einfach. Vor allem einfacher, als dem stinklangweiligen Unterricht zu lauschen. Kyle stützte seinen Ellbogen auf den Tisch, legte den Kopf an die Hand und richtete seine volle Aufmerksamkeit auf die pechschwarzen Haare vor sich. Wann hatte Stan aufgehört, sich automatisch zu Beginn jedes Schuljahres neben ihn zu setzen? Ach ja. Seit er beschlossen hatte, Wendy zum Mittelpunkt seines Universums zu erklären. Kyle verdrehte die Augen.
"Kyle, wenn dir mein Unterricht nicht passt, könntest du es doch selbst einmal versuchen. Komm nach vorne und wiederhole, was ich in den letzten zehn Minuten erklärt habe." Mr. Connor stellte sich direkt vor Kyles Tisch, woraufhin dieser genervt seufzte. Zum Teufel mit seiner Unfähigkeit, seine Emotionen in seinem Gesichtsausdruck zu verbergen. Widerstand brachte bei dieser Bestie von Lehrkraft jedoch auch nichts, also stand er auf und schleppte sich zur Tafel. Immerhin war Mathe eines der erträglicheren Fächer.
"Also", murrte er, "bei den quadratischen Funktionen gibt es drei mögliche Arten, einen Funktionsterm aufzustellen und..." Seine Augen blieben an Stan hängen. Wieso musste er seine Mütze so unverschämt sexy nach hinten geschoben haben? Einzelne Haarsträhnen hingen ihm in der Stirn und seine Augen fixierten Kyle. Alles faszinierte ihn an Stan - die helle Haut, die langen Beine und dann dieser Kontrast zwischen dem dunklen Haar und den strahlend blauen Augen.
"Kyle Broflovski, hat es dir die Sprache verschlagen?" Mr. Connor war offensichtlich mit dem falschen Fuß aufgestanden. Aber das war nicht wirklich etwas Neues.
"Oh, glauben Sie mir, Mr. Connor, Kyle kann sprechen", kam es von Cartman.  "Auch wenn üblicherweise immer nur Müll rauskommt. Im Augenblick stellt er sich aber lieber wieder vor, wie er von Stan in die Matratze gevögelt... Au!"
"Halt deine verdammte Schnauze, Cartman!" Obwohl er sich höchst selten während des Unterrichts bemerkbar machte, hatte Kenny Cartman den Fuß gegen den Knöchel gerammt, was dieser mit noch mehr Gezeter quittierte.
Kyle warf Kenny einen dankbaren Blick zu, spürte aber, wie er nervös und sein Kopf hochrot wurde. Er traute sich nicht mehr, Stan anzusehen.
Ein paar Mitschüler kicherten.
"Danke, Eric, für deinen wertvollen Beitrag. Ich würde mir aber etwas wünschen, das mehr mit Mathematik zu tun hat. Komm vor und lös Kyle ab."
Das war das Stichwort für Kyle, zu seinem Platz zu eilen und beschämt den Blick zu senken.
Als er an Cartman vorbeikam, der sich meckernd auf den Weg nach vorne machte, fing er sich einen Schlag gegen den Oberarm ein.
"Blöder Fettarsch."
"Schwule Sau."
"Eric! Mach, dass du jetzt hierher kommst!"
Auf Cartmans Sprüche gab Kyle schon längst nicht mehr. Die hatten ihn bereits vor Jahren nicht mehr berührt. Und dass er für Stan mehr als Freundschaft empfand, war - leider Gottes - in ihrem Freundeskreis auch kein Geheimnis mehr. Aber Kyle hatte in den letzten Wochen sehr viel Mühe aufgebracht, Stan weiszumachen, er wäre über die ganze Geschichte hinweg. Und dann genügte ein dummer Spruch von Cartman und Stan konnte genau sehen, wie stark Kyle noch auf solche Andeutungen reagierte.
Während Cartman vorne an der Tafel versuchte, sich irgendwelche mathematischen Formeln aus dem Ärmel zu schütteln, zog Kyle sich seine Mütze in die Stirn, legte den Kopf auf die Arme und versuchte, seinen Puls unter Kontrolle zu kriegen. Am besten gelang ihm das immer, wenn er sich auf etwas konzentrierte, das ihn beruhigte. Kenny zum Beispiel.
Der orangefarbene Parka, den er immer bis obenhin zuzog, weil er so schnell fror und die grauen Augen, die ihn kurz mitfühlend bedachten und sich dann wieder konzentriert nach vorne richteten, waren immer ein vertrautes Bild gewesen, das sich nach Zuhause anfühlte. Vor allem, seit das Drama mit Stan begonnen hatte.
Kyle wusste, dass er die Nacht heute wieder bei Kenny verbringen würde. Ansonsten würde die Verzweiflung ihn auffressen.
Wie einfach es wäre, Kenny zu lieben. Oder eines der Mädchen, so wie Stan es tat.
Wie einfach es wäre, normal zu sein.


                                                                                                                   
- Kenny -


Das Schrillen der Klingel tat immer ein bisschen weh in den Ohren. Vor allem, wenn man nicht gut geschlafen hatte und müde war. Und man wusste, wie verdammt lang es noch dauern würde, bis man sich wieder ins Bett fallen lassen konnte.
Kenny kramte die Bücher für die nächste Unterrichtsstunde aus seinem Spind und hielt nach den anderen Ausschau, die gleich ebenfalls auf diesem Stockwerk den nächsten Kurs haben würden.
Stan, Craig und Clyde lehnten an der Wand und sahen wenig motiviert aus. Der Rest der Clique war im ganzen Schulgebäude verteilt. Diese unterschiedlichen Kurse nervten.
"Kenny? Ähm, das kommt jetzt vielleicht etwas komisch, aber hast du es dabei?", hörte er plötzlich eine helle Stimme neben sich. Lola hatte sich angeschlichen und sah unsicher zu ihm hinauf.
"Was denn dabei?"
"Wie bitte?"
Kenny zog genervt den Kragen seines Parkas etwas nach unten.
"Was dabei?!"
"Achso. Du weißt schon, meine Tasche. Die hab ich doch neulich Nacht bei dir vergessen..."
Lola trat von einem Bein auf das andere. Kenny mochte sie, aber es wunderte ihn immer wieder, wie solche Mädels im Schutze der Nacht teilweise keine Hemmungen kannten, in der Schule aber fast im Erdboden versanken, wenn sie mit ihm sprachen.
"Nee, entschuldige. Hab ich vergessen. Reicht es morgen auch noch?"
"Oh..."
Er drehte sich direkt zu ihr und stütze seine Hand gegen den Spind, genau neben ihrem Kopf.
"Oder magst du es heute Nacht selbst abholen kommen?"
"Ähm, nein, schon gut. Morgen reicht. Danke." Mit aufgerissenen Augen machte sie sich aus dem Staub. Kenny schmunzelte. Das war nicht seine Art und normalerweise nutzte er seine Wirkung auf die Mädchen - oder Jungs - mit denen er etwas hatte, nicht aus, aber ab und zu konnte er sich ja wohl einen Scherz erlauben.
"Das war aber nicht sehr nett, die hat sich ja fast in die Hose gemacht", kam es halb tadelnd, halb belustigt vom Spind nebenan. Kenny grinste. "Ich mein es doch nicht böse. Aber manchmal liefern die einfach eine zu gute Vorlage."
"Die?"
"Ja, du weißt schon wer. Soll ich dir jetzt etwa alle Namen aufzählen?"
"Nein danke, da verzichte ich lieber. Aber vielleicht solltest du mal nach Kyle sehen. Er wirkt irgendwie durch den Wind und er will mit mir nicht darüber reden. Und außerdem komme ich zu spät. Bis später, Kenny."
Kenny sah auf die Uhr. Zehn Minuten bis Unterrichtsbeginn. Niemand würde da jemals zu spät kommen. Aber das war eben typisch Butters.

Er fand seinen besten Freund einen Stock tiefer auf dem Boden vor der Klassenzimmertür sitzend vor, wo er mit angestrengtem Blick in ein Buch starrte. Kenny setzte sich neben ihn, die langen Beine locker vor sich aufgestellt. Mit einem Abstand von wenigen Zentimetern zu Stan war er inzwischen der Größte in der Gruppe geworden. Praktisch, wenn man auch ohne viel reden zu müssen auffallen wollte.
"Habt ihr nicht erst letztens eine Klausur in Bio geschrieben?", fragte er Kyle, der das Buch scheinbar auswendig lernen wollte. "Hm", bekam er nur als Antwort.
Kenny wusste längst, dass Kyle nur versuchte zu lernen, um sich auf andere Gedanken zu bringen. Er musste ihn nur ein bisschen anpieksen, dann würde er von selbst mit der Sprache rausrücken.
"Dann liest du das also nur aus Langeweile?"
Drei, zwei, eins...
"Ach, verdammt." Kyle klappte frustriert das Buch zu. Kenny lächelte innerlich. Bingo.
"Weißt du, Kenny, jedes Mal, wenn ich denke, die Sache mit Stan im Griff zu haben, macht er irgendetwas oder... sitzt einfach nur da und sieht gut aus und schon kann ich nicht mehr klar denken. Das könnte jetzt auch gerne mal aufhören."
Craig kam den Gang entlanggelaufen, aus der selben Richtung, aus der auch Kenny gerade gekommen war. Gerade noch unscheinbar ein paar Meter weiter auf dem Boden gekauert, sprang Tweek nun auf. Er war im selben Biologie-Kurs wie Kyle - einer der wenigen, die er nicht mit Craig gemeinsam belegte. Ein Albtraum!
Tweek schlang die Arme um den Hals seines Freundes, der versuchte, betont lässig zu wirken, während er den Rücken des Blonden tätschelte. Trotzdem war deutlich zu sehen, wie glücklich er war. Ein flüchtiger Kuss und kurzes Händchen-halten, dann machte sich Craig auf den Rückweg. Das ganz normale alltägliche "Auf Wiedersehen Schatz, wir sind jetzt anderthalb Stunden voneinander getrennt"-Ritual der beiden.
Kyle hatte das Ganze verächtlich beobachtet. Aber Kenny war sich sicher, auch etwas Wehmut in seinem Blick erkennen zu können.
Es klingelte. Kenny klopfte dem Liebeskranken auf die Schulter und stand auf.
"Versprich mir bitte, dass du und Stan so etwas Kitschiges mal nicht abzieht, Alter."
Kyle funkelte ihn entrüstet an, aber gleichzeitig munterten ihn solche Worte immer auf. Es implizierte, dass Kenny noch Hoffnung für ihn hatte. Wie könnte es auch anders sein?
Für ihn war klar, dass Stan und Kyle zusammengehörten.
Nur der Weg dahin würde noch etwas schwierig werden.
Die kommende Unterrichtsstunde war die letzte an diesem Tag für Kenny.
"Bis heute Abend dann", hörte er Kyle noch murmeln.


                                                                                                                 
- Kyle -


Am Abend warf Kyle einen Blick auf die Uhr. Fast Neun. Zeit, zu gehen.
Er zog sich gerade seine Jacke an, als es an der Tür klingelte.
"Ich geh schon, Mom. Bin eh grad auf dem Sprung", rief er vom Fuß der Treppe in Richtung Küche. Noch schnell in die Schuhe schlüpfen, die Mütze zurechtrücken und...
"Hey, Mann." Kyle staunte nicht schlecht, als Stan vor der Tür stand.
"Hey. Was machst du hier?", fragte er.
"Ich hab für heute Abend nichts Besonders geplant, deshalb dachte ich, ich seh mal nach ob du zuhause bist."
Kyle ignorierte sein blödes Herz, das bei diesen Worten einen kleinen Hüpfer machte.
"Ich wollte grade weggehen", sagte er.
"Okay."
Stille. Stan trat verlegen von einem Bein aufs andere, wirkte irgendwie unbehaglich, die Hände in den Jackentaschen, wie es für ihn üblich war. Was erhoffte er sich von diesem Besuch?
Dann räusperte er sich. "Denkst du, du kannst noch eine Stunde oder so bleiben? Ich hatte bei Mathe heute echt Schwierigkeiten. Vielleicht kannst du es mit mir durchgehen."
Kyle schluckte angespannt. Ihm war klar, dass es eigentlich keine gute Idee war. Und doch - er musste einfach wissen, was Stan wollte. Er tauchte nicht einfach so zum "Lernen" bei ihm auf. Und vor allem sollte er dabei nicht so nervös wirken. Kyle war vielleicht verknallt, aber nicht dumm.
"Klar, Alter", murmelte er, "komm rein."

Sie saßen sich auf Kyles Bett gegenüber, wie sie es schon immer getan hatten.
Nur, dass Kyle im Gegensatz zu Stan nicht so tat, als würde er sich auf die Formeln und Gleichungen konzentrieren, die in dem alibi-mäßig aufgeschlagenen Buch standen, in das sein Kumpel starrte. Wie viel wusste er? Was war seine Intention?
"Tja, Mathe ist schon scheiße", sagte Stan.
"Mhm." Kyle presste die Lippen zusammen.
"Alles in Ordnung? Du siehst... angespannt aus."
"Stan..."
"Ja?"
"Sag mir, warum du hier bist."
Unsicherheit seitens des Blauäugigen. "Zum... Lernen?"
"Solltest du nicht eigentlich bei Wendy oder sonst wo sein? Du kommst doch nicht freiwillig einfach so zu mir... zumindest nicht zum Lernen. Das kauf' ich dir nicht ab."
Man sah Stan an, dass er kurz darüber nachdachte, weiterhin diese Schiene zu fahren. Dann ließ er die Schultern sinken und wandte den Blick von Kyle ab, fixierte irgendeinen Punkt neben ihm. Er schien nachzugeben.
"Vielleicht wollte ich einfach nicht, dass du zu Kenny gehst."
"Zu Kenny gehen? Wie kommst du darauf?"
"Tu doch nicht so. Ich weiß, was ihr treibt. Nur verstehen kann ich es nicht."
Jeder von Kyles Muskeln spannte sich an und ihm wurde blitzartig kalt. Damit, dass Stan ihn so direkt mit diesem Thema konfrontierte, hätte er nicht gerechnet. Er hatte eigentlich keine Lust, sich rechtfertigen zu müssen.
"Du weißt, dass ich nie ein Problem damit hatte, dass du... auf Typen stehst. Aber ich hätte nicht gedacht, dass du sowas abziehst", fuhr Stan mit seltsam entfremdeter Stimme fort. "Vor ein paar Wochen hast du mir noch erzählt, das mit Kenny sei 'ne einmalige Sache und jetzt scheinst du regelrecht süchtig danach zu sein. Das ist echt nicht cool unter Freunden, Alter."
Für einen Moment wurde Kyle von der Fassungslosigkeit gelähmt. Dann drang das eben gesagte zu ihm durch und er stand wütend vom Bett auf.
"Was glaubst du eigentlich, was du dir hier erlauben kannst?", fuhr er Stan an. "Du tauchst hier auf, nachdem du wochenlang Wendy mir vorgezogen hast, und denkst, du kannst hier 'nen Moralischen machen! Und das, obwohl du genau weißt, warum ich..."
Er unterbrach sich und atmete stockend ein. Jetzt bloß nicht mit dem Thema anfangen. "Du kannst mich mal, Stan."
Angesprochener war ebenfalls aufgestanden und funkelte ihn an. "Ich riskiere ganz sicher nicht, dass ihr beide irgendwann den Freundeskreis spaltet, weil ihr euch wegen eurer Rumvögelei in die Haare kriegt! Weißt du eigentlich, was über euch geredet wird? Token, Clyde, Jimmy und die anderen. Ständig werde ich gefragt, wie ich da eigentlich einfach so zusehen kann."
Kyle keuchte ungläubig und riss die Arme nach oben. "Merkst du noch was?! Du interessierst dich wieder mal nur für dich!" Er machte einige bedrohliche Schritte auf Stan zu.
"Deine ach-so-heilige Gruppe könnte sich zerstreiten, und das würde ja Stress in dein großartiges Leben bringen! Dabei gehen dir deine Freunde am Arsch vorbei. Du fragst mich nicht, warum ich immer wieder zu Kenny gehe. Stattdessen wirfst du mir Dinge vor, von denen du absolut nichts verstehst." Er merkte, wie er sich in Rage redete, aber wenn er einmal dabei war, konnte er sich schlecht stoppen. "Denn du bist ja der großartige Stan Marsh, mit dem perfekten Leben und der perfekten Freundin, und wenn deine beiden besten Freunde zu viel rumschwuchteln, könnte das ein schlechtes Licht auf dich werfen!" Stan sagte nichts mehr, zog nur die Augenbrauen zusammen.
Kyle senkte die Stimme zu einem gefährlichen Zischen. "Eins sag ich dir, Stan: Wenn du nur noch mit mir reden kannst, um mir ans Bein zu pissen, brauchst du dich nicht mehr blicken lassen. Ich gebe überhaupt nichts auf deine Meinung."
Sie sahen sich an. Kyle aufgebracht atmend, die Hände zu Fäusten geballt, Stan ganz still.
"Kyle..."
"Geh jetzt einfach."
"Ich denke, du solltest..."
"Verpiss dich!" Kyle schoss nach vorne, wollte ihm die Fäuste in die Brust rammen, ihn wegstoßen. Aber Stan, der sich in den letzten Sekunden nicht geregt hatte, packte ihn blitzschnell an den Handgelenken. Und dann führte das eine zum anderen. Sein Freund drückte ihm eine Hand in den Nacken, zog ihn ruckartig zu sich. Und küsste ihn.
In Kyle explodierte alles. Wut, Überraschung, Erregung. Es war ein wirbelnder Orkan und seine erste Reaktion war es, Stan sein Knie in den Unterleib zu rammen. Zu hoch, um ihm wirklich wehzutun, aber es reichte, um ihn zum Taumeln zu bringen und von sich wegzustoßen.
"Fick dich", konnte er nur sagen, aber seine eigene Stimme klang weit entfernt. Auch Stan selbst realisierte scheinbar nicht, was er getan hatte und wirkte geschockt.
"Entschuldige", sagte er. Einen Augenblick später war er aus dem Zimmer gegangen. Leise, nicht stürmisch. Kyle wäre hinausgerannt und hätte die Tür zugeschlagen. Aber das war nicht Stans Art. Stan war schon immer der ruhigere der beiden gewesen.
Kyle blieb noch eine Weile stehen und wartete, bis sein Herzschlag sich normalisierte.
Dann ging er nach unten, zog sich zum zweiten Mal an diesem Abend Schuhe und Jacke an und verließ das Haus.
Im Mondschein glitzerte frischer Schnee auf den Dächern der Stadt.

Es gab keine wirkliche Begrüßung, als er bei Kenny angelangt war. Aber das war okay. Kenny stellte keine Fragen.
Kyle hatte bei ihren Treffen nie die Absicht, einfach nur dazuliegen und sich ficken zu lassen, aber heute glaubte er, zu kaum mehr in der Lage sein zu können.
Er krallte sich an Kenny fest, ließ sich zum Bett bugsieren und auf den Rücken legen und konzentrierte sich einzig und allein auf die zielsicheren Hände, die sich sogleich überall an seinem Körper befanden und ihn innerhalb kürzester Zeit restlos von seiner Kleidung befreiten. Der Blonde setzte sich rittlings auf seine Hüfte und beugte sich über ihn.
"Shit, bist du kalt", stellte er fest, als Kyle über seinen schlanken Bauch strich und die beruhigende Wirkung der warmen, weichen Haut unter seinen Fingerspitzen genoss.
"Es schneit draußen", murmelte er benebelt.
Sie küssten sich stürmisch und zu einem anderen Zeitpunkt würde Kyle sich vielleicht fragen, ob das hier schon Abhängigkeit war. Drauf geschissen.
Ohne weitere Umwege griff Kenny nach seinem Schwanz und drückte grob zu. Kyle keuchte; genau das brauchte er jetzt und sein Freund wusste es. Die andere Hand spürte er in seinen Haaren, dann auf seiner Brust, um seinen Hals, aber sein Fokus lag auf dem, was Kenny da unten veranstaltete. Das abwechselnde Drücken, Massieren und Streicheln brachte ihn fast jetzt schon um den Verstand und es war immer wieder faszinierend, wie er zu Beginn solcher Treffen oftmals kaum Energie für irgendwelche sexuellen Aktivitäten aufzubringen vermochte und plötzlich völlig unkontrolliert wurde, sobald Kenny bei ihm Hand anlegte. Seine eigenen Finger umklammerten Kennys schmalen Unterarme und er konnte nicht verhindern, immer wieder mit der Hüfte nach oben zu stoßen.
"So ungeduldig", raunte der Blonde und fuhr unbeirrt fort. Es machte Kyle dermaßen scharf und auf einmal wollte er alles. Kennys Lippen um seinen Schwanz spüren. Ihn dann herumreißen und ihn hemmungslos durchnehmen. Auch mal derjenige sein, der die Kommandos gab. Aber er traute sich nie, ihm die Zügel aus der Hand zu reißen. Zumal es so spielend leicht war, Kenny einfach zu vertrauen und ihm die Führung zu überlassen. Dadurch konnte Kyle alles vergessen - und meistens war es einfach genau das, was er wollte. Abgesehen davon führten sie ja schließlich keine Beziehung oder sowas.
Als Kenny schließlich in ihn eindrang, wäre es nicht einmal im Entferntesten möglich gewesen, an irgendetwas anderes zu denken - oder jemanden. Kyle gab Geräusche von sich, die ihm bei klarem Verstand wohl unangenehm wären, aber verhindern konnte er es nicht. Zu einnehmend war diese unglaubliche Empfindung und vor allem die wahnsinnige Lust, die sich mit jedem Stoß verdreifachte. Seine Hände krallten sich abwechselnd in die Laken und in Kennys Rücken, und während dieser immer schneller wurde und einen ganzen Katalog an Flüchen ausstieß, driftete sein Verstand ab und er ließ sich einfach nur noch fallen. Egal, wie tief. Und egal, was hinterher passieren würde. Scheiß auf den nächsten Morgen. Scheiß auf Stan. Es war ihm so scheißegal.


Das ist ja grandios gelaufen. Wirklich, ganz großartig.
So viele Menschen an einem einzigen Abend zu hintergehen, das musste auch eine Art von Talent sein. Angefangen bei sich selbst - wie lange lief dieses Spiel schon? Einst hätte er für Wendy getötet. Sie haben zu dürfen war alles für ihn gewesen, und im Grunde war es noch immer so. Es war Liebe, auch jetzt noch. Sie war sein Mädchen und auf gewisse Art und Weise würde sie es immer bleiben.
Aber sie war nicht das Gefühl, das er bekam, wenn Regentropfen an das Fenster über seinem Bett prasselten. Das Gefühl, wenn er den ersten entscheidenden Touchdown erzielte. Wenn der erste beschissene Schnee endlich schmolz.
Er erinnerte sich daran, wie er und Kyle die 100.000 Punkte bei Guitar Hero geknackt hatten und wie sie seit Beginn der Grundschule täglich zusammen zur Bushaltestelle gelaufen waren.
Wie Kyle immer für ihn da gewesen war, besonders als der scheiß Dämon sich in seinen Schädel eingenistet hatte und seitdem mal lauter, mal leiser wütete. Bei jedem Drama mit seinen Eltern, Wendy, der Clique oder dem Rest der Welt war Kyle da gewesen. Und nie war ihm aufgefallen, was sein bester Freund empfand, bis er vor ein paar Monaten einfach ausgepackt hatte. Und noch weniger war ihm aufgefallen, was er selbst eigentlich empfand.
Herrgott, wie unglaublich lächerlich das klang. Jetzt war es soweit; er hielt seine eigenen Gedanken für bescheuert. Aber eine Lösung fiel ihm trotzdem nicht ein. Egal, wie er es drehte und wendete. Sein Kopf verschloss sich gegen jede Art von weiterer Vorgehensweise. Aber wie sollte das auch gehen?
Wenn er keine Ahnung hatte, was die Welt von ihm wollte?
Wenn er nicht mal wusste, was er selbst wollte?
Wenn er selten so wenig gewusst hatte?
Scheiße.

                                                                                                                                                                                                                               ... dachte Stan.


...Und am Ende bist du trotzdem nur der Hintergrundcharakter.
Beliebt zu sein war gut, sich fast alles nehmen zu können noch besser. Natürlich alles immer rücksichtsvoll und ohne andere dabei zu verletzen.
Gut, zugegeben, oft genug war es ihm auch einfach gleich. Sie waren schließlich alle keine Kinder mehr; egal ob Kyle oder Lola oder wer auch immer sich auf ihn einließ. Sie alle konnten ihre eigenen Entscheidungen treffen und kannten dabei die einzige Regel, die er immer wieder betonte:
Keine Gefühle. Keine Beziehung. Nur Sex. Und das war's auch.
Immer wieder zu sterben war scheiße.
Immer wieder zu sterben und niemand erinnerte sich daran, war noch schlimmer. Na ja, fast niemand.
Immer wieder zu sterben und dennoch eine Beziehung einzugehen, als wäre sein Leben völlig normal, das konnte und wollte er nicht. Niemals.
Er liebte seine Freunde, und gerade Kyles Wohl lag ihm enorm am Herzen. Wenn er ihm auf diesem Weg ein wenig helfen konnte, war es in Ordnung. Er würde ihn nie verletzen.
Aber alles darüber hinaus - keine Chance, Kumpel. Dann lieber Spaß haben und nicht daran denken, zu welchem Schicksal er verdammt war.
Für immer allein zu bleiben und im Schatten eines Fluchs zu leben, der ewig sein Begleiter sein würde.

                                                                                                                                                                                                                           ... dachte Kenny.


Er würde es vor den anderen nie zugeben, aber als Kind hatte er die Disneyfilme geliebt - auch wenn sich Mickey Mouse später als echtes Arschloch rausgestellt hatte.
Die Prinzessinnen, die nur durch einen Kuss von jeglichen Sorgen befreit wurden, mit ihren glücklichen Prinzen und all den Abenteuern.
Auf die schmerzhafte Weise hatte er mehr als nur einmal erfahren müssen, dass es im wahren Leben ganz und gar nicht so ablief. Und doch - wenn er ihm mit nur einem Kuss all das nehmen könnte, das ihn tagtäglich so belastete, wenn er ihm damit seine Schmerzen, die ständigen Sorgen und all die Narben nehmen könnte, er würde es sofort tun. Bei solchen Gedanken konnte er meist über sich selbst nur den Kopf schütteln. Aber so war er nun mal schon immer gewesen. Hoffnungsvoll.
Konnte er denn nichts tun? Er musste doch irgendetwas tun können! Und wenn es nur beinhaltete, mehr Zeit mit ihm zu verbringen. Er musste ja nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Schließlich kannte er ihn und seine Ansichten. Aber das hieß ja nicht automatisch, dass sie richtig waren.
Vielleicht konnte er ihn noch ein bisschen überzeugen. Um ihm zu helfen.
Und weil er sich von ganzem Herzen wünschte, dass er ihm vertraute.
Meine Güte. Noch eine Sache, die er vor den anderen nie zugeben dürfte.

                                                                                                              ... dachte Butters.
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