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The Guest

von Eisteufel
Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
07.11.2021
06.01.2022
19
34.298
12
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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16.11.2021 1.422
 
Kapitel 6
Trinkgeld


Sotirios riss die Augen auf und endlich fokussierte sein Blick ihn wieder. Alex hatte grade seine Finger nach dem schiefhängenden Brillenbügel ausgestreckt und wollte ihn behutsam zurück an seinen angestammten Platz schieben, als ein merklicher Ruck den schmalen Körper in seinen Armen durchfuhr.

„Oh Gott, es tut mir so leid!“

Mit einer Kraft, die Alex in seinem jetzigen Zustand niemals von Sotirios erwartet hätte, drückte sich dieser mit beiden Händen von seiner Brust weg und wankte nach hinten. Noch ehe Alex Zeit zum Reagieren hatte, kam wohl der Schwindel zurück. Sotirios schwankte, taumelte noch einen Schritt zurück und stieß hinterrücks gegen die Tischkante.

Klirrend kam die Tasse auf den Fliesen der Terrasse auf und zerbarst in viele kleine Scherben und flutete den Boden mit ihrem schwarzen Inhalt.

Sotirios hatte sich mit der linken Hand am Tisch abgestützt. Mit der Rechten ging er sich wieder und wieder durch die Haare. Sein ganzer Körper bebte und seine Atmung ging viel zu schnell.

Alex seufzte leise und ließ die Schultern sinken bei so viel Unvernunft.

Das brachte doch nichts.

Der Körper versteifte sich unter seinem Griff, doch er ignorierte es geflissentlich, als er erneut – diesmal fester – den Arm um Sotirios‘ Hüfte legte und ihn mit sanfter Gewalt Richtung Restaurant dirigierte.

„Ich glaube, wir sollten Sie an einen schattigen Ort bringen“, raunte er gegen die dunklen Locken und drückte Sotirios bei diesen Worten noch an wenig fester an seinen Oberkörper.

„So viel Glück können Scherben gar nicht bringen.“

Unter anderen Umständen hätte er es sehr wohl genossen, Sotirios so schnell in seinen Armen zu halten, aber derzeit hatte er aufrichtige Bedenken, dass dieser selbst die paar Meter in den klimatisierten Innenraum nicht mehr schaffte.

Alex atmete erleichtert aus als ihnen die temperierte Luft der Klimaanlage um die Ohren wehte und er Sotirios auf dem erstbesten Stuhl platzieren konnte.

Der Anblick zog ihm den Magen zusammen. Er sah mitleidserregend erschöpft aus.

„Was ist passiert?“

Die hohe Stimme riss Alex aus seinen Gedanken. Als er den Kopf hob, sah er die Kellnerin mit dem strengen Dutt auf sich zukommen, das Gesicht beinah so blass, wie das ihres Kollegen, die braunen Augen vor Schreck weit aufgerissen.

„Der junge Mann hatte einen leichten Kreislaufkollaps. Würden Sie ihm wohl etwas zu trinken und einen nassen Lappen bringen?“, fragte Alex und ließ sich langsam – Sotirios derweil keinen Moment aus den Augen lassend – auf einer gepolsterten Sitzbank ihm gegenüber sinken. Die Kellnerin nickte wortlos und machte umgehend auf dem Absatz kehrt.

Einige Gäste schielten neugierig von ihren Omeletts und Toasts zu ihnen herüber und Alex verbiss sich nur mit Müh und Not einen gepfefferten Kommentar. Das würde jetzt auch niemandem helfen, erst recht nicht dem tief an der Stuhllehne zusammengesunkenen Häufchen Elend, dessen Atmung sich zumindest langsam wieder etwas beruhigte.

Ein Kellner, den Alex noch nie zuvor gesehen hatte, kam schnellen Schrittes auf sie zugeeilt und drückte Sotirios einen nassen Lappen gegen die Stirn. Alex spähte über die Köpfe der Gäste hinweg und sah wie sich die bekannte Kollegin grade wild gestikulierend mit Mr. Pappos unterhielt.

Unwillkürlich verdrehte Alex die Augen. Das hatte grade noch gefehlt… Gott sei Dank, entschied sich Mr. Pappos aber letztlich dazu, sich wieder seiner Kundschaft zuzuwenden.

Ihm fiel ein Stein vom Herzen.

Unversehens wandte er seine Aufmerksamkeit wieder Sotirios zu, der sich den feuchten Lappen fest gegen die Stirn presste. Wenn auch nur spärlich, so kehrte zumindest ein wenig Farbe auf die blassen Wangen zurück.

„Geht es Ihnen besser?“

Sotirios‘ Lider flatterten als er sie öffnete und sich mit schwerfälligen Bewegungen ein Stück weit im Stuhl aufrichtete, um ihn ansehen zu können.

„Ja, die Kühle hilft“, murmelte er.

„Sie haben mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt.“

Alex überschlug die Beine und stützte nachdenklich sein Kinn auf seine Faust auf.

„Haben Sie sowas öfter?“

Sotirios schien mit der Frage gerechnet zu haben, Alex konnte sehen, wie sich sein Körper anspannte.

„Nein, nur schlecht geschlafen und nicht gefrühstückt“, entgegnete er matt.

Herrje…

Als ersten Impuls hatte Alex bereits die tadelnde Moralpredigt auf der Zunge, wie man denn bitte bei den Temperaturen ohne Frühstück zur Arbeit erscheinen könne – noch dazu, wenn man eh schon so dünn war – riss sich dann aber doch am Riemen. Dennoch konnte er nicht verhindern, dass eine seiner Augenbrauen skeptisch in die Höhe schnellte. Sotirios schien dies zu bemerken und wandte offensichtlich peinlich berührt den Blick ab.

Alex betrachtete ihn noch einen Moment lang fragend, in der Hoffnung, vielleicht noch etwas mehr aus ihm herauszubekommen, doch blieben die Lippen des Kellners versiegelt. Um überhaupt irgendetwas zu tun, ließ Alex seinen Blick ziellos durch das sich langsam leerende Restaurant schweifen.

Na, sieh mal einer an.

Überrascht zog er die Brauen in die Höhe als sein Augenmerk auf das große Glas direkt neben der Tür fiel.

Wobei, nein, nicht auf das Glas. Vielmehr auf seinen Inhalt. Einsam und allein tummelte sich darin ein grüner Einhunderteuroschein. Interessant.

Amüsiert ließ er seinen Blick zurück zu Sotirios wandern. Es war fürchterlich gemein was er vorhatte, aber er konnte dem inneren Kind in diesem Fall einfach nicht widerstehen. Vielleicht konnte er Sotirios ja so einmal aus der Reserve locken.

„Anscheinend teilen Sie gerne“, stellte er trocken fest und deutete mit seinem Kinn auf das Glas neben der Tür. Die blauen Augen folgten träge seinem Wink und weiteten sich merklich, als sie das Glas fokussierten.

„Das war viel zu viel Trinkgeld“, flüsterte er und drückte sich den nassen Lappen nur umso fester vor die Stirn. Kaum hörbar setzt er nach: „Das konnte ich nicht annehmen.“

Alex zog lächelnd die Schultern hoch. Da hatte er mit seiner Vermutung ja ins Schwarze getroffen.

„Dann ist das also tatsächlich das Trinkgeld, das ich Ihnen gestern Abend gegeben habe“, entgegnete er mit einem leicht süffisanten Tonfall in der Stimme und er konnte spüren, wie sein Lächeln bei seinen Worten immer breiter wurde. Es war definitiv gemein von ihm. Der arme Junge hatte sichtlich Probleme damit, die gesagten Worte zu verarbeiten und blinzelte ihn einige Male verständnislos an, ehe die Erkenntnis, dass er sich soeben selbst verraten hatte, vollends in seinen durcheinandergewirbelten Geist sacken konnte. Er wollte etwas entgegnen, kam jedoch nicht mehr dazu, da seine Kollegin mit einem großen Glas Wasser auf sie zukam.

„Geht’s wieder?“, fragte sie im mütterlichen Tonfall und hielt Sotirios das Wasserglas entgegen.

Zu Alex‘ großen Verwunderung fragte sie ihn das auf Griechisch. Wobei… Alex verzog die Mundwinkel. Das machte durchaus Sinn. Welcher der Gäste hier war schon der griechischen Sprache mächtig?

Sotirios nickte schwach, was dazu führte, dass ihm der feuchte Lappen von der Stirn in den Schoß rutschte und offensichtlich die Kopfschmerzen verstärkte. Er verzog das Gesicht zu einem gezwungenen Lächeln, das Alex beim Hinschauen wehtat.

„Ja, danke. Es geht schon besser.“

Alex verschränkte die Arme vor der Brust. Das sah er definitiv anders.

„Warte noch einen kleinen Augenblick hier, dann bringe ich dich auf dein Zimmer. Ich mache nur eben die Abrechnung fertig.“ Sie richtete sich auf, drückte noch einmal die schmale Schulter und wollte sich grade anschicken zu gehen, als sie jedoch noch einmal innehielt und sich mit einem undeutbaren Ausdruck auf dem rundlichen Gesicht zu Alex umdrehte.

„Sie können den Rest nun uns überlassen. Vielen Dank, Mr. Lloyd, dass Sie sich so gut um unseren Mitarbeiter gekümmert haben.“

Alex nickte ihr kaum merklich zu.

Er verstand den Wink mit dem Zaunpfahl.

„Jederzeit“, erwiderte er knapp und stand auf.

Mit einer schnellen Bewegung griff er nach dem nassen Lappen, der sich noch immer in Sotirios‘ Schoß befand und drückte ihm diesen sanft gegen die Stirn.

„Mach das nicht nochmal“, raunte er und unterdrückte ein Grinsen. Perplex öffnete Sotirios erneut die Lider und die blauen Augen schienen sich nicht recht entscheiden zu können, welchen Teil seines Gesichts oder Oberkörpers sie nun eigentlich betrachten wollten.

„Hatte ich nicht vor“, entgegnete er schließlich spitz. Na, immerhin war die leicht renitente Ader wieder da. Das wertete Alex als gutes Zeichen.

Er lächelte zufrieden, was Sotirios anscheinend über die Maßen irritierte. Er zog die schmalen Brauen zusammen.

„Gut. Denn wenn ich deinen Kollegen ein Trinkgeld hätte geben wollen, dann hätte ich das getan.“

Alex konnte es zwar nicht sehen, aber er konnte es beinah körperlich spüren, wie Sotirios ihm hinterher blickte. Im Hinausgehen warf er dem einsamen Geldschein noch einen bitterbösen Seitenblick zu.

Der Junge war mehr als anständig. Er musste sich definitiv eine andere Möglichkeit ausdenken, sich erkenntlich zu zeigen, wenn Sotirios partout kein Trinkgeld annehmen wollte. Er seufzte leise. Vielleicht konnte er das direkt jetzt in Angriff nehmen und bei Dimitrios einmal über die grenzwertigen Arbeitszeiten sprechen.
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