Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

The Guest

von Eisteufel
GeschichteRomance, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
07.11.2021
05.12.2021
15
26.037
9
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
25.11.2021 2.296
 
Kapitel 9
Room Service


Alex lag auf der Tagesdecke des überdimensionierten Bettes und starrte an die Decke. Die indirekte LED-Beleuchtung machte ihn schläfrig, aber er durfte jetzt noch nicht einschlafen. Er hatte sich einen so schönen Plan ausgedacht, doch der bedurfte noch ein wenig Geduld.

Herrje, wenn er eines leider nicht von seinem Vater geerbt hatte…

Er warf zum x-ten Mal in den letzten fünf Minuten einen schiefen Blick auf seine Armbanduhr.

Halb zehn.

So weit, so gut.

Er hatte den Abend bisher halberlei gut hinter sich gebracht. Durch den so wunderbar versteckten Seitenaufgang über die Treppe war er zum Abendessen im Philoxena Restaurant geschlendert und hatte zu seiner großen Freude festgestellt, dass der junge Kellner ihn nicht angelogen hatte.

Kein Sotirios weit und breit.

Um es nicht allzu auffällig zu gestalten, hatte er bereits am Nachmittag, direkt nachdem ihm die Idee in den Sinn gekommen war, bei der Rezeption angerufen und sich erkundigt, bis wann das Hotel Room Service anbot. Bis zehn Uhr abends. Wunderbar.

Bis dahin hatte Alex mehr schlecht als recht die Zeit totgeschlagen, hatte fürchterlich wichtige Arbeitsemails - welche schon seit mindestens drei Tagen in seinem Postfach vor sich hindümpelten - beantwortet, seiner Mutter durchgegeben, dass es ihm gut ging und sich dann der wichtigsten Frage überhaupt zugewandt, welche er noch immer in seinem Kopf hin und her wälzte.

Wie konnte er es anstellen, dass er seine Absichten zwar deutlich machen, Sotirios aber nicht gleich in der Tür verschrecken würde?

Vielleicht war sein Vorhaben auch einfach nur eine ausgesprochene Schnapsidee… herrje…

Wieder der schiefe Blick auf die Uhr. Gleich viertel vor. Wenn er seinen Plan in die Tat umsetzen wollte, dann musste er sich so langsam entscheiden.

Mit Schwung richtete sich Alex in den Weiten seines Bettes auf, setzt sich im Schneidersitz hin und stützt sein Kinn auf seine Hände auf.

Okay… wie war die derzeitige Sachlage?

Sotirios hatte ihn bisher behandelt als sei er bestenfalls nervige Luft. Bis auf heute Nachmittag. Da – so meinte er es zumindest wahrgenommen zu haben – hatte er mit ihm geflirtet. Die Sache mit dem Pool war doch eigentlich schon bald eine Steilvorlage par excellence gewesen…

Anderseits, was war denn das schlimmste, das passieren konnte?

Alex warf den Kopf in den Nacken und überlegte. Ein Grinsen zerrte an seinen Mundwinkeln. Das Schlimmste würde sein, dass Sotirios ihm wütend den Rotwein in den Schritt kippte, auf dem Absatz kehrt machte und ihn keines Blickes mehr würdigte. Also wäre alles beim Alten und sie wären nach wie vor beim Status Quo.

Er atmete tief durch und griff nach dem Hörer des Telefons neben seinem Bett und drückte die Schnellwahltaste für die Gastronomie. Nach zweimaligen Leuten nahm jemand ab. Er antwortete auf Griechisch.

„Schönen guten Abend, Alexander Lloyd aus Zimmer 551. Würden Sie mir wohl zwei Gläser und eine Flasche Merlot auf mein Zimmer bringen? – Ah, vielen Dank. Einen schönen Abend wünsche ich Ihnen.“

Sein Herz schlug ihm bis zum Hals als er den Hörer auflegte. Herrgott, das war ja schlimmer als damals im Internat.

Er atmete einmal tief durch, versuchte seinen holprigen Herzschlag wieder unter Kontrolle zu bringen und stand auf. Unschlüssig drehte er sich einmal um die eigene Achse, ehe er sich dazu entschloss, es jetzt einfach durchzuziehen. Vielleicht war es einen Tick too much, aber wer nicht wagte…

Auf dem Weg ins Wohnzimmer entledigte sich Alex seines Bademantels, den er seit dem Nachmittag getragen hatte und öffnete die Schiebetür nach draußen. Er zog ein wenig verstimmt die Augenbrauen zusammen. Na wunderbar.

Ein Gewitter…

Graue Wolkenberge türmten sich über dem Horizont auf und ein frischer Wind wehte ihm kühle Regentropfen ins Gesicht. Hoffentlich verzog sich das Gewitter zügig, sonst konnte er seinen Plan getrost ins Wasser fallen lassen. Er seufze leise. Bei dem scheußlichen Wetter hätte er ja gleich in Manchester bleiben können…

Unschlüssig lehnte er sich mit gekreuzten Armen in den Türrahmen und besah sich den schummrig beleuchteten Pool. Wenn er auch für Bahnenschwimmen in keinerlei Weise geeignet war, so verstand Alex doch langsam, welchen Appeal dieser abseits von sportlicher Betätigung haben konnte.

Ein lautes Klopfen an der Tür im Obergeschoss ließ ihn zusammenzucken.

Er schloss die Augen und schickte ein kurzes Stoßgebet gen Himmel, dass es wirklich Sotirios sein möge und er sich nicht vor irgendeiner armen, vollkommen unbedarften Servicekraft vollends zum Narren machen würde.

„Die Tür ist offen!“, rief Alex eilig Richtung Wendeltreppe.

Er wollte grade wieder ins Innere treten, als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel.

Wie blöd war er eigentlich?

Er konnte das alles ja ganz anders aufziehen.

Alex verbiss sich ein Grinsen als er eilig in das erstaunlich kühle Wasser des Pools stieg, das ihm binnen Sekunden eine gehörige Gänsehaut über den Rücken jagte. Todesmutig tauchte er unter und konnte bereits die verhaltenen Schritte auf der Wendeltreppe vernehmen, just in dem Moment, da er wieder auftauchte.

Angestrengt lauschte Alex in die Stille des Abends hinein, die nur dann und wann durch das leise Ruckeln des Windes an der Pergola über seinem Kopf durchbrochen wurde.

„Ich habe Ihre Getränke, Mr. Lloyd.“

Trotz des kalten Wassers wurde Alex augenblicklich warm. Das war definitiv Sotirios‘ Stimme.

Nun denn… dann konnte er seine Mission „Trinkgeld“ ja in Angriff nehmen.

Mit einem großen Satz schwang sich Alex aus dem Pool und ging mit drei großen, federnden Schritten auf die weit geöffnete Tür zu, in der leise die weißen Gardinen tanzten.

„Mr. Lloyd?“

Sotirios Stimme wurde lauter. Er hatte ihm den Rücken zugedreht und schien grade den georderten Wein auf dem Tisch abstellen zu wollen, als Alex den Raum betrat.

„Alex reicht um ehrlich zu sein auch, Sotirios“, sprach er mit einem unterdrückten Lachen in der Stimme. Die Reaktion darauf war sehenswert. Sotirios wirbelte herum als habe ihn der Teufel persönlich angesprochen. Alex fuhr sich eilig mit den Händen durch die Haare, um das elendige Tropfen zu beenden und sah Sotirios belustigt an. Dieser wusste ganz offensichtlich nicht, wohin er zuerst gucken sollte. Sein Blick wanderte in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit an seinem Oberkörper herauf und wann wieder herunter und blieb einen Augenblick zu lange an seiner zugegebenermaßen recht tiefsitzenden Badehose hängen. Alex neigte leicht den Kopf zur Seite. Wenn es nach ihm ginge, dann durfte Sotirios so viel schauen, wie er nur wollte, doch schien sein Gegenüber das durchaus anders zu sehen. Wie ein Donnerschlag ging ein Ruck durch den schmalen Körper und Soti riss sich von dem Anblick los.

„Ich… nun… Ihr Wein“, stammelte er und wandte sich so schnell zu dem Tablett auf dem Tisch um, dass Alex nur überrascht blinzeln konnte.

Herrje… was ein schüchterner Junge.

Alex konnte das leise Plopp vernehmen als Sotirios die Flasche entkorkte und sich mit einem versteinerten Lächeln auf den Lippen schließlich mit je einem Glas in den Händen zu ihm herumdrehte.

„Der Wein für Sie und Ihre…“ Er unterbrach sich kurz und schien sichtlich nach der passenden Vokabel zu suchen. „Begleitung“, brachte er schließlich leise hervor und hielt Alex auffordernd die Gläser hin. Dieser wusste im ersten Moment nicht, ob er richtig gehört hatte. Erst langsam, ganz langsam dämmerte es ihm.

Um Gotteswillen… hatte Sotirios etwa gedacht, dass er und die nervige Schreckschraube vom Pool…

Er wusste nicht, ob er lieber laut lachen oder herzhaften seufzen wollte. Er entschied sich letztlich für nichts von beiden und lächelte einfach nur milde.

„So, so, meine Begleitung also.“ Er unterdrückte ein Kichern.

Da hatte sich Sotirios aber definitiv die falschen Dinge zusammengereimt.

Mit zwei großen Schritten trat Alex schließlich auf Sotirios zu und nahm ihm eines der Gläser aus der Hand. Da musste er wohl deutlicher werden.

„Na dann.“ Auffordernd hielt er das Glas hoch und lächelte sein Gegenüber ermutigend an, was sehr zu seinem Leidwesen mit völligem Unverständnis quittiert wurde. Leise stieß er sein Glas gegen das, welches Sotirios noch immer eisern, wie eine heilige Reliquie umklammert hielt. „Cheers!“

Das hübsche Gesicht sah ihn erst ausdrucks-, dann fassungslos an. Er blinzelte, viel zu oft und viel zu hektisch. Alex rutschte das Herz in die Hose, versuchte es aber mit Humor zu überspielen.

„Nun, ich weiß nicht genau, wie das in Griechenland gehandhabt wird, aber in England erwartet man, dass wenn jemand einen Trinkspruch sagt, der andere mit ihm anstößt.“

Die Reaktion folgte auf dem Fuße. Die blauen Augen wurden riesig, Sotirios sah ihn an wie einen Gespenst, ehe ein hohes „Sie wollen mit mir trinken?“ aus ihm herausplatzte. Hektisch ließ der Junge seinen Blick durch das Zimmer gleiten, suchte anscheinend nach der versteckten Begleitung, die er jedoch nicht würde finden können.

Wortlos nippte Alex an seinem Wein, beobachtete Sotirios derweil jedoch aufmerksam über den Rand seines Glases hinweg. Die hohen Wangenknochen waren wieder von diesem feinen Rotfilm überzogen, den Alex schon öfter bei ihm gesehen hatte. Es ließ ihn noch jünger wirken.

„Sieht ganz so aus, oder?“ Er drückte den Rücken durch, den Blick noch immer auf den sprachlosen Kellner gerichtet. „Aber um ganz auf Nummer sicher zu gehen, habe ich Vorkehrungen getroffen, wie du sicherlich erkennen kannst.“ Mit einer vagen Geste seiner freien Hand, deutete Alex auf seinen nackten Oberkörper und konnte sich das breite Grinsen einfach nicht mehr verbeißen, da Sotirios seinen Blick erneut, diesmal bedeutend langsamer, über seine Brust wandern ließ. Die verbale Reaktion ließ ihn dann allerdings doch verwundert die Augenbraue heben.

„Bedaure, ich bin im Dienst.“

Da war sie wieder, diese leicht genervte Stimmlage. Aber so schnell ließ er seinen Fang bestimmt nicht vom Haken.

„Deine Dienstbeflissenheit in allen Ehren, aber laut Rezeption bietet das Hotel Room Service bis zehn Uhr abends. Und zehn Uhr ist seit genau drei Minuten verstrichen. Wie es aussieht, hast du nun Feierabend.“

Nun war es an Sotirios herausfordernd die schmale Augenbraue in die Höhe zu ziehen.

„Da hat sich aber jemand informiert“, entgegnete Sotirios spitz.

„Ich höre beim Einchecken einfach immer gut zu“, entgegnete Alex lapidar. Wenn er nur wüsste…

Die blauen Augen funkelten ihn herausfordernd an.

Na, sieh mal einer an, unter der schüchternen Schale hatte der Junge ja ganz schön Temperament. Alex kam nicht umhin sich zu fragen, wie sich dieses Temperament wohl in noch ganz anderen Lebenslagen zeigen würde. Das würde er sehr gerne herausfinden. Sotirios Blicke waren noch immer schneidend, aber immerhin hatte er es aufgegeben, sein Glas zurück auf das Tablett stellen zu wollen. Er nahm einen großen Schluck und verzog die Mundwinkel, noch ehe er den Wein heruntergeschluckt hatte. Merlot war ganz offensichtlich nicht sein Lieblingswein.

„Was hätten Sie denn gemacht, wenn nicht ich Ihnen den Wein serviert hätte?“, hakte Sotirios über den Rand seines Glases hinweg nach. Alex überlegte einen Moment, entschied sich dann aber für eine elegante Notlüge. Über seine Pläne für den Abend, wenn es Sotirios nicht erwischt hätte, wollte er lieber nicht sprechen.

„Nun ja, ich bin, so wurde es mir zumindest durch die Blume mitgeteilt, der zahlungskräftigste Gast dieses Hotels. Wenn ich es darauf angelegt hätte, hätte dich Mr. Pappos wahrscheinlich aus dem Bett geklingelt und noch im Pyjama, mit dem Tablett ausstaffiert, hierhergeschickt.“

Alex atmete erleichtert auf. Da hatte er wohl endlich einen Nerv getroffen, denn die Gesichtszüge, die so angespannt waren, dass es Alex bereits beim Hinschauen wehgetan hatte, entspannten sich merklich. Ein belustigter Zug legte sich um Sotirios‘ Mundwinkel, eh er in ein leises Lachen verfiel, das Alex wie ein heißes Eisen sofort in tiefere Körperregionen schoss.

„Ja, das klingt wirklich ganz nach Ioannis“, rang sich Sotirios schließlich die Worte ab und nahm einen tiefen Schluck Wein, obwohl er ihm nicht schmeckte. Alex fiel leise in das Lachen mit ein, die Vorstellung entbehrte definitiv nicht einer gewissen Komik.

„Aber ganz ehrlich?“, fuhr Alex fort und freut sich, dass Sotirios sich offensichtlich langsam entspannte. „Ich hätte mit mir selbst angestoßen, die beiden Gläser allein geleert und…“, er überlegte eine Sekunde lang, ob er dies wirklich aussprechen sollte, doch war sein Mund bereits schneller als seine Gedanken. „Es dann einfach so lange weiterprobiert, bis es dich erwischt hätte.“

Sotirios legte mit einem schelmischen Zug um die Mundwinkel den Kopf schief, dass ihm die schwarzen Locken unbändig in die linke Gesichtshälfte fielen.

„Wieso sind Sie eigentlich so scharf darauf?“, fragte er mit unverhohlener Neugierde in der Stimme.

Ah, so langsam kamen sie der Sache näher.

„Mh… sagen wir es so, wenn du kein Trinkgeld im herkömmlichen Sinne annehmen möchtest, muss man als zufriedener Gast ja etwas kreativer werden.“ Alex zwinkerte ihm verschwörerisch zu und ehe Sotirios die Möglichkeit hatte, etwas zu erwidern, fasste sich Alex ein Herz und langte nach dem schmalen Handgelenk. „Komm mit.“

Mit sanfter Gewalt dirigierte er Sotirios Richtung Schiebetür. Sie hatten diese noch nicht ganz passiert, als der leichte Widerstand nachließ und Sotirios andächtig den erhobenen Arm sinken ließ. Alex beobachtete ihn unauffällig von der Seite. Die Augen, die es ihm so angetan hatten, starrten mit riesigen Pupillen auf den beleuchteten Pool.

„Gott, ist das schön“, murmelte er andächtig und schien sich überhaupt nicht sattsehen zu können.

In Alex‘ Innerem begann sich alles zusammenzuziehen. Dann hatte er ihn also doch richtig verstanden. Ein breites Lächeln schlich sich auf Sotirios‘ Gesicht als er sich zu Alex wandte:

„Und du gehst im öffentlichen Pool schwimmen“, neckte er in einem Tonfall, der zu verstehen gab, dass er ihn für vollkommen übergeschnappt hielt. Alex erwiderte das Lächeln. Dann konnte er es nun vielleicht tatsächlich wagen…

„Hast du Lust zu schwimmen?“, fragte er leise und sein Blick huschte unstet über Sotirios‘ Gesicht, dem nun schlagartig die Mimik entgleiste.

Bitte?“, spie er es ungläubig aus, als habe Alex einen fürchterlich unangebrachten Scherz gemacht. Unweigerlich biss sich Alex auf die Unterlippe, fing sich aber schnell wieder.

„Du sagtest doch, wenn du einen Privatpool hättest, würdest du nie wieder herauskommen. Nun ja, mit Letzterem wird es wohl langfristig schwierig werden, aber mit einem Privatpool kann ich dienen.“ Er ruckte auffordernd mit dem Kinn Richtung Wasserfläche. Dann musste er vielleicht doch deutlicher werden:

„Sieh es als Trinkgeld an“, flüsterte er.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast