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Abenteuerliche Kurzgeschichten in der Welt von WoW

Kurzbeschreibung
SammlungAbenteuer / P12 / Gen
07.11.2021
19.12.2021
3
7.190
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07.11.2021 2.172
 
Kampf auf Brauenwirbels Kürbishof

„Alle Mann hierher!“, brüllte Jordan von Brauenwirbels Kürbishof in Westfall und lief schon zu dem riesigen Feld. In seinen Händen hielt er nur eine Mistforke, mit der er gerade noch die Ställe der Greife vom Greifenmeister Hobohansa entmistet hatte. „Schnell, der Flusspfotenclan greift schon wieder an. Wenn wir die Monster nicht endlich vernichten, werden sie unseren Hof genauso zerstören, wie sie es mit dem Hof von Jansen gemacht haben. Rettet die Ernte!“
   Der Schrei rappelte die anderen Männer und Frauen auf, die auf dem Hof ihrer Arbeit nachgingen. Jeder hier hasste die hyänenartigen Biester, die schon so viele ehrenhafte Menschen getötet hatten. Mit ihnen kamen Wildtiere, die sich über jeden Menschen hermachten: riesige Fleischreißer, denen der Sinn eher nach großer Beute stand als nach Kaninchen oder Hühnern; junge Greiferzähne, die mit ihren Hauern tiefe Wunden reißen konnten; mordlustige Kojoten, deren Geheul einen schon in Angst und Panik versetzen konnte.
   Mehr als einmal hatten sie hier in den Außengebieten Bittsteller nach Sturmwind entsandt, damit ihnen Stadtpatrouillen oder kampferprobte Abenteurer geschickt würden. Doch es war vergeblich. Noch waren die Lager in der Stadt gut gefüllt. Niemand der Reichen litt Not. Für die ärgsten Zeiten hatten sie selbst kleinere Höfe innerhalb der Stadtmauern angelegt – natürlich gut bewacht! Warum also sollten sie sich um abgelegene Höfe am Rande des Machtgebietes kümmern? Warum sich Gedanken um die Menschen machen, deren Leben und Existenz bedroht waren?
   „Junge“, rief Bauer Brauenwirbel einem achtjährigen Bengel zu, „lauf schnell rüber zu Jansens Hof. Dort sind bestimmt ein paar Vertriebene aus der Stadt. Und wenn wir Glück haben auch ein paar vorwitzige Abenteurer. Schick sie hierher. Und dann lauf weiter über die Brücke und suche nach Allianztruppen.“
   „Ja, Herr!“ Schon flitzte der Junge los und achtete nur darauf, dass er nicht den furchterregenden Monstern zu nahe kam. Die konnten ihn mit einem Biss enthaupten. Danach stand ihm überhaupt nicht der Sinn.
   Mit Stöcken und Forken bewaffnet schritten die Männer voran. Die Frauen hielten Pfannen und Schneidebretter in ihren Händen, um mit ihnen zuzuschlagen oder sie als Schild vor sich zu halten. Das war kein wirklicher Schutz, aber was sollten sie machen? Die Viecher hatten auf den Nachbarhöfen so viele Menschen getötet, dass es für mehrere Generationen reichte. Die machten nicht halt vor Kindern oder Frauen. Da wurde blutgierig jeder zerfleischt, der ihnen vor die Fänge kam. Und das Getreide und die anderen Pflanzen wurden mutwillig herausgerissen und zerstört, damit sich nur ja keiner mehr ansiedelte und das Land beanspruchte.
  Jedem hier war klar, wenn auch diese Ernte vernichtet war, würden die Städter anfangen, ihren Hochmut zu bereuen. Denn jeder wusste doch, dass die Menschen in Sturmwind das Fest Halloween nicht nur feierten, sondern als einen Höhepunkt des Herbstes zelebrierten. Und zu Halloween gehörten Kürbisse, die seit jeher vom Hof Brauenwirbel kamen. Die kleine Kürbisplantage in der Stadt konnte vielleicht den Königspalast schmücken. Für mehr reichte die Ausbeute dort bei Weitem nicht.
   Das Knurren der Flusspfotengnolle wurde immer aggressiver, je näher sie kamen. Verdammt sollten sie sein!
   Bauer Brauenwirbel zählte mehr als zehn von ihnen. Weiter konnte er nicht zählen, denn das brauchte er in seinem ganzen Leben nicht. Er hatte zehn Finger und das reichte für einen einfachen Mann wie ihn. Auch ohne Rechnen und Studiertabellen konnte er erkennen, die Meute, die seinen Hof im Halbkreis umschloss, war viel zu groß. Zusammen mit den angriffslustigen Wildtieren standen sie einer Übermacht entgegen, die sie niemals allein bezwingen konnten.
   „Stellt euch Rücken an Rücken“, rief der Bauer. „Wir dürfen den Mistviechern nicht die Chance geben, uns von hinten anzugreifen!“ Dabei wusste er genau, für die Flusspfoten gab es kein hinten und vorn. Die griffen einfach an, zerfleischten und zerfetzten. Gefangene machten die nicht. Nur tote Gegner waren für diese Kreaturen besiegte Gegner. Hoffentlich kam bald Verstärkung!
   Die Männer stellten sich sofort Rücken an Rücken und die Frauen gesellten sich dazu an die Seiten. So standen sie in Vierergruppen. Der Bauer spannte rasch sein Pferd vor einen Karren und Verna Brauenwirbel packte mit zwei Frauen die wichtigsten Besitztümer auf die Ladefläche. Wenn es hart auf hart kam und sie fliehen mussten, würden sie zumindest nicht vollkommen verarmt sein. Dann stellten auch sie sich zu den Männern. Sicher fühlte sich dennoch keiner. Die geifernden Lefzen der näherkommenden Tiere waren viel zu furchteinflößend.
   Und dann war es so weit. Die Flusspfoten griffen mit heulendem Geschrei an.
   Sie rannten über die Kürbisse hinweg. Ihre Krallen bohrten sich in das orangene Fleisch und rissen riesige Brocken hinaus. Die ersten Viecher gelangten ungehindert bis zu den Menschen. Sie sprangen knurrend gegen die Verteidiger, schnappten mit den mächtigen Kiefern nach den Waffen und zermalmten sie wie Streichhölzer. Mit ihren Pranken schleuderten sie die ersten Männer wie Blätter im Wind zur Seite.
   Schreiend und fluchend stachen die Männer auf die Angreifer ein und die Frauen schlugen mit ihren Fahnen auf die empfindlichen Schnauzen der Flusspfoten und Kojoten. Mit ihren Forken hieben die Landarbeiter nach den krächzenden Fleischreißern, deren mächtige Schwingen für enorm viel Wind sorgten und den Kampf noch einmal erschwerten.
   Das Wehklagen der Menschen vermischte sich mit dem Heulen der Monster. Blut spritzte ebenso umher wie die orangene Masse der aufgeschlitzten Kürbisse. Mittlerweile war das halbe Feld der Kürbisse zu einem matschigen Gelände geworden, auf dem selbst die Flusspfoten, Greiferzähne und Kojoten nicht mehr sicher laufen konnten. Sie rutschten auf der glitschigen Masse aus und fielen unrühmlich auf Hintern und Seiten. Das mochte vielleicht lustig aussehen, aber in der Hitze des Kampfes war niemandem zum Lachen zumute. Außerdem hatten die Menschen noch die fliegenden Feinde, denen der glitschige Matsch nichts anhaben konnte.
   Endlich kam die Verstärkung! Männer von den anderen Höfen eilten herbei, bewaffnet mit Knüppeln und Forken. Leider wenig rühmliche Waffen. Doch immer noch besser als nichts. Mit frischem Mut stachen Brauenwirbels Arbeiter auf die Unholde ein, erledigten weitere der grausamen Angreifer. Fast sah es so aus, als ob die Menschen eine Chance hätten. Sie konnten die Wildtiere in die Flucht schlagen. Die Fleischreißer waren sowieso bedient. Sie schnappten sich die Toten und flogen mit der Beute zu ihren Horsten. Nun blieben also nur noch die Flusspfoten. Immer noch mehr als zehn Angreifer, wie Bauer Brauenwirbel besorgt erkannte.
   Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und sah, dass da eine gehörige Portion Blut dabei war. Er musste wohl einen Hieb über den Kopf bekommen haben. Hatte er gar nicht bemerkt. Drum kümmern konnte er sich nicht. Denn es kam noch schrecklicher.
Ein monotoner Singsang von uralten Lauten erklang durch die Luft. Fremdartige Gerüche wurden zu den Kämpfenden herangetragen. Die Schamanen der Flusspfoten griffen in den Kampf ein! Jetzt war alles verloren!
   „Rückzug!“, schrie Bauer Brauenwirbel. „Rettet euer Leben! Die Felder sind verloren!“
   Jeder dachte nur noch daran, sich selbst zu retten. Gegen diese Monster hatten die einfachen Bauern keine Chance. Sie liefen um ihr Leben, und die wenigen Hyänen, die in sicherer Entfernung gelauert hatten, setzten ihnen geifernd nach.
   Bauer Brauenwirbel sprang zum Wagen. Seine Frau kletterte mit den wenigen überlebenden Frauen ebenfalls auf das Gefährt. Dann klatschte der Bauer mit dem Riemen auf den Rücken des Pferdes und rief: „Heyho, Graumähne, zeig, was du kannst!“
   Er hielt auf die Brücke zu, die zum Wald von Elwynn führte. Wenn sie Glück  hatten, kam ihnen von dort Hilfe entgegen. Zumindest würden die Stadtwachen jenseits der Brücke nicht stumpf herumstehen, wenn er mit dem Karren angerast kam, eine Horde von Flusspfoten im Schlepptau!
   Sie kamen nicht so weit, wie er gehofft hatte. Grelle Blitze zuckten durch die Luft und trafen einige Frauen, die sofort zusammenbrachen. Ein paar stürzten vom Karren. Die anderen Frauen pressten die Hände vor ihre Münder, um nicht haltlos loszubrüllen. Bevor Bauer Brauenwirbel sein treues Pferd antreiben konnte, um wenigstens die verbliebenen zwei Frauen und sein Eheweib zu retten, scheute Graumähne. Er riss den Kopf nach oben und blieb stehen, da nun vor ihm rasende Kojoten auftauchten.
   Schon fuhr die nächste Salve an magischen Blitzen über sie hinweg. Brauenwirbel sprang vom Wagen, machte das Geschirr los, um seinem Pferd die Chance auf eine Flucht zu ermöglichen. Sein Herz raste, sein Atem ging pfeifend. Blut floss ihm über das Gesicht. Seine Kopfverletzung war wohl schlimmer, als er gedacht hatte.
   Verna kam zu ihm geeilt. Er bemerkte, dass die anderen Frauen Richtung Jansens Hof flüchteten. Sie wollten sicher im alten Bauernhaus Schutz suchen. Als ob ein Haus vor den hinterhältigen Flusspfoten schützte!
   „Komm“, rief er und zeigte zur Brücke, die nicht mehr fern war. „Komm, Verna, das schaffen wir.“
   Sie liefen los. Da fuhr einer der Blitze mitten in Vernas Rücken. Der Bauer sah, wie seine Frau die Arme in die Luft riss und dann von der Magie zu Tode getroffen fiel.
   „Nein!“, brüllte er und stürzte zu seiner Frau. „Nein! Ihr Mörder!“
Am ganzen Leibe zitternd starrte er auf sein geliebtes Eheweib. So viele Jahre hatten sie gemeinsam den Hof bewirtschaftet. Vier Söhne und drei Töchter hatte sie ihm geboren. Und nun sollte sie tot sein? Nur weil Sturmwind und mit ihnen die verdammte Allianz sie vergessen hatte?
   Er drehte sich zitternd um, riss vom Wagen seine Forke und umklammerte sie fest mit beiden Händen. Weiß stachen die Knöchel hervor, so hart umklammerte er das Holz. Mit blutunterlaufenen Augen stellte er sich seinen Feinden. Natürlich wusste er, dass er nicht gewinnen konnte. Doch wenigstens wollte er dem Tod in die Augen sehen! Niemand würde einen Brauenwirbel feige im Rücken niederstrecken!
   Wer bei dem Flusspfotenclan nach Ehre suchte, der suchte vergeblich. Statt sich mit dem Bauer im Zweikampf zu messen, stürzten sich drei der elenden Gnolle gleichzeitig auf ihn. Das erste Monster konnte er mit seiner Forke aufspießen, doch das zweite fuhr mit der Pranke quer über sein Gesicht und riss ihm die Hälfte des Fleisches weg. Brüllend zog Bauer Brauenwirbel seine Forke aus dem ersten Untier und stieß nach dem zweiten Gnoll. Sein Hass auf die Mörder seiner Frau war so groß, dass er keinen Schmerz verspürte. Zwei weitere Flusspfotengnolle kamen hinzu und dann hatte der Schamane einen Zauber gewoben und warf ihn gegen den Bauern. Es gelang Brauenwirbel noch, seine Forke einem dritten Angreifer in die Brust zu stoßen, ehe er selbst unter der Übermacht zusammenbrach. Die Monster machten sich daran, seinen Körper mit ihren Krallen zu zerfleischen, da erscholl der Ruf von Sturmwind! Eine Patrouille hatte sich tatsächlich auf den Weg gemacht, um zu helfen!
   Mehr aus Neugierde waren dem Soldatenzug Abenteurer gefolgt: Druiden vom Volk der Worgen, Magier vom Volk der Nachtelfen, Priester vom Volk der Menschen, Schurken vom Volk der Zwerge und viele mehr. Sie alle schwärmten aus, um gemeinsam gegen die blutrünstigen Flusspfoten zu kämpfen. Mit lautem Ruf rannten sie auf die verstreuten Angreifer zu. Die Priester webten ihre Zauber, um die noch lebenden Verletzten zu heilen. Die Magier setzten ihre Kräfte ein, um die Schamanen zurückzuschlagen. Bald schon kehrte sich die Lage um. Jetzt waren es nicht mehr die Menschen, die flüchten mussten.
   Schlag um Schlag, Zauber um Zauber wurden die Angreifer zurückgedrängt. Vom alten Jansen-Hof bis zum Brauenwirbel-Hof zog sich eine Blutspur der vielen Toten. Die Leichen stapelten sich schon und es sah aus, als ob es endlich gelänge, den ganzen blutrünstigen Clan der Flusspfoten auszulöschen.
   Es war kein schöner Tag. Es war ein schrecklicher Kampf, der noch lange in der Erinnerung aller bleiben würde. Der Geruch von Blut wurde vom Wind östlich in den nahen Wald getrieben und westlich bis zu den weit entfernten Bergen. Es war wie ein mahnender Ruf an alle, die sich überlegten, ob sie sich mit der Allianz anlegen wollten. Denn Sturmwind hatte den Sieg errungen. Gemeinsam mit mutigen Abenteurern war es der Patrouille gelungen, den Brauenwirbel-Hof zu sichern und zumindest einen Teil der Ernte zu retten.
   Als der Kampf beendet war und die überlebenden Männer und Frauen tief im Blut und Matsch standen, sagte Leutnant Horatio Laine: „Dieser Sieg wurde teuer erkämpft. Wir müssen unsere Patrouillenroute bis nach Westfall ausdehnen.“
   Niemand sagte dazu etwas. Denn eigentlich wusste jeder, dass die Stadtwache nur in den Wäldern von Elwyn patrouillierte. Das Gebiet war bereits fast zu groß für die marschierenden Truppen. Die Bauernhöfe in Westfall waren der Gnade und dem Übermut der Abenteurer ausgeliefert. Nur solange es mutige Streiter und tapfere Helden gab, würde das Böse hier draußen bezwungen werden können. Jetzt allerdings galt es, die Toten zu betrauern.
   Wenigstens für eines war die heutige Schlacht erfolgreich gewesen: für Halloween. Es waren genug Kürbisse gerettet, um ein fröhliches Fest zu ermöglichen. Und vielleicht dachte der eine oder andere Abenteurer, wenn er Kürbisse aushöhlte und schreckliche Fratzen in die Schale schnitt, an die schreckliche Schlacht am Kürbishof. Dann würde der Tod von Brauenwirbel und seiner Frau zumindest nicht ganz vergessen sein.
*** ENDE ***
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