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Ein Tag im Leben eines Bösewichts

Kurzbeschreibung
GeschichteHumor, Action / P12 / Gen
06.11.2021
23.06.2022
9
29.094
 
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23.06.2022 681
 
Heute nur ein ganz kurzes Zwischenkapitel. Beim nächsten Mal geht es dann wieder mit richtiger Handlung weiter _)
~~


Guten Morgen, Greenfield


Greenfields Tage beginnen früh. Selbst wenn keine Mission ansteht, steht er mit Sonnenaufgang auf. Er ist es von seiner Zeit beim Militär gewöhnt und hat daran nie etwas geändert.
Der frühe Morgen ist eine ruhige Zeit, fast schon entspannt. Die Welt ist noch nicht richtig wach, alle scheinen noch in einer Trance zu sein. Man funktioniert auf Autopilot, bis das Gehirn richtig hochgefahren hat. Es ist Greenfields liebste Zeit des Tages. Sie gehört ganz ihm. Es gibt niemand, der etwas von ihm will, keine Welt, die gerettet werden muss. Hätte es einen Angriff gegeben, wäre dieser mitten in der Nacht geschehen, im Schutz der Dunkelheit. Oder am helllichten Tage, falls man Aufmerksamkeit erregen will. Doch am frühen Morgen gibt es kein aufmerksames Publikum.
Die einzigen Menschen, die schon oder noch auf den Beinen waren, waren die letzten Clubgänger und die ersten Anzugsträger. Der frühe Morgen und der späte Abend waren die einzigen Schnittpunkte, in der diese beiden Archetypen aufeinander trafen. Wie bei einem Schichtwechsel.

Manchmal, wenn Greenfield nach dem Aufstehen die Vorhänge zurückgezogen und das Fenster geöffnet hat, starrt er hinaus auf die Dächer der Stadt. Dann atmet er die kühle Ruhe ein und beobachtet die ersten Strahlen der Sonne.
Auf der Straße unten geht jemand mit seinem Hund spazieren. Das Tier springt aufgeregt herum, schnüffelt an jeder Hausecke nach interessanten Spuren und freut sich darüber, seine vier Beine vertreten zu können. Das Herrchen gähnt und ist eindeutig noch nicht wach genug, um irgendetwas um sich herum mitzubekommen.

Jemand verlässt das Gebäude, in dem Greenfield wohnt, und überquert die Straße. Er erkennt eine Nachbarin aus dem dritten Stock. Ihren Namen kennt er nicht, hat nie mehr als ein höflich gemurmeltes ‘Hallo‘ im Fahrstuhl mit ihr gewechselt. Soweit er es mitbekommen hat, arbeitet sie in einem nahen Supermarkt. Wahrscheinlich würde sie den Laden gleich aufschließen.

Er wendet sich ab vom Fenster und geht duschen. Erst danach legt er seinen Cyberarm an und zieht sich an. Greenfield ist es von Geburt an gewöhnt, Dinge nur mit einer Hand zu erledigen, aber er kommt nicht umhin, den praktischen Nutzen einer zweiten Hand anzuerkennen. Die Umgewöhnung hat ihn lange Zeit gedauert und selbst heute benutzt er für alles lieber seine rechte Hand. Manchmal ist er sich noch nicht mal sicher, ob er seinen linken Arm verfügbar hat, bis er an seiner Seite herabschaut. Der menschliche Körper ist eine faszinierende Sache.

Er geht in die Küche, um sich seinen ersten Kaffee für den Tag zu gönnen – und bleibt wie angewurzelt in der Tür stehen.
„Guten Morgen“, begrüßt du ihn gut gelaunt, als du von der Zeitung aufschaust, die du ihm freundlicherweise aus seinem Briefkasten mitgebracht hast. Du stehst neben seiner Kaffeemaschine, die du jetzt einschaltest.
„Wie bist du hier reingekommen?“
Du lachst bloß, als hätte er einen guten Witz gemacht und nickst zu einer Tüte vom Bäcker, die auf dem Küchentisch liegt.
„Ich hab Frühstück mitgebracht.“
Das beruhigt Greenfield kein Stück, noch bringt es ihn dazu, sich über deinen unangekündigten Besuch zu freuen.
„Was zum Teufel willst du hier?“, fragt er die Arme verschränkend.
„Mit dir reden“, erwiderst du. „Also setz dich.“
Du legst die Zeitung beiseite und stellst ihm eine volle Tasse Kaffee auf den Tisch. Das ist wohl der ausschlaggebende Faktor, denn Greenfield setzt sich langsam in Bewegung, während du zum Kühlschrank trittst und weitere Sachen herausholst. Butter, Marmelade, Aufstrich, Käse.
„Klar, fühl dich wie zu Hause“, brummt Greenfield in seine Tasse hinein. Der Aufforderung kommst du nur zu gern nach.

Als du den Tisch fertig gedeckt hast, setzt du dich ihm gegenüber. Sein Blick liegt fragend auf dir, weswegen du jetzt endlich zur Sache kommst.
„Also, was planen wir für die Flitterwochen unserer Eltern? Hawaii? Malediven? Ich fände etwas mit einem Vulkan gut, auf dem sie wandern können.“
Greenfield starrt dich an.
„Deswegen bist du hier? Ein Anruf hätte genügt.“ Kopfschüttelnd greift er nach der Bäckertüte und wirft einen Blick hinein. „Und dann bringst du noch nicht mal Croissants mit?“
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