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Wenn alles passt

von Mujuchu
GeschichteKrimi, Liebesgeschichte / P12 / Het
Dr. Anja Licht Franz Hubert Martin Riedl
05.11.2021
25.11.2021
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25.11.2021 2.557
 
Alte Liebe

Martin saß am Abend alleine vor seiner Konsole, doch ohne Lena machte es ihm keinen Spaß zu daddeln. Er verstand ja, dass sie ihre Eltern besuchen wollte, doch ihm wurde jetzt auch so richtig bewusst, dass Lena aus einer anderen Welt kam und wahrscheinlich eines Tages wieder in den Norden zurückwollte. Außerdem hatte sie ja einen Freund, auch wenn Riedl nichts über diesen Mann wusste, nicht einmal, ob er hier in Bayern lebte oder in Hamburg. Eifersüchtig dachte er daran, dass sie vielleicht zu ihm nach Hamburg gefahren war. Hatte er es sich nur eingebildet, dass da etwas zwischen ihnen beiden war? Dass es geknisterte hatte zwischen ihm und ihr im Archiv und auch in den letzten Tagen? Er musste einfach mit jemandem darüber sprechen und da fiel ihm dummerweise nur Hubsi ein, der war zumindest einmal verheiratet gewesen. Riedl nahm sein Handy und wählte die Nummer seines Kollegen. “Hubert”, brummte dieser in den Hörer. “Hallo Hubsi, i bin’s, der Martin … Riedl. Kannst du mal bei mir vorbeikommen? Und bringst a paar Leberkässemmeln mit?” “Wieso ausgerechnet i?”, beschwerte sich Hubert, doch dann seufzte er: “I bin in einer hoibn Stund’ da.” Genau dreißig Minuten später klingelte es an seiner Tür und Hubsi stand mit einer nach Leberkäs duftenden Tüte vor der Tür. Mit Krücken humpelte Riedl in den Flur und öffnete ihm. Schweigend aßen die beiden Männer ihre Semmeln und tranken ein Weißbier dazu. “Darfst du des überhaupt saufn, wenn’d no Schmerztabletten frisst?”, wollte Hubsi zwischen zwei Schlücken wissen. Riedl zuckte mit den Achseln und forderte Hubsi zu einer Runde Ego-Shooter heraus. Mitten in dem Geballere fragte er seinen Kollegen: “Wie hast du des eigentlich damals gemerkt, dass die Anja sich in di verliebt hat?” Hubsi verschluckte sich vor Schreck an seinem letzten Bissen Leberkäs. “Was? Wie kommst denn jetzt da drauf?”

Martin klopfte Hubsi auf den Rücken. “Geht’s wieder?”, fragte er den älteren Kollegen und wiederholte dann: “Wie war das damals mit dir und der Anja.” Zuerst zögerte der Polizist, doch dann erinnerte er sich: “I hab die Anja auf dem Uni Campus getroffen, da war i no an kloiner Streifenpolizist und sie a angehende Rechtsmedizinerin. I wusst glei, die Frau is was ganz Besonderes!” Plötzlich stoppte er und sah Riedl grimmig an: “Wenn du nur oi Wort von dem, was i dir jetzt sag, weiter erzählst, dann muss i di erschießn!” Riedl wurde blass, doch er sah Hubsi auffordernd an. “I hab all meinen Mut zusammen gnommen und hab se eingladn und dann ging eigentlich alles ganz schnell. Sie hat den ersten Schritt gmacht, du weißt ja, wie die Anja is. Aber mehr als küssen war lang net drin, aber des waren halt au andere Zeiten damals. Sie hat mi aber immer so angestrahlt und im Gegensatz zu mir hat sie ihre Emotionen offen ausgelebt und ihre Augen ham widergespiegelt, was sie fühlte. Irgendwie war das ganz oifach gewesen und i hab schnell gwusst, dass sie mi au mog”, brummte Hubsi leise und er griff sich an seine Brust, denn plötzlich schmerzte sein Herz und die Sehnsucht nach Anja breitete sich in seinem Körper aus. Bevor er noch sentimental wurde, stand Hubsi auf und meinte dann: “I muss jetzt gehen, Riedl. Mach dir net so viele Gedanken. Die Lena is a tolles Madl. Wart net zu lang und trau dich amol was.” Mit langen Schritten verließ Hubsi die Wohnung und auf dem Weg nach Hause musste er sich mehrmals über die Augen wischen. “I sollt net so viel saufn, des schlägt mir aufs Gemüt”, dachte er und legte sich zu Hause gleich ins Bett.

In den nächsten Tagen dachte er immer öfter an die glücklichen Jahre mit Anja. Er empfand noch genau dasselbe für diese Frau wie am Tag ihrer Hochzeit. So nah wie in der Kirche war er ihr schon lange nicht mehr gekommen und mehrmals wollte er sie am Wochenende anrufen, doch er traute sich nicht. Am Sonntagnachmittag spazierte er an ihrer Wohnung vorbei, aber ihr Auto stand nicht auf dem Parkplatz. “Vielleicht sollte es einfach nicht sein”, dachte er traurig und schlief sehr schlecht in der Nacht.  

In der nächsten Woche nahm er mit Hansi die Ermittlungen wieder auf und plante mit seinem Partner die weiteren Schritte. Anjas Lächeln bei der Teambesprechung hatte seine Laune deutlich gebessert. Die jungen Kollegen unterstützen sie hilfreich bei der Auflösung des Falles und als Riedl sich endlich traute Lena zum Essen einzuladen, beschloss Hubsi diesem Vorbild zu folgen. Bei diesem Gedanken wurde es Hubsi ganz warm ums Herz und er ging anstatt nach Hause direkt in die Pathologie, wo Anja zu dem Zeitpunkt sicher noch anzutreffen war. Langsam stieg er die Stufen zur Pathologie hinunter und klopfte zaghaft an die Tür. Anjas Stimme erklang aus dem Sezierraum und ihre Augen weiteten sich vor Überraschung, als sie sah, wer da an die Tür geklopft hatte. “Hubsi, willst no was wissen über den Fall?”, fragte sie und lächelte ihn freundlich an. “Na”, brummte er und kratzte sich am Ohr. Er faltete die Hände vor seinem Körper und ließ die Daumen kreisen. Amüsiert betrachtete Anja ihren Ex-Mann und grinste ihn an: “Möchst vielleicht was mit mir besprechen, was der Hansi net hörn darf?” Hubsi sah auf und nickte.

Jetzt war sie doch überrascht und sah ihn neugierig an. “Und was?”, fragte sie mit klopfendem Herzen. “Du hast doch mal gsagt, dass wenn mir des Ambiente net gfällt, dann könnt i di au woanders hin einladen”, meinte er so leise, dass sie ihn kaum verstand. Anja nickte. “Und des mach i jetzt”, fügte er hinzu und trat an den Seziertisch, der nun zwischen ihnen stand. Anja zog die Augenbrauen nach oben und wartete ab. Doch anscheinend hatte Hubsi alles gesagt, was er sagen wollte und schaute sie nur emotionslos an. Doch was nach außen hin so wirkte, war im Inneren des Mannes ganz anders. Sein Herz raste und seine Hände schwitzten und ihm war ganz übel. Würde sie ihn jetzt auslachen oder eine Ausrede vorschieben? Er wagte es kaum, ihr ins Gesicht zu schauen, doch dann hob er seinen Blick und sah sie erwartungsvoll an. Schließlich erbarmte sich Anja seiner und erkundigte sich: “Und wohin führst mich aus?” Erleichtert antwortete er: “I hol di gegen sieben ab.” Dann drehte er sich um und verschwand. Zurück blieb eine erstaunte Anja, die jedoch das Strahlen in ihren Augen nicht unterdrücken konnte.

Sie machte Feierabend und zog sich die Alltagskleidung an. Dann fuhr sie nach Hause und duschte ausgiebig. Sie war richtig aufgeregt und überlegte, was sie anziehen sollte. Schließlich entschied sie sich für eine weiße, enganliegende Hose und eine passende Tunika. Sie legte eine Kette mit braunen Holzperlen um, die sie einmal auf einem Afrikamarkt gekauft hatte und ließ ihr Haar offen. Im Flur zog sie sich die hochhakigen Schuhe an , die Hubsi an ihr so mochte. Anja sagte zu sich selbst: “Des is nur a Essen mit mei’m Ex-Mann und koi Date”,  doch ihr Herz klopfte, als er an der Tür klingelte. Gemächlich öffnete sie ihm und da stand er vor ihr, in Jeans und T-Shirt und Anja strahlte ihn an. “Schee, dass’d mi eingladn hast. Wo geht’s denn hin?”, fragte sie ihn und er antwortete kurz angebunden: “Zum Ludwig’s. Kannst du fahrn?” Anja nickte und sie fuhren zu dem Lokal am Starnberger See. Hubsi hatte einen Tisch am Fenster reserviert und führte sie mit seiner Hand an ihrem Rücken zu dem Platz. Die Nervosität schnürte ihm die Kehle zu und er räusperte sich mehrmals. Der Kellner brachte die Speisekarte und während Hubsi den Schweinsbraten bestellte, wählte Anja das Kutschergulasch.

Beide nippten an ihrem Weinglas, bis Anja schließlich das Gespräch begann. “Was verschafft mir die Ehre, dass du mi zum Essen einlädst?” Gespannt wartete sie auf seine Antwort. Wenn erst mal das Essen auf dem Tisch stand, würde sie lange Zeit nichts mehr aus ihm herausbekommen. “Des hast du dem Riedl zu verdanken”, murmelte er schließlich. Überrascht sah Anja ihn an: “Wieso dem Riedl? Hat der gsagt, dass du mi einladen sollst?” Anja wusste nicht, was sie von dieser Information halten sollte. “Na”, wehrte Hubsi ab, “der hat die Lena zum Essen eingladn und da hab i dacht...” Wieder schwieg Anja, doch langsam ging ihr das Herumgeiere auf die Nerven. “I kapier’s net. Was hat des mit uns zu tun?” Hubsi sah sie erstaunt an: “Mit uns”, wiederholte er, “früher gab es mal ein Uns, Anja. Letzte Woche in der Kirch, da war i dir so nah wie lang nimmer. Plötzlich wollt i di küssen und in meinen Armen halten.”  

In diesem Moment kam das Essen und Anja hätte den Kellner am liebsten wieder fortgeschickt. Doch Hubsi schnitt sich gleich ein Stück vom Braten ab und schob es sich in den Mund. Er war ganz froh, dass der Kellner in diesem Moment gekommen war, den nun kam der heikle Punkt und da musste er noch über seine Wortwahl nachdenken. Anjas Körper kribbelte und sie merkte kaum, was sie aß. “Du warst aber hungrig”, bemerkte Hubsi zwischen zwei Bissen, als Anjas Teller kurz darauf leer war, “des hab i scho immer an dir gmocht, dass du im Lokal a anständigs Essen bstellst und net nur an Salat.” Schließlich hatte auch er aufgegessen und der Kellner nahm die leeren Teller mit. “Möchten die Herrschaften ein Dessert?”, erkundigte sich der Mann und Hubsis Augen leuchten auf. Er bestellte ein Mousse au Chocolat und Anja ein Vanilleeis mit heißen Himbeeren. “Einmal Mousse au Cocolat und Heiße Liebe”, notierte der Kellner und verschwand endlich.

Anja wurde etwas rot, doch Hubsi hatte genug Zeit gehabt sich den nächsten Schritt zu überlegen und begann doch tatsächlich mit ihr zu sprechen: “Anja, i hab mi gfreit, dass mir in der Kirch mal wieder normal miteinander gsprochn ham und uns mal net gstrittn. I will des au nimmer, mi streiten.” Er strich zärtlich mit seinem Daumen über ihre Hand, die auf dem Tisch lag. “Des will i au nimmer”, flüsterte Anja und sah ihm tief in die blauen Augen. “Mir ham so viele Jahre zusammen verbracht und des wirft man doch net oifach weg. Au wenn du mi nimmer liab hast, so würd i doch gern wenigstens mit dir befreundet sein, Anja.” Treuherzig sah er sie an und sie wusste, wie viel Überwindung es ihn gekostet hatte, dies auszusprechen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen und leise murmelte sie: “Wer sagt denn, dass i di nimmer liab hab?”

Der Kellner brachte den Nachtisch und dieses Mal war es Hubsi, den die Unterbrechung ärgerte. Liebte sie ihn noch? Schweigend schaufelte er die Mousse in sich hinein und auch Anja aß ihren Nachtisch auf ohne ein weiteres Wort zu sagen. Hubsi bezahlte und fragte dann: “Hast no Lust auf einen Spaziergang am See?”

Sie spazierten am Seeufer entlang und sahen nicht das junge Paar, das sich im Sonnenuntergang küsste. Sie setzten sich auf eine Bank und jetzt hatte Anja genug. “Franz”, wandte sie sich an ihren Ex-Mann, “was willst du mir eigentlich sagen?” Sie legte ihre Hand an seine Wange, so dass er sie ansehen musste. Endlich rückte Hubsi mit der Wahrheit heraus: “Gib mir no a Chance, i hab di immer no liab!” Seine Augen blickten sie sehnsüchtig an und seine Lippen näherten sich ihrem Mund. Überrascht erwiderte sie seinen Kuss, doch dann löste er sich von ihr und meinte: “Tschuldige, des war a Fehler!” Doch Anja streichelte über seine Wange und raunte ihm zu: “Na, des war’s net. I liab di, Franz, aber i hab Angst, dass des wieder schief geht mit uns.” Sie lehnte sich an seine Schulter und als er seinen Arm um sie legte, kuschelte sie sich an ihn. Sein Körper war so vertraut und als er sich wieder zu ihr herunterbeugte, genoss sie seinen zärtlichen Kuss. Arm in Arm sahen sie zu, wie die Sonne im See versank und hingen ihren Gedanken nach. Anja küsste seine Halsbeuge und legte dann ihren Kopf auf seine Schulter. Seine linke Hand streichelte sanft über ihren Oberarm, während die rechte auf ihrer Wange lag. Zärtlich küsste sie seine Handinnenfläche und hörte sein Herz klopfen. Schon lange hatte sie sich nicht mehr so geborgen gefühlt, wie jetzt in seinen Armen. Noch lange nachdem die Sonne verschwunden war, saßen die beiden auf der Bank und wollten sich nicht voneinander lösen. Erst als Anja fröstelte, löste sie sich von ihm und sah ihn an. “Soll i di no hoam fahrn?”, fragte sie und als er nickte, standen sie auf und gingen Hand in Hand zurück zum Parkplatz.

Bald stoppte sie vor seinem Haus und strich ihm liebevoll über die Wange. “Des war a scheener Obend mit dir, Franz.” Sie beugte sich zu ihm und küsste ihn zum Abschied. “Willst morgen zum Frühstück zu mir kommen?”, bat er sie und freute sich, als sie zusagte.

Diesen Samstag stand Hubsi früh auf und radelte zu, Café Rattlinger um Brötchen für sich und Anja zu kaufen. “Di siegt man au normal net so früh am Samstag”, wunderte sich Barbara und packte ihm die Semmeln ein, “kriagst Bsuch heit?” Doch Hubsi antwortete nicht und radelte zurück nach Hause. “Alter Stoffel”, rief die Bäckerin ihm noch nach. Zu Hause angekommen, richtete er den Frühstückstisch auf der Terrasse und dachte sogar an einen kleinen Blumenstrauß aus seinem Garten. Pünktlich klingelte es der Tür und Anja stand in einem Sommerkleid vor ihm. Verlegen bat er sie herein und küsste sie auf die Wange. “Mei Hubsi”, rief sie auf, als sie den Frühstückstisch sah, “des sieht aber toll aus.” Alle Unsicherheit war von Hubsi abgefallen und er führte sie zu ihrem Stuhl. Die ganze Nacht hatte er sich überlegt, was er ihr sagen wollte und auch wenn ihm jetzt nur noch die Hälfte einfiel, fühlte er sich froh und beschwingt. Auch Anja hatte die Nacht zum Nachdenken genutzt und hatte für sich beschlossen, das Wagnis einzugehen. Vielleicht brachte der Neuanfang am Ende nur Schmerz, aber das schöne Gefühl, das sie bei ihm spürte, war es wert. Deutlich gelöster als gestern Abend genossen sie das Frühstück und saßen dann eng nebeneinander auf der Gartenbank. “Mir sind jetzt no koin Tag wieder beineinander und i fühl mi scho wieder zu Hause bei dir”, sinnierte sie und er sah sie überrascht an: “Du meinst, du gibt’s mir no a Chance.” Liebevoll sah sie ihn an: “Du lässt mir ja koi Wahl, so liab wie du zu mir bist.” Der sonst zu mürrische Polizist lächelte sie glücklich an und küsste sie dann innig. Nach außen hin wirkte er oft gefühllos, doch sie wusste, dass er nur Angst vor seinen Gefühlen hatte und wenn man ihm diese Angst nahm, dann konnte er sehr einfühlsam und leidenschaftlich sein. Bisher war es nur ihr gelungen durch diese raue Schale zu dringen.

Von diesem Tag an trafen sie sich wieder regelmäßig und machten ihre neue Beziehung auch schnell öffentlich. Riedl und Lena hatten sie als eine Art Elternersatz auserkoren und als die beiden jungen Leute heiratet wollten, bot Anjas ihnen Hubsis Garten an. Etwas grantig stimmte er dem zu, doch nur unter der Bedingung, dass sie bis dahin wieder bei ihm einzog. “I will bei so was net der Gastgeber sei”, begründete er seinen Wunsch. Lächelnd versprach sie ihm das Verlangte und kündigte ihre Wohnung. Sie war sich sicher, dass ihr Glück dieses Mal für immer halten würde.
Ende
 
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