Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Als der Traum noch lebte

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
OC (Own Character) Thomas Andrews William M. Murdoch
03.11.2021
10.08.2022
12
67.338
14
Alle Kapitel
51 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
11.02.2022 6.794
 
Um Mathildas Schultern hing noch immer die karierte Decke, die ihr der Erste Offizier so fürsorglich umgelegt hatte. Obwohl dieses Stück Stoff genauso durchnässt war wie sie selbst, zog sie es enger um sich, berührte die Stellen, an denen er die Decke zuvor festgehalten hatte und lächelte dabei selig.
Dort oben an Deck, ganz dicht vor ihm, hatte Mathilda alles um sich herum vergessen können. Der Regen war auf sie herabgeprasselt und hatte ihre Klamotten binnen Sekunden durchnässt, doch das war ihr egal geworden. Allein die Anwesenheit des Ersten Offiziers hatte die Kälte vertrieben. Mathilda war nie glücklicher gewesen, als er ihr die Decke umgeworfen und sie damit nahe an sich herangezogen hatte. Noch immer spürte sie den warmen Atem auf ihrer Haut, roch sein Rasierwasser und glaubte noch immer, in seine dunkelblauen Augen zu sehen. Dieser Blick – so intensiv und voller Zuneigung – hatte sie spüren lassen, dass sie den richtigen Mann vor sich hatte. Ihn, nur ihn wollte sie.

Vom Glück beseelt schloss Mathilda die Türe ihrer Kabine hinter sich und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Sie seufzte verträumt und war so in ihrer rosa Wolke gefangen, dass sie Ediths Anwesenheit zuerst nicht bemerkte. Erst als ihre Freundin um die Ecke geschritten kam, erwachte Mathilda aus ihrem Liebestagtraum.

„Millie, Mr. Andrews war vorhin hier und...“ Edith hielt in ihrem Monolog inne und musterte ihre Freundin schockiert. „Gütiger Gott im Himmel, wie siehst du denn aus?!“

Mathilda konnte nichts anderes tun, als zu lächeln. „Ich hab mich verliebt“, rutschte es schließlich über ihre Lippen.

Für einen Augenblick lang klappte Edith die Kinnlade runter. „Du hast dich... verliebt?“ Das letzte Wort sprach sie aus, als sei es etwas, wovon beide keine Ahnung hatten. „In Mr. Murdoch?“

„Ich weiß, es klingt verrückt. Ich kenne ihn ja noch nicht einmal zwei Tage, aber... Edith, ich bin mir sicher, dass das der Mann ist, mit dem ich alt werden möchte“, säuselte Mathilda und machte einen Schritt auf Edith zu. Die Decke rutschte dabei von ihren Schultern und landete unachtsam auf dem Boden.

Einen Augenblick lang stand Edith das Misstrauen ins Gesicht geschrieben. Mathilda ahnte, dass Edith sich nur sorgte. Aber so schnell dieses Misstrauen aufgetaucht war, so schnell verschwand es wieder und Edith lächelte begeistert.
„Ich würde dich ja gerne umarmen, aber du bist klitschnass und Dr. O'Loughlin sagte, dass ich wahnsinnig aufpassen muss“, erklärte Edith, wobei sie ihre Hände auf ihre Brust drückte. „Aber ich freue mich aufrichtig für dich.“

Gerne hätte Mathilda ihr direkt von diesem merkwürdigen Nachmittag erzählt, aber durch die Erwähnung Dr. O'Loughlins fühlte sich Mathilda fast schon schäbig, nicht nach Ediths Gesundheitszustand gefragt zu haben. „Herrje, das tut mir leid. Ich hab gar nicht gefragt... wie geht es dir? Was hat der Arzt gesagt?“

„Nichts, was ich nicht schon wüsste. Er möchte aber, dass ich mich jetzt jeden Tag zweimal bei ihm einfinde.“ Edith hatte die Arme vor der Brust verschränkt, wandte sich in einer elegant, fließenden Bewegung um und lief voran ins Ankleidezimmer. „Komm schon, Millie. Ich mach dir das Korsett auf. Du musst dir dringend was anderes anziehen.“

Mathilda rollte mit den Augen. Es war absehbar gewesen, dass Edith ihren Gesundheitszustand wieder nicht mit dem nötigen Ernst betrachtete. Vielleicht war es aber auch schlimmer als gedacht und Edith wollte ihre Freundin nur nicht beunruhigen. Mathilda erschauderte bei dem Gedanken.
„Ja, du hast recht. Ich sollte meine Klamotten wechseln.“ Mathilda lag noch auf der Zunge, dass sie sich eine Erkältung zuziehen könnte, aber in Anbetracht von Ediths Gesundheitszustand schluckte sie die Worte runter.

Mathilda legte ihre Jacke nieder, während Edith meinte: „Willst du mir mehr von deinem Nachmittag erzählen? Ich verlange Details über dein Zusammentreffen mit Mr. Murdoch.“

„Können wir erst einmal über den Abend heute sprechen?“, wiegelte Mathilda ab. Sie fror auf einmal entsetzlich. Edith seufzte ergiebig und drehte die Heizung auf, worüber Mathilda unendlich dankbar war. „Mr. Andrews hat dir bestimmt von der Einladung berichtet, oder?“

„Das hat er, in der Tat.“ Edith trat wieder hinter ihre Freundin und half ihr aus den nassen Klamotten, die nur so am Körper zu kleben schienen. „Ich wusste nicht mal, dass Bernard Middleton an Bord ist. Er ist ein großartiger Künstler! Ein Meister seines Genres.“

Mathilda teilte Ediths Begeisterung für die Werke Middletons. „Ja, er ist ein Genie. Ich bin ganz aufgeregt, dass wir ihn heute treffen. Sag mal, hat Mr. Andrews was verlauten lassen, wer sonst noch eingeladen ist?“ Tatsächlich hatte Mr. Andrews Mathilda gegenüber nicht viel verlauten lassen. Während ihres Nachmittagstees hatte sich das Gespräch hauptsächlich auf Bernard Middletons Werdegang, seine Stücke und seinen Hang zu grandiosen Festen beschränkt.

Edith schien kurz zu überlegen. „Hm, ein paar Namen sind gefallen. Die Astors und Molly Brown auf jeden Fall. Mr. Ismay scheint auch dabei zu sein. Dr. Frauenthal und seine Gattin, sowie die Harders sind auch eingeladen. Das Ehepaar Widener mit ihrem Sohn ist wahrscheinlich auch anwesend, immerhin sind sie gute Freunde von Bernard“, plapperte sie, während sie Mathilda das Korsett aufschnürte. „Ah, und Kapitän Smith wird auch anwesend sein. Meistens nimmt er zu solchen Einladungen einen seiner Offiziere mit, habe ich mir sagen lassen.“

Die süffisante Note im letzten Satz ignorierte Mathilda, aber sie konnte es Edith nicht übel nehmen. Tief in ihrem Inneren hoffte die junge Frau natürlich, dass vielleicht ihr geliebter Offizier an der Seite des Kapitäns auf den Festlichkeiten erscheinen würde. Daher sagte sie: „Der Abend wird ohnehin schon aufregend genug, aber sollte William dort aufkreuzen...“ Sie ließ den Satz unbeendet, da sie bemerkte, was sie gesagt hatte.

„William?“, wiederholte Edith zuckersüß.

Nun begann Mathilda herzlich zu lachen. Sie wusste, dass es an der Zeit war, Edith reinen Wein einzuschenken. Immerhin hatte Mathilda ihre beste Freundin schon zu lange zappeln lassen. Und somit begann Mathilda zu erzählen. Sie berichtete Edith haargenau, wie das Gespräch abends an Deck abgelaufen war und wie sie dem Zweiten Offizier Lightoller begegnet war. Natürlich erwähnte sie dabei auch seine Worte, die ihr noch im Kopf umherschwirrten. Schließlich erzählte Mathilda auch davon, wie William Murdoch sie in diese Decke gewickelt hatte.

Während den Erzählungen hatte Edith neugierig gelauscht, wobei ihr hin und wieder ein verzückter Seufzer entwichen war. Mathilda hatte es genossen, ihrer Freundin von all diesen Glücksmomenten zu erzählen. Indessen war Mathilda auch wieder in trockene Klamotten geschlüpft. Den ganzen restlichen Nachmittag hatten die beiden Freundinnen dann damit verbracht, auf dem Promenadendeck zu sitzen und über den bevorstehenden Abend zu plaudern.


*****



„Herrje, was ziehe ich nur an?“

Diese Frage erfüllte nun schon zum gefühlt hundertsten Mal den Raum und blieb wie schon zuvor unbeantwortet. Die beiden Frauen überlegten seit einer geschlagenen Stunde, in welchem Kleid sie am meisten Eindruck hinterließen. Selbst wenn Edith keinen beeindrucken zu gedachte, wollte sie sich Bernard Middleton von ihrer besten Seite zeigen. Mathilda selbstverständlich auch. Nur für sie war neben Bernard Middleton auch die Tatsache, dass ein Offizier anwesend sein könnte, ausschlaggebend. Selbstverständlich könnte es auch einer der anderen Männer sein, der Kapitän Smith begleiten durfte. Insgeheim hoffte Mathilda aber nach wie vor auf Mr. Murdoch.

Mathilda stand mit dem Rücken zu Edith, die noch immer etwas davon murmelte, zu wenig Klamotten mitgenommen zu haben. Lachend wandte sich Mathilda zu ihrer Freundin, die gerade ein weiteres Kleid aus dem Schrank zog, kritisch ansah und wieder zurück in den Schrank packte.

„Edith, wenn das so weiter geht, können wir niemals zu dem Empfang“, gab Mathilda zu bedenken. Sie hatte sich zwischenzeitlich für ein dunkelblaues Kleid mit schwarzer Spitze entschieden. Mathilda liebte dieses Kleid. Es erinnerte sie an eines, das ihre Mutter einst getragen hatte. Natürlich war dies nicht dasselbe Kleid und mit deutlich mehr funkelnden Steinen benetzt, aber dennoch besaß es Ähnlichkeiten.

Ein abgrundtiefer Seufzer erfüllte den Raum. „Ich bin dabei, mich zu entscheiden“, sagte Edith nun, nahm zwei Kleider von den Bügeln und drehte sich zu Mathilda. „Welches soll ich anziehen?“

„Hm.“ Prüfend blickte Mathilda von dem smaragdgrünen zurück zu dem goldfarbenen. „Mir gefällt das grüne Kleid besser. Es passt besser zu diesem eleganten Abend. Und es wirkt wärmer. Das andere ist zu freizügig.“

Kritisch beäugte Edith noch ein letztes Mal beide Kleider, ehe sie zustimmend nickte. „Feine Auswahl. Dann werfe  ich mich in das grüne Gewand“, erklärte Edith feierlich und verschwand in den Nebenraum. „Sag Bescheid, wenn du Hilfe beim Ankleiden benötigst.“

Natürlich benötigte Mathilda ihre Hilfe. Umgekehrt war es selbstverständlich nicht anders. Die beiden Frauen hatten ohnehin schon genügend Zeit verloren, sodass es jetzt mit dem Auftragen des Make-Ups und dem Frisieren der Haare doch etwas schneller gehen musste. Ediths umfassendes Talent, ihre Haare in wenigen Minuten zu einer edlen Frisur zusammenzustecken, zahlte sich mal wieder aus. Somit konnte sie dabei helfen, Mathildas rötliche Mähne in eine zauberhafte Hochsteckfrisur zu verwandeln.

Mathilda prüfte nochmal die Frisur, zupfte hier und da noch ein paar Strähnen zurecht und legte dann noch eine passende Kette um. Mathilda war zufrieden. Und Edith offenbar auch, denn die schien aufbruchbereit zu sein. Bevor die beiden Frauen jedoch die Lichter in ihrer großen Kabine gelöscht hatten, klopfte es an der Türe.

„Oh, ein privater Abholservice“, grinste Mathilda, während Edith überprüfte, alle Fenster geschlossen zu haben. Schließlich wollten sie nicht in eine eiskalte Kabine zurückkommen.

Unterdessen öffnete Mathilda die Türe und blickte in das freundliche Gesicht von Mr. Andrews, der sich offenbar zur Aufgabe gemacht hatte, die Damen persönlich zur Feierlichkeit zu eskortieren.
„Mr. Andrews, guten Abend. Sind Sie unsere Begleitung?“, meinte Mathilda gut gelaunt.

„So in etwa darf man mich heute bezeichnen.“ Er lachte entspannt. „Sind die Damen fertig? Oder benötigen Sie noch ein paar Minuten? Wir haben es nicht eilig. Ich kann gerne noch warten.“

Mathilda kam nicht dazu, ihm eine Antwort zu geben, denn Edith stand schon Gewehr bei Fuß und meinte: „Nicht doch, wir sind fertig. Wir können uns gerne auf den Weg machen.“

„Sehr schön.“ Mr. Andrews wartete ab, bis die beiden Frauen auf den Flur getreten waren und bot jeder von ihnen einen Arm an. Die Damen ergriffen die Arme fast synchron und ließen sich von dem Konstrukteur auf das B-Deck führen.

Bernard Middletons Feier fand in dem edlen à la carte Restaurant von Luigi Gatti statt, in dem  Mathilda und Edith erst gestern gespeist hatten. Mathilda war schrecklich aufgeregt, und das aus vielerlei Gründen: die gehobene Gesellschaft mit all ihren wichtigen Darstellern in diesem feinen Lokal, dann der Gastgeber, dessen Arbeit bei Mathilda größte Bewunderung hervorrief und natürlich die Aussicht, dass Mr. Murdoch ihr heute vielleicht nochmal über den Weg laufen könnte.

Auf dem B-Deck angekommen erkannte Matilda, dass sich schon einige Gäste Middletons in dem Empfangsraum in georgianischem Stil vor dem Lokal tummelten. Auf den Sesseln, die mit feinster Seide überzogen waren, hatten sich die Astors platziert und plauderten mit Helen Candee, einer alleinreisenden Schriftstellerin.
Dr. Henry Frauenthal und seine Gattin Clara unterhielten sich inzwischen mit Edith und Mr. Andrews, wobei Mathilda sich erst am Gespräch beteiligte, als der Konstrukteur sie den beiden vorstellte. Henry Frauenthal war ein bekannter Chirurg Anfang fünfzig. Mit seinem kahlen Kopf und dem dichten Bart gab er in Mathildas Augen keinesfalls eine attraktive Erscheinung her, doch Clara Frauenthal blickte zu ihm auf, als gäbe es keinen besseren Mann auf dieser Erde. Beide waren in einem Alter, in dem sie sich vielleicht schon über Enkelkinder freuen könnten, doch wie Mathilda erfuhr, befanden sich die Frauenthals auf Hochzeitsreise als Frischvermählte.

Unter dem Klang der Orchester-Violinen wurde die Türe zu Luigi Gattis Lokal geöffnet und im Türrahmen erschein Bernard Middleton, der wie ein hochangesehener Graf auf seine erlesenen Gäste wartete. Die Menschen, die neben der Türe standen, nutzen die Gelegenheit direkt für einen Plausch mit ihm. Mathilda beobachtete die Szenerie mit Argusaugen. Bernard Middleton machte eine hervorragende Figur in dem grauen, schicken Anzug. Seine dunkelblonden Haare waren fein frisiert und sein Lachen nahm jeden sofort in seinen Bann. Jeder konnte diesem Mann mittleren Alters ansehen, dass er dazu geschaffen war, Menschen zu unterhalten und ihnen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

Mathilda war begeistert und ihre Hände zitterten vor Aufregung. Mr. Andrews schien diesen Umstand zu bemerken und tätschelte ihre Hand. „Nur Mut. Er ist Komplimente gewohnt“, machte er einen Scherz, um ihr die Nervosität zu nehmen.

Doch Mathilda hörte schon gar nicht mehr hin, als sie auf den Gastgeber dieser Feierlichkeit zuschritten. Mathilda wagte einen Seitenblick zu Edith und hätte am liebsten laut geseufzt. Im Augenblick wünschte sie sich nichts sehnlicher, als Ediths Nerven zu haben. Zufrieden und vollkommen selbstbewusst schritt die dunkelhaarige Frau an Mr. Andrews' Seite auf Bernard zu.

„Thomas, mein Guter! Wie schön dich zu sehen“, begrüßte der Theaterregisseur den Chefkonstrukteur überschwänglich. Dabei warf er freudig seine Arme in die Luft und hätte damit beinahe dem armen George Widener einen Schlag verpasst, wäre dieser einen Schritt näher bei ihm gestanden.

„Bernard, du siehst wie immer blendend aus. Offenbar hat dir deine Rundreise gut getan“, merkte Mr. Andrews an und Mathilda ahnte, dass er damit auf Bernards umfassende Europareise anspielte.

Bernard Middleton raffte sein Jackett und erwiderte gut gelaunt: „Und sie ist noch nicht zu Ende. Aber zuerst lege ich eine kleine Schaffenspause ein und widme mich den unendlichen Weiten der Vereinigten Staaten von Amerika. Aber jetzt sag schon, Thomas – wer sind diese beiden reizenden Damen?“

„Herrje, wo bleiben meine Manieren?“ Thomas Andrews musste lauthals lachen. „Bitte, meine Damen, ich darf Ihnen Bernard Middleton vorstellen. Bernard, die Dame zu meiner rechten Seite ist Edith McClary und zu meiner linken Mathilda Briscom.“

Bernard Middleton begrüßte die Damen mit einem charmanten Handkuss und Mathilda war wieder fern jeglicher Worte, was zum Glück von Edith bemerkt wurde und sofort mit der Konversation begann. „Mr. Middleton, wir freuen uns wirklich sehr, Teil Ihrer wunderbaren Feier zu sein. Meine gute Freundin Mathilda und ich sind große Bewunderer Ihrer Arbeit“, flötete Edith, was Mathilda wieder beeindruckte.

Um Bernards Mundwinkel bildeten sich sympathisch wirkende Grübchen, als er lächelte. „Das freut mich wirklich sehr, meine Damen. Bitte seien Sie versichert, dass auch ich mich freue, Sie heute auf meiner bescheidenen Feier zu haben. Amüsieren Sie sich, genießen Sie das Essen, die Gespräche und die Musik. Selbstverständlich freue ich mich auf weitere Unterhaltungen, in denen wir uns ein wenig besser kennenlernen können. Thomas, die Damen – ich empfehle mich.“ Er deutete eine leichte Verbeugung an.

Mathilda seufzte. Zu gerne hätte auch sie sich mit ihm unterhalten, wenn sie mehr Mut gehabt hätte. Aber sie konnte es ihm auch nicht verübeln, dass er so kurz angebunden war, immerhin waren sie nicht die einzigen Gäste, die mit ihm sprechen oder ihn beglückwünschen wollten.
Bei Bernards Aussage über eine „kleine bescheidene Feier“ kam Mathilda nicht umhin, zu schmunzeln. Luigi Gattis Restaurant war zwar um einiges kleiner, als der Hauptspeisesaal auf dem D-Deck, doch auch hier fanden fast einhundertvierzig Passagiere Platz. Und da Bernard Middleton nicht gerade wenig Leute eingeladen hatte, war das Restaurant schnell voll. Trotzdem ließ Mathilda interessiert ihren Blick schweifen. Gestern hatte sie die Schönheit dieses Raumes aufgrund ihrer Nervosität bezüglich ihrer Verabredung gar nicht wirklich wahrgenommen.
Diese Lokalität war nicht weniger luxuriös als der Rest des Schiffes. Eingerahmt wurde der Raum von exquisit geschnitzten französischen Walnussvertäfelungen, die mit vergoldeten Messingakzenten verziert waren. Massive Säulen mit Wellenmotiven waren im kompletten Raum verteilt und ergaben mit den Blumenmotiven an der Decke ein rundes, stimmiges Bild. Entlang der hinteren Wand hatte sich das Orchester auf einem erhöhten Musikpavillon platziert und spielte unermüdlich seine Lieder.

Trotz seiner nicht gerade geringen Größe bot dieser Raum eine sehr intime Atmosphäre. Die Tische waren so gestellt, dass maximal vier Personen an einem Platz fanden. Tische für größere Gruppierungen gab es nicht.

Mr. Andrews rückte zuerst Edith, dann Mathilda den Stuhl zurecht, ehe er sich selbst setzte. „Ich bin gespannt, welches Menü sich die Küche einfallen hat lassen“, merkte Mr. Andrews an.

„Bestimmt hatte Bernard Middleton da auch seine Finger im Spiel. Immerhin überlässt er nichts dem Zufall“, war sich Edith sicher, die sich im nächsten Moment über die hübsche Tischdekoration erfreute.

Mr. Andrews stimmte dieser Aussage lachend zu, aber bevor er weiter über dieses Thema mit seinen Tischdamen sprechen konnte, steuerte ein bekanntes Gesicht auf die drei zu. „Wartet dieses Plätzchen noch auf einen Besitzer?“ Es war Molly Brown, die an den Tisch getreten war. „Thomas, Sie scheinen es sich zur Aufgabe gemacht zu haben, alleinreisenden Damen Ihre Gesellschaft anzubieten.“ Ihr Lachen war ansteckend und außer Molly Brown hätte sich niemand getraut, eine solche Aussage zu tätigen.

Doch auch Thomas Andrews war mit einem hervorragenden Humor gesegnet, denn er erwiderte lachend: „Na, irgendwie muss ich mir ja die Zeit vertreiben. Außerdem würde mir meine Frau auf die Finger hauen, wenn ich hier an Bord keinen perfekten Gastgeber, in diesem Sinne, abgegeben würde. Aber bitte, Molly, setzen Sie sich doch.“ Der Gentleman erhob sich und zog auch der dritten Dame im Bunde den Stuhl zurecht.

Mathilda lachte immer noch aufgrund des amüsanten Schlagabtausches. Unterdessen hatten die Kellner bereits kleine Schälchen mit Weintrauben an die Gäste verteilt und füllten die Gläser fleißig mit Champagner. Mathilda saß direkt gegenüber von Molly Brown, in deren Rücken sich der Eingang des Restaurants befand. Neugierig beobachtete Mathilda die einzelnen Gäste, die das Lokal betraten. Viele davon kannte Mathilda mittlerweile.
Molly Brown war inzwischen dazu übergegangen, von ihrem Nachmittag zu berichten, den sie einerseits im Schwimmbad und andererseits im Lesezimmer verbracht hatte. Dass ihr dabei einige kuriose Dinge passiert waren, war absehbar und wie immer sehr witzig anzuhören. Mathilda wurde mit jeder Minute entspannter, bis Bernard Middleton an ihrem Tisch vorbei huschte und laut genug den nächsten Gast ankündigte, während er auf ihn zustürmte.

„Welch Ehre, Sie heute als meinen Gast begrüßen zu dürfen, Kapitän Smith.“

Augenblicklich reckte Mathilda ihren Kopf in die Höhe, was direkt von Molly Brown bemerkt wurde. Irritiert blickte die reiche Frau über ihre Schulter und folgte Mathildas Blick. Kapitän Smith betrat soeben den Raum und es war das erste Mal, dass Mathilda den Kapitän dieses wunderbaren Ozeandampfers zu Gesicht bekam. Sein Erscheinungsbild war genauso, wie jeder sich einen Kapitän vorstellte: Stattlich, mit einem freundlichen, offenen Blick und einem dichten weißen Bart.

„Dieser Mann hat eine faszinierende Ausstrahlung“, raunte Edith ihrer Freundin ins Ohr.

Mathilda konnte nur schwach nicken. Ihre Aufmerksamkeit galt seit dem Bruchteil einer Sekunde nicht mehr Kapitän Smith, sondern vielmehr dem Mann, der direkt nach ihm den Raum betreten hatte und nun von Bernard Middleton begrüßt wurde. Mathilda konnte es nicht fassen – ihre Gebete waren tatsächlich erhört worden. William Murdoch hatte heute die ehrenhafte Aufgabe, den Kapitän auf diesen Anlass zu begleiten. Wieder einmal stach Mathilda ins Auge, wie gut er in dieser perfekt sitzenden Uniform aussah. Allerdings fehlte etwas: die Offiziersmütze. Natürlich, denn es gehörte sich nicht, eine Kopfbedeckung während eines Essens zu tragen. Dennoch war es für Mathilda eine Art Premiere, denn immerhin war ihr Mr. Murdoch bisher nur mit Kopfbedeckung begegnet. Seine fülligen, haselnussbraunen Haare waren akkurat und ordentlich frisiert, und ließen ihn noch offener wirken.

Fasziniert beobachtete Mathilda, wie Mr. Murdoch mit Bernard Middleton eine kurze Unterhaltung führte und ein charmantes Lächeln zur Schau trug. Wie immer strahlte ihr geliebter Offizier pure Freude und Sympathie aus. Gepaart mit dieser geraden Haltung und seinem zauberhaften Grinsen, konnte Mathilda nicht anders als sehnsüchtig zu seufzen. Allerdings nicht leise genug, denn Edith tippte sie unter dem Tisch mit ihrem Fuß gegen das Schienbein.
Irritiert sah Mathilda zuerst zu Edith, die ihr einen mahnenden Blick zuwarf, und schließlich zu Mr. Andrews, der ihre veränderte Haltung längst bemerkt hatte und mit einem amüsierten Lächeln quittierte. Nur Molly Brown hatte von Mathildas tanzenden Gefühlen nichts mitbekommen, da auch sie das Geschehen an den hinteren Tischen im Blickfeld hatte.

„Na, da hat unser Bernard wohl wieder die Creme de la Creme der Titanic eingeladen“, erklärte Molly entzückt, wobei ihr tiefes Lachen ihnen die Aufmerksamkeit des Nebentisches einbrachte. An diesem saß auch Helen Candee, die Molly mit ihrem Glas daraufhin zuprostete. Molly erwiderte den Gruß, was Edith kichern ließ.

Mathilda nippte ebenfalls an ihrem Glas, hatte jedoch weiterhin einen anderen Tisch im Auge. Molly Brown und Mr. Andrews saßen praktischerweise genau so, dass Mathilda problemlos den Tisch, an dem Kapitän Smith und Mr. Murdoch saßen, beobachten konnte. Die beiden Männer teilten sich den Tisch mit Gastgeber Bernard Middleton und Archibald Gracie. Sicherlich eine amüsante Tischrunde. Zu gerne hätte Mathilda gewusst, um was es in dem Gespräch ging.
Kapitän Edward J. Smith unterhielt sich angeregt mit Bernard, der anscheinend wieder dabei war, eine seiner endlosen Anekdoten zu erzählen. Seine wilde Gestikulation mit den Händen verriet es eindeutig. Der Kapitän der Titanic lachte dabei herzlich, während Archibald Gracie gespannt zu lauschen schien. William Murdoch schien sich hingegen nur hin und wieder am Gespräch zu beteiligen. Vielmehr wirkte er, als würde er sich umsehen. Mathilda behielt ihn dabei genau im Auge, senkte jedoch ab und zu ihren Blick, um nicht aufzufallen. Immerhin hatte Molly Brown ebenfalls damit begonnen, eine Geschichte zu erzählen, doch Mathilda hörte kaum hin.

Lange hielt es Mathilda jedoch nicht aus, sich ausschließlich auf ihre Tischgenossen zu konzentrieren. Sie hob ihren Blick und genau in diesem Moment schien auch Mr. Murdoch zu finden, wonach er gesucht hatte. Überrascht erkannte Mathilda, dass er nun in ihre Richtung sah und sein ohnehin schon charmantes Lächeln wurde noch eine Spur wärmer, als sich ihre Blicke trafen. Mathildas Herzschlag überschlug sich aufgeregt und trotz dieser Tatsache schaffte sie es, ein Lächeln zu erwidern. Die Nervosität schlängelte sich wieder durch ihre Adern und so gerne sie sich in seiner Nähe aufhielt, so froh war sie jedoch, dass sie im Moment an einem anderen Tisch saß. Somit durfte sie ihn erst einmal wieder aus der Ferne anhimmeln.


*****



Unterhaltsame Gespräche, ein zauberhaftes Menü mit allen Geschmacksvarianten und Musik, die zum Tanzen animierte. Der Abend schritt viel zu schnell voran. Wieso war es nicht möglich, die Zeit für einen Augenblick anzuhalten? Stunden, in denen herzlich gelacht und gut gegessen wurde, vergingen wie im Flug. Die Stimmung in diesem wundervollen Ambiente war fast zu schön, um wahr zu sein. Doch es war kein Traum – es war einfach nur märchenhaft.

Zumindest erschien es Mathilda als wäre sie in einem Märchen. Dass Edith sie zu dieser Reise überredet hatte, konnte Mathilda nur als unendlichen Glückstreffer verbuchen. Von ihrer Seite aus hätte diese Reise noch um einige Zeit länger dauern können, so sehr genoss Mathilda das süße Leben auf diesem schwimmenden Palast.
Selig lächelnd saß sie an ihrem Tisch und lauschte Molly Browns erneuter Abenteuergeschichte. Dieses Mal ging es darum, wie sie und ihr Mann sich einst in Italien verirrt hatten.
Mittlerweile hatte es sich Gastgeber Bernard Middleton zur Aufgabe gemacht, von einem Tisch zum anderen zu wandern, um mit jedem seiner Gäste mit einem Gläschen Champagner anzustoßen und einen kurzen Plausch zu halten. Bernards einnehmende Art brachte Mathilda zum wiederholten Male zum lachen. Sie wusste gar nicht, wohin sie zuerst sehen sollte: Zu Molly, die mit unendlicher Freude von ihrer Reise erzählte, oder zu Bernard, der gerade den Nebentisch mit dem Ehepaar Frauenthal unterhielt. Zwischenzeitlich hatten ein paar seiner Gäste auch etwas Platz geschaffen, um zu der Musik des kleinen fünfköpfigen Orchesters tanzen zu können.

Mathilda beobachtete interessiert, wie sich vereinzelte Paare auf der provisorischen Tanzfläche miteinander im Kreis drehten. Auch Bernard hatte sich mittlerweile eine Tanzpartnerin geschnappt. Laut juchzend schwang der Theaterregisseur mit Mrs. Frauenthal das Tanzbein. Ihr Gatte Henry saß unterdessen am Tisch und klatschte lachend im Takt mit, während er die beiden beobachtete.
Eigentlich hätte Mathilda auch Edith auf der Tanzfläche vermutet, doch ihre Freundin hielt sich dezent zurück, da ihr Gesundheitszustand eine wilde Runde auf der Tanzfläche es nicht zuließ. Ediths Gesichtsausdruck sprach Bände. Sicherlich wäre sie gerne mittendrin gewesen, aber ihre Gesundheit ging nun einmal vor. Mathilda war stolz auf Edith. Immerhin wusste sie, wie gerne Edith tanzte. Mathilda selbst war weder eine gute noch begeisterte Tänzerin, obwohl sie zugeben musste, dass die Paare dabei richtig glücklich aussahen und offensichtlich Spaß hatten. Mit dem richtigen Tanzpartner wäre es garantiert eine Überlegung wert...

„Schenken Sie mir den einzigen Tanz des Abends?“

Hier war er wieder – dieser eine Augenblick, der tatsächlich aus einem Märchen stammen könnte, wenn der schöne Prinz die unscheinbare Dame zum Tanz aufforderte. Ein unwirklicher Traum, doch nicht für sie. Mathilda blickte zuerst auf die Hand, die ihr auffordernd entgegengehalten wurde, und schließlich in das bekannte Gesicht, aus dem zwei blaue Augen sie anfunkelten.

„Mr. Murdoch, ich...“ Mathilda war sprachlos. Ihr war entfallen, dass er sich vom Tisch wegbewegt hatte. Doch er stand hier, direkt vor ihr.

Edith tippte sie unauffällig mit dem Fuß an und lächelte ihr aufmunternd zu. Genau in diesem Augenblick fragte sich Mathilda, weswegen sie überhaupt in ihrer Entscheidung zögerte? Niemand würde schlecht über sie reden, nur weil sie mit einem attraktiven Mann tanzen würde. Und selbst wenn – was kümmerte sie es?

Mutig ergriff Mathilda die Hand des Ersten Offiziers und ließ sich von ihm vom Stuhl aufhelfen. „Ich schenke Ihnen liebend gern meinen einzigen Tanz des Abends“, merkte Mathilda dabei an und erntete ein strahlendes Lächeln ihres Tanzpartners.

Unter den Augen von Edith, Mr. Andrews und Molly Brown ließ sich Mathilda von ihrem Offizier auf die kleine Fläche führen, auf der noch immer einige Pärchen miteinander im Takt zur Musik schwebten.
Mathilda spürte seine Hand auf ihrem Rücken, während er langsam zu führen begann. Galant bewegte er sich mit Mathilda im Arm über die Tanzfläche und für die junge, aufgeregte Frau fühlte es sich an, als schwebte sie über Wolken. Zum ersten Mal seit sie ihn kannte, konnte sie seinem fesselnden Blick standhalten. Ohne seine Offizierskappe konnte sie sein Gesicht noch eindringlicher mustern und es gefiel ihr. Sein Blick wirkte dadurch noch offener als ohnehin schon.

Ein triumphierendes Grinsen umspielte seine Mundwinkel. „Ich hatte gehofft, Sie heute hier anzutreffen“, gestand Mr. Murdoch ehrlich, während er sie weiterhin über die Tanzfläche führte.

Überrascht zog Mathilda ihre Augenbrauen nach oben. „Wirklich? Damit hätte ich nicht gerechnet“, offenbarte sie. Über ihre Arme zog sich eine angenehme Gänsehaut. Ihm so nahe zu so und von ihm festgehalten zu werden, erfüllte sie mit einem prickelnden Gefühl.

„Dass ich hier sein würde oder auf Sie gehofft habe?“ Erneut traf sie einer seiner Blicke, der ihr weiche Knie bescherte.

„Beides.“ Mathilda schmunzelte. „Also haben Sie heute die Ehre, den Kapitän zu begleiten?“

Mr. Murdoch blickte kurz über ihre Schulter. Wahrscheinlich bedachte er seinen Vorgesetzten mit einem Blick, ehe er antwortete. „Sagen wir es mal so, ich hab mich angeboten, mitzukommen“, erklärte er fast schon zurückhaltend. Als Mr. Murdoch ihren irritierten Blick auffing, fügte er noch grinsend hinzu: „Nun ja, Charles, also, Mr. Lightoller hat mitbekommen, dass Sie von Mr. Andrews zu dieser Feier eingeladen wurden. Das hat er mir dann erzählt und da eigentlich Charles hierher mitkommen sollte... naja.“ Er ließ den Satz in der Luft hängen.

Mathilda war kurz davor, einfach laut aufzulachen. Offenbar schien Mr. Lightoller gelauscht zu haben, als sie bei Mr. Andrews geklopft hatte. Jetzt wollte sie es genauer wissen. „Nein, Sie werden jetzt nicht einfach schweigen. Ich will die ganze Geschichte hören“, drängte Mathilda. Nun war ihr Interesse geweckt. Die Musiker spielten inzwischen ein langsameres Stück, was es ihnen möglich machte, ruhig miteinander zu sprechen.

Wieder lachte der Offizier auf. „Also schön“, gab er sich geschlagen. „Er hat mir erzählt, dass er Ihnen begegnet ist. Und hat dann zufällig das Gespräch mit Mr. Andrews mitbekommen. Ich war auf unserer letzten Überfahrt zusammen mit dem Kapitän schon auf einer solch erlesenen Feier eingeladen gewesen. Eigentlich wäre nun Charles an der Reihe gewesen, den Kapitän zu begleiten, aber er hat eine kleine List angewandt, damit doch ich mitgehen kann.“

„Ein guter Freund“, merkte Mathilda an. „Aber warum? Nur um mir wieder über den Weg zu laufen?“ Im Grunde hätte sie es niemals gewagt, diese Frage laut auszusprechen, aber hier, in diesem unwirklichen, niemals endenden Märchen, wagte sie es.

Dieser sehnsüchtige Blick, den er ihr zuwarf, fühlte sich magisch an und Mathilda bekam das Gefühl, ganz alleine mit ihm in diesem Raum zu stehen. Frei von allen Verpflichtungen und Vorstellungen der höheren Gesellschaft. Bei ihm konnte sie es sein – frei.
Im ersten Augenblick erwiderte William Murdoch nichts darauf, erst als Bernard Middleton mit Molly Brown das Tanzbein schwang und dicht an ihnen vorbei seine Kreise drehte, unterbrach der Offizier den intensiven Blickkontakt.
„Der Kapitän hat mich für die nächste Stunde noch freigestellt. Möchten Sie kurz mit nach draußen an die frische Luft?“

Mathilda war zunächst überrascht von dieser Frage, aber ihr ganzer Körper schrie danach, mit ihm alleine zu sein. Somit erwiderte sie: „Oh, das klingt verlockend. Frische Luft ist vielleicht nicht ganz verkehrt.“

Ohne sich noch einmal zu Edith, deren Blicke sie sich sicher war, umzudrehen, folgte Mathilda dem Ersten Offizier aus dem Raum hinaus. Dabei hatte er sie kurzzeitig losgelassen, um nicht die komplette Aufmerksamkeit der Gemeinschaft auf sich zu ziehen. Mathilda verstand dies durchaus. Wäre sie Arm in Arm mit einem Offizier nach draußen verschwunden, hätte sie sich garantiert pikierte Blicke eingefangen. Nicht auszudenken, was Mr. Murdoch dadurch erwartet hätte. Spott und Hohn der Obrigkeit – und damit war nicht einmal Kapitän Smith gemeint. Im Vorbeigehen nickte er seinem Vorgesetzten zu, was Mathilda ebenfalls tat. Der Mann mit dem weißen Vollbart schenkte ihr ein väterliches Lächeln und sofort verspürte Mathilda einen kurzen Stich der Sehnsucht nach ihrem eigenen Vater.

„Der Kapitän scheint ein netter Mann zu sein“, sagte Mathilda, während sie mit Mr. Murdoch im Lift nach oben fuhr. Mit einem leisen Glockenklang signalisierte der Aufzug, dass sie angekommen waren und der Liftboy öffnete ihnen die Türe.

„Das ist er wirklich“, bestätigte Mr. Murdoch, der ihr die Türe aufs Deck hinaus aufhielt. „Immer gut gelaunt und sehr menschlich. Aber er erwartet natürlich auch dementsprechend viel von seinen Offizieren.“

Mathilda stützte ihre Arme auf der Reling ab und lächelte dabei amüsiert. „Ich bin mir sicher, dass Sie diese Erwartungen zu seiner vollsten Zufriedenheit erfüllen.“ Plötzlich spürte sie, wie eine warme Jacke um ihre Schultern gelegt wurde. Die Jacke roch herrlich nach diesem markanten Rasierwasser, welches sie stets mit ihrem liebsten Offizier verband und garantiert nie wieder vergessen würde. „Vielen Dank“, sagte sie leise.

Unter das leise Rauschen der Wellen mischte sich ein reizvolles Lachen. „Gern geschehen. Ich möchte ja nicht, dass Sie sich verkühlen. Obwohl Ihnen Kälte wenig auszumachen scheint, dürfen Sie diese Temperaturen nicht unterschätzen. Wir befinden uns immerhin mitten auf dem Nordatlantik.“ William Murdoch lehnte gemütlich neben ihr an der Reling und bedachte sie mit einem fürsorglichen Blick.

„Versprochen. Ich werde aufpassen.“ Mathilda zog die Jacke enger um ihre Schultern. „Die klare Luft tut im Moment wirklich gut, aber jetzt sagen Sie schon – eine Frage ist noch offen. Sie sind nur auf diese Feier, in der Hoffnung, mich wiederzusehen?“

Eine Stille, in der sie einander nur eindringlich in die Augen blickten, entstand. In der Luft lag ein aufregendes Knistern, was von der warmen, aber zurückhaltenden Beleuchtung nochmal unterstrichen wurde.
„Ja, darauf habe ich gehofft, Mathilda.“

„Ich... was...“ Ihr Mut, den sie zuvor noch auf der Feier verspürt hatte, war wie weggeblasen. Jetzt, da Mathilda mit ihm alleine war und er sie zum ersten Mal beim Vornamen nannte, fühlte sie sich wieder wie das kleine Schulmädchen, das sich heimlich von zu Hause weggeschlichen hat, um ihren Schwarm zu treffen.

„Nein, bitte nicht verlegen werden.“ Auf einmal stand er noch dichter an ihrer Seite. Seine Hand fand ihren Weg zu Mathildas Wange und ruhte dort erst einmal. „Ich hätte es niemals für möglich gehalten, im Leben jemals so fasziniert von einer Frau zu sein. Mathilda, Sie sind eine bezaubernde Frau.“

Seine Stimme war mehr ein Flüstern, doch seine Tonlage unterstrich die ausgewachsene Gänsehaut, die sich auf Mathildas gesamten Körper bildete, nur noch zusätzlich. Mathilda legte ihre Hand auf seine, die noch immer auf ihrer Wange lag. „Ich bin so froh, dass ich mich zu dieser Reise überreden habe lassen“, erwiderte sie mit trommelndem Herzschlag. „Niemals hätte ich zu träumen gewagt, jemanden wie Ihnen zu begegnen, William.“

In der nächsten Sekunde spürte sie seine Lippen auf ihrer Stirn, ehe er leise verlauten ließ: „Gefällt mir. Mein Name mit dem Klang Ihrer Stimme.“

„Geht mir genauso.“ Mathilda blickte sehnsüchtig zu ihm auf. In seinem Gesicht konnte sie dieses begehrenswerte Lächeln erkennen, das ihr nur allzu deutlich machte, dass er jeden seiner Sätze ernst gemeint hatte. Mathildas Glückshormone tanzten einen wilden Rhythmus durch ihre Glieder. Wie sehr sie diesen Mann doch begehrte! Und als William sie an seiner Jacke näher an sich heranzog, bekam Mathilda endgültig weiche Knie.

„Nun, dann hoffe ich, dass ich mir jetzt keine Ohrfeige einfange.“ William Murdoch ließ Mathilda keine Chance mehr, darauf irgendetwas zu erwidern. Er überbrückte die wenige Distanz zu seiner Tanzpartnerin zügig und Mathilda wäre am liebsten komplett in seinen Armen versunken, als sie seine warmen Lippen auf ihren spürte.

Ganz vorsichtig, als wolle er um ihre Erlaubnis bitten, hauchte er ihr diesen langersehnten Kuss auf. Mathilda ließ es zu. Ihre Aufregung klatschte sich innerlich mit der unendlichen Freude ab und die Glückshormone taumelten wie betäubt durch ihren Körper. Sie spürte, dass er seine ganze Liebe in diesen Kuss legte, als wolle er ihr ohne Worte sagen, wie viel sie ihm bedeutete. Und Mathilda hoffte so sehr, dass auch er spürte, was sie für ihn fühlte.
Ihre Knie waren immer noch gefährlich weich, und so war sie froh darüber, sich eng an ihn lehnen zu können; bei ihm Halt zu finden; die Hände auf seiner Brust ruhend, während er sie festhielt.

Versunken in einem Strudel aus hingebungsvoller Liebe und unendlicher Aufregung, nahm Mathilda nichts mehr wahr. Ihr war es egal, wer nun ihren Weg kreuzen würde oder wie stark der Wind hier draußen ihnen um die Ohren pfiff. In diesem magischen Augenblick waren nur sie beide wichtig. Niemals hätte Mathilda zu träumen gewagt, dass auch William genau dieselben Gefühle für sie verspürte, wie sie für ihn. Mathilda war unendlich glücklich. Belustigt stellte sie fest, dass sie ihren Traummann niemals hätte finden können, wenn er hier auf den Weltmeeren unterwegs war. Auf dem Festland hätte sie da vergeblich suchen können. Aber hier war er – der Mann, auf den sie so lange gewartet hatte.

Mathilda begann automatisch zu lächeln und schnappte sogleich nach Luft, als William den Kuss unterbrach. Er stimmte in ihr leises Lachen mit ein, während er seine Stirn liebevoll an ihre drückte.

„Dafür bekommen Sie bestimmt keine Ohrfeige“, seufzte Mathilda glücklich. Vom Glück beseelt lehnte sie ihren Kopf gegen seine Schulter, was den Offizier dazu veranlasste, seine Arme schützend um ihren zierlichen Körper zu legen. Mathilda spürte seinen gleichmäßigen Herzschlag, der sie zur Ruhe kommen ließ. In seinen Armen fühlte sie sich unendlich geborgen und beschützt. Genau dieses Gefühl wollte sie ihr Leben lang haben. Durch seinen zärtlichen Kuss, wusste Mathilda, dass es ihm wohl genauso ging.

Zwei liebende Herzen, die einander auf dem unendlich weiten Meer gefunden hatten.


*****



12. April 1960 – Southampton


Ein rauschendes Fest. Ein Tanz über den Atlantik. Ein sehnsüchtig herbeigesehnter Kuss.

Ein Traum, der niemals enden sollte.

Aber der Traum hatte ein Ende gefunden. Und zwar genau am 15. April 1912. Ein Traum, der sich in einen Alptraum verwandelt hatte. Und genau diesen durchlebte Mathilda nun schon seit fast fünfzig Jahren.

Gestern, als Alvin noch bei ihr am Tisch gesessen hatte, stand es um Mathildas geistige Gesundheit seit langer Zeit wieder etwas besser. Sie hatte bemerkt, wie gelöst sie über William in Alvins Gegenwart sprechen konnte, und das hatte sie mit Zufriedenheit erfüllt. Doch kurz nach Alvins Verlassen war ihre mentale Stabilität wieder eingebrochen wie ein Kartenhaus und gerade heute war es besonders schlimm.
Gegen Abend war Mathilda dabei gewesen, ihr Badezimmer zu reinigen, als sie meinte, im Untergeschoss Musik zu hören. Mathilda war der Klang nicht unbekannt gewesen. Eilig hatte sich die alte Dame auf den Weg nach unten gemacht, in der Hoffnung, durch diese großen Türen zu schreiten, von Bernard Middleton begrüßt zu werden und nach der Hand von William greifen zu können. Aber nichts dergleichen geschah. Unten angekommen verstimmte die Musik plötzlich und als sich Mathilda umsah, wurde ihr wieder allzu deutlich bewusst, dass all dies nur noch eine traurige Erinnerung war. Kurz darauf war sie weinend zusammengebrochen und stundenlang auf dem Boden liegen geblieben.

Und die Stunden hatten sich gezogen.

Nun war es weit nach zehn Uhr in der Nacht und Mathilda saß gedankenverloren an ihrem Küchentisch. Um sie herum unendliche Finsternis, doch das störte sie keineswegs. Diese unmenschliche Dunkelheit passte sich hervorragend an ihre innere Düsternis an. Mathilda fühlte sich verloren, einsam und zerbrochen.
Obwohl sie hier drinnen alle Heizungen aufgedreht hatte, preschte ein eiskalter Wind durch ihre Adern. Das Rauschen, das vor so vielen Jahren noch diese romantische Stimmung untermalt hatte, verfolgte sie nun wie ein Racheengel. Mathilda bekam das  Gefühl, als überrolle diese Welle sie. Eine schrecklich finstere, kalte Welle, die sie in diese bodenlose Tiefe riss.

Panisch griff die alte Frau nach ihrer Kehle. Sie keuchte ängstlich und kratzte mit ihren Fingernägeln über ihre blasse Haut am Hals. Mathilda bekam keine Luft mehr. Sie musste hier raus! Unter dieser Welle der Dunkelheit hinwegtauchen... doch es gelang ihr nicht.
So schnell es ihr möglich war erhob sie sich vom Stuhl, hetzte in grenzenloser Panik zur Haustüre hinaus. Kaum hatte sie die Türe geöffnet, schlug ihr ein kalter Wind entgegen und zerzauste ihr Haar, welches ihr wirr um den Kopf peitschte. Dass sie keine Jacke trug, war Mathilda egal, sie musste nur raus – weg von diesem Haus, das sie zu verhöhnen schien. Gehetzt wie ein wildes Tier warf sie ihren Kopf nach hinten und blickte zum Haus hinauf. Die dunklen Fenster, die an diesen Wänden wie wütende Augen auf sie herabblickten, tadelten sie. Lachten sie förmlich aus. Sie und ihr erbärmliches Wesen.

Mathilda hatte nicht bemerkt, dass ihr die Tränen längst über die Wangen liefen. Das alles war zu viel. Wieso hatte die Titanic sie damals nicht mit in die Tiefe gerissen?! Warum war sie nicht bei den anderen geblieben und mit ihnen gesunken?

Ihre Beine waren schwer wie Blei und doch verfolgte ihr Körper ein gewisses Ziel. Eines, das ihr Kopf ausgeblendet hatte. Ihr Herz jedoch nicht.
Mathilda eilte vorbei an Mr. Jenkins' Anglerladen, dann an der alten Bäckerei und schließlich passierte sie das Rathaus. Alles lag in stiller Finsternis, während in Mathildas Kopf eine Flut an Schreien und Hilferufen hereinbrach. Ihre Gedanken ließen sich nicht abstellen und am liebsten hätte Mathilda sie aus ihrem Kopf herausgeprügelt. So lange darauf eingeschlagen, bis sie ruhig waren – sie alle! Die Schreie verstummten, die fröhlichen Gespräche erstickten und die Musik erstarb. Doch nichts geschah. Unter diese Hilferufe mischte sich die Musik des Orchesters und Mathilda sah sich in Gedanken alleine im Kreis drehen. Um sie herum nur trostlose Skelette. Kein Lachen, keine Gesichter, kein Leben. Nichts, nur Mathilda. Allein und verlassen.

Am Hafen versagte schließlich die Kraft in ihren Beinen und sie fiel wie ein nasser Sack zu Boden. Atemlos tastete Mathilda nach ihrem Hals, in der Hoffnung entweder sofort zu ersticken oder wieder Luft zu bekommen. Im Augenblick war letzteres der Fall. Langsam beruhigte sich ihr rasselnder Atem und das Durcheinander in ihrem Kopf normalisierte sich ein wenig.
Mathilda kroch auf allen Vieren an die Kante und starrte verzweifelt hinab in das Wasser. Es war eine klare, eiskalte Nacht und so konnte sie ihr eigenes Spiegelbild auf der Wasseroberfläche problemlos erkennen. Sie sah schrecklich aus und erst jetzt wurde Mathilda bewusst, dass sie nur mit Nachthemd und Hauspantoffeln nach draußen gestürmt war. Scham erfüllte sie. Benommen und gleichzeitig erschöpft bettete sie ihren Kopf auf ihren Armen und lauschte. Nichts. Da war nichts mehr. Die Schreie waren verstummt und die Musiker hatten aufgehört zu spielen.

Mathilda rutschte ein wenig von der Kante weg und setzte sich wieder ein Stück auf. Diese plötzliche Stille war unheimlich, aber beruhigender als diese lauten Erinnerungsfetzen, die sie stets an ihren größten Verlust erinnerten. Seufzend rappelte Mathilda sich wieder auf, bis sie schließlich wieder auf wackeligen Beinen stand. Glücklicherweise befand sich ein paar Meter weiter eine Bank und Mathilda ignorierte den Umstand, dass sie noch immer fror wie damals auf dem Nordatlantik. Sie erlaubte sich einen Moment um durchzuatmen; ließ es zu, dass die Dunkelheit zu ihrem Kissen wurde, als sie die Augen schloss.

Und da war es wieder – sein Gesicht, das jedes Mal auftauchte, wenn sie ihre Augen schloss. Mathilda riss sich zusammen. Sie durfte nicht wieder die Fassung verlieren. Sie presste ihre Hände gegen die Brust, versuchte dabei nicht wieder in die Tiefe ihrer Ängste zu fallen. Ihre Zähne klapperten aufgrund der Kälte und als ein eisiger Windhauch vom Wasser herüber wehte, überzog eine Gänsehaut ihren gesamten Körper. Unter diesem Hauch konnte sie jedoch einen Geruch ausmachen, den sie auch nach so vielen dunklen Jahren niemals vergessen hatte.

Dieser charakteristische Geruch eines Rasierwassers. Er war wieder da.

Mathilda zitterte wie Espenlaub und erinnerte sich daran, wie sie ihm einst versprochen hatte, die Kälte nicht zu unterschätzen. Ihr wurde dieses Versprechen nur allzu deutlich bewusst, als sie meinte, eine Hand auf ihrer Schulter zu spüren. Seine Stimme war da, das wusste sie.

„Liebste, was tust du denn hier draußen?“
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast