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Als der Traum noch lebte

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
Charles H. Lightoller OC (Own Character) Thomas Andrews William M. Murdoch
03.11.2021
12.01.2022
7
31.127
11
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03.11.2021 4.076
 
Hallo und herzlich Willkommen!

Schon seit über 20 Jahren fasziniert mich der Mythos Titanic, aber erst jetzt habe ich mich an eine kleine feine Geschichte diesbezüglich gewagt.
Normalerweise bewege ich mich schreibtechnisch in anderen Bereichen.

Bevor ihr anfangt zu lesen:
Jack und Rose aus James Camerons Film sucht ihr hier in der Geschichte vergebens. Es stehen andere Personen im Vordergrund.
Aber ich hoffe natürlich, dass ihr euch trotzdem an der Geschichte erfreuen könnt :))

Allerliebste Grüße und viel Vergnügen beim Lesen.
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„Ich bitte zuerst die Frauen und Kinder vorzutreten.“

„Gehen Sie zurück! Keine Panik!“

„Wir werden uns wiedersehen. Irgendwann. Das verspreche ich dir.“

„Alles wird gut. Keine Angst. Bald ist alles zu Ende.“

„Sie ist weg.“

„Wir kehren nicht um. Unser Boot würde kentern, wenn wir zurückrudern.“

„So helft uns doch! Dreht um mit den Booten!“

„Hilfe!“



Schweißgebadet schreckte Mathilda aus ihrem keineswegs tiefen Schlaf hoch. Ihr Atem rasselte und ihr Herz schlug so stark, dass sie Angst hatte, es könnte ihr jeden Moment aus ihrem Nachtgewand purzeln. Erschrocken und völlig außer sich tastete sie mit zitternder Hand nach dem Lichtschalter ihrer Nachttischlampe. Es benötigte zwei, drei Versuche bis das Licht den kleinen Raum etwas erhellte. In dem überschaubaren Schlafzimmer schien alles wie immer zu sein. Durch die Vorhänge schimmerte das spärliche Licht der Straßenlaterne und erinnerte sie daran, dass sie sich noch immer in ihrem kleinen Haus in Southampton befand.

Mathilda erhob sich keuchend.
Sie war nicht allein. Sie war wieder da. Hier in ihrem Schlafzimmer. Leere...
Diese unendliche Leere. Sie war ein ihr altbekannter Freund und jahrelanger Begleiter geworden. Niemals hatte sie sich dagegen wehren können. Niemals hatte sie den Stimmen in ihrem Kopf entkommen können. Niemals wieder würde sie vergessen können, was in jener Nacht geschehen war.

Mit der Leere kamen auch immer wieder diese Schreie zurück. Diese markerschütternden Schreie, die immer noch durch ihren Kopf hallten und ihren gesamten Körper erzittern ließen. Obwohl ihre Augen ihr weismachen wollten, dass sie sich in ihrem Schlafzimmer befand, kam Mathilda nicht davon weg, sich zu fühlen, als wäre sie wieder mitten auf dem eisigen Nordatlantik. Diesem tiefen, pechschwarzen Gewässer, das für so viele Menschen zur letzten Ruhestätte geworden war. Unter ihnen war sie versunken – die Titanic. Dieses stolze, majestätische Schiff hatte so viele Menschen mit in die eisige Tiefe genommen.
Die alte Frau schluchzte bei dem Gedanken daran hemmungslos, presste dabei ihre Hände um den Hals. Mathilda spürte, dass sie keine Luft mehr bekam. Die wohlbekannte Kälte kroch ihr durch die Adern. Auch diese unmenschliche Kälte war über die Jahre zu einer Last geworden, die sie niemals wieder losgeworden war. Mathilda Briscom wusste, dass aus ihr das gleiche Wrack geworden war, wie aus der Titanic. Sie schloss die Augen, atmete tief ein und aus, und konzentrierte sich auf das Hier und Jetzt. Je länger sie sich einredete, zu Hause in Sicherheit zu sein, umso besser wurde es schließlich nach einigen Minuten.  

„Es war nur ein Traum. Nur ein Traum. Beruhig dich, Millie“, sprach sie beruhigend auf sich selbst ein. Dass es keineswegs nur ein Traum, sondern vielmehr eine grausame Erinnerung gewesen war, wusste Mathilda, doch wie so oft musste sie ihren Geist austricksen, um nicht daran kaputt zu gehen. Auch jetzt noch, nach so vielen Jahren. Auf der anderen Seite wusste Mathilda aber auch, dass sie längst an den Ereignissen kaputt gegangen war. Für sie war die Rettung längst zu spät.

Die ältere Dame blickte auf ihre Armbanduhr, die auf dem Nachtkästchen lag. Die frühen Morgenstunden waren angebrochen. In knapp einer Stunde würde die Sonne aufgehen und die grässliche Kälte in ihrem Körper hoffentlich vertreiben.
Mathilda stand der Schweiß noch immer auf der Stirn, als sie das Kissen etwas aufrichtete, sich zurücklehnte und die Decke bis zum Kinn hochzog. An Schlaf war natürlich nicht mehr zu denken, aber dennoch schloss Mathilda wieder ihre Augen. Aber auch dies sollte ihre Seele nicht beruhigen. Vor ihrem inneren Auge tauchten sie alle wieder auf. Gesichter derer Menschen, die sie vor so vielen Jahren mitten auf dem Atlantik zurückgelassen hatte.


10. April 1960 – Southampton


Noch immer steckte ihr der Traum in den Knochen und ließ sie nicht zur Ruhe kommen. Zitternd hob Mathilda den Teekessel an. Ihre Gedanken und Gefühle fuhren wie eine Achterbahn auf und ab, hinterließen in ihrem aufgewühlten Inneren eine Spur von Trauer und Einsamkeit. Dabei spürte sie, wie kalte Hände nach ihr griffen; immer dazu bereit, sie wieder in die unmenschlich eisige Schwärze zu ziehen.
Mathilda schluckte, hielt den Teekessel nun mit beiden Händen fest. Sie musste nicht erst auf den Kalender blicken, um zu wissen, welcher Tag heute war.
Der zehnte April war angebrochen, was bedeutete, dass Mathilda die nächsten Tage wieder von Alpträumen geschüttelt werden würde. Seit so vielen, unerträglichen Jahren war es immer wieder dasselbe. Pünktlich zum zehnten April begannen die Träume von der Königin der Meere und der damit verbundenen Katastrophe. Nacht für Nacht. Es glich einem Fluch, dass sie die Tragödie einst überlebt hatte und dennoch jedes Jahr wieder zurück auf die Titanic geholt wurde. Ein Qual, die ihr jedes Jahr erneut den Atem raubte.

Mathilda seufzte traurig. Während der Teekessel seinen Dienst tat, ließ sich Mathilda langsam auf den Küchenstuhl nieder und blickte auf die Uhr über der Tür. Es war kurz nach zehn am Vormittag. Vor genau 48 Jahren war sie um diese Uhrzeit schon auf dem Weg zum Hafen gewesen. Gemeinsam mit Edith, ihrer schwesterlichen Freundin. Die gute, witzige, treue Edith.
Bei dem Gedanken an ihre einst beste Freundin musste sie unwillkürlich lächeln. Es war schon so lange her und doch kam es ihr vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass sie und Edith beschlossen hatten, nach Amerika zu reisen. Mathilda dachte daran, wie aufgeregt sie gewesen war, als sie ihre Koffer gepackt und darauf gewartet hatte, dass Ediths Fahrer sie abholen kommen würde. Damals, als sie noch eine unbeschwerte, fröhliche und zuversichtliche junge Frau gewesen war.

Das Pfeifen des Teekessels riss sie aus ihren melancholischen Gedanken. Erschrocken keuchte Mathilda auf. Sie zog sich an der Stuhllehne nach oben, ehe sie auf wackligen Beinen zur Anrichte schritt. Da sie bereits Ende 70 war, waren ihre Gelenke nicht mehr die Besten und auch um ihre Schnelligkeit stand es nicht mehr so gut, aber ansonsten konnte sich Mathilda glücklich schätzen. Immerhin war sie soweit kerngesund, äußerlich gesehen – das hoffte sie zumindest. Sie ging immerhin nur zum Arzt, wenn es absolut notwendig war.
Mathilda goss sich eine Tasse Tee ein, gab etwas Honig hinein und blickte beim Fenster hinaus. Das Wetter war nicht das allerbeste, aber wenigstens hatte der Regen nachgelassen. So konnte sie in aller Ruhe zum Hafen laufen. Genau wie jedes Jahr am zehnten April. Vor Jahren hatte sie herausgefunden, dass eine gewisse Routine zumindest ein wenig Ruhe in ihr Leben brachte. Sie war allein, aber dennoch tobte in ihrem Inneren ein Sturm, der nach Stille verlangte.

Eine Stunde später rief die Routine nach ihr und Mathilda packte ihr kleines Körbchen, bevor sie anschließend im Badezimmer, das sich im oberen Stock befand, verschwand. Vor dem Spiegel strich sie nachdenklich über ihr Gesicht. Trotz ihres hohen Alters und ihrem inneren Kampf konnte Mathilda an ihrem Äußeren noch die jugendliche Frau von damals erkennen. Ein Glück, denn sonst hätte sie vermutlich niemals daran geglaubt, dass es diese fröhliche Mathilda jemals gegeben hatte.
Selbstverständlich nagte auch an ihr der Zahn der Zeit und sie war keineswegs von Falten verschont geblieben. Aber ihre hellblauen Augen hatten nie an Glanz verloren, auch wenn sie über die Jahre hinweg so viele Tränen vergossen hatten. Unzählige Tränen.
Mathilda schluckte den Kloß in ihrem Hals runter. Sie durfte nicht wieder weinen. Sie nahm einen tiefen Atemzug und steckte in einer Handbewegung ihre schulterlangen, weißen Haare nach hinten. Früher hatte ihre Mähne noch eine leicht rötliche Farbe besessen, doch auch die war mittlerweile verblasst. Mit einem tiefen Atemzug schenkte sie ihrem Spiegelbild ein aufmunterndes Lächeln, doch es glich einer seltsam verzerrten Maske.
Mathilda verfiel bei dieser Feststellung schnell wieder in bodenlose Trauer. Wenn er sie nur sehen könnte. Wäre es anders gekommen, dann würde er garantiert hier sein; vermutlich unten im Wohnzimmer in seinem Sessel sitzen und Zeitung lesen, während Mathilda den Einkauf erledigen würde. Beim Verlassen des Hauses würde er ihr zulächeln, während seine tiefen, blauen Augen ihr die gleiche Liebe schenken würden wie einst. Wie gerne hätte sie ihn an ihrer Seite gehabt, seine Hand die Jahre hindurch gehalten und eine Familie gegründet. Doch das Schicksal hatte sie entzweit. Auf ewig. Jetzt konnte sie sich nur noch ausmalen, wie es gewesen wäre.

Mathilda bemerkte, wie kalt sich ihre Wangen plötzlich anfühlten. Sanft tastete sie ihr Gesicht ab. Sie hatte doch tatsächlich wieder geweint. Nein, so konnte sie nicht vor die Türe gehen.
Sie drehte den Wasserhahn auf und spritzte ein paar Tropfen Wasser auf ihre müde Haut. Ihre Hände krallten sich um den Rand des Waschbeckens, während sie versuchte, sich wieder zu beruhigen. Als ihr dies nach wenigen Minuten gelungen war, warf sie sich ihren warmen Mantel um, setzte ihren grünen Hut auf und verließ mit ihrem Körbchen das Haus. Draußen bemerkte die ältere Dame, dass die Aprilkälte mit voller Wucht in Southampton angekommen war. Ihre Wangen brannten, als der kalte Wind auf ihre Haut traf. Mathilda spürte diese natürliche Kälte ungern, so erinnerte sie diese doch daran, dass sie noch am Leben war und nicht in einer grausamen Alptraumwelt lebte, aus der sie irgendwann erwachen würde. Doch was war besser? In einem Alptraum gefangen zu sein, der irgendwann aufhören würde? Oder in der bitteren, einsamen Realität leben? Wann wurde der Alptraum zur Realität? Oder die Realität zum Alptraum? Beides konnte enden, die Frage war nur, wann?

Mathilda hasste sich für diese absurden, tristen Gedanken. Sie hatte durchaus auch schöne Stunden im Leben verbracht, aber in ihren Augen überwog weiterhin das Schlechte. Kopfschüttelnd schloss sie die Tür zu ihrem kleinen Haus ab und schritt den Weg zu ihrem Gartentor entlang. Draußen vor dem Tor erkannte sie Shawn, den Briefträger.

„Guten Morgen, Miss Briscom. Wie geht es Ihnen heute?“ Shawn war ein junger Bursche Anfang Zwanzig mit wuscheligen Locken auf dem Kopf und braunen Knopfaugen. Er schenkte ihr ein warmes Lächeln, das sogar die Kälte dieses Tages ein wenig verdrängte. Er hielt seine Tasche fest und machte keine Anstalten, Mathilda Post in den Briefkasten zu stopfen. Natürlich bekam sie keine Post. Wer wollte mit so einer Eigenbrötlerin wie ihr schon etwas zu tun haben?

Mathilda erwiderte jedoch das freundliche Lächeln. „Einen schönen guten Morgen, auch wenn wir schon auf Mittag zusteuern“, sagte sie, als sie am Gartentor angekommen war. „Shawn, ich habe dich letztens mit einem jungen Mädchen gesehen.“

Augenblicklich errötete der junge Mann. „Oh, aber bitte, verraten Sie nichts meiner Mutter. Sophie ist ein paar Jahre jünger und wir treffen uns erst seit kurzer Zeit. Sie ist wundervoll und eine tolle Bäckerin.“ Selbst wenn es Shawn ungemein peinlich zu sein schien, so erkannte Mathilda doch, wie verliebt der Bursche war, wenn er über seine Angebetete sprach. Sie freute sich aufrichtig für ihn.

„Schon gut. Meine Lippen sind versiegelt.“ Sie zwinkerte wissend. „Und jetzt verteil deine Post, sonst bist du zum Sonnenuntergang noch nicht zu Hause. Hab einen schönen Tag, Shawn.“ Mathilda öffnete das Gartentor, während Shawn weiterging. Er winkte ihr zum Abschied zu, ehe er die Auffahrt der Cunnings hochlief. Dort stand bereits die Hausherrin unter der Tür. Offenbar hatte sie Mathilda die ganze Zeit beobachtet. Mit ihrer blauen Schürze, der strengen Hochsteckfrisur und dem durchdringenden Blick wirkte sie nicht sonderlich sympathisch.

„Wie geht es unserer Überlebenden?“, hörte Mathilda Mrs. Cunning den jungen Postboten fragen. Mathilda wagte es nicht, sich umzudrehen. Sie hörte aber aufmerksam zu. Mrs. Cunning war eine seltsame Person. Wenn jemand nicht in ihr Weltbild passte, wurde er gemieden. Wie Mr. Peters, der in ihrer Straße lebte und im zweiten Weltkrieg ein Bein verloren hatte. Oder die kleine behinderte Tochter der Stans. Oder aber Mathilda Briscom, eine Überlebende der Titanic. In Mrs. Cunnings Augen waren diese Menschen nicht mehr gesellschaftsfähig und hatten somit die Aufmerksamkeit ihrer Mitmenschen nicht verdient.

„Wieso fragen Sie sie nicht selbst, Mrs. Cunning?“, waren Shawns Worte. „Miss Briscom ist eine nette Frau, aber sehr allein. Vielleicht freut sie sich, wenn Sie sie mal besuchen?“

Shawns Rat war vielleicht gut gemeint, doch Mathilda wusste, dass er bei Mrs. Cunning nicht auf fruchtbaren Boden fiel. Und genau so fiel die Antwort von Mrs. Cunning auch aus. „Um Himmels Willen, was soll ich denn mit dieser Überlebenden sprechen?! Außerdem will sie doch keine Gesellschaft. Sie ist ja noch nicht mal verheiratet.“ Den letzten Satz spuckte Mrs. Cunning förmlich aus und obwohl Mathilda diese Worte ignorieren sollte, traf sie gerade dieser Satz mitten ins Herz.

So schnell sie konnte verließ die alte Mathilda ihre Wohnstraße und schritt den langen Weg zum Hafen entlang. „Überlebende“, flüsterte sie leise. Mathilda Briscom fühlte sich seit Jahren, als hätte sie ein Schild mit diesem Wort auf dem Rücken kleben. Egal, wo sie hinkam – jeder schien schon über sie Bescheid zu wissen. Eigentlich hatte sie gedacht, wenn sie wieder hierher nach Southampton ziehen würde, dann würde alles besser werden. Doch das tat es nicht. Entweder wollten die Menschen nur mit ihr sprechen, weil sie auf Geschichten über die Titanic scharf waren, oder sie mieden Mathilda, weil sie – genau wie Mrs. Cunning – nicht wussten, was sie mit einer „Überlebenden“ sprechen sollten. Die Antwort war einfach: Über alles, nur nicht über die Titanic. Selbst wenn die wenigen Tage auf dem Schiff die schönsten ihres Lebens gewesen waren, so wollte sie nicht darüber sprechen. Sie konnte es einfach nicht.

Aber Mathilda scherte sich nicht um Mitleid. Sie scherte sich um niemanden. Sie war ihr ganzes Leben ohne Menschen in ihrer Nähe ausgekommen, also würde sie auch den Rest ihres Lebens alleine verbringen. Es mochte sein, dass sie über die Jahre verbohrt, engstirnig und garstig geworden war – immerhin hatte sie damit schon drei potenzielle Ehemänner vergrault –, doch was wollte sie noch vom Leben?
Freunde, die ihr falsches Interesse vorheuchelten? Garantiert nicht.
Familie? Ihre Eltern waren tot. Geschwister hatte sie keine.
Eine neue Liebe? Nein, niemals. Nicht, wenn sie ihr Herz vor Jahren längst verschenkt hatte. Und ihr Herz war mit ihm gesunken.

Der Weg zum Hafen war ihr mittlerweile mehr als vertraut. Vertrauter als so manche Ecke ihres Hauses. Und ähnlich wie ihr Haus niemals sonderlich belebt. Da Southampton ohnehin kein Eldorado für Vergnügungssuchende war, gestaltete sich der Weg zum Hafen ziemlich langweilig. Die Hafenstadt an der Südküste Englands war eben nicht für abenteuerlustige Menschen geeignet. Mathilda war dies egal. Sie passierte den alten Anglerladen von Mr. Jenkins, huschte vorbei an der alten Bäckerei und dem Rathaus, ehe sie an den weißen Häusern, die den Hafen halb umrahmten, ankam.
Mittlerweile gehörten diese schönen weißen Häuschen zum Postkartenmotiv von Southampton. Vor einigen Jahren standen sie noch nicht da. Mathilda gefiel diese Bauweise jedoch sehr. Hätte sie mit ihm eine Zukunft gehabt, hätten sie sich früher oder später auch vielleicht so ein Häuschen gegönnt.

Bei der Unsinnigkeit ihrer Vorstellung schüttelte Mathilda den Kopf. Sie hatte sich schon so oft den Kopf über das Was-wäre-wenn zerbrochen, aber außer einer ausgewachsenen Hysterie mit Heulkrampf hatten ihr diese Überlegungen nie etwas gebracht. Und so setzte sie ihren Weg fort. Hinter dem nächsten Haus sollte sie es schon sehen können – das Meer. Sie konnte es bereits riechen und das leise Rauschen hören. Ein entspanntes Lächeln huschte über Mathildas Gesicht. Egal, wie schlecht ihre Laune oder trübe ihre Stimmung war, sobald sie das Meer nur riechen konnte, wurde sie automatisch ruhiger, spürte ein altes Glück in ihrer Brust aufkeimen.
So schnell es ihre Beine erlaubten, marschierte Mathilda zu ihrem Lieblingsplatz. Das Wasser war heute sehr ruhig. Nur einzelne Boote trieben im leichten Wellengang auf und ab. Größere Boote oder gar Schiffe lagen heute nicht im Hafen an. Mathilda lief ein Stück näher an den Rand und starrte hinab in das kühle Nass.
Mathilda wusste, wenn sie jetzt nach oben sehen würde, dann würde sie an der Außenfassade der Titanic hinaufblicken. Zu stark waren die Erinnerungen an den Ozeanriesen, wenn sie hier an dessen ehemaligem Liegeplatz stand.

Mathilda wagte es nicht, hoch zu sehen. Sie wandte sich ab und lief an der Kante entlang, bis zum Ende. Dort stand eine kleine Bank, wo die Rastsuchenden gerne eine Pause einlegten und auf das weite Meer hinaus blicken konnten. Genau dort war auch Mathildas Lieblingsplatz. Von dort aus ging es auch relativ flach ins Wasser. Perfekt für so manchen Angler und einen davon erkannte Mathilda sofort. Es war Alvin, der bis zu den Knöcheln im Wasser stand und seine Angel fest im Griff hielt.

„Beißen die Fische heute gut, Alvin? Du weißt, dass hier in Hafennähe nicht sonderlich viele unterwegs sind“, rief ihm Mathilda von ihrer Bank aus zu. Sie hatte es sich bequem gemacht und zog dabei ihre blau-karierte Decke aus dem Körbchen, um sie über ihre Beine zu legen.

Alvin lachte kehlig auf. Unter seinem alten Fischerhut spitzelte der gräuliche Bart hervor und eine Reihe weißer Zähne grinste sie an. „Millie, altes Haus. Du siehst wieder mal blendend aus“, antwortete er ihr charmant.
Millie.  Nur Alvin nannte sie noch so. Früher war das auch anders gewesen, da war sie für die meisten nur „Millie“ gewesen. Heute wusste kaum mehr jemand von ihrem alten Spitznamen. Alvin aber hatte sie es eines abends bei einem langen, tiefgründigen Gespräch erzählt. Alvin war auch der einzige Mensch, mit dem sie jemals über die Titanic und ihre schönen Seiten gesprochen hatte.

Als Mathilda nicht antwortete, sondern nur nach draußen auf die See starrte, rief Alvin: „Es ist wieder so weit, oder nicht? In zwanzig Minuten läuft sie wieder aus!“ Erst jetzt registrierte Mathilda, dass er wieder mit ihr sprach. Die Bilder von damals flackerten vor ihren Augen auf, ähnlich wie ein alter Film.

„Ja, Alvin, in ein paar Minuten sticht sie wieder in See“, lachte Mathilda. Und es tat gut zu lachen und mit jemandem zu sprechen, der sie nicht in eine Schublade quetschen wollte oder mied.

„Auf nach Amerika, junge Frau!“ Auch Alvin lachte laut, was Mathilda mit einem Kopfschütteln quittierte. Wenn Alvin weiter so laut war, würde er heute gar keinen Fisch mehr fangen.

„Hast du Hunger, Alvin? Ich habe ein paar Brote geschmiert. Bei deinem Glück wirst du heute keinen Fisch fangen“, bot sie ihm an, während sie in ihrem Korb nach den eingepackten Broten suchte. Sie genoss es, einmal wieder Gesellschaft zu haben.

„Millie, du weißt einfach, was mich glücklich macht“, merkte Alvin an. Der dunkelhäutige Mann holte die Angelschnur ein und schlurfte in seinen Gummistiefeln auf sie zu. Mathilda kannte Alvin schon einige Jahre und beide hatten sich auf Anhieb verstanden. Damals hatte er ihr erzählt, dass er zum ersten Mal Großvater wurde. Mathilda hatte sich sehr für ihn und seine Frau Yvette gefreut. Alvin war ein grundanständiger Mensch und hatte all das Glück dieser Erde verdient. Doch vor zwei Jahren nahm ihm das Schicksal seine geliebte Frau. Mathilda erfuhr erst nach der Beerdigung von ihrer schweren Krankheit. Seither sah sie Alvin noch öfter am Hafen. Offenbar war auch er auf der Suche nach Ablenkung von seinen traurigen Gedanken.

Mathilda reichte dem Mann, der jetzt neben ihr saß, ein belegtes Brot mit Käse und Gurken. „Ich werde wahrscheinlich wieder eine Weile hier sitzen und in Erinnerungen schwelgen. Und da ich mit deiner Anwesenheit gerechnet habe, dachte ich, ich nehm etwas Essbares mit“, erklärte sich Mathilda. Kaum hatte sie diesen Satz ausgesprochen, bildete sie sich ein, laute Stimmen zu hören. Menschenmassen. Menschen, die darauf warteten, dass das größte Schiff ihrer Zeit auslaufen würde. Mathilda war sich sicher, dass in ihrem Rücken keine Menschenmenge stand. Dennoch wagte sie einen Blick nach hinten.

„Weißt du, Millie. Meiner Yvi hätte dieses Schiff gut gefallen. Damals hatten wir sogar mit dem Gedanken gespielt, nach Amerika zu gehen. Nur wurde Yvi damals schwanger und plötzlich standen andere Dinge im Vordergrund“, plapperte Alvin munter vor sich hin, während Mathildas Blick einer jungen Frau galt, die sie ebenfalls schon öfter gesehen hatte. Ihr Name war Theresia, so weit sich Mathilda noch erinnern konnte. Wie so oft stand die junge Frau mit den langen braunen Haaren am Pier und blicke nachdenklich auf das weite Meer hinaus. Mathilda konnte nur erahnen, warum sie hier war. Ab und zu sah sie Theresia mit einem jungen Mann in Uniform. Offenbar war der Mann auf einem Schiff angestellt und öfter von ihr getrennt. Nun schien sie jeden Tag auf seine Rückkehr zu warten. Welch Ironie!

Mathilda seufzte leise. Alvin bemerkte ihre angeschlagene Stimmung und tätschelte ihre Hand. „Sag, sind die Erinnerungen wieder zu eindringlich?“, fragte er vorsichtig. Mathilda sah auf und blickte in ehrliche, dunkle Augen.

Sie nickte leicht. „An die Titanic denke ich wirklich sehr oft, aber gerade im April ist es am schlimmsten“, fing sie an zu erzählen. „Ich sehe sie vor mir, wie sie da im Hafen liegt und darauf wartet, die See zu erobern. Ich höre die Menschen, die das Schiff betreten oder sich verabschieden. Und ich rieche den Rauch, der aus den Schornsteinen quillt, als sie endlich auslaufen durfte.“ Mathilda schloss kurz die Augen.

„Iss einen Bissen. Das tut dir gut.“ Wieder tätschelte Alvin ihre Hand. „Erzähl mir doch noch ein wenig. Was gab es denn so zu Essen an Bord?“ Alvin lachte herzlich und seine Heiterkeit steckte auch Mathilda an.

„Sehr gutes Essen, Alvin. Nicht die typische Hausmannskost. Da gab es Lamm, Lachs, Wachteln, Kaviar, Hummer. Viel Obst. Nur das Feinste vom Feinen“, meinte Mathilda stolz. Sie durfte schließlich in den Genuss der Bordküche kommen – und auch viele andere Bereiche kennenlernen, die die meisten nur vom Hören kannten. Mittlerweile hatte sich auch Mathilda ein Brot ausgepackt und ihren Blick von Theresia, die noch immer auf und ab ging, gelöst.

„Klingt sehr edel. Wahrscheinlich zu edel für mich und Ivi. Wir waren eher die einfachen Leute. Die dritte Klasse wäre dann eher unser Fahrstil gewesen“, war sich Alvin sicher. Er klang keineswegs abfällig, sondern vielmehr aufrichtig.

Mathilda zählte unbewusst die kleinen Schlepper am Horizont, ehe sie weitersprach. „Edith und ich waren oft genug auch im Gespräch mit Menschen, die in der dritten Klasse reisten. Wir genossen unseren damaligen Reichtum und gönnten uns auf dieser Reise viel Luxus, aber dennoch haben wir niemals die Menschlichkeit aus den Augen verloren. Ich habe sehr liebe Menschen getroffen, die keineswegs im Geld gebadet hatten, wie so manch anderer“, träumte Mathilda sich zurück auf die Titanic.

„Das ist wunderbar. Viele verlieren den Blick für das Wichtige, wenn sie zu viel Geld haben. Geld sichert ab und man kann sich einiges leisten, aber Glück und Liebe kann man davon nicht kaufen. Schön, dass du das Wichtige nicht aus den Augen verloren hast“, lobte Alvin, der Mathilda nun eingehend musterte. Er wurde traurig, als er seine nächsten Worte aussprach. „Es tut mir leid, dass euch keine Zukunft vergönnt war. Du hättest es verdient gehabt.“

Als würde ihr die Natur den tiefen Atemzug abnehmen, huschte eine Windböe über das Wasser hinweg. Mathilda bekam eine Gänsehaut. Sie konnte den Geruch eines Rasierwassers vernehmen. Eines, das sie sich in nur wenigen Tagen eingeprägt und über die vielen Jahre nie vergessen hatte. Mathilda sah zu Alvin, doch dieser trug nie Rasierwasser – selbst das wusste sie mittlerweile. Sie wusste, wem es gehörte.
„Ich danke dir von Herzen. Du ahnst gar nicht, wie sehr ich mir immer gewünscht habe, er hätte damals überlebt. Ich habe ihn so sehr geliebt“, sagte Mathilda leise und erneut zog eine Brise über sie hinweg. Es fühlte sich an, als wolle dieser Hauch ihr beruhigend über den Kopf streicheln. „Natürlich kann niemand sagen, ob es ein Leben lang gehalten hätte, doch ich hätte es gerne versucht.“

Mathilda kämpfte erneut gegen die Tränen an. Ihn hatte sie niemals vergessen und bis zu ihrem Tod würde das auch so bleiben. Viel zu stark waren die Gefühle für ihn und die Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit. Selbst jetzt spürte sie noch seine starken Arme, die sich um ihren zierlichen Körper schlängelten.
Erschrocken zuckte die alte Frau in sich zusammen, als die Kirchenuhr in der kleinen Küstenstadt zwölf Uhr schlug. Mathilda hielt bei jedem Glockenschlag den Atem an, presste eine Hand auf ihre Brust und die andere krallte sich in die Decke auf ihrem Schoß. Sie spürte, wie Alvin seine raue Hand auf ihre legte, als wolle er ihr zur Seite stehen und sie halten.

Mathilda hörte das Rauschen, spürte den Schatten, den das Schiff im Vorbeifahren warf, roch erneut den Rauch, der aus den Schornsteinen quoll, und hörte die Menschen rufen. Sie schloss ihre Augen und ließ die Erinnerung gerne zu.
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