Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Tantra – Zwischen Lust und Konvention

von LoriiFee
Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Atemu Mokuba Kaiba Seto Kaiba Yami Bakura
03.11.2021
14.01.2022
12
28.503
8
Alle Kapitel
23 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
14.01.2022 4.313
 
Hallo :-)
Das Kapitel fühlt sich zwar leider nicht ganz so rund an wie gewünscht, aber nachdem ich am WE nicht so viel Zeit habe, dachte ich mir, ich stelle es trotzdem mal online. :-)
Ich hoffe, es gefällt!
Alles Liebe
Lorii



Gegen Abend in Atemus Wohnung…

Immer und immer wieder strich Bakura beruhigend über Atemus Rücken.
Der Kleinere hatte sich für den restlichen Tag krankgemeldet und ins Bett gelegt. Zu Bakura sagte er, dass er schon zurechtkäme, aber jener wusste es besser. Relativ bald hatte er sich also zu ihm gelegt und tröstete ihn auf seine Weise. Sprechen mussten sie über dieses Thema schon lange nicht mehr, es war bereits alles gesagt. Aber seine Nähe tat Atemu gut. Atemu war ohnehin ein eher körperlicher Mensch. Er baute rasch Körperkontakt zu Fremden auf, ohne irgendeinen sexuellen Hintergrund, und die Menschen ließen ihn üblicherweise gewähren und mochten seine Nähe. Auch seine Freunde umarmte er regelmäßig und sie ihn, das war bereits ein ungeschriebenes Gesetz.
Bakura war sich zwar nicht sicher, aber er schätzte, dass Atemu auf diese Weise eine Verbindung zu anderen Menschen aufbaute, was ihm normalerweise auch schnell gelang. Genauso brauchte er es allerdings auch selbst, um sich wohl und verstanden zu fühlen. Bakura hatte das schnell gemerkt und gab Atemu das gerne von sich aus, auch wenn er selbst nicht schwul war und normalerweise nicht mit anderen Männern kuschelte. Atemu war und blieb hier die große Ausnahme.
So lag er also hier und hing seinen Gedanken nach, als es plötzlich an ihrer Haustür klingelte. Atemu hatte sich an seiner Brust vergraben und nur sein leichtes Zusammenzucken zeugte davon, dass er im Moment ebenfalls wach war.


Kurz zuvor in Setos Büro…

Seto saß immer noch vor dem Bildschirm seines Computers und versuchte zu arbeiten. Sonderlich viel brachte er zwar nicht zustande, aber in seinem Büro konnte er sich das wenigstens einreden. Würde er nach Hause fahren, müsste er zwangsläufig über den heutigen Tag und seine Geschehnisse nachdenken.
Ganz sachte klopfte es an der Tür seines Büros.
Vorsichtig streckte Asuka, seine Sekretärin, ihren Kopf zur Tür herein.
"Herr Kaiba? Ich würde dann nach Hause gehen, brauchen Sie noch etwas?"
"Nein... Sie können gehen! Schönen Feierabend!", entgegnete er abwesend, bevor er sich wieder den Unterlagen vor sich zuwandte.
"Noch etwas...", begann die junge Frau zögerlich, bevor sie das Büro betrat.
Sie hob einen Schlüsselbund in die Höhe.
"Den habe ich heute hier gefunden! Könnte der vielleicht Atemu gehören?"
Seto sah auf und betrachtete den Schlüsselbund in Asukas Händen. Das waren zweifellos die Schlüssel seines Freundes.
In seinem Stockwerk war Atemu mittlerweile bekannt, wie ein bunter Hund, da er zwischenzeitlich schon einige Male mittags hier war, um mit Seto gemeinsam zu essen.
Bei dieser Gelegenheit war er auch mit den Vorzimmer-Damen ins Gespräch gekommen, da er generell jemand war, der die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zog und wie die meisten Menschen, mochten sie den kleinen Bunthaarigen auf Anhieb.
Seto hatte sehr wohl mitbekommen, dass Atemu und ihre potenzielle Beziehung mittlerweile Gesprächsthema Nummer Eins in seiner Firma war, da man normalerweise nichts aus seinem Privatleben erfuhr. Das Getratsche war allerdings weniger feindseliger, als eher kindisch/neugieriger Natur und so würde er es einfach aussitzen, da sich das Interesse der Leute an solchen Themen ohnehin mit der Zeit verlor.
"Er war ein bisschen durch den Wind, als er heute Mittag hier war, nicht?", lächelte Asuka verschmitzt.
Seto merkte auf.
"Er war heute hier?!?", fragte er alarmiert.
"Ja...", bestätigte seine Sekretärin verwirrt.
"Und wann war das?", wollte er aufgewühlt wissen.
"Ich weiß es auch nicht... Ungefähr zu der Zeit, als Herr Katayama und Frau Kurihara bei Ihnen fertig waren!"

Seto sprang auf. Er war ja so ein Idiot! Heute Mittag wollte Atemu, sofern ihm nichts dazwischenkam, mit ihm gemeinsam Mittag essen. Über das Gespräch mit seinem Anwalt und seiner Pressesprecherin, hatte er das vollkommen vergessen! Offenbar war sein Freund heute hier gewesen und hatte ihr Gespräch gehört! Und weiß Gott was er jetzt dachte!!
Er packte schnell seine Sachen zusammen und nahm seiner Sekretärin den Schlüsselbund ab.
Was auch immer da heute passiert war, er musste es geraderücken.

Er stieg in seinen Wagen und flog förmlich das kurze Stück bis zu Atemus Wohnung hinüber.
Als ihm auch nach dem zweiten Klingeln nicht geöffnet wurde, beschloss er kurzerhand Atemus Schlüssel zu benutzen und nachzusehen, ob wirklich niemand Zuhause war.
Er betrat die kleine Wohnung und wurde sogleich von Atemus dreibeinigem Kater begrüßt, der ihm schnurrend um die Beine strich.
Seto drängte ihn sanft zur Seite und machte sich auf den Weg zu Atemus Zimmer, da der Rest der Wohnung offenbar verlassen war.
Nach kurzem Zögern öffnete er die Tür und sah sich sogleich mit einem dunkelbraunen Augenpaar konfrontiert, das ihn feindselig anstarrte.
Seto spürte einen Stich in seiner Brust, als er Bakura in Atemus Bett vorfand und der Haarschopf seines Freundes unter der Decke hervorlugte.
"Sieh an, sieh an, welch hoher Besuch…", stichelte Bakura sogleich, "Was fällt dir eigentlich ein, hier einzubrechen?!", pflaumte er Seto an.
Jener hob verärgert seine Augenbrauen an. "Na da redet gerade der Richtige!", schoss er sofort zurück, "Und jetzt sieh zu, dass du Land gewinnst, ich möchte mit Atemu sprechen!"
Nachdem Bakura keine Anstalten machte sich zu erheben, fügte er noch ein leises aber eindringliches "Bitte!" an.
Der Weißhaarige schälte sich aus dem Bett und schlich sich leise an Seto vorbei, ohne ihn auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen. Im Anschluss zog er hinter sich die Tür zu.
Atemu setzte sich währenddessen in seinem Bett auf und zog die Beine an seinen Körper.
Beruhigt stellte Seto fest, dass er vollständig bekleidet war.

"Du warst heute bei mir im Büro...", begann er ein wenig hilflos, wie er die Sache angehen sollte.
Er schritt auf Atemu zu und setzte sich neben ihm aufs Bett.
"Wieso bist du einfach so wieder gegangen?", fragte er leise, obwohl er sich die Antwort schon denken konnte.
Atemu zuckte mit den Schultern, während er weiterhin stur auf seine Finger blickte, die die Bettdecke in seinem Schoß kneteten.
"Ich weiß nicht...", nuschelte er undeutlich, "Ich war mir nicht sicher, ob du mich noch sehen willst..."
"Wieso sollte ich dich nicht mehr sehen wollen?", fragte Seto eindringlich.
Nachdem er keine Antwort bekam, legte er einen Arm um Atemu und zog ihn fest an seine Seite.
"Du weißt doch sonst immer was ich denke...? Wie kannst du jetzt so dermaßen daneben liegen?", fragte er gespielt vorwurfsvoll.
"Hey! Schau mich an!", er legte seine Finger unter Atemus Kinn und hob es an, um ihm endlich in die Augen sehen zu können, die seit er ihn kannte, noch nie so eine Unsicherheit ausgestrahlt hatten, wie eben, "Diese Sache... ändert absolut nichts daran, wie ich über dich denke oder wie ich zu dir stehe, okay?"
Atemu löste den Blickkontakt und fixierte Setos Brust, bevor er kaum merkbar nickte.
Der CEO zog ihn fest an sich und lehnte sich zurück.
Atemu vergrub sich an Setos Brust und atmete tief durch. Es tat gut, hier so zu liegen und den Geruch seines Freundes einzuatmen und seine Wärme zu spüren. Das gab ihm Halt und spendete ihm Trost. Seto strich ihm ebenfalls über den Rücken, so wie er es gerne mochte und kraulte durch sein Haar. Durch diese Berührungen fielen langsam der Stress und die Anspannung von ihm ab und er glitt in einen tiefen und erholsamen Schlaf.


Einige Stunden später...

Es war bereits mitten in der Nacht, als Seto aufwachte. Atemu schlief immer noch fest an seine Brust gekuschelt und hatte seine Finger in sein Hemd gekrallt. Aber da war er nicht der einzige. Offenbar hatte auch Atemus Katze Kleopatra mit ihm im Bett gelegen und beanspruchte den Firmenchef nun als Wärmequelle und hatte sich an seine Seite geschmiegt. Soweit war es also schon gekommen, dass er sich mit den Flohschleudern das Bett teilte…
Vorsichtig löste Seto Atemus Hände von sich, scheuchte die Katze davon und stieg aus dem Bett. Nachdem er kurz das Badezimmer aufgesucht hatte, bemerkte er, dass er nicht der einzige war, der im Moment wach war.
Bakura saß im Dunkeln in der Wohnküche und folgte seinen Bewegungen mit den Augen. Vor ihm hatte er eine noch fast volle Flasche Bier stehen.

Die Stille war unbehaglich und Seto blickte eine Weile unschlüssig umher.
„Auch eins?“, brummte Bakura und durchbrach somit die Stille, die in der Wohnung vorherrschte.
„Wieso nicht…“, murmelte Seto, während er ein paar Schritte auf den anderen zumachte.
Jener stand auf, holte eine weitere Flasche aus dem Kühlschrank und stellte es vor dem CEO ab, bevor er sich wieder setzte.
Eine Weile lang sprach keiner von beiden, sondern sie nippten ausschließlich an ihren Drinks.
Eigentlich hatte Seto keine große Lust, die Ruhe zu durchbrechen, aber ihm lag schon lange eine Frage auf der Seele und nach den heutigen Ereignissen, gleich noch viel mehr.
Er räusperte sich kaum vernehmlich.
„Jetzt spuck’s schon aus!“, richtete Bakura das Wort an ihn, während er ihn mit seinen dunkelbraunen Augen fixierte.
„Was ist das…? Also ich meine das zwischen Atemu und dir?“, sprach er schließlich aus, was ihn beschäftigte.
„Eifersüchtig?“, grinste der Weißhaarige ihn an.
Seto starrte rasch wieder auf seine Flasche.
Er würde es nicht zugeben, aber Bakura hatte ins Schwarze getroffen. Er und Atemu standen sich nah… zu nah um in seinen Augen nur Freunde sein zu können. Und diese Sache machte ihm Sorgen.
„Hätte nie gedacht, dass so ein großer Firmenheini mal eifersüchtig auf mich sein würde!“, stichelte dieser weiter.
Seto umklammerte die Flasche und nahm rasch noch einen Schluck.
Nachdem Bakura sich eine Weile am Anblick eines verunsicherten Seto Kaibas ergötzt hatte, brach er sein Schweigen.
„Atemu und ich sind nur Freunde!“, erklärte er dann doch noch bereitwillig. „Abgesehen davon ist ihm so ein Scheiß wichtig… Treue und so ‘n Kram…“
Der CEO versuchte diese Informationen zu verarbeiten.

„Woher kennt ihr euch?“, fragte er schließlich.
„Schule.“, gab Bakura zurück.
"Also fast so eine Sandkasten-Geschichte...", murmelte der CEO.
Bakura lachte trocken auf.
"Sicher nicht!", er nahm noch einen Schluck von seiner Flasche, "Ich war wohl eher sowas wie sein Mobber...", erklärte er leise.
Nun war Seto vollends verwirrt.
Bakura seufzte schwer. Er erzählte nicht gerne von dieser Zeit, aber Seto hatte sich heute gut geschlagen und nun kam es ihm richtig vor.
"Ich hatte eine beschissene Kindheit...", begann er, wobei seine Augen auf das Etikett des Bieres in seiner Hand geheftet waren.
"Meine Mutter ist abgehauen als ich gerade drei war... Und mein Vater... Der hat es vorgezogen zu saufen, als sich um mich zu kümmern."
Seto hörte Bakura zu und schwieg. Mit einer beschissenen Kindheit kannte er sich aus... Hatte er selbst durch…
"Naja wie auch immer... Atemu ist ein Jahr jünger als ich... Als ich in die 10. Klasse versetzt wurde, kam er gerade neu auf meine Schule... Am ersten Schultag kam er mit Mami und Papi im BMW vorgefahren... Wie so eine beschissene Bilderbuch-Familie... Und dann war er auch noch so ein verdammter Strahlemann… Gut in der Schule... Nett zu den anderen Schülern... Höflich zu den Lehrern... Alle haben ihn gemocht... Sein Leben erschien mir perfekt...", gegen Ende hin war Bakura immer leiser geworden und sein Blick lag trüb auf dem Küchentresen.
"Und dafür hast du ihn verachtet?", fragte Seto kühl.
"Hättest du das nicht in meiner Situation?!?", schnaubte der Weißhaarige aufgebracht.

"Es war so einfach auf ihm herumzuhacken... Er war klein und hat sich nie gewehrt... abgesehen davon hat er mich nie verpfiffen... Jeden Tag hab ich ihm sein Pausenbrot geklaut... Vielleicht ist er deshalb auch nicht mehr gewachsen...", überlegte Bakura.
"Du musst dir vorstellen: Einmal hatte er ein Sandwich mit Avocado dabei und ich bekam eine allergische Reaktion... Und weißt du was dieser Trottel gemacht hat?!?"
Seto zog fragend die Augenbrauen hoch.
"Seit diesem Tag hatte er nie wieder etwas mit Avocado dabei... Dieser Idiot nimmt auch noch Rücksicht auf denjenigen, der ihm jeden Tag sein Essen klaut. Total bescheuert, nicht wahr?"
Die Worte die er wählte waren hart, aber in seiner Stimme schwang etwas sehr Weiches mit und ein Hauch von... Bewunderung.

"Mit der Zeit ging es mir gesundheitlich immer schlechter... War meinem Alten aber egal... Irgendwann bin ich auf dem Schulhof zusammengeklappt und wurde ins Krankenhaus eingeliefert... Hat sich herausgestellt, dass ich eine Erkrankung der Nieren hatte... Hätte man prinzipiell behandeln können... Nur war es da schon zu spät und sie waren bereits Schrott... Ich musste von da an regelmäßig zur Dialyse und kam auf die Transplantationsliste. Und dreimal darfst du raten, wer mein behandelnder Arzt war…"
"Dr. Kojima?“, vermutete Seto.
"Exakt.", bestätigte Bakura Setos Verdacht.
"Zwei scheiß lange Monate war ich dreimal die Woche bei der Dialyse... Es war dermaßen zum Kotzen... Weißt du wie lange man durchschnittlich auf eine Spenderniere wartet?"
"Zwischen 8 und 10 Jahren...", entgegnete Seto leise.
"Korrekt.", bestätigte Bakura, "Was glaubst du, wie es mir ging, als mir plötzlich eröffnet wurde, dass ein Spenderorgan gefunden wurde?!?"
"Überwältigt?", vermutete Seto.
"Ja...“, bestätigte Bakura abermals.
„Und was glaubst du was mir durch den Kopf ging, als ich erfahren habe, dass es sich um eine Lebendspende handelt?", fragte er dann unvermittelt.
Seto schwieg abermals. Es war höchst unwahrscheinlich, dass jemand, der offenbar über keine funktionierende Familie verfügte, zu einer Lebendspende kam. Immerhin kam kaum ein vernünftig denkender Mensch auf die Idee, einem Fremden eines seiner Organe zu spenden. Das tat man nur für Menschen, die einem unheimlich wichtig waren.
Er selbst würde seinem Bruder Mokuba sofort seine Niere schenken, wenn er dadurch gerettet werden könnte. Aber einem Fremden?? Bestimmt nicht…

"Naja, jedenfalls wurde ich schon 2 Tage später operiert. Die OP ist gut verlaufen und ich war endlich von der Dialyse weg.", führte Bakura weiter aus.
Seto starrte ihn an.
"Und wer war der Spender?", musste er ihn einfach fragen.
"Das hat man mir nicht gesagt... Datenschutz und so... Hat mich aber nicht davon abgehalten ein wenig herumzuschnüffeln. Dachte schon, es handelt sich um einen Irrtum, denn wer sollte mir freiwillig eine Niere spenden? Tatsächlich hab ich dann auch rausgekriegt, in welchem Zimmer mein Spender untergebracht ist und hab mich in meinem Rollstuhl auf den Weg dorthin gemacht." Er nahm erneut einen Schluck von seinem Bier.
„Als ich ankam, hat Dr. Kojima soeben das Zimmer verlassen. Ich hab mich versteckt und bin anschließend hinein, um mir den Idioten anzusehen, der tatsächlich ein Organ an mich verschenkt."
Bakura dachte an den Tag zurück, der sein ganzes Leben verändert hatte.

Er war mit seinem Rollstuhl langsam an das Bett herangerollt und je näher er kam, desto eher bestätigte sich sein furchtbarer Verdacht beim Betreten des Zimmers.
In dem Bett lag, furchtbar blass für seinen sonst so sonnengeküssten Teint, Atemu, den er Tag für Tag ärgerte und ihm sein Pausenbrot oder Essensgeld klaute.
Sein Magen schien ins Bodenlose zu fallen während sein Blick über die Infusionsnadel glitt, die im Arm des Jungen steckte und Bakuras Mund wurde ganz trocken, als er die Gerätschaften erblickte, die den Herzschlag und den Blutdruck des Kleineren überwachen sollten.
Eine Weile lang starrte er wie betäubt auf sein früheres Opfer.
Doch dann brach immer klarer eine Empfindung durch seine teilnahmslose Maske.
Es war Zorn.
Zorn auf Atemu, der ihm wieder einmal vor Augen führte, was für ein furchtbarer und schäbiger Mensch er doch war, im Vergleich zu ihm.
Zorn auf die Ärzte und das medizinische Personal, die zugelassen hatten, dass man ihm die Niere dieses Menschen einpflanzte und ihn so in eine Schuld trieb, die er nie würde zurückzahlen können.
Und Zorn auf sich selbst... Dass er dieser Operation zugestimmt hatte, weil er zu bequem war, die Qualen der Dialyse länger zu ertragen.

"Was machst du denn hier? Dir wurde Bettruhe verordnet! Ab in dein Zimmer!", eine Krankenschwester trat mir strenger Miene an ihn heran.
"Schon gut...", murmelte er, bevor er rasch aus dem Zimmer rollte. Er musste ohnehin hier raus... Er fühlte sich, als ob ihm die Luft abgeschnürt wurde.
Statt zurück in sein Zimmer zu fahren, fuhr er in den angrenzenden Park, um Luft zu schnappen.
Eine ganze Stunde verbrachte er draußen und hing seinen Gedanken nach.
Er dachte über sein bisheriges Leben nach, über die letzten Wochen und Monate und ganz speziell über die heutigen Ereignisse. Und über die Scham die er empfand, wenn er daran dachte, wie er Atemu immer behandelt hatte, um sich besser und überlegen zu fühlen.
Er seufzte.
Es brachte ja nichts... Ganz gleich was er getan hatte, die Vergangenheit konnte er nicht mehr ändern.
Sehr wohl aber die Zukunft!
Die Zukunft lag in seiner Hand! Und nur er allein würde entscheiden, was er damit tun würde!


Das war der Moment gewesen, in dem er sich geschworen hatte, in Zukunft auf Atemu aufzupassen und ihn zu beschützen. Seine Schuld bei dem Bunthaarigen würde er niemals zurückzahlen können, aber vielleicht konnte er sie so immerhin mildern.

Bakura atmete auf. Dr. Kojima hatte gerade verlautbart, dass sein Sohn nun endgültig überm Berg wäre. Die letzten 3 Wochen waren furchtbar für Bakura gewesen.
Er hatte sich dazu entschlossen auf Atemu zuzugehen und ihm für sein selbstloses Opfer zu danken und sich gleichzeitig für sein früheres Verhalten zu entschuldigen.
Wie erwartet, hatte der Kleinere seine Entschuldigung angenommen.
Bakura verbrachte von da an viel Zeit an Atemus Bett, um ihn abzulenken und sie redeten oder spielten etwas.
Nach 3 Tagen verschlechterte sich Atemus Zustand allerdings rapide. Offenbar war eine der inneren Nähte aufgegangen und Atemu verlor kontinuierlich kleine Mengen an Blut, bis schließlich sein Kreislauf zusammenbrach.
Nach einer Not-OP und anschließendem Aufenthalt auf der Intensivstation, zog er sich auch noch eine Infektion zu, die ihn in seiner Genesung zurück warf.
Bakura hingegen erfreute sich seit der OP bester Gesundheit. Trotzdem verbrachte er jede freie Minute im Krankenhaus bei Atemu, um ihm zur Seite zu stehen.


"Er hat dir eine seiner Nieren gespendet?!?", fragte Seto ungläubig.
„Jep…“, gab Bakura zurück. Er zog den Saum seines T-Shirts hoch und entblößte eine lange Narbe auf seinem Bauch.
Seto konnte nicht anders, als zu starren. Er wusste ja, dass sein Liebster weit altruistischer veranlagt war, als er selbst, aber dass das soweit ging, hatte er nicht erwartet.
Selbstverständlich war ihm die feine lange Narbe entlang Atemus Rippenbogen aufgefallen, aber er hatte ihn bis jetzt noch nicht gefragt, woher sie stammte. Wenn er darüber nachdachte, hatte Atemu ihn immer recht geschickt davon abgelenkt…

„Nach dieser Nierenspender-Sache und Atemus Krankenhausaufenthalt ist dann etwas ganz Blödes passiert…“, fuhr Bakura fort und riss Seto somit aus seinen Gedanken.
„Es ist herausgekommen, dass sowohl Tari, als auch Hiroki die Blutgruppe A haben.“, erklärte Bakura, bevor er sich wieder einen Schluck genehmigte.
„Und Atemu?“, fragte Seto, der sich schon denken konnte, worauf der Weißhaarige hinauswollte.
„Atemu hat AB… Genau wie ich…“, bestätigte Bakura den Verdacht des Firmenchefs.
Das bedeutete, dass zumindest ein Elternteil, nicht der leibliche Elternteil sein konnte.
„Und dann hat er begonnen Fragen zu stellen?“, vermutete Seto leise.
„Richtig…“, stimmte Bakura ihm zu, „Seine Eltern haben zwar noch versucht ihm irgendeine Erklärung aufzutischen, aber mittlerweile kennst du ihn ja…“
Seto wusste, was gemeint war. Manchmal war Atemu ein wandelnder Lügendetektor und man musste sich schon große Mühe geben, wenn man ihn überlisten wollte.
„Schlussendlich haben sie ihm die Wahrheit erzählt… Und das hat er gar nicht gut weggesteckt…“, schloss Bakura bitter.
Seto starrte ihn an. Diesen Gesichtsausdruck hatte er bei dem Weißhaarigen noch nie gesehen und er glaubte zu wissen, wie es momentan in ihm aussah.
„Du denkst, es ist deine Schuld, dass er davon weiß?“, fragte er leise.
„Natürlich ist es meine Schuld!!“, fauchte Bakura ungehalten.
„Das ist Unsinn, er hätte es jederzeit zufällig herausfinden können…“, erklärte Seto ruhig, „Und spätestens heute hätte er davon erfahren…“, wandte der CEO nicht weniger bitter ein, als diese Erkenntnis langsam in sein Hirn tröpfelte.
„Tja… dann sind wir wohl beide wandelnde Abrissbirnen…“, gab Bakura trocken zurück, bevor er Seto mit seiner Flasche zuprostete und jener mit seiner dagegen stieß.

„Was macht ihr denn da?“, erklang plötzlich Atemus verschlafene Stimme, während er langsam und augenreibend auf sie zu tappte.
„Die Erwachsenen unterhalten sich, während die Kinder im Bett sind!“, feixte Bakura.
„Achja?“, brummte Atemu, „Wo du doch der größte Kindskopf hier bist!“
Er lehnte sich an Seto. "Im Bett ist es so kalt ohne dich...", nuschelte er in dessen Hemd.
Der CEO legte seinen Arm um ihn und trank rasch den letzten Rest seiner Flasche leer.
Kurze Zeit später lagen sie wieder dicht aneinander gekuschelt in Atemus Bett und Seto strich über den nackten Rücken seines Freundes.
Er lächelte leicht, als er daran dachte, wie sie beim Treffen mit Atemus Eltern über die Entstehungsgeschichte seines Tattoos sprachen und dass die Welt da für Atemu noch in Ordnung schien.

Sie sprachen eben über einen Kurztrip, den Atemu mit Bakura unternommen hatte.
"Ja und dann kommst du wieder, mit so einem scheußlichen Ding auf dem Rücken!", spielte Atemus Mutter schmollend auf das Tattoo ihres Sohnes an.
Jener beugte sich leicht zu Seto hinüber. "Ich hab's mir ohne ihre Erlaubnis mit 15 stechen lassen, darüber wird sie wohl nie hinweg kommen!", grinste er schief, bevor er seine Mutter ansprach: "Vorsicht, Mama! Der weiße Drache ist Setos Lieblings-Monster! Wenn du ihn schlecht machst, wird er selbst zum Drachen!", schmunzelte er amüsiert.
"Ich habe nichts gegen den Drachen! Aber trotzdem hat er nichts auf deiner Haut verloren!", erwiderte sie verstimmt.
Seto lehnte sich zurück und lächelte leicht. Er würde einen Teufel tun und sich hier einmischen, denn die Diskussion mit einer energischen Mutter konnte er nur verlieren.
"Sie lernen offenbar schnell! Kein Wunder, dass Sie so erfolgreich sind!", lachte Atemus Vater, der sich mittlerweile ebenfalls entspannt zurückgelehnt hatte. Bei diesem Thema verstand seine Frau keinen Spaß.

Am Abend desselben Tages fragte Seto Atemu nach dem Grund der Motivwahl.
Der Kleinere hatte daraufhin verlegen gelächelt. „Um ehrlich zu sein, hätte es eigentlich Slifer der Himmelsdrache werden sollen…“
„Die haben dir versehentlich den falschen Drachen tätowiert?!?“, fragte Seto amüsiert.
„Tja… Ich hätte mich wohl nicht auf Bakura verlassen sollen! Er hat manchmal einen schrägen Sinn für Humor!“, erwiderte Atemu leichthin.
„Und hast du mal daran gedacht, es korrigieren zu lassen?“, während er das sagte, strich der Firmenchef behutsam über das Bildnis.
„Nein!“, lächelte der Kleinere, „Möglicherweise sollte es einfach so sein!“, er streckte sich ein wenig und küsste Seto sanft auf den Mund.
„Bestimmt!“, pflichtete dieser ihm bei, „Außerdem kann Slifer dem weißen Drachen ohnehin nicht das Wasser reichen!“
Das brachte ihm einen tadelnden Knuff in die Seite ein.


Am nächsten Morgen wachte Seto wie üblich früh auf, obwohl schon wieder Samstag war.
Er stand rasch auf und nahm die frische Kleidung entgegen, die man ihm gebracht hatte. Nachdem er sich fertig gemacht hatte, bereitete er das Frühstück für sie alle vor, während Atemu im Badezimmer war. Bakura hatte kurz zuvor ohne viele Worte die Wohnung verlassen.
Als Atemu zu ihm in die Küche kam, schmiegte er sich zuallererst in Setos Arme, bevor er ihn lange und innig küsste.
"Danke...", flüsterte er leise gegen seine Brust.
"Für das Frühstück?", fragte Seto sanft, "Nichts zu danken!"
Selbstverständlich hatte sich Atemu nicht für das Frühstück bedankt und das wussten sie beide, aber sonst gab es einfach nichts, wofür Atemu dankbar sein müsste. Es war eine Selbstverständlichkeit.

"Kannst du bitte Schiggy füttern?", fragte Atemu, während er ihm eine Schüssel mit geschnittenem Gemüse in die Hand drückte und sich dann dem Katzenfutter widmete.
Seto besah sich die Schüssel in seinen Händen. Schiggy war bestimmt die Schildkröte, die im Garten hauste.
Na mit der würde er bestimmt noch fertig werden...
Er näherte sich dem kleinen Gehege und schüttete das Futter hinein.
Alsbald kam das Tier auch schon herbeigestakst. Atemu hatte ihm ja schon erzählt, dass der Panzer beschädigt war, offenbar fehlte sogar ein kleines Stück davon.
Als er nach getaner Arbeit wieder hineinging, saß Bakura bereits am Küchentisch und tippte in seinem Handy herum. Auf dem Platz ihm gegenüber stand ein Pappbecher mit Kaffee. Offenbar war Bakura losgezogen und hatte den für ihn besorgt, denn Kaffee suchte man in ihrem Haushalt vergeblich. Es schien, als hätten sie gestern Nacht Frieden oder zumindest einen Waffenstillstand geschlossen.
Gar nicht so übel, wenn so etwas dabei herauskam…

Atemu bekam von seinem Gedankengang nicht viel mit und wurde unterdessen von seinen pelzigen Mitbewohnern umzingelt. Seto besah sich das Schauspiel, bei dem das taube und das dreibeinige Tier um seinen Freund herumscharwenzelten und ihn bedrängten.
Er fragte sich, ob Atemu die Tiere bei sich aufgenommen hatte, weil er sich ihnen ähnlich fühlte.
Als ob er einen Makel hätte... Oder irgendwie beschädigt war... Seto hoffte nicht, dass es so war, denn Atemu hatte so viel Schönheit an sich. Dabei meinte er nicht äußerlich (wobei das selbstverständlich auch der Fall war), aber vor allem innerlich war Atemu ein durch und durch schöner Mensch.
Und er fragte sich, ob das jemals jemand anders sehen könnte...


Einige Tage später in einem kleinen Büro am anderen Ende der Stadt...

Verdammt! Das war ja überhaupt nicht nach Plan gelaufen! Er hatte sich angestellt, wie der letzte Amateur! Anstatt den von ihm gewünschten Skandal auszulösen, hatte er diesem Mistkerl die Chance gegeben, für das Kommende vorbereitet zu sein.
Aber noch einmal würde er es nicht vergeigen… Diesmal würde er es richtig anstellen und diesem arroganten Bastard ein für alle Mal sein selbstgefälliges Grinsen aus dem Gesicht wischen.

Fortsetzung folgt…
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast