Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Linda

Kurzbeschreibung
OneshotSchmerz/Trost / P12 / Het
Daniel "Danny" Reagan Linda Reagan
02.11.2021
02.11.2021
1
1.454
1
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
02.11.2021 1.454
 
„Ach, du scheiße. Hier ist ja auch alles dunkel.“

Danny Reagan lenkt den Wagen langsam durch Manhattan. Die sonst hellerleuchteten Straßen wirken düster und verlassen, über das Radio hatte der Bürgermeister vor zwei Stunden die Menschen dazu aufgerufen nach Einbruch der Dunkelheit in ihren Wohnungen zu bleiben. Die meisten New Yorker scheinen sich daran zu halten, nur einige wenige haben Danny und Jackie bisher angetroffen und nach Hause geschickt.

Es herrscht Ausnahmezustand in der Metropole seit am Nachmittag das Stromnetz zusammenbrach.
In Harlem und anderen Problembezirken hat die Polizei es mit allerlei Plünderungen und Gewaltausbrüchen zu tun. Die Menschen haben Angst, sie sprechen von Terror und hamstern Lebensmittel. Dass sie gegen das Gesetz verstoßen interessiert sie kaum und viele bedrohen sich gegenseitig mit Waffen.

Die Krankenhäuser, die durch ihre eigene Notstromversorgung am Limit arbeiten, sind bereits kurz nach der Dämmerung voll. Schuss- und
Schnittwunden überrennen die Notaufnahmen, auch Linda arbeitet noch obwohl sie seit Stunden Feierabend hätte.

„Halt mal an“, ruft Jackie, „da raubt einer den Laden aus“.
„Hab ich gesehen“, murmelt Danny und bremst scharf neben dem Bordstein.

Das Licht einer Taschenlampe tanzt durch die Fensterscheibe des Minimarkts. Der Mann hat seelenruhig die Kasse leer geräumt und kommt durch die zerschlagene Glastür. Erst jetzt bemerkt er Jackie und zieht seine Waffe.

„Polizei. Waffe runter“, brüllt Jackie mit gezogener Waffe. Im Lichtschein ihrer Taschenlampe blitzen seine weißen Zähne auf. Der dunkelhäutige, schlanke, große Kerl grinst frech, „Von 'ner weißen Bullenschlampe lass ich mir gar nichts sagen!“.

Von der Seite nähert sich Danny, „Waffe fallen lassen. Ich sage das nicht noch einmal“.

Der Mann flucht leise, dreht sich zu Danny. Zwei Schüsse hallen die Straße entlang. Danny bleibt die Luft weg, für einen Moment versagt sein Körper
seinen Dienst. Hart schlägt er auf dem Bürgersteig auf, spürt es aber kaum.

Zwei weitere Schüsse fallen und Danny hört Jackie seinen Namen kreischen. Auf seinem Oberkörper muss ein Elefant sitzen, anders kann es gar nicht sein. Angestrengt zieht Danny Luft in seine Lunge. Atmen. Er muss atmen, solange er noch kann. Immer wieder hört er seinen Namen aus Jackies Mund. Ihre Hände zerren an seiner Schutzweste, Licht blendet ihn.

Erleichtert seufzt Jackie auf, „Oh, Gott sei Dank!“.
Ihre Hand tätschelt seine Wange, „Schön weiter atmen, Partner. Das wird in ein paar Minuten wieder“.

Sie hat gut reden, Jackie hat keine zwei Kugeln in ihrer Weste stecken, die sich anfühlen als wären sie durch gegangen. Danny dreht angestrengt den Kopf. „Was ist mit dem Typen?“, keucht er.
Der Lichtkegel wandert über eine Blutlache zu dem leblosen Körper.
„Niemand schießt ungestraft auf meinen Partner.“

Unter Schmerzen setzt sich Danny auf, tastet mit der Hand sein Hemd ab. Scharf zieht er Luft ein, die Schmerzen wird er noch eine ganze Weile spüren.

„Ich mache gleich Meldung. Geht's wieder, Reagan?“
Jackie ist aufgestanden, überprüft mit ihre Taschenlampe den Gehweg zu beiden Seiten.
„Es geht mir gut. Es tut nur höllisch weh“, stöhnt Danny, langsam kommt er wieder auf die Beine, „Erzähl es bloß nicht Linda.“
„Sie wird es selber merken. Das werden richtig schöne Flecken. Unübersehbar.“ Jackie hat so was von recht.
„Ich werde es ihr schonend bei bringen.“

Wie weiß er noch nicht. Aber was hat er für eine Wahl? Linda wird die nächsten Wochen mehr Angst um ihn haben als sonst. Er selbst hatte eben eine Scheißangst gehabt getroffen worden zu sein. Am besten war es ihr nichts zu sagen. Wie sollte er das anstellen? Die dunklen Flecken würden eine ganze Weile verräterisch auf seiner Brust sitzen. Wie kleine Teufel, die ihn garstig kichernd bei jeder Bewegung an die Schüsse auf ihn erinnerten, Linda würden sie das Geschehene brühwarm ins Gesicht schreien, jedes Mal wenn sie ihn ansah, ihr freudig die Tränen in die Augen schießen lassen.  

Er muss sich etwas einfallen lassen, zumindest solange bis die Flecken verblassen. Er könnte Nachtschichten schieben. Das gefiel weder ihm noch ihr, würde den Hämatomen jedoch Zeit geben zu verschwinden.

Während er grübelt, wie er dieser Krise aus dem Weg gehen oder sie wenigstens aufschieben kann, reicht Jackie ihm ihr Telefon über den Tisch. Seit es wieder Strom gibt, klingelt dieses Ding ununterbrochen.  
„Danny, der Commissioner für dich.“ Natürlich, dieser Anruf war nur eine Frage der Zeit, denkt Danny und atmet durch wobei es sofort in seiner Brust zieht.
„Reagan.“
„Ich wurde soeben informiert. Auf dich wurde geschossen?“
„Dad“, Dannys strafender Blick trifft Jackie, „Es geht mir gut.“

Danny fasst sich an die Brust und verzieht bei dieser Lüge das Gesicht. Es geht ihm nicht gut, so gern er es auch vor aller Welt verstecken will, vor Linda wird er gestehen müssen, vor Linda kann und darf er das, noch immer weiß er nicht wie und so lange das Krankenhaus die Verletzten des Stromausfalls versorgt währt seine Schonfrist, vorher kommt Linda nicht nach Hause, das könnte die nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren.

Die Jungs sind bei Dannys Großvater in Sicherheit, Danny selbst hat noch Papierkram vor sich. Konzentrieren kann er sich nicht. Sein Kopf schmerzt, jeder Atemzug erinnert Danny schmerzhaft an die Schüsse auf ihn, die Gedanken von diesem Moment, an seinen Tod, die Bilder von Linda und seinen Jungs. Es waren nur Sekunden, in denen er dachte alles wäre vorbei, seit dem rüttelt eine innere Unruhe unaufhörlich an ihm. Danny muss nach Hause, seine Kinder und seine Frau in den Arm nehmen, ihre Liebe spüren, sich versichern dass es allen gut geht.

Die Jungs schlafen bei seinem Großvater, Danny sieht kurz nach ihnen bevor er nach Hause fährt, sich einen Eisbeutel für seine Brust und ein Bier für seine Nerven schnappt. Linda ist noch nicht da. Danny duscht schnell, länger erträgt er die auf ihn einprasselnden Wassertropfen nicht. Nach zwei Schmerztabletten betrachtet er sein erschöpftes Gesicht im Spiegel. Keine Chance zu leugnen, Linda wird es bemerken.

Danny quält sich in ein weißes Shirt, nimmt sich ein weiteres Bier und wartet im Sessel auf seine Frau, er lag schon im Bett, hat es dort aber keine fünf Minuten ausgehalten. Das Bier ist fast leer als Danny vom Schlüssel im Türschloss aus seinem Dämmerzustand gerissen wird. Er hört Linda, die ihren Schlüsselbund weglegt, Schuhe zu wegstellt und ihren Mantel aufhängt, noch zwei Sekunden und sie steht in der Tür. Zu wenig Zeit um in der Realität anzukommen, aufzustehen, das Bier weg zustellen…

„Du bist noch wach“, sie klingt überrascht und erschöpft, trägt noch ihre Arbeitskleidung. Selbst in diesem Zustand findet Danny sie begehrenswert.

„Kaum“, räuspert er sich und kneift die Augen zusammen. Die Tabletten betäubten zwar den Schmerz, aber nicht das unangenehme drückende Gefühl in seiner Brust.

„Geht es den Jungs gut?“ Linda legt ihr Handy auf den Tisch, ihren Krankenhausausweis daneben, sie sieht Dannys Nicken nicht. Seine Chance unbeobachtet aufzustehen, Danny fühlt sich wie ein alter Mann, seine Knie werden weich. Ihr Portemonnaie legt Linda auf den Tisch neben ihren Ausweis, Danny stellt seine Flasche dazu, ein wenig zu fest, um von seiner zitternden Hand abzulenken. Anscheinend hat sein Körper in Lindas Anwesenheit beschlossen ihm die Kontrolle zu entziehen.

„Danny, alles in Ordnung mit den Jungs?“, besorgt sieht Linda ihn an. Sein Herz wummert in seiner Brust, Danny schluckt hart.

„Ich habe vorhin nach Ihnen gesehen.“ Sogar seine Stimme verlässt ihn. „Oh, Baby“, Danny kann nicht mehr, er zieht Linda an der Taille an seine Brust und schließt die Augen. Seine Tränen finden ihren Weg. Er holt tief Luft, Lindas Haar riecht nach Desinfektionsmittel..

„Danny, was ist passiert?“, flüstert Linda. Er antwortet nicht, er kann nicht. Linda schiebt Danny sanft von sich, hält sein Gesicht in ihren Händen. Tränen schießen ihr bei seinem Anblick in die Augen, doch Linda ist stark und sie bleiben wo sie sind. Sie sollte nicht so stark für ihn sein müssen, das nagt zusätzlich an Danny. Mit dem Daumen wischt Linda eine Träne von seiner Wange, ihre Augen durchsuchen sein Gesicht nach einer Antwort.  

Danny presst seine Lippen aufeinander, er bekommt sowieso kein Wort heraus.

„Danny“ Sein Name, voller Sorge nach einer Antwort bettelnd.

Danny spürt die Angst, die er fühlte als der Kerl auf ihn geschossen hatte, als er dachte sein Leben wäre vorbei, die Sekunde in der sich nichts sehnlicher wünschte als Linda zu sehen.

„Ich liebe dich“, presst Danny mit letzter Kraft hervor, hebt seinen Arm und zieht mit dem Zeigefinger das Shirt ein Stück runter. Die dunklen Flecken sind groß, wie Warnschilder auf seine Haut. Linda verliert augenblicklich ihren Kampf, Tränen laufen über ihr Gesicht als sie Hand vor den Mund schlägt, ein erstickter Laut entgleitet ihr, bohrt sich quälend unter Dannys Haut. Er schließt die Augen, drückt seine Frau an sich, sie beide zittern eng umschlungen, Tränen fließen. Es war richtig nicht zu warten, auch wenn es weh tut, sie werden es überstehen. Irgendwie.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast