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"Tales Untold" & "Tales Beyond" - (Don't) Need-to-know: BRUISE EASILY

SammlungDrama, Schmerz/Trost / P18 / Mix
Aragorn Círdan Elrond Eowyn Legolas Thranduil
01.11.2021
30.11.2021
31
74.556
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Dieses Kapitel
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25.11.2021 1.986
 
Fo.A. 81



“Er ist es. Ihr zwei nehmt den langen Weg. Baut eine Trage."
Sanft aber bestimmt schob Tarisilya Elboron von dem Wasserfall weg, weil die weit aufgerissenen Augen des Mannes und seine geballten Fäuste verrieten, wie nahe er dran war, einfach die starke Strömung hinunter in den Teich am Fuß zu springen.

Aber das war heute schon mal für eins seiner Familienmitglieder nicht so gut ausgegangen. Und ähnlich wie bei seinem Vater war es höflich gesagt auch bei dem Sohn des Truchsess schon einige Jahrzehnte her, dass er jung und agil genug für so ein Manöver gewesen war.

Tarisilya sah sich kurz mit einer sehr bekannten Sturheit in diesen gleichen verwaschenen Augen konfrontiert, bevor der Mann widerwillig nachgab, überraschend schnell in Richtung des Höhlenausgangs davonlief, angetrieben von der Sorge um seinen Vater.

"Sei vorsichtig. Das ist auch für dich ein ziemlich fieser Sturz." Legolas strich ihr kurz über den Arm, mit zusammengepressten Lippen. Es kostete ihn Mühe, nicht zu versuchen, sie aufzuhalten. Keiner von ihnen beiden hatte wahnsinnig gute Erinnerungen an Wasserfälle. Aber genau wie sie wusste er natürlich, dass in solchen Momenten jede Sekunde zählte.
So nahm er ihr nur ihren hektisch abgelegten Umhang und ihre Stiefel ab, nachdem sie beruhigend genickt hatte und hauchte ihr einen raschen Kuss auf die Schläfe, bevor er selbst davoneilte.

Ohne der modrigen, insektenversuchten Unterkunft noch einen Blick zu schenken, die im Krieg und danach sowohl dem Guten als auch dem Bösen Schutz gewährt hatte, machte Tarisilya ein paar Schritte zurück und lief los. Mit einem weiten, starken Hechtsprung wich sie der hässlichen Felsnase aus, der ihr Patient an diesem Nachmittag vermutlich zum Opfer gefallen war und tauchte Kopf voran in das seichte Wasser ein, konnte sich gerade noch rechtzeitig abfangen, um eine gefährliche Begegnung mit den messerscharfen Felsen am Grund zu vermeiden.
Prustend und Wasser aus ihren Augen blinzelnd schwamm sie zu der Kieselbank, auf der der bewusstlose Mann lag, zu der er sich anscheinend geschafft hatte, mit seiner letzten Kraft zu schleppen bevor er umgekippt war, was ihm – hoffentlich – das Leben gerettet hatte.
"Sagt man nicht immer, Menschen werden im Alter reifer und weniger leichtsinnig?", murmelte sie, als sie sich neben die zusammengerollte Silhouette kniete. Ihre Hände waren ein wenig zu kalt, und nicht von den eisigen Wassertemperaturen, als sie nach Faramirs Halsseite und seiner Brust griff. Mit einem erleichterten Seufzen zählte sie seinen Herzschlag und seine Atemzüge, stellte fest, dass beides in einem nicht ganz stabilen aber regelmäßigen Rhythmus ging und drehte den Mann vorsichtig auf den Rücken, mit ihrer Hand fest um seinen Nacken geschlungen um diesen zu stützen, falls der Truchsess es geschafft hatte, sich bei diesem irrsinnigen Vorhaben ein, zwei Knochen da drin zu brechen.

Selbst wenn er das nicht getan hatte, würde er in nächster Zeit nirgendwohin gehen, stellte sie mit einem einzigen Blick an seiner durchtränkten Tunika und seiner Hose herab fest. Der schiefe Winkel, in dem sein linker Unterschenkel und der Knöchel abstanden, ließen sie zusammenzucken. Das war das gleiche ruinierte Knie, dem sie vor all diesen Jahrzehnten schon geholfen hatte, besser zu funktionieren, und sie hatte so das Gefühl, diesmal würden ihre Heilversuche nicht halb so viel erreichen. Menschliche Körper setzten sich so viel langsamer wieder zusammen, wenn sie die Blüte ihres Lebens hinter sich gelassen hatten.

Bei einem schnellen Abtasten konnte sie sonst keine Frakturen feststellen, und auch keine Schwellungen an dem knochigen Oberkörper des Mannes, die auf eine innere Blutung hingewiesen hätten, also hatte er diesmal vielleicht Glück gehabt.

Aber Elboron musste definitiv besser auf seinen Vater aufpassen. Jetzt spätestens war es klargeworden, dass es viel zu wenige Momente der Klarheit in Faramirs Leben noch gab, und dass sein eingeschränktes Urteilsvermögen und die eingeschränkte Wahrnehmung seiner Umgebung auch seinen eigenen Körper betraf.

Es tat weh, diesem rapiden Verfall zuzusehen, aber inzwischen war das ein Schmerz, an den sich Tarisilya gewöhnt hatte, und einer, mit dem sie sich beschäftigen konnte, wenn sie alle wieder sicher zuhause sein würden.
Sie war gerade erst fertig damit, die Brüche provisorisch zu schienen, mit Holz aus einem verlassenen Biberbau, als eine zitternde Hand plötzlich ihren dicken Zopf berührte.

"Du hast was mit deinen Haaren gemacht." Faramirs Lider flatterten immer noch unruhig; er hatte sichtlich Mühe, wach zu bleiben. Wenigstens schien er die Schmerzen, die er haben musste, nicht gleich zu bemerken, und auch nicht die schaurige Januarkälte, die seinen nassen Körper schüttelte. Eins der gnädigeren Symptome seiner Krankheit.

Sie war nicht sicher, wer es war, den er gerade sah, also schenkte sie ihm ein sanftes Lächeln, drückte leicht seine Hand, bevor sie ihn anleitete, diese wieder auf seiner Brust abzulegen. "Gefällt es dir?"

"Ich weiß nicht." Mehr als 80 Jahre, und dieser Mann hatte manchmal immer noch Probleme mit dem Konzept, das sich Charme nannte. Es war schön, dass sich manche Dinge nie änderten. "Das Blond hat mir gefallen."
Éowyn also, das war wenigstens leicht. Das letzte, was sie gerade brauchte, war ein aufgebrachter, unruhiger Patient, der sich womöglich wehren und sich dabei selbst noch mehr verletzen würde.

"Das ist nur, weil sie nass sind, keine Sorge. Das war ein ziemliches Abenteuer, das du da erlebt hast. Wie geht es dir? Ist dir schwindlig?"

"Ein bisschen?" Der altbekannte Kampf, sich selbst nicht in seinen verwirrten Gedanken zu verlieren, hinterließ noch ein paar Falten mehr auf Faramirs hageren Gesicht, als er versuchte, sich zu erinnern, wovon sie sprach. Er riss die Augen auf, als er den Wasserfall ein paar Meter entfernt entdeckte, und ein breites Grinsen huschte über seine Lippen.
"Hast du das gesehen? Es ist Jahre her, dass ich das letzte Mal gesprungen bin. Das sollten wir nicht tun, weißt du? War verboten, und zu gefährlich. Aber …" Er stockte, runzelte noch einmal die Stirn.
"Éowyn … Ich habe Éowyn im Wasser gesehen! Sie braucht Hilfe …" Mit plötzlicher Energie, die seine fragile Gestalt erfüllte, versuchte Faramir sich aufzusetzen, schrie aber sofort auf und fiel zurück, sich an die rechte Hüfte fassend. Soviel zur Hoffnung, es gäbe sonst keine Schäden.

"Sh. Es ist alles in Ordnung, versprochen." Tarisilya nahm ihn an den Schultern und brachte ihn dazu, still zu halten. "Es war vermutlich nur ein Koi. Du weißt, wie groß die werden. Éowyn ist gerade nicht hier."

"Nicht? Aber wir wollten uns doch hier treffen. Wir wollten hier zu Mittag essen, nur wir beide." Die kurze Panik verwandelte sich in Enttäuschung, und in noch mehr Verwirrung, die zu nur noch mehr Qual führen würde, und zu einem weiteren Nachmittag des Weinens und Wütens, wenn man ihr erlaubte, sich aufzuklären.

"Vielleicht habt Ihr das Datum durcheinandergebracht. Ihr habt immer so viel Arbeit, Truchsess. Da passiert es schon mal, dass man Dinge vergisst." Tarisilya strich dem Mann beruhigend über die stopplige Wange.
Mit Erleichterung hörte sie, dass sich die aufgeregten Stimmen von ihrem Gemahls und von Faramirs Sohn näherten. Es war immer noch ein langer Nachhauseweg nach diesem kleinen Abenteuer, aber sie dachte, dass sie das gemeinsam ohne weitere Probleme hinbekommen würden.
"Éowyn ist gerade in Rohan, wisst Ihr? Die Pferde und den Palast besuchen. Sie wird bald zurück sein."

"Das ist gut." Die Erschöpfung und die drohende Unterkühlung forderten ihren Tribut. Faramirs Blick konnte sich schon wieder nicht mehr fokussieren. "Ich bringe sie hierher, wenn sie zurückkommt. Nach dem Krieg und den Truchsessaren wollte ich das nicht, wisst Ihr? Es fühlte sich an, als hätten sie diesen Ort geschändet. Aber sie hat darauf bestanden, dass ich nicht erlaube, dass sie ihn mir wegnehmen. Wir sind an ihrem Geburtstag immer hierhergekommen. Zu ihrem nächsten mache ich etwas Besonderes für sie. Vielleicht einen neuen Dolch oder ein Halfter. Sie macht die immer so schnell kaputt, wisst Ihr? Die Frau hat nie gelernt, wie man ein Schwert richtig gürtet …"

"Ich bin sicher, über so ein Geschenk freut sie sich sehr." Jetzt wo sie wusste, dass ihr Patient so stabil war, wie das eben möglich war, ließ Tarisilya ihre Lippen auf seiner Stirn ruhen, mit ein paar gesummten Tönen des Heilschlafs auf ihren Lippen, sodass er sich ausruhen konnte, bis sie ihn in einen warmen Unterschlupf gebracht haben würden.
Er würde natürlich trotzdem eine schlimme Erkältung bekommen, aber Tarisilya sah keine Veranlassung, ihm zu sagen, dass es sehr unwahrscheinlich war, dass er diesen Ort wiedersehen würde. Dass sie nicht einmal sicher war, dass er jemals wieder sein Zimmer verlassen würde, wenn sie ihn erst dorthin gebracht haben würden. Diese Art von Pflege war etwas, um das sich die Heiler von Emyn Arnen würden kümmern müssen. Sie konnte nur das tun, woraus die letzten zwei Jahre schon bestanden hatten: ihnen so viel Zeit wie möglich zu verschaffen.
"Er kommt wieder in Ordnung. Bleibt zurück!", rief sie Elboron zu, als sie sah, wie dieser auf das Ufer zu stolperte, bereit, sofort ins Wasser zu gehen und der nächste zu sein, der sich eine ernste Krankheit einfing.
"Die Trage, Legolas. Ich will nicht, dass er noch mal ins Wasser muss."

Ihr Gemahl war in weniger als einer Minute bei ihr, watete mit dem Behelf hoch über seinem Kopf getragen durch das fast kinnhohe Wasser und war jetzt ebenfalls klatschnass, aber sie bezweifelte, dass das der Grund war, warum seine Hände verdächtig zitterten, als sie ihren Patienten vorsichtig auf dieser hölzerne Bank festbanden.
"Ich habe euch gehört, als wir näher gekommen sind", murmelte er, als sie die Hand ausstreckte, um ihn kurz an der Wange zu nehmen, ihn daran erinnernd, dass, etwas vor ihr zu verbergen eigentlich eine Schwäche war, die er schon lange abgelegt hatte. "Ich weiß nicht, wie du das schaffst, elwen."
Ich weiß nicht, ob ich es schaffe.
Es gab Dinge, bei denen musste sie nicht erst seine Gedanken lesen, um sie ihn sagen zu hören.

Anders als sein Truchsess war der König des Wiedervereinigten Königreichs mit viel mehr von dem edlen Blut seiner Vorgänger gesegnet und würde noch viele Jahre in guter Gesundheit vor sich haben. Aber irgendwann würde die Zeit kommen, wenn man sie beide anlässlich eines Notfalls dieser Art nach Minas Tirith und nicht nach Emyn Arnen rufen mochte. Und dann würde es für sie beide nur noch schwerer sein, mitzuerleben, wie die Zeit die Sterblichen einholte, die sie in ihrem Leben in diesen Gestaden so sehr liebgewonnen hatten.

"Nicht jeder menschliche Körper wird älter als sein gesunder Geist. Oft ist es genau andersherum." Tarisilya strich ihrem Gemahl rasch eine nasse Strähne seiner goldblonden Haare aus der Stirn und küsste diese zärtlich.
"Aber selbst wenn … Es geht hier nicht um uns, elwen. Es geht um sie. Darum, dass sie so viel Glück und Frieden wie möglich erfahren. Leid und Angst hatten sie schon genug in ihrem Leben. Was wir mit uns nehmen, das sind nicht diese letzten Monate, wenn einige von ihnen nach und nach in ihren endlosen Traum versinken. Eine solche Krankheit kann nicht auslöschen, was wir vorher mit ihnen geteilt haben. Alles, was uns bleibt, ist das Beste aus jedem Tag zu machen, an dem sie noch mit ihrer wachen Seele bei uns sind."

Daraufhin sagte er nichts mehr, aber die Tränen, die kurz in seinen Augen geglitzert hatten, waren versiegt.
"Heute wäre Lady Éowyns Geburtstag gewesen", murmelte er schließlich, als sie fertig zum Aufbruch waren, die Trauer immer noch stark genug, um seine Stimme zu ersticken.

"Ja." Tarisilya legte ihre Hand noch einmal sanft auf Faramirs Stirn, wischte seine durcheinandergeratenen grauen Locken beiseite und stellte sicher, dass es etwas Gutes war, das er da hinter seinen geschlossenen Lidern sah. "Sie vergessen nicht alles. Die Liebe im Inneren, die geht niemals weg."

Das sehr nachdenkliche aber wenigstens nicht mehr so bedrückte Nicken ihres Gemahls ließ sie wissen, dass die zweite Notheilung an diesem Tag erfolgreich gewesen war.
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