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Kriegsbeute

GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Gen
Dalinar Kholin Jasnah Kholin OC (Own Character)
01.11.2021
25.11.2021
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25.11.2021 2.248
 
Siraris hatte Recht. Für mich war es einfacher. Für mich war es einfacher als für die Frauen, die von ihren Familien verstoßen wurden und denen nur das Betteln oder die Prostitution blieb, immerhin hatte ich weiterhin ein Zuhause und eine Arbeit. So einfach, dass ich tatsächlich geglaubt hatte, ich wäre in meiner Situation sicher und Siraris und ich könnten unser Schicksal teilen.
Aber nein.
Für dunkeläugige Frauen ist es nie einfach gewesen. Wir waren immer nur Objekte. Von dunkeläugigen Männern und helläugigen Frauen gleichermaßen benachteiligt. Angeblich sind in Alethkar Männer und Frauen gleichwertig – angeblich. Gleichwertig sind Frauen, die als Schreiberinnen, Wissenschaftlerinnen oder Künstlerinnen tätig sind, und welche Augenfarbe stellen wir uns bei einer solchen Frau vor? Nicht die Augenfarbe einer Bäuerin, Dienerin oder Sklavin, selbstverständlich.
Und dunkeläugige Männer – selbst wenn sie sonst nichts haben, haben sie wenigstens eine Frau zu Hause, die sie beherrschen können. Lieber lösen sie eine Verlobung, als eine Frau zu haben, die schon von anderen benutzt worden ist.
Und im Krieg sind unsere Körper das Schlachtfeld. Während helläugige Frauen als Schreiberinnen und Beraterinnen am Krieg teilnehmen, die genau wissen, wie ihre Männer nach einem Sieg feiern, oder es nicht wissen wollen, und die unser Schicksal einen Dreck interessiert. Zugegeben, Siraris und Inani waren helläugig, aber sie waren die Einzigen von mehreren Hundert Frauen allein in Kevenar. Ich bin mir sicher, wären noch mehr helläugige Frauen zum Opfer geworden, hätte es einen öffentlichen Aufschrei gegeben. Jemand hätte Regeln aufgestellt und den Soldaten Einhalt geboten. Aber wir sind nur Kriegsbeute. Wegen uns wird niemand zur Rechenschaft gezogen.
Es reicht.

Lichtstrahlen drangen durch Ritzen zwischen den Trümmern und in meine Augen, riefen mich zurück in die Welt der Lebenden. Ich rang nach Luft, hustete Staub aus meinen Lungen. Stellte fest, dass ich mich bewegen konnte, schob mühsam die Trümmer beiseite und kroch darunter hervor. Die Trümmer besaßen glatte Kanten, wie mit einem Messer durchgeschnitten.
Ich rappelte mich auf, sah an mir herunter: der wertvolle Havah staubbedeckt, Blut auf meinen Armen und Beinen, vermischt mit Staub. Zerzauste Haare hingen mir ins Gesicht. Aber ich schien unversehrt zu sein, zumindest soweit, dass ich stehen konnte. Nur komplett ausgelaugt. Ich betrachtete die größtenteils noch stehende Mauer hinter mir, deren Kante sich dunkel gegen den jetzt wieder hellen Himmel abhob, schüttelte den Kopf und beschloss, das Rätseln über dieses Wunder auf später zu verschieben.
Langsam schleppte ich mich zurück in die Stadt. Die größte Zerstörung war zwar verhindert worden, aber ein paar Häuser waren doch beschädigt und losgerissene Möbel, Bäume und Müll sprenkelten die Straßen. Doch es wurde sich bereits darum gekümmert. Eine erstaunliche Menge an Menschen war dabei, die Trümmer fortzuräumen. Ich kam an einem Haus vorbei, wo Tob auf einer Leiter stand und am Dach arbeitete – und einige Leute halfen ihm, darunter, zu meiner Verblüffung, sogar die feuermoossüchtigen Jugendlichen. Eins der Mädchen reichte Tob gerade einen Dachziegel, als er mich bemerkte, von der Leiter herunterstieg und zu mir lief. „Mascha?“ Er blieb vor mir stehen und betrachtete mich bestürzt. „Was ist dir denn passiert?“
„Bin von einem Felsen getroffen worden. Aber es sieht schlimmer aus, als es ist.“
„Du musst zum Arzt gehen. Bist du denn nicht auch in einem der Sturmbunker gewesen? Ich habe nach dir Ausschau gehalten!“
Ich zuckte die Schultern und deutete auf die Jugendlichen: „Was ist denn hier los?“
„Alle Parscher sind aus der Stadt geflohen!“
Was?“ Die Parscher waren unsere wichtigsten Arbeitskräfte. Wie sollten wir ohne sie die Ernte einbringen? Und wie kamen sie, die nicht mehr Verstand als Chulle besaßen, dazu, zu fliehen?
„Aber die Leute waren alle bereit zu helfen. Diese Jugendlichen sind selbst auf mich zu gekommen und haben gefragt, ob sie mitmachen können. Was wohl diesen Sinneswandel bewirkt hat? Aber irgendwie … seit du uns zum Evakuieren aufgefordert hast, fühle ich mich … anders.“
„Anders?“
„Ja, ich glaube, wir müssen als Stadt zusammenhalten. Gerade, da wir uns auf Kholin und die anderen Großprinzen nicht verlassen können, müssen wir einander helfen. Ich …“ Unter dem Staub, der sein Gesicht bedeckte, wurde er rot und sagte leiser: „Ich habe mich falsch verhalten, damals. Ich hätte zu dir stehen sollen. Gerade als du Hilfe brauchtest, habe ich nur an mich gedacht.“ Die weißen Blüten eines Schamsprengsels segelten neben ihm zu Boden.
Damit konnte ich mich jetzt nicht auseinandersetzen. Ich schüttelte den Kopf. „Das spielt keine Rolle mehr.“ Mir geht es  …
„Aber …“
„Ich muss mich jetzt erst mal erholen, Tob.“
Ich nutzte meine letzte Kraft, um aufrecht an ihm vorbeizugehen, vorbei an den Menschen, die sich alle fleißig am Wiederaufbau beteiligten, dabei einander anlächelten und Witze machten. Ich fühlte mich nicht, als könnte ich Teil davon sein. Alleine ging ich zum Herrenhaus, daran vorbei, in mein kleines Hinterhaus, dreckige Fußstapfen hinterlassend, und zog die Tür hinter mir zu.

Nachdem ich meine besorgten Eltern ebenfalls beruhigt und abgewimmelt hatte, saß ich in der Badewanne und spülte den Dreck fort, unter dem nur Schürfwunden und blaue Flecke zum Vorschein kamen. Seltsamerweise hatte der Felsen, der auf mich gefallen war, keine größeren Verletzungen hinterlassen. Da klopfte es an der Tür. „Jetzt nicht!“
„Ähm … hier ist Siraris, ich warte draußen.“
Mit der wollte ich jetzt als letztes reden. Ich ließ das Wasser über meinen Kopf laufen, spülte den Dreck aus meinen Haaren, so gründlich, als hätte ich mich nicht gewaschen seit jenem Tag. Dabei erinnerte ich mich, wie ich mich damals immer wieder gewaschen hatte, bis meine Haut ausgetrocknet gewesen war. Ich betrachtete meine schrumpeligen Hände. Diese Hände hatten seitdem eine Menge geschafft und aufgebaut, ich war nicht mehr das 16-jährige Mädchen von damals. Das musste ich mir bewusst sagen, jetzt, wo ich die Erinnerung zugelassen hatte. Mir geht es gut – nein, mir ging es nicht gut. Vielleicht war es wichtig, das zuzugeben, um einen neuen Weg zu finden. Um zu handeln.
Plötzlich erinnerte ich mich an ein helles Licht in meinen Händen, bevor der Fels mich getroffen hatte. Zögernd streckte ich die Hand aus. „Halluzination! Warst du das?“
„Ich heiße Wurzel ( i + 5 ), aber ein Mensch hat mich mal Wahrheit genannt, du kannst mich auch so nennen. Und ja, vor mir erzittert jeder Felsen!“
Und dann vergaß ich alles und staunte nur noch.

Nachdem ich Wahrheit wieder aus dieser Form entlassen, mich sorgfältig abgetrocknet, ein frisches Kleid angezogen und meine Haare zu einem Dutt frisiert hatte, öffnete ich die Tür – und fand Siraris, die immer noch auf den Stufen saß, ihr Havah dem Staub ausgesetzt. Erstaunlich. Hätte nicht gedacht, dass sie tatsächlich so lange wartete. Sie sprang auf und rief: „Mascha, du bist unverletzt! Ich dachte, du hättest nicht überlebt!“
Ich zuckte die Schultern. „Irgendwie bin ich in einer Gasse in Deckung gegangen. Ach ja, hier sind deine Kugeln.“ Ich reichte ihr den Beutel. Unwillkürlich hatte ich beschlossen, ihr nichts von meinen seltsamen Fähigkeiten zu erzählen. Entweder würde sie mir nicht glauben – oder sie würde einen Grund finden, warum ein Dunkelauge so etwas nicht können sollte.
Sie begutachtete den Beutelinhalt. „Die Kugeln sind alle leer. Was hast du mit dem Sturmlicht gemacht? Du meintest, dass du das Licht für irgendetwas bräuchtest?“
„Oh, das … ich weiß auch nicht. Vielleicht hat dieser seltsame Sturm das Sturmlicht entleert. Wer weiß, mit diesen komischen Blitzen und allem  ...“
„Hast du etwas mit dieser Mauer zu tun, die mysteriöserweise aufgetaucht ist?“
Ich blinzelte. „Was soll ich denn damit zu tun haben?“
„Du sagtest, du müsstest vor die Stadt und etwas tun, weil die Bunker nicht halten werden.“
„Das war pure Verzweiflung, ich konnte ja offensichtlich nichts tun. Ich habe Glück, dass ich überlebt habe.“
Sie musterte mich durchdringend. Ich fragte: „Wie kommst du darauf, ich könnte damit was zu tun haben?“
„Heute sind per Spannfeder die seltsamsten Nachrichten reingekommen. Nach dem Sturm dachte ich, mich könnte nichts mehr schocken, aber angeblich sind die Strahlenden Ritter wiedergekehrt, und ihre Stadt, Urithiru, wurde wieder entdeckt. Die meisten Großprinzen sind dorthin gegangen. Die Strahlenden konnten solche Dinge, einen Sturm überleben, fliegen, Dinge verwandeln, Mauern errichten und niederreißen …“
Ich schnaubte ungläubig. „Du glaubst doch nicht etwa, dass ich ein Strahlender Ritter bin? Ich bin ein Dunkelauge und eine Frau!“
Währenddessen brachten ihre Worte mich zum Nachdenken. Sollte das die Erklärung für diese seltsamen Vorfälle sein? Ich musste Wahrheit dazu befragen.
Siraris‘ Gesicht zuckte leicht, dann senkte sie auf einmal den Blick. „Als ich glaubte, du wärst tot … da wünschte ich, ich könnte die Worte zurücknehmen, die ich zu dir gesagt habe.“
War heute der Tag der verspäteten Erkenntnisse? Ich verschränkte die Arme. „Das brauchst du nicht. Es ist nur die Bestätigung, wie ihr Hellaugen über uns denkt, und wie viel eine dunkeläugige Frau in diesem Land wert ist. Ich sollte dir danken, dass du mir Klarheit geschenkt hast. Nein, Entschuldigung – ich danke Euch, Hellheit.“
Siraris sah mich an, als hätte ich einen niedlichen Axthundwelpen vor ihren Augen erschlagen. „Mascha – bitte lass es nicht so zwischen uns sein! Ich … ich wusste nicht, was ich tun sollte!“ Sie rang nach Luft, ich bemerkte, dass sie mit den Tränen kämpfte, und blickte beiseite, als sie mit brechender Stimme fortfuhr: „Ich weiß es immer noch nicht! Es ist, als müsste ich entweder die Stadt oder deine Freundschaft verlieren!“
„Also war ich jemals so etwas wie eine Freundin für dich?“
„Natürlich! Du warst die Einzige, mit der ich reden konnte!“
„Ich muss gestehen, dass ich meine Zweifel habe, ob es Freundschaft zwischen Hellaugen und Dunkelaugen geben kann.“
Siraris schluckte deutlich hörbar. Ich seufzte erschöpft. „Na schön, lass uns das für heute vergessen. Ich möchte eigentlich Inani gedenken, wenn du mich doch dabei haben willst.“
Eilig nickte Siraris: „Auf jeden Fall! Alleine stehe ich das nicht durch.“
„Blumen habe ich leider nicht mehr.“
„Das ist kein Problem.“

Ohne weiter viel zu reden, stiegen wir in die Krypta unter dem Herrenhaus hinunter, wo die Familienmitglieder in Form von seelengegossenen Statuen bestattet waren. Unsere Schritte hallten durch das uralte Gewölbe. Die Schatten, die von Siraris‘ Laterne geworfen wurden, huschten über die grob behauenen Steinwände, hinter die Säulen, als wollten sie uns umzingeln, und über die Statuen, ließen ihre Gesichter lebendig wirken. Kühle, leicht feuchte Luft legte sich auf unsere Wangen. Von irgendwoher kam ein Windzug, und es war leicht, sich vorzustellen, es wäre der Atem der Toten. Als Kinder hatten wir drei hier unten verstecken gespielt und uns vor den lebensechten Steinmenschen mit ihren starren Blicken gegruselt, und etwas gruselten sie mich immer noch. Als würden ihre Blicke aus der Vergangenheit uns folgen und unser Leben in der Gegenwart beurteilen; uns verurteilen, wenn wir von der Tradition abwichen, die sie uns aufgezwungen hatten. Sturmverdammte Hellaugen. Dunkelaugen wurden verbrannt, ihre Blicke zu bewahren hielt niemand für wichtig.
Vor Inanis Statue blieben wir stehen.  
Die Feuerer hatten ganze Arbeit geleistet, ihrem Gesicht einen friedlichen, transzendenten Anschein zu geben und sie in den hübschesten Havah zu hüllen. Was sie wohl mit ihren Verletzungen gemacht hatten? Ob Tropfen von Sadeas noch versteinert in ihrem Körper waren? Aber sie blickte milde, als würde sie sagen: „Ist mir alles egal. Ich bin jetzt in den Stillen Hallen, mir macht nichts mehr etwas aus, ich vergebe und vergesse.“
Lügen. Dieses friedliche Gesicht, das ihr aufgezwungen worden war, war eine Lüge. Die friedlichen Gesichter, die wir alle gezeigt hatten, waren eine Lüge. Mir reichte es, zu lügen.
Siraris räusperte sich und zerriss die Stille. „Inani wollte Fabrialkünstlerin werden.“
Das sagte sie jedes Jahr. Jeder Satz war 30 Jahre alt.
„Sie liebte Axthunde“, sagte ich. Ich kannte es auswendig. Fakten über sie, über ihr Leben, was sie ausmachte. Alles, was Sadeas und die anderen Soldaten ignoriert, mit Füßen getreten und ausgelöscht hatten.
„Sie mochte Wortspiele. … Schlechte Wortspiele.“ Siraris holte zitternd Luft. „Sie war meine Schwester.“
„Sie war meine Freundin.“
Wir wandten uns von der Statue ab. Siraris‘ Gesicht war eine Maske, die Zähne so stark zusammengebissen, dass ich die Anspannung ihrer Kiefermuskeln sehen konnte. Sie stieß hervor: „Sie verdient Gerechtigkeit.“
Dieser Satz war neu.
Und dann war mir egal, was ich befürchtet hatte. „Wahrheit“, murmelte ich. Strahlendes Licht zerriss die Dunkelheit. Ein Schwert fiel mir in die Hand. Dünn, gerade und schmucklos wie die Wahrheit. Und ebenso tödlich. Kühl lag der Griff in meiner Hand, Wassertropfen glitzerten auf der Klinge.  
Siraris schnappte nach Luft. Ein Ring aus blauem Rauch vibrierte neben ihrem Kopf, ein Ehrfurchtsprengsel. Ich konnte mich nicht erinnern, schon mal eines bei jemandem produziert zu haben. „Was?“
„Also … könnte sein, dass ich doch etwas mit dieser Mauer zu tun hatte.“
„Du bist eine Strahlende!“
„Keine Ahnung. Noch bin ich dem Verein nicht beigetreten. Falls jemand wie ich überhaupt Zutritt hat.“
„Du hast uns alle gerettet!“
„Kann sein …“ Es war mir unangenehm, von ihr betrachtet zu werden, als wäre ich eine der Herolde persönlich. „Ich habe nur getan, was ich tun musste. Und jetzt werde ich etwas für uns tun.“ Ich holte Luft, die Klinge zitterte. Vor dem, was ich sagen würde, hatte ich Angst, aber die Lügen reichten mir. „Ich werde nach Urithiru gehen. Dieses Schwert wird Sadeas und Kholin finden.“
Dalinar Kholin hatte uns nicht angefasst, aber er hatte sich schulterzuckend von uns abgewendet, als wir weinten und um Gnade flehten, und Sadeas viel Spaß gewünscht.
Siraris blickte erst erschrocken, dann wurde ihr Gesicht hart und sie nickte. „Mach das. Aber lass dich nicht erwischen.“
Wahrheit sagte mit unangemessener Fröhlichkeit: „Das dürfte für eine Lichtweberin das geringste Problem sein!“



* * *

Zu Maschas Gedanken über die Situation dunkeläugiger Frauen hat mich dieser Text von Michelle Denise Jackson über die Situation schwarzer Frauen in den USA inspiriert:
http://www.forharriet.com/2014/09/a-painful-silence-what-daniel-holtzclaw.html
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