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Ultimatum

GeschichteLiebesgeschichte, Action / P16 / Het
01.11.2021
03.12.2021
17
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25.11.2021 3.803
 
Tausende Lichter zogen an uns vorbei,  während Iskander den Lamborghini Aventador durch die fast leeren Straßen steuerte.
Steuerte war wohl zu optimistisch gesagt. Er schleuderte ihn eher durch jede Kurve. Der einzige Grund warum ich nicht schrie, war der Nebel der Müdigkeit in meinem Kopf. Verdammte halb 4 Uhr morgens zeigte der Boardcomputer an. Seit locker 24 Stunden hatte ich keine Sekunde Schlaf gehabt. Falls der Scheich mich jetzt in eine Falle tappen lassen wollte, war das der perfekte Zeitpunkt. Ich konnte weder klar denken noch sehen.

«Fährst du mich jetzt in die Wüste, oder sind wir bald da?»

Der Prinz bog auf eine breite Straße ab, die eindeutig aus der Stadt hinausführte.

«Nein, aber ich glaube mein Vater verarscht mich.»

Auf was sich das «Nein» bezog, wusste ich nicht, aber wenn sein Vater ihn schon veräppelte, über was konnte ich dann reden?

«Inwiefern?»
Das waren erstaunlich kluge Gespräche für diese Uhrzeit.

«Die Adresse des Hotels», er zögerte kurz, «sie existiert nicht wirklich.»

«Aha, das sind ja gute Nachrichten. Du hast noch zwei Minuten, dann schlafe ich hier ein.»

Um uns herum war tatsächlich nur mehr Sand und die Lichter der Stadt verschwanden immer weiter hinter uns.

Er bremste abrupt mitten auf der Straße ab und blickte mich direkt an.

«Sie existiert schon. Das Hotel auch. Aber getrennt voneinander und das macht absolut keinen Sinn für mich. Ich habe sogar noch einmal nachgefragt, aber er war sich sicher, richtig zu liegen», erklärte er mir mit gerunzelter Stirn.

«Wo liegen sie denn? Vielleicht hören sie sich ähnlich an, oder hießen früher irgendwie anders und wurden dann umbenannt.»

Für mich hörte sich hier sowieso alles gleich an.
Er holte sein Handy heraus und versuchte genervt Google Maps aufzurufen.
«Was ist denn jetzt, du kleiner W...?!», eskalierte Iskander sofort, als ihm klar wurde, dass die Verbindung mitten in der Wüste wohl nicht optimal war.

Ich schwieg. Was gab es zu sagen, wenn ich immer noch nicht verstand, was im Grunde das Problem war?
Nach einer Reihe weiterer Flüche auf allen möglichen Sprachen, schmiss er das Handy wieder in das Fach und beschleunigte innerhalb weniger Sekunden auf über 150 km/h.
Zu meiner Beunruhigung in Richtung der Dunkelheit.  

«Iskander!», schrie ich, «bleib sofort stehen, du Idiot!»
Er gehorchte tatsächlich und drückte abrupt auf die Bremse. Mit quietschenden Reifen verharrte der Aventador auf der Stelle.

«Ich habe absolut keine Ahnung, was euer verdammtes Ziel ist, aber wenn du mich jetzt nicht in dieses Hotel bringst, wirst du es bereuen. Ich schwöre, ich werde hier irgendwie rauskommen und du wirst einen ehrenhaften Besuch von dem russischen Fliegerbataillon bekommen. Dann wirst du sehen, wie es ist, in der Macht von komplett Fremden zu sein!»
Meine Nerven lagen langsam blank.
Er wandte seinen Blick dem Fußboden zu und schluckte angespannt.

4 Uhr nachts. Verfluchte Wüste. Kein Empfang. Und ein arabischer Prinz, der mich entführte. Nicht, dass es nötig war. Im Grunde genommen, hatte ich mich schon selbst an ihn verkauft.
«Leandra, i...ich, ich meine. Es tut mir Leid, a..aber das ist nicht so einfach, verstehst d...du?», stotterte er, immer noch Augenkontakt vermeidend.

«Was ist nicht so einfach? Wegen irgendwelchen Ölpreisen eine Frau zu entführen? Ist es überhaupt legal, was wir hier machen? Gibt es Heiratspolitik noch?»

Die immer mehr verblassenden Sterne machten mich noch nervöser als ich ohnehin war.  

«Mein Vater...er», Iskander brach ab, fuhr einige Meter vorwärts und bremste dann wieder, «wenn ich es dir sage, musst du mir verprechen, dass egal wie es ausgeht, er niemals von diesem Gespräch erfahren wird. Ansonsten werden wir wohl nicht...ach vergiss es.»

«Was denn? Ich habe sicherlich nicht vor, mit deinem Vater über überhaupt irgendetwas zu reden, was nicht mit Politik zu tun hat.»

In Wirklichkeit wollte ich es nicht wissen, aber die Neugier siegte mal wieder.
Seine Hand spielte nervös am Schalthebel herum.

«Mein Vater. Er hat mich beauftragt...», wieder stockte der Scheich, «dich einzusperren.»

Mir fiel die Kinnlade hinunter. Jede meiner Befürchtungen hatte sich bewahrheitet. Kein General Titarenko, keine Spezialeinsatzeinheit, einfach niemand würde mich an einem Ort in der Wüste suchen. Selbst wenn sie es versuchen würden, sie würden nicht einfach rankommen. Ich wollte keinen Krieg. Weder einen von mir verursachten, noch einen um mich gestarteten. Es sollte kein Soldat auf dieser Welt an der Front stehen müssen, nur weil eine dumme russische Frau sich entschieden hatte, Politikerin zu spielen.

Angst. Das war das, was ich spürte. Um mich. Um jeden, der im Dienste Russlands oder der Arabischen Emirate stand. Um meine Familie, deren letzte Erinnerung an mich ein zerbrochenes Fenster war. Wie schrecklich ironisch war das?

«Wo ist deine Wache?»
Eine unpassende Frage, aber mich hatten Männer der russischen Speznas ausgebildet.

Deren oberster Grundsatz war stets gewesen: «Wenn alles andere außer Frage steht. Kämpfe. Wenn du nicht mehr kannst. Laufe. Aber ergebe dich niemals. Am Ende, fallen kann man immer, zum Aufstehen ist es oft zu spät.»

Aber das war nur schöne Theorie, was jedoch wirklich essenziell war, waren die kleinen Tipps und Tricks, die sie mir verraten hatten.

Und Nummer 1 lautete: «Wenn du etwas auf eine bestimmte Art und Weise tust, erwarte, dass sie es genauso tun.»

Nummer 2 widersprach zwar wiederum dieser Hypothese, aber das ignorierte ich schamlos. Iskander hatte von einer Perspektive kaum etwas gemeinsam mit mir. Den Sohn eines arabischen Königs mit der Tochter eines russischen Bürokaufmanns zu vergleichen, war wohl eine Sünde. Aber eine Sache war eindeutig ident. Unsere Liebe für Jets, unsere Streitkräfte und unsere Waffen. Genau da wusste ich, was ich zu tun hatte.

Er zuckte mit den Schultern.
«Ich werde innerhalb von Abu Dhabi nicht immer von ihnen begleitet. Warum?»

Irgendwie musste ich ihn jetzt ablenken. Für eine Sekunde nur. Es würde mir genug Möglichkeit geben.

«Ist das ein Kriegshelikopter?»

Mit dem Finger wies ich übertrieben euphorisch auf einen fliegenden Sputnik.
Er folgte offensichtlich ohne groß nachzudenken meiner Geste.
Einatmen. Das Handschuhfach klappte auf. Luftanhalten. Meine Finger tasteten durch eine Menge an Blättern, etwas, was wohl Lederhandschuhe waren und dann spürte ich sie.
Der Griff war kalt, so wie ich es gewohnt war. Es war nicht genau meine ständige Begleiterin, aber es war ihre Schwester, die ich oft genug gehalten hatten. Langsam, ohne zu atmen, schloss ich meine Hand um sie. Iskander hatte bereits seinen Blick von dem fliegenden Licht am Himmel gerissen, starrte aber verwirrt auf die nur von seinen Scheinwerfern beleuchtete Straße vor uns.

Ausatmen. Ich zog sie mit einer Bewegung hinaus. Mindestens ein Kilogramm. Keine Zweifel, sie war geladen.
«Iskander?»
Meine Stimme hörte sich zu freundlich an.

Er drehte sich um, ich lächelte. Zuerst erwiderte er mein strahlendes Lächeln geflasht, dann realisierte er die Situation. Seine Mundwinkel sanken wieder hinab.
Ich legte meine Finger auf den Auslöser, mehr war gar nicht nötig. Vorerst. Die Glock war unverkennbar nicht für diesen Zweck geladen worden. Seine eigene Waffe hatte ihn nun unter Kontrolle.

«Immer noch sicher, dass du mich nicht zum Flughafen bringen willst?»

Dieses Spiel hatte ich tausendmal gespielt.
Bei jedem Summit, wo die Meinungen zu sehr auseinandergegangen waren, war dies die Methode gewesen, welche den Sieger bestimmt hat. Und wenn die gesamte Exekutive des Landes unter dem eigenen Befehl stand, war es ziemlich leicht gewesen, sich stets durchzusetzen. Aber jetzt gab es keinen Andrey, der demonstrativ nach seiner Kalaschnikov griff, oder etwas in sein Funkgerät sprach.

Nur ich alleine musste die schmutzige Arbeit tun. War das menschlich? Vermutlich nicht, genauso wie die ganze Situation.
«Ich.. ich meine...ich ka...darf nicht.»

Seine Stimme zitterte wie die eines Schulkindes bei seinem ersten Referat.

«Sagt wer? Dein Vater? Glaubst du, er sieht lieber mich in Freiheit oder seinen Sohn nie wieder?»
Diese Worte waren dermaßen scharf, dass ich selbst zusammenzuckte.

«Leandra», Iskanders Augen flatterten nervöse zwischen seinen eigenen Händen und mir hin und her, «lass und rational darüber reden. Ohne Gewalt. Ich kann dich zum Flughafen bringen, aber du wirst nicht über die Grenzen der Arabischen Emirate hinauskommen.»

«Rational und ohne Gewalt darüber reden? Wer hat mir gerade eröffnet, dass er mich einsperren will? Richtig, es war der feige arabische Prinz.»

Um diese Uhrzeit konnte doch kein Mensch mehr rational denken, gar nicht von Gesprächen führen, zu sprechen.
«Wir können uns auf etwas einigen,
doch zuerst musst du mir zuhören.»

Nach einem Nicken meinerseits fuhr er fort.
«Es gab laut meinem Vater zwei Möglichkeiten. Die erste war, dass du das Ultimatum unterschreibst, ihr verhandelt und ich dir danach einen Heiratsantrag stelle. Die zweite Variante allerings, dass falls du das ganze nur sehr widerwillig tust, genau das Gleiche passiert, aber mit etwas mehr Gewalt. Er hat sich für die zweite entschieden, weil er deine Versuche, ihn hineinzulegen, gesehen hat. Falls du mir versprichst, das Ganze problemlos zu gestalten, biete ich dir wortwörtlich den Frieden an.»

Frieden mit einem Fremden, war nichts wert im Vergleich zu dem Krieg, der in mir ausbrechen würde. Es wäre Verrat. Nicht nur gegenüber Vasily, sondern auch gegenüber allen meinen Idealen. Ich konnte jetzt den Prinzen auf die Straße schmeißen und mit dem Wagen fliehen. Jedoch gab es so viel, was schiefgehen konnte. Iskander war hier aufgewachsen, er würde, falls ich ihn dazu in der Lage lassen würde, schneller zum ersten Haus schaffen als ich zum Flughafen. Könnte ich diesen überhaupt finden? Dafür müsste ich nämlich nicht nur ihm sein Handy abkassieren, sondern es auch irgendwie entsperren.

Sowie irgendwo hinfahren, wo die Internetverbindung halbwegs stabil war. Selbst dann wäre es nicht in Stein gemeißelt, dass ich ein verdammtes Wort auf seinem arabisch gestellten Handy verstehen würde und in der Lage wäre, den Wagen zu steuern.

Den Führerschein hatte ich entgegen den Wünschen meines Vaters nie gemacht. Zuerst war es nicht meinem Interesse gewesen, danach hatte ich nie gebraucht. Vasily hatte mich zum Spaß einige Male den Mercedes fahren lassen, aber das hatte er auch mit einem Panzer getan und ich würde mich bei weitem nicht als einen fähigen Artilleristen bezeichnen.

War es trotzdem einen Versuch wert? Andrey hatte mich gewarnt, ich sollte mich nicht verkaufen, Vasily hatte mich dazu ermutigt, niemals mit dem Kämpfen aufzugeben. Ihnen war ich es schuldig, aber was würde mit mir tatsächlich geschehen? Zwischen Partys und Girlanden aufgewachsen war ich eindeutig keine Fluchtwagenfahrerin, auch keine Soldatin einer Spezialeinsatzeinheit.

«Iskander?»
Was zum Teufel machte ich hier?
«Ja?»
In seiner Stimme schwang noch Hoffnung mit, als er von dem Lenkrad aufsah.
«Steig aus.»

Ich sprach in so einem Tonfall als ob es kaum mehr als ein nettes Gespräch über das Wetter vor der Kirche am Sonntag war.

«Bitte was?», er blinzelte verwirrt.

«Aussteigen sollst du!»
Die Glock war wieder auf ihn gerichtet.

«Warum?»
Offensichtlich unwillkürlich fasste seine zitternde Hand nach der Türklinke.

Ich verdrehte die Augen.
»Weil du weißt, wie es ansonsten ausgehen wird. Und das Handy lass übrigens auch da.»

Er reichte es mir wortlos und mit purer Panik im Gesicht.
«Los! Steig aus!»
Konnte er eigentlich hören, wie stark ich selbst zitterte?

Die nächsten Minuten waren die vermutlich verschwommensten, aber gleichzeitig diejenigen, die die klarsten Erinnerungen in meinem Leben hinterliessen.

Iskander bin Omar al Aleasira öffnete die Tür und begann langsam auszusteigen. Währenddessen setzte ich bereits einen Fuß über den Schalthebel, um auf den Fahrersitz zu gelangen. Da der Prinz immer noch zur Hälfte drinnen war, als ich meinen Platz erreichte, versetzte ich ihm einen Stoß mit der Pistole. Stöhnend ging der Araber zu Boden, weil die Glock auf der Innenseite seines Knies aufkam. Die Tür zuknallend, begann die wohl wildeste Nacht meines Lebens in einen noch verrückteren Morgen zu fließen.

Wer hätte das nach allem Geschehenen noch denken können?  
Eine Milliarde funkelnder Stadtlichter und leuchtender Sterne begrüßte mich aus dem Rückspiegel, während ich mich an die Worte meines Vaters bei meinem ersten Fahrversuch mit 17 zu erinnern versuchte.

Es waren exakt dieselben wie die von Vasily vor wenigen Wochen. Natürlich war es leicht zu sagen, dass man nach vorne schauen musste, wenn man gerade auf einem russischen Feldweg entlangfuhr. Wie konnte ich jedoch jetzt meine Augen auf den Horizont richten, wenn neben mir auf dem Boden ein Scheich lag und vermutlich bald sein Jagdkommando mich verfolgen würde?

Bevor er dazu kam aufzustehen und doch einen Faustkampf anzufangen, oder mich aus dem Wagen zu ziehen, sperrte ich die beiden Türen des Coupès mit einem Klick auf den dazu vorgesehenen Knopf ab. Meine Füße tasteten mühevoll in den High Heels nach den Pedalen. Währenddessen redete ich mir selbst ein, dass ich keine komplette Anfängerin war und meine Eltern mich sowieso bald zur Fahrprüfung geschickt hätten, wäre ich nicht nach Moskau ausgewandert.

Doch es war nur mehr ein schwacher Trost, sobald der millionenschwere Wagen anfuhr.
Über 500 PS brüllten durch die Wüste und ich atmete ein letztes Mal durch, bevor ich endgültig auf das Gaspedal stieg. Der Stolz meines Vaters wäre wahrscheinlich masslos gewesen, wenn man ihm Umstände verschweigen würde. Einerseits saß ich endlich selbstständig am Steuer eines Autos, anderseits hatte ich gerade mit einer Pistole einen arabischen Königssohn in die Knie gezwungen.

Seine weiße Kandura in der Dunkelheit war das Letzte, was ich in meinen Seitenspiegeln sah, bevor die erste Kurve auftauchte. Wenn er es geschafft hatte aufzustehen, würde er sicherlich Hilfe holen können und der entführte Wagen war leider nicht gerade unscheinbar. Wo war eigentlich der verfluchte Flughafen?

Natürlich hatte der Idiot sein Handy nicht entsperrt, also war Google Maps nur noch ein erloschener Traum. Genauso wie ein paar Stunden Schlaf und auch nur ein Gramm von dem Gefühl von Sicherheit war dieser weit in den Hintergrund gerückt.
Es war komplett sinnlos, sich immer weiter von der Stadt zu entfernen, ohne zu wissen, wohin diese Straße führte. Trotzdem folgte ich ihr immer weiter bis die Wüste um mich herum langsam zu Wohngebieten wurde und Straßenschilder anfingen, in für mich unverständlichen Zeichen, Richtungen anzuzeigen.

Fast eine ganze Stunde, die ich zum ersten Mal seit einem Jahr alleine verbrachte hatte, war vergangen. Das Einzige, was meine Augen offen hielt, war das Adrenalin, welches durch meine Adern floss. Jetzt verstand ich auf einmal Vasilys Geschichten über durchgekämpfte Nächte ohne Schlaf oder zumindest Pausen. Unser Körper war auf diese Situationen perfekt abgestimmt, was einerseits einem das Gefühl von unkontrollierbarer Nervosität verlieh, aber anderseits unendliche Möglichkeiten eröffnete.

In anderen Worten, das, was ich bei Tausenden von Tests verflucht hatte, war zu einem Segen geworden. Ob mich ein paar Funktionen meines Hormon- und Nervensystems retten konnten stand im Ungewissen, aber zumindest konnte ich mir sicher sein, bis zum Ende alles geben zu können.

Es war exakt 4:30 Uhr, als eine rote Ampel an einer, bis auf einen alten Pickup, leeren Kreuzung mir den Weg versperrte. Um nicht unnötigerweise auf mich aufmerksam zu machen, hielt ich davor brav an. Buchstäblich in diesem Moment passierte das, was schon früher geschehen hätte sollen. Zuerst führte meine minimale Erfahrung zu dem Absterben des Wagens. Der Fahrer des anderen Fahrzeugs verkniff sich offensichtlich ein spöttisches Grinsen. Ein Lamborghini vor der Morgendämmerung, dessen Chauffeur offensichtlich inkompetent war, war wohl nicht das Übliche für den etwas abgewetzt wirkenden Mann.

Erst einige Sekunden nachdem die Ampel wieder auf Grün schaltete, hatte ich den Aventador wieder gestartet und diesmal auf den richtigen Gang geschaltet. Langsam fuhr ich an dem Pickup vorbei und blickte ihm dann, dankbar für die Ablenkung, hinterher. Hätte ich ihn nach dem Flughafen fragen sollen? Konnte er überhaupt ausreichend Englisch? Bei seinem Aussehen vermutlich nicht. Sogar das hintere Nummerschild hing auf der einen Seiten schief hinunter, wie ich innerlich erheitert quittierte. Mein amüsiertes Lächeln verschwand jedoch genauso schnell wie es gekommen war.

Das, was außer dem rostigen Metall zu sehen war, war ein neues Ausmaß an Katastrophe. Mit der Geschwindigkeit eines Blitzes drückte ich mit voller Kraft auf das Gaspedal. Verkehrsregeln? Sie waren plötzlich irrelevanter denn je.
Mein Herzschlag? Auf 300.
Und der Himmel? Blau durch die Sirenen der beiden Fahrzeuge der Militärpolizei.
Zwei riesige Mercedes Jeeps in Tarnfarbe jagten inmitten eines noch düsteren arabischen Morgens ihr Opfer. Und dieses war ich.
Eine russische Oligarchin, die ihren Prinzen mit einer Waffe bedroht hatte, nur um dann mit seinem Wagen eine Flucht zu wagen, war für sie kaum mehr als ein Kaninchen für einen Fuchs. Die Beute.

Aber ich sah nur die Straße und ihre Lichter. Egal, wie schnell sie mich erreichen würden und nach welcher Zeit mein Auto stillstehen würde, ich hatte alles gegeben, was ich konnte. Niemand würde mehr von der Politikerin, die sich hinter dem Rücken ihres Generals versteckte, reden können. Schlagzeilen würden weit über die Grenzen der Arabischen Emiraten bis nach Russland die Runde machen. Von einer bestimmten Verteidigungsministerin, die alles für ihr Land getan hätte. Es würde kein Märchen aus 1001 Nacht sein, aber weitaus mehr. Ich, Leandra Vorobjowa, würde bis zum Ende kämpfen. Wenn sie mich stoppen würden, würde ich mich nicht scheuen die Glock zu benützen.

Vielleicht würde schon heute am Morgen an dem Stadtrand von Perm mein eigener Vater eine Zeitung in der Hand halten, die ihm verraten würde, was Freiheit für sein Tochter wert war. Oder eher wert gewesen war. Nachdem was ich getan hatte würde das sicherlich kein einfacher Haftbefehl werden. Möglicherweise würde ein Offizier respektvoll nicken, wenn sein Kamerad ihm diese Geschichte erzählen würde. Von seiner Ministerin, die die Ehre Russlands mit allen Kräften retten wollte.

Vor allem aber, würde Vasily sehen, was er mir in weniger als einem Jahr gelehrt hatte. Nicht nur im Polygon, sondern in jeder gemeinsam verbrachten Sekunde. Genauso wie er würde ich an einem mir fremden Ort ehrenlos kämpfen. Aber mit Leidenschaften und für ein Ziel. Für Russland. Für die Opposition. Für meinen Namen und für alle, die jemals eine Rolle in meinem Leben gespielt hatten.

Der Wagen hatte scheinbar keine Grenze, was die Geschwindigkeit betraf. Nichtsdestotrotz, lieferte ich mich selbst quasi aus, indem ich nicht schneller als 200 fuhr. Die Straße war zwar meistens gerade, aber in einer plötzlichen Kurve würde ich sofort die Kontrolle verlieren. Die Jeeps hatten mich innerhalb einiger Augenblicke eingeholt. Was jetzt?
Wir konnten nicht ewig um die Wette fahren, das war hier kein Autorennen, sondern eine Verbrecherjagd. Würde mir das Fahren nicht so viel Konzentration abnehmen, hätte ich schon längst etwas unternommen, um sie zumindest für kurze Zeit auszutricksen. Das Einzige, was mir einfiel, war ihnen in die Reifen zu schießen.
Die beiden Männer zu meiner linken Seite drehten ihre Gesichter zu mir herum, sobald sie mit mir auf Kopfhöhe waren. Das waren Soldaten der arabischen Elite.

Sie kämpften um ihre Ehre, für einen König. Wie konnte ich es wagen, die Leben von solchen Männern in Gefahr zu bringen, wenn auf sie doch zu Hause ihre Familien warten konnten? Meine Glock blieb am Beifahrersitz liegen, ich brachte es nicht zusammen, zu schießen. Sie schon. Einer von den beiden Männern zog seine Pistole, öffnete das Fenster und schoss gnadenlos, mir in die Augen blickend, in mein linkes Hinterrad.

Sofort geriet der Lamborghini ins Schlittern. Die Reifen quitschten, als aus der geraden Linie ein Serpantin wurde. Mit meinem ganzen Körpergewicht stieg ich auf die Bremse. Das Letzte, was ich wollte, war mich jetzt schon selbst auszuschalten, in dem ich von der Straße flog. Zehn Meter waren nicht genug, um die Geschwindigkeit wahrhaftig zu verringern, aber mehr als ausreichend, um gegen die Leitplanke aufzuschlagen. Der Mercedes von links drückte mich förmlich gegen sie. Das waren Profis, ich nur eine möchtegern Fluchtwagenfahrerin. Von der anderen Seite schirmte der zweite Jeep den Aufprall ab. Sie hatten wohl den Befehl erhalten, mich nicht zu verletzen. Noch nicht. Das würde wohl der Scheich selbst erledigen wollen. Was würden sie aber tun, wenn ich eine Auseinandersetzung starten würde?

Kaum standen die Autos still, da war ich schon von vier Männern umgeben, die mit Gewalt versuchten die Türen des Autos aufzubekommen. Innerlich wappnete ich mich auf das, was jetzt kommen mochte.
Die Glock lag ausbalanciert in meiner Hand, als ich zum Entsetzen der Soldaten, die Tür selbst aufriss. Den Moment der Überraschung ausnützend, verpasste ich dem ersten einen Tritt auf Beinhöhe mit dem Absatz eines meiner High Heels.

Anscheinend war die Wahl der Schuhe doch nicht ganz schlecht gewesen, das hatte ich meinem früheren Ich zu verdanken.
Dieses Ich war kaum mehr als eine Oligarchin, die die Araber mit ihrer Charme verzaubern wollte, um das Ultimatum in die richtige Richtung zu treiben. Im Moment war ich ein Schütze, der um so vieles mehr kämpfte als um ein Ende der Korruption meines Landes.
Zweimal feuerte ich zwischen die Männer. Zehnmal feuerten sie knapp an mir vorbei. Wie im kalten Krieg, dachte ich mir spöttisch. Jeder wollte es, aber keiner traute sich wahrhaftig, einen richtigen Konflikt zu starten.

Dann war mein Waffe auf einmal weg. Ohne Vorwarnung. Einer dieser Männer hatte mich mit einem Handgriff entwaffnet.  Warum hatte ich vorher nicht tatsächlich geschossen? Jetzt war es zu spät. Meine Schulter sanken hinab. Ich wusste nicht weiter. Das war es. Das Ende. Meine Kraft war nicht ausreichend, um mich umbewaffnet mit auch nur einem dieser Soldaten anzulegen. Trotzdem stand ich auf und warf mich auf sie. Es war mehr eine Einladung für sie als ein Kampfversuch von mir. Immer noch ehrenhafter als mich aus dem Auto zerren zu lassen. Mehrer Arme fingen mich auf und pressten mich erbarmungslos auf den Boden. Wie einen verdammten Banditen. Erst als mein Kopf den kalten Beton berührte, spürte ich meine maßlose Erschöpfung.

Wortwörtlich jeder Zentimeter meines Körpers schmerzte, jetzt wo der Adrenalin Pegel schlagartig gesunken war.
Ich wollte einfach nur schlafen, egal wo. Meinetwegen am Asphalt. Arabische Stimmen schienen mich zu umweben, während ich immer weiter in einen Halbschlaf fiel. Jemand hob mich hoch. Ein anderer rief etwas im scharfen Akzent der Araber. Der Kampf war verloren. Hatte er überhaupt jemals stattgefunden, oder hatte ich mich schon vor ihm ergeben? Würden die russischen Nachrichten ihn zumindest verschönern?
Umwoben von einer Düsternis stellte ich mir die Reaktionen jedes Einzelnen vor, den ich kannte. Nastja würde weinen, denken, sie hätte mir noch so viel zu sagen gehabt. Über meine Familie wollte ich nicht einmal nachdenken, auch nicht über Vasily.

Er würde zweifellos den Arabischen Emiraten Krieg erklären. Unschuldige Menschen würden untergehen, weil eines Tages, eine Orlova auf einmal keine Lust mehr auf Politik gehabt hatte. Auch sie würde sich die Schuld geben, genauso wie ihre Tochter. Aber ich hatte ihnen allen schon längst verziehen, als mich jemand auf dem Rücksitz des Jeeps ablegte.

So weich wie kaum ein Bett eines Hilton Hotels, kam mir dieser vor. Genauso sanft wie das Einschlafen nachdem meine Großmutter das letzte Märchen vorgelesen hatte, war die halbe Ohmacht in der ich mich befand.

Aber dann war es dieser eine Satz, der mich für einen Augenblick die Augen öffnen ließ.
Jemand berührte meine Schultern und schüttelte mich leicht, während er mir scheinbar aus der Ferne zuflüsterte: «Machen Sie sich keine Sorgen, wir werden Sie hier herauskriegen, Frau Verteidigungsministerin. Ich schwöre es.»

Russisch? War das tatsächlich Russisch gewesen? Meine Fantasie war lächerlich. Mit diesen Gedanken fiel ich in dem Griff dieses Soldaten in einen lang ersehnten Schlaf.
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