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Der Shetani aus dem Fluss

Kurzbeschreibung
OneshotHorror / P12 / Gen
01.11.2021
01.11.2021
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7.837
 
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„Wenn ich eines Tages diese Welt verlassen habe und du dich einsam fühlst, oder Angst hast, sieh hoch zu den Sternen. Von dort sehen die großen Könige der Vergangenheit auf uns herab und wachen über uns. Und mit ihnen, dann auch ich.“ Das war es, was sein Vater ihm immer erzählt hatte als er noch ein Junges gewesen war. Doch je älter Moyo wurde, desto weniger glaubte er ihm, denn je länger er lebte, desto mehr wurde ihm klar, dass sein Vater alles andere als ein großer König war. Chinjo war ein grausamer Löwe, der sein Rudel mit eisernen Klauen und Zähnen regierte und jeden, der sich seinem Willen widersetzte aufs härteste bestrafte und er sorgte dafür, dass niemand auch nur daran denken würde, das Rudel zu verlassen indem er die erste Löwin die es versuchte abfing und ihr vor dem gesamten Rudel das Fell vom Körper riss. Moyo selbst war stets von der Grausamkeit seines Vaters verschont geblieben, sollte er ihn doch eines Tages beerben, doch schließlich war es soweit und er hatte nicht länger tatenlos mit ansehen können, was der König seinen Untertanen antaten. Es war schwer gewesen, sie davon zu überzeugen, dass sie eine Chance hatten, doch nach langer und vorsichtiger Planung und einer gehörigen Portion Glück war ihm und dem Rudel der Putsch gelungen. Gemeinsam unter Moyos Führung waren sie über ihn hergefallen und hatten ihn, als ihm klar wurde, dass der Kampf aussichtslos war und versuchte zu fliehen in den Fluss getrieben. Es war schwer zu sagen gewesen, ob er bereits vom Blutverlust geschwächt ertrunken war, als die Krokodile begonnen hatten, ihn zu fressen, oder ob sie es waren, die ihm endgültig den Gar aus machten, doch für das Rudel war es einerlei. Der Tyrann war tot und sie endlich frei.
   Jetzt, sieben Jahre später lag Moyo unter dem klaren Nachthimmel, sah zu den Sternen auf und war sich einer Sache ganz sicher… sein Vater war mit Sicherheit nicht da oben.
   „Moyo?“, murmelte eine verschlafene Stimme an seiner Seite. „Du bist noch wach?“
   Lächelnd löste er den Blick vom Himmel und sah die Löwin an, die neben ihm lag und ihn müde blinzelnd musterte. „Ich habe nur gerade darüber nachgedacht, wie schön die Sterne doch sind“, gab er zurück und legte den Kopf so auf seinen Pfoten ab, dass sich ihre Nasenspitzen beinahe berührten. „Und mich gefragt, wie ich es geschafft habe, etwas noch Schöneres hier am Boden zu finden.“
   Sie schenkte ihm ein Lächeln und legte ihm eine Pfote an seine Wange. „Mach die Augen zu und schlaf ein bisschen, du redest schon wirres Zeug.“
   Er schmunzelte, dann tat er wie geheißen und war schon kurz danach eingeschlafen. Seit nun genau sieben Jahr war es friedlich in seinem Königreich… zumindest, bis der nächste Tag anbrach.

   Es begann mit dem Morgenreport seines Majordomus, einem in die Jahre gekommenem Hammerkopf namens Nyundo. Der Vogel war wie jeden Morgen zu den Füßen des Königs gelandet und hatte ihn über alles wissenswerte aufgeklärt, was sich im Land seit dem letzten Report ereignet hatte. Das einzig auffällige war, dass am Flussufer ein totes Krokodil angespült worden war. Es war schon eine Weile her, dass das das letzte Mal vorgekommen war, doch auch nicht besonders genug, um der Sache weiter nachzugehen. Als jedoch drei Tage später, ein weiteres Krokodil tot an einer Flussbank gefunden wurde, kam Moyo nicht darum herum, sich das Tier zumindest anzusehen. Er folgte Nyundo zu dem Kadaver und begann, ihn zu inspizieren. Äußerlich schien das Tier keinerlei Verletzungen zu haben – jedenfalls keine frischen – doch als Moyo es auf die Seite rollte, um zu prüfen, ob es vielleicht Wunden am Bauch aufweisen würde geschah etwas Merkwürdiges. Das Maul des Tieres klappte auf und ein Schwall Wasser lief aus der Lunge des Tieres. Verdutzt starrte Moyo das Krokodil an. „Nyundo?“, fragte er seinen Begleiter. „Hast du schon mal von einem Krokodil gehört, das ertrunken ist?“
   „Von einem Krokodil das was?“ Nyundo lachte. „Ich bitte Euch Sire, das ist lächerlich.“
   Moyo warf ihm einen etwas ernsteren Blick zu. „Aber möglich ist es?“
   „Nun… sicher“, gab der Vogel zu. „Es sind schließlich keine Fische. Es wäre allerdings das erste Mal, dass ich von so etwas hören würde.“
   Nachdenklich musterte Moyo das Krokodil noch einmal, dann zuckte er mit den Schultern. Vielleicht war das Wasser ja auch einfach nach dem Tod des Krokodils in seine Lunge geraten. Was verstand er schon davon, was mit diesen Flussbestien geschah, wenn sie unter Wasser den Löffel abgaben. Nichts an dem Kadaver wies darauf hin, dass es hier am Fluss irgendeine Bedrohung für sein Rudel gab, wenn überhaupt, gab es jetzt eine weniger… oder zwei, wenn man das andere mitzählte, das vor ein paar Tagen angespült worden war. Sicher nichts, um das man sich Sorgen machen musste.

   „Machst du dir denn keine Sorgen?“ Skeptisch sah die Löwin zu den beiden Jungen, die am Flussufer umhertollten, während die ihr eigenes mit einer Pfote davon abhielt, zu seinen Freunden zu laufen und sich ihrem Spiel anzuschließen.
   „Vor zwei Wochen hätte ich es noch getan“, gab die andere Löwin zu. „Aber heute… nein, die Kleinen sollen ihren Spaß haben. Ich habe mir diesen Flussarm genau angesehen. Keine Spur von Krokodilen.“
   „Siehst du Mama?“, quengelte ihr Junges. „Keine Krokodile. Darf ich jetzt spielen gehen?“
   Seufzend gab die Löwin nach. Es stimmte. An diesem Ufer wies nicht darauf hin, dass sich irgendwo eines der räuberischen Reptilien versteckt hielt. Wenn sie darüber nachdachte… tatsächlich hatte sie schon seit Tagen nicht mehr auch nur das geringste Anzeichen dafür gesehen, dass es überhaupt noch Krokodile in diesem Fluss gab. Selbst die Antilopen und Zebras, die zum Trinken hier her kamen waren in letzter Zeit ungewöhnlich gelassen gewesen, während sie ihren Durst stillten. „Na gut Kota, lauf zu deinen Freunden. Aber geh nicht zu tief ins Wasser, hörst du?“
   „Klar Mama!“, rief die kleine Löwin und schoss schon zu den anderen Jungen, wo sie mit einer Pfote voll Schlamm begrüßt wurde, die sie beinahe mitten ins Gesicht traf.
   Für eine Weile lagen die Löwinnen nur da und genossen die Sonne, die ihnen das Fell wärmte, während sie den kleinen beim Spielen zusahen. Beinahe war es Kotas Mutter gelungen, sich zu entspannen, als plötzlich… Sie sprang auf. Da war ein dunkler Schatten, gleich unter der Wasseroberfläche und er bewegte sich auf die Jungen zu, die bis über die Pfötchen im Fluss standen und sich fröhlich mit Wasser bespritzten. „Kinder, passt auf!“ Sie rannte los, hechtete die Böschung hinunter, erreichte das Ufer des Flusses und sprang, gerade als der Schatten nur noch eine halbe Körperlänge von Kota entfernt war.
   Mit einem erschrockenen Aufschrei stoben die Jungen auseinander, als die Löwin hinter ihnen ins Wasser platschte. Die Krallen ausgefahren rechnete sie fest damit, sie in der ledrigen Schuppenhaut eines Krokodils zu versenken und es tiefer ins Wasser zu drücken, gab jedoch selbst einen überraschten Laut von sich, als sich ihre Pranken stattdessen nur knapp unter der Wasseroberfläche in den Schlamm gruben und ihren Sprung frühzeitig abbremsten. Beinahe hätte der Schwung sie aus dem Gleichgewicht gebracht und umgeworfen. Hektisch sah sie sich um, auf der Suche nach was auch immer den Schatten verursacht hatte, doch außer dem durch ihre Landung aufgewirbelten Schlamm war nichts zu sehen. Sie zog ihre Pfoten aus dem Wasser und die drei Jungen begannen zu kichern. Ein Blatt. Mit einer ihrer Pfoten hatte sie ein Blatt aufgespießt.
   Sie schien ein ziemlich dummes Gesicht gemacht zu haben, denn jetzt konnten die Jungen nicht mehr an sich halten und prusteten los. Endlich stimmte auch sie in das Lachen ein, anfangs aus Erleichterung und schließlich auch aus Erheiterung. Sie musste sich den Schatten eingebildet haben. Das Wasser hier war viel zu flach für Krokodile, um sich ungesehen darin bewegen zu können. Vermutlich hatte der Schatten einer Wolke im Wasser oder etwas Derartiges ihren Augen einen Streich gespielt.

   „Kota… Kota, aufwachen!“ Auffordernd stupste der junge Löwe Kota an der Schulter an. Es war Nacht geworden und eigentlich hate sie schlafen wollen, doch ihre Freunde schienen da andere Pläne zu haben. Grummelnd hob sie den Kopf.
   „Ist ja gut, ich bin wach“, murrte sie und sah Puo und Anasa dann fragend an, die erwartungsvoll vor ihr standen. „Was habt ihr denn so spät noch vor?“
   „Psst“ Puo, das kleine Löwenmännchen legte eine Kralle an die Lippen. „Nicht, dass deine Mutter aufwacht und vor Schreck wieder irgendwelche Blätter erlegt.“ Er kicherte leise. „Wir wollen zum Fluss und durch ihn durchschwimmen. Einmal auf die andere Seite und zurück. Das hat sich noch nie jemand getraut! Sagt zumindest Gofu.“
   „Genau“, wisperte Anasa. „Aber jetzt, wo die Krokodile weg sind, traut er es sich vielleicht doch und wir wollen die ersten sein, die es machen um ihm eins auszuwischen.“
   Das klang in der Tat verlockend. Gofu, eines der älteren Jungen des Rudels war ein schrecklicher Angeber und ihm in so etwas aufregendem voraus zu sein würde ihn sicher zur Weißglut treiben. Trotzdem…
   „Aber meine Mutter hat mir verboten, alleine zum Fluss zu gehen“, wand Kota ein, was ihr von Puo nur ein Augenrollen einbrachte.
   „Jetzt sei kein Angsthase“, frotzelte er. „Und wir sind doch dabei, also ist niemand von uns alleine. Jetzt komm schon!“
   Ein wenig widerwillig schlich Kota ihren Freunden hinterher, als diese leise aus dem Lager des Rudels tapten und sich zum Fluss auf machten.
   Am Fluss angekommen krachselten die Jungen die Böschung hinunter und traten an das Wasser heran. Der Mond schien hell und spiegelte sich in der Oberfläche, sodass sie ohne Probleme das andere Ufer sehen konnten.
   „Da, seht ihr den Felsen da?“ Puo deutete mit einer Pfote auf einen flachen Findling, der oben auf der Böschung auf der anderen Flussseite lag und ein kleines Stück über den Fluss ragte. „Wir klettern da drauf und türmen ein paar Steine zu einem Haufen auf, als Beweis, dass wir wirklich da waren.“
   „Super Idee!“, pflichtete Anasa ihm bei und sah ihn erwartungsvoll an. „Dann los!“
   Langsam machte Puo ein paar Schritte ins Wasser. Dabei entging es Kota nicht, dass er mehrfach zögerte und sich immer wieder zu ihnen umdrehte. Sie schmunzelte. So mutig Puo sich auch gab, ohne seine beiden Begleiter würde er es sich wohl nicht trauen. Sie seufzte, dann stieg auch sie ins Wasser und folgte ihm gemeinsam mit Anasa. Ein kurzes Stück konnten sie waten, doch dann wurde das Wasser zu tief und mit den Pfoten paddelnd schwammen die Jungen auf das andere Ufer zu.
   Ihr Ziel fest im Blick und darauf bedacht, ihre Nasen über Wasser zu halten bemerkte keines der Jungen, wie sich aus der Tiefe ein dunkler Schatten der Oberfläche näherte und langsam auf sie zuhielt…
   Puo stieg aus dem Wasser und sah grinsend dabei zu, wie auch Kota und Anasa die letzten Schritte aus dem Fluss taten und ihm die Böschung hinauf folgten. Oben angekommen schüttelten die Jungen sich das Wasser aus dem Fell und sahen sich um. Allen dreien standen die Aufregung und die Freude ins Gesicht geschrieben. Gemeinsam begannen sie, kleine Felsbrocken und Steine zu sammeln und sie auf dem Findling zu einem Haufen aufzutürmen. Auf der Spitze des kleinen Turmes platzierten sie ein Stück Rinde, in dem jeder von ihnen mit den Krallen eingeritzte Kratzspuren hinterließ. Als sie ihr Werk vollbracht hatten grinsten sie einander triumphierend an. Gofu würde es nicht leugnen können. Sie waren vor ihm – und vermutlich auch vor allen anderen – auf dieser Seite des Flusses gewesen. Doch nun war es Zeit für den Rückweg. Kota kletterte die Böschung wieder hinunter und war gerade ins Wasser gestiegen, als sie bemerkte, dass nur Anasa ihr gefolgt war. Sie paddelte einen kleinen Kreis, um sich nach Puo umzusehen, als sie von oben seine Stimme hörte.
   „Achtung da unten, ich komme!“, rief er leise und Kota hob gerade noch rechtzeitig den Kopf um zu sehen, wie er von der Kante des Felsens heruntersprang… und genau auf ihr landete.
   Alles um sie herum verschwand in einem Wirrwarr aus Luftblasen, Fell und Pfoten. Dann, wie aus dem nichts tauchte der Grund des Flusses vor ihr auf und leere, tote Augenhöhlen starrten sie zwischen zwei Steinen heraus an. Sie kreischte auf, doch nur ein weiterer Schwall Luftblasen strömte durch ihr Maul, dann paddelte sie so schnell und kräftig sie konnte nach oben. Prustend und hustend brach sie durch die Oberfläche und schnappte nach Luft.
   „Puo!“, hörte sie Anasa fauchen. „Bist du bescheuert? Du hättest sie fast umgebracht!“
   „Du Idiot!“, stimmte auch Kota mit ein, als sie wieder zu Atem gekommen war und paddelte wütend auf das Ufer zu. „Was sollte das?“
   „T… Tut mir leid…“, murmelte der junge Löwe etwas kleinlaut. „Ich dachte es wäre lustig… wollte dich gar nicht treffen.“
   „War es aber nicht“, zischte Kota ohne sich wieder zu ihm umzudrehen. Ärgerlich paddelte sie weiter, als plötzlich…
   „AH!“, kreischte Anasa und planschte erschrocken vorwärts, wobei sie Kota Wasser ins Gesicht spritzte.
   „Was ist los?“ Kota strampelte etwas schneller mit den Beinen um ihre Freundin wieder einzuholen.
   „Da war irgendwas an meiner Pfote!“, jammerte die andere kleine Löwin, dann verfinsterte sich ihre Miene und sie funkelte Puo über die Schulter hinweg an. „Warst du das?“
   „Hey, ich war das nicht!“, empörte dieser sich. „Ich bin hier hinten, wie soll ich…“ Auch er zuckte zusammen. Ein Anflug von Furcht schlich sich in sein Gesicht.
   Kota drehte sich gerade noch rechtzeitig zu ihm um, um zu sehen, wie das Wasser um Puo herum sich verfinsterte, als würde ein Schatten über ihn fallen… ein Schatten trotz wolkenlosem Himmel. Die Augen des jungen Löwen weiteten sich vor Angst, dann wurde er in die Tiefe gerissen und von der Schwärze das Wassers verschluckt. Sie schrie, paddelte so schnell sie konnte auf das Ufer zu und zog sich gemeinsam mit Anasa an Land. „Puo!“ Sie drehten sich um und starrten auf den Fluss. „Puo, wo bist du?“ Doch wie oft und wie laut sie den Namen ihres Freundes auch riefen… sie bekamen keine Antwort.

   Einmal noch atmete er tief durch, dann ging Moyo mit hängendem Kopf auf Puos Mutter zu, um ihr die schreckliche Nachricht zu überbringen. In der vergangenen Nacht war das Rudel von den Schreien zweier Löwenjungen geweckt worden. Kota und Anasa waren zusammen mit Puo zum Fluss geschlichen um auf die andere Seite zu schwimmen… und nur die beiden jungen Löwinnen waren wieder zurückgekommen, triefend nass, vor Angst zitternd und um Hilfe rufend. Das ganze Rudel hatte sich sofort aufgemacht und den Fluss abgesucht, jedoch keine Spur von dem Löwenjungen gefunden. Erst, als der Morgen anbrach hatte Nyundo den kleinen Körper ein ganzes Stück flussabwärts in den tiefhängenden Zweigen eines Strauches an der Böschung hängend entdeckt und ans Ufer gezogen. Jetzt lag es an Moyo, seiner Mutter den kleinen Körper zu übergeben, damit sie Abschied von ihrem Kind nehmen konnte.
   Noch Stunden später hallte das Wehklagen der Löwin in seinen Ohren nach, als er mit Nyundo den Fluss entlang schritt und versuchte, sich darüber im Klaren zu werden, was Puo widerfahren war.
   „Er wird sich wohl an einer Wasserpflanze verfangen haben“, vermutete der Hammerkopf. „Oder er ist in eine Strömung geraten, die ihn nach unten gezogen hat… wir können froh sein, dass es die anderen beiden heil wieder ans Ufer geschafft haben.“
   „Vermutlich hast du Recht.“ Moyo seufzte. Er nahm sich vor, zu erlassen, dass es Jungen nur noch in Begleitung eines Erwachsenen gestattet war, zum Fluss zu gehen und alle Mitglieder des Rudels darauf zu achten hatten, dass die kleinen sich daran hielten. Er konnte nur hoffen, dass es weitere Tragödien wie diese verhindern würde.

   Tränen verschleierten sein Blickfeld, als er sich auf die feuchte Erde am Flussufer sinken lies… Hier hatten sie seinen Sohn gefunden, verfangen in den Zweigen eines der Büsche, die in den Fluss hinausragten. Puo war das beste gewesen, dass ihm je passiert war, noch viel besser, als das Moyo ihm gestattet hatte wovon er seit Jahren geträumt hatte, sich seinem Rudel anzuschließen und mit der Löwin zusammen zu sein, die er liebte. Doch jetzt war er für immer fort… sein Sohn war tot. Weinend hob der Löwe den Blick zum Sternenhimmel und meinte beinahe zu spüren, wie der Strom seiner Tränen den Fluss anschwellen und seine Pfoten umspülen ließ. Ein paar Augenblicke später senkte er den Blick wieder und blinzelte… Nein, das hatte er sich nicht nur eingebildet. Das Wasser des Flusses war tatsächlich angestiegen. Doch wie sollte das möglich…?
   Ein dunkler Schatten schoss dicht unter der Wasseroberfläche auf ihn zu. Er wollte aufspringen, doch noch ehe er reagieren konnte brach das Wasser vor ihm auf. Scharfe Klauen gruben sich in seine Pfoten und nagelten sie an Ort und Stelle fest. Mit Entsetzten starrte er auf sie hinab. Sie waren durchscheinend und schienen direkt aus dem dunklen Wasser vor ihm zu entspringen, das langsam immer weiter anstieg. Er versuchte sich loszureißen, doch die Klauen bohrten sich nur noch fester in seine Tatzen und er jaulte schmerzerfüllt auf. Der Fluss umspülte ihn mittlerweile und schwoll immer weiter an. Als er ihm bis unter das Kinn reichte erhob sich plötzlich der dunkle Schatten eines Gesichtes aus dem Wasser und sah mit einem bösartigen Grinsen auf ihn herab… Dann schlug das Wasser über ihm zusammen.

   Es war eine Sache, wenn ein Junges in einem Fluss ertrank. Eine Tragödie ohne Zweifel, aber nicht unnatürlich und für den gesunden Löwenverstand nicht unmöglich zu erklären. Ein ausgewachsener Löwe jedoch, der dann auch noch am Ufer lag, als hätte er den Fluss gar nicht erst betreten… das war etwas anderes. Moyo hatte dem Streuner vor Jahren schon gestattet, in seinem Rudel zu leben. Er war seinem Vater immer schon ein Dorn im Auge gewesen und es schien ihm, ein guter Beweis dafür zu sein, dass er ein besserer König sein würde, als der alte Tyrann, wenn er ihm und der Löwin, die er liebte eine gemeinsame Zukunft schenkte. Doch hier lag er nun. Es gehörte nicht viel dazu zu erkennen, dass der Löwe ertrunken war, doch nichts deutete darauf hin, dass er irgendwo stromaufwärts ins Wasser gestiegen und später hier angespült worden war. Moyo war ratlos und selbst Nyundo musste sich eingestehen, dass er sich keinen Reim darauf machen konnte, was hier geschehen war.
   „Sei so gut und hol die alte Ulozi“, trug er dem Vogel auf. „Sie soll sich ihn ansehen. Vielleicht kann sie hier etwas herausfinden, das wir übersehen.
   Der Hammerkopf verneigte sich leicht, dann hob er ab und machte sich auf, die Schamanin des Rudels zu suchen.
   Als Nyundo mit der gealterten Paviandame wieder bei ihm eintraf, war es bereits spät geworden. Sanft und mit traurigen Augen begann Ulozi wortlos, den toten Körper zu untersuchen. Auch sie kam schnell zu dem Schluss, dass dieser Löwe ertrunken war, konnte sich aber ebenfalls nicht erklären, wie das geschehen sein sollte… bis ihr Blick auf die Pfoten des Toten fiel. Vorsichtig betastete sie die Tatzen des ehemaligen Streuners. Dann verfinsterte sich ihre Miene. Mit einer Hand grub sie ein flaches Loch in den Boden nur eine Armlänge von dem Toten entfernt und rieb die Erde zwischen ihren Fingern. „Der Boden hier ist zu nass“, bemerkte sie. „Es sieht aus, als wäre der Fluss bis…“ Sie machte ein paar Schritte bis hinter den Körper des Löwen und grub dort ein weiteres Loch. Auch hier prüfte sie die Erde und rammte dann ihren Stock vor sich in den Boden. „Bis mindestens hierher angestiegen. Nicht einmal zur Regenzeit führt dieser Fluss so viel Wasser… Hast du dir seine Pfoten angesehen? Es scheint als… hätte etwas… jemand, ihn hier festgehalten, während das Wasser um ihn herum anstieg.“
   „Das ist doch verrückt…“ Moyo war nicht überzeugt. „Was soll das denn gewesen sein? Ein Krokodil? Es gibt keine Krokodile mehr in diesem Fluss. Sie sind alle fort, das haben wir doppelt und dreifach geprüft.“
   „Kein Krokodil.“ Mit unheilverheißendem Blick starrte die Affendame in das tiefe Wasser des Flusses. „Shetani…“, murmelte sie leise.
   „Was sagst du?“ Moyo hatte nicht ganz verstanden, was die Alte gesagt hatte. War es ein Name gewesen?
   „Du bist mit den Geschichten über die großen Könige der Vergangenheit vertraut, nicht wahr?“, fragte sie, ohne ihm zu antworten.
   „Natürlich. Jeder Löwe kennt diese Geschichten. Die Großen Könige der Vergangenheit wachen von den Sternen aus über uns, auch wenn es diesem armen Teufel und seinem Sohn nicht viel genützt hat.“
   Ulozi nickte, ohne auf seine Bemerkung einzugehen. „Und hat man dir auch erzählt, was mit jenen geschieht, die ihr Leben mit Bosheit und Tyrannei verbrachten? Von Shetani?“
   Er schüttelte den Kopf. „Nein, aber ich weiß auch nicht, wie uns alte Geschichten in dieser Situation…“
   „Dein Vater.“
   Die Worte der Affendame trafen ihn als hätte sie ihn mit ihrem Stock geschlagen.
   „Dein Vater hat diesen Löwen getötet. Ihn und seinen Sohn.“
   „Nein“, brachte Moyo heraus, nachdem er einmal schwer geschluckt hatte. „Mein Vater ist tot.“
   „Das ist er.“ Mit toternstem Blick legte Ulozi eine Hand auf seine Schulter. „Und doch ist er nicht fort.“
   Verärgert schnaubte Moyo und entzog sich ihrer Berührung. „Komm mir jetzt nicht mit diesem ‚Er lebt in mir‘ Schwachsinn! Ich habe nichts mit dem Tod der beiden zutun, falls es das ist, was du andeuten willst. Ich mochte ihn und ich würde nie so tief sinken, einem Jungen etwas anzutun!“
   „Das ist es nicht, was ich meine.“ Ulozi schüttelte den Kopf. „Doch hast du mich in gewisser Weise richtig verstanden. Er mag tot sein, doch er lebt weiter. Hier in diesem Fluss.“
   „Das ist lächerlich!“ Knurrend wandte er sich zum Gehen. Er hatte genug von dem Gebrabbel der alten Schamanin. Märchen würden ihn hier nicht voranbringen.
   „Höre mich an Moyo!“, fauchte Uloiz und mit einem Satz, den der Löwe dem alten Affen niemals zugetraut hätte sprang sie vor ihn, hob ihren Stab und versperrte ihm so den Weg. „Die alten Geschichten erzählen von Königen, die gut im Leben waren und sich ihren Platz zwischen den Sternen verdient haben. Es sind die, die wir gerne erzählen und unseren Kindern zum Einschlafen vortragen. Doch da sind auch die weniger schönen, die schrecklichen von grausamen Tieren, die Leid und Tod über jene brachten, die ihnen im Weg standen! Von Tieren wie deinem Vater, so bösartig, dass sie selbst im Tode noch Verderben über das Land bringen in dem sie einst wandelten. Sie zeigen sich nicht in den Sternen oder den Wolken, sondern in den zerstörerischen Kräften der Natur, im Feuer, oder seltener, aber nicht unmöglich, im Wasser. Wir nennen sie Shetani und zu eben einer solchen Kreatur muss dein Vater geworden sein, als er in diesem Fluss seinen Tod fand!“
   Jetzt reichte es Moyo. „Ich soll dir glauben, dass mein Vater von den Toten auferstanden ist und die Kontrolle über diesen Fluss übernommen hat und jetzt wahllos Löwen darin ersäuft? Das ist doch Wahnsinn! Du kannst unmöglich von mir erwarten, dass ich das glaube, geschweige denn, dass ich es meinem Rudel als Erklärung für unsere Toten auftische!“
   „Ich flehe dich an, höre auf meine Worte!“, versuchte es Ulozi ein letztes Mal, während Moyo wütend davonmarschierte. „Haltet euch von diesem Fluss fern! Es wird nur noch schlimmer werden, wenn ihr ihn nicht aufhaltet!“ Doch Moyo antwortete ihr nicht. Er war bereits zu weit entfernt.
   Aus ihrem Versteck hinter ein paar Büschen heraus beobachteten Kota und Anasa, wie die alte Affendame sich niedergeschlagen auf ihren Stab stütze und traurig den Kopf schüttelte, ehe auch sie die Stätte verließ. Starr vor Angst sahen sie einander an. Für sie bestand kein Zweifel dran, das Ulozi nichts als die Wahrheit gesprochen hatte. Der alte Tyrann, Moyos Vater, der noch vor ihrer Geburt dieses Land beherrscht hatte war als Shetani zurückgekehrt. Und er war darauf aus, blutige Rache zu nehmen…

   Wieder war es Nacht geworden, doch heute dimmten Wolken, die wie Schleier am Himmel hingen das Licht der Sterne, dass seit er erwacht war auf ihn herabgeschienen hatte, wie um ihn zu verhöhnen. Ein gurgelndes Knurren entrang sich seiner Kehle. Mit jedem Leben, das er beendet hatte, hatte er sich stärker gefühlt, wieder mehr er selbst, nicht diese formlose Gestalt, zu der er anfangs geglaubt hatte verdammt worden zu sein. Und gestern hatte er zum ersten Mal seit Jahren wieder seine Krallen ausfahren und in seine Beute schlagen können. Was hatte dieser erbärmliche Streuner sich auch dabei gedacht, sich einfach in seinem alten Revier niederzulassen und eine Familie zu gründen? Es war sein Recht, nein, seine Pflicht gewesen ihn und seine Brut von dem Land zu tilgen, das rechtmäßig ihm gehörte! Was hatte sich sein Nichtsnutz von einem Sohn dabei gedacht, zuzulassen, dass sich so etwas hier einnistete? Doch er würde ihnen zeigen, was es bedeutete, ihn zu verraten! Langsam glitt er auf das Ufer zu und hob eine Pranke aus dem Wasser. Wie in der vergangenen Nacht hob sie sich über die Oberfläche und wieder erfüllte ihn das Gefühl mit Euphorie. Er ließ eine zweite Pranke folgen und als auch das gelang zog er seinen ganzen Körper nach oben… Er stand. Er stand am Ufer des Flusses! Vorsichtig machte er einen Schritt. Die Erde unter seinen Pfoten wurde feucht und begann, unter seiner Berührung aufzuweichen, doch der Fluss hinter ihm hielt ihn nicht mehr fest, wie bei seinem letzten Versuch. Er machte einen weiteren Schritt, dann noch einen und noch einen. Weiter und weiter entfernte er sich vom Fluss, immer weiter auf die Stelle zu, an der er seine Beute vermutete…

   Kota hatte schlecht geschlafen. In ihren Albträumen war sie wieder am Fluss gewesen. Sie hatte am Ufer gestanden und zugesehen, wie Puo panisch versuchte, auf sie zu zu paddeln, ohne sich dabei jedoch vom Fleck zu rühren. „Kota! Kota, hilf mir!“, hatte er gerufen, doch sie war wie angewurzelt gewesen und hatte nur zusehen können, wie sich der schwarze Schatten immer näher auf ihren Freund zubewegte, sich aus dem Wasser erhob und Puo schließlich mit sich in die Tiefe riss. Um sich von ihrem Albtraum abzulenken suchte sie Anasa um mit ihr zu spielen, doch egal, was sie auch ausprobierten, Fangen, Verstecken, Rudel spielen… ohne Puo war es nicht mehr dasselbe. Und noch über ihrem Kummer über ihren verlorenen Freund hin der Schatten des Monsters, das ihn ihnen genommen hatte. Der Shetani.
   „Und der König will ihn nicht einmal vertreiben“, sagte Anasa niedergeschlagen. Wieder einmal waren sie mitten im Spiel auf den toten König zurückgekommen.
   „Er glaubt ja nicht einmal an ihn…“, warf Kota traurig ein. „Wenn wir doch nur…“ Sie stutzte. Mit einer Pfote war sie in eine Pfütze getreten. Verdutzt sah sie zum Himmel empor. Nicht eine Wolke war zu sehen uns soweit sie sich erinnern konnte, war in der vergangenen Nacht auch kein Regen gefallen. Sie senkte den Blick wieder und sprang mit einem Aufschrei zurück. Es war keine gewöhnliche Pfütze gewesen, in die sie getreten war, sondern ein mit brackigem Wasser gefüllte Pfotenabdruck!

   „Das ist doch Unfug!“ Streng sah der König auf die beiden Jungen herab, die zitternd zwischen den Vorderbeinen ihrer Mütter saßen. „So etwas wie einen Shetani gibt es nicht! Das sind nur Schauermärchen. Woher habt ihr diesen Unsinn überhaupt? Sagt mit bitte nicht, Ulozi hat euch davon erzählt?“
   Kota uns Anasa tauschten einen verstohlenen Blick, dann schüttelten sie gemeinsam den Kopf. Sie wollten nicht, dass die Schamanin ihretwegen weiteren Ärger mit dem König bekam, sie war immer nett zu ihnen gewesen. Und schließlich war es nicht gelogen. Sie hatte es ihm erzählt, nicht ihnen. Sie hatten schließlich nur gelauscht und man konnte niemandem etwas erzählen, von dem man nicht wusste, dass er da war. Das hielt sie allerdings nicht davon ab, an ihrer Geschichte festzuhalten.
   „Aber die Spuren sind echt!“, beharrte Anasa. „Wir können sie Euch zeigen, sie müssen wirklich vom Shetani gemacht worden sein, ganz ehrlich!“
   Der König seufzte und sah in die Gesichter der Eltern der kleinen. Vermutlich war es der Besorgnis in ihren Gesichtern und nicht Anasas Überredungskünsten zu verdanken, dass er sich schließlich erweichen lies und sich die Spuren ansah. Und tatsächlich glaubte Kota endlich Besorgnis in seinem Gesicht zu erkennen, als sein Blick auf ihren Fund fiel.
   „Seht Ihr, wir haben die Wahrheit gesagt!“, rief Anasa. „Der Shetani ist aus dem Fluss gekommen und bis hierher gelaufen! Bitte, Ihr müsst Ulozi fragen, wie man ihn aufhält, sonst tötet er uns alle, wenn er wiederkommt!“
   „Ich… es muss eine andere Erklärung geben! Es…“ Der König begegnete dem flehenden Blick der Jungen und brach ab. Er schien kurz zu überlegen, dann schlug er die Augen nieder. „Na gut. Ich werde Nyundo sagen, er soll heute Nacht den Fluss im Auge behalten. Wenn er tatsächlich sieht, dass ein untoter Löwe aus dem Wasser steigt, bin ich gerne gewillt, mir Ulozis Geschichte anzuhören. Aber auch wirklich nur dann, habt ihr mich verstanden? Und bis heute Abend werde ich mich umsehen, ob ich nicht einen Streuner im Umland finde, der sich hier einen bösen und mehr als geschmacklosen Scherz mit uns erlaubt hat.“
   „Aber dann ist es vielleicht schon zu spät! Bitte, wenn er…“
   „Das ist mein letztes Wort Kinder!“ Mit diesen Worten drehte Moyo sich um und rief nach Nyundo, den er losschickte, um aus der Luft nach fremden Löwen zu suchen.
   In dieser Nacht, schliefen Anasa und Kota nicht mit den anderen beim Rudel. Sie beknieten ihre Mütter so lange, bis sie schließlich nachgaben und ihnen erlaubten, zu Ulozi auf ihren Baum zu klettern, der nur eine kurze Wegstrecke vom Lader des Rudels entfernt war und brachen kurz vor Sonnenuntergang zu ihr auf.

   Endlich war seine Zeit wieder gekommen. Ein weiteres Mal war die Sonne untergegangen und Wolken hatten sich über seinem Land zusammengezogen als hätten sie seinem Befehl gehorcht. Und wieder fühlte er sich stärker als in der Nacht zuvor, stark genug, um zu tun, was er gestern nicht geschafft hatte. Heute würde ihn nicht die Kraft verlassen, grade wenn er sein Ziel beinahe erreicht hatte. Er wollte sich gerade aus dem Wasser erheben, als er über sich eine Bewegung wahrnahm. Von knapp unter der Wasseroberfläche spähte er nach oben und sah über sich einen Vogel kreisen und sich schließlich auf einem Baum nahe dem Ufer niederlassen. Einen Vogel, den er nur allzu gut kannte.
   „Nyundo“, knurrte er lauter als er es hatte tun wollen und der Hammerkopf erstarrte auf seinem Ast. Dann sah er sich verwirrt um.
   Eine Idee braute sich im Verstand des alten Königs zusammen und er schmunzelte in sich hinein. Langsam und leise glitt er auf ein Schilfdickicht zu, dass am Flussufer wuchs. Dann wiederholte er den Namen.
   „Wer ist da?“, hörte er die Stimme des Vogels, nachdem er den Namen noch ein weiteres Mal ausgesprochen hatte. Dann flatterte Nyundo herunter auf den Boden und stierte in das Gebüsch hinein. „Kinder? Wenn ihr das seid und das ein Scherz ein soll, dann schwöre ich bei all den großen Königen, dass ihr in ernsthafte Schwierigkeiten…“
   Weiter kam er nicht, denn mit einer Woge aus Wasser brach der alte König aus dem Fluss heraus. Seine Kiefer schlossen sich um den wild mit den Flügeln schlagenden Vogel und er warf den Kopf einmal hin und her. Er hörte, wie mit einem befriedigenden Knacken die Wirbelsäule des Majordomus, der nach seinem Ableben so willentlich in den Dienst seines verräterischen Sohnes übergegangen war brach. Zufrieden mit dem ersten Jagderfolg dieser Nacht warf er den erschlafften Körper in den Fluss, wo er vom Wasser davongetrieben wurde. Grinsend spuckte er ein paar Federn aus, dann machte er sich auf den Weg. So gestärkt würde es ihm sicher keine Schwierigkeiten bereiten, sein Ziel zu erreichen und seinem alten Rudel eine letzte Lektion zu erteilen.

   Dicht aneinander gekuschelt lagen Kota und Anasa vor Ulozi und lauschten ihrer Geschichte, während sie mit den Händen über die entsprechenden Bilder an der Wand hinter ihr strich. Sie zitterten, doch beide wussten, dass was sie erzählte zu wichtig war, als das sie zugeben konnten, sich zu fürchten und zu riskieren, dass die Schamanin nicht weitererzählen würde. Glücklicherweise jedoch näherte sich die Erzählung ihrem Höhepunkt. Der Held der Geschichte war ein junger Löwe, der gezwungen war, gegen den Shetani einer grausamen Hyänenmatriarchin zu kämpfen, die sein Rudel auch noch terrorisierte, nachdem sie in einem Wildfeuer den Tod gefunden hatte. Er hatte tapfer gegen sie gekämpft, aber wie sich jetzt herausstellte war es nur einem ängstlichem, keinen Schakalmädchen zu verdanken, dass die Geschichte gut ausging. Sie hatte in der Asche des Feuers den Oberschenkelknochen der Hyäne ausgegraben und zerbrochen, woraufhin es dem Löwen gelang, die flammende Hyäne zu töten und in Rauch vergehen zu lassen.
   „Also muss noch irgendwo ein Knochen von Moyos Vater herumliegen, den wir zerbrechen müssen, um ihn zu besiegen?“, schlussfolgerte Anasa, als Ulozi ihre Geschichte beendet hatte.
   „Das vermute ich“, sagte die Schamanin mit einem Nicken. „Vermutlich liegt er irgendwo im Fluss. Ein Stück, das die Krokodile übersehen haben. Aber wer weiß schon wo?“ Sie seufzte. „Ihr solltet jetzt schlafen. Die Nacht ist nicht der richtige Zeitpunkt, um nach Knochen zu tauchen und das ist mit Sicherheit auch keine Aufgabe für zwei kleine Löwinnen. Kommt her.“ Sie breitete die Arme aus und die beiden Jungen schmiegten sich an sie, in der Hoffnung, trotz allem heute Nacht in den Schlaf zu finden.

   Langsam und bedacht setzte er eine Pfote vor die andere, als er auf die schlafenden Löwen zu schlich. Nur das sanfte Rauschen einer nächtlichen Briese und das leise Tröpfeln des Wassers, dass sich aus seiner durchscheinenden Gestalt löste war zu hören. Da war sie, am Rande des Rudels und noch immer so schön, wie an dem Tag als er sie das erste Mal gesehen hatte. Aber was hatte sein Großvater schon gesagt? Verrat hatte ein hübsches Gesicht. Schritt für Schritt näherte er sich ihr, bis er genau neben ihr stand. Dann senkte er den Kopf hinunter zu ihrem Gesicht. Ihre Augenlieder zuckten, als Wassertropfen ihr Fell benetzten.

   Eine Stimme, erklang in ihrem Ohr, eine Stimme, die sie seit Jahren nicht mehr gehört hatte. Eine Stimme, von der sie geglaubt hatte, sie niemals wieder hören zu müssen.
   „Hallo meine Liebste.“
   Sie riss die Augen auf, doch es war bereits zu spät. Kräftige Kiefer umschlossen ihren Hals und erstickten den Schrei, den sie hatte ausstoßen wollen. Fest von seinen Fängen umschlossen wurde wie von ihrem Schlaflager gerissen und ihre Pfoten traten ins Leere. Augenblicklich war ihr Fell so nass, als wäre ein Sturzregen über sie hereingebrochen. Sie schlug um sich, doch konnte nichts tun, um seinem Griff zu entkommen. Er bis fester zu und sie spürte, wie kalte Zähne ihre Kehle durchbohrten und sich ihre Lungen mit Wasser füllten, dann ließ er sie los und sie fiel zu Boden. Ein wortloser Hilfeschrei bildete sich auf ihren Lippen ab, doch erklang nur ein gurgelnder Laut und sie spuckte Wasser und Blut.
   Das letzte was sie sah, war die durchscheinende Gestalt ihres ehemaligen Gefährten und Königs, die mit gebleckten Zähnen auf sie herabsah.
   „Hast du mich vermisst?“, hörte sie ihn fragen, dann war da nur noch Dunkelheit.

   Ein Brüllen riss Moyo aus seinem Schlaf und er sprang auf. Blankes Entsetzten breitete sich in ihm aus, als er die Gestalt erblickte, die über dem leblosen Körper seiner Mutter stand, das Maul weit aufgerissen. Von ihren Zähnen tropften Blut und Wasser wie Speichel aus den Fängen einer tollwütigen Hyäne. Wie erstarrt stand er da, als die Kreatur ihn ins Auge fasste und über den Leichnam hinwegstieg. Es war unverkennbar ein Löwe, nur war sein Körper durchscheinend und tropfte, als wäre er aus Wasser geformt. Seine Mähne war dunkel und im wenigen Mondlicht, dass durch die Wolkendecke fiel sah sie aus wie aus Wasser, in dem aufgewirbelter Schlamm umherwaberte. Doch das Gesicht des Löwen war unverkennbar und die Erkenntnis traf ihn beinahe so hart wie der Anblick seiner toten Mutter. Ulozi hatte Recht gehabt. Vor ihm stand sein Vater!
   „Überrascht mich zu sehen, mein Junge?“ Mit einem boshaften Funkeln in den Augen kam der Shetani auf Moyo zu, während die von seinem Brüllen erwachten Löwinnen panisch vor ihm zurückwichen. „Ich muss sagen… ich bin wirklich enttäuscht von dem, was du aus meinem Erbe gemacht hast… Auch wenn ich zugeben muss, dass ich niemals erwartet hätte, dass du die Eier dazu hast, dich auf diese Weise gegen mich zu wenden… Allerdings war ich noch nicht gewillt bereits beerbt zu werden und bin es auch jetzt noch nicht! Mir scheint, ich habe hier noch einiges, dass es richtigzustellen gilt!“
    Die in ihm aufkeimende Panik herunterkämpfend festigte Moyo seinen Stand. Dann fasste er seinen Entschluss. „Lauft!“, brüllte er. „Lauft soweit vom Fluss wie ihr könnt, ich halte ihn auf!“ Damit stürzte er auf seinen Vater zu, wie er es vor so vielen Jahren schon einmal getan hatte.

   Kota war noch nicht ganz eingeschlafen, als das Brüllen eines Löwen die Stille der Nacht durchriss. Auch Anasa und Ulozi waren augenblicklich wieder wach.
   „Er ist da!“, hauchte die Schamanin und umklammerte mit einer Hand ihren Stab so fest, dass Kota beinahe glaubte, sie würde ihn zerbrechen.
   Ein weiteres Brüllen erklang und Kampfgeräusche waren vom Lager der Löwen zu hören.
   Entsetzt sprang Anasa auf. „Nein! Meine Mama ist da unten!“, schrie sie und wollte schon beginnen, den Stamm des Baumes herabzuklettern.
   „Nein, Kleines!“ Mit ungeahnter Geschwindigkeit schoss die Affendame vor, hielt die junge Löwin fest und drückte sie an sich. „Du hast ihm nichts entgegenzusetzten! Jetzt gibt es nichts mehr, das wir tun können, um euren Eltern zu helfen. Es ist zu spät!“
   Auch Kota sprang an den Rand des Baumes und versucht, durch die Dunkelheit etwas erkennen zu können. Das durfte nicht sein! Es musste etwas geben, das sie tun konnten, es musste einfach… Und dann fiel es ihr ein. Dort unten im Fluss, als Puo auf ihr gelandet war und wie unter Wasser gedrückt hatte… Ulozi hatte Unrecht. Sie konnten etwas tun!
   „Ich weiß, was wir tun müssen!“, rief sie über Anasas Klagen hinweg, die noch immer fest zu weinen begonnen hatte.
   Die Schamanin streckte nun auch nach Kota eine Hand aus. „Kota, bitte glaub mir, wenn du jetzt das hineinläufst…“
   „Nein, das will ich gar nicht! Ich weiß wo er ist, ich weiß wo der Knochen ist!“ Und damit sprang Kota den Baum hinunter.

   Noch nie in ihrem Leben war sie so schnell gelaufen. So schnell sie konnte jagte Kota durch die dunkle Savanne auf den Fluss zu, Anasa und Ulozi dicht auf ihren Fersen. Trotz ihres Alters legte die alte Paviandame eine unglaubliche Geschwindigkeit an den Tag und war nur ein kurzes Stück hinter der jungen Löwin zurückgefallen. Sie erreichte die Böschung und sprang in einem Satz herunter. Da war er, auf der andere Seite des Flusses. Der Felsen, von dem Puo auf sie heruntergesprungen war.
   Keuchend kamen Anasa und Ulozi hinter ihr zum Stehen.
   „Wir müssen auf die andere Seite, da unter dem Felsen!“ Ihre Krallen gruben sich in die feuchte Erde des Flussufers. Da waren Federn. Vor einem Gebüsch aus Schilf sah sie Federn, wie die eines Hammerkopfes. Nyundo… Sie blinzelte eine Träne aus ihren Augen und schluckte ihre Angst hinunter, dann sprang sie ins Wasser. Sie war erleichtert, als sie hörte, wie die anderen beiden ihr in den Fluss folgten und an ihrer Seite schwammen. Als sie die Stelle erreicht hatte, die sie angepeilt hatte holte sie tief Luft und tauchte unter. Wasser und Luftblasen umfingen sie, wie damals, nur der Druck von oben, der sie unter die Oberfläche stieß fehlte und sie musste sich anstrengen, nach unten zum Grund des Flusses zu gelangen. Sie zwang sich, die Augen offen zu halten und suchte den Boden ab. Und da lag er. Eingeklemmt zwischen zwei großen Steinen lag der Schädel eines Löwen. Sie strampelte auf ihn zu und versuchte, ihn mit den Pfoten herauszuziehen, was ihr jedoch nicht gelang. Sie schaffte es noch, einen der Steine zur Seite zu schieben, zwischen denen er verkeilt lag, dann ging ihr die Luft aus und sie musste auch tauchen. Hustend kam sie wieder an die Oberfläche, nahm drei tiefe, kräftige Atemzüge und stürzte sich wieder in die Tiefe. Der Schädel lag nun frei und sie packte ihn mit den Zähnen, gerade als die Strömung ihn fortzureißen drohte. Dann tauchte sie auf und schwamm zusammen mit Anasa und Ulozi ans Ufer.
   „Das… das ist unglaublich! Woher wusstest du…? Ach egal!“, keuchte die Schamanin und nahm den Schädel von Kota entgegen. „Aber jetzt müssen wir ihn noch…“
   „Da oben liegen Steine!“, japste Anasa und begann, die Böschung hinaufzuklettern um auf den Felsen zu gelangen. „Damit kannst du ihn zerschlagen! Schnell!“
   Gemeinsam setzten Kota und Ulozi ihr nach. Oben angekommen rannten sie zu dem Türmchen, dass Kota und Anasa gemeinsam mit Puo bei ihrem ersten Besuch errichtet hatten. Ulozi setzte den Schädel direkt vor dem Türmchen auf dem Felden ab und riss den größten Stein aus dem Gebilde heraus. Dann hob sie ihn hoch über den Kopf und ließ ihn mit einem schrillen Schrei auf den Schädel herabsausen.

   Stöhnend rappelte sich Moyo auf.
   „Erbärmlich. Und ich hatte geglaubt, du könntest einmal meinen Platz einnehmen“, höhnte sein Vater, während er ihn umkreiste. „Ich hätte dich schon vor langer Zeit beseitigen sollen, aber keine Angst, das Versäumnis hole ich jetzt nach!“ Die triefenden Zähne gebleckt kam der Shetani auf ihn zu und machte sich zum Sprung bereit.
   Moyo wappnete sich für diesen einen letzten Angriff. Er wusste, er konnte dem Monster ihm gegenüber nichts anhaben. Wann immer er ihm eine Wunde geschlagen hatte, hatte sich das Wasser einfach wieder darum geschlossen als wäre nie etwas gewesen. Und jetzt war er zu sehr geschwächt, um einem weiteren Angriff noch standhalten zu können. Doch immerhin würde sein Opfer nicht umsonst sein. Der Rest des Rudels war entkommen, er hatte es geschafft, seinen Vater davon abzuhalten, auch nur einen weiteren Löwen zu töten, auch wenn er es versucht hatte, als ihm klar wurde, dass sie vor ihm flohen.
   Der Shetani sprang und Moyo spürte, wie seine Zähne sich ihm in die Seite gruben. Er schrie auf und wollte sich losreißen, als sein Vater plötzlich von ihm abließ und zur Seite taumelte.
   „Was zum…?“ Das Ungeheuer erschauderte und zuckte zusammen, dann schrie es wie von unglaublichen Qualen erfasst auf und hielt sich mit einer Pfote den Kopf.
Mit letzter Kraft warf sich Moyo auf ihn seine Zähne fuhren durch die schlammige Mähne des Shetani und schlossen sich um sein Genick, dann biss er zu.
   Noch einmal jaulte sein Vater auf, dann zerfloss das Ungetüm hinterließ nichts als eine große Pfütze voll brackigem Wasser.
   Keuchend stand Moyo da. Er hatte es geschafft. Er hatte es geschafft… Leise sank der siegreiche König in sich zusammen und ging zu Boden.

   Mit weit aufgerissenen Augen starrte Kota auf die zersplitterten Überreste des Schädels. Dann stellte Anasa die eine Frage, die auch ihr durch den Kopf ging.
   „Hat es geklappt?“
   Ulozi hob einen Finger an die Lippen, dann legte sie eine Hand ans Ohr und lauschte. Auch die beiden Löwenjungen taten es ihr nach und horchten in Richtung ihres Lagers. Die Kampfgeräusche waren verschwunden.
   „Ich denke, wir sollten es riskieren und nachsehen“, entschied die Paviandame und gemeinsam machten sie sich auf den Rückweg.
   Als sie das Lager des Rudels erreichten, fanden sie es verlassen vor. Nur ein Löwe lag inmitten einer großen Pfütze aus Wasser, Blut und Schlamm. Vom Shetani war nichts mehr zu sehen. Gemeinsam liefen Kota und Anasa los und rannten auf den reglosen Körper zu.
   „Oh nein, ist er…“, vorsichtig legte Anasa eine Pfote auf Moyos Pranke. Auch Kota kam näher und stieß sanft mit der Schnauze gegen die Nase des Königs.
   Ein sanfter Luftzug fuhr durch Kotas Fell, als Moyo rasselnd ausatmete. Dann öffnete sich eines seiner schweren Augenlieder. Ein schwaches lächeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab. „Oh… ihr beiden…“, hauchte er schwach. „Euch geht es gut. Den großen Königen sei Dank…“
   „Er lebt noch!“, schniefte Kota freudig, richtete sich auf und umarmte die Schnauze des verletzten Löwen.
   „Grade… grade noch so“, keuchte Moyo.“ Au… au, lass das bitte.“
   „Mein König…“ Ulozi trat ebenfalls an den Löwen heran und verneigte sich leicht. „Ihr habt es geschafft. Ihr und diese beiden hier.“ Sie wies auf Kota und Anasa. „Sie haben gefunden, was von Eurem Vater noch in dieser Welt geblieben war und es zerstört.“
   „Ihr wart das also… das es plötzlich war, als hätte ihm jemand den Schädel eingeschlagen?“
   „Genau das“, lachte Anasa schniefend und wischte sich eine Träne aus den Augen. „Das waren wir.“
   „Ich danke euch.“ Schwer atmend lächelte der König sie an. „Sieht aus, als hättet ihr mich gerettet…“ Mühsam begann er, sich aufzuraffen und die Jungen gaben ihr Bestes, ihm aufzuhelfen. „Lasst uns… lasst uns gehen und euren Eltern erzählen, dass die Gefahr gebannt ist… und wer unsere wahren Helden sind…“
   Langsam und gestützt von Kota und Anasa humpelte er in die Richtung los, in die das Rudel geflohen war.
   Das Lob des Königs füllte die kleinen Löwinnen mit einer wohligen Wärme, doch Kota wusste, dass es nicht ihnen allein zu verdanken war, dass sie den Schädel des toten Königs gefunden hatten und so den Shetani hatten stoppen können leise. Als sie das Lager verließen warf sie noch einen Blick über die Schulter zurück zum Fluss, hinter dem langsam das Licht der aufgehenden Sonne zu sehen war. Sie genoss den Anblick für einen Augenblick und flüsterte dann leise: „Danke Puo…“

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AN: Auch, wenn sie einen Tag zu spät kommt, hier ist meine zweite König der Löwen Gruselgeschichte. Sie ist dann doch etwas länger geworden als die letzte. Ich habe sie gestern Abend erst auf den letzten Drücker fertig bekommen und hab es leider nicht mehr geschafft, sie hier hochzuladen. Trotzdem hoffe ich, dass ihr beim Lesen genauso viel Spaß hattet, wie ich beim Schreiben. Lasst mir gerne ein kleines Feedback da, wie ihr die Geschichte fandet.
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