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Es war einmal... - Nur ein Traum?

von Fhaiye
Kurzbeschreibung
OneshotMystery / P16 / Gen
Gared Dirge
31.10.2021
31.10.2021
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31.10.2021 2.003
 
Nasskalt prasselte der Regen gegen die hohen Buntglasfenster, Äste kratzten über die reich verzierten Glasfronten.
Hätte Gared es nicht besser gewusst, wäre er jede Wette eingegangen, dass es Fingernägel waren, die diesen grausigen Ton verursachten.

Doch er wusste es besser, besann sich wieder auf das Gespräch, das ihn mit Sicherheit abzulenken vermochte.

„Oha, diese Geschichte um dieses Herrenhaus“, Pi legte eine Pause ein und ließ seinen Blick durch das offene Vestibül streifen, als das kleine Grüppchen gemeinsam die prunkvollen Treppen hinabschritt, „macht einem echt Angst. Vor allem –“

Mitten im Satz wurde er von einem lauten Donnergrollen unterbrochen, das Gared das Blut in den Adern gefrieren ließ!
Bitte einfach nur weg hier!

Der Rest der Band hingegen lachte leise auf.

„Vor allem, seit unser transsilvanischer Führer uns verlassen hat.“

Gedanklich klinkte Gared sich nun vollkommen aus.
Innerlich schlug er sich die Hand vor sein Gesicht, halb belustigt, da sie sich in Tschechien und nicht in Rumänien befanden und halb verängstigt…
Seine Bandmitglieder kauten nach und nach die blutrünstige Geschichte des Gebäudes und deren Bewohner durch.
Immer und immer wieder.

Dass man daraus sicherlich ein gutes Konzeptalbum kreieren könnte.
Blablabla.

Er konnte es nicht mehr ertragen.

Gared reichte das rote Licht, welches die Buntglasfenster wegen der Blitze draußen auf den abgelaufenen Holzdielen der alten Villa hinterließen um zu erahnen, was genau vor all den Jahren hier vorgefallen war.

Ihm wurde ganz anders.

Um nicht weiter an diese Gruselmär zu denken, versuchte sich der Allrounder stattdessen auf das Geräusch des immer stärker werdenden Regens zu konzentrieren, doch all seine Mühe war umsonst.
Vor sich sah er stets…

„Und dann hatte er auch noch diesen super ulkigen Akzent…“, Nik brach seinen Satz ab, verstellte seine Stimme und versuchte ihren tschechischen Besichtigungsleiter nachzuahmen.

Gared verdrehte die Augen und stieg mit schnelleren Schritten die Stufen hinab.
Jede einzelne krächzte als würde das Holz unter seinen Füßen Höllenqualen erleiden.
Er beschleunigte seine Schritte, sodass er alsbald die doppelflügelige Pforte mit den schweren Türklopfern hinter sich gelassen hatte.

Nur noch der Innenhof…

Gared blieb wie angewurzelt stehen, blickte sich um.
Sein Herz raste plötzlich wie wild, kalter Schweiß bildete sich auf seiner Haut, rann an ihm herab.

War da nicht…?

Mittlerweile war es Nacht geworden, der Mond stand hellleuchtend am Firmament, beleuchtete den überwucherten Garten, der einst prachtvoll gewesen sein muss.
Doch nun…

Der starke Regen und der jäh aufgezogene Nebel nahmen dem Allrounder beinahe die gesamte Sicht, aber…
Gared hätte schwören können, einen Schemen ausgemacht zu haben.

Oder… irrte er sich?

Die anderen hatten ihn derweil eingeholt, waren knapp hinter ihm, seine Haare hingen klatschnass in seinem Gesicht, an seiner Stirn.
Fahrig wischte er sie fort, blinzelte.
Doch sehen konnte er nichts.

„Was ist los? Hast du einen Geist gesehen?“, witzelte Chris, warf ihm ein nonchalantes Lächeln entgegen, ehe er an ihm vorbeizog und seine Schritte in Richtung Auto beschleunigte.

Auch Pi, Class und Nik blieben kurz auf seiner Höhe stehen.

„Buhuuuu, war etwa die liebe Žofie zu Besuch?“, foppte Class ihn.
Sein Lachen war weit weniger charmant als das von Chris. Gareds Herz zog sich schmerzhaft zusammen, die Schweißperlen auf seiner Stirn vermehrten sich, mischten sich mit dem kalten Regenguss.
Wenn seine Freunde nur wüssten… nicht nur, dass er dachte, er hätte einen Geist gesehen.

Schwer schluckend sah er seinen Freunden hinterher, wie sie Richtung Auto rannten, der Matsch hinter ihnen hochspritzte.
Und ein greller Blitz den pechschwarzen Himmel teilte und die Gewächse um ihn herum in grausiges Licht tauchte.

Eine Übelkeit erregende Gänsehaut breitete sich auf seinem Körper aus, machte, dass er sich urplötzlich wieder bewegen konnte.
Triefend kam er am Auto an, lief direkt in die Arme seiner feixenden Bandkollegen.

„Hinter dir, Žofie!“, ertönte Pis Stimme.

Gared war es leid, wusste er doch um die Unbelehrbarkeit seiner Freunde und reagierte gar nicht erst, obwohl er beinahe einen Herzinfarkt bekam.
Diese Genugtuung gönnte er ihnen nicht. Nicht diesmal.

Chris drehte den Zündschlüssel, der Motor heulte auf. Langsam bugsierte er sie weg von diesem Herrenhaus, das im Nebel und Mondenschein beinahe friedlich wirkte.
Beinahe.
Wenn man seine Geschichte nicht kannte.

Erneut zuckte ein Blitz über den Himmel und tauchte die Szenerie in eine düstere Atmosphäre.

Gared drehte sich wieder in Fahrtrichtung, erschauderte.
Lenkte seine Gedanken auf andere Dinge, versuchte es.

Das Gewitter verschlimmerte sich, der Nebel wurde mit jedem gefahrenen Meter dichter und dichter.

„Gared, was ist los mit dir? Du bist blass wie ein Kalkeimer…“, erklang Chris‘ Stimme sanft vom Fahrersitz aus.
Diesmal war keinerlei Spott aus der Stimme seines Freundes herauszuhören und dennoch winkte der Angesprochene ab.

Reden? Nein, danke.

Eigentlich wollte Gared nur seine Ruhe.
Ruhe, um nachzudenken und alles zu vergessen.

Er lehnte den Kopf an die eiskalte Scheibe, fröstelte. Seinen Blick ließ er über die neblige Landschaft streifen, die in rasendem Tempo an ihnen vorbeizog.
Wie es schien, wollte auch Chris schnell zurück ins Hotel.

Einige Zeit war es ruhig, Gared schlummerte ein.
Und zuckte dann heftig zusammen, als ihn etwas Kühles im Nacken streifte.

Reflexartig drehte er sich nach hinten – doch nichts!

Was sollte dort auch schon sein?
Gared befand sich in einem Auto. Er saß auf der Rückbank und hinter ihm war der leere Kofferraum.

Mit der rechten Hand berührte er seinen Nacken genau dort, wo er es gespürt hatte.
Was auch immer es gewesen war.
Es brannte.
Wie Feuer.

Gareds Herz fing erneut an mit aller Heftigkeit zu schlagen.
Erst da bemerkte er, dass sich vier Augenpaare auf ihn gelegt hatten.

„Mal im Ernst, was ist los mit dir?“, hakte Class nach.
Der Bassist hob eine Augenbraue, betrachtete Gared intensiv.

Doch was sollte er schon antworten?

„Ich… ich… muss eingeschlafen sein“, Gareds Stimme war leise und er stotterte unbeholfen vor sich hin.

Er sah, dass Class langsam zu nicken begann. Seine Auskunft hatte scheinbar gereicht, auch wenn sie nicht wirklich überzeugend geklungen hatte.
In seinen Ohren jedenfalls.

Gared schluckte und drehte sich zurück zum Fenster.
Und erschauderte. Riss die Augen auf.
Versuchte, sich unter Kontrolle zu halten.

Da, mitten im Nebel, bei voller Fahrt, war eindeutig etwas zu erkennen.
Eine Gestalt.

Übelkeit breitete sich in ihm aus.
Unmöglich!

Er wandte sich ab, versuchte an das Konzert zu denken, das sie in zwei Tagen spielen würden.
Doch das hohe, grausige Lachen in seinen Ohren… das gab ihm den Rest.

Zu seinem Glück parkte Chris alsbald vor dem Hotel.
Kaum waren die Reifen zum Stillstand gekommen, riss Gared die Autotüre auf und rannte in Richtung des Gebäudes.
Die vollkommene Dunkelheit, der Nebel, der kalte Regen, seine nassen Schuhe – all das war ihm egal.
Er wollte nur weg hier!

Er bekam nicht einmal mehr mit, dass seine Bandkollegen ihm sorgenvolle Blicke hinterherwarfen.

In seinem Hotelzimmer angekommen, atmete Gared tief durch. Schloss hinter sich ab, zog die schweren Vorhänge zu.
Und nahm dann eine heiße Dusche.

Er musste sich das alles einbilden, es ging gar nicht anders!
Geister, die gab es nämlich überhaupt nicht!

Alles, was der Reiseleiter erzählt hatte – dass der rachsüchtige Geist, die Ehefrau des Besitzer des Herrenhauses, noch immer gesehen wurde – konnte lediglich eine Geschichte sein, die man Touristen erzählte, damit diese im Ort die Kassen klingeln ließen…
Es konnte nicht anders sein!

Aber was waren das dann für… seltsame Ereignisse?

Gared setzte sich auf das große Bett, zog das rote Laken über seine Knie.

Rot, wieso ausgerechnet rot?
Rot – wie Blut.

Gared schluckte, versuchte die aufkeimende Angst zu unterdrücken.

Seine Gedanken schweiften ab, er dachte über die vergangenen Wochen nach…
Hatte er das Richtige getan?

Er war sich nicht sicher, rieb sich über die Stirn.
Hob den Kopf – und stutzte.

Hatte das Bild nicht eben noch in Waage gehangen?

Gared kniff die Augen zusammen und entschloss für sich, dass das Gemälde überhaupt keinerlei Priorität aufwies.
Wieder schwelgte er in Erinnerungen.

Und wurde durch ein rhythmisches Pochen aus diesen gerissen.

Instinktiv hob er den Kopf, sah nach links, nach rechts – doch nichts.
Dennoch beschleunigte sich sein Puls, Gänsehaut bereitete sich auf seinem Körper aus.

„Hallo? Ist da jemand?“, seine Stimme klang mutiger, kräftiger als gedacht.

Gared stand auf, konnte sich dann jedoch nicht rühren.

Sein Blick glitt Richtung Tür.
Und erschauderte.

Nebel zog durch den Spalt herein.
Dichter, trüber Nebel.

Er taumelte nach hinten, fiel rücklings auf das Bett.

Nun überkam ihn die Angst vollkommen.
Er schrie, schrie so laut er konnte.
Hob dabei nicht einmal den Kopf.

„CHRIS! NIK! CLASS! PI! IHR PENNER, DAS IST NICHT LUSTIG!“

Doch er erhielt keine Antwort.
Stattdessen ertönte abermals das hohe, kalte Lachen, das er bereits im Auto gehört hatte.

„Ehrlich Jungs, es war ganz witzig…“, stammelte Gared vor sich hin.

Abrupt wurde es kalt im Zimmer, Gareds Atem kondensierte vor seinen Augen.
Das Licht begann zu flackern.

An, aus.
An, aus.

Hilflos lag er auf dem Bett, rappelte sich dann auf. Er wälzte sich auf die Seite, wollte raus aus dem Zimmer, weg von hier!
Doch es war wie verhext, er konnte sich plötzlich keinen Millimeter mehr bewegen, das rote Laken schnürte sich um seine Gliedmaßen, hielt ihn an Ort und Stelle.

Erneut schrie Gared auf, ahnte , dass das hier kein Spaß mehr war.

„HILFE!“

Von einer unsichtbaren Macht gesteuert, knebelte ihn das Laken und erstickte für einen Moment jeden weiteren Versuch aus diesem Zimmer zu entkommen.
Doch so leicht war Gared nicht zu brechen, er kämpfte gegen seine Fesseln an.

Wieder ertönte das widerwärtige Lachen, das Licht wurde gedämpft, ehe eine schaurige, leise Melodie erklang.
Zweifelsohne war es eine Frau, die diese Weise anstimmte.

Gared ließ sich nicht täuschen, wehrte sich noch immer, doch je härter er gegen das Laken ankämpfte, desto fester schlang es sich um seine Arme und Beine.
Erstickt schrie er auf, Tränen bildeten sich in seinen Augen.

Sollte er so sein Ende finden?
Warum?

Und dann sah er es, sah er sie.

Eine kleine, durchscheinende Gestalt, mit schwarzen Augenhöhlen.
Und einem lieben Lächeln auf den Lippen.
Und einem Stilett in der Hand.

Žofie.

Wieder ertönte der schaurige Klang und die Temperatur im Raum sank gen Nullpunkt.

Gareds Furcht war nunmehr so groß, dass er sich überhaupt nicht mehr rühren konnte.
Vor Angst erstarrt beobachtete er die Gestalt, dessen Existenz er bis zuletzt angezweifelt hatte.

Die Gruselmär war keine Mär.
Alles war real.

Und er, er wäre das nächste Opfer.

Als hätte der Geist von Žofie seine Gedanken gelesen, nickte das Wesen und kam näher.

Gared wimmerte.
Und schloss die Augen.

Blut, überall Blut.
Das hatte sie einst hinterlassen.

Die unsichtbare Macht, die ihn bereits gefesselt hatte, zwang ihn nun, die Augen zu öffnen.
Beinahe wäre Gareds Herz stehen geblieben.

Der Geist war nah, schwebte über ihm.
Und auf seinem Gesicht zeichnete sich eine groteske Fratze ab, leere Augenhöhlen starrten geradewegs durch ihn hindurch.

„Es wird wehtun, sehr sogar. Du weißt warum. Du hast ihr nicht geglaubt, sie vorschnell verurteilt. Verlassen, Schmerz zugefügt. Das hat man mir auch einst angetan. Du kennst die Geschichte“, hallte Žofies frostige Stimme in Gareds Kopf umher.

Žofies geisterhafte Maske verzog sich zu einem boshaften Lachen.
Wieder erklang ihre Stimme in Gareds Kopf.

„Mein Gatte hat mir vor all den Jahren ebenfalls unterstellt, ich wäre ihm untreu gewesen, dabei war er derjenige, der eine andere Frau begehrte. So wie du. Und dann, dann hat er mich hinrichten lassen…“

Gareds Augen weiteten sich.
Seine Kräfte kamen zu ihm zurück als er sah, dass der Geist die Hand mit dem Stilett erhob, die schwarzen Höhlen vor lauter Gier zu glimmen begannen.
Wieder entfuhr ihm ein Schrei, ein Schrei voller Angst, den keiner zu hören vermochte.
Er warf sich mit aller Macht gegen seine Fesseln, doch er hatte keine Chance.

„Wehre dich nicht. Nehme dein Schicksal an!“

Ein letzter Atemzug, ein letzter Blick in die schwarzen Augen des Scheusals.
Ein Pfiff durch die eiskalte Luft, als das Stilett diese zerschnitt.

Schmerz.
Blut.

Ein eiskaltes Lachen.
Ein Schrei.


*~**~**~**~*



Irgendwo wachte jemand schweißgebadet auf, saß lotrecht im Bett.
Hielt sich die Hand an den Brustkorb, zitterte.

Es war Halloween.
Ein Tag, dem man nachsagte, dass es Kontakt zwischen dem Reich der Toten und der Welt der Lebenden gebe.

Nur ein Traum?
Oder doch die Realität?
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