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Hüte dich vor dem Zimwi

Kurzbeschreibung
OneshotHorror / P12 / Gen
31.10.2021
31.10.2021
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1.754
 
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„Aber warum nicht, Mama?“ Fragend sah das Junge zu seiner Mutter, einer in die Jahre gekommenen Löwin auf. Es verstand nicht, warum sie und der Rest des Rudels ausgerechnet heute nicht auf die Jagd gehen würden. „Ich dachte, wir sollen nur nachts jagen, weil es Tags zu gefährlich ist.“
   „Das ist richtig, mein Liebling. Aber nicht heute.“ Für einen Moment schien sie zu überlegen, wie sie es ihrer Tochter klar machen sollte, dann schaute sie zum Himmel auf. „Es gibt Nächte, die sind für uns noch gefährlicher als der Tag…“
   Das Junge folgte dem Blick seiner Mutter hinauf zum Mond, der mit schweren Wolken verhangen war. Er war in dieser Nacht besonders groß und voll.
   „Jägermond“, sagte die Löwin leise und mit Sorge in der Stimme.
   Das Junge, verstand nicht. Ein so großer Mond spendete doch reichlich Licht. Er würde es seiner Mutter leichter machen, Beute aufzuspüren und die vielen Wolken würden für Deckung sorgen, wenn sie sich an sie anpirschte. „Aber ist das nicht gut? Wir sind doch Jäger.“
   Ihre Mutter sah auf sie herab. In ihren Augen, meinte die kleine Löwin große Sorge zu erkennen… und etwas, dass sie bei ihr noch nie gesehen hatte. Furcht. „Nicht heute, mein Schatz. Nicht heute…“

   Leise und vorsichtig pirschte sie durch das hohe Gras auf die Antilopen zu. Sie war wütend auf ihre Mutter gewesen, dass sie ihr nicht hatte erlauben wollen, heute allein auf ihre erste Jagd zu gehen und das alles nur wegen einer dummen Geschichte. Die Schrecken und Gefahren des Tages waren ihr bekannt, aber die Bestie, die angeblich nur in Vollmondnächten ihr Unwesen trieb… das kam ihr einfach nur lächerlich vor. Natürlich kannte sie die Geschichte. Als Junges hatte sie sich davor gefürchtet, sich an den Bauch ihrer Mutter geschmiegt und das Gesicht in ihrem Fell vergraben, wenn der Vollmond am Himmel stand, doch diese Zeit war vorbei. Sie war erwachsen und heute würde sie das ihrer Mutter und dem Rest des Rudels beweisen, mit oder ohne Erlaubnis.
   Die Antilopen waren jetzt ganz nahe und im Mondschein perfekt zu erkennen. Sie duckte sich und schlich so leise sie konnte noch ein wenig näher. Dann verharrte sie und wartete darauf, dass sich eine der vielen, dicken Wolken vor den Mond schieben und ihren Angriff decken würde. Leise sog sie den Duft ihrer Beute ein und fuhr erwartungsvoll die Krallen aus, als plötzlich der Wind drehte.
   Die Antilopen rissen erschrocken die Köpfe hoch und stoben davon. Innerlich begann die Löwin zu fluchen. Was hatte sie nur falsch gemacht? Gar nichts, schoss es ihr eine Sekunde später durch den Kopf. Der Wind hatte zwar die Richtung geändert, aber nicht weit genug, um ihren eigenen Geruch zu ihrer Beute zu tragen. Es musste etwas anderes gewesen sein, dass sie aufgeschreckt hatte. Dann witterte auch sie es. Ein merkwürdiger Geruch lag in der Luft. Ein Teil davon kam ihr bekannt doch zugleich auf irgendeine Weise falsch vor, den Rest konnte sie überhaupt nicht einsortieren. Etwas bewegte sich zu ihrer Rechten und sie erhaschte einen kurzen Blick auf eine Gestalt in braunem Fell, die wie sie durch das hohe Gras schlich. Hatte sich noch ein Löwe heute Nacht nach draußen gewagt und ihr den Jagderfolg verdorben?
   Sie überlegte gerade, ob sie auf sich aufmerksam machen sollte, als das Gras plötzlich zu rascheln begann… und nicht eine, sondern gleich vier Gestalten begannen, sich direkt auf sie zuzubewegen.

   „Es geschieht immer, wenn der Vollmond scheint“, begann ihre Mutter zu erzählen und zog die kleine Löwin näher zu sich. „In solchen Nächten kann man sie manchmal hören. Die Rufe der Bestien. Kein Löwe sollte sich dann noch allein hinaus in die Savanne wagen, denn er ist dann nicht mehr der Jäger, sondern die Beute.“

   Unvermittelt blieben die Gestalten noch immer verborgen vom hohen Gras im Halbkreis vor ihr stehen und verharrten gerade weit genug entfernt, dass sie nicht genau erkennen konnte, was sie da vor sich hatte. Durch die langen, grünen Halme hindurch konnte sie nun Ausschnitte des braunen Fells erspähen, das sie schon zuvor gesehen hatte. Nun war sie sich fast sicher, dass es das eines Löwen war. Beinahe wäre sie erleichterte gewesen und hätte geglaubt, ein paar der anderen Löwinnen ihres Rudels hätten entschieden, ihren Ungehorsam zu bestrafen und ihr einen Streich zu spielen, wäre da nicht der Geruch gewesen. Was ihr da entgegenschlug, erinnerte nur noch entfernt an die Witterung eines Löwen. Der ihr so vertraute Geruch wurde überlagert von etwas anderem. Es roch nach Löwe, doch noch starker nach etwas ihr unbekanntem, das eine tiefe, ihr bisher unbekannte Furcht in ihr weckte… und nach Tod. Dann stieß die Kreatur direkt vor ihr unvermittelt ein schrilles Kreischen aus, das ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ und erhob sich auf seine Hinterläufe.

   „Sie jagen stets im Rudel“, fuhr die Löwin fort, den Blick hinaus in die Dunkelheit der Nacht gerichtet. „In der Gestalt derer, die ihnen auf ihrer letzten Jagd zum Opfer gefallen sind, pirschen sie sich an ihre Beute an und fahren ihre langen Krallen aus. Dann springen sie aus ihren Verstecken und die Hatz beginnt.“

   Ein erstickter Aufschrei entrang sich der Kehle der jungen Jägerin, als sich die vier Gestalten, die Löwenfelle trugen und doch keine waren vor ihr aufrichteten und unnatürlich lange, grade Krallen in den Himmel reckten. Sie zögerte keine Sekunde. Ohne Zeit für einen genaueren Blick auf die Monster zu verschwenden fuhr sie herum und rannte los, rannte in die entgegengesetzte Richtung, weg von den Ungeheuern. Ein weiteres Kreischen ertönte, es klang aufgeregt, ja, freudig, dann setzten die Kreaturen ihr nach. Ihr Herz raste. Flüchtig warf sie einen Blick über die Schulter, sah, dass sie verfolgt wurde und fiel in einen Sprint. Alles, bloß weg von diesen Dingern!

   „Auf der Jagd verhalten sie sich in mancherlei Hinsicht gar nicht so anders als wir. Sie teilen sich auf. In der Gruppe scheuchen sie ihr Opfer auf und treiben es auf die anderen ihres Rudels zu, die sich versteckt halten und nur darauf warten mit ihren grässlichen Krallen zuzustoßen und Wunden zu schlagen, die ihre Beute schwächen.“

   Wie aus dem nichts brach die Kreatur direkt vor ihr hinter einem Stein hervor. Mit einem wilden Kreischen ließ sie die spitze Kralle auf sie zu schnellen. Die junge Löwin regierte instinktiv, duckte sich und schlug einen Hacken. Ein greller Schmerz flammte in ihrem rechten Hinterlauf auf, doch das Bein gab nicht nach. Angespornt von dem Geruch ihres eigenen Blutes und der Euphorie, dem Jäger entkommen zu sein, auch wenn der Schmerz ihr die Tränen in die Augen trieb beschleunigte sie. Der Abstand zu ihren Häschern war größer geworden. Nicht mehr lange, dann hätte sie sie abgehängt!

   Ängstlich sah das Junge zu seiner Mutter auf. Die Geschichte gefiel ihr nicht, doch ihre Mutter sprach einfach weiter, ohne auf ihren furchtsamen Blick zu reagieren.
   „Doch selbst, wenn man ihren Klauen entgeht und glaubt, sie abgeschüttelt zu haben so lassen sie nicht von einem ab. Wir mögen schnell sein, doch sie sind ausdauernd und während unsere Kraft schwindet und wir erschöpft und langsamer werden holen sie auf und kommen näher und näher.“

   Keuchend sah sie nach hinten. Sie hatte keine Ahnung, wie weit sie gelaufen war. Noch zwei Mal hatte sie Angriffen aus dem Hinterhalt ausweichen müssen und war ihnen durch pures Glück unbeschadet entkommen. Nie zuvor in ihrem Leben war sie so gerannt wie jetzt. Ihre Beine zitterten und ein Schauer nach dem anderen jagte durch ihren Körper. Doch es schien sich ausgezahlt zu haben. Ihre Verfolger waren so weit zurückgefallen, dass sie sie aus den Augen verloren hatte. Ein leises Lachen, dass jedoch kaum von einem Wimmern zu unterscheiden war entrang sich ihr. Jetzt musste sie nur noch den Weg zurück zu ihrem Rudel finden, dann würde alles gut werden. Wenn sie doch nur die leiseste Ahnung hätte wo sie gerade war…

   „Und dann holen sie ihre Beute ein. Ihr Opfer ist jetzt zu erschöpft, um sie auf Abstand zu halten. Gnadenlos quälen die Bestien es mit ihren Klauen und treiben es vor sich her… direkt in sein Verderben.“

   Tränen stiegen ihr in die Augen und machten es ihr schwer, zu sehen wohin sie lief. Die Monster waren zurück! Sie hatte weder Zeit gehabt, sich von ihrem Spurt zu erholen, noch herauszufinden, wie sie zurück nach Hause kam. Plötzlich waren sie einfach wieder da gewesen, jetzt acht an der Zahl und hatten mit immer gleichbleibender Geschwindigkeit die Verfolgung fortgesetzt. Und sie hatte keine Kraft mehr, sie erneut abzuhängen. Verzweifelt kämpfte sie darum, sich außerhalb der Reichweite ihrer Krallen zu halten, doch fünf Mal schon hatten sie sie erwischt. Sie brüllte, schrie und wimmerte, wenn sie trafen, bettelte, flehte, doch es half nichts. Die schmerzhaften Stiche trieben sie mal nach links, mal nach rechts und vornan, immer weiter voran! Blinzend versuchte sie, die Tränen aus ihren Augen zu vertreiben um eine Möglichkeit zu finden zu entkommen, doch fand keine. Eine der Klauen traf sie besonders tief in den Oberschenkel. Mit aller verbleidender Kraft sprang sie nach vorn, landete… und trat ins Leere. Wie in Zeitlupe sah sie, wie sich der Boden vor ihr auftat, ein gewaltiges, unter der Erde verstecktes Ungeheuer sein schwarzes, rundes Maul aufriss und ihr seine langen, spitzen Zähne entgegenreckte… Zähne, denen sie nicht mehr ausweichen konnte. Ihre Pfoten fanden keinen Halt mehr. Hilflos fiel sie in den Schlund des Monsters und konnte nichts tun als zu schreien, als seine Zähne sie durchbohrten. Die Augen weit aufgerissen in blankem Entsetzten starrte sie hinauf zum Himmel, während ihr Blick sich langsam trübte. Das letzte was sie sah, waren die Gesichter ihrer Verfolger, die aus kalten Augen zu ihr herabsahen.

   „Und deshalb“, schloss die Löwin und drückte ihre Tochter, die mittlerweile vor Angst gegen ihre Brust schluchzte noch dichter an sich. „Darfst du niemals im Vollmondschein allein auf die Jagd gehen. Denn bei Vollmond, lauern sie in der Savanne. Hüte dich, vor den Zimwi.“

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AN: Das war also meine erste König-der-Löwen-Gruselgeschichte. Eine Geschichte, wie sie sich vielleicht vor langer, langer Zeit ereignet haben könnte, als die Löwen noch nicht das mächtigste Raubtier in der Savanne waren und ihre Welt noch von anderen, grausameren Kreaturen beherrscht wurde. Ich hoffe, sie hat euch gefallen. Wenn ihr glaubt, zu wissen, was dieser armen Löwin widerfahren ist, lasst mir gerne wure Vermutung da.
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