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Fallen Stars

von Blackpaw
SammlungDrama, Freundschaft / P16 / Mix
Barty Crouch Jr. Druella Black Lucius Malfoy Rabastan Lestrange Regulus Arcturus Black Rodolphus Lestrange
29.10.2021
25.11.2021
2
3.742
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25.11.2021 1.483
 
Your heart’s desire


Alphard Black war sonderbar. Man wurde aus ihm nicht schlau. Ein kleiner Streber, immer gute Noten. Lehrerliebling in allen Fächern. Schüchtern, zurückgezogen. Man mied ihn nicht, doch man ging auch nicht auf ihn zu. Er war ein Black, also durchaus Aufmerksamkeit wert, man konnte sich ja Vorteile beschaffen. Meistens war er der kleine Bruder von Walburga, der Slytherin-Braut, die jeder Junge wollte und für die niemand gut genug war. Oft war er auch der große Bruder von Cygnus, der frechen Rotznase, der schon gern bei den Großen mitmischte und Meister im Sprüche klopfen war. Selten war er nur Alphard, einfach nur Alphard. Manchmal wäre ihm das schon genug.

Es gab Momente, da war er umringt von bekannten Gesichtern, lachenden Gesichtern, scherzenden Gesichtern. Es gab Momente, da umhüllte ihn Spaß und Ausgelassenheit. Momente voller Gesellschaft… und doch fühlte er sich genau in diesen Momenten am einsamsten. Das Gefühl war langsam gekommen, unbemerkt. War von seiner Mitte aus in alle seine Gliedmaßen gekrochen, hatte ihn eingenommen. Alphard Black war sonderbar. Walburga zog ihn ständig auf, Cygnus lachte öfter über ihn, als mit ihm. Alphard ließ es über sich ergehen. Sie waren Geschwister. Es war normal. Er redete es sich gerne ein. Er redete sich oft Dinge ein. Mit der Zeit begann man gewisse Dinge zu glauben, wenn man sie sich nur fest genug einredete. Er hatte eine Gabe dafür.

Und jetzt stand er da, in diesem Raum, verborgen vor unerwünschten Blicken. Er allein mit seiner Sehnsucht, mit seinen Wünschen. Nur ein Außenseiter, so mittig er auch in der Gesellschaft lebte, konnte diesen Raum finden. Nur jemand, der viel Zeit darin investierte, das Schloss gedankenverloren zu durchstreifen. Wie jeden Samstagabend stand er da, es war mittlerweile zu einer Gewohnheit geworden. Sein Blick strich über das Glas, glatt und eben, ohne jegliche Unreinheit, genau wie das trügerische Bild, das es zeigte. Anfangs war ihm nicht klar gewesen, was ihm der Spiegel sagen wollte, warum er hier stand, so ganz verloren, wie er selbst. Doch nach und nach hatten sich einzelne Teile zusammengefügt. Das Puzzle wurde vervollständigt. Er hatte begriffen. Hässlich bekannt starrte ihm sein Antlitz entgegen. Es war eindeutig er, eine Reflexion seiner selbst, wie es die Aufgabe eines Spiegels war. Und doch war sie anders. Er war anders. Er lächelte. Er war glücklich. Er wirkte gesund und voller Begeisterung. Ein Junge tauchte neben seinem Spiegelbild auf. Alphard hatte ihn erwartet. Sie beide hatten ihn erwartet. Er war der Grund, der einzige Grund, warum er diesen merkwürdigen Ort immer wieder aufsuchte. Warum er sich nicht lösen konnte. Der Junge trat nah an sein Spiegelbild heran, er hatte hellbraune, halblange Haare. „Unmöglich!“, würde Walburga rufen. Welcher Junge trug seine Haare auch lang? Das passte nicht ins Konzept. Mädchen trugen ihre Haare lang, Jungs machten so etwas nicht. Seine grünen Augen waren warm und voller Herzlichkeit. Sie ruhten sanft auf Alphard, sein Spiegelbild lächelte den Jungen erfreut an. Alphard hatte seine Augen noch nie gemocht. Sie waren grau. Langweilig. Als würde man einer Nebelwand entgegenstarren. Doch der Blick des Jungen, der Blick des Jungen war aufmerksam, freundlich, liebevoll.

Alphard kannte den Jungen. Er war in seinem Jahrgang. Ein Hufflepuff. Noel, so hieß er. Er war freundlich, aufgeweckt, hilfsbereit. Er beachtete ihn. Nicht als Walburgas Anhängsel oder Cygnus‘ Bruder. Nicht als Black. Sondern als Alphard. Sie arbeiteten im Unterricht manchmal zusammen. Alphard fieberte diesen Momenten entgegen. Sein rechter Mundwinkel zuckte, ein Lächeln zog sich seinen Lippen entlang. Er trat näher an den Spiegel heran, ließ sich am Boden nieder, die Füße im Schneidersitz gefaltet. Musternd betrachtete er sein Abbild, schwenkte zu den klaren, leuchtenden Umrissen von Noel. Der Hufflepuff legte einen Arm um sein Spiegelbild und in Alphards Bauch breitete sich ein altbekanntes Kribbeln aus. Was machte dieser Raum mit ihm? Dieser Spiegel? Er sollte nicht hier sein. Er sollte gehen. Alphard wusste es. Er konnte es in jeder Faser seines Körpers spüren. Dieser Raum tat ihm nicht gut. Er veranlasste ihn zum Träumen, zum Fantasieren. Über Dinge, von denen er nicht träumen durfte. Sie würden sowieso nie in Erfüllung gehen…

Es war so absurd. Alles hier. Der Anblick, seine Gefühle. Es war so absurd – und doch so real. Am liebsten hätte er mit dem Jungen gesprochen, hätte ihn gefragt, ob er wüsste, was mit ihm passierte. Doch Alphard war nicht dumm. Es war ein Spiegelbild. Und Spiegelbilder konnten nun einmal nicht sprechen. (Nicht, dass er es nicht schon ausprobiert hätte…) Die Zeit ging herum. In diesem Raum, vor diesem Spiegel verlor man jegliches Gefühl für Minuten, Stunden … Tage? Es zeugte jedes Mal von größter Willenskraft und einem neuen Versprechen, sich von den Bildern des Spiegels zu lösen. Ein Versprechen auf ein Wiedersehen.

Alphard erhob sich, da war es bestimmt schon nach der Sperrstunde. An der Tür drehte er sich um, starrte noch einen Augenblick auf das glatte, leere Glas, bevor er den Raum endgültig verließ. Wieso war es so schwer, seine Gefühle zu akzeptieren? Wieso musste er überhaupt irgendetwas akzeptieren? Wieso konnte er nicht einfach normal sein? Normal, wie seine Schwester. Normal, wie sein Bruder. Normal, wie jeder anderer. Ihm war Normalität offenbar nicht vergönnt. Stattdessen gab man ihm Schmerz. Schmerz, der sein Inneres gefangen hielt und wohl nie verebben würde. Denn für diesen Schmerz gab es keine Heilung. Nicht in seiner Welt oder sonst irgendwo.


„Wann heiratest eigentlich du endlich, Alphard? Ein Mann muss sesshaft werden, hat man dir das nicht beigebracht?“ Tante Cassiopeia war angeheitert, ihre Wangen bereits rot vom Wein. Es fehlte noch, dass sie ihm in die Wange kniff, wie sie es früher immer gemacht hatte. Im Ballsaal der Rosiers spielte Tanzmusik. Lachen schallte durch den Raum. Hauselfen wurden angeschrien und um eine weitere Flasche Champagner geschickt. Die dreistöckige Torte wackelte gefährlich, jedes Mal, wenn man ein Stück abschnitt. Sein Großonkel Arcturus hatte mit Sicherheit schon seine sechste Portion. Seine Frau schimpfte.
„Noch hab ich noch keine Frau geschwängert“, murrte Alphard leise und wandte mürrisch den Blick ab. Er konnte diese Frage nicht ausstehen. Wieso konnte es nicht seine Sache sein, wann und wen er heiratete? Musste bei jeder Entscheidung seine ganze Verwandtschaft die Finger im Spiel haben.
„Was?“, fragte Cassiopeia mit gerunzelter Stirn nach, doch offenbar hatte sie es nur akustisch nicht verstanden, denn gleich darauf kicherte sie in diesem hohen Ton los, wie ihn nur angeheiterte Frauen trafen.
„Ich kenne ein paar Damen, die sind wirklich … wirklich vorzüglich. Und alle noch Single! Soll ich dir nicht einmal eine vorstellen, Alphi?“
„Alphard“, knurrte er ganz automatisch.
„Na komm! Was machst du denn für ein langes Gesicht? Nur weil dein Bruder zuerst geheiratet hat, geht doch nicht die Welt unter. Wobei du dir auch nicht ewig Zeit lassen solltest. Ja, ja. So langsam musst du daran denken, eine Familie zu gründen. Die Leute fangen schon an zu reden.“ Alphard musste sich zusammennehmen, seiner Tante nichts Unüberlegtes entgegenzuschleudern.
„Dann sollen sie halt reden!“, dachte er. Auf dieser Hochzeit war er mit Abstand der Nüchternste, doch er beschloss, dass es nun an der Zeit war, das zu ändern. Vielleicht könnte er die immer gleichen Gespräche seiner lieben Verwandtschaft besser ertragen, wenn er im Grunde gar nicht mehr wusste, worüber sie sprachen.
„Entschuldige mich, Tante“, löste er sich von der betagten Frau los, die sich ohnehin schon längst einem älteren Mann zugewandt hatte, offenbar ein Freund der Braut.

Alphard fand seinen Trost im Wein. Um ehrlich zu sein hatte er ihm noch nie geschmeckt, doch gerade jetzt war ihm alles recht. Hochzeit, Ehe, Kinder. Das war die private Laufbahn, die man anstreben sollte. Und wenn man nicht heiraten wollte? Wenn man in einer Ehe nicht glücklich wurde? Er sah seine Schwester, wie sie eingehakt bei ihrem Mann bei ein paar Leuten stand. Er sah seinen Bruder, wie er noch immer glückselig mit seiner frisch angetrauten Braut tanzte. Sie waren makellos. Alles an ihnen. Ihr Verhalten, ihr Auftreten. Makellos. Sie entsprachen der Norm, nein, sie waren die Norm. Für Alphard waren sie schon immer die Norm gewesen. An sie musste er sich halten, denn sie hatten alles richtig gemacht im Leben. Alphard wusste nicht, warum er es immer falsch machte.

Mit Fünfzehn hatte er einmal seine Mutter gefragt, ob es sein konnte, dass man sich zu demselben Geschlecht mehr hingezogen fühlte, als zu dem anderen. Er hatte eine Ohrfeige bekommen für diese Frage und das Thema seitdem nie wieder angesprochen. Es war klar, dass es falsch war. Er war falsch. Alles an ihm. Seine Gedanken, seine Gefühle. Falsch. Die Weinflasche leerte sich. Alles wurde leichter. Leichter zu ertragen, leichter zu reden. Er lachte mit seinem Schwager, als der sich zu ihm setzte, rief seinem Bruder etwas hinterher, als er und die Braut nach Mitternacht in die Hochzeitsnacht entschwanden. Sein Verstand war benebelt und benebelt war er am besten. Irgendwann war der Wein leer, die Musik verstummt, der Saal geräumt. Und zurück blieb ein kleiner Junge, der sich verloren vor einen Spiegel kauerte.
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