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Im Schatten der Zeit

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Historisch / P12 / Gen
Alfred Nyssen Elisabeth Behnke Günther Wendt
27.10.2021
29.12.2021
20
32.301
1
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27.10.2021 691
 
Ein unerwarteter Anruf


Alfred Nyssen


Das Telefon klingelte schon wieder. Konnte er nicht einen Vormittag Ruhe haben? Darum bemüht, seine aktuelle Laune nicht in seiner Stimme durchklingen zu lassen, nahm Alfred Nyssen den Hörer ab. „Ja, Nyssen am Apparat?“
Es folgte Stille, und er war kurz davor, wieder aufzulegen, als eine zitternde, doch hörbar um Festigkeit bemühte Stimme antwortete: „Guten Tag, Helga Rath hier. Bitte entschuldigen Sie, falls ich Sie störe.“
Alfred Nyssen war überrascht. Nachdem er die Frau am anderen Ende der Leitung vor ein paar Wo-chen zum Essen eingeladen hatte, hatte er ihr angeboten, sich bei ihm zu melden, sollte sie jemals Unterstützung brauchen, doch er hätte nicht erwartet, so bald von ihr zu hören. Sie hatten sich an dem Abend gut verstanden und es freute ihn, dass sie sein Angebot scheinbar tatsächlich annahm, auch wenn er noch nicht wusste, worum es ging.
Er hatte Frau Rath an ihrem ersten Treffen, bei der Stiftungsveranstaltung, bewundert. Bewunder-te noch immer ihren Mut, damals wirklich gesagt zu haben, was sie dachte, obwohl als Konsequenz darauf durchaus eine Einstellung der finanziellen Unterstützung von Seiten seiner Stiftung hätte folgen können. Ihre Abneigung dem Militär gegenüber konnte er zwar nicht ganz nachvollziehen, doch verstand er ihre Trauer und ihre Wut, und der hatte ihm aufrichtig leidgetan, dass Sie ihren Ehemann durch den Krieg verloren hatte. Jetzt würde er sich aufrichtig darum bemühen, sein Ver-sprechen ihr gegenüber zu halten. „Oh, guten Tag Frau Rath! Nein, nein, Sie stören überhaupt nicht! Was kann ich für Sie tun?“, antwortete er. „Ich ehrlich gesagt nicht, wie ich das sagen soll, aber ich… Ich halte es in meiner aktuellen… Situation… nicht mehr aus, und jetzt weiß ich nicht, wo mein Sohn und ich hinsollen. Ich habe gehofft, dass… vielleicht kennen Sie jemanden, bei dem ich günstig für ein paar Tage unterkommen könnte? Bis ich eine Lösung gefunden habe?“
Diesmal war er es, der eine Weile brauchte, um seine Gedanken zu einer Antwort zu formen. „Es tut mir sehr leid, dass ich Sie damit belästige, ich wusste nur nicht, an wen ich mich sonst wenden sollte.“, erklang ihre Stimme aus dem Telefonhörer. Bevor sie ihre Bitte zurückziehen konnte, ant-wortete er: „Sie belästigen mich nicht, ich hatte Ihnen meine Hilfe angeboten, und ich glaube, dass ich ihnen in Ihrer Lage tatsächlich behilflich sein kann. Meiner Familie steht dauerhaft ein Hotel-zimmer zur Verfügung, das können Sie nutzen, solange Sie es brauchen.“ Diesmal klang das Schweigen aus der Telefonzelle überrascht. „Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber ich weiß nicht, ob ich das annehmen kann.“ „Doch, das können Sie“, entgegnete er. „Sie packen ihre Sachen, ich rufe im Hotel an und gebe Bescheid, dass das Zimmer für Sie vorbereitet wird. Es ist dort auch ge-nug Platz für ihren Sohn.“ Nachdem sie zugestimmt und er ihr die Adresse mitgeteilt hatte, verab-schiedete er sich. Morgen würde er ihr einen Besuch abstatten, um zu sehen, ob er vielleicht noch mehr für sie tun konnte. Das letzte, was er hörte, bevor er auflegte, war ein sehr ehrlich klingendes „Danke“.

Nyssens Laune war seit dem Telefonat mit Helga Rath deutlich gestiegen. Er hatte alles organisiert, und er freute sich darauf, sie morgen wieder zu sehen. Ihm war bewusst, dass er nie wieder von ihr gehört hätte, hätte sie nicht seine Hilfe gebraucht, doch das war er bereits gewohnt. Niemand sprach mit ihm oder rief bei ihm an, weil er ihn mochte, niemand verbrachte Zeit mit ihm ohne ei-nen Hintergedanken und ohne etwas zu wollen, meist in Form finanzieller Zuwendungen. Manch-mal machte ihn das traurig. Doch eigentlich es war in Ordnung, solange seine Familie weiterhin über reichlich Geld verfügte, mit dem er seine Freunde kaufen konnte. Er half gern, wo er konnte, hauptsächlich, weil er sich selbst oft etwas Unterstützung wünschte und insgeheim hoffte, doch eines Tages etwas zurückzubekommen, und sei es nur ein ernst gemeintes nettes Wort. Das Ge-spräch eben hatte ihm das Gefühl gegeben, gebraucht zu werden, und er war stolz, derjenige zu sein, der Frau Rath helfen konnte, zumal er das Gefühl hatte, dass sie die erste Person war, die dies wirklich zu schätzen wusste.
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