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Nur diese eine Nacht - Miss Streichholz und Mister Benzin

von MarieSol
Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / Het
OC (Own Character) Riku Rajamaa
27.10.2021
19.11.2021
11
10.789
7
Alle Kapitel
22 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
27.10.2021 961
 
Guten Morgen zusammen,

schön, dass ihr hier seid. Ich wünsche euch ganz viel Spaß mit dieser neuen Geschichte...

Grüßle,
MarieSol




„Ich – nein: WIR – wir brauchen meinen Job. Wie oft hat er uns in den letzten Jahren den Allerwertesten gerettet?“ schrie Marie Tonio schon fast entgegen. Wieder diese elende Diskussion. Jedes Mal, wenn er mit seinen Macho-Arbeitskollegen etwas trinken war, sie hasste es. Am liebsten wäre es ihm und seinen italienischen Wurzeln, wenn sie zu Hause am Herd stünde und nur für Patrik und ihn kochen, putzen und waschen würde und vielleicht noch spartanisch am Samstagabend Amore monotone nach der Fußballreportage. Aus einem finanziellen Engpass heraus hatte Marie ihre Stunden aufgestockt und war jetzt eben auch immer mal wieder zusätzlich ein, zwei Tage auf Tagungen oder hielt Vorträge bei Partnerunternehmen. Je mehr Marie auflebte in ihrem Beruf als Informatikerin, umso schlechter stand es um die Ehe mit Tonio. Mit seinem Unmut und seinen Machoallüren trieb er sie immer weiter von sich weg.

Heute hatte er den Vogel abgeschossen und ihrem gemeinsamen Sohn Patrik vorgeworfen, er selbst könnte wegen dessen teuren schulischen Aktivitäten in der Oberstufe keinen Wochenendausflug mit seinen Kollegen machen. Die Exkursion hatte Marie allerdings schon vor Wochen von ihrem Gehalt bezahlt. Sie könnte gerade explodieren. ‚Raus, ich muss hier raus!‘ brüllte es immer lauter in ihrem Kopf ‚Musik, ich brauch Musik. Das hat mir früher immer geholfen!‘.

Tonio war beleidigt im Keller zu Bier und Fußball verschwunden und würde vor morgen Mittag auch nicht wiederauftauchen - wie immer, wenn sie nicht nachgab und das passierte in letzter Zeit häufiger. Marie ging ins Bad, hübschte sich etwas auf und sagte Patrik Bescheid, dass sie auf ein Konzert gehen würde, von dem sie heute Morgen zufällig in der Zeitung gelesen hatte. „Viel Spaß Mama, genieße es!“ rief er ihr hinterher.

An der Theke bestellte sie sich ein Ginger Ale und überlegte, wann sie das letzte Mal auf einem Konzert gewesen war. Es muss vor Patriks Geburt gewesen sein. Viel zu lange her, viel zu lange hatte sie Rücksicht auf alle genommen, nur auf sich selbst nicht. Ihr Leben zu Hause erdrückte sie, jeden Tag und mit jedem Streit ein bisschen mehr. Ihre Gedanken liefen heiß, aber ihr wollte keine Lösung einfallen, wie sie wieder frei atmen konnte. So fiel ihr auch der große, braunhaarige Mann nicht auf, der einige Meter weiter hinter einer Säule mit einem Bier in der Hand stand. Er war ebenso in seinen Gedanken versunken. ‚Ich weiß gar nicht, wie das weitergehen soll… seit Wochen und Monaten immer die gleiche Leier: du bist nur noch unterwegs, und die Kohle reicht hinten und vorne nicht, ich bin doch nicht ihr persönlicher Goldesel… ich habe es so satt.‘ Ein plötzliches Blitzen riss ihn aus seinen Gedanken. Er musste sich zuerst sortieren und suchen, wo das Blitzen herkam: eine Kamera war es nicht, also suchte er weiter, bis er die zwei leuchtenden eisblauen Augen einige Meter entfernt sah. Die zugehörige Frau stach aus der Menge heraus, denn sie trug nicht das übliche Einheitsschwarz: soweit er das im Schummerlicht beurteilen konnte, hatte sie dunkelblaue Jeans und ein weißes Shirt an, ihre langen hellblonden Haare fielen in weichen Wellen auf ihren Rücken und waren mit einer Spange aus dem Gesicht gehalten. Sie machte Eindruck, keine Frage, aber auf eine ganz andere Art: es hatte nicht dieses billige, das einem förmlich ‚ich will‘ entgegenbrüllte, es hatte etwas feines, anmutiges, das sie ausstrahlte. Das, was er an einer Frau schätzte.

„Riku, kommst du? Wir sind gleich dran.“ riss ihn eine Stimme aus seinen angenehmeren Überlegungen. Er war mit seinen Kumpels aus der Schulzeit losgezogen. Sie hatten ihn eingeladen, ihn auf ihrer Tour durch verschiedene deutsche Städte in kleine Hallen und Locations zu begleiten und er hatte nur zu gern zugesagt.

Auf der Bühne fühlte er sich sofort wieder wohl und verschmolz mit seiner Gitarre zu einer Einheit. Er versank in der Musik bis er wieder das eisblaue Blitzen vernahm. Die Frau zog ihn in ihren Bann, er erwischte sich immer wieder dabei, wie er sie beobachtet. Sie war in der Musik versunken, tanzte, sang teilweise mit und war gerade völlig frei. Er beneidete sie schon fast. So frei und gelöst wäre er auch gern. Viel zu schnell war das Konzert vorbei und sie verschwand aus seinem Blickfeld.

Marie konnte sich noch nicht von der Atmosphäre lösen und heimfahren. Sie setzte sich auf die Stufen und beschloss in Ruhe ihr letztes Ginger Ale leer zu trinken und dann aufzubrechen. ‚Das tut so gut! Das brauche ich öfter, sonst geh ich drauf!‘ entschied sie für sich. Die kleine Halle leerte sich schnell und die Band und ihre Helfer begannen abzubauen. Marie beschloss nicht weiter zu stören und ebenfalls zu gehen. Auch wenn das hieß, dass sie dieses herrliche Gefühl, das sie schon so lange nicht mehr hatte, wieder hergeben musste. Sie stand seufzend auf, ging zur Bar und stellte dort ihre leere Flasche ab. Dass sie jetzt wieder die ganze Zeit über von diesem großen gutaussehenden Mann beobachtet wurde, war ihr nicht aufgefallen. Auf der Bühne hatte sie ihn ausgiebig betrachtet. Ihr gefiel es ausgesprochen gut wie seine schlanken Finger seine Gitarre liebkosten. Er konnte sich zur Musik bewegen, das trieb ihre Gedanken ganz automatisch in eine sehr heiße und sehr vernachlässigte Ecke ihres Gehirns. Ihre Blicke trafen sich hin und wieder während des Konzerts, aber sie konnte nicht deuten, was er dachte.

Aus den Boxen erklang nun leise ein Lied aus ihrer Vergangenheit, das sie zum Schmunzeln brachte. Sie konnte nicht anders und tänzelte in Gedanken den Weg zur Garderobe, wo sie ihre Jacke noch holen musste. Eine Hand legte sich von hinten auf ihr Becken und sie spürte, wie sich jemand von hinten im Takt der Musik an sie schmiegte und sich ihrem Ohr näherte.
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