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Das Auge des Nebels

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P16 / Mix
Elben & Elfen Fabeltiere & mythologische Geschöpfe
26.10.2021
14.01.2022
15
53.975
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14.01.2022 2.916
 
Nogu hatte das Altomanow Anwesen nicht verlassen. Dessen war Elwen sich sicher. Er war irgendwo in den Gängen verschwunden.

Elwen betete innerlich zu allen Göttern, die er kannte, dass er sich nicht auf den Weg zu Grischa gemacht hatte, um ihm nachträglich für seine Entführung zu danken. Nicht, dass es ihm leidtäte, wenn ihm etwas passierte, aber er wollte es selbst tun. Und zwar dann, wenn er sich sicher war.

Elwen wusste nicht, ob Nogu absichtlich nicht das Anwesen verließ, oder ob er lediglich keinen Ausweg nach draußen fand.

Außer Atem durchsuchte er jede Ecke, jeden Winkel des Gebäudes, doch er war wie vom Erdboden verschlug. Seine Panik wuchs von Minute zu Minute.

Wie konnte er so naiv gewesen sein? Wie konnte er sich so schnell eine Verbindung zwischen ihnen eingebildet haben? Nogu war ein Wesen von jenseits der Ströme! Natürlich war er impulsiv und unberechenbar.

Er durchquerte den Wintergarten, bis hinauf zu Grischas Büro. Nichts.

Eine ganze Weile verging, in der er panisch herumrannte und diverse Mitglieder abwimmelte, die ihn auf sein seltsames Verhalten ansprachen.

Er begann sich sogar, einen Notfallplan zurechtzulegen, in dem er fliehen würde. Grischa schien nicht gerade ein Mann zu sein, der einen solch großen Fehler einfach vergab.

Gerade, als er seinen Plan B einleiten wollte, -er bestand lediglich daraus, das wichtigste zusammenzupacken und das Weite zu suchen-, entdeckte er jedoch etwas. Er rannte eine breite Wendeltreppe hinauf, auf jedem Plateau führte eine Glastür auf einem Balkon hinaus. Eine davon stand jedoch offen und Fußspuren zeichneten sich im frisch gefallenen Schnee ab. Nicht die eines Schuhs, sondern nackte Füße.

Elwen zögerte keine Sekunde.

Er hatte sich nicht einmal überlegt, was er tun würde, wenn Nogu sich wehrte und ihm nicht folgen wollte. Vielleicht, weil er nicht einmal damit gerechnet hatte, ihn zu finden.

Als er den Balkon betrat, peitschte der eisige Winterwind ihm entgegen und die Dunkelheit der Nacht umhüllte ihn mit ihrer kalten Umarmung. Doch es kam noch schlimmer.

Die Fußspuren führten zur Dachrinne und verschwanden dann plötzlich. Entweder war Nogu aufs Dach geklettert oder im Nichts verschwunden.

Elwen stöhnte auf. Jetzt zu klettern, würde wirklich gefährlich werden. Es war rutschig und windig.

Doch welche Wahl hatte er?

Seine Hände griffen nach der Dachrinne und zuckten aufgrund der Kälte wieder zurück.

,,Bitte sag mir, dass das hier ein schlechter Traum ist." murrte Elwen und seufzte resigniert auf.

Er machte sich daran, das Dach zu erklimmen, wobei er sich ziemlich ungeschickt anstellte.

Jede zweite Sekunde schmetterte er einen absurden Fluch nach dem anderen von sich.

Pissnelke, Flachflöte, paarungssüchtiger Pelikan. Und das waren nur ein paar von ihnen.

Als er endlich die Spitze erreichte, entdeckte er eine Silhouette, deren Beine über den Dachrand baumelten.

Nogu. Und er sah nicht danach aus, als versuchte er in diesem Augenblick zu fliehen.

Er saß nur da, die Hände auf seinem Schoß, während er zum Mond hinaufstarrte.

Elwen erstarrte in seiner Position. Er hörte eine Stimme. Klangvoll, schön und so fremd wie die dunkle Seite des Mondes. Nogus Stimme. Und er schien irgendetwas vor sich hin zu murmeln. Nicht in den Sprachen, die Elwen kannte, sondern in einer anderen. Sie hörte sich uralt an, fast schon antik. Ihr Klang war...ursprünglich. Es war die Poesie von Mutter Erde. Eine Sprache, die klang wie der Gesang der Berge, das Spielen der Wellen in einer Bucht und das Verrinnen von Sand zwischen den Fingern.

Elwen wagte sich nicht zu rühren, oder gar zu atmen, während er mehr und mehr begriff, was das hier war. Es war ein Gebet. Nogu betete.

Langsam ging er auf ihn zu, traute sich nicht, eine schnelle Bewegung zu machen. Warum faszinierten diese Dinge ihn so, während ihm fast alles andere egal zu sein schien? Weil es anders war als alles, was er kannte?

Ein paar Steinchen bröckelten von seinen Schuhen ab, rollten vom Dach hinab und landeten in der Tiefe.

Nogu brach das Gebet augenblich ab, seine Ohren zuckten in Elwens Richtung, gefolgt von seinem Gesicht.

So hell wie in diesem Augenblick war seine Haut noch nie gewesen. Sie war hellblau, das Mondlicht schimmerte auf ihr. Doch als er Elwen erblickte, verdunkelte sie sich wieder.

Elwen seufzte. Nogu unternahm nichts dagegen, als er sich neben ihn setzte und die Beine in die Tiefe baumeln ließ. Er musterte ihn bloß schweigend durch seine silbernen Augen und rührte keinen Finger. Der Ausdruck in seinem Gesicht erschreckte Elwen. Wenn Nogu Gefühle gezeigt hatte, dann war es Wut oder Abscheu gewesen, doch jetzt war da etwas völlig anderes.

Sehnsucht.

Ohne etwas zu sagen, saßen sie da. Elwen beobachtete den Mond, als würde er herausfinden, warum Nogu ihn anbete, wenn er nur lang genug hinsah.

,,Du hattest nie vor zu fliehen, hab ich Recht?" sprach er schließlich gegen dem Tosen des Windes. Er erwiderte Nogus forschenden Blick, als er weitersprach.

,,Dass du...nicht davon kannst...dass du nicht nach Hause kannst...das wusstest du schon seit du hier her kamst."

Elwen lachte freudlos. Selbstverständlich hatte er es gewusst. Schließlich war er es, den man durch die Ströme gezerrt hatte. Und das wurde ihm jetzt klar. Als Nogu davongelaufen war, wollte er nicht das Anwesen verlassen, weil er wusste, dass es ausweglos war.

Stattdessen war er hier hinaufgeklettert. Doch warum?

Nogu presste widerwillig die Lippen aufeinander, als müsste er sich zu etwas aufbringen, was er nicht wollte. Dann hob er die Hand und deutete in die Richtung des Mondes.

,,Soarah." Sprach er unvermittelt und Elwen setzte sich kerzengerade auf. Würde er sich je daran gewöhnen, Nogu reden zu hören?

Er folgte seinen Blick.

,,Soarah?"

Nogu schüttelte heftig den Kopf:,, Soa -rah."

Elwen nickte grinsend. Den Unterschied konnte er nicht hören.

Auf einmal geschah etwas Unerwartetes.

Ein Schwall silbernes Licht floss über Nogus Haut wie eine Welle. Als hätte der Mond ihn gehört und würde ihm auf diese Weise antworten. Es begann auf seiner Stirn und wanderte immer weiter hinunter.

,,Wow." Hauchte er mit geweiteten Augen und sah dabei zu, wie das Licht an seinen Fußspitzen erlosch. Nogu hingegen sah keineswegs überrascht aus. Er musterte Elwens Gesicht bloß schweigend. Es schien, als dachte er nach. Zu gerne hätte Elwen gewusst, was es war. Was ihm in diesen Blick durch den Kopf ging. Der Wind spielte mit seinem schneeweißen Haar, mit den Strähnen, die ihm spielerisch ins Gesicht hingen.

Dann öffnete er unvermittelt den Mund. Elwen hob den Kopf, da er damit rechnete, dass Nogu etwas sagen würde. Doch er zögerte. Sekunden des Schweigens verstrichen, die sich unfassbar in die Länge zogen.

Doch dann überwand er sich.

,,Elwen."

Ein Wort, das so leise war, dass es vom Wind beinahe übertönt wurde. Elwens Atem stockte. Er war sich sicher, dass er es falsch ausgesprochen hatte, doch das spielte in diesem Augenblick keine Rolle.

Plötzlich lehnte Nogu sich vor, hob seine Hand und schloss sie um seinen Nacken. Elwen spürte seine kühlen Finger in seinem Haar. Mit gerunzelter Stirn beobachtete er, was Nogu da tat.

Er legte die Stirn an seine. Widerwillig, mit Abscheu in den Augen.

Elwen verstand nicht sofort, was es zu bedeuten hatte, doch er begriff sehr schnell.

Ein Zeichen des Vertrauens. Ein Bund, geknöpft zwischen zwei Wesen. Ob persönlich, oder geschäftlich, wusste er nicht. Er konnte Nogu ansehen, dass er es mit jeder Zelle seines Körpers verabscheute, doch er wusste es. Er wusste, dass Elwen seine einzige Chance war. Vielleicht war dies eines der Gründe, warum er ihn hasste.

Schließlich löste er sich von ihm und zog sich zurück, seine Haut hatte wieder eine dunkle Färbung angenommen.

,,Ich bringe dich nach Hause." Erklärte Elwen mit fester Stimme und für diesen einen Moment meinte er es auch so. Da war dieses Gefühl, das ihn in diesem Augenblick einnahm. Etwas, das er sich nicht recht erklären konnte. Es war, als löste sich der Druck auf seiner Brust ein wenig. Als hätte man ihm einen Gürtel umgeschnallt und ihn um ein ganzes Stück gelockert.

Nogu war nicht auf das Dach geklettert, um einen Ausweg zu finden, das wusste er. Er war hierhergekommen, um einen Moment außerhalb seiner Zelle zu sein. Nun ja, etwas, das sich anfühlte wie eine Zelle. Um sich nur für einen Augenblick in Erinnerung zu rufen, was Freiheit bedeutete.

Elwen erinnerte sich an die Worte einer Geschichte, die Liam ihnen jede Nacht vor dem Schlafengehen vorgelesen hatte.

Das Land jenseits der Ströme. Sprenge ich meine Ketten und folge dem blassen Pfad des Mondes, gelange ich dorthin.

Ich sehe ein Meer im Nebel, Wälder aus Licht und Schatten, fühle den Atem der Kristallberge, höre, wie sie singen.

Alles ein Traum. Flüstert es. Das Auge des Nebels. Nur ein Traum. In Wahn und Schatten.

***

Am nächsten Morgen machte Raja Pfannkuchen, um die Wogen zwischen sich und Pike zu glätten. Allerdings war ihr das keineswegs gelungen. Da die Pfanne so lange zum Warmwerden brauchte, hatte sie sich an den Tisch gesetzt und ihre Messer gereinigt. Als sie zurückgekehrt war, bestanden die Pfannkuchen nur noch aus schwarzem Ruß.

,,Mit deinem Gefluche machst du das ganze Haus wach." erklärte Pike, der in diesem Moment im Türrahmen erschien. Er trug nur einen rosafarbenen Bademantel, sein Haar war verwuschelt, sein Gesichtsausdruck brummig.
Frustriert trat Raja gegen den Herd, nur um kurz darauf schmerzerfüllt aufzujaulen und mit ihren Händen den Fuß zu umklammern.

,,Faszinierend." Murmelte Pike vor sich hin. Der ironische Ton in seiner Stimme machte sie noch missmutiger. Sie hatte etwas Gutes tun wollen. Von wegen, die Absicht zählte.

,,Sprich es ruhig aus." Keuchte sie mit zusammengebissenen Zähnen:,, Sicherlich hast du noch ein paar Sprüche parat."

Sie ließ sich auf einem freistehenden Stuhl sinken, der Schmerz pochte heftig in ihren Zehen.

Pike stand nur schweigend da. Es fühlte sich an, als würde er sie beobachten, obwohl Raja wusste, dass es absurd war.

Schließlich verzog er widerwillig das Gesicht.

,,Nah." Machte er:,, Das wäre zu einfach."

Raja wusste nicht, was es war, vielleicht die Absurdität der Situation, vielleicht seine Worte oder einfach nur die Tatsache, dass sie gerade eben gegen den Herd getreten hatte, doch sie begann lauthals loszulachen.

Es muss der Wahnsinn sein. Dachte sie. Der Wahnsinn hatte inzwischen sicherlich von ihr Besitz ergriffen.

Sie lachte, bis ihr Bauch schmerzte. Bei allen Göttern, wie lange hatte sie das nicht mehr getan? Sie lachte wie jemand, der etwas längst Vergessenes wieder erlernte.

Erst zog Pike skeptisch eine Augenbraue in die Höhe, als wäre er auch der festen Überzeugung, dass ein Dämon sich in ihr eingenistet hatte, doch dann huschte ein leichtes Schmunzeln über sein griesgrämiges Gesicht.

,,Haijhan, du solltest dich dringend untersuchen lassen. Mit dir stimmt etwas nicht."

Und da gab sie ihm völlig Recht. Doch sie fühlte sich gut. Besser als jeder Augenblick in den letzten Jahren. Als sie den Clan verließ, hatte ihr jeder Antrieb gefehlt. Manchmal hatte ihre Motivation nicht einmal dafür ausgereicht, dass sie sich von ihrem Schlafplatz unter der Brücke erhob, geschweige denn sich wusch oder Pläne unterdrückender Clans zu durchkreuzen.

Als ihr Lachen verebbte, verfiel sie einen Augenblick ins Schweigen, ihre Augen waren auf die verkohlten Pfannekuchen geheftet. Nur ein sanftes Lächeln umspielte ihre Lippen.

,,Es tut gut..." begann sie und blickte dann zu Pike auf:,, Es tut gut, wieder ein Ziel zu haben."

Er antwortete ihr nicht, doch sie sah in seiner Mine, dass er verstand. Dass es die Fortsetzung ihres Gespräches im Bordell war. Sein Gesicht strahlte eine Freundlichkeit aus, die sie kaum von ihm kannte.

Doch dann verdrehte er die Augen und schüttelte den Kopf verächtlich.

,,Statt zu kämpfen, solltest du vielleicht ein Buch schreiben.." entgegnete er scherzhaft:,, Dann muss ich mir dein Gefasel wenigstens nicht mehr anhören."

Mit einem gespielt verärgerten Grummeln kehrte er um und machte Anstalten, die Treppen wieder hinaufzusteigen, während Raja ihm lachend einen verkohlten Pfannkuchen hinterherwarf.

Es war umso lustiger, dass er tatsächlich auf der Hinterseite seines Bademantels stecken blieb.

,,Wir sehen uns bei der Versteigerung, Haijhan!" rief er noch, dann war er fort.

Raja frühstückte Brot mit Salz und einem Glas Milch. Es war die Mahlzeit, die Liam ihr stets zum Frühstück aufgetischt hatte.

Ein Krieger muss sich in Bescheidenheit üben. Waren die Worte, die er ihr stets mitgeteilt hatte.

Danach rief Donna sie zu sich, gerade, als sie im Begriff war, ihre Montur überzustreifen. Scheinbar hatte sie andere Pläne. Pläne, die Raja früh genug zu hassen lernte. Denn das, was Donna nun mit ihr tat, war eine wahre Tortur. Sie ahnte es bereits, als sie einen festlichen Kaftan über einem Stuhl hängen sah und Donna sie fest auf einen Stuhl drückte und ihr untersagte, sich auch nur einen Zentimeter zu rühren.

Unentwegt jammerte Raja, als Donna ihre Augenbrauen zupfte, ihr Gesicht mit Farbe anmalte und ihr Haar mit kleinen roten Klammern hochsteckte. Sie erklärte nur gnadenlos, dass es dort, wo sie im Begriff waren, hinzugehen, niemanden gab, der sich geringere Mühe für sein Outfit gab.

Also ließ sie es über sich ergehen. Schließlich hatte Donna ihr angedroht, sie würde eine Schlange in ihrem Kaftan verstecken, wenn sie nicht endlich stillhielt.

Gerade bemalte sie Rajas Lippen rot, als diese zu dem Kaftan hinüber schielte. Schwarzer Samt, so dunkel wie die finsterste Nacht. Nur die goldenen Ränder hinterließen einen Lichtblick und ließen ihn umso teurer erscheinen.

Nachdenklich kniff sie die Augen zusammen.

,,Warum Schwarz?"

Donna atmete scharf ein, als sie zum sechsten Mal ihre Tätigkeit unterbrach, da Raja sich danach gefühlt hatte, etwas zu sagen. Sie war kurz davor, dass ihr Geduldfaden riss.

Trotzdem fuhr sie fort:,, Warum nicht einmal etwas Farbenfrohes? Man hatte mir einmal mitgeteilt, dass mir gelb stünde."

Donna antwortete nicht, bis sie ihr Werk vollendet hatte. Erst als es so weit war und sie zurück trat, um Rajas Antlitz zu gutachten.

,,Erstens..." sie klang abwesend, als wäre die Unterhaltung mit Raja nur eine unbedeutende Nebensache:,, Solltest du diesen frevelhaften Lügner schnellstmöglich aus deinem Leben verbannen und zweitens musst du auf der Auktion Eindruck machen."

Ein wenig beleidigt runzelte Raja die Stirn, ließ ihre Worte jedoch an sich vorüberziehen:,, Wieso kann ich das nicht in Gelb? Ich bin vielleicht nicht gerade die charmanteste Person im Land, aber damals musste ich nicht gerade selten auf Zusammenkünften der Clans zugegen sein. Hübsch zu lächeln und hier und da zu knicksen, hat schon ungeahnt viele Verbündete auf unsere Seite gezogen."

Kaum hatte sie das ausgesprochen, rümpfte Donna verächtlich die Nase und schnalzte mit der Zunge.

,,Das ist der Grund, warum zu schwarz trägst." Erklärte sie:,, Du sollst heute Abend nicht hübsch lächeln und knicksen."

Rajas hob ungläubig die Augenbrauen:,,Was soll ich dann tun?"

Außer das, hatte sie keine Eigenschaft, mit der sie punkten könnte. Es sei denn, die Leute der Auktion genossen es, von Messern bedroht zu werden.

Donna blickte ihr in die Augen und zum ersten Mal schien es, als nahm sie Raja wirklich wahr.

Da war dieser typische Donna – Ausdruck in ihrem Gesicht. Stolz, wild und unfassbar stark.

Ihre Hand griff nach Rajas Kinn. Sie hob es an und zwang sie so, ihr in die Augen zu blicken.

,,Ich will, dass du das Kinn hebst und nicht den Hauch eines Lächelns zulässt. Zeig ihnen, dass du mächtig bist. Dass sie unter dir stehen."

Raja erwiderte ihren Blick mit geöffnetem Mund. Was Donna da verlangte, war sehr groß. Vielleicht größer, als sie fähig war, zu erfüllen.

,,Ich.." stammelte sie:,, Ich glaube, das kann ich nicht."

Donna verdrehte die Augen:,, Glauben kannst du in den Tempeln der Nordstämme, meine Liebe."

Ihre Stimme klang leicht schroff und augenblicklich fuhr sie mit ihrer Tätigkeit fort. Es wirkte, als mied sie jetzt Rajas blick. Natürlich. Da war noch etwas zwischen ihnen, über das sie noch immer nicht ausreichend gesprochen hatten. Am liebsten würde sie es augenblicklich tun, doch etwas hielt sie zurück. Denn wenn sie darüber redeten...hatte Donna die ganze Wahrheit verdient. Eine Wahrheit, die Raja noch nicht aussprechen konnte.

Sie holte tief Luft und ließ noch den Rest von Donnas Tortur über sich ergehen.

Am Ende, als sie sich den Kaftan übergestreift hatte und in den Spiegel blickte, erkannte sie sich fast nicht wieder.

Sie sah tatsächlich einschüchternd aus. Das Schwarz, in das ihre Augenlider getaucht waren, ließ ihre Augen noch dunkler wirken. Jetzt erinnerten sie sie an die einer Krähe. Angsteinflößend, unheilbringend. Wie die Helden, von denen sie in ihren Büchern gelesen hatte, als sie ein Kind war.

Sich selbst so zu sehen, versetzte Raja einen Stich. Sie hatte nichts getan, um ein solches Ansehen zu verdienen.

,,Und? Hat Donna ihre Folter beendet?" fragte Pike, der auf einmal im Türrahmen stand. Raja fuhr zu ihm herum.

Er knabberte abwesend an seinen Fingernägeln.

Raja musste grinsen.

,,Ja." Antwortete sie knappt, da sie genau wusste, dass es ihn eigentlich gar nicht interessierte:,, Hast du nicht gesagt, dass Menschen, die an ihren Fingernägeln knabbern, den Tod verdient haben?"

Pike hielt in seinem tun inne und sah kurz danach aus, als suche er sich eine feurige Erwiderung. Er wurde nicht fündig.

,,Ich ausgenommen selbstverständlich." Meinte er schließlich und Raja hob verächtlich eine Augenbraue.

,,Wirklich? Das ist alles, was dir einfällt?"

Mit einem Grummeln verschwand Pike im Flur. Sie hörte noch gedämpft, wie er irgendwelche missmutigen Worte vor sich hinmurmelte. Doch Raja war nicht fertig. Es gab noch etwas, das sie sagen wollte. Also setzte sie ihm nach, die Treppe hinunter zum Foyer.

,,Glaubst du, ich..."

Sie stockte, da sie auf einmal eine bekannte Person durch die Tür hereinkommen sah. Es war Elwen, dicht gefolgt von Lucille.
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