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Schlaflos in Sydney

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P18 / Het
Christine Daaé Erik - das Phantom der Oper Gustave de Chagny OC (Own Character)
22.10.2021
23.09.2022
29
99.578
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23.09.2022 4.022
 
XXIX




„Rachel!“, schallte es nach oben. Sie schnaufte. So, wie sie rücklings flach auf dem Bett lag, hatte sie keine große Meinung davon aufzustehen und der Stimme ihres Vaters nachzugehen. Ihr Blick wanderte durch ihr altes Kinderzimmer, zu den eingestaubten Puppen im Regal, dem Schiffsmodell über ihrem Bett, den Schminktisch mit der Ballerina-Spieluhr. Ihre Eltern hatten in all den Jahren nichts an diesem Zimmer verändert. Ob sie jemals hereingekommen waren?

Für Rachel war es, als wurde sie gezwungen, in ein vergangenes Leben zurückzukehren. Ein Leben, mit dem sie abgeschlossen hatte. Es war nie angedacht zurückzukommen. All das hatte sie schon vor Jahren hinter sich gelassen. Sie schloss die Augen. Es durfte nicht wahr sein, dass sie nun hier lag und zur Untätigkeit verdonnert war! Sie hatte sich eine Arbeit suchen wollen, doch ihr Vater hatte strikte Anordnung erteilt, dass sie ohne Begleitung nicht das Haus verlassen durfte. Und die Briefe, die sie beim Personal abgab, fanden den Weg in die Hände ihres Vaters und damit in das Kaminfeuer.

„Rachel!“, die Stimme von Jeremy Rosefield wurde nur energischer. Sie ließ sich von ihrer Matratze heruntergleiten und sammelte umständlich ihre Gliedmaßen vom Boden ein. Sie hatte nicht das Gefühl, als würde ihr Körper zu ihr gehören. An jeder Ecke hingen schwere Gewichte, die versuchten sie unter die Erde zu ziehen.

Gähnend setzte sie sich in Bewegung, um dem Ruf ihres Vaters nachzugehen. „Guten Morgen Doktor Rosefield“, begrüßte sie ihm in seinem Arbeitszimmer. „Oh dieser elendige Architekt hat mal wieder keine Ahnung!“, beschwerte er sich an die Papiere auf seinem Tisch gewandt: „Alles muss man selber machen! Unfähige Amateure! Und du, wo kommst du überhaupt her? Warum hat das so lange gedauert? Guten Morgen, das ich nicht lache! Es ist schon nach 12, Kind.“

„Du wolltest mich sprechen?“, Rachel ignorierte jede Spitze. ‚Ich bin eine verheiratete, erwachsene Frau. Er kann nicht über mich bestimmen‘, redete sie sich beruhigend ein. Sie durfte sich nicht zu irgendetwas provozieren lassen. Jeder Ausbruch von Emotionen würde ihr nur als Hysterie ausgelegt werden, um ihre Uneigenständigkeit in seinen Augen zu untermauern.

Mister Rosefield hatte genaue Vorstellungen davon, wie seine Töchter zu sein hätten. Er hatte von allem in seinem Leben eine genaue Vorstellung und das nötige Kleingeld diese Ideen umsetzen zu lassen. Seine andere Tochter und sein Sohn entsprachen den Erwartungen, die er an sie stellte. Sein drittes Kind tat das nicht. Ausgerechnet seine Erstgeborene! Er musterte die junge Frau in seinem Arbeitszimmer eingängig. „Das du noch immer dieses Kleid trägst!“, beschwerte er sich: „Es muss mindestens 7 Jahre alt sein. Der Saum ist zu kurz und ausgefranst, siehst du das denn nicht Rachel? So kannst du doch nicht aus deinem Zimmer treten! Wenn dich jemand gesehen hätte!“

„Viele Menschen haben mich schon so gesehen“, verteidigte Rachel sich, die Arme vor der Brust verschränkt: „Haben Sie mich herunter gerufen, um sich abfällig über meine Garderobe zu äußern, Sir?“

Jeremy Rosefield schaute seine Tochter entgeistert an: „Einen solchen Ton verbitte ich mir in meinem Haus! Du kannst froh sein, dass wir noch bereit waren, dich aufzunehmen! Keine andere Familie würde das tun, nachdem du sie so hintergangen hast!“ Rachel verdrehte die Augen. Sie machte sich nichts vor. Der einzige Grund, warum sie dort wieder aufgenommen wurde, war, um der Schmach zu entgehen, wenn herauskam, dass ihre Erstgeborene auf der Straße lebte. Sie hatte sie in der Hand. Ihr Vater hatte das aber dummerweise auch. Eine Pattsituation, in der er noch immer am längeren Hebel saß.

„Danke“, meinte sie daher nur und ließ ihn weiter auf sie einreden. „Nie hätte deine Mutter sich träumen lassen, dass du in der Lage wärst uns das anzutun! Einfach so ohne eine Vorwarnung bist du verschwunden!“

„Ich habe euch gesagt, dass ich mich in Tom Scott verliebt habe. Ihr habt mir nur nicht zugehört“, widersprach Rachel tonlos. Sie war dieses Kapitel leid. Jede Erinnerung an Tom, jedes Mal, wenn sie gezwungen war seinen Namen auszusprechen, schmerzte es.

„Wir hatten Pläne für dich! Große Pläne! Du warst das Juwel dieser Familie und hattest alles, wovon eine junge Lady nur träumen kann, und du hast es weggeworfen für nichts! Du hättest den besten Mann haben können, aber du bist lieber mit einem Versager geflohen!“

Rachel biss sich auf die Zunge. Es gab kein Argument, was sie dem würde entgegensetzen können. Die Fakten sprachen gegen sie. Ein Heiliger war Tom nie gewesen, und ihr Vater hatte es herausgefunden. Rachel biss sich auf die Innenseite ihrer Wange. Wann würde es aufhören so wehzutun? Er hatte ihr nie erklärt, warum er so gehandelt hatte. Es war einfach passiert und sie hatte nur die Wahl gehabt ihm zu verzeihen, oder einzusehen, dass ihr Vater recht hatte. Letzteres kam für Rachel nicht in Frage. „Gibt es sonst noch etwas, Doktor Rosefield?“, fragte sie daher folgsam.

Jeremy Rosefield starrte sie an und realisierte erst jetzt, dass er von seinem eigentlichen Thema abgekommen war. „Deine Mutter sucht dich. Ihr sollt heute zusammen zur Schneiderin für einige neue Kleider.“ Überrascht schaute Rachel auf. Eine derartige Großzügigkeit hatte sie nicht erwartet. Und nun fragte sich Rachel, welchen Preis sie dafür zahlte. „Ich will keine Umstände machen. Meine jetzigen Kleider mögen nicht der neusten Mode entsprechen, aber sie fallen noch nicht auseinander“, versuchte Rachel bescheiden das Angebot abzulehnen. Natürlich war der Gedanke an ein neues Kleid verlockend, doch hatte sie schon jetzt das Gefühl bei ihren Eltern in der Falle zu sitzen. Alles hatte bei ihnen seinen Preis.

Ihr Vater schüttelte den Kopf: „Unmöglich. Diese Kleidung will ich in meinem Haus nie wieder sehen. Wir sind doch keine Bettler. Meine Kinder sind standesgemäß gekleidet. Du wirst die neue Garderobe brauchen, wenn wir dich Mister Evers vorstellen. Obwohl du selbstverständlich keine große Mitgift mehr zu erwarten hast, lassen wir dich ja nicht unvorbereitet gehen.“

Rachel wurde schwarz vor Augen. Mitgift? Gehen? Mister Evers? Anthony Evers? Er war vielleicht fünf Jahre jünger als ihr Vater! Hatte Anthony Evers einen Sohn? Soweit sie sich erinnern konnte war er verheiratet! Dieser Sohn könnte in ihrem alter sein.

„Mister Evers?“, fragte sie daher verwirrt, um mehr Informationen zu bekommen. „Anthony. Du kennst ihn. Er war hier schon öfters zu Besuch. Ein alter Freund von mir“, erklärte ihr Vater, während er sich wieder den Plänen auf seinem Schreibtisch zuwandte. Alt war das entscheidende Wort. „Wie geht es seiner Frau?“, fragte Rachel daher mit erhobener Augenbraue. Jeremy Rosefield würde nicht noch einmal aufblicken, um seine Tochter anzusehen. Sie konnte sich die Augenbraue also gefahrlos leisten.

„Seine Frau starb vor zwei Jahren. Er ist Witwer, wie du. Für seine zweite Frau ist er nicht wählerisch. Dass du schon Erfahrungen gemacht hast, schreckt ihn nicht ab. Er hat das nötige Geld dir ein sicheres Leben zu bieten, hat bereits einen Erben und sehnt sich nur nach etwas Gesellschaft. Kurzum, ihr seid wie füreinander geschaffen. Du dachtest doch wohl nicht, dass ich dich bis ans Ende deiner Tage hier durchfüttere. Du wirst selbstverständlich wieder heiraten.“

...

Anthony Evers war noch genau so, wie Rachel ihn als kleines Mädchen in Erinnerung hatte. Faltig mit roter Knollnase, einem flachen Sinn für Humor und einer schimmernden Glatze, über die er die inzwischen ergrauten drei verbliebenen Haare gekämmt hatte. Eine runde Lesebrille thronte auf seiner Nase und ließ seine kleinen Schweinsäuglein noch winziger wirken. Wenn Rachel daran dachte, dass er sie berühren könnte, wurde ihr übel. Im Vergleich mit dem gleichaltrigen Tom war dieser betagte Mann bloß das, was einem Großvater ihrer ungeborenen Kinder am nächsten kam.

„Ich weiß noch, als wir uns das letzte Mal sahen, waren Sie ein so junges Mädchen, Miss Rachel“, begrüßte er sie vor sich hin lächelnd: „Da merkt man erst, wie die Zeit vergeht. Sie sind zu einer vortrefflichen Frau erblüht.“

„Mein Beileid zu Ihrer Frau“, war alles, was Rachel darauf erwidern konnte. Sie hatte keinen Schimmer, wie sie ihren Eltern begreiflich machen konnte, dass sie diesen Mann nicht heiraten würde. Er war ein Freund ihres Vaters! Für sie wie ein Onkel! Wie konnten sie von ihr erwarten, ihm eine Ehefrau zu sein? Nur über ihre Leiche und das meinte sie ernst. Eher würde sie ins Wasser gehen oder sich mit der Brotsäge die Pulsadern zerfleischen, bevor sie einen Mann wie Mister Evers an ihren Körper ließ. Nicht das sie glaubte, dass er auf seine alten Tage keine Zuneigung verdiente, doch gab es dafür bestimmt passende Witwen in seinem Alter. Witwen, die nicht im Alter seines Sohnes waren.

„Ja ja, das Kindbett. Ein trauriges Risiko, dass die Geburt eines Kindes mit sich bringt. Sie hat nicht lange gelitten. Auch nicht das kleine Ding. Wir haben sie zusammen beerdigt. Es war ein Jammer. Wäre ein weiterer Junge gewesen. Und Ihr erster Ehemann? Ihre Heirat hat uns damals ja alle überrascht“, berichtete Mister Evers, als ginge es um das Wetter.

Im Augenwinkel sah Rachel, wie ihr Vater am Kopfende der festlich gedeckten Tafel missbilligend dreinblickend seinen Braten malträtierte. Er hasste es, daran erinnert zu werden, wie seine Tochter seiner Kontrolle entflohen und durchgebrannt war.

„Oh mein Mann ist nicht tot“, entgegnete Rachel deshalb und genoss den verwirrten Blick, den Anthony Evers ihrem Vater zuwarf: „Er ist bloß verschollen.“ „Vor Jahren“, sprang ihr Vater dazwischen: „Dieser Windhund ist seit Jahren spurlos verschwunden. Daher ist die Ehe meiner Tochter nicht mehr geltend und sie ist bereit sich erneut zu vermählen. Diesmal an einen geeigneten Kandidaten.“

„Toms und meine Hochzeit war wunderschön“, schwärmte Rachel unbeirrt weiter, um ihren Vater zu ärgern: „Es waren nur wir zwei und der Pfarrer. Tom war katholisch, also musste es so sein. Wir wurden an einem kleinen Bach in der Nähe von Mount Gardiner getraut. Ich glaube, er heißt Mackenzie River. Es war ein angenehmer Sommertag voller Vogelgesang. Ich erinnere mich sehr gern daran.“

Ihre Schwärmerei wirkte. Anthony Evers war sichtlich aus dem Konzept gebracht und wusste nicht, was er erwidern sollte: „Das klingt in der Tat recht angenehm, doch denke ich, wird unsere Trauung etwas anders ablaufen. Da es für uns beide die zweite Hochzeit wird, natürlich ebenfalls zurückhaltend und in kleiner Gesellschaft. Nur die wichtigsten Mitglieder der Gemeinde.“

Rachel nahm lieber noch einmal einen großen Schluck ihres Weißweins: „Ja, wegen der Hochzeit. Ich weiß nicht, ob ich noch einmal heiraten möchte. Ich fühle mich nicht bereit für einen neuen Mann. Es schmerzt noch so sehr. Und diese Ungewissheit. Ich will mein Eheversprechen nicht brechen und meinem Mann untreu sein. Sie verstehen?“

Nein, er verstand nicht. Jeremy Rosefield hatte ihm zugesichert, dass er mit seiner Tochter Rachel eine segensreiche Verbindung eingehen würde. Er hatte angenommen, dass es sich bei diesem Besuch nur noch um die Abklärung von Formalitäten handelte und er nicht mehr der mühevollen Aufgabe der Brautwerbung nachgehen musste. In seinem Alter hatte man doch andere Vorstellungen von der Ehe.

„Rachel, auf ein Wort“, während ihre Mutter still und schweigsam am Tisch saß und auf ihren Teller starrte, hatte ihr Vater genug gehört. Jeremy Rosefield stand auf und geleitete seine zurückgekehrte Erstgeborene ins Nebenzimmer, wo auf dem Servierwagen bereits die Getränke vom Personal bereitgestellt wurden.

Rachel hatte mit einem Machtwort gerechnet. Die Backpfeife jedoch hatte sie nicht kommen sehen. In Ihrem Hals knackte es kurz von der Wucht, mit der ihr Kopf zu Seite schleuderte. Ihre Haut brannte und erinnerte sie sofort an die nächtliche Szene mit den Zanottis im Park. Sie schauderte, ihr Herzschlag beschleunigte und sie fühlte die Schweißtropfen unter ihren Achseln. Würde er erneut zu einem Schlag ausholen? Würde man sie jagen und verstümmeln? Sie hatte noch immer Albträume, von dem Messer an ihrem Handgelenk. „Du wirst dich sofort entschuldigen, junge Dame! Hast du den Verstand verloren?“ Vor sich hin nickend hielt sie sich die glühende Wange. „Ich werde ihn nicht heiraten“, widersprach sie dennoch: „Ihr könnt mich nicht zwingen.“

„Und was bitteschön willst du mit deinem Leben anfangen?“, Jeremy Rosefield stand die Arme in die Hüften gestemmt vor ihr, sein Blick voller Erwartungen auf eine Erklärung: „Du kannst nicht arbeiten und du willst keinen ehrbaren Mann heiraten, was also sollen wir mit dir tun? Dich mit deinen Puppen spielen lassen, bis du grau wirst? Noch bist du ansehnlich genug, dass ein Mann von Güte über deine jugendlichen Fehltritte hinwegsehen kann, aber das wird nicht mehr lange so sein! Und deine Auswahl an Witwern aus unserer Gemeinde ist nicht gerade riesig. Also sei ein bisschen nett zu Anthony und gib ihm eine Chance.“

„Aber er ist steinalt! Ich könnte ihn niemals lieben!“, erinnerte Rachel ihren Vater flehend: „Bitte Papa! Das kannst du doch nicht verlangen?“ „Ich verlange, dass du deine Familie respektierst und die Opfer, die wir für dich bringen mussten! Ich verlange, dass du mir gehorchst und dich gegenüber meinem langjährigen Freund etwas erkenntlich für seine Großzügigkeit zeigst! Denkst du wirklich, deine Mutter und ich hätten nicht geschaut, ob es noch passendere Kandidaten für dich gibt? Anthony war als Einziger bereit, über deine Schmach hinwegzusehen!“ „Aber ich liebe ihn nicht!“, beteuerte Rachel erneut.

Ihr Vater winkte nur ab: „Liebe ist für Idioten. Denkst du, deine Mutter hat mich geliebt, als wir geheiratet haben? Doch heute sind wir uns sehr zugeneigt und führen eine glückliche Ehe. Also kein Wort von deinen Träumereien von Liebe. Die Liebe zu deinem Windhund hat dich auch nirgendwohin gebracht, außer zurück zu uns ohne Perspektiven.“

Er klang so endgültig und erbarmungslos, dass Rachel in Gedanken schon zwischen den tosenden Wellen und der Schärfe des Messers abwägte. Immerhin würde sie so auch Tom wiedersehen. Sie wollte nicht sterben. Sich ihr eigenes Leben nehmen schon gar nicht! Ob sie das überhaupt konnte? Wem machte sie etwas vor, wie jeder normale Mensch, hatte auch sie großen Respekt vor der Begegnung mit dem Tod. Aber das Leben, was ihren Eltern für sie vorschwebte, konnte sie nicht führen! Das war kein Leben, bloß eine Existenz. Also ja, sie würde dem ein endgültiges Ende bereiten können. Ohne mit der Wimper zu zucken.

„Wenn wir gleich wieder durch diese Tür gehen, junge Dame, wirst du dich für deine Worte entschuldigen, dich zu Anthony setzen und seine Hand halten. Dann vergisst er hoffentlich, was du zuvor gesagt hast. Ich würde heute Abend gerne ein Datum festlegen. Deine Mutter und ich lassen gerade ein neues Haus bauen und in dem hast du kein Zimmer. Bevor wir umziehen, musst du verheiratet sein, Fräulein!“, erinnerte Jeremy Rosefield seine Tochter: „Also reiß dich gefälligst zusammen! Vor Jahren hast du einen schrecklichen Fehler gemacht und uns alle enttäuscht. Nun zahlst du den Preis dafür.“

Niedergeschmettert trat sie hinter ihrem Vater zurück ins Esszimmer. Sie sah für sich kein Hintertürchen mehr. Vielleicht könnte sie ihre Mutter überzeugen, auf ihren Vater einzureden, ihren Bruder um Unterstützung bitten, doch würde es helfen? Oder sie musste wieder weglaufen? Sie dachte an Erik Daaé. Wenn sie ihm schilderte, was ihr bevorstand, würde er sie verstehen und ihr helfen? Er hatte immerhin einst ebenfalls sehr geliebt und wusste, wie es war seine Liebe zu verlieren. Ja, sie würde versuchen, vorm Traualtar zu ihm und Gustave zu fliehen. Wenn das nicht klappte, gab es die Weiher im Busbys Pond als ihren Ausweg.

„Miss Rachel“, begrüßte Anthony Evers sie überrascht, den Blick natürlich auf ihre rote Wange gerichtet. Unzufrieden schien er darüber nicht: „Ich hatte schon befürchtet, sie würden sich unwohl fühlen.“ Rachel zwang sich zu einem Lächeln: „Nein gar nicht Mister Evers. Nur ein dringendes Gespräch mit meinem Vater. Bitte verzeihen Sie, dass Sie das Essen ohne uns fortsetzen mussten.“

Sie nahm ihren Mut zusammen und ging steifbeinig zurück an ihren Platz neben dem alten Mann. Ihr Vater beäugte jeder ihrer Bewegungen. In ihrem langen neuen Kleid blieb sie mit den Schuhen im Saum hängen und stolperte. Bevor sie Anthony Evers ungebremst in den Schoß fallen konnte, fing er sie auf. „Sie sind ganz schön stürmisch Miss Rachel.“ „Tollpatschig trifft es wohl besser. Verzeihen Sie“, sie richtete sich umständlich wieder auf und versuchte den Riss in ihrem Saum zu verbergen. „Meinen Mann hat meine Ungeschicktheit stets zum Lachen gebracht. Man sollte einen Menschen halt immer so lieben, wie er ist, nicht wahr?“, danach versuchte sie keinen Ton mehr zu sagen und den Abend stumm auf ihr Essen starrend zu überleben. Ihre Wange glühte noch immer, von der Hand ihres Vaters.

Die Röcke ihrer alten Kleider waren weit gewesen. Sie hatte lange Schritte machen können, rennen wie sie wollte. Doch der Rock der neusten Mode war eng. Der schwere lange Stoff, bestickt mit kleinen Perlen, erlaubte es ihr kaum, schnell zu gehen. An große Schritte war nicht einmal zu denken. „Eine Dame muss nicht schnell gehen, sie schreitet stets“, war jede Erklärung von ihrer Mutter gewesen.

Direkt nach dem Dessert ergriff Anthony Evers wieder das Wort: „Jeremy es war mir wie immer ein Vergnügen. Das Essen war hervorragend. Aber ich denke, ich sollte Sie nun nicht länger behelligen. Ich werde mich zurückziehen.“

„Aber mein Freund, bleibe doch noch auf einen Drink. Dann können wir alles Weitere besprechen“, versuchte Jeremy Rosefield ihn zu überzeugen. Doch Anthony schüttelte den Kopf: „Ich weiß durchaus, wann ich eine Gastfreundschaft überstrapaziere. Wir sehen uns beim nächsten Sabbat, nehme ich an?“ Rachel gab sich die größte Mühe nicht hörbar auszuatmen. Nachdem sie sich so ungeschickt verhalten hatte, hatte Anthony kaum ein Wort mehr mit ihr gewechselt. Sein überstürzter Aufbruch ließ sie hoffen, dass er nicht auf eine Vermählung bestand.

Und ihre Hoffnung schien sich zu bestätigen, als er sich auch nach einer weiteren Woche nicht bei Jeremy Rosefield meldete.

Dies brachte Doctor Rosefield jedoch in einen gehörigen Zugzwang. Wenn er keinen Ehemann für seine störrische Tochter fand, würde sie ein Zimmer in dem neuen Haus brauchen. Er musste den Architekten sprechen!

...

„Gustave ich bitte dich, reiß dich zusammen. Wo bist du nur mit deinen Gedanken?“, Erik verlor langsam die Geduld. Seit die Bäckerin seit fast einem Monat fort war, war sein Sohn lethargisch und kaum bei der Sache. Unter seinen kleinen Augen hatten sich beängstigende Ringe gebildet. „Ich vermisse sie nun mal so“, murmelte er vor sich hin. Erik bekam einen Knoten im Hals: „Ich weiß, das ist schwer für dich zu verstehen, aber ich vermisse deine Mama auch sehr. Nur gibt es nichts, was wir tun können, um sie zurückzuholen.“

Traurig schaute Gustave auf: „Ja ... ja Maman vermisse ich natürlich auch. Aber ... aber ich meinte Rachel. Ich vermisse Rachel!“ Geschockt starrte Erik seinen Sohn an. Verwirrt schüttelte er den Kopf: „Gustave, je schneller wir diese Matheaufgaben lösen, umso zeitiger darfst du wieder mit der Geige spielen. Also konzentrier dich: Wir rechnen Sekunden in Minuten um. Eine Minute hat wie viele Sekunden?“ „60“, antwortete Gustave tonlos. Diese Frage hatte Erik ihm in der letzten Stunde mindestens fünfmal gestellt. Die Tatsache, dass Gustave das wusste, machte die Aufgaben nur nicht leichter.

„Wenn wir also 90 Sekunden haben, wie viele Minuten sind das dann?“ „Mehr als eine“, sagte Gustave bloß. Erik grunzte: „Ja 90 ist größer, als 60. Aber wie viel mehr Sekunden sind es?“ „Keine Ahnung“, patzte Gustave bockig. Er hatte keine Lust, als er merkte, dass seine Finger dafür nicht ausreichten. Eriks Augen verfärbten sich dunkel: „Das ist einfachste Mathematik, in deinem Alter stellte das für mich auch kein Problem dar, also reiß dich zusammen! 90 minus 60, wie viel bliebt übrig?“ „40?“

„Ist das eine Frage oder deine Antwort? Du rätst. Gustave, das ist noch ganz einfach. Vergiss die Nullen hinter den Zahlen fürs Erste. 9 minus 6, nimm deine Finger“, zur Veranschaulichung hielt auch er seine zehn abgespreizten langen Finger in die Luft. „Neun“, sagte er und klappte einen Daumen ein: „Und nun sechs Finger weg.“ Er zählte ab: „Un, deux, trois, quatre, cinq, six. Übrig bleiben?“ Entmutigt schaute Gustave auf und warf einen Blick auf die spindeldürren Finger seines leiblichen Vaters. „Un, deux, trois“, zählte er ab: „Trente, dreißig. Aber wie hilft mir das bei anderen Aufgaben weiter?“ Er deutete auf die Aufgabe darunter: „74 Sekunden. So viele Finger haben wir beide nicht.“

„Wenn du es im Kopf nicht kannst, schreibe es auf“, war Eriks erster Rat: „74 ist größer als 60, also rechne 74 minus 60, um zu sehen wie viele Sekunden übrig bleiben. Schreibe es übereinander. Dann rechne nur die einzelnen Ziffern. Von der Null bis zur vier sind es?“ „Vier“, Gustave verdrehte die Augen. Wollte Erik ihn kränken mit dieser leichten Frage? „Also dann steht hinten schon einmal eine Vier. Und von der Sechs bis zur Sieben?“ „Eins.“ „Na bitte da hast du es. Die Antwort ist eins und vier.“ „Also fünf?“, fragte Gustave verwirrt. „Nein vierzehn natürlich“, korrigierte Erik ihn Augenrollend: „Euer Mister Blake war der schlechteste Lehrer, den ich mir vorstellen kann. Was hast du in den letzten Wochen nur getan?“ „Ich habe versucht, Englisch zu verstehen“, rechtfertigte Gustave seinen Rückstand.

Erik schüttelte den Kopf. Er machte erneut den Mund auf, um etwas zu sagen, da klingelte es an der Tür. Verwirrt zuckte er zusammen. Er erwartete nie Besuch. Die Türklingel war immer ein schlechtes Zeichen. „Nimm sofort die Sachen und geh in dein Zimmer“, befahl er zischend flüsternd: „Komm nicht heraus. Löse deine Aufgaben und schreib gefälligst mit Rechts.“ Gustave gehorchte. Er war zu müde, um zu widersprechen. Erik straffte die Schultern, stand auf und ging zur Tür.

Ein Bote stand davor und schaute angsterfüllt zu Erik hoch. Zitternd hob er einen Zettel empor: „Ein Telegramm für Sie Sir.“ Verwirrt nahm Erik ihm den Umschlag ab. Er bekam nie ein Telegramm. Als Mister Y war das ab und an unvermeidbar gewesen, doch seit er hier war, war dies nicht mehr vorgekommen. Forschend betrachtete er den Absender. Er vermutete eine überfällige Nachricht von dem Laffen eines Vicomte oder eine Beschwerde von Coney Island von der verbliebenen Giry, doch der Absender kam aus Sydney.

Mit einer Armbewegung schickte er den Boten weg. Für Trinkgeld fehlte ihm der gute Wille. Er riss den Umschlag auf und entfaltete das dünne Stück Papier.

„Mein lieber Freund. Grippe fesselt mich ans Bett.  Rosefields verlangen ein Treffen. Erneute Veränderung des Grundrisses. Brauchen neues Zimmer. Geh zur Baustelle, denn ich kann nicht. Nadir.“

Ein langer Seufzer entfuhr Erik. Der Daroga hätte sich keinen schlechteren Tag aussuchen können, das Bett zu hüten. Erik überlegte kurz, ob er die Bitte der Rosefield ignorieren sollte. Die Arbeiten waren so weit fortgeschritten, dass jede Veränderung unverzeihlich war. Doch wäre er nicht er, wenn er nicht jeden baulichen Wunsch erfüllen konnte. Er marschierte hoch zu Gustave. „Willst du mit auf die Baustelle?“, fragte er, sich einfach nur flüchtig zur Tür seines Sohnes hereinlehnend, ohne ganz ins Zimmer zu kommen. Die Augen des Kindes fingen augenblicklich an zu leuchten: „Ja!“ „Dann los.“

...

„Sieh es dir an“, Jeremy Rosefield breitete vor dem Sichtfeld seiner Tochter die Arme aus: „Das wird ein prachtvolles Haus, wenn es einst fertig wird. Nur falls dieser Narr von Architekt es jemals auf die Reihe bekommt etwas fertig zu stellen. Jeden Schritt muss ich persönlich überwachen.“ Rachel schaute sich gähnend um: „Wunderschön. Und in diesem dreistöckigen Ungetüm einer Villa gab es keinen Platz für mich?“

„Nein, deshalb bist du ja jetzt hier. Du kannst dem Architekten gerne selbst erklären, wie du dir dein Zimmer vorstellst. Er darf dann deine Pläne zunichtemachen. Ein großes Reich wird sich nicht mehr einfach unterbringen lassen.“

Rachel verdrehte die Augen. Dieser Architekt klang ja nach einem netten Zeitgenossen. Sie hatte selten erlebt, dass ihr Vater nervös wurde, doch an dem Ton seiner Stimme konnte sie hören, dass er Angst vor dieser Konfrontation hatte. Er würde es niemals zugeben, aber der Gedanke an den Architekten schreckte ihn. Sie war nicht darauf erpicht diesen Mann kennen zu lernen und zu verärgern.

„Tja, hättest du Anthony nicht abgewiesen, müsstest du nicht bei uns einziehen, sondern dürftest deinen eigenen Haushalt führen“, beschwerte sich ihr Vater. „Mein Bedürfnis danach Bedienstete herum zu scheuchen, hält sich in Grenzen“, erwiderte Rachel und musterte die vor ihr liegende Baustelle. Das Gebäude sah traurig aus, wie es nur als riesiges Gerippe zwischen wackeligen Gerüsten stand.

Sie schaute sich um, ob sie zurück in das neue Automobil ihres Vaters steigen durfte, doch der Fahrer war bereits verschwunden. Da zerschnitt ein hoher Schrei die surrenden Geräusche der Stadt: „Rachel!“




....
Ich bin nur dezent stolz auf mich, dass das Kapitel endet, wie es aufhört ;) Heute Abend gibt es auch eine neue Podcast-Folge aus Loge Nummer 5, aber zuerst wünsche ich euch hier einen schönen Start ins Wochenende!
Alles Liebe
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