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XVI - Die Zukunft, die ich mir wünsche

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P16 / Gen
Emma Norman Ray
22.10.2021
13.08.2022
40
98.326
4
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06.08.2022 3.783
 
~ XXXIX ~


oder auch


~ Teekränzchen ~


~ ~ ~


Emma hatte sich entschieden. Sie würde noch einmal mit Norman über seinen Plan sprechen, alle Dämonen auszurotten, um ihn davon abzubringen. Mujika und Sonju konnten ihnen bestimmt einen Weg weisen, damit niemand würde sterben müssen, weder Mensch noch Monster. Und vor allem würde Norman sich nicht länger mit dem grausamen Gedanken befassen müssen, einen Genozid begehen zu wollen, selbst wenn es für ihr aller Wohlergehen war, wie er glaubte.

Ray trat neben ihr vor die Tür zu Normans Büro, Minerva auf dem Arm tragend. Wenn sie ehrlich war hätte Emma sie lieber nicht bei dem Gespräch dabei gehabt, aber ihre Tochter hatte sich mit Händen und Füßen und vor allem dicken Krokodilstränen dagegen verwehrt, bei Anna und den anderen zu bleiben. Wohin sie auch ging, Minerva wollte unbedingt mit. Vielleicht lag das an ihrer langen Trennung, vielleicht auch an der neuen Umgebung und allem, was damit einherging. Sei es, wie es sei. Minerva würde schon nicht groß stören.

Emma klopfte an die Tür und öffnete sie. Eigentlich hatte sie erwartet, Norman im Zimmer vorzufinden – stattdessen stand sie plötzlich drei jungen Erwachsenen gegenüber. Ein muskulöser Junge mit schwarzem, raspelkurzem Haar lümmelte auf einem der Ledersofas, seine schweren Stiefel auf dem gläsernen Couchtisch gepackt, als wäre dieser ein Schemel. Einen Arm lässig über die Rückenlehne gelehnt schmiss er gerade ein zerknülltes Papier in Richtung eines Papierkorbes in der Zimmerecke, verfehlte ihn jedoch knapp. Ein weiterer junger Mann stand an einem niedrigen Bücherregal und hielt ein Schreibbrett in den Händen, das er bis eben noch studiert hatte. Seine kühle Aura war ein sonderbarer Gegensatz zu seiner Kleidung, einem kanariengelben Anzug mit ausgefallener Krawatte, die andererseits perfekt zu seiner Brille und dunklen Haut passten. Auf dem Herzstück des Raumes, dem Schreibtisch, saß ein Mädchen in einer sportlichen Trainingsjacke und Shorts samt schwarzen Stiefeln; das Auffälligste an ihr waren weder ihre katzenhaften Augen noch ihr gewelltes, nussbraunes Haar, das von einigen pinken Strähnen durchzogen wurde, sondern die abnorm riesige Fleischkeule in ihrer Hand, die mindestens halb so groß war wie die junge Frau selbst.

Alle drei musterten die Neuankömmlinge überrascht, dann begannen das Mädchen und der Junge auf dem Sofa zu grinsen. Es war kein sonderlich einladendes Lächeln.

„Ich bin Ray. Freut mich, euch kennenzulernen“, sagte derselbige als Erster und auch Emma riss sich am Riemen.

„Ich bin Emma, und das ist Minerva“, sie deutete auf ihre Tochter, „Wir kommen aus Schutzraum B06-32!“

„Die Ausbrecher, die gestern angekommen sind...“, murmelte der bebrillte Jugendliche.

„Ach, die aus Grace Shield!“, rief das Mädchen begeistert.

„Field“, wurde sie korrigiert.

Sie deutete mit ihrer rosa-roten Fleischkeule auf Emma, Ray und Minerva; dabei schwenkte sie das gute Stück auf und ab, sodass Fleischsaft auf den Boden tropfte. „Wollt ihr was abhaben?“

„Äh… nein?“, antwortete Ray naserümpfend.

Emma lehnte ebenfalls dankend ab, denn ihr kam ihr eigentliches Anliegen wieder in den Sinn. „Ähm… Wo ist Nor- Wo ist der Boss? Wir müssen mit ihm reden.“

Der Junge direkt vor ihnen erhob sich von der Couch und spazierte auf sie zu, um viel zu dicht bei ihnen stehen zu bleiben. Seine Augen ruhten allein auf Minerva, als er sagte: „Der Boss ist unterwegs und erledigt was Dringendes.“

„Dann kommen wir später wieder.“

„Moooment!“, trällerte die junge Frau, knallte ihre Fleischkeule auf den Tisch, dass dieser nur so schepperte, und sprang zu ihnen, um Emma an der Schulter zu packen. Ihr Kumpan tat es ihr bei Ray gleich. „Trinkt einen Tee mit uns! Wir haben Interesse an euch“, Emma und Ray wurden so schnell aufs Sofa bugsiert, dass sie gar nicht wussten, wie ihnen geschah, „den feinen Herrschaften aus Grace Field.“

Emmas Augenlid zuckte vor Nervosität. Irgendwie jagten diese drei ihr eine Gänsehaut ein, obwohl sie gar nicht mal so unfreundlich wirkten. Der Junge im Anzug machte sich an einer Teekanne auf der Anrichte zu schaffen, entzündete das Stövchen, das unter ihr stand, bis das Wasser zu sieden begann und füllte dann drei Tassen ab.
Währenddessen hängte die Dunkelhaarige sich einmal quer über die Rückenlehne des anthrazitfarbenen Sofas, und ihr Blick war ebenso merkwürdig wie der des Muskulösen, der sich mit dem Oberkörper auf den Couchtisch legte. Die unkomfortable Stille zwischen ihnen wurde nur durchbrochen vom Blubbern des zubereiteten Tees und Minerva, die von Ray zu ihrer Mutter kletterte, dabei vor sich hinbrabbelnd, als ginge in die Anspannung in der Luft sie absolut nichts an.

Der kastanienbraune Tee wurde ihnen serviert, dazu ein kleines Kännchen Milch und eine Schüssel mit Zuckerstücken samt Zange. Minerva quietschte bei deren Anblick auf und Emma schaffte es im allerletzten Moment, den kochend heißen Tee von ihren gierigen Kinderhändchen wegzuziehen, da war schwupps! auch schon ein Zuckerwürfel in ihrem Mund verschwunden.

„Moment“, der junge Mann, der ihnen den Tee gebracht hatte, griff hinter sich ins Regal und holte eine weitere, diesmal kunstvoll verzierte und wesentlich buntere Dose hervor. Aus dieser nahm er ein eingewickeltes Bonbon, das wohl aus Karamell war, reichte es Minerva, die sich gar nicht lange bitten ließ und es dem Zuckerwürfel gleich hinterherschob.

„Danke“, sagte Emma, der Kleinen über den Kopf streichend. Hoffentlich kriegte sie keinen Zuckerschock, wenn das so weiterging… „Ähm...“

„Ich bin Cislo“, fiel ihr der Junge mit dem kurzen, schwarzen Haar und zahlreichen Ohrringen ins Wort.

„Und ich bin Barbara“, kam es von hinter ihnen.

„Das da ist der Intelligenzbolzen Vincent“, Cislo deutete auf seinen Freund, der wesentlich weniger aufdringlich wirkte als die beiden, „Emma und Ray, habt ihr gesagt? Und… Minerva.“ Sein starrer Blick blieb schon wieder bei dem Baby hängen. „Die aus Grace Field...“

Emma wagte es kaum, ihm zuzustimmen, wie sie aus den Augenwinkeln bemerkte, dass Barbara ihren Kopf zwischen Ray und sie schob, ihr Gesichtsausdruck seltsam von der Welt entrückt. Da donnerte Cislo seinen Fuß auf den Tisch, sodass die Teetassen überschwappten und feuchte Pfützen bildeten.

„Wir sind auch Ausbrecher!“ Ray und Emma hoben verwundert die Brauen. „Wir sind viel krasser drauf als ihr! Wir haben Farmen zerstört, klar?!“

„Die zwei haben dieses kindische Konkurrenzdenken. Sorry, aber stimmt ihnen am besten einfach zu“, erklärte Vincent und klang dabei seltsam resigniert. Cislo und Barbara bekamen davon anscheinend gar nichts mit, grimassenschneidend und dabei ihre beeindruckenden Muskeln spielen lassend. Zu Emmas Überraschung stieg Ray voll drauf ein.

„Wow, echt crazy, ihr seid voll heftig drauf, wir könnten das nie, ich zieh meinen Hut vor euch“, leierte er in der schönsten Emotionslosigkeit seit seinen Tagen in Grace Field House herunter. Wunderlicherweise zog das; die Wangen von Barbara und Cislo erröteten vor lauter Lob und sie warfen sich noch mehr in Pose, wohl äußerst zufrieden mit sich sowie ihren atemberaubenden Leistungen.

Vincent setzte sich ihnen gegenüber auf die Couch, eine Teetasse in der Hand; während Ray an seinem Heißgetränk nippte bedankte Emma sich bei dem jungen Erwachsenen für seine Versorgung von Chris und Dominik.

„Ah.“ Zum ersten Mal schenkte Vincent ihnen ein Lächeln. Er sah wirklich gleich viel netter aus, wenn er das tat. „Der Boss hat sich schon bei mir bedankt. Hoffentlich geht es ihnen bald besser.“

„Ja!“

„Aha!“, funkte Barbara dazwischen, sich neben Emma und Ray auf das Sofa quetschend. Minerva sah die Dunkelhaarige kritisch an, bevor sie das Köpfchen in der Halsbeuge ihrer Mama drückte. Nein, diese Aufdringlichkeit war ihr wirklich nichts. „Da wären wir schon bei dem Thema, das uns interessiert!“

„Ja, genau… erzählt uns alles über ihn...“

„Über ihn?“, hakte Ray nach.

Barbara hüpfte wieder auf und wrang ihre Fleischkeule so sehr mit den Händen, dass der Saft auf ihre Stiefel tropfte. Es schien ihr nicht das Geringste auszumachen, wie ihr Gesicht einen schwärmerischen Ausdruck annahm; auch Cislos Ohren wurden ganz rot, und es schien ihm sogar ein kleines bisschen peinlich zu sein, dermaßen seine Coolness zu verlieren.

„Über den Boss!“, jauchzte Barbara, die Stimme nun eine halbe Oktave höher. „Minerva! James!“

„Oder No… Norman, wie ihr sagen würdet!“

Emma schüttelte kurz den Kopf vor lauter Verwunderung. Was war denn jetzt los?! Eben noch waren die zwei die Abgebrühtheit in Person, und auf einmal wurden sie butterweich beim Gedanken an Norman! Überrascht keuchte sie auf. Und sie hatte gedacht, Hayato würde es mit seiner Verehrung für ihn schon zu weit treiben.

Vincent klärte die Verwirrung auf. „Wie ihr seht, lieben die beiden den Boss abgöttisch.“

„Heeey! Du liebst ihn doch auch!“, riefen Barbara und Cislo aus einem Mund.

„Sie sind total aufgeregt, weil ihr Kindheitsfreunde des Bosses seid.“ Er nahm einen Schluck aus seiner Teetasse und fügte leiser hinzu: „Ich bin auch aufgeregt.“

Ray und Emma warfen sich einen schnellen Blick zu. Sie liebten Norman, das war wirklich unübersehbar. Nur… wie sie von ihm sprachen… wie sie sich bei der Erwähnung von Normans Namen aufführten…

„Natürlich beschäftigt es uns!“ Cislo gebärdete sich theatralisch, als er sagte: „Die Kinder aus den unteren Stockwerken waren heute Morgen total aus dem Häuschen. Der Boss soll gestern wie ausgewechselt gewesen sein! Könnt ihr euch das vorstellen?!“

Konnte sie nicht. Für Emma war Norman gestern wie immer gewesen – gütig und fröhlich und liebenswürdig, die Person mit dem größten und großzügigsten Herzen, das sie kannte.
Natürlich, da waren auch seine körperlichen Veränderungen gewesen, seine Zurückhaltung Minerva gegenüber, die Tatsache, wie er strahlend verkündet hatte, ein Massaker unter den Monstern begehen zu wollen, aber… das war immer noch Norman. Der gleiche Junge mit dem Emma aufgewachsen war, den sie ebenso gut kannte wie Ray oder Minerva oder gar sich selbst.

Den sie liebte, über alles in der Welt.

„Wir fragen uns, wie genau er gestern war! Natürlich interessiert es uns!“, rief Cislo, sich die Haare raufend. „Alle sagen, dass ihr den Boss total gut kennt!“

„Müsst ihr ja wohl!“, meinte Barbara, mit dem Finger auf Minerva deutend. „Was für ein Kerl ist dieser Norman? Los! Rückt schon raus!“

„Ähm...“ Emma suchte nach den richtigen Worten. Forsch wie die zwei vor ihnen nach Antworten verlangten wollten sie wohl ihre Verlegenheit überspielen, doch wie um Himmels Willen sollte sie erklären, wie Norman so war? Es war eben Norman! Trotzdem versuchte sie es, mit dem ersten, was ihr einfiel. „Also… er ist eigentlich noch genauso wie früher...“ Zärtlich strich sie mit den Fingern durch Minervas Locken. „Norman ist lieb und schlau und lächelt immer sanft...“ Ja, das war es, was ihn ausmachte. Seine Herzlichkeit. Seine Weisheit. Sein warmes Lächeln, so sanft wie ein Frühlingsmorgen.

Doch seine neuen Freunde sahen das wohl ganz anders.

„Sanft?“

„Lächeln?“

Cislo und Barbara brachen in schallendes Gelächter aus. „Nie im Leben!“

Emma klappte die Kinnlade herunter ob ihrer unerwarteten Reaktion. Warum glaubten sie ihr denn nicht?!

„Ist er jetzt so anders?“, fragte sie. „Wie würdet ihr denn Norman beschreiben?“

„Resolut“, sagte Barbara.

„Eisig“, sagte Vincent.

„Der Kaiser“, sagte Cislo.

Ray spuckte prustend den Schluck Tee aus, den er gerade zu sich genommen hatte; hustend entschuldigte er sich, vergeblich versuchend, sein ungläubiges Gelächter zu unterdrücken. Auch Emma lachte in sich hinein. Der Kaiser?! Die Sache mit Boss hier und Boss da war ja schon befremdlich genug, doch das… Auf den Schrecken genehmigte Emma sich auch erst einmal etwas Tee; in der Zwischenzeit stibitzte Minerva sich ein weiteres Stück Zucker, damit ihre neuen Zähnchen was zu Knuspern hatten.

„Habt ihr noch mehr auf Lager?“, wollte Cislo wissen, nun wieder deutlich entspannter. „Irgendwelche peinlichen Geschichten aus der Vergangenheit oder so?“

„Zum Beispiel, dass er mit zehn noch ins Bett gemacht hat?“, schlug Ray nonchalant vor.

„Genau! Das meinen wir!“

„Da gibt‘s nichts zu erzählen.“

„Er hat auch nicht ins Bett gemacht. Glaub ich zumindest“, warf Emma ein.

„Hat er nicht?!“

„Aber einmal hat er versucht, eine Erkältung zu heilen“, fing Ray an, hörte aber auf, so sehr erheiterte ihn die Erinnerung daran.

„Ach, du meinst, als er-“, sprang Emma ihm feixend bei.

„Genau! Und dann das-!“

„Ja, ich erinnere mich!“ Die Kindheitsfreunde lachten herzlich auf, und selbst Minerva gluckste mit, einfach aus Spaß an der Freude.

„Erzählt! Erzählt!“, bettelte Barbara flehend.

„Okay. Also, Norman war als Kind ziemlich häufig krank“, fing Ray an zu erklären.

„Jede Erkältung hat er mitgenommen!“, ergänzte Emma. „Pollenallergie im Frühling, Heuschnupfen im Sommer, laufende Nase und Heiserkeit im Herbst, Grippe im Winter.“

„Als er dann mal wieder mit einer Erkältung im Bett lag muss er irgendwo aufgeschnappt haben, dass man sie ausschwitzen soll. Was macht Norman? Klaubt sich mehrere dicke Daunendecken zusammen, befeuert den Ofen im im Krankenzimmer und packt sich mit einer Wärmflasche ins Bett, unter einem Berg von Decken begraben.“

„Als Mama nach ihm sah, war er schon halb erstickt und gar nicht mehr in der Lage, sich selber zu befreien! Nicht zu vergessen, nassgeschwitzt, als wäre er Runde um Runde ums Waisenhaus gerannt.“ Emma konnte sich ein Grinsen nicht länger verkneifen bei dem Gedanken an den armen, vollkommen überhitzten Norman, der von Mama erst einmal wieder heruntergekühlt werden musste. „Genützt hat es allerdings nichts. Die Erkältung war immer noch da.“

Cislo und Barbara fielen lachend von der Couch, als sie diese alte Kamelle hörten und auch Vincents Augen blitzten schelmisch auf.

„Nicht zu fassen! Unser Boss! Dabei war sein Plan eigentlich echt genial!“

„Von wegen genial“, sagte Ray trocken, den Kopf auf seine Fingerknöchel gelehnt. „Die gleiche Chose hat er kurz darauf nochmal angezogen, im Bad. Das Wasser heißgestellt, alle Türen samt Fenster zu und Norman mittendrin, denn saunieren stärkt wohl das Immunsystem. Als ob. Einen Kreislaufkollaps hat er bekommen und musste aus dem Bad getragen werden, schlapp wie ein nasses Handtuch.“ Er schnaufte fassungslos auf. „Wunderkind, pah!“

Die folgende halbe Stunde war es an Emma und Ray, Anekdoten aus ihrer Kindheit mit ihren neuen Freunden zu teilen; vom erkälteten Norman, der ganz alleine im Krankenzimmer ausharren musste und erst durch Emmas Schnurtelefon aus der Einsamkeit gerettet wurde, von dem Weihnachten, als er ein Teleskop geschenkt bekam und sie sich nachts auf den Dachboden geschlichen hatten, um die Sterne zu beobachten oder dem Sommertag, an dem sie beschlossen hatten, wohl alle Insekten im Wald von Grace Field House mit dem Käscher zu fangen.

Vincent hatte währenddessen aus einer Schublade eine weitere Blechdose voll mit Butterkeksen hervorgeholt, und Barbara knabberte ihre Fleischkeule ab, genau wie ihre beiden Kumpel aufmerksam den Geschichten über ihren Boss lauschend.

„Danke“, sagte Vincent, als Ray schließlich geendet hatte, und vergoss sogar einige Tränen vor lauter Rührung.

„Am Ende hat‘s Vincent am meisten mitgenommen“, stellte nicht nur Cislo fest.

Barbara lachte ihn hämisch aus. „Er heult! Aber echt, der Boss war früher schon total cool. Danke, dass ihr uns das alles erzählt habt.“

„Ja, wirklich“, stimmte Cislo ihr zu, „Er redet kaum von früher!“ Da lehnte er sich näher an Emma heran, die Stimme urplötzlich leiser, verschwörerisch: „Jetzt mal unter uns – die Sache mit der Kleinen…?“

Alle blickten unwillkürlich zu Minerva, die sich während der Unterhaltung der Teenager auf den Weg gemacht hatte, das Zimmer näher zu erkunden. Immer mal wieder hatte sie sich von Vincent einen Butterkeks zustecken lassen oder mit ihren klebrigen Händchen Bücher aus den Regalen gezogen, die sie dann doch nicht interessierten. Als nun alle ganz still geworden waren schaute sie reichlich verunsichert auf, obwohl niemand etwas gesagt oder gar mit ihr geschimpft hatte. Eilig tappte Minerva zurück zu Emma, die sie auf ihren Schoß hob, wo sie erst einmal zur Beruhigung am Daumen nuckeln musste.

„Ihr meint bestimmt, ob sie wirklich Normans Tochter ist...“, sagte Emma zaghaft.

„Nein, das glauben wir sofort. Sie sieht ja auch total aus wie der Boss. Bei den Augenbrauen“ Cislo machte ihre breiten Brauen mit den Fingern nach, ehe er sich ein Karamellbonbon nahm und auswickelte, um es sich in den Mund zu stecken. Beim Knistern des Papiers horchte Minerva auf und machte große Augen; ein Spucketropfen rann über ihr Kinn. Cislo entging das nicht, und er hielt dem Baby das Bonbon hin, was sie erst reichlich zögernd, aber dann um so gieriger packte und zwischen ihren Zähnchen verschwinden ließ. Alle waren davon äußerst belustigt.

„Ich schätze, ihr wollt wissen… na ja, alles“, sagte Emma irgendwann. Das Trio nickte eifrig. Oh je… „Da gibt es eigentlich nicht viel zu erzählen… Norman und ich, wir… es ist eben passiert. Kurz bevor er ausgeliefert werden sollte. Es war so gar nicht geplant gewesen, nur… Ich mochte ihn eigentlich schon immer und hatte solche Angst, er würde sich für uns aufopfern, da-“ Sie brach mitten im Satz ab. Es war ihr schon unangenehm genug gewesen, mit Ray, ihrer Familie oder gar Norman selbst darüber zu sprechen. Aber so nett Vincent, Barbara und Cislo auch waren, sie waren ihr immer noch zu fremd, um solche intimen Details mit ihnen zu teilen.

„Schon gut. Du musst dich nicht erklären“, sagte Vincent, seine leere Teetasse vor sich auf den Tisch stellend. Emma sah ihn dankbar an. „Der Boss wollte sowieso nicht, dass wir hinter seinem Rücken herumspionieren.“

„Es hat ihn gestern wohl ganz schön zugesetzt, als ich auf einmal mit Minerva aufgetaucht bin...“

„Hmmja“, schmatzte Barbara, die gerade das letzte Stückchen Fleisch vom Knochen nagte. „Ich mein, ich wär auch überrascht gewesen, wenn ich der Boss wäre.“

„Er war echt total durch den Wind“, ergänzte Cislo.

„Geradezu schockiert“, kam es von Vincent.

„Oh...“

„Dabei ist sie echt niedlich, deine Minerva.“

„Total witzig, die Haare! Und die ganzen Sommersprossen!“ Cislo strich ihr auch mal über den Kopf, was Minerva sogleich mit einem grimmigen Blick quittierte. „Wow! Sie kann auch ganz genauso böse gucken wie er!“

„Er guckt böse?“, fragte Emma entgeistert. Norman sollte böse gucken? Wütend vielleicht, enttäuscht oder frustriert, wie Minerva eben… aber böse? „Ihr sagtet, Norman sei überhaupt nicht mehr so wie früher – wie ist denn der jetzige?“

„Er ist immer noch ein super Kerl und denkt nur an seine Freunde“, antwortete Vincent ihr.

„Auch wenn er nicht mehr sanft lächelt“, feixte Cislo; sein Grinsen schwand, und auch seine Stimme klang nun weniger begeistert als zuvor. „Er tut kaum ein Auge zu, um alle Fleischmenschen zu retten. Wir alle wurden von ihm gerettet. Er hat uns auch gezeigt, wie wir diese Kraft einsetzen können.“

„Kraft?“ Emma entging keineswegs der unvermittelte Stimmungsumschwung in der Luft; Ray neben ihr setzte sich gerader hin, sichtlich angespannt, und Minerva drückte sich in ihre Arme, leise wimmernd.

„Die Kraft aus Lambda?“

Cislo nickte. „Ja, aus Lambda 7214. Wir haben uns alle in dem Loch kennengelernt. Barbara und ich kommen ursprünglich aus Goodwill Ridge. Vincent wurde in Glory Bell geboren. Wir drei haben durch die verdammten Versuche in Lambda unsere Kräfte erhalten. Jeder Tag war die Hölle. Nein… Hölle klingt noch zu nett… Ganz viele Fleischmenschen sind gestorben oder wurden getötet. Man hat uns schlechter als Dinge behandelt. Ich wäre tot, wenn der Boss nicht gekommen wäre.“ Cislo schloss die Augen, schüttelte lächelnd den Kopf, ehe er fortfuhr: „Ein sechzehnjähriger Junge sah für mich aus wie ein Gott. Der Boss schmiedet die Pläne, Zazie und wir drei führen sie aus. Alle Farmen, die wir bisher zerstört haben, haben wir zu fünft zerstört.“

„Zu fünft!“, rief Ray ungläubig.

„Nur zu fünft?!“

„Ja! Ich hab‘s doch gesagt! Wir sind total krass!“ Cislo strahlte sie an wie die Sonne, die Arme vor lauter Begeisterung weit ausladend. „Keine Angst. Die Strategie vom Boss ist perfekt und mit unserer Kraft ist uns der Sieg sicher. Ahhh...“, träumerisch blickte er an die stuckverzierte Zimmerdecke, „Ich freu mich schon so darauf, endlich alle abzuschlachten.“

Was? Meinte er-

„Jedes Mal, wenn ich ein Monster töte, fühle ich mich gleich viel besser.“

„Ich auch“, sagte Barbara. „Wenn ich Monster töte und ihr Fleisch esse, verschwindet dieser Zorn in meinem Bauch.“

„Ähm“, machte Ray unbeholfen. „Heißt das etwa, dieses Fleisch ist...“

Cislo griente breit. „Er hat Schiss!“

„Ja, das ist Monsterfleisch. Das ist von einem der Arbeiter von der Massenfarm, die wir letztens angegriffen haben.“ Die Dunkelhaarige stieg auf den Couchtisch, starrte auf sie hinab, und der Blutdurst strömte regelrecht aus jeder einzelnen Pore ihres Leibes. „Es regt mich auf, dass immer nur wir gefressen werden! Ich spüre sie am ganzen Körper und im Kopf… den Schmerz, jeden Tag wieder. Es geht uns allen gleich. Die Gegner einfach nur zu töten reicht nicht aus. Wir wollen, dass den Ratris und Monstern dasselbe widerfährt wie uns!“

Emma schnappte nach Luft; Barbara knallte den abgenagten Knochen auf den Tisch und beugte sich über sie und Minerva. Das Baby verzog das Gesicht und fing leise an zu quietschen.

„Was soll dieser Blick?“ Barbaras Stimme war nicht länger vergnügt, sondern tonlos, unheimlich, erzürnt. „Du hast doch nicht etwa Mitleid mit den Monstern?“

„Wie…?“

„Warum siehst du nicht glücklich aus? Freust du dich etwa nicht? Hast du was dagegen, Monster zu töten, obwohl du ein Fleischmensch bist?“ Lässig trat sie mit ihrem Stiefelabsatz auf den Knochen, der kratzend Risse auf dem dunklem Glas hinterließ. Mit aufkeimenden Grauen wurde Emma Zeuge, wie Barbara ungehalten auf Knochen und Tisch eintrat, sodass beide zu splittern begannen mit dem widerwärtigsten Knacken, das sie seit ihrem Beinbruch vernommen hatte. „Ihr wollt mit dem Boss reden habt ihr gesagt?“ Erste Splitter rieselten zu Boden. „Ihr wollt ihn doch nicht etwa von seinem Plan abbringen?“

Kraaack

Minerva begann lauthals zu schluchzen.

„Hör auf, Barbara!“, sagte Cislo schroff. „Du machst den Stützpunkt kaputt!“

Krack

„Uwääähh!“

„Monster sind fiese Ungeheuer, die man auslöschen muss!“

Krack

„Mahaamaa…!

Krack

„Barbara!“

Die junge Frau schreckte auf.

„Hör auf, Barbara“, wiederholte Cislo. Es war keine Bitte.

Es war ein Befehl.

Erst jetzt registrierte Emma Minervas Weinen und dass Ray vom Sofa aufgesprungen war, seinen Arm schützend vor sie haltend. Ihre Tochter zitterte am ganzen Leib, so sehr sie ihr auch beruhigend über den Rücken strich. Barbara gab ein abfälliges Geräusch von sich und plumpste zurück auf die Couch, noch immer deutlich vor Zorn kochend. Emma wusste nicht, was sie sagen sollte. Dieser ungezügelte Hass… dieser Abgrund von Verzweiflung und Terror… es machte ihr Angst. Wirklich große Angst.

„Es ist sowieso zu spät. Der Plan kann nicht mehr geändert werden.“ Vincent rückte sich seine Brille zurecht, so gefasst, als hätte ihn Barbaras Zornesausbruch nicht im Mindesten gekümmert. „Der Boss hat alles beschleunigt und heute Morgen schon mit der Durchführung begonnen.“

Ray trat einen Schritt auf ihn zu. „Ihr habt gesagt, er sei unterwegs… Was macht Norman gerade?“

„Er trifft sie… Eine seiner Schachfiguren.“

Cislo und Barbara grinsten höhnisch dabei. Weder Emma noch Ray konnten etwas dazu hervorbringen, und so war es allein Minervas Weinen, das zu hören war. Norman… Norman hatte seinen Plan bereits in Bewegung gesetzt… eine seiner Schachfiguren getroffen…

Waren sie wirklich schon zu spät?

„Ich...“ Emma stockte, erhob sich, Minerva fest an sich drückend. „Sie ist müde. Wir sollten gehen.“

„Ja, das solltet ihr“, zischte Barbara in ihren nicht vorhandenen Bart.

„Danke für den Tee… und das Gespräch.“ Ray hielt Emma die Tür auf, wesentlich gefasster nach dem, was eben passiert war, als sie sich selbst fühlte. Das Trio starrte ihnen mit nicht zu deutenden Mienen hinterher.

„Immer wieder gern… ihr feinen Herrschaften aus Grace Field.“
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