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XVI - Die Zukunft, die ich mir wünsche

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P16 / Gen
Emma Norman Ray
22.10.2021
25.06.2022
33
81.652
3
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Dieses Kapitel
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06.11.2021 1.445
 
~ III ~


~ oder auch ~


~ Wahrheit ~


~~~


„Tadaa! Unser Abendessen!“

Ray verschlug es für einen kurzen Moment die Sprache, als Emma plötzlich neben ihm auftauchte, um ihm zwei gefangene Eidechsen sowie einen Bündel Trauben unter die Nase zu halten. Dann atmete er auf, erleichtert, dass sie immer noch lachen konnte nach den Strapazen der letzten Tage auf ihrer Reise zum Goldy Pond. Sie beide waren mittlerweile vollkommen fix und fertig, nachdem sie sich mehrfach gegen wilde Monster hatten erwehren müssen, ganz zu schweigen von den kilometerlangen Märschen durch unbekanntes Terrain. Und dann war da noch der Alte…

„Wie macht man bei einer Eidechse wohl Gupna?“, fragte Emma ratlos und hielt die Vidar, eine blutsaugende Pflanze, vorsichtig zwischen ihren Fingern. Seitdem Sonju ihr dieses Ritual nähergebracht hatte, bei dem Gott Dankbarkeit für die Mahlzeit erwiesen wurde, bestand sie darauf, es auch selber anzuwenden.

Ray nahm ihr die Eidechse ab und legte sie zu Boden; mit seinem Taschenmesser ritzte er ein Loch an die Stelle, an der er das Herz des Reptils vermutete. Nachdem die Vida ihr Werk getan hatte warf er die nun rot erblühte Blume weit von sich; es behagte ihm einfach nicht, immerzu daran erinnert zu werden, dass sie Fleischmenschen ebenfalls auf diese Art und Weise getötet wurden. So wie es auch ihm hatte ergehen sollen, so wie es all seinen Geschwistern ergangen war.

Dass auch Norman…

Das Lagerfeuer knisterte gemütlich und warf einen warmen Schein in die aufziehende Dämmerung. Das Fleisch der Eidechsen roch merkwürdig anders als das von Vögeln oder Eichhörnchen, die sie in den letzten Tagen erlegt hatten, war aber bald durchgebraten. Zusammen mit den von Emma gefundenen Trauben und etwas Brot würden sie als halbwegs taugliche Mahlzeit herhalten.

„Guten Appetit.“ Beide Jugendlichen falteten die Hände wie zum Gebet vor ihrer Brust, ehe sie den ersten Bissen wagten. Ray kämpfte noch damit, von seiner Eidechse ein besonders zähes Stück Fleisch abzubeißen, als auf einmal-

„Hwough!“

Wie von einer Tarantel gestochen sprang Emma auf und rannte hinter einen Baum, Ray ihr nach, der sie dort vornübergebeugt vorfand, sich ihres Mageninhaltes entledigend.
Während sie sich erbrach, bis nur noch Galle und Spucke kamen, strich er ihr über den Rücken; Sekunden verstrichen, in denen sie mit auf die Knie gestützten Händen einfach nur nach Atem rang, immer wieder drohte zu würgen, sich aber schließlich aufrichtete. In ihren Augen standen Tränen, als Ray ihr wortlos eine Flasche Wasser reichte, die sie begierig bis zum letzten Schluck leerte.
Ohne Kommentar ging Emma an ihm vorbei zum Lagerfeuer zurück, mit beiden Armen ihre Beine umschlingend, kreidebleich im Gesicht. Ray hockte sich neben sie, schürte die Glut mit einem Ast, ehe er sie schließlich ernst musterte.

„Spuck‘s aus. Was ist los mit dir?“

Die Rothaarige antwortete nicht sofort. Stattdessen schnappte sie sich einen Laib Brot und begann, sich kleine Krümel in den Mund zu stecken. „Gar nichts“, entgegnete sie nach längerer Zeit.

Ray schnaubte ungläubig auf. „Nach gar nichts sah das eben aber nicht aus.“

„Was weiß ich? Das Fleisch von der Eidechse war wohl noch nicht richtig durchgebraten an der Stelle. Da hat es mir einfach den Magen umgedreht.“

„Emma.“ Bestimmt legte Ray ihr eine Hand auf ihre Schulter; das Mädchen sah ihn erstmalig wieder an seit dem Vorfall, die Lippen fest aufeinander gepresst. „Das Fleisch war in Ordnung, ja fast schon verkohlt. Ich würde dich nie etwas Rohes essen lassen. Außerdem war es nicht das erste Mal, dass du, na ja...“ Der Junge rieb sich verlegen im Nacken bei seinen nächsten Worten. „Es war nicht das erste Mal, dass du dich übergeben musstest.“

Emma lächelte schwach. „Das hast du mitbekommen?“ Als er nickte, murmelte sie: „Natürlich hast du das mitbekommen...“

„Ich hatte anfangs die Vermutung, es läge vielleicht an deiner Verletzung, wegen dem Blutverlust und der Entzündung oder dergleichen. Aber es ist ja nicht besser geworden, selbst als wir Mujikas Medizin hatten und im Schutzraum ankamen“, sagte Ray. Ihm entging nicht, wie seine Freundin immer wieder seinem Blick auswich und ihre Hände unruhig über die vielen Falten ihres Mantels strichen. „Was ist los, Emma? Du kannst mir nicht erzählen, es ginge dir gut.“

„Es geht mir doch aber gut“, protestierte sie prompt und fegte seine Hand unwirsch von ihrer Schulter. „Das eben… das ist ja nur manchmal. Außerdem musst du dir keine Gedanken machen. Ich halte Schritt mit dir und dem Mann, falle niemanden zur Last und öfter als dich haben mich die Monster auch noch nicht entdeckt.“

„Hast du was Verdorbenes gegessen?“

„Was? Nein!“

„Oder innere Verletzungen erlitten auf dem Weg hierher?“

„Nein! Jetzt hör doch mal, ich-“

„Was ist es dann?!“, fiel Ray ihr gereizt ins Wort. Emma wich ein Stück zurück, als er sie vor lauter Ärger grimmig anstarrte und schließlich aufsprang. „Ich mache mir Sorgen um dich, Emma! Dir geht es offensichtlich schlecht, du erbrichst andauernd, erschöpfst viel schneller als ich es von dir kenne! Und du verheimlichst mir schon wieder was! Du… wir beide haben unseren Geschwistern doch versprochen zu sagen, wenn es uns nicht gut geht! Trotzdem machst du wieder genau die gleiche Geheimniskrämerei wie damals mit deinem Ohr!“

Gereizt raufte sich Ray die Haare und ging auf und ab, sich vergeblich darum bemühend, einen kühlen Kopf zu bewahren.

„Ray...“

„Vertraust du mir nicht?“ Der Junge ging vor Emma in die Hocke, ergriff ihre Hände und drückte sie mit aller Bestimmtheit. „Weißt du noch? Ich habe dir versprochen, von jetzt an auf meine Familie aufzupassen. Inklusive dir, Emma.“ Ray atmete tief ein und aus, bevor er ihr versicherte: „Ich mache mir nur deswegen solche Sorgen, weil du mir wichtig bist und ich dir helfen möchte. Was es auch ist, uns fällt schon was ein, wie wir dich wieder auf die Beine bringen. Deshalb...“

Emma betrachtete stumm ihre Hände, die fest mit Rays verschlungen waren. Langsam drehte sie sie herum, sodass seine nun in ihren lagen, dem Himmel zugewandt. „Versprich mir, dass du nicht schimpfen wirst“, bat sie mit leiser, aber fester Stimme. Ray blinzelte perplex, doch da führte Emma seine Hände auch schon an sich heran, legte sie gegen ihren Bauch, der sich langsam hob und senkte.

Ihre großen, grünen Augen waren voller Ungewissheit, als sie seine grauen trafen; aber da war auch das Flehen, sie zu verstehen, Freude über das, was sie ihm zu offenbaren hatte, unendlich tiefe Furcht.

Und der Schmerz über den Verlust, den sie beide erlitten hatte, der nie wirklich vergehen würde, solange sie lebten.

Ray begriff nicht sofort, denn ihm war, als würde sein Verstand sich absichtlich verweigern, dieses Puzzle zusammenzusetzen, dessen Teile doch überhaupt nicht zueinanderpassten. Trotzdem legten sie sich langsam vor ihm zusammen, formten das, was er Fiktion genannt hätte und doch Realität geworden war.

Emma.

Norman.

Seine Hände auf ihrem Bauch.

Ray riss sich von ihr los, sah sie ungläubig den Kopf schüttelnd an. „Nein… nein nein nein, Emma, das… was soll der Quatsch? Das ist doch nur ein Scherz, oder...“, stammelte er hilflos.

Aber Emma lächelte ihn nur traurig an.

„I-ich verstehe das nicht!“ Wieder sprang der Junge auf, wieder lief er im Kreis um das Lagerfeuer herum, eine Hand sprachlos vor den Mund haltend. „Wie kann das… warum hast du nicht...“ Ray blieb stehen, als ihm vollends bewusst wurde, was er da gerade erfahren hatte. Was es für ihn, für seine Familie bedeuten würde.

Für Emma.

Und für Norman.

„Ist es… also es ist wirklich...“ Er ließ sich neben Emma auf den Hosenboden fallen, die ihn nur mit unbewegter Miene ansah. Dann schloss sie die Augen und legte eine Hand auf ihren Bauch.

„Natürlich ist es Normans Kind.“

~~~


A/N: Yup, jetzt ist es raus. Das hier wird ein Mama!Emma AU - :shocked-Pikachu-face:

Bevor ihr jetzt die Mistgabeln rausholt oder schlimmer noch, euch von der Fanfiktion abwenden wollt, lasst mich erklären – Ich habe schon vielfache Versionen dieses AUs gesehen und gelesen, mit den unterschiedlichsten Prämissen und Ausführungen. Meistens haben mir diese allerdings nicht so ganz zugesagt. Einerseits, weil Emma als Figur häufig ziemlich OOC dargestellt wurde, andererseits, weil manchmal ziemlich nachlässig mit den Themen Missbrauch, Demütigung oder dergleichen umgegangen wurde. Daher entstand in meinem Kopf diese Art des Mama!Emma AUs, in welchem die originale Storyline zwar abgewandelt, aber im Großen und Ganzen fortgeführt wird. Auch möchte ich als Erinnerung nochmals hinzufügen, dass die wichtigsten Charaktere um vier Jahre älter sind – immer noch sehr jung, ich weiß, aber sicherlich verschmerzbar.

Ich hoffe daher, dass du als mein*e Leser*in weiterhin Spaß an dieser Geschichte hast. Vielleicht magst du mir auch mitteilen, was du von der Grundidee oder dem AU als solches hältst? Wie bereits geschrieben, ich bin immer offen für Kritik, gleich welcher Art.

Man liest sich!

OfficerSnickers
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