Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

XVI - Die Zukunft, die ich mir wünsche

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P16 / Gen
Emma Norman Ray
22.10.2021
25.06.2022
33
81.652
3
Alle Kapitel
12 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
12.03.2022 2.261
 
~ XVIII ~


oder auch


~ Ratschlag ~


~ ~ ~


Yugo hatte in seiner Kindheit gerne Detektivgeschichten gelesen. Nicht die langweiligen aus Kinderbüchern mit oberlehrerhaften Protagonisten, die aufklärten, wer die Geldkassette aus dem Schrank gestohlen hatte oder irgendwo seinen Müll im Wald verteilte. Nein, er hatte richtige Detektivgeschichten gemocht, mit Mord und Totschlag (wer zur Hölle hatte solche Bücher bloß im Waisenhaus deponiert?!) und alten, knurrigen Charakteren, die Scotch tranken, Zigarren rauchten und trübselig im kalten Nieselregen vor sich hin über das Leben nachsannen.

Als Yugo sich neben Ray setzte, der draußen auf einem Felsbrocken Platz genommen hatte, fand er, der Kleine bräuchte auch mal dringend einen Scotch und eine Zigarre. Zumindest war sein Gesicht ebenso verkniffen wie das der alten, knurrigen Detektive, wenn sie in einem Fall nicht weiterkamen.

Und das sogar ohne kalten Nieselregen.

„Irgendetwas bedrückt dich.“ Yugo hatte es irgendwann satt, wortlos neben Ray zu hocken und eine perfekte Zielscheibe für sonst wen abzugeben. Schmollen konnte man schließlich auch im Schutzraum. „Spuck‘s aus, ich hab nicht ewig Zeit.“

Die Augen des Teenagers verengten sich, wie er weiter in die Ferne starrte, hin zum dunkelvioletten Sonnenaufgang, der die letzten Sterne der Nacht verschluckte. „Ich habe dich nicht darum gebeten, mir Gesellschaft zu leisten“, antwortete er ohne Emotion. „Mit mir ist alles in Ordnung.“

„Klar, und ich fress ‘nen Besen, sollte das stimmen.“ Ray sah ihn so ungläubig an, dass der Mann einfach nicht anders konnte, als seine Frisur noch mehr zu verwuscheln. Unter dem Protest des Jungen sagte er: „Seit ein paar Tagen wirkst du, als wäre dir eine Laus über die Leber gelaufen. Was ist los? Nerven dich die anderen so sehr?“

„Quatsch, nein.“

„Ist es wegen Emma? Weil sie nicht mitkommen kann, wenn ihr bald wieder aufbrecht?“

„Nein.“ Wie zur Bestätigung schüttelte Ray den Kopf. „Sie kann nicht mit und das weiß sie. Ohne sie nach dem Tempel mit dem goldenen Wasser zu suchen wird schon klappen. Es muss einfach. Es ist nur...“

„Was denn?“

„… ach nichts.“ Ray beugte sich leicht nach vorne; ein dunkler Vorhang aus Haaren verbarg ihn.
„Vergiss es einfach.“

Yugo würde wohl alles für den Jungen tun, außer diesen Gefallen. Fest legte er einen Arm um seine Schultern, zum Himmel hinaufblickend. Vögel kreisten über ihnen, zu weit entfernt, als dass er sagen könnte, welcherlei Art. Diese Frage hätte wohl nur ein gezielter Schuss ins Herz klären können.

„Ich habe viele Jahre meinen Frust und meine Sorgen in mich hineinfressen müssen. Es war ja keiner mehr da, mit dem ich sie hätte teilen können. Und selbst als ich nach dreizehn Jahren endlich die Gelegenheit dazu gehabt hätte, zog ich es vor, alles mit mir selbst ausmachen zu wollen. Du weißt, wie furchtbar schief das gegangen ist.“ Yugo klappte den Mund zu, wartete geduldig auf Rays Reaktion. Es kam keine. Der Kleine war echt ‘ne harte Nuss. „Mir ist klar, wir kennen uns noch nicht besonders lang oder gut. Falls du trotzdem jemanden als Kummerkasten brauchst – ich bin einmal hier.“

Ray gab ein Geräusch von sich, das man wohl als ein Glucksen deuten konnte; vielleicht hatte er auch einfach nur einen Frosch im Hals. Da setzte er sich aufrecht hin, während seine Hände sich in den Stoff seiner Hose vergruben. „Es ist… ich bin mir unsicher, ob ich bei unserer Expedition wirklich als Anführer agieren kann. Ich bin nicht Emma. Ich kann das nicht.“

„Also bei mir haben sich Zack, Violet, Gilda und Don jedenfalls nicht beschwert. Wenn du deine Sache nicht gut machen würdest, hätten sie das bestimmt schon gesagt.“

„Darum geht es doch gar nicht!“, rief Ray verärgert. „Was, wenn wir nichts erreichen? Wenn wir keinen Tempel, keine Hinweise auf den Eingang zu den Sieben Mauern finden? Wenn es wie mit Cuvitidala abläuft? Emma hat in den ganzen Monaten mehr herausgefunden als ich, obwohl sie hier nur herumgesessen hat!“

„Halt mal, eins nach dem anderen. Erstens: Schrei hier nicht so rum, kein Grund, jemanden auf uns aufmerksam zu machen. Zweitens: Du hast recht, du bist nicht Emma. Du bist du und das ist auch gut so. Keiner verlangt von dir, sie zu ersetzen.“

„Aber auf dem Erfolg unserer Mission lastet die Zukunft von uns allen. Sogar von jedem einzelnem Fleischmenschen“, sagte Ray, nun merklich leiser. „Was, wenn ich das nicht schaffe? Wenn ich alle im Stich lasse?“

„Du redest gerade ganz schönen Unsinn, merkst du das eigentlich? Schon klar, einen Eingang zu den Sieben Mauern zu finden ist wichtig, aber du-“

„Yugo.“ Der Jugendliche fiel ihm ins Wort, wie er es zuvor noch nie getan hatte. Nicht genervt, nicht angefressen wegen irgendwelcher Kabbeleien. Sondern einfach nur… erschöpft. Da fragte er: „Hast du schon mal versucht, dich umzubringen?“

Die Zeit um sie herum schien angehalten zu haben, wie Ray zu ihm aufblickte, die Lippen fest aufeinandergepresst, die Augen wachsam. Unter ihnen lagen Schatten, so dunkel und tief, dass Yugo sich zu fragen begann, warum ihm dies nicht eher aufgefallen war. Und wann der Junge wohl das letzte Mal eine vernünftige Mütze Schlaf bekommen hatte.

„Und?“, fragte Ray.

Yugo schreckte auf. „Was?“, gab er im Gegenzug zurück.

„Ob du schon einmal versucht hast, dich umzubringen.“

„Was ist denn das für eine beknackte Frage?“ Der Erwachsene fuhr sich unwirsch durchs Haar, das nach dem heutigen Tag sicherlich einige graue dazubekommen würde. Schließlich sagte er: „Klar. Öfter, als ich mich erinnern könnte.“

„Wie hast du es versucht?“

„Das erste Mal wollte ich mich von der Klippe stürzen, die ich bei meiner Flucht aus dem Goldy Pond überqueren musste. Danach wollte ich mich von wilden Monstern umlegen lassen oder mir Giftpilze unters Essen mischen.“ Er verstummte, bevor er weiterredete. „Das letzte Mal bin ich von einem Streifzug in die Außenwelt zurückgekommen. Ich ertrug die Einsamkeit nicht mehr, die Stille. Nicht die Erinnerungen an meine toten Freunde. Da habe ich versucht, mir eine Kugel in den Schädel zu jagen.“

„Was hat dich davon abgehalten?“

„Ihr.“ Ray warf verwundert die Stirn in Falten, was Yugo ein trockenes Lachen entlockte. „Ich hatte gerade den Finger am Abzug, als ich euch hier draußen rumlaufen sah. Ihr wart die ersten Menschen, die ich in über einem Jahrzehnt zu Gesicht bekommen hatte, und war gespannt, ob ihr den Zahlencode für den Eingang würdet knacken können. Den Rest kennst du ja.“

„Moment mal, du willst mir gerade erzählen, du wolltest gar nicht mehr weiterleben“, fasste Ray Yugos Erzählung deutlich empört zusammen, „und wolltest uns trotzdem ums Verrecken nicht in den Schutzraum lassen?!“

„Yup.“

„Spinnst du eigentlich?! Wir wären in der Wildnis sofort draufgegangen! Wir hatten Verfolger auf den Fersen! Wir – warum lachst du?“

Yugo brüllte noch lauter los, als der Junge irritiert innehielt in seiner Schimpftirade. So gefiel er ihm gleich besser, als dermaßen bedrückt und niedergeschlagen wie eben.

„Weil ich dich endlich wiedererkenne, Ray, deshalb.“ Freundschaftlich knuffte Yugo ihm seinen Ellenbogen in die Seite, was vom Burschen mit einem verärgerten Zischen zur Kenntnis genommen wurde. „Ich war ein ganz schöner Kotzbrocken zu euch und das tut mir im Nachhinein wirklich leid. Ich weiß nicht, was mich damals geritten hat, euch so zu behandeln, aber ich bin euch unendlich dankbar, dass ihr aufgetaucht seid. Und dass ihr mich nicht aufgegeben habt, trotz allem.“ Rays Miene wurde versöhnlicher, ebenso wie Yugos, der sich verschmitzt an der Nase kratzte. „Jetzt aber mal Tacheles: Weshalb wolltest du das wissen? Was ist los mit dir?“

Ray wand sich erneut ab, und schon befürchtete der Erwachsene, er würde sich wieder vor ihm verschließen, seine Gedanken und Gefühle herunterschlucken, wo niemand sie würde erreichen können. Doch nach einem Moment begann Ray zögerlich zu erwidern: „Ich… wollte mich auch umbringen. Um Emma und Norman die Flucht zu ermöglichen, wollte ich das Waisenhaus anzünden… und mich dazu.“

„Wie bitte?!“

„Ich hatte es über acht Jahre hinweg geplant.“ Ray sah weit in die Ferne, und fast war es, als wären seine Augen erleuchtet von den Flammen, in denen er sein Ende hatte finden wollen. „Es sollte an meinem sechzehnten Geburtstag passieren, am Tag meiner Auslieferung. Mama und den Monstern sollte nicht einmal ein Häufchen Asche ihrer ach so wertvollen Ware übrig bleiben… ich übergoss mich also mit Petroleum, das ich jahrelang gebunkert hatte, entzündete das Streichholz… und ließ es fallen.“

„… entschuldige meine Ausdrucksweise, Kleiner, aber: Heilige Scheiße!“

Leise lachte Ray auf. „Norman hatte meinen Plan irgendwie vorausgesehen und Emma eine Notiz hinterlassen. Sie rettete mich, mitsamt unseren Geschwistern. Ich konnte nichts anderes tun als ihr zu schwören, von nun an weiterleben zu wollen. Meine Familie zu beschützen, sie aus Grace Field zu befreien. Mir blieb gar keine Wahl mehr, schätze ich.“

„Das glaub ich dir gerne.“ Es sollte ihn wohl nicht verwundern, dass es Emma tatsächlich gelungen war, ihren Freund aus solch einer Situation herauszuholen. Wenn er ehrlich war, überraschte es Yugo kein bisschen. Immerhin hatte auch sie ihm neuen Lebenswillen eingebläut, nachdem er schon mit sich und seiner verkorksten Existenz abgeschlossen hatte. Und nun? Nun war er von einem ganzen Haufen Leuten umgeben, die zu ihm aufsahen, ihn gern hatten, sich nicht einmal mehr genug vor ihm fürchteten, um sich Späße und Streiche zu verkneifen. Er hatte Lucas wieder. Oh Gott, er hatte Lucas wieder, nach all den vielen, langen Jahren.

Trotzdem, zu hundert Prozent glücklich war er immer noch nicht, auch wegen Ray.

„Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll“, gestand Yugo ihm. „Ich meine, ich kann halbwegs nachvollziehen, was dir damals durch den Kopf gegangen ist, wahrscheinlich besser als die meisten, dennoch...“

„Das musst du auch nicht. Das muss keiner.“ Zitternd atmete Ray aus, die Finger erneut fest in den Stoff seiner Hose gekrallt. Er sah blass aus, fast schon kränklich. Nicht weiter verwunderlich, dachte Yugo, und legte die Hand auf seinen Rücken. „Es ist nur… ich will leben. Ich habe es Emma und meiner Familie schließlich versprochen. Ich will ein guter Anführer sein bei unserer nächsten Expedition und ich will den Eingang zu den Sieben Mauern finden. Aber es ist so schwer… manchmal überkommen mich diese Gedanken, dass es besser gewesen wäre, wenn Emma mich nicht gerettet hätte. Dass es allein meine Schuld ist, dass Norman tot ist, und dass ich einfach aufgeben sollte. Manchmal sind sie so laut, dass ich mich kaum rühren kann, kaum morgens aus dem Bett rauskomme.“ Langsam stützte er sein Gesicht in seine Hände, die Augen schließend. „Wie soll ich nur jemanden helfen können, wenn ich doch so kaputt bin?“

Yugo antwortete nicht sofort; wie von allein strich er über den Rücken des Teenagers, gebogen von der Last seines eigenen Schuldbewusstseins. „In den drei Wochen während eurer Rückkehr aus dem Goldy Pond habe ich kaum ein Auge zugetan“, erzählte er. Die Sonne war inzwischen hinter dem Horizont hervorgebrochen und kroch auf sie beide zu, über Stock und Stein und Sand hinweg. „Gilda hat mich einige Male deswegen zur Sau gemacht. So was von nervig… Jedenfalls, nachdem Lucas und ihr zurück wart, nachdem Emma endlich aus dem Koma erwacht war, dachte ich, endlich wäre alles gut. Aber das war es nicht.“
Ray blickte zu ihm hoch, Yugo allerdings bemerkte es kaum. Er sah nur, wie die Sonne ihre Strahlen nach ihnen ausstreckte, gleich einer Falle, die jeden Moment bereit war, zuzuschnappen „Ich wache auch heute noch jede Nacht auf und habe Angst, die vergangenen Monate wären nur eine grausame Wahnvorstellung gewesen. Dass Lucas, nein, dass ihr alle wieder fort seid und ich ganz allein bin. Dagegen kann ich nichts tun, auch wenn ich weiß, dass meine Sorgen unbegründet sind. So bin ich eben.“

„Zum Kotzen“, war Rays einziger Kommentar.

„Total. Aber weißt du, Kleiner“, Yugo grinste ihn schief an, „was soll‘s? Dann sind wir eben kaputt.  Und wenn schon. Wir funktionieren trotzdem noch, auch wenn‘s rumpelt und stinkt. Das Wichtigste ist doch, dass wir uns davon nicht unterkriegen lassen. Du kannst der Anführer sein, der du sein willst, und die Zukunft erreichen, die wir alle herbeisehnen. Ich für meinen Teil kann die Zeit vielleicht nicht zurückdrehen; aber ich kann der, die mir noch bleibt, Bedeutung verleihen. Sie mit Leben erfüllen. Trotz aller dunkler Gedanken. Tot sein können wir auch ein andermal, ja?“

Sonderlich überzeugt Ray trotzdem nicht. „Ich soll das alles einfach ignorieren? Meine Gefühle tief in mir vergraben und verstecken, damit sie nicht einfach wieder hochkommen?“

„Nein… ja, vielleicht… arrgh!“ Genervt verstrubbelte Yugo Rays Frisur (wenn man es überhaupt so nennen wollte) und sprang vom Felsen auf, um sich vor dem Jungen zu positionieren.  „Ich hab doch auch keine Ahnung! Ich will nur sagen, du sollst dir keinen Kopf machen und nach vorne blicken! Sonst trete ich dir in den Hintern!“

Feixend schüttelte Ray den Kopf. „Na danke auch. Toller Ratschlag.“

„Machst du dir immer noch ins Hemd wegen eurer Reise?“

„Nicht mehr so sehr. Auch wenn ich wünschte, wenigstens du könntest mitkommen“, sagte Ray. „Du bist wahrscheinlich der Einzige, der mich wirklich versteht.“

Yugo musste sich zusammenreißen, nicht vor Rührung einzugehen. Diese verflixten Kinder… brachen in sein Haus ein, fraßen seine Kekse auf und schlichen sich dann auch noch in sein Herz. Verständlich, dass selbst Lucas, dieser ausgefuchste Hund, ihnen auf den Leim gegangen war. Yugo war mittlerweile keinen Deut besser.

„Du packst das auch ohne mich.“ Die zwei stiefelten zurück zum Eingang des Schutzraumes, denn inzwischen war die Sonne selbst am Morgen unangenehm warm geworden. Bevor sie die Leiter nach unten kletterten, hielt Yugo den Jungen ein letztes Mal zurück.

„Mach dir keine Sorgen, Ray. Wir alle vertrauen in dich und deine Fähigkeiten. Jetzt musst du es nur auch noch selbst tun. Du bist stark, stärker als diese Gedanken, glaub mir. Und die Zukunft, die wir uns wünschen, gibt es nur mit dir zusammen.“
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast