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XVI - Die Zukunft, die ich mir wünsche

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P16 / Gen
Emma Norman Ray
22.10.2021
25.06.2022
33
81.652
3
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Dieses Kapitel
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12.02.2022 4.416
 
A/N: Nur noch einmal zur Erinnerung – alle Charaktere wurden im Rahmen dieser Fanfiktion um vier Jahre älter gemacht. Ich erwähne das lediglich erneut an dieser Stelle, damit ihr das folgende Kapitel halbwegs genießen könnt :) Viel Spaß beim Lesen!

~ XV ~


oder auch


~ Schrei ~


~ ~ ~


„Endlich wieder da!“ Don warf erleichtert die Arme in die Luft, als die Anspannung der letzten Monate vom ihm abfiel, sobald der Schutzraum in Sichtweite kam. Eigentlich entspannten sie sich alle merklich, waren deutlich schneller als noch vor einigen Stunden und plapperten munter vor sich hin, ungeachtet aller Gefahren.

„Endlich ein Bad nehmen“, stimmte Gilda mit ein. „Gibt es etwas Besseres?“

„Endlich wieder in einem weichem, gemütlichem Bett schlafen“, pflichtete Don ihr bei.

„Außerdem mal wieder was anderes als Reiseproviant zwischen die Zähne kriegen“, sagte Zack.

„Oder wen anderes zu Gesicht zu bekommen.“ Die drei Jugendlichen blickten Violet halb erstaunt, halb verärgert an. Sie zuckte bloß lässig mit den Schultern. „Sorry. Versteht mich nicht falsch, ich habe euch alle echt gern. Aber langsam reicht‘s mir mit euch. Nicht wahr, Ray?“

Ray allerdings hatte seinen Freunden kaum zugehört. Selbstverständlich freute er sich ebenfalls darauf, sich einmal wieder im Schutzraum ausruhen zu können. Gleichzeitig plagte ihn das schlechte Gewissen, nicht sonderlich viel bei Cuvitidala erreicht zu haben. Ein paar kryptische Hinweise, eine mehr als fragwürdige Vision. Wenn er ehrlich war, hatte er sich mehr von ihrer Reise erhofft.

Trotzdem, seine Geschwister, die Kinder aus dem Goldy Pond sowie die beiden Erwachsenen, Lucas und Yugo, wiederzusehen, munterte ihn auf. Nicht zu vergessen – Emma wartete auf ihn.
Ray hatte sie schrecklich vermisst, mit jedem Tag mehr, hatte er doch festgestellt, dass sie nach Normans Tod sein Ankerpunkt, seine wichtigste Stütze geworden war. Einst hatte er ihr geschworen, für seine Familie und ja, auch sich selber am Leben bleiben zu wollen; so viel leichter war ihm dieser Vorsatz gefallen, wenn sie an seiner Seite gewesen war.

Aber es war nun einmal nicht zu ändern gewesen hinsichtlich Emmas Verfassung und erinnerte er sich an die zahlreichen Begegnungen mit wilden Monstern zurück, war es die richtige Entscheidung gewesen, dass sie im Schutzraum geblieben war. Nach Norman auch noch das letzte Überbleibsel ihres besten Freunden aufs Spiel zu setzen, hätte wohl keiner von ihnen verantworten wollen.

Nachdem die Gruppe den geheimen Eingang in den Schutzraum aufgespürt hatten betätigte Ray den Öffnungsmechanismus des Stiftes. Ratternd kam die Luke zum Vorschein und sie kletterten einer nach dem anderen die Treppe herab; zuletzt verschloss Zack die Konstruktion und sperrte somit Feinde jeglicher Art aus.

Ray indessen horchte auf. Wie seltsam. Der Schutzraum glich für gewöhnlich einem Bienenstock. Gelächter oder Unterhaltungen hallten immer durch die Gänge, ganz zu schweigen vom Klappern mit Geschirr oder den Geräuschen der täglichen anfallenden Arbeit. Stattdessen hätte man nun eine Stecknadel fallen hören können, so ruhig war es.

Mit seinem Gewehr im Anschlag pirschte Ray durch die Gänge. Ein ungutes Gefühl überkam ihn. Selbst wenn es heute einmal ruhiger zugehen sollte, hätten sie doch längst vom Wachschutz im Computerraum bemerkt und begrüßt werden müssen. Ob etwas vorgefallen war, dass die Gruppe womöglich zur Flucht aus dem Schutzraum gezwungen hatte? Und wenn dem so war, was war es gewesen und wichtiger: War es noch hier?

Gerade wollte Ray eine der zahlreichen Türen im Flur öffnen, da hallten Schritte durch den Gang. Die Jugendlichen begaben sich hinter einer Abbiegung in Kampfstellung, entsicherten ihre Gewehre – da kam Oliver um die Ecke gerannt.

„Woah!“ Mit erhobenen Händen blieb der junge Mann vor ihnen stehen, ebenso erschrocken wie die Zurückgekehrten. „Sachte, sachte! Ich bin‘s nur! Nehmt die Dinger runter!“

Nichts lieber als das. Ray fasste sich erleichtert ans Herz. Wenn Oliver hier war, musste alles im Lot sein. Mit einem Blick in Olivers ernstes Gesicht aber schwand diese Zuversicht.

„Schön, dass ihr wieder da seid“, sagte der weißhaarige Jugendliche und umarmte seinen ältesten Freund Zack herzlich. „Genau zur richtigen Zeit.“

„Was soll das heißen?“ Ray trat zu den beiden, sein Gewehr im Rucksack verstauend.  „Was ist los? Der Schutzraum wirkt wie ausgestorben und anscheinend bewacht niemand die Monitore. Ist etwas passiert?“

Oliver wirkte unschlüssig, was er sagen sollte, als er sich zu Ray umdrehte. „Es ist alles in Ordnung. Es geht allen gut und ich habe im Monitorraum Wache gehalten. Als ich euch bemerkte, bin ich gleich zu euch geeilt.“

„Dafür hast du aber ganz schön lange gebraucht“, meinte Zack.

„Ja… ich war ein wenig abgelenkt, weißt du?“

„Ist auch egal. Wo sind denn alle?“

„Hinten im Gemeinschaftsraum. Die Sache ist… wir sind alle ein bisschen angespannt, deswegen ist hier heute nicht so viel los.“

„Weswegen?“, fragte Ray stirnrunzelnd. Auf einmal ging ihm ein Licht auf und er packte Oliver am Kragen. „Ist es wegen Emma?“

Der junge Mann nickte, ein besorgtes Lächeln umspielte seine Zügen. „Seit gestern Abend schon. Sandy, Anna und Yugo sind bei ihr.“

„Oh nein“, stöhnte Gilda auf und Don ließ einen Fluch verlauten, den er auf ihrer mehrmonatigen Reise von Violet gelernt bekommen hatte.

„Im Krankenzimmer?“

„Ja, aber du solltest lieber nicht-“ Ray ließ Oliver gar nicht erst ausreden; in einer schwungvollen Bewegung schmiss er seinen Rucksack von sich und rannte los, einmal quer durch den ganzen Schutzraum. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, doch nicht wegen seines zügigen Sprints. Emma… Emma und das Baby…

Eine Erinnerung blitzte vor seinen inneren Augen auf, kopfschüttelnd versuchte er sie aus seinen Gedanken zu verbannen. Keine Zeit, daran zu denken. Was jetzt zählte, war allein Emma.
Nur die Tür des Krankenzimmers im Blick behaltend eilte Ray darauf zu, als er plötzlich über etwas stolperte und krachend zu Boden sauste.

„Verdammt!“, schimpfte Ray, und „Verdammt!“, schimpfte auch, worüber er gefallen war – oder über wen.

„Kannst du nicht aufpassen, Einauge?!“ Yugo rappelte sich auf und hielt dem Jungen die Hand hin, um ihn hochzuziehen. „Schneid dir die Haare, damit du nicht halb blind durch die Gegend stolperst!“

Ray pustete auf seine aufgeschürften Handgelenke und funkelte den Erwachsenen verstimmt an. „Erklär du mir lieber, warum du hier mitten in der Gegend herumlungerst.“

„Das ist immer noch mein Schutzraum, Kleiner. Ich kann herumlungern, wo ich will.“

„Ja ja.“ Augenrollend wand Ray sich ab; als er seine Aufmerksamkeit erneut der Tür schenkte, fiel es ihm erst einmal siedend heiß ein, weshalb er überhaupt erst hergekommen war. Fragend hob er eine Braue. „Solltest du nicht da drinnen sein? Oliver sagte, du wärst bei Emma.“

„War ich auch. Allerdings… Anna hat mich irgendwann rausgeschmissen“, antwortete Yugo, sich verlegen im Nacken kratzend.  „Deshalb habe ich hier gewartet.“

„Anna hat dich rausgeschmissen? Anna? Unsere Anna?“ Ray lachte auf. „Was ist passiert? Bist du umgekippt oder was?“

„Bin ich nicht! Ich bin… ausgerutscht“, gestand Yugo zögerlich. Das Knallrot seiner Ohren verriet, dass es ihm äußerst unangenehm war, darüber sprechen zu müssen. Nur verständlich, fand Ray. „Ich bin auf was ausgerutscht und hab mir die Birne am Bettpfosten gestoßen. Und statt mich zu verarzten oder wenigstens mal Mitgefühl zu zeigen, hat mich die Oberlehrerin rausgeschmissen.“

„Arme Anna… erst Emma und dann du. Kein Wunder, wenn sie sich da rausschickt.“ Ray versuchte vergeblich, seine Schadenfreude im Zaun zu halten. „Worauf bist du überhaupt ausgerutscht?“

Yugo schüttelte naserümpfend den Kopf. „Also echt… es gibt Dinge, die sollten nicht aus einem Menschen rauskommen...“ Nach einem Moment, der er dieser äußerst fragwürdigen Erinnerung nachgehangen hatte, riss er sich wieder zusammen. Er packte Ray bei den Schultern, stellte ihn vor die Tür des Krankenzimmers und klopfte mehrmals vernehmlich.

„Du wolltest doch eh zu Emma? Jetzt kannst du dich mal von der Babysitterin auffressen lassen.“

Ehe Ray zum Protest hätte ansetzen können, wurde die Tür auch schon aufgerissen.

„Yugo, ich hab dir gesagt, du sollst dich-“ Annas verstimmte Miene hellte sich auf, als sie ihren älteren Bruder erblickte. „Ray, du bist wieder zurück? Wie schön! Geht es euch allen gut? Habt ihr Cuvitidala gefunden?“

„Haben wir“, sagte Ray, der vergeblich versuchte, einen Blick über Annas Schulter hinweg ins Zimmer zu erhaschen. „Mit uns ist alles in Ordnung. Aber Oliver hat mir erzählt, was los ist. Kann ich kurz zu ihr?“

Anna schien sich nicht ganz sicher darüber zu sein; mehrfach blickte sie zwischen ihrem Gegenüber und dem Inneren des Raumes hin und her.

„Ich weiß nicht recht… lieber nicht...“

„Jetzt lass ihn schon rein!“ Aus dem Hintergrund ertönte lauthals Emmas Stimme, die zu Rays Erleichterung genauso vergnügt wie üblich klang. Es ging ihr gut… wenigstens das.

„Na schön.“ Anna öffnete das Türblatt weiter, sodass Ray hindurchpassen konnte. „Aber nur kurz!“

Ein letzter stummer Gruß an Yugo, der ihn mit verschränkten Armen an der Wand lehnend zunickte, und schon hatte sich die Tür zwischen ihnen geschlossen. Instinktiv suchten Rays Augen einen leuchtend roten Lockenschopf und fanden ihn samt der dazugehörigen Person auf dem Bett hockend. Sandy stand bei ihr, lachte über einen Scherz, den sie gerissen hatte. Alles schien so vollkommen normal und in keinster Weise beunruhigend zu sein, als Ray zu ihnen trat, bis auf-

„Ach du heilige-“ Im letzten Moment biss er sich auf die Zunge. Ray hatte in den letzten Monaten durchaus mitbekommen, wie Emmas Bauch sich langsam begonnen hatte zu wölben, nur war es unter ihren weiten Hemden und den Verbänden kaum zu sehen gewesen. Nun allerdings hatte sie ihr Hemd unterhalb der Brust aufgeknüpft und trug eine riesengroße Kugel vor sich her, durchbrochen von zwei länglichen, wulstigen Narben, so gespannt, als ob… als ob ein kleiner Mensch darin Platz gefunden hätte!

„Meine Augen sind hier oben.“ Ray schreckte auf, sah in Emmas Gesicht, das ein glückliches Lächeln zierte. Schnaufend rutschte sie vom Bett und fiel ihm um den Hals, ehe er auch nur etwas hätte dazu sagen können.

„Ich bin so froh, dass du wieder da bist.“ Nur das leiseste Zittern in ihrer Stimme reichte um ihm zu verstehen zu geben, dass Emma mitnichten so entspannt und gelassen war, wie sie zunächst auf ihn gewirkt hatte. Sie musste wirklich Angst haben, ganz zu schweigen von Schmerzen, und Ray konnte es ihr nicht verübeln.

Er löste sich aus ihrer Umarmung. „Wie fühlst du dich?“ Emma beschwichtigte ihn nur, also musste er Anna um eine ehrliche Antwort bitten.

„Es geht ihr gut, Ray, keine Sorge. Wir haben alles im Griff.“ Anna wechselte einen Blick mit Sandy. „Trotzdem ist es gut, dass ihr wieder zurückgekommen seid, insbesondere Zack. Er hat mehr Erfahrungen was Operationen angeht, falls wir einen Kaiserschnitt machen müssen.“

„Was?!“, riefen Emma und Ray gleichzeitig; das Mädchen setzte sich zurück ins Bett, eine Hand in den Rücken gestemmt. „Vergesst es, dass ihr mich aufschneidet. Das wird auch so gehen.“

Sie und Anna begannen miteinander zu diskutieren, dass es nichts mit wollen und sollen zu tun hatte oder die Gesundheit von Emma und dem Baby Vorrang hatte. Ray hatte in der Zwischenzeit ganz andere Probleme.

„Der wievielte ist heute?“

Emma und Anna hörten auf, sich Argumente an den Kopf zu werfen. „Der elfte Juli, weshalb fragst du?“, wollte Sandy wissen, den Kopf schief legend.

Hatte er es doch gewusst. Ray verkniff sich abermals einen Fluch und meinte: „Dann ist es doch viel zu früh. Eine Schwangerschaft dauert doch um die 268 Tage, bis jetzt sind doch nur 251 vergangen.“ Etwas hilflos wedelte er mit den Armen. „Sollte es nicht noch lieber länger drin bleiben?“

„Nein!“, quietschte Emma auf, das Gesicht vor Schmerz verzogen. Nach einigen tiefen Atemzügen schüttelte sie sich. „Ich hab genug. Es kommt heute raus, ohne wenn und aber.“

„Wir können es sowieso nicht mehr anhalten“, sagte Anna. „Seit gestern Abend kommen die Wehen häufiger und stärker. Wir müssen hoffen, dass die Zeit ausgereicht hat. Es ist sowieso nur ein Richtwert.“ Sie klopfte Ray leicht auf die Schulter. „Das wird schon. Sandy und ich haben uns in den letzten Monaten viel angelesen. Wir werden tun, was wir können.“

„Okay. Dann geh ich mal-“

„Nein!“, rief Emma abermals und packte ihren besten Freund am Arm. Ein wenig kleinlaut sagte sie: „Bitte bleib hier. Bei mir.“

Ray sah zu Anna und Sandy. Sonderlich erpicht war er eigentlich nicht darauf, Zeuge dieses ganzes Vorganges zu werden. Allein die Vorstellung, was er da beiwohnen könnte, beschwörte Übelkeit in ihm herauf, obwohl noch gar nichts passiert war. Für Emma allerdings würde er alles tun. Ihm entging nicht, dass sie neben medizinischem auch moralischen Beistand brauchte, und jetzt war wohl kaum die richtige Gelegenheit, ihr diesen Wunsch auszuschlagen.

„Wäre das in Ordnung?“

Anna wirkte etwas zwiegespalten; Sandy hingegen reckte seinen Daumen nach oben und zwinkerte ihm zu. „Klar. Ein weiteres Paar Hände können wir immer gebrauchen.“

„Dann ist also… uhh… dann ist es also entschieden.“ Emma grinste ihm mit zusammengebissenen Zähnen an, die Hände in ihr Bettlaken krallend. „Aah… tut das weh… aber Ray, wie war es eigentlich bei Cuvitidala? Habt ihr etwas gefunden, mit dem wir den Eingang zu den Sieben Mauern finden können?“

„Haben wir“, bestätigte Ray. „Mehr oder weniger zumindest. Weißt du, als wir dort waren, ist mir plötzlich-“

„Eimer.“

„Was?“ Kaum hatte das Wort seinen Mund verlassen schubste Sandy ihn zur Seite und hielt Emma einen Eimer hin, dem sie ihr Innerstes ausschüttete, wortwörtlich. Ray trat einen Schritt zurück, vollkommen perplex. Irgendwann tauchte Emma kalkweißes Gesicht wieder auf, selber zwischen Ekel und Erschöpfung schwankend.

„Soll ich nicht doch lieber gehen?“

„Das ist der Kreislauf“, sagte Anna und half Emma sich auf die Seite zu legen. Von der gespielten Sorglosigkeit der Rothaarigen war mittlerweile nicht mehr viel übrig geblieben, wie sie sich schwer atmend in ihr Kopfkissen drückte. „Wir haben ihr vorhin schon eine Infusion zur Stabilisierung gegeben, aber leider hat es nicht viel genützt. Mir müssen abwarten, was passiert.“

Ray entledigte sich seines schmutzverkrusteten Reisemantels, wusch sich im Waschbecken an der Wand die Hände und schob dann einen Stuhl an Emmas Bettseite, auf den er sich fallenließ. Sacht tätschelte er ihr den Kopf, bis zur nächsten Wehe, die sie wieder schmerzerfüllt aufstöhnen ließ.

„Erzähl mir… von eurer Reise...“, keuchte Emma, als sie wieder zu Atem gekommen war.

„Bist du dir sicher? Jetzt ist doch-“

„Bitte.“ Mit Tränen in den Augen sah sie ihn an. „Es lenkt ab. Bitte, Ray.“

Ehe er ihrem Flehen nachkam, holte der Junge Mujikas Medaillon unter seinem Hemd hervor und legte es Emma um den Hals. „Als Glücksbringer“, sagte er. „Du hast es nötiger als ich.“

Danach begann Ray zu erzählen. Von der vielen, ereignislosen Tagen, aber auch von Gildas und Dons erster Begegnung mit wilden Monstern; von dem Moment, als sie fast in ein Dämonendorf gelaufen wären und gerade noch einmal die Kurve bekommen hatten. Von all den zahlreichen, anstrengenden und gefährlichen Erlebnissen, aber von den ebenso atemberaubenden und glücklichen Augenblicken. Von all dem berichtete er Emma, während er ihre Hand hielt, jede Schmerzenswelle gemeinsam mit ihr durchstand, war ihr Griff schließlich stärker als er je zu vermuten gewagt hätte.

Irgendwann, es mussten bereits einige Stunden seit seiner Ankunft im Schutzraum vergangen sein, knurrte Ray: „Ich bringe ihn um.“

Emma schien nicht gleich verstanden zu haben; Anna hatte ihr gerade einen kalten Lappen in den Nacken gedrückt und entfernte sich wieder an das Ende des Bettes. Erschöpft sah sie zu ihm auf.

„Hast du was gesagt?“

„Nur, dass ich ihn umbringen werde.“

„W-wen?“

„Norman.“ Mit zusammengezogenen Brauen stierte Ray die gegenüberliegende Wand an, erfüllt von Ärger. „Dafür, dass er so einen Mist mit dir macht und dich dann einfach alleine lässt.“

„Ich habe den Mist ja auch mitgemacht“, lachte Emma schwach auf. Sie drückte die Hand ihres besten Freundes, legte sie an ihre Stirn. Ein Schmerz überzog ihr Gesicht, der weitaus tiefschürfender war als die Pein, die ihren Körper heimsuchte. Leise flüsterte sie: „Ich wünschte, er wäre jetzt hier.“

„… ich auch.“

Die nachfolgende Zeit sprachen sie kaum mehr miteinander; es herrschte fast schon eine gespenstische Stille im Raum, wenn man von Annas und Sandys Absprachen und insbesondere von Emmas Schreien absah. Hatte sie zuvor noch versucht, ihre Stimme im Zaum zu halten, entglitt ihr die Kontrolle zusehends. Immer öfter und länger stöhnte, wimmerte und kreischte sie auf.
Ray kam sich furchtbar nutzlos vor. Er konnte sie nicht beschwichtigen, sie nicht trösten, es werde alles gut, es sei bald vorbei. Er wusste doch selber nicht, was sie noch erwartete! Und wenn er sich bereits unfassbar der Situation ausgeliefert vorkam, wie musste es dann Emma ergehen?

Und dann waren da noch die Bilder… Erinnerungsfetzen, wie in seinen Verstand eingemeißelt, brachen sie jedes Mal hervor, sobald Emma aufschrie. Erinnerungen von Dunkelheit, dem unsäglichen Gefühl von Verlustangst, die Furcht zu ersticken. Eine Stimme, die nicht mehr sang, sondern ebenso vom Schmerz verzerrt wurde. Licht, und Kälte, und ein anderer Schrei, sein eigener.

All das spielte sich vor Rays Augen ab, in seinen Erinnerungen und in seiner Realität, überlappte sich, hätte ihn aufspringen und davon rennen lassen können, wenn sein Körper nicht wie versteinert gewesen wäre.
So ertrug er es, ebenso wie Emma, mit ihr gemeinsam. Ohne Norman. Für Norman. Alles, alles nur für Norman und-

„Gleich hast du es geschafft“, sagte Anna aufgeregt, beide Hände auf Emmas Beine gelegt. „Halt noch ein bisschen durch! Bald ist es überstanden.“

Bald entpuppte sich als eine weitere halbe Stunde, in der Emma kaum mehr einen Ton von sich gab und fast schon wie in Trance dalag; presste, wenn Anna es von ihr verlangte und bloß noch Rays Hand zerdrückte, nicht mehr, nicht weniger.

Dann schrie sie ein weiteres Mal auf und-

Rabäääh!

Ray zuckte zusammen. Hatte er es bis jetzt vermieden, etwas anderes als Emmas Gesicht anzusehen, blickte er nun ihrem Körper entlang zum Bettende. Zu Sandy, der ebenso große Augen machte wie er, zu Anna, die genauso sprachlos wie er etwas in den Händen hielt. Ein von Schleim und Blut und wer weiß noch alles überzogenes, schreiendes, sich windendes-

„… Baby.“ Emmas Stimme war kaum zu vernehmen über die des Wesens, nach dem sie flehend die Arme ausstreckte. „… her… bitte, gib es… mein...“

Anna tat wie befohlen, legte das kleine Menschlein aus Emmas Brust, die es ohne zu zögern umklammerte, es vor fremden Blicken schützte. Erst, als Anna ein Handtuch über sie legte und Emma anfing zu schluchzen, vor Freude, vor Erleichterung, da erwachte Ray aus seiner Starre. Aufgeregt sprang er von seinem Stuhl auf und wand sich an Anna.

„Ist alles in Ordnung?! Ist es-“

„Es schreit zumindest“, sagte Anna und hockte sich neben ihre ältere Schwester, die das Gesicht im Handtuch vergraben hatte. Vorsichtig tätschelte sie beide, Emma und das Bündel, erschöpft lächelnd. „Wenn es schreit, sollte es im Großen und Ganzen in Ordnung sein.“

Aus dem quäkendem Schreien wurde alsbald ein glucksendes Wimmern; Ray war es, als fiele ihm ein Stein vom Herzen. Geschafft… Emma hatte es überstanden und das Kind ebenso…

Anna bat die frischgebackene Mutter nach einiger Zeit das Baby einmal herzugeben; Emma wirkte zunächst reichlich unwillig, legte es der Blonden dann aber in die Arme. Alle vier betrachteten es sich zum ersten Mal genauer, wie es im Handtuch strampelte und das faltige, rosarote Gesicht verzog, bereit, vom Neuen loszuschreien.

„So weit scheint alles gut zu sein“, meinte Anna, die dem Kind mit einem Waschlappen durchs Gesicht fuhr, „auf den ersten Blick ist es gesund und munter. Und-“

„Ein Mädchen.“ Emma hievte sich mit einer ungeahnten Kraft auf; verschwunden war ihre ermattende Niedergeschlagenheit von zuvor, jeglicher Schmerz, der sie zu Boden gerungen hatte. „Ein Mädchen… Norman und ich haben ein-“ Sie verschluckte sich an ihren eigenen Worten, an ihren Tränen, die ihr erneut über die Wangen rannen. Ray nahm sie in den Arm; schluchzend klammerte sie sich an ihn, während er selbst sich ebenfalls auf die Lippen beißen musste, um stark bleiben zu können.

Norman hätte an seiner Stelle sein sollen, wurde ihm wie so oft in den vergangenen Monaten klar, Norman hätte sich mit Emma freuen sollen, statt sie nun trösten zu müssen. Nicht Norman hätte sterben sollen, sondern er selbst, für seine Familie, tot wie lebendig. Norman war derjenige gewesen, der es verdient gehabt hätte, sein Kind – seine Tochter, grundgütiger – bestaunen zu dürfen, nicht er, nicht Ray.

Emmas Atemzüge wurden langsam ruhiger, wenngleich noch immer stockend. Sie murmelte etwas Unverständliches in Rays Hemd, ließ ihn los und legte sich zurück in ihr Kissen, das Gesicht ebenso geschwollen und gerötet wie das des Kindes.

In der Zwischenzeit hatte Anna das Kleine in ein Tuch geschlagen und Sandy übergeben. „Könnt ihr beide es bitte waschen?“, bat sie die Jungen und zeigte zum Waschbecken, neben dem bereits ein leerer Bottich stand. „Passt auf, dass das Wasser nicht zu heiß oder kalt ist. Eine lauwarme Temperatur wäre das Beste.“

Ray und Sandy nickten; während der grünhaarige Jugendliche das Baby in seinen Armen wiegte versuchte Ray die richtige Wassertemperatur herauszufinden. Nicht zu heiß, nicht zu kalt – kein leichtes Unterfangen. Was für ihn angenehm sein mochte konnte der Kleinen unangenehm sein oder gar schlimmer noch, sie verletzen.
Schließlich gab er sich zufrieden; Sandy wickelte das Mädchen aus der Decke und hielt sie hochkonzentriert über die Wanne.
Ray war Schwierigkeiten gewohnt. Egal ob die ständigen Tests im Waisenhaus, die Fassade, die er tagein, tagaus vor seiner Familie aufrechterhalten hatte, Monster oder Verrückte oder beides kombiniert – bislang war er noch mit allem klargekommen. Ein Würmchen von einem Menschen zu baden, das erst vor wenigen Minuten geboren worden war und so gar nichts mit den properen Babys aus Grace Field gemein hatte, überforderte ihn allerdings.

„Nun komm schon“, sagte Sandy aufmunternd. „Ich halte sie fest und du tröpfelst etwas Wasser über sie. Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht hinkriegen sollten.“

Tief atmete Ray durch, dann formte er mit seinen Händen eine Schale und ließ etwas Wasser über eines der dünnen Ärmchen tröpfeln. Wie erwartet fing das Kind an zu schreien und Sandy hatte seine liebe Not, es nicht fallen zu lassen.

„W-was ist los? Ist das Wasser zu heiß? Hab ich es verbrannt?!“

„Glaube nicht“, Sandy schüttelte verneinend den Kopf, „wahrscheinlich hat es sich nur erschrocken. Mach ruhig weiter.“

Gesagt, getan. Nach und nach kam unter der Hülle aus Blut und Schleim und Schmiere nackte, rosarote Haut hervor; feines, blondes Haar bedeckte das Köpfchen, das im Vergleich zum Rest des Körpers viel zu groß erschien. Helles Haar und ein großer Kopf… selbstverständlich war es Normans Kind.

„Sandy!“, sagte Anna von der anderen Seite des Zimmers; bis eben hatte Ray die beiden Mädchen vollkommen ausgeblendet, war nun aber alarmiert von der Dringlichkeit in Annas Stimme. „Kannst du mal kurz herkommen? Ich muss etwas nähen und bräuchte mal eben deine Hilfe.“

„Nähen?!“, rief Ray entgeistert.

„Nähen?!“, rief auch Emma, deren wilde Locken nun wieder aus dem Bett auftauchten.

„Mach dir keine Sorgen, Emma“, beschwichtigte Anna sie. „Du bist nur ein wenig eingerissen, mehr nicht.“

Sandy und Ray zogen scharf die Luft ein. Er wollte noch nicht einmal darüber nachdenken, was nur ein wenig eingerissen bedeuten mochte, geschweige denn wie es sich anfühlen musste. Im Hinblick auf den großen Kopf des Kindes war es wohl keine Überraschung, trotzdem… Norman konnte wohl doch froh sein, dass er jetzt nicht hier war.

„Komme“, Sandy drückte Ray Baby samt Handtuch in die Arme und dackelte dann an Annas Seite. Der dunkelhaarige Junge wollte schon ansetzen zu protestieren, konnte doch nicht ausgerechnet er auf das Kind achtgeben, so klein, so zerbrechlich wie es war. Aber keiner der übrigen Anwesenden schien sich daran zu stören, nicht einmal das Kleine selbst, das er verkrampft, doch absolut sicher vor sich hertrug, während mit seiner Mutter sonst was angestellt wurde.

Irgendwann schienen Anna und Sandy dann endlich mit dem Zustand ihrer Patientin zufrieden zu sein. Verarztet, gewaschen und neu eingekleidet lag Emma im Bett samt weicher Kissen und kuscheliger Decken; todmüde, aber trotzdem unfassbar glücklich aussehend. Ray tat nichts lieber als sich neben sie auf den Hocker zu setzen und ihr das zu reichen, was allein ihr gehörte.

Emma drückte das Baby fest an sich, streichelte die weichen Wangen, über die spärlichen, feinen Haaren, die zugegebenermaßen noch etwas plattgedrückte Stupsnase. Dann sah sie auf zu ihren Freunden, die ebenso beseelt wie sie um sie beide herumstanden. „Vielen, vielen Dank für alles“, sagte sie mit schwacher Stimme, und schon liefen ihr abermals Sturzbäche über das Gesicht. „Ohne euch hätte ich… hätten wir das nie im Leben geschafft. Ich kann euch nicht genug danken.“

Sandy und Anna hatten in der Tat Großen vollbracht (oder auch eher Kleines, wenn er sich das Baby genauer betrachtete); Ray allerdings hatte nicht das Gefühl, viel zu diesem Wunder, dessen er Zeuge geworden war, beigetragen zu haben. Ein letztes Mal wuschelte er Emma durchs Haar, schnappte sich seinen Mantel und verabschiedete sich sodann. Was Emma jetzt brauchte war Ruhe und vor allem Zeit allein mit dem Baby. Da würde er sowieso nur das fünfte Rad am Wagen sein.

Kaum aus dem Zimmer herausgetreten sprang ihm Yugo auch schon entgegen und schnappte ihn fest an den Armen. „Wie sieht‘s aus?!“, wollte er alarmiert wissen. „Haben sie‘s gepackt? Jetzt red schon!“

„Alles in Ordnung.“ Ray schüttelte den Mann ab und sank zu Boden; seine Beine fühlten sich an wie eine wilde Mischung aus Wackelpudding und Zement. Der Hauch eines Lächelns umspielte seine Lippen, als er zu Yugo emporblickte. „Ihnen geht‘s gut. Emma und dem Baby.“

Yugo atmete so tief durch, als hätte er die vergangenen Stunden über die Luft angehalten. In einem seiner seltenen sentimentalen Momente hielt er dem Jungen die Hand hin. „Soll ich dich huckepack nehmen? Die anderen warten schon auf Neuigkeiten von der Kriegsfront.“

Ray war selbst zu fertig, sich darüber zu schämen, von Yugo durch den Schutzraum getragen zu werden. Einmal Schwäche zu zeigen war in Anbetracht dessen, was er gerade erlebt hatte, wohl mehr als vertretbar. Ehe sie aber zum Rest der Flüchtigen stießen murmelte er in Yugos Nacken: „Und du bist vorhin wirklich umgekippt?“

„Ausgerutscht“, korrigierte ihn der Erwachsene schnippisch, „nicht umgekippt.“

„Hmm.“ Ray schwieg einige Augenblicke lang. „Gut, dass du nicht dabei warst. Sonst wärst du wirklich noch umgekippt.“

„Vorsicht, Einauge. Ich lass dich gleich fallen, wenn du nicht den Schnabel hältst.“

Also hielt Ray denselbigen, ließ sich von ihm in den Gemeinschaftsraum bringen, wo alle bei ihrem Anblick aufsprangen, sie bestürmten und löcherten mit Fragen. Endlich vernahm er das Durcheinander und Geschnatter, das er bei seiner Rückkehr so vermisste hatte. Endlich war er zuhause.

Ray stellte sich vor sie, glücklich strahlend, und sagte nur: „Jetzt sind wir vierundsechzig.“

Jegliche Sorge, der Feind oberhalb des Schutzraumes könnte sie hören und aufspüren ob ihres lauten, ausgelassenen Jubels trat einmal in den Hintergrund. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die frohe Kunde unter den Kindern und Jugendlichen und der Rest des Tages würde Ray nur als eine verschwommene Erinnerung im Gedächtnis bleiben, eine Erinnerung von ungezügelter Freude und dem Jubel über Emma, über das Baby und dem Leben.
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