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XVI - Die Zukunft, die ich mir wünsche

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P16 / Gen
Emma Norman Ray
22.10.2021
25.06.2022
33
81.652
3
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15.01.2022 4.212
 
~ XI ~


oder auch


~ Vertrauen ~


~ ~ ~


„Ich geb‘s auf.“ Emma ließ ihren Kopf mit einem unüberhörbaren Knall auf die Tischplatte fallen. Phil und die anderen retten? Alle Fleischmenschen befreien? In die Welt der Menschen übersiedeln, ohne einen Krieg mit den Monstern heraufzubeschwören?
Alles schön und gut, aber vorher mussten sie die Sieben Mauern finden und sich noch ein Versprechen mit 誕⅋宇ᙠで geben, dem Gott der Dämonen. Wie allerdings sollten sie das tun, wenn kein Buch, keine Karte, kein noch so altes Schriftstücke bezifferte, wo sich der Eingang befinden könnte?

Seit mehreren Tagen bereits wälzten Ray und sie ohne Unterlass Buch um Buch aus der Bibliothek im Schutzraum. William Minerva hatte ihnen so viel hinterlassen, dass es Monate dauern könnte, alles zu sichten. Zeit, die sie nicht hatten. Die ihnen sogar immer schneller durch die Finger rann, je länger sie hier saßen und nichts erreichten.

Ray sah von seinem Buch auf. „Vielleicht solltest du einmal eine Pause machen“, schlug er vor.

„Mmh, aber wir haben noch so viel zu tun.“ Unwillig hob Emma ihren Kopf wieder hoch und streckte erst einmal ihre steifen Glieder, um dann vom Stuhl aufzuspringen. „Trotzdem hast du recht. Ich gehe erst mal was essen.“

„Schon wieder? Pepe hat dir erst vor einer Stunde Sandwiches gebracht.“

„Ja, und die waren so lecker, dass ich Lust auf mehr bekommen habe“, trällerte sie und schnappte sich den Teller, auf dem nur noch Sandwichkrümel zu finden waren. „Soll ich dir auch was mitbringen?“

„Nein, danke, Dickerchen.“

„Hey! Ich bin kein Dickerchen!“

„Dafür hast du aber ganz schön zugelegt.“

„So dick bin ich nun auch wieder nicht! Und sowieso ist es nicht meine Schuld, dass ich immerzu Hunger habe!“

Ray warf ihr feixend eine Papierkugel an den Kopf. „Jetzt geh schon, bevor ihr zwei noch verhungert.“

„Hmpf!“ Pikiert stampfte Emma davon. Blöder Ray! Wenn er nicht mit ihr schimpfte, weil sie sich angeblich schon wieder übernahm, zog er sie andauernd wegen ihres ständigen Appetits auf. Als ob sie etwas dafür konnte, dass das Kind in ihrem Bauch anscheinend ein Nimmersatt war!

Zaghaft legte sie eine Hand auf die Wölbung ihres Bauches. Jetzt, da ihre Familie und sie endlich in Sicherheit waren und Gelegenheit für eine Verschnaufpause gefunden hatten, konnte sich Emma endlich mehr dem Umstand widmen, in dem sie war. Im Waisenhaus hatte sie noch nicht einmal gewagt daran zu denken, dass sie ein Kind erwartete. Zu frisch war Normans Tod gewesen, zu ungewiss die Frage, ob Mama nicht doch ihre Gedanken lesen konnte und die Gefahr unendlich größer, ihr Baby auch noch weggenommen zu bekommen.
Hier im Schutzraum war alles anders. Natürlich machte sich Emma immerzu Gedanken um die Zukunft, um ihren Plan, Phil und die anderen Fleischmenschen zu befreien, um dann die Monsterwelt endgültig hinter ihnen zu lassen. Aber sie durfte auch an das Kind – ihr Kind, Normans Kind – denken, ohne sich zu sorgen, der nächste Feind lauere bereits auf sie.
Anna hatte indessen ein Buch für sie herausgesucht, in dem sie einiges über die Themen Schwangerschaft und Geburt nachlesen hatte können. Emma hatte jegliches Wissen darüber aufgesogen wie ein Schwamm, halb erstaunt darüber, was in ihrem Körper die nächsten Monate über passieren würde, halb entsetzt, dass sie keinerlei Kontrolle darüber inne hatte. Sie hatte Angst davor, keine Frage, selbst wenn sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Angst und Sorge, ihr Kind könnte durch Leuvis‘ Angriff schwer zu Schaden gekommen zu sein, vor dem Moment, wenn es zur Welt kommen würde und insbesondere der ungewissen Zukunft, für die sie jetzt noch kämpfen würde müsste.
Dennoch, Emma freute sich unwahrscheinlich darauf, das Baby eines Tages in den Armen halten zu können. Wenn bis dahin nur alles gut ginge...

In der Küche war nicht viel los; einige Kinder schrubbten die zahlreichen Teller und Tassen, die sie alle bei jeder Mahlzeit benötigten und Pepe hatte einen großen Korb neben sich auf der Anrichte stehen, angefüllt mit Früchten, die Emma noch nie in ihrem Leben zu Gesicht bekommen hatte.

„Na, haben die Sandwiches geschmeckt?“, fragte Pepe belustigt, als sie den leeren Teller mit in den Abwasch gab.

„Mir schon. Ray allerdings hat keine abbekommen.“

„Warum denn das wohl?“ Der junge Mann mit den flammend roten Rastazöpfen schnitt geschickt Frucht um Frucht in portionsgerechte kleine Teile; seine Erfahrungen als Koch im Widerstand waren nun mehr als je zuvor von Nutzen, da er über sechzig Leute zu versorgen hatte. Er hielt Emma eine aufgeschnittene Frucht hin. „Hier, probier mal.“

Emma betrachtete das Obst für einen Augenblick, dann biss sie hinein in die hellgelbe Schale, die ein weißliches, unerwartet wässriges Fruchtfleisch umgab. Nach dem ersten, furchtbar saurem Moment schmeckte es ihr überraschend gut.

„Mmh, lecker! Was ist das?“

„Keine Ahnung. Oliver und die anderen haben sie vorhin vom Ausflug in den Wald mitgebracht“, erklärte Pepe und schnitt weiter die fruchtigen Mitbringsel, um die Stücke dann in eine große Schüssel zu schütten. Noch während Emma weiter an ihrer Frucht knabberte mischte er weitere Gewürze sowie Zutaten unter und mischte dann alles gut durch. Plötzlich aber stöhnte er auf, rieb sich die rechte Schulter.

„Alles okay?“ Emma wischte sich ihre klebrigen Finger an der Hose ab. „Brauchst du Hilfe?“

„Nein nein, alles okay. Dieses verdammte Monster hat nur ganze Arbeit geleistet, als es mich erwischte“, beschwichtigte der Jugendliche sie und nahm sein Küchenmesser wieder zur Hand. „Was ist eigentlich mit dir? Wie geht‘s deinem Bauch?“

„Ganz gut. Die Austrittsstelle verheilt schneller als die am Rücken, doch mittlerweile tut es kaum noch weh. Bald ist es schmerzhafter, die Pflaster abzubekommen.“ Emma stutzte ob Pepes Schmunzeln. „Was ist?“

„Es freut mich zu hören, dass deine Verletzung gut verheilt. Aber eigentlich meinte ich… du weißt schon. Deinen kleinen Mitbewohner. Wie steht‘s um ihn?“

Emma verschränkte die Arme vor der Brust, sah nachdenklich zu Boden, als sie sich gegen die Küchenzeile lehnte. „Ehrlich gesagt… ich weiß es nicht. Ich fühle rein gar nichts, und außer dass mein Bauch wächst und ich ständig Hunger habe oder müde bin ist es fast so, als wäre da gar nichts in mir. Anna meint, das sein normal und auch in den Büchern stand, es sei noch zu früh für mich, etwas zu bemerken.“ Mit gerunzelter Stirn sah sie auf zu ihrem neuen Freund. „Leuvis war ein Monster, sprichwörtlich. Er hat uns fast umgebracht, Lucas verstümmelt und all den Fleischmenschen im Jagdgehege das Leben zur Hölle gemacht. Ich kann einfach nicht glauben, dass mein Kind seinen Angriff unbeschadet überstanden haben kann… oder?“

„Auf jeden Fall“, antwortete Pepe wie aus der Pistole geschossen. Brüderlich legte er eine Hand auf ihre Schulter. „Wir reden hier immerhin von deinem Kind, Emma. Du bist einer der stärksten, klügsten und unglaublichsten Menschen, die ich je kennenlernen durfte. Wenn es nur die Hälfte von dir abbekommen hat, wird es gesund und munter zur Welt kommen, glaub mir. Hab einfach ein bisschen Vertrauen in dich und vor allem dein Kind.“

„Danke, Pepe.“ Eilig wischte sich Emma mit dem Ärmel über die Augen. Es tat gut zu hören, dass jemand so viel zuversichtlicher war als sie sich fühlte. Dann murmelte sie allerdings: „Die Hälfte von mir, huh? Hoffentlich hat es nicht die kränkliche Seite seines Vaters abbekommen...“

Pepe schüttete einen Teil des geschnittenen Obstes in eine kleinere Schüssel und hielt sie Emma hin. „Hier. Das wird dir… wird euch gut tun. Als Aufmunterung. Du weißt ja: Sauer macht lustig.“

Dankend nahm sie es dem Jungen ab und aß nachdenklich vor sich hin. Vertrauen… sie vertraute ihrer Familie und ihren Freunden, keine Frage. Nichtsdestotrotz hatte sie lange Zeit verschwiegen, was in ihr vorging, auf mehr als nur eine Art und Weise.
Denn ihr Vertrauen war im Laufe des letzten halben Jahres so oft auf die Probe gestellt worden. Sie hatte Mama ihr ganzes Leben lang vertraut, nur um zu entdecken, dass sie für die Frau nicht mehr als ein schönes Stück Fleisch gewesen war. Sie hatte Ray vertraut, gemeinsam mit ihr alle Kinder aus dem Waisenhaus retten zu wollen und trotzdem am Ende sein Streichholz auffangen müssen. Sie hatte Norman vertraut, sich nicht ausliefern zu lassen und jetzt würde das Wesen in ihrem Bauch niemals seinen Vater kennenlernen dürfen.
Vertrauen war ein so schrecklich kompliziertes Konzept, einfach zu verstehen aber fast unmöglich nachzuvollziehen nach all den Enttäuschungen. Wie sollte sie da ausgerechnet ihrem Kind vertrauen können? Einem kleinen Zellklumpen in ihrem Inneren, einer „Frosch-Eidechse“, wie Ray es liebevoll beim Betrachten der Entwicklungsschritte in den Büchern bezeichnet hatte; diesem Ding, das nicht einmal wirklich den Anschein erweckte, überhaupt am Leben zu sein? Ihrem Kind, das sie als Mutter eigentlich vor allen Gefahren in dieser Welt hätte beschützen sollen und schon einmal fast daran gescheitert war?

Emma fuhr sich mit dem Löffel langsam über die Lippen. Es würde ihr schwer fallen, gewiss, aber sie würde versuchen, zu vertrauen. Ihrer Familie, ihren Freunden und auch ihrem Baby. Schließlich vertrauten auch alle in sie, obwohl sie sie schon so oft enttäuscht hatte.

Sie drehte sich zu dem Jugendlichen um. „Pepe, ich denke du hast recht. Kann ich noch ein bisschen-“

„Hey, Don und Gilda haben etwas gefunden!“ Lannion stürmte in die Küche, völlig außer Atem, als wäre er einmal quer durch den ganzen Bunker gerannt. Seine Augen funkelten aufgeregt. „Emma, komm, das musst du dir ansehen!“

Ohne Zeit zu verlieren folgten die beiden Teenager Lannion in die Bibliothek, in der die anderen schon auf sie warteten; Gilda und Don standen vor einer langen Tafel, mehrere dicke Wälzer vor sich aufgeschlagen.

„Wie weit seid ihr mit der Decodierung, um die ich euch gebeten hatte?“, fragte Ray, der in ebendiesem Moment hinzutrat. „Es hieß, ihr hättet etwas rausgefunden?“

„Decodierung?“ Yugo, der ebenfalls anwesend war, nahm ein altes, zerfleddertes Buch zur Hand. Als eine dichte Staubwolke daraus hervorstob, begann er zu husten. „Das sind doch die alten Handschriften aus dem Bücherzimmer. Was wollt ihr damit?“

Gilda nickte eifrig. „Ich habe die Bücher gelesen, weil Ray mich darum gebeten hatte.“

Yugo wirkte verwirrt. „Aber in diesen Büchern ist nicht nur die Sprache veraltet. Oft fällt das Papier fast auseinander und die Handschrift ist so schwer zu entziffern, dass man seitenweise nicht mal sagen kann, in welcher Sprache der Text verfasst ist.“

„Die Seiten, von denen du sprichst, sind in lateinischer Spiegelschrift verfasst“, sagte Don und nahm ihm das Buch ab, um es auf einer beliebigen Seite aufzuschlagen. Mit dem Finger zeigte er auf die Buchstaben. „Siehst du?“

„Latein? Spiegelschrift?“

Ray erklärte: „Latein war die Verkehrssprache im Römischen Reich. Spiegelschrift bedeutet, dass die Buchstaben von links nach rechts gespiegelt werden.“

„Wie bist du denn darauf gekommen?“

„In einem anderen Regalfach stand ein lateinisches Wörterbuch, das hat mich auf die Idee gebracht. Vor unserem Aufbruch zum Goldy Pond hatte ich nicht mehr genug Zeit, also habe ich die Decodierung den anderen überlassen.“

„Wir haben alles gelesen“, fuhr Don verschmitzt grinsend fort, „und Ray hatte völlig recht. Das Buch ist eine Abschrift der Aufzeichnungen mehrerer Autoren.“

Erstauntes Raunen ging durch den Raum. Was für eine Entdeckung! Nur – was bedeutete sie?

„Die Schriften stammen aus verschiedenen Zeitaltern und von verschiedenen Orten. Die Teile in Latein sind wahrscheinlich die ältesten“, sagte Anna. Und Nat meinte: „Die Aufzeichnungen stammen höchstwahrscheinlich von einem Gefolgsmann der Familie Ratri aus der Zeit des Versprechens. Sie sind also tausend Jahre alt.“

Emma horchte erstaunt auf. Das Versprechen von vor tausend Jahren, die Familie Ratri… immer wieder stolperten sie über beides in ihrem Versuch, einen Weg in die Menschenwelt zu finden. Immer wieder das Versprechen und die Ratris…

„Wir haben die Aufzeichnungen in lesbare Schrift umgewandelt und die Bedeutung der Wörter nachgeschlagen“, sagte Don, einen Finger belehrend gehoben. Einmal die Ansprache halten zu dürfen, gefiel ihm sichtlich. „Exakt können wir den Inhalt nicht wiedergeben, aber in den Schriften wird Der Drache von Cuvitidala erwähnt.“

„Cuvitidala...“ Emmas Zunge gewöhnte sich nur langsam an das ihr unbekannte Wort. „Ist das ein Ortsname?“

„Ich denke schon“, bejahte Gilda, ein anderes Buch aufschlagend. „Es gibt auch eine Landkarte. Hier.“ Sie zeigte auf ein unteres Stück der linken Seite des Atlanten, auf das mit dunkler Tinte Koordinaten eingetragen waren. Gilda bestätigte dies auch noch einmal. Dann fragte sie: „Stimmt diese Koordinate mit der unseres Stiftes überein?“

Sucht nach Tag und Nacht in den Augen des Drachen von Cuvitidala“, las Emma langsam vor. Verwirrt schüttelte sie den Kopf. „Die Hinweise, die danach kommen, sind genauso kryptisch...“

„Wir müssen wohl erst mal dieses Cuvitidala aufsuchen“, schlussfolgerte Ray. „DE28-143.“

War ihr momentaner Standort die Ecke des Tisches, befände sich DE28-143 etwa auf Höhe der gegenüberliegenden Wand. Ganz schön weit, wie Alicia treffend bemerkte, und das nicht zu knapp.

Yugo sah zu Ray. „Wer macht sich auf den Weg dorthin?“

„Unser Helfer meinte, wir sollten im Schutzraum bleiben. Wir müssen hier also unbedingt die Stellung halten.“

„Nur eine kleine Gruppe zieht los“, sagte Emma. „Sonst fallen wir zu sehr auf.“

Ray nickte. „Ich gehe zusammen mit Don und Gilda.“ Darauf erwartete ihn zunächst nur erstauntes Schweigen; seine Geschwister starrten ihn fassungslos an, doch Ray blieb cool wie immer.

„Hey, hey! Ihr wollt ganz allein aufbrechen?!“, mischte sich Yugo ein, beschwichtigend mit den Händen wedelnd. Ihm war deutlich anzumerken, dass er vom Vorschlag des Jungen nicht allzu viel hielt. „Da draußen lauern tausende von Monstern auf euch und diesmal habt ihr niemanden, der sich auskennt. Ihr reist an einen Ort, der für uns alle völliges Neuland ist.“

Emma sah auf zum großgewachsenen Mann. Seine Sorge um sie alle rührte sie zutiefst. Lächelnd versuchte sie seine Bedenken zu vertreiben. „Wir wissen, dass es gefährlich wird“, sagte sie. „Mit dir hätten wir einen starken Begleiter, aber die Kommunikation mit dem Helfer hat uns nochmal gezeigt, dass der Feind immer noch nach uns sucht.“ Die anderen Kinder und Jugendlichen  dachten darüber nach, stimmten ihr murmelnd zu. Der Anruf des Helfers lag erst eine Woche zurück. Gewarnt hatte er sie alle, vor Peter Ratri, dem Oberhaupt der Familie Ratri. Die Ratris, die die getrennte Weltenordnung bestehen ließen und die Fleischmenschen niemals entkommen lassen würden, wenn sie es verhindern könnten. Und er hatte ihnen versprochen, sie abzuholen, sollten sie nur weiter in der Sicherheit des Schutzraumes verweilen.

Aber war nicht auch ebenjener Bunker die größte Gefahr für die Fleischmenschen? „Der Feind will diesen Schutzraum finden“, fuhr Emma fort. „Wir müssen ihn also ausreichend bewachen. Das hier ist immerhin unser Hauptquartier.“ Abermals wandte sie sich zu Yugo, der ihren Vorschlag mit verschränkten Armen gelauscht hatte.
„Yugo! Bitte beschütze den Schutzraum und die Kinder während unserer Abwesenheit!“

Dem Erwachsenen war anzumerken, dass ihm das ganz und gar nicht behagte; dass er es wahrscheinlich vorgezogen hätte, sich Hals über Kopf in die gefahrvolle Ungewissheit ihrer Expedition zu werfen, statt dem Antennenmädchen und ihren neunmalklugen Begleitern alle Arbeit zu überlassen.
Bevor Yugo allerdings Einwände erheben konnte, unterbrach Emma ihn sogleich: „Auf Don und Gilda ist Verlass!“

Glücklicherweise sprang Ray ihr zur Seite. „Genau! Sie lernen extrem schnell und bei der Flucht haben sie-“

„Uhwäää!“ Emma und Ray wirbelten herum, sahen eine total verheulte Gilda und einen Don, der Rotz und Wasser heulte.

„Ähm...“ Ray war selten um Worte verlegen und noch seltener vollkommen perplex; nun jedoch war einer dieser wenigen Momente gekommen. „Wenn ihr nicht wollt, müsst ihr nicht mitkommen...“

Don schniefte gehörig und warf sogleich die Arme in die Luft. „Natürlich wollen wir mit!“, rief er lauthals und voller Begeisterung.

„Ich freue mich so...“ Gilda indessen hatte sich noch immer nicht beruhigt, wie die Tränen stetig über ihr Gesicht kullerten und sie erfolglos versuchte, derer Herr zu werden. „Es ist hart, immer nur zu warten… Endlich dürfen wir an eurer Seite kämpfen.“

Emma war sprachlos, genauso wie Ray. Das Mädchen hatte nie darüber nachgedacht, wie es für ihre Kameraden gewesen sein musste, als sie alleine versucht hatte die Flucht zu stemmen; als sie beide versucht hatten, die Verfolger von der Gruppe fortzulocken oder sich zum Goldy Pond begaben. Sie hatte es schlichtweg als selbstverständlich empfunden, die Jüngeren zu beschützen, ohne Rücksicht auf Verluste. Dass dies nicht nur ihnen einiges abverlangt haben musste, war keine angenehme Entdeckung, wenngleich eine wichtige.

Don legte einen Arm um Gildas Schulter, tröstete sie. „Wir strengen uns an! Oder, Gilda?“

„Na klar!“

Yugo schien trotzdem nicht zufrieden mit diesem Entschluss zu sein. Er zerrte Violet und Zack zu sich, die ihm wohl ein Stückchen zu nah gestanden hatten. „Tut mir leid, wenn ich euch unterbreche“, sagte er in einem Tonfall, der alles verkündete, außer, dass es ihm leid tat. „Könntet ihr die zwei auch mitnehmen? Ich komme hier ohne sie klar.“

Sowohl Emma und Ray als auch Violet und Zack wirkten verblüfft, wie sie erst einander und dann Yugo anstarrten. Doch der meinte nur: „Zu viert könnt ihr nicht mal richtig Wache halten. Die beiden können sehr nützlich sein.“

Yugo war ein abgebrühter, mit allen Wassern gewaschener Überlebenskünstler, der es dreizehn Jahre in völliger Isolation in einer monsterverseuchten Welt ausgehalten hatte. Dass nun bald an die siebzig Menschen mit ihm Schutzraum und Privatsspähre teilten machte ihm noch immer sichtlich zu schaffen; schnell wurde es ihm zu viel mit den aufgeweckten Grace Field-Kindern oder den Rabauken aus Grand Valley. Trotzdem traf Gillian den Nagel auf den Kopf, als sie feststellte: „Yugo macht sich Sorgen!“

Das Gezeter und Gezanke des Mannes ließ Emma nur warm lächeln. So kannte und so mochte sie Yugo. Hatte sie geglaubt, nie wieder einen Erwachsenen ihr Vertrauen schenken zu können, hatte Yugo – und selbstverständlich auch Lucas – ihr schon längst das Gegenteil bewiesen. Die beiden Männer waren ganz anders als Mama, schimpften auch mal mit den Kindern oder hielten kein Blatt vor dem Mund. Dafür trugen sie ihr Herz auf der Zunge, und vor allem, sie würden alles tun, um ihre Schützlinge am Leben zu halten.

Das war mehr, als Mama je getan hatte.

Nichtsdestotrotz war Emma verunsichert, was die Rekrutierung der Jugendlichen aus dem Jagdgehege betraf.

„Wäre das okay für euch, Zack, Violet?“

„Na klar!“, antworteten beide gleichzeitig. „Du hast uns geholfen, jetzt helfen wir euch!“

„Cuvitidala, wir kommen!“


Drei Tage Zeit gaben sie sich, alles für die Reise vorzubereiten. Bücher und Karten wälzen, um die Topographie zu verinnerlichen und Monstersiedlungen aus dem Weg zu gehen. Waffen sowie Munition auswählen, sie auf Tauglichkeit zu überprüfen. Mit den im Schutzraum Verbleibenden ausmachen, was zu tun wären, sollten sie wider Erwarten nicht zurückkehren. Proviant, Kleidung, Medizin packen, platzsparend und doch ausreichend für alles, was wohl auf sie zukommen würde.

„Ich weiß zwar nicht, wie es rund um Cuvitidala zugeht“, meinte Emma am Abend des dritten Tages, „aber wir werden diesen Ort wohl im Frühsommer aufsuchen. Wir sollten daher ausreichend leichte Kleidung und Jod zum Desinfizieren von Wasserquellen mitnehmen.“

Ray blickte von der Landkarte auf, die er gerade intensiv studiert hatte. Fragend hob er eine Braue.

„Wir?“

„Hmm?“ Emma zupfte am Mullverband an ihrer linken Schläfe, offensichtlich ebenso verwirrt wie ihr bester Freund. „Was meinst du?“

„Was meinst du?“, entgegnete Ray. „Du redest andauernd von wir. Aber du kommst doch gar nicht mit nach Cuvitidala.“

„Das ist doch Unsinn. Natürlich komme ich mit!“

Nicht nur Ray sah sie an, als wäre sie von einem fremden Stern; auch Don, Gilda, Violet und Zack waren merklich erstaunt von ihrem Entschluss. Schließlich barg Ray das Gesicht in beiden Händen und stützte sich mit den Ellbogen auf dem Tisch auf. Genervt stöhnte er.

„Du willst mir jetzt nicht ernsthaft weismachen, du willst tatsächlich mitkommen? Das ist doch nicht dein Ernst!“

„Selbstverständlich ist das mein Ernst!“, antwortete Emma und sah sich hilfesuchend zu den anderen um. „Stimmt‘s, Leute?“

„Also, Emma, ich denke wirklich nicht, dass du mitgehen solltest“, sagte Gilda.

„Ich auch nicht!“, pflichtete Don ihr bei. Zack und Violet nickten nur zustimmend.

„W-warum das denn?“

Ray wäre ihr wohl zu gerne über den Tisch hinweg an die Gurgel gesprungen, aber er beherrschte sich; stattdessen begann er regelrecht vor Wut zu kochen, wie er auf seine Freundin zustampfte. „Lass uns mal überlegen… vielleicht, weil du bis vor kurzem mit einer klaffenden Wunde im Koma gelegen hast?! Oder was meint ihr, Violet, Zack, womöglich, weil du dich ohne nachzudenken in jede nächstbeste Gefahr begibst?!“ Freudlos lachte er auf und stupste Emma gegen den Bauch. „Doch ganz, ganz sicher nehmen wir nicht jemanden mit in dämonenverseuchte, uns völlig unbekannte Gebiete, der gerade ein Kind erwartet!“

„Blödsinn.“ Emma schlug seine Hand weg, stemmte ihre eigenen in die Hüfte. „Bis jetzt bin ich auch stets mitgekommen. Weshalb diesmal nicht?“

„Wir wissen doch gar nicht, wie lange wir unterwegs sein werden“, sagte Gilda. „Abgesehen davon, dass die Gefahr viel zu groß ist, dass dir und deinem Baby etwas zustößt: Was, wenn wir es nicht rechtzeitig bis zur Geburt in den Schutzraum zurückschaffen? Willst du es etwa irgendwo in der Wildnis bekommen?“

„Na ja, nein, aber-“

„Außerdem hältst du uns nur auf.“ Ray umfasste ihre Schultern und funkelte sie durch seine dichten Haarsträhnen an. „Du bist zu langsam, andauernd müde und würdest unseren ganzen Proviant auffuttern. Aber glaub uns, wir lassen dich nicht zum Spaß hier. Jeder aus unserer Gruppe wäre erleichtert, dich an unserer Seite zu wissen. Allerdings geht das einfach nicht. Die Reise nach Cuvitidala wäre zu viel für dich, für dich und dein Kind.“

Emma ließ die Arme sinken, gleichfalls ihren Kopf. Ray hatte ja recht, das wusste und das verfluchte sie. Aufgeben wollte sie dennoch nicht. „Yugo meinte doch, zu viert oder fünft Wache zu halten wäre schwierig“, versuchte sie ihn mit ihrem bezauberndsten Lächeln umzustimmen.

„Ja, aber immer noch besser als zu sechseinhalb“, entgegnete Zack lakonisch.

„Wir wollen nur vermeiden, dass wieder so etwas wie mit Leuvis passiert. Du musst Verantwortung für euch beide übernehmen, und das geht am besten hier, im Schutzraum, wo euch nichts passieren kann.“ Ray strich über ihre Wange; sein Blick wurde weicher, seine Stimme versöhnlicher. „Vertrau uns, Emma. Wir schaffen das, für dich und alle anderen.“

„… na gut.“ Emma ergab sich. Weiter auf ihre Beteiligung zu bestehen würde wohl nichts bringen. Würde Ray sie nicht aufhalten mitzukommen, würde es wohl der Rest ihrer Familie tun, allen voran Yugo und Lucas, und wenn sie sich auf das Mädchen draufsetzen mussten. Denn natürlich hatte sie schon einmal das Leben ihres Kindes mutwillig aufs Spiel gesetzt. Ein zweites Mal würde das Schicksal ihr das wohl nicht durchgehen lassen.

„Ich vertraue euch.“

Ray und die anderen atmeten erleichtert auf und Emma wollte gerade etwas sagen, als ihr die Worte im Hals stecken blieben. Denn plötzlich war es passiert.

Ihr Kind hatte sich bewegt.

Ihre Händen schlossen sich über die leichte Wölbung und auch wenn sich nichts mehr rührte, war Emma sich voll und ganz sicher: Ihr Kind lebte. Es hatte sich bewegt, als wolle es ihr mitteilen, ihre Entscheidung sei die richtige.

Vertrau deinem Kind.

Vertrau uns.

Sie würde vertrauen. Ihrer Familie, ihren Freunden, ihrem Kind. Auch wenn das hieße, die Kontrolle aus den Händen zu geben und zu warten. Auf die Zukunft, die sie sich wünschte.


„Also dann.“

Mit gepackten und geschulterten Rucksäcken sowie in Reisemäntel gekleidet, standen Ray, Gilda, Don, Violet und Zack vor der Gruppe der restlichen Flüchtigen, vor Emma. Alle wünschten ihnen viel Erfolg, baten sie auf sich aufzupassen, vorsichtig zu sein und ja nur gesund und munter wiederzukommen.
Emma konnte nur schwerlich miteinstimmen. Sie akzeptierte die Entscheidung der Losziehenden, ohne sie zu gehen, ja, es war das einzig Vernünftige. Trotzdem hatte sie die ganze Nacht wachgelegen und sich Vorwürfe gemacht. Für das, was sie getan hatte und das, was sie nicht tun würde können. Ihre Arglosigkeit verdammte sie jetzt zum Ausharren, zum Nichtstun.

Dabei hasste sie kaum etwas mehr als Nichtstun.

„Hey.“ Ray trat noch einmal zu ihr, nahm ihre Hände, die bis eben noch zu Fäusten geballt gewesen war. „Um uns brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Wir kriegen das hin.“

„Ich weiß...“

„Und gib bitte auf dich acht. Ich habe Anna und Sandy das Versprechen abgenommen, auf dich… auf euch ein Auge zu werfen. An meiner statt.“

Emma schnaubte belustigt, dann umarmte sie ihren besten Freund, so fest sie nur konnte. „Pass du auf dich auf. Stell keinen Unsinn an. Norman und ich sind nicht da, um dir den Hintern zu retten.“

„Dummkopf.“ Ray ließ sie los, grinsend und ein wenig verlegen. „Das weiß ich doch. Das alles hier mache ich doch vor allem für euch.“

„Ray, bist du so weit?“, rief Don, der schon einen Fuß auf die Leiter gesetzt hatte, die nach draußen führte. „Beeil dich. Wir vergeuden Tageslicht.“

„Ich komme.“ Ehe sich Ray hatte umdrehen können, hielt Emma ihn fest, bedeutet ihm zu warten.

„Hier.“ Sie nahm ihr Medaillon ab und legte es dem Jungen um, der es verwundert anstarrte. „Als Glücksbringer.“

„Aber… aber das war Mujikas Geschenk für dich. Es sollte dich beschützen!“

„Jetzt wird es dich beschützen. Du hast es nötiger als ich.“ Mit den Fingerspitzen strich sie über den augenförmigen Edelstein, der selbst im kargsten Dämmerschein noch hell erstrahlte. „Mujika gab mir den Rat, die Sieben Mauern aufzusuchen. Womöglich könnte ihr Medaillon einen entscheidenden Hinweis liefern, wo sie sich befinden. Deshalb solltest du es nehmen. An meiner statt.“

Ray nickte knapp und umschloss die Kette fest in seiner Hand. „Danke“, murmelte er, bevor er seine Stirn an Emmas lehnte, die Augen schloss. „Ich werde gut darauf aufpassen. Um herauszufinden, wie wir sie erreichen. Die Zukunft, die du dir wünschst.“

„Nein… die Zukunft, die wir uns wünschen.“

Dann waren ihre Freunde fort, brachen auf ins Ungewisse, ohne sie. Und Emma blieb zurück, wartend, hoffend, vertrauend.
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