Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Wie gut ich dich kenne

OneshotHumor, Liebesgeschichte / P12 / Het
Rechtsmediziner Professor Karl Friedrich Boerne Rechtsmedizinerin Silke Haller
19.10.2021
19.10.2021
1
6.515
3
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
19.10.2021 6.515
 
A/N: Hier die von einigen gewünschte Fortsetzung von „Wissen ist Macht“. Wir setzen direkt nach den Ereignissen dort ein. Wer das also nicht gelesen hat, wird es hier etwas schwer haben. Dieses Mal ist alles aus Boernes PoV geschrieben.


Wie gut ich dich kenne

Genervt hämmerte er erneut mit seinem Zeigefinger auf den Fahrstuhlknopf. Herr Gott noch eins. Wie lange braucht den dieses Monstrum von Verwaltungsersparnis noch? Thiel und seinen geschätzten Kolleginnen und Kollegen ging es also auch nicht anders als ihm mit seiner Geizkragenuniversitätsverwaltung.

Unruhig fing er an mit seinem Fuß auf den Boden zu tippen. Erneut warf er einen Blick auf sein Handy. Fast 14 Uhr. Eigentlich viel zu früh für unsere Nachmittagspause. Ging es ihm durch den Kopf. Doch dann dachte er an das Bild, das Thiel ihm so mühelos in den Kopf gesetzt hatte.

Er und Alberich im Café am Markt. Kaffeetrinkend und Kuchenessend. Vielleicht sogar lachend. Einfach glücklich und zufrieden. Er schüttelte schnell seinen Kopf, um diese gefühlsduseligen Gedanken zu verjagen. Was Thiel da nur wieder gefaselt hatte? Diese Amor-Billigvariante für verzweifelte Midlifecrise-Verfallene.

Das hatte er doch gar nicht nötig. Wenn, dann würde er das schon richtig machen. Absolut romantisch mit selbstgekochtem Abendessen und Verdimusik, weil sie die lieber hatte als Wagner. Er würde sich sogar mal zurücknehmen und ihr lauschen, wie sie ihn darüber belehrte, dass Verdis Frauenbild ja auch ein deutlich gesünderes gewesen war.

Ein verträumtes Lächeln schob sich auf sein Gesicht, als er an dieses Bild von Alberich und sich auf seiner gemütlichen Coach bei Kerzenschein dachte. Er hatte das Bild kaum zu Ende gedacht, da fror ihm schon das Gesicht ein. Was dachte er denn da für einen Unsinn?

Verärgert verzog er das Gesicht und drosch ein weiteres Mal wütend auf den Aufzugknopf ein. Alberich und er. Pfff. Nach über 20 Jahren. Das würde doch niemand ernstnehmen. Vermutlich nicht mal sie selbst. Immerhin wurden sie doch jetzt schon viel zu oft für ein komisches Paar gehalten, das schon ewig zusammen war.

Als sich endlich die Fahrstuhltür öffnete, erinnerte er sich amüsiert an den letzten derartigen Vorfall. Inzwischen machten sie sich aus solchen Missverständnissen auch schon mal ihren Spaß. Wenn sie so richtig in Fahrt kamen, hatten es ihre Mitmenschen nicht gerade leicht mit ihnen. Er grinste zufrieden in sich hinein, als er an das letzte Forschungsgruppentreffen in Berlin zurückdachte.

***

Die dröge Stimme von Professor Zeranski hatte ihn schon nach 10 Minuten in einen sachten Halbschlaf versetzt, den er nach der doch leicht anstrengenden Autofahrt zunächst begrüßt hatte. In seiner ganzen Großzügigkeit hatte er Alberich natürlich mit seinem neuen Wiesmann mitgenommen.

Zwar war ihre Anwesenheit gar nicht unbedingt notwendig, aber aus irgendeinem Grund hatte er zu diesem Termin einfach nicht auf seinen kleinen Sidekick verzichten wollen. Nachdem sie sich jedoch schon nach 50km erst über seinen Fahrstil und dann über seine Musikauswahl gehörig in die Haare bekommen hatte, bereute er diese Entscheidung schon wieder ein wenig.

Immer noch sichtlich angesäuert saß sein kleiner Giftzwerg auch ziemlich stocksteif neben ihm und hatte ihn seit ihrer Ankunft keines Blicks mehr gewürdigt. Das konnte ja ein heiteres Wochenende werden. Aber sich entschuldigen bei ihr. Das kam schon mal gar nicht in Frage. Auch wenn er grummelig zugeben musste, dass sie nach dem fünften Blitzer wohl nicht ganz unrecht mit seinem Fahrstil hatte.

Also warum nicht zumindest ein Versöhnungsversuch starten. Er musste dabei ja keine Reue zeigen. Zumal Zeranski mit seinen Ausführungen zur Projektfinanzierung auch immer noch fleißig dabei war, die knapp 20 Anwesenden in ihren verschiedenen Schlafphasen zu halten. Perfekte Gelegenheit also die Gunst seines kleinen stolzen Heinzelfräuleins zurückzugewinnen.

Vorsichtig schob er ihr zunächst die Nussschale hin, die bisher für sie außer Reichweite gestanden hatte. Dafür bekam er zumindest schon mal einen finsteren Seitenblick. Na immerhin ein Blick. Dachte er zufrieden. Er überlegte kurz.

Dann griff er zu der Kaffeekanne, die ebenfalls strategisch vollkommen ungünstig für sie auf der breiten Tischplatte stand. Kurz ärgerte er sich über so viel Rücksichtslosigkeit ihr gegenüber. Dann goss er ihr einfach eine Tasse ein und stellte erheitert fest, dass sich ihr zur Faust geballtes Gesicht langsam lockerte.

Was noch? Dachte er angestrengt. Dann fiel ihm der kleine verpackte Keks ein, den er vorhin bei der Pause auf einer dieser fürchterlichen Raststätten mitgenommen hatte. Schnell kramte er ihn aus seiner Jacketttasche. Dann rückte er mit seinem Stuhl etwas dichter an sie heran und griff um sie herum, um ihr den Keks auf die Untertasse zu legen.

Sein Gesicht war nun ungewöhnlich nah an ihrem und er konnte das leichte Zucken ihrer Mundwinkel genau erkennen. Punkt. Satz und Sieg. Dachte er triumphierend und grinste ihr verschmitzt zu. Sie drehte leicht ihren Kopf zu ihm. Auch wenn sie nicht wirklich lächelte, konnte er das freudige Funkeln in ihren azurblauen Augen erkennen, das ihm unmissverständlich mitteilte, dass ihm mal wieder vergeben war.

Aus dem Augenwinkel sah er plötzlich eine Bewegung und vernahm ein verächtliches Schnauben. Doktor Feger, der die leidliche Ehre hatte, ihnen gegenüberzusitzen, schien alles andere als angetan von ihren Albernheiten zu sein. Umso besser. Das konnten sie doch noch viel „angenehmer“ für den feinen aufgeblasenen Wichtigtuer aus München machen.

Der junge Kollege war neu in der Runde und hatte sich schon beim Eintreffen darüber echauffiert, warum Boerne unbedingt seine Frau hatte mitbringen müssen. Korrigiert hatte ihn keiner der Anwesenden.

Dann hatte er es gewagt, Alberich einen derart abschätzigen Blick zuzuwerfen, dass er schon da kurz überlegt hatte, den Möchte-Gern-Doktor-House verbal drei Köpfe kürzer zu machen. Dann wäre er immerhin auf Augenhöhe mit ihr gewesen und nicht unterirdisch tief darunter so wie jetzt.

Doch Alberichs kaum wahrnehmbares Kopfschütteln hatte ihn abgehalten. Er hatte es sich selbst zu diesem Zeitpunkt nicht noch mehr mit ihr verscherzen wollen und zahnknirschend nachgegeben.

Jetzt konnten sie es dem jungen Fatzke immerhin zusammen heimzahlen und ihm ein Lektion erteilen. Seine Augen blitzten vergnügt ihre an und er machte eine kleine Kopfbewegung Richtung Doktor Feger. Nicht gerade im Flüsterton wisperte er ihr zu, sodass auch der werte Herr Doktor ihn hören konnte. „Da ist wohl jemand neidisch.“ Sie sah ihn zunächst etwas verblüfft an. Aber dann verstand sie sofort und er hoffte, dass sie sich auf ihr übliches Spielchen einlassen würde.

Als sie langsam seine Krawatte ergriff und ihm einen durchtriebenen Blick zuwarf, wusste er, dass sie an Board war. „Sei nicht so garstig. Er ist noch etwas jung und versteht nicht so ganz, was er verpasst.“ Hauchte sie ihm verwegen zu und kam seinem Gesicht noch ein Stück näher.

Belustigt stellte er fest, wie Doktor Feger sich immer unruhiger auf seinem Stuhl hin und her bewegte. Jedoch musste auch er feststellen, dass ihm zunehmend wärmer wurde. „So? Was verpasst er denn?“ Fragte er gespielt naiv zurück und bemerkte, dass er leicht atemlos klang. Seine kleine Hexe war inzwischen viel zu gut in diesem Spiel. „Oh, das zeig ich dir später, Liebling.“ Flüsterte sie und grinste in schelmisch an.

Dann ging sie sogar noch ein Stück weiter als sonst und näherte sich seinen Lippen, als wollte sie ihn tatsächlich vor allen Anwesenden küssen. Sein Herz setzte für einen Moment aus und ihm wurde unerträglich heiß. Dann hörte er, wie sich Doktor Feger laut räusperte und sie ließ abrupt von ihm ab.

Mit aufgesetzter Verlegenheit lehnte sie sich wieder in ihren Stuhl zurück. Er brauchte ein paar Sekunden länger, um sich zu sammeln und fragte sich kurz, wer hier jetzt eigentlich wen ausgespielt hatte. Dann hielt sie ihm wie immer ihre Hand unter dem Tisch hin, sodass er einschlagen konnte. Was er auch sofort freudig tat. Ihr zusätzliches Schmunzeln war sein Lohn.

Er warf einen letzten Blick zu Doktor Feger, dessen Kopf inzwischen so rot wie eine Tomate angelaufen war. Wütend notierte sich hier Sitznachbar irgendwelches Zeug auf seinem Block. Sehr gut, dafür hat sich das Ganze definitiv gelohnt. Dachte er zufrieden.

Dann rückte er kurzentschlossen doch noch ein Stückchen näher an Alberich heran und legte ihr seine Hände auf die Schultern. Er beugte sich nach vorn und küsste ihren goldblonden Schopf, was Feger zu einem weiteren erbosten Schnauben veranlasste, während sie nur einen verträumten Seufzer von sich gab.

Zufrieden grinste er gegen ihr Haar und rückte den Rest der Sitzung auch nicht mehr von ihr ab. Ein bisschen dauerhafter Druck auf den jungen Kollegen, sodass er etwas Demut zeigte, konnte ja wirklich nicht schaden.

***

Das restliche Wochenende war zwar der reinste Albtraum aus Sitzungen und Diskussionen über Budgets und langweilige Forschungsinhalten gewesen. Aber dieser Moment ließ ihn auch jetzt noch beschwingt feixen.

Sie waren schon ein ziemlich unschlagbares Team, wenn sie sich zusammenrauften. Als er sich endlich in sein Auto schwang, um möglichst schnell wieder ins Institut zu fahren, viel sein Blick erneut auf sein Handy. Gedankenversunken trommelte er mit den Fingern auf dem Lenkrad.

Vielleicht hatte Thiel nicht ganz unrecht. Vielleicht musste Alberich einfach mal raus. Sie beide waren jetzt schon gut zwei Woche nicht mehr unterwegs gewesen. Die einzige Ausnahme war dieses merkwürdige Mittagessen mit Schrader gewesen. Der Junge war wirklich immer noch vollkommen unentspannt, was ihn anging.

Ehe er es sich wieder ausreden konnte, wählte er aus seinem Kurzwahlnummernverzeichnis die 1. Es dauerte nur zwei Ruftöne. Dann vernahm er ihr kraftloses „Ja, Chef?“. Es krampfte ihm kurz das Herz zusammen, sie immer noch so niedergeschlagen zu hören. Das musste sich dringend ändern. Und wenn sein Weg nichts brachte, dann war er inzwischen ratlos genug, dass er ungewöhnlicherweise auf seinen besten Freund hörte.

„Alberich!“ Rief er übertrieben fröhlich ins Telefon und verdrehte sogleich die Augen über sich selbst. Warum machte ihn das alles nur so hibbelig? „Alberich, Sie ziehen jetzt mal hübsch ihr kleines Mäntelchen an und ich hole Sie in 15 Minuten ab.“ Forderte er sie in seinem üblichen Befehlston auf.

Kurz herrschte Stille am anderen Ende und er wollte schon fragen, ob sie noch da war. Dann sagte sie nur tonlos. „Ok.“ Er zog die Augenbrauen hoch. Kein Protest, kein nerviges Nachfragen, kein geschmackloser Spruch, wohin er sie denn nun schon wieder abschleppte. Nur ein einfaches niedergeschlagenes. „Ok.“

Er griff sich besorgt an die Stirn. Er hoffte wirklich, dass Thiels Idee furchten würde. Denn lang hielt auch er diese Traurigkeit, die sie die ganze Zeit wie eine giftige Wolke umfing, nicht mehr aus. „In 15 Minuten am Eingang.“ Wiederholte er daher nur planlos.

Normalerweise hätte er an dieser Stelle einfach aufgelegt, aber etwas veranlasste ihn dazu innezuhalten und abzuwarten. Er wollte noch einmal ihre Stimme hören. Auch wenn sie sich letzten Endes wieder nur zu einem schwachen „Ok.“ durchrang.

Völlig außer der Norm flüsterte er daraufhin noch ein schnelles „Bis gleich“ in den Apparat. Denn legte er hastig auf. Was war denn nur los mit ihm? Seufzend ließ er den Kopf nach hinten gegen die Sitzlehne fallen.

Ja, Alberich war äußerst selten so traurig und niedergeschlagen. Die Momente, in denen es ihr wirklich schlecht ging, waren rar. Krank war sie eigentlich so gut wie nie. Vielleicht nagte deshalb diese Situation so sehr an ihm. Er war hier völlig unbeholfen. Hatte doch keinen blassen Schimmer, was er da tat.

„Gluckender Ehemann“ hatte ihn Thiel genannt. Aber im Prinzip wusste er doch gar nicht, wie das ging. So gern er sich einen Spaß daraus machte, dass man ihn oft für ihren Mann hielt, wusste er doch rein gar nichts darüber, wie das aussehen würde.

Verdammt er kannte nicht mal ihre Lieblingsfarbe, wohin sie gern in den Urlaub fuhr oder was ihre Hobbies waren. Ihr Mann, ihr Partner würde so etwas wissen. Zum ersten Mal fragte er sich ernsthaft, wie nah er ihr wirklich stand und wie groß die Diskrepanz dazu war, wie nah er ihr tatsächlich sein wollte.

Frustriert schlug er einmal mit der Hand auf das Lenkrad. Warum zerbrach er sich darüber bitte jetzt den Kopf? Er wollte doch nur, dass sie wieder fröhlich war, sodass ihre Arbeit im Institut nicht litt. Warum quälte ihn dann der Gedanke so sehr, dass sie unglücklich wegen eines verstorbenen Jugendschwarms war? Das sollte ihm doch völlig egal sein, solang sie pflichtbewusst ihren Dienst tat, und das tat sie. Warum war es ihm dann so wichtig, dass sie wieder lachte? Dass sie glücklich war? Glücklich mit dem Hier und Jetzt, mit dem Leben das sie hatte, mit dem Leben mit ihm?

Irritiert schüttelte er wieder den Kopf und startete den Motor. Thiel hatte ihm ganz offensichtlich irgendwelche Flausen in den Kopf gepflanzt, die er dringend beherzt wieder herausreißen musste. Er und Alberichs „gluckender Ehemann“. So ein Blödsinn. Das war alles Thiels Schuld. Er und seine dämlichen, einfältigen Vorstellungen. Da sorgte man sich mal ein bisschen und kümmerte sich um seine melancholische Assistentin und schon wurde einem sonst was angedichtet.

Aber nicht mit ihm. Er würde jetzt mit ihr ins Café gehen und ihnen beiden mal ordentlich den Kopf zurechtrücken. Er würde sie einfach fragen, was überhaupt das Problem war und dann würde sie diese merkwürdige Phase ein für alle Mal hinter sich lassen.

Entschlossen nickte er sich selbst zu und reckte das Kinn nach vorn. Dann beschleunigte er den Wiesmann durch. Die kleine leise Stimme in seinen Hinterkopf mit ihrem lieblichen „Fahren Sie bitte vorsichtig, Chef.“ schaffte er zumindest bis zum ersten Blitzlicht erfolgreich zu ignorieren. Dann hielt er sich griesgrämig an die Verkehrsvorschriften bis zum Institut.

***

Da sie noch recht früh am Nachmittag dran waren, fanden sie glücklicherweise gleich einen Platz. Alberich hatte nicht draußen sitzen wollen, weil ihr eh schon so kalt war. Sie behielt ihren Trenchcoat auch im Café an. Das gab ihm gleich wieder Anlass zur Sorge, worüber er missmutig erneut mit den Augen rollten.

Na, das wird nach heute hoffentlich vorbei sein. Dieses sich ständige Sorgen war ihm durchaus lästig Im Stillen fragte er sich, wie sie das nur immer aushielt. Denn er war weder blind noch dumm. Natürlich war ihm klar, dass seine kleinwüchsige Assistentin immer erst dann wirklich zur Ruhe kam, wenn Thiel und er mehr oder weniger unbeschadet von ihren abenteuerlichen Touren zurückkamen.

Oft genug hatte sie ihm aufdiktiert, sie anzurufen, wenn sie zurück waren oder sie gebraucht wurde, um einen von ihnen oder beide wieder zusammenzuflicken. Und hatte er den Anruf mal vergessen oder absichtlich nicht getätigt, war sie meist keine halbe Stunde später im Institut oder gleich bei ihm zuhause aufgeschlagen mit diesem missbilligenden und doch so fürsorglichen Blick, der ihn an manchen Tagen auch noch im Schlaf verfolgte.

Thiel hat das wirklich falsch interpretiert, wer von uns beiden eigentlich der gluckende Ehepartner ist. Ging es ihm nachdenklich durch Kopf, während er ihr dabei zusah, wie sie mit trüben Augen die Menükarte studierte.

Warum waren da schon wieder dieses vermaledeite Ziehen und Stechen in seiner Brust, wenn er sie so sah. Er musste sich wirklich zusammenreißen, um nicht die Hand nach ihrer auszustrecken. Ablenkung. Er musste sich sofort ablenken. Also grummelte er über die schlechte Kaffeeauswahl und machte den in seinen Augen nicht vorhandenen Service runter. Dabei war er doch immer sehr gern mir ihr hier.

Sofort erschien auf sein halblautes Gebrabbel eine junge Kellnerin, die er noch nie gesehen hatte, und strahlte ihn betont freundlich an. „Sie wünschen, Professor Boerne?“ Flötete sie und warf sich das lange dunkle Haar in den Nacken. Zu seinem Erstaunen entlockte das seiner betrübten Begleitung plötzlich ein unterdrücktes Lachen.

Erbost warf er erst seinem hämischen Giftzwerg und dann der aufreizenden Kellnerin einen bitterbösen Blick zu. „Wenn Sie glauben, dass Sie mich mit solchen Schmeicheleien gnädig stimmen können, haben Sie sich getäuscht, junge Frau. Gewaltig getäuscht.“ Der jungen Frau schliefen daraufhin auch sofort sämtliche Gesichtszüge ein.

„Na schön. Wir nehmen einen großen Kaffee mit Milch und sehen Sie zu, dass der nicht zu bitter wird. Und eine Schokolade mit Rum.“ Maulte er die Bedienung an. Diese sah nun aber keine Veranlassung mehr höflich zu ihm zu sein und erwiderte nur patzig. „Ham wa nicht.“ Er riss über so viel Frechheit die Augen weit auf und stieß dann hervor. „Bitte was?“

„Schokolade mit Rum. Das ist nicht auf der Karte.“ Erklärte ihm die junge Frau zunehmend gelangweilt. Er holte tief Luft, um einen verbalen Gewittersturm loszutreten, der sich gewaschen hatte. Aber dann spürte er eine warme Hand auf seinem Unterarm und hielt mit offenem Mund inne.

„Schon gut. Ich nehme auch einen Kaffee, aber schwarz bitte.“ Drang ihre warme Stimme an sein Ohr. Die junge Kellnerin wollte endlich erlöst schon von dannen ziehen, als er sie nochmal mit schneidender Stimme aufhielt. „Nicht so schnell.“ Bevor er jedoch weiter machen konnte, verspürte er einen schmerzhaften Tritt unterhalb seines Knies und die Hand auf seinem Unterarm drückte einmal fest zu.

Er unterdrückte mühsam ein lautes „Au“ und funkelte sie kurz finster an. Dann wandte er sich wieder der Kellnerin zu und bat sie mit aufgesetzter Höflichkeit um zwei Stücken Zupfkuchen. Die junge Frau zuckte kurz, als wolle sie auch dazu etwas Verneinendes sagen. Doch aus dem Augenwinkel sah er wie Alberich warnend in ihre Richtung mit dem Kopf schüttelte. Darauf verzog sich die freche Göre erstmal.

Bedauerlicherweise nahm auch Alberich das als Anlass seinen Unterarm loszulassen. Warum er die Wärme ihrer Hand sofort vermisste, analysierte er lieber nicht tiefer. Stattdessen entschied er sich, sofort Nägel mit Köpfen zu machen.

„Alberich, wir müssen reden.“ Verdutzt sah sie ihn an. In ihren Augen lag schon wieder diese bleierne Schwermütigkeit. Es machte ihn schier wahnsinnig. Gerade eben hatte sie doch noch gelacht. „Alberich, so geht das nicht weiter.“ Fuhr er daher fort. Dann gab er seinem Drang nach Körperkontakt zu ihr doch nach.

Vorsichtig streckte er seine Hand aus und legte sie behutsam über ihre. Sie war eiskalt. Erschrocken nahm er sie ihn seine, um sie etwas zu wärmen. Er überlegte kurz. Das Beste wäre wohl ihr in seiner üblichen wenig charmanten Manier zu sagen, dass sie diese grundlose Traurigkeit hinter sich zulassen hatte. Ja, das wäre wohl das Beste für ihn. Aber wenn er ehrlich war, hatte er keine Ahnung, was das Beste für sie war.

Und vielleicht war es Zeit genau das zu sagen. „Alberich, ich bin etwas ratlos.“ Dieser Satz ließ ihre Augenbrauen vollends nach oben wandern. Er konnte es ihr nicht verübeln. So selten wie er etwas derartiges zugab.

„Seit wir die Leiche von Rosponi auf dem Tisch hatten, sind Sie wie ausgewechselt. Ich habe ja versucht, das zu verstehen. Aber so ganz begreifen ich es nicht. Also helfen Sie mir dabei.“ Er drückte ihre Hand und als er in ihre azurblauen Tiefen sah, löste sich irgendetwas in ihm.

Es konnte ihm doch völlig gleichgültig sein, warum er diese ganzen Gedanken hatte oder woher der plötzliche tiefe Wunsch kam, dass es ihr gut ging, dass sie glücklich war. Wichtig war doch nur, dass sie es war und er ihr dabei adäquat helfen konnte, dass sie diese schwere Wolke aus Trauer endlich loswurde. Ganz egal, wie emotional angreifbar er sich dabei selbst gerade machte. Also nahm er all seinen Mut zusammen und war so schonungslos ehrlich, wie noch nie.

„Alberich, ich will einfach wissen, was ich tun kann, sodass Sie wieder fröhlich sind. Was muss ich tun, dass Sie ihr Lachen wiederfinden? Ich will nur, dass Sie diesen grässlichen Kummer loswerden. Lassen Sie mich Ihnen dabei helfen.“ Redete er in sanfter Stimme auf sie ein, als wollte er ein weinendes Kind trösten.

Sie schenkte ihm ein wehmütiges Lächeln und verschränkte dann ihre Hände. „Aber das haben Sie doch schon, Chef.“ Verblüfft blinzelte er sie an. „Sie waren einfach da. Die ganze Zeit. Sie haben mich seit zwei Wochen nicht für einen Augenblick allein gelassen damit. Und dann jetzt das hier. Das habe ich wirklich gebraucht. Ein bisschen Zeit weg vom Institut. Mit Ihnen. Das alles macht mich wirklich glücklich, auch wenn ich es gerade nicht so zeigen kann.“

Sein Herz machte einen kleinen Hüpfer. Sie ist glücklich, wenn wir miteinander Zeit verbringen. Hatte er das nicht vorhin noch gewollt? Er schluckte sein leises „Das war Thiels Idee“ schnell herunter. Das musste sie ja nicht unbedingt wissen, auf wessen Mist das gewachsen war. Sowieso seit wann verschenkte er seine brillanten Erfolge so leichtfertig? Immerhin war es das eine die Idee zu haben und das andere sie auch gewinnbringend umzusetzen.

Er senkte kurz den Kopf und grinste vergnügt auf ihre verschränkten Hände. Ein merkwürdiges Gefühl breitete sich plötzlich in ihm aus. Ihm war mit einem Mal so warm und etwas schwirrte in seinem Bauch. Fühlte sich das so an, wenn man Schmetterlinge im Bauch hatte? Er wusste es nicht mehr. Hatte jegliche Erinnerung an dieses Gefühl über die Jahre verloren. Und warum sollte er denn ausgerechnet jetzt solche…?

Dann wurden sie rüde von der Kellnerin unterbrochen. „Darf ich?“ Fragte sie patzig. Aber er machte sich daraus gerade nichts. Seine Gedanken waren viel zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt. Zum Beispiel, dass sie, statt ihre Hände voneinander zu lösen, die junge Frau einfach um sie herum arbeiten ließen.

„Die geht übrigens auf’s Haus.“ Ließ der Störenfried noch grimmig verlauten, ehe sie sich wieder verzog. Verdutzt blickten sie beide auf die Tasse, die vor Alberich stand. Definitiv kein schwarzer Kaffee. Sie nahm vorsichtig einen Schluck und schloss dann die Augen. Ihr genießerisches „Hmm.“ ließ sein Herz schon wieder höherschlagen und er fragte sich, bei welchen Gelegenheit sie wohl noch solche Geräusche von sich gab.

Er räusperte sich verlegen bei diesen Gedanken. „Mit Rum?“ Fragte er schnell „Mit Rum“ gab sie zufrieden zurück und dann geschah etwas, dass ihm nach diesen zwei düsteren und so schwierigen Wochen fast, wie ein Wunder vorkam. Sie begann zu lachen. Wirklich offen und laut. Dieses schöne, melodische, helle Lachen, das er so vermisst hatte.

Und wie wunderschön sie dabei aussah. Ihre Augen strahlten und ihr süßer Mund war endlich wieder so rot, wie er sein sollte und nicht mehr so elendig blass. Irgendwie überkam ihn der Impuls von ganz allein. Er zückte flink sein Handy und drückte ab, bevor sie mitbekam, was er eigentlich tat. Ihren leisen Protest überhörte er einfach.

Dieses Lachen musste er einfach konservieren, sodass er es sich immer wieder ansehen konnten, wenn die Zeiten mal wieder dunkler wurden. Zufrieden grinsend steckte er das Handy wieder weg.

Als sie sich wieder beruhigt hatte, lösten sie widerwillig ihre Hände voneinander, um sich endlich über ihren Kuchen herzumachen. Er hatte gehofft, dass sie nun das Gröbste überstanden hatte, auch wenn ihm bewusst war, dass sie noch nicht bis zum eigentlich Kern von Alberichs Traurigkeit vorgedrungen waren.

Sie schien sich nun endlich auch so wohl mit ihm zu fühlen, dass sie es selbst war, die wieder das Wort ergriff. Und zur Abwechselung ließ er sie einfach mal reden. Er spürte, dass dieser Moment wichtig war, also würde er ihn nicht mit seinen ungeschickten Worten zerstören.

„Es war einfach eine schöne Zeit, wissen Sie. Es war schön. Diese träumerische Jugend. Die Zeit, wo ich mir Hoffnungen machen konnte, Illusionen nachgejagt bin. Ich konnte mir alles schönreden. Ich war damals äußerst gut darin.“ Sie lachte kurz verbittert auf. Ihre Augen trübten sich mit jedem Satz wieder.

„Vielleicht bin ich das auch heute noch. Magnus war ein sicherer Punkt, auf den ich meine Fantasien lenken konnte. Er hatte nie großes Interesse an irgendeiner von uns. Also konnte ich mir in meiner jugendlichen rosaroten Wolke gut einbilden, dass es rein gar nichts mit meiner Kleinwüchsigkeit zu tun hatte. Diese Illusion war trügerisch, aber sie war auch heilsam für mich, solang sie anhielt. Danach ging das nie wieder. Sein Tod hat mich einfach daran erinnert. Und an das erste Mal, dass jemand mich einfach nicht wollte und natürlich war einer der Gründe die Kleinwüchsigkeit.“ Schloss sie mit brüchiger Stimme und in ihren Augen schwammen ein paar Tränen, die sie tapfer wegdrückte.

Er ertrug es nicht länger, sie damit allein zulassen und griff erneut über den Tisch nach ihrer Hand. Dann strich er ihr behutsam mit seinem Daumen über den Handrücken. Plötzlich ergab ihre ganze Traurigkeit Sinn. „Er hat Sie verletzt.“ Flüsterte er.

Sie zuckte mit den Schultern. „Nicht mehr als andere auch. Es hat nie viele Männer in meinem Leben gegeben. Die Berührungsängste waren einfach immer zu groß. Und jetzt? Wer will schon einen gealterten Zwerg? Und dann noch einen, der tagtäglich Leichen obduziert. Vielleicht habe ich das auch immer unterschätzt. Unserer Beruf ist ja nicht gerade alltagstauglich.“ Sie lächelte ihn trübsinnig an.

Ihm wurde schlagartig klar, was sie noch so bedrückte und belastete. Sie war einsam. War einsam wie er und sehnte sich nach jemanden, der sie wollte, so wie sie war. Der auf sie wartete, wenn sie nach Hause kam. Der einfach da war, so wie er es die letzten Wochen gewesen war.

Der Gedanke kam plötzlich und unerbittlich. Er konnte ihn nicht länger bekämpfen. Er musste sich auf die Zungen beißen, dass er ihn nicht laut hinausposaunte. „Ich. Ich will diesen Zwerg und die wunderbare, bildschöne, warme, kluge und so charmante Frau dahinter.“ Er behielt es für sich. Für’s erste. Das musste er erstmal in Ruhe selbst analysieren. Seine Gedanken und Gefühle ordnen, bevor er irgendwen am allerwenigsten sie damit konfrontierte.

Stattdessen räusperte er sich und fragte weiter behutsam nach. Er wollte ihr das Gefühl geben, dass er da war. Dass er ihr zuhörte, dass er ihren Kummer verstand und ihn mit ihr gemeinsam durchstand. „Gab es denn niemanden in der Zeit?“

„Na doch. Aber nicht mehr so richtig und wirklich seit…“ Sie zögerte kurz. Also bohrte er zaghaft weiter nach. „Seit?“ Sie sah ihn schwermütig an und lächelte schief. Er nahm einen Schluck aus seiner Tasse. Dann riss sie ihm den Boden unter den Füße mit einem gehauchten „Seit Tristan.“ weg.

Er verschluckte sich fast an seinem Kaffee und musste laut husten. Seine Augen begannen zu tränen. Sie tätschelte ihm beschwichtigend die Hand. Was sollte er nur dazu sagen? Sie hatten noch nie darüber gesprochen. „Alberich“ würgte er nur krächzend mit tränenden Augen hervor. Dabei wusste er doch gar nicht, was er ihr sagen sollte.

„Ist schon ok, Chef.“ Versuchte sie ihn weiter zu besänftigen. Schon wieder mit diesem bescheuerten melancholischen Blick und betrübten Ton. Er musste etwas sagen. Dringend. Sonst würden sie beide wieder diesen Moment an ihre Traurigkeit verlieren. Und die war doch so unnötig.

Hastig fing er sich und griff beherzt nun auch nach ihrer anderen Hand und drückte beide. Er blickte tief in ihre azurblauen Weiten. Dann sagte er mit dem Mut der Verzweiflung.

„Sie verdienen es geliebt zu werden, Alberich. Sie sind ein sehr liebenswerter Mensch. Sie sind verständnisvoll und geduldig. Sie haben sehr viel Empathie. Sie sind klug und streckenweise auch sehr charmant. Es gibt keinen Grund, sie nicht zu lieben. Es gibt keinen Grund, warum sie einsam sein sollten.“ Er schluckte schwer. Er wusste wohl, was er da gerade gesagt hatte.

Genauso schmerzlich ging ihm aber auch durch den Kopf, was er sich alles nicht traute zu sagen. „Und du bist schön. So wunderschön von außen und innen, dass es mir manchmal den Atem raubt. Dass du manchmal so unwirklich scheinst für mich, wie nicht von dieser Welt. So schön, dass ich oft nicht weiß, wohin mit mir und all diesen Emotionen und Gefühlen, die du in mir weckst. Die Frage ist nicht, wer dich will? Die Frage ist, ob du mich auch willst? So wie ich bin? Mit all den Schwierigkeiten, die ich dir bereiten werde? Mit all den überflüssigen Extradramen, die ich dir einbrocken werde? Mit all den scharfen Ecken und Kanten, an denen du dich stoßen und schneiden wirst? Willst du das alles, Alberich? Wenn ja, dann nimm es dir einfach. Hier bin ich und ich bin ohne jeden Zweifel, ohne jede Frage dein.“

Nein, das konnte er ihr doch jetzt nicht alles sagen. Einfach so. Aus heiterem Himmel. Nach über 20 Jahren Affentheater und Eiertanz konnte er doch nicht einfach sich hinstellen und ihre ganze Beziehung auf den Kopf stellen, nur weil sie ein bisschen traurig war und er sich plötzlich bewusst war, wie sehr er sich nach ihr sehnte.

Aber jetzt nichts tun. Einfach so weitermachen. Das ging doch auch nicht. Sein Gedankenkarussell wurde immer schneller und ihm leicht schwindlig. Er konnte sie jetzt nicht einfach so loslassen. Er konnte doch diesen Moment nicht einfach abhaken.

Thiel und seine verfluchte Intuition. Er war doch an dieser Offenbarung schuld. Er hatte mit allem recht gehabt. Mit fast allem. Denn der Punkt war doch der. Ja, er hatte sich wie der gluckende Ehemann benommen. Tat es auch jetzt noch. Aber er war es eben nicht. Er würde es nie sein, wenn er sich nicht zusammenriss und die Kurve bekam.

Was sollte schon passieren? Selbst wenn Alberich ihm einen Korb gab, so würde sie es auf die sanfteste Art und Weise tun, die überhaupt möglich war. Das würde sein übersteigertes Ego schon irgendwie verkraften. Das würde ihn nicht umbringen. Einen Tag länger von ihr getrennt zu sein, obwohl sie vielleicht zusammen sein könnten, dagegen schon.

Gerade als er all diese Gedanken mit ihr teilen wollte, vernahm er wieder ihre leise warme Stimme. „Doch den gibt es. Es gibt einen Grund, warum ich…“ Sie brach ab und lächelte ihn wieder schief an. Dann lehnte sie sich nach vorn, sodass ihre Hände auf seinen Armen nach oben rutschten. „Ich habe ihn selbst gewählt. Ich bin nicht unglücklich deswegen. Im Gegenteil. Es tut auch nicht mehr wirklich weh. Ich würde ihn niemals aufgeben und Sie schulden mir nichts wegen der Sache damals. Dieser Grund steht mir nur manchmal im Weg. Das ist alles.“

Er atmete zittrig aus. Das war der Moment. Jetzt musste er es riskieren. „Dann lass ihn weg. Gib ihn auf.“ Wisperte er ihr zu. Er rutschte wie von selbst ins vertrauliche Du mit ihr. Sie zog verwirrt ihre Augenbrauen zusammen. Ohne den Blickkontakt mit ihr zu unterbrechen, stand er auf und umrundete den Tisch. Dann kniete er sich vor sie. Ihm war völlig egal, wie das für alle anderen aussah. „Vergiss den Grund. Er existiert nicht mehr.“

Vorsichtig hob er seine bebenden Hände und umrahmte ihr geliebtes Gesicht. Sie schien ebenfalls wie in Trance. „Du musst nicht länger an diesem Grund festhalten, weil ich dir einen geben werde nicht einsam zu sein. Wir werden uns einen geben. Weil ich dich will. Und zwar nicht trotz dessen wie du bist, sondern gerade, weil du so bist, wie du bist.“

„Also was meinst du? Wollen wir das gemeinsam wagen?“ Er spürte, wie er am ganzen Körper zitterte und vibrierte. Seine Brust zog sich vor Anspannung zusammen. Er zwang sich nicht wegzusehen, als sich ihre Augen mit Tränen füllten, als sie begann zu lächeln, als sie ihn endlich mit einem kleinen Nicken erlöste.

Er atmete aus und schloss für einen Moment die Augen. Ihm wurde wieder schwummrig vor Erleichterung, vor Glück. Dann spürte er, wie sie ihre Hände auf seiner Brust abgelegte, um ihn langsam zur erden.

Als sie leicht ungeduldig begann an seinem Mantel zu ziehen, öffnete er wieder die Augen. Ein schelmisches Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Wag es ja nicht.“ Zischte sie ihm entgegen. Mit einem gehauchten „Wäre mir im Traum nicht eingefallen“ ließ er sich schließlich nach vorn auf ihre warmen roten Lippen fallen.

Seine Nervenende explodierten alle mit einem Mal und die Schmetterlinge in seinem Bauch schienen sich zu überschlagen. Er hatte gar nicht gewusst, wie gut Lippen schmecken konnte. Wie gut es sich anfühlen konnte, einem anderen Menschen so nah zu sein. Ihm wurde wieder überall warm und das Zittern verwandelte sich in ein wohliges Kribbeln. Sie hielten es zärtlich und sanft. Etwas Rücksicht nahmen sie dann doch noch auf ihre Umwelt. Für feurige Leidenschaft hatten sie ja auch noch später Zeit.

Er löste sich ein wenig von ihr, was sie mit einem enttäuschten Seufzer beantwortete. Aber seine alten Knie meldete sich langsam. Also hob er sie in einer fließenden Bewegung hoch, um sich selbst mit ihr auf den Schoß wieder hinzusetzen. Ihren Protest vertrieb er gleich mit dem zweiten Kuss.

Frech grinste er danach gegen ihre Lippen. „Was?“ Fragte sie misstrauisch. „Och nichts. Ich freue mich nur, dass wir jetzt auch in ganz offizieller Funktion als Paar so schrecklich schöne Pärchensachen tun können und keiner guckt mehr komisch.“ Antwortete er unschuldig. Sie bog ihren Kopf ein Stück zurück und sah ihn durchdringend an.

„Da muss ich dich enttäuscht. Die Leute werden immer komisch bei uns beiden gucken.“ Sie ließ elegant offen, ob das nun an ihm oder an ihr lag. „Umso besser, dann kann ich Ihnen direkt sagen, was für Kleingeister sie sind.“ Tatsächlich freute er sich auf diesen Teil besonders. Und das wusste sie. Müde lächelnd fuhr sie ihm mit einer Hand durch das Haar, was ihm einen wohligen Schauer über den Rücken bescherte. Er musste sein zufriedenes Schnurren unterdrücken.

„Was tun denn Pärchen für dich so typischerweise?“ Wollte sie plötzlich wissen. „Och naja gehen Händchen halten spazieren, mischen ein Café auf, teilen sich immer einen Stuhl, Knutschen ohne Grund den ganzen Tag, kaufen den gleichen Schlafanzug, die man sich dann eh gleich wieder auszieht, schnippeln zusammen ein paar Leichen auf. Solche Dinge eben.“ Sie lachte schallernd auf und schlug ihm sanft gegen die Brust. Von diesem Laut würde er nie genug bekommen.
„Kindskopf.“
„So willst du mich doch.“
„Ja, ja so will ich dich.“
„Na also.“
Dann versanken sie in einem weiteren Kuss.

Nachdem sie sich voneinander gelöst hatten, versuchte er seine Liste fortzusetzen. „Teilen sich die letzte Kaffeetasse.“ Er griff nach ihrer inzwischen lauwarmen Schokolade. Sie schlug ihm jedoch sofort seine Hand weg. „Vergiss es. Von der Schokolade bekommst du nichts.“
„Sicher?“
„Sicher.“ Sagte sie streng und nahm demonstrativ einen großen Schluck aus der Tasse. Sie stöhnte verführerisch auf. Du kleines, missgünstiges Biest. Na warte.

Ohne Vorwarnung griff er plötzlich nach ihrem Gesicht und presste seinen Mund auf ihren. Vor Überraschung entfuhr ihr ein kleiner Aufschrei. Er nutzte die Gunst der Stunde und schob seine Zunge in ihren Mund. Wenn du nicht teilen kannst, machen wir es eben so. Dachte er noch höhnisch, doch dann war er es, der etwas hilflos aufstöhnen musste. Er hatte den Effekt ihren Geschmack verbunden mit der Note Schokolade zum ersten Mal so zu schmecken, ordentlich unterschätzt.

Zudem musste man seinem kleinen Frechdachs eines lassen. Das mit der Knutscherei konnte sie verdammt gut. Dieses Mal raubte sie ihm tatsächlich wortwörtlich den Atem und wenn er nicht schon bis über beide Ohren verliebt wäre, dann hätte sie ihm spätestens mit diesem Kuss den Kopf vollends verdreht. Und er hätte sie wohl auch gelassen. Denn das hier fühlte sich viel zu grandios an, um je wieder damit aufzuhören.

Atemlos riss er sich von ihren himmlischen Lippen los. Zufrieden stellte er fest, dass sie selbst völlig außer Atem schien und sich ein zartes Rosa auf ihren Wangen abzeichnete. Seufzend schmiegte sie ihren Kopf an seinen „Weißt du, was das Beste ist?“ Flüsterte sie. „Was?“ Fragte er verschwörerisch zurück. „Mir ist plötzlich überhaupt nicht mehr kalt.“ Und tatsächlich als sie ihre Hände um seinen Nacken schlang, um sich einen weiteren Kuss zu stehlen, waren sie einfach nur brennend heiß.

Das hörbar genervte Räuspern ihrer reizenden Bedienung riss sie schließlich aus ihrem intimen Moment. Die junge Frau konnte von Glück reden, dass er ab jetzt fantastisch gute Laune hatte. Mit einer Mischung aus Verlegenheit und Trotz wandte sie sich dieses Mal an sie beide. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht Herr und Frau Boerne. Dann würde ich Sie bitten, ihre nun ja Unterhaltung vielleicht an einem etwas privateren Ort fortzuführen.“

Unter anderen Umständen hätte er sich darüber wohl maßlos empört. Aber das hier waren bei weitem keine normalen Umstände mehr. „Kein Problem. Wir wollten eh gerade zahlen, oder Schatz?“ Fragte er mit nur halber Ernsthaftigkeit an sie gewandt. Irgendwie erinnerte ihn das an ihr übliches Spiel, wenn sie mal wieder für ein Ehepaar gehalten wurden und doch war das alles so herrlich anders.

Enthusiastisch zog er sein Portemonnaie aus der Manteltasche und warf einige Euroscheine wahllos auf den Tisch. Dann schob er Alberich und ihr leicht verdattertes Gesicht von seinem Schoss und erhob sich eifrig. Voller Energie griff erneut nach ihrer Hand und wünschte dann viel zu laut und überschwänglich einen schönen Tag.

Dann zog er seine kleine verblüffte und leicht lachende Zwergenkönigin in Windeseile aus dem Café. Nachdem sie sich ein paar Schritte entfernt hatten, hielten sie zwischen beide laut lachend an. „Dir ist schon klar, dass das jetzt die Runde machen wird. Du bist nicht gerade unbekannt in dieser Stadt.“ Gab sie ihm immer noch feixend zu bedenken.

Er zog sie zu sich an die Seite und sah sie vergnügt an. Seine Augen funkelten wie die eines Kindes im Freizeitpark. „Das ist mir völlig egal. Aber Thiel, dem muss ich das vorher auf’s Butterbrot schmieren. Dass ich das ganz allein hinbekommen habe. Ha, dem werden die Augen rausfallen und Schrader gleich mit.“ Bei dieser Vorstellung klatschte er freudig in die Hände.

„Willst du jetzt ernsthaft zu Thiel?“ Fragte sie leicht belustigt und er erschrak etwas. „Nein, natürlich nicht. Das hat ja auch Zeit.“ Dann beugte er sich zu ihr hinunter und küsste ihr Haar. „Und so ganz allein warst du das ja auch nicht.“ Diese Feststellung ihrerseits versuchte er einfach zu überhören. „Jetzt haben wir gar nicht den Kuchen gegessen.“ Stelle sie noch amüsiert fest.

„Willst du denn jetzt ernsthaft woanders noch Kuchen essen?“ Fragte er nun völlig irritiert. Sie schmunzelte nur. „Nein, will ich nicht.“ Dann ließ sie erneut ihre Hand in seine gleiten. „Aber wir könnten deine Liste weiterabarbeiten. Was Pärchen so für schreckliche Dinge tun.“ Sie zwinkerte ihm vielsagend zu und er zog sie wieder eng an seinen Körper.

„Woran hast du gedacht?“ Raunte er und strich ihr sanft eine goldblonde Strähne aus dem Gesicht. „Och, wie wäre es mit dem gemeinsamen Schlafanzug.“ Gab sie betont unschuldig zurück. Er beugte sich tief zu ihr hinunter und flüsterte dann. „Den wir uns dann gleich wieder ausziehen?“

Sie grinste ihn verschmitzt an. „Genau der.“ Dann küsste sie ihn erneut. Und er fragte sich kurz, wie er jemals ohne dieses Gefühl gelebt hatte. „Worauf warten wir dann noch.“ War alles, was er noch zu sagen hatte, nachdem sie sich erneut mühevoll voneinander gelöst hatten.  

Leise lachend nahm er ihre Hand und führte sie voller Stolz die Straße hinunter ins beste Textilgeschäft, das er kannte. Denn für seinen kleinen Juwel würde es ab jetzt nur das Beste tun. Den besten Schlafanzug, den besten Morgenkaffee, den besten Abschiedskuss, einfach das beste und glücklichste Leben, das er ihr bieten konnte.

Und nebenbei würde er hoffentlich alle ihre Vorlieben noch lernen und erfahren. Würde herausfinden, warum seine Augenfarbe ihre Lieblingsfarbe war. Würde mit ihr zusammen die Welt erkunden, bis sie den Ort fanden, an den sie beide am liebsten reisten. Er würde sich über ihre Eigenarten wundern und ihre Leidenschaften liebevoll fördern.

Dann würde er Thiel irgendwann sein ganzes Wissen über sie um die Ohren hauen. Und dann eines schönen Tages, vielleicht an genau einem wie heute würde er sie fragen, ob es nicht Zeit ist, dass sie aus ihrem Spiel ernstmachen und tatsächlich zu gluckenden Ehepartnern bis ans Ende ihres Lebens werden wollten. Ja, so könnte das gehen. So wollte er das haben und wenn er so in ihr endlich wieder strahlend glückliches Gesicht sah, dann war er sich ziemlich sicher, dass sie das auch wollte.  


A/N: And that’s it. Irgendwie habe ich das Gefühl, man könnte hier jetzt sogar noch die Fortsetzung der Fortsetzung schreiben. Aber das lassen wir erstmal.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast