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Wunden

von Annemieke
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P12 / Het
Dr. Kai Hoffmann Dr. Maria Weber Dr. Martin Stein OC (Own Character)
19.10.2021
10.06.2022
14
51.678
6
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26.10.2021 2.772
 
Kapitel 2 – Zwei Welten, eine Realität

Montag, 04.12.2006
„Er wird bradykard!“ Die Stimme der Anästhesistin schallte durch den Operationssaal, untermalt von ohrenbetäubendem Piepsen. „Piep piep pieeep … Piep piep pieeep.“ Mein Puls erhöhte sich, wurde immer schneller. Diese akustischen Reize machten mich nervös und ich sah wie die Pinzette in meiner rechten Hand zu wackeln begann – ich zitterte. Verzweifelt schaute ich zu meiner Ausbilderin, die mir bei dieser OP gegenüberstand, aber sie war nicht mehr da. War sie aus dem Saal gegangen? Wann? Und warum? Und die viel wichtigere Frage, was sollte ich jetzt nur tun? Ich schaute kurz auf den EKG-Monitor, auf dem eine rote 40 blinkte. Normal waren 60 bis 80 – verdammt!
„Frau Schulte, machen sie etwas! Ich kann den Patienten nicht mehr halten.“
Mein Puls stieg weiter, meine Hände zitterten immer mehr und ich schaute erneut nach vorne, in der Hoffnung, dass Dr. Gestel wieder da war, aber ihr Platz blieb leer.
„Machen Sie den Alarm aus!“ Meine Stimme überschlug sich fast, aber das ohrenbetäubende Geräusch verstummte nicht, es wurde nicht einmal leiser. Stattdessen verkürzte sich der Abstand der Warntöne immer weiter und sie wurden immer lauter. Ich sah nach unten auf das Operationsfeld. Alles voller Blut. Ich kniff meine Augen fest zusammen, atmete durch und öffnete sie wieder.
Ich schaute an die Decke. Es war fast komplett dunkel in diesem Raum, nur wenige Lichtstreifen fielen herein und verliehen der Wand ein Zebramuster. Nun war ich vollends verwirrt. Alles sah anders aus, aber das Piepen war immer noch da. Verwirrt drehte ich meinen Kopf nach rechts, in die Richtung der Geräuschquelle.
Die Schrift auf dem Display war immer noch rot, aber zeigte nun 04:30.
Ich schloss die Augen noch einmal und öffnete sie erneut. 04:31. Es dauerte noch einen kleinen Moment, bis ich verstand, dass es mein Wecker war. Ich stöhnte genervt und gähnte. Dann erst schaffte ich es endlich, meine Bewegungen so zu koordinieren und meine Hand nach dem lärmenden Gerät auszustrecken. Ich schaltete den Alarm aus und gähnte noch einmal. Stille.
Ich hasste diese Frühdienste. Vor allem hasste ich sie im Winter, wenn es draußen eiskalt und bis auf die Straßenlampen stockdunkel war. Es war nicht so, dass ich den Winter nicht mochte, ganz im Gegenteil, aber so früh morgens, auf nicht geräumten Wegen zur Arbeit zu stapfen, war alles andere als schön.
Immerhin war auf die Bahnen meistens Verlass, zumindest bisher hatten sie mich nicht enttäuscht. Wenn ich da Geschichten aus anderen, ländlicheren Regionen hörte, war ich sehr froh, einen Studien- und Assistenzarztplatz in Hamburg bekommen zu haben.
Heute würde ich aber nicht an meine Klinik fahren, sondern in die ganz andere Richtung der Stadt. Da unsere Klinik derzeit umgebaut wurde, ich aber nochmals in die Chirurgie schnuppern wollte, musste ich für meine Hospitanz ans Bundeswehkrankenhaus. Allein der Gedanke machte mich nervös. Aber es führte kein Weg daran vorbei, denn ein Zurück gab es nach der Anmeldung nicht mehr.
Mit einem Seufzen schob ich meine Beine über die Bettkante und fröstelte direkt, die Müdigkeit steckte mir noch tief in den Knochen. Schnell wickelte ich mich in meinen Plüschbademantel und schlurfte in die Küche der WG, legte einen Kaffeepad in die Maschine und setzte mich kurz darauf mit einem Brot von gestern Abend und der heißen Tasse an den Tisch. Als ich das nächste Mal auf die Uhr sah, schrak ich aus meinen Gedanken auf. 05:01 zeigten die dünnen schwarzen Ziffern auf dem leicht grünlich erscheinenden Display meines Nokia Handys. Ich sprang auf, rannte erst ins Bad, dann wieder in mein Zimmer und zog mir die herumliegende Jeans und den Pulli über – ich dankte mir selbst, dass ich am Abend zuvor so geistesgegenwärtig bereits Klamotten herausgelegt hatte. Keine 10 Minuten später war ich auf dem Weg zur Bahn-Station und schickte ein Stoßgebet gen Himmel, dass ich an diesem ersten Tag nicht gleich zu spät kam.
18 Minuten vor sechs kam ich am Krankenhaus an, zog mich in der mir gezeigten Umkleide um und betrat um 05:59 die Station. Mit beiden Händen fuhr ich mir im Laufen durch die dunkelbraun gefärbten Haare und fasste sie zu einem Dutt zusammen. Als ich am Stationsstützpunkt ankam, war jedoch niemand zu sehen. Verwirrt sah ich mich um, aber die abgehenden Gänge waren menschenleer. War ich etwa falsch hier?
Ich blickte auf mein linkes Handgelenk, musste aber feststellen, dass ich meine Armbanduhr zuhause vergessen hatte. Was machte ich denn jetzt? Ich kramte in der Kitteltasche nach dem Zettel, auf der sowohl mein Einsatzort, als auch ein grober Plan des Krankenhauses verzeichnet waren. Ich musterte den Plan noch genauer, aber ich war mir sicher, mich nicht vertan zu haben.
„Da sind Sie ja endlich.“
Erschrocken fuhr ich herum. Ich stand einem schlanken großen Mann mit kurzen dunkelblonden Haaren gegenüber. Wo kam der denn auf einmal her und vor allem ohne auch nur ein Geräusch zu machen? Er trug eine Jeans, einen dunkelgrünen Pullover und einen weißen Kittel. Um seinen Hals hing ein Stethoskop. „Sie sind zu spät.“
Ich schielte auf die Anzeige über seinem Kopf, die alle paar Meter auf den Stationsgängen angebracht war: 04.12.2006; 06:01.
Okay, hier herrschte definitiv ein anderer Ton als in meinem Ausbildungskrankenhaus.
„Nun gut, bei dem Wetter und der Glätte da draußen drücke ich noch einmal ein Auge zu.“
Ich sah ihn an. Sein Gesicht war von einem Dreitagebart überzogen, ich schätzte ihn auf Mitte dreißig. Er musterte mich. Seine Augen waren blau-grau und ich konnte meinen Blick nicht abwenden. Irgendetwas verbarg sich hinter diesem Blick, irgendetwas Interessantes, auch wenn ich nicht sagen konnte, was das war. Er zog die Brauen leicht nach oben, „jetzt schauen Sie mich doch nicht so an wie ein verschrecktes Reh.“
Sofort hatte ich das Bild von Bambi im Kopf, wie das Rehkitz auf einen Kerl in Camouflage zu rannte. Der Typ richtete sein Gewehr auf das Tier und fackelte nicht lange. Peng!
Ich schüttelte den Kopf – meine Fantasie ging mit mir durch. Dennoch ging ich instinktiv einen Schritt zurück. Ich kam mir hier definitiv fehl am Platz vor.
„Ich bin Oberarzt Dr. Kai Hoffmann“, er streckte mir seine rechte Hand entgegen.
„Ina“, ich räusperte mich, „also Katharina Schulte. Assistenzärztin.“ Ich brach den Blickkontakt ab und schaute mich wieder um.
„Nun denn Frau Schulte. Herzlich willkommen am Bundeswehrkrankenhaus Hamburg.“


Kai lief vor mir, beinahe so, als sei er auf der Flucht. Er hatte sich verändert. Als wir uns kennengelernt hatten, war er vor nichts davongelaufen. Ich folgte ihm durch die Klinik, bis wir schließlich an der Verwaltungschefin vorbeigeeilt und in seinem Büro angekommen waren: Probezeit besprechen, wie mein Ex-Mann das nun offiziell nannte. Ich blickte Frau Marquardt noch kurz hinterher, bis sie um die nächste Ecke verschwunden war, dann drehte ich mich wieder zu Kai. Er stand am Fenster und sah angestrengt nach draußen. Aber immerhin rannte er nicht mehr vor mir weg. Ich zuckte mit den Schultern, atmete einmal schwer und lief auf ihn zu. „Wenn du mich hier nicht haben willst“, ich sah ihn direkt an, „warum hast du‘s nicht verhindert? Du bist der Chefarzt.“
„Mit welcher Begründung?“ Kai fiel mir ins Wort. Sein Blick traf mich und auch jetzt wusste ich nicht, was genau in ihm vorging. „Es gibt keine formalen Gründe dich aus dem Bewerbungsverfahren auszuschließen.“
Mein Ex war mir ein Rätsel, was mir jedoch klar war: Die Vergangenheit hatte ihn nie losgelassen. Das erkannte ich nun. Ich hielt seinem Blick stand. In einer Hinsicht hatte er sich dann wohl doch nicht verändert: Kai war der Typ, der alles nur verdrängte. Bloß keine Gefühle zulassen und falls doch versuchte er sich nicht zu sehr mit ihnen auseinander zu setzen. Lieber unterdrückte er all das und tat so, als hätte es die Momente, die Erlebnisse, ja die Menschen in seinem Leben nie gegeben. „Ich hatte gehofft, dass du schon einen Schritt weiter bist, dass wir zumindest miteinander reden können.“
„Und deshalb bewirbst du dich hier? Um mit mir zu reden?“
„Wärst du zu unserem Treffen damals gekommen, wäre das vielleicht nicht nötig“, schoss es mir durch den Kopf, aber ich schaffte es gerade noch, die Worte zurückzuhalten. Jetzt mit Vorwürfen zu kommen, würde die Situation definitiv nicht verbessern. „Es war auch ein attraktives Angebot.“ Die Begründung kam mir selbst dämlich vor. Allerdings musste ich auch zugeben, dass mir in diesem Moment schlichtweg nichts Besseres einfiel. Und es war zumindest wahr. In Würzburg war ich zwar nach einem Jahr Stationsärztin geworden, aber es gab keine Chancen auf eine Oberarztstelle– auch in den nächsten Jahren sah es da schlecht aus. Und auch, wenn ich Ärztin geworden war, um Menschen zu helfen, so musste ich zugeben, dass die Bezahlung hier wirklich gut war. Immerhin musste man ja auch als Mediziner eine Wohnung bezahlen …
„Du findest was anderes.“ Mein Ex-Mann lief zurück zu seinem Schreibtisch und ich folgte ihm in die Raummitte. „Es gibt genug Krankenhäuser, Ärzte werden gesucht.“
„Es kann auch eine Chance sein, wieder zusammen zu arbeiten.“ Ich dachte an unsere Zeit in Hamburg zurück, aber Kai musterte mich skeptisch: „Ne Chance – wofür?“
Ich hielt seinem Blick erneut stand: „Normalität.“
Sein Gesichtsausdruck veränderte sich ein klein wenig und zur Skepsis und Ablehnung mischte sich die Nachdenklichkeit.
„Denk bitte nochmal drüber nach. Noch hab‘ ich keine Wohnung, ich kann einfach wieder gehen.“
Er war es, der den Blickkontakt abbrach und in eine Zimmerecke starrte.
„Ich gebe dir bis morgen Zeit, hm?“ An diesem Punkt spürte ich, wie Resignation in meine Bemühungen Einzug hielt, ich schüttelte den Kopf und beschloss, das Gespräch zu beenden. „Wenn du es wirklich nicht aushältst mit mir, dann …“, ich sah ihn wieder an, „akzeptier ich das.“ Dann verließ ich sein Büro ohne ihn, aber nicht mit weniger Ballast auf dem Herzen als zuvor. Stattdessen wurde das Gewicht auf meiner Seele immer mehr. In diesem Moment begann ich zu zweifeln, ob das hier wirklich die richtige Entscheidung gewesen war.


Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen. Je weiter ich mich vom Krankenhaus entfernte, desto weniger gut waren die Wege geräumt und ich war nun wirklich nicht scharf darauf, mir sämtliche Knochen zu brechen. Das mit der Räumpflicht, nahmen die Leute hier nicht wirklich ernst … Oh Hilfe, hatte ich das gerade wirklich gedacht? Ich klang ja schon wie mein Vater und das obwohl ich mich manchmal fragte, ob wir überhaupt verwandt waren. Ich teilte weder seine Liebe für römische Geschichte, noch war ich ihm auch nur im Ansatz ähnlich. Im Laufen entwirrte ich das Kabel rund um meinen mp3-Player so gut es ging, steckte mir einen Kopfhörer ins Ohr und drückte auf Play. Mir tönte direkt der Refrain von „Apologize“ entgegen – ich liebte diesen Song. Er sprach mir aus der Seele, gerade was die Beziehung zu meinem Vater anging, nur dass er sich nie für etwas entschuldigen würde. Dass ich Weimar verlassen hatte und für Studium und die Assistenzarztzeit hierhergezogen war, war das einzig Richtige gewesen. Ich lief weiter in Richtung der U-Bahn-Station und ohne Vorwarnung überkam es mich. Ich fröstelte, aber nicht wegen der kalten Temperaturen, denn die Sonne machte es jetzt um die Nachmittagszeit ganz angenehm, vielmehr fühlte ich mich leer. Ich vermisste sie. Jeden einzelnen Tag seit 16 Jahren. Schnell versuchte ich die Tränen wegzublinzeln, schnappte nach Luft und schluckte schwer. Ich hörte die Bahn einfahren, als ich das Bahnhofsgebäude betrat und die wenigen Menschen um mich herum fingen an zu rennen, um nicht fünf Minuten ihrer Lebenszeit zu verschwanden, aber ich ließ sie einfach laufen. Im Gegensatz zu meinen Tränen, die hielt ich zurück. Diese Momente hatte ich immer wieder. Ja, mit den Jahren war es besser geworden, aber es schmerzte immer noch. Ich erinnerte mich an mein Abitur-Jahr: Alle meine Freundinnen waren mit ihren Müttern einkaufen gegangen. Hier ein Kleid, da die Schuhe und etwas Schminke. Wie sehr hatte ich mir damals meine Mama zurück gewünscht …
Langsam erklomm ich die Stufen zum Bahnsteig und lehnte mich oben angekommen an das Treppengeländer. Ich beschloss auf den nächsten Zug zu warten, vielleicht half mir die kalte, klare Luft dabei, wieder etwas ruhiger zu werden. Die Türen des Zuges schlossen sich gerade mit lautem Klacken und er fuhr ab, als eine weitere Gestalt in Winterjacke auf den Bahnsteig hastete. „Verdammt!“
Ich wollte gerade einfach meine Ruhe vor gestressten Menschen haben. Langsam richtete ich mich also wieder auf und drehte mich nach rechts, um weiter den Bahnsteig entlangzulaufen, als ich meinen Namen hörte.
„Frau Schulte?“
Ich blieb stehen und zog mir den Kopfhörer aus dem rechten Ohr. Die Stimme kam mir vage bekannt vor, ich konnte sie aber nicht zuordnen, so sehr wie ich mit meinen Gedanken beschäftigt gewesen war. Langsam drehte ich mich um und sah in ein mir tatsächlich bekanntes Gesicht. „Dr. Hoffmann.“ Unter seinem musternden Blick richtete ich mich auf und zog gleichzeitig meinen Schal etwas enger und weiter nach oben, denn ich war mir nicht sicher, ob die wenigen Tränen, die ich nicht hatte zurückhalten können, nicht doch ihre Spuren hinterlassen hatten.
Er musterte mich immer noch, als ich die Kopfhörer unachtsam in meine Manteltasche stopfte. „Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“
Ich räusperte mich, „sicher.“
Ein Blick aus seinen blau-grauen Augen traf mich und er blieb still, dann sah er auf die Anzeige. „Noch 3 Minuten.“
Ich rieb meine Hände aneinander. In der Eile heute Morgen hatte ich natürlich meine Handschuhe vergessen, was ich auch nun wieder bitter bereute.
„Und was sagen Sie nach ihrem ersten Tag bei uns?“
Ich erinnerte mich an den Rüffel von heute morgen, weil ich nicht überpünktlich auf Station angetreten war und auch an das ein oder andere Gespräch unter den festen Kollegen. Der Ton war rau und ich konnte wirklich nicht sagen, ob ich mich daran gewöhnen konnte oder viel mehr wollte. Ich sah meinem Vorgesetzten in die Augen. „Zumindest die Zimmertemperatur war wärmer als hier draußen.“ Und dann passierte etwas, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet hatte: Ein kleines Funkeln erschien in seinen Augen und er begann zu schmunzeln, „ja, die Hierarchien sind hier doch andere als in normalen Häusern.“
Ich neigte meinen Kopf etwas und musterte ihn nun meinerseits. Dass er offen für Scherze war, hatte ich tatsächlich nicht erwartet. „Ich werde mich damit schon arrangieren können.“
„Davon gehe ich aus.“
Ich zog eine Augenbraue nach oben. „Sie kennen mich doch gar nicht.“
„Möglich, aber bei der Bundeswehr lernt man schnell ein gewisses Maß an Menschenkenntnis zu entwickeln. Alles andere ist lebensgefährlich.“
Es war nicht so, dass ich nicht anpassungsfähig war, ganz im Gegenteil, aber nichtsdestotrotz hatte ich eine Meinung, die ich auch vertrat. Ich erinnerte mich an meinen Ex-Freund, der mir das nach unserer Trennung um die Ohren geschmissen hatte und musste mir ein Lachen verkneifen. Was war denn falsch daran, zu seiner Meinung zu stehen und sich nicht wie ein Fähnlein im Wind immer den anderen anzupassen? So kam man nicht voran. Aber egal, es hatte mir nur einmal wieder gezeigt, dass Menschen Ehrlichkeit genau so lange schätzten, bis die Kritik sie selbst traf. Selbstreflexion war doch mal eine Kompetenz, die man schon den Kindern in der Schule beibringen sollte. In jedem Fall war Ich froh, aktuell tun und lassen zu können, was ich wollte. Wie hatte Donna in „Mamma Mia!“ noch gleich gesagt? „Ich bin frei, ich bin alleinerziehend und ich find‘s super!“ Abgesehen vom alleinerziehend konnte ich ihr da aktuell voll und ganz zustimmen. Ich würde mich nie von einem Mann abhängig machen, das hatte ich mir schon als Jugendliche geschworen – was nicht hieß, dass ich nicht beziehungsfähig war oder das nicht wollte. Das Prinzip Gleichberechtigung hatten nur auch im 21.ten Jahrhundert noch nicht alle verstanden ... In dem Sinne: Ich war frei, allein und ich fand’s super!
„Ich sehe, sie zweifeln an meiner Menschenkenntnis.“ Dr. Hoffmanns Worte holten mich von meinem Musicalbesuch im Sommer wieder zurück auf den verschneiten Bahnsteig.
„Ganz und gar nicht. Ich zweifle nur an meinen Ambitionen, ihrem Bild von mir zu entsprechen.“
Ich hatte mit allen möglichen Reaktionen gerechnet, aber dass er einfach stumm blieb und sein Lächeln weiter intensivierte, hätte ich nicht erwartet.
„Die Bahn kommt“, nickte ich in Richtung der Gleise und er drehte seinen Blick kurz zum einfahrenden Zug. Als er mich wieder ansah, war seine Miene neutral.
„Schönen Feierabend und bis morgen früh.“ Er zwinkerte mir zu: „Pünktlich.“
„Sofern die HVV will“, zwinkerte ich zurück. „Schönen Feierabend.“ Ich drehte mich wieder um und lief zu einem der vorderen Wagen des Zuges, meinen Vorgesetzten sah ich nur noch in ein anderes Abteil einsteigen.
Erschöpft ließ ich mich auf einen der freien Sitzplätze fallen, steckte mir nun beide Kopfhörer in die Ohren und stellte meine Musik an.
Was war das gewesen?
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