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Wunden

von Annemieke
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P12 / Het
Dr. Kai Hoffmann Dr. Maria Weber Dr. Martin Stein OC (Own Character)
19.10.2021
13.05.2022
13
47.366
6
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
19.10.2021 2.911
 
Ein herzliches Hallo in die Runde! :)
Schön, dass ihr hier auf meine Geschichte gestoßen seid <3 Ich hoffe sehr, dass euch mein Projekt gefällt :)
Wie alle Autoren würde natürlich auch ich mich über eure Meinung zu meiner Story freuen - ganz egal ob als Review oder Mail!
In jedem Fall wünsche ich euch ganz viel Spaß beim Lesen :)
Da die Story in der Serie natürlich auch weitergeht, kann es passieren, dass meine Ideen die Vergangenheit betreffend nicht immer mit dem Bild der Serie übereinstimmen. Stand ist Folge 950 - aber dafür ist es ja auch eine Fanfiction :D

Liebe Grüße
Annemieke

Disclaimer
Die Geschichte basiert auf der ARD/ mdr Produktion "In aller Freundschaft" der Saxonia Media - Teile der Geschichte sind an Szenen und Dialoge der TV-Serie angelehnt und werden hier von Zeit zu Zeit zitiert. Die Rechhte hierfür liegen bei den Machern der Serie.

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Kapitel 1 - Neustart

Freitag, 15.07.2016
Ich stand vor dem großen Gebäude.
Die weiße Fassade erstreckte sich von hier aus viele Meter in beide Richtungen, unterbrochen wurde der weiße Putz nur von der großen, gläsernen Schiebetür und einigen Fenstern. Ein altes Gebäude, wie es sie hier früher haufenweise gegeben hatte, von denen aber nur die Wenigsten die Bombenangriffe auf Würzburg am Ende des Zweiten Weltkriegs überlebt hatten. Dieser eine, renovierte Altbau stach zwischen den anderen, neueren Gebäuden hervor und doch hatte diese Abwechslung in der Architektur einen Charme, der mir ein kleines bisschen half, den nächsten Schritt zu tun. Immer einen Schritt nach dem anderen, und jeden zu seiner Zeit. Ich hörte die Stimme meines Therapeuten: „Nicht alles auf einmal. Auch eine Reise mit 1000 Meilen beginnt mit dem ersten Schritt, und Sie sollen hier auch nicht den olympischen Rekord im Weitsprung brechen.“ Als ob! In Leichtathletik war ich nie gut gewesen und mal abgesehen vom Weitwurf, war Weitsprung das Zweite, das ich nie hinbekommen hatte.
Ich drehte mich einmal um mich selbst. Auf den glänzenden Metall-Lamellen, die einige Fenster der Neubauten auf der anderen Straßenseite verdeckten, spiegelte sich die Sonne bereits, es würde sicher wieder einer dieser heißen Sommertage werden. Ich schloss meine Augen. Nach dem Regen am Abend zuvor hatte es wenigstens etwas abgekühlt, das war im Sommer wirklich ein Segen.
Die Schauer hatte diesen typischen Duft nach nassem Gras und komplett sauber gespülter Luft hinterlassen. All der Dreck, all der Ballast schien vorerst weggeschwemmt zu sein … Ich sammelte all meine Kräfte und öffnete die Augen wieder. Einen tiefen Atemzug später setzte ich mich dann in Bewegung und ging durch die sich automatisch öffnende Tür, bevor ich es mir doch noch anders überlegte.
Ich hatte die Worte meiner Tante noch immer im Ohr. Sie hallten durch meine Gehörgänge, stießen dort wie ein Echo von einer Seite an die andere und machten es mir fast unmöglich klar zu denken. „Ina, warum tust du dir das an?“
Tagsüber waren es die Worte, die meine Gedanken einnahmen, nachts holten mich dann die Bilder ein, die vor meinem inneren Auge vorbeizogen, sich an die Innenseite meiner Lider hefteten und nicht im Geringsten daran dachten, zu verschwinden ...
Ja, warum tat ich mir das an?
„Guten Morgen“, eine Stimme riss mich aus meinen Gedanken, vertrieb die Dämonen für einen Augenblick.
Ich räusperte mich, „guten Morgen“, antwortete ich dann und trat den letzten Schritt an den Tresen heran. „Schulte Katharina, ich bin die neue Kollegin. Pädiatrie und Gynäkologie.“ Ich sah in ein freundliches Gesicht und setzte daher ebenfalls ein Lächeln auf, in der Hoffnung, dass mir das auch gelang.
„Ach, Sie sind das!“ Die Grübchen des Braunhaarigen vertieften sich, „herzlich willkommen, Sie werden schon sehnsüchtig erwartet.“
„Danke.“ Ich spürte, wie es an meinen Wangen wärmer wurde. Errötete ich etwa? Verlegen räusperte ich mich erneut, ich war es nicht mehr gewohnt, mehr als sorgenvolle Blicke auf mich zu ziehen. Vielleicht war das hier doch die richtige Entscheidung.
Ich hatte es versucht, aber es ging nicht mehr. Nicht nach diesem schicksalhaften Tag. Es ging nicht mehr an der alten Klinik und vor allem ging es nicht mehr mit ihm. Allein die Wahrscheinlichkeit, ihm doch zufällig zu begegnen, belastete mich zu sehr. Und es ging generell nicht mehr, was ich dann auch nach einigen Monaten der Qual zugeben hatte müssen. Aber jetzt, über ein Jahr später musste ich einfach wieder arbeiten, einfach wieder etwas tun. Aber zurück wollte ich definitiv nicht. Die alten Kollegen hatten es nur gut gemeint, aber sie hatten mich so sehr in Watte gepackt, dass ich in diesem dicken Kokon vermodert wäre, hätte ich nicht die Flucht ergriffen.
Ja, es war Zeit wieder zu beginnen. Neu zu beginnen. Woanders zu beginnen.
Dafür war ich auch einmal durchs halbe Land gezogen und in meiner Wohnung sah es immer noch aus wie in einem Paketzentrum. Der kleine, schmerzhafte Schnitt an meiner Handfläche erinnerte mich auch jetzt noch daran, dass sich ein Karton auf dem Nächsten stapelte und so schnell würde sich das auch nicht ändern. Ich hasste Packen einfach – ganz egal ob Ein- oder Auspacken. Generell war ich lieber mit wenig Gepäck unterwegs, aber ein Umzug nur mit einem Koffer – das ging vielleicht zu Studentenzeiten, aber nicht mehr jetzt.
„Sie gehen jetzt einfach hier rechts die Treppe hoch, dann den Gang links nach hinten und dann kommen Sie ins Personalbüro.“
Ich schüttelte die Gedanken an mein privates Paketzentrum ab, bedankte mich und lief die Stufen nach oben.
Der erste Tag an einer neuen Klinik war wie etwa der erste Schultag: Man kannte die Gebäude nicht wirklich, es kamen zahllose, neue Menschen auf einen zu und alle wollten von einem wissen, wer man war. Nur die Schultüte fehlte leider.
„Zimmer 1198 - Personalmanagement“ stand auf dem Schild neben der Tür. Auch hier blieb ich kurz stehen, um mich zu sammeln, atmete tief ein und klopfte dann an.
„Herrein!“, hörte ich eine Frauenstimme von der anderen Seite und wenige Minuten später hatte ich einen riesigen Stapel Zettel in der Hand. Ein reiner Büro-Job wäre definitiv nichts für mich gewesen, dafür liebte ich neue Eindrücke, Spontanität und die Arbeit mit Menschen viel zu sehr. Der direkte Kontakt würde mir bei all den Papierbergen doch zu sehr fehlen, zumindest mutmaßte ich das, denn ausprobiert hatte ich es nicht und um ehrlich zu sein, reichte mir der ärztliche Dokumentationskram schon. Ich füllte die leeren Zeilen aus, unterschrieb bestimmt an zehn Stellen und bekam schließlich einen Mitarbeiterausweis, einen Schlüssel-Chip für die betreffenden Türen, einen kleinen Schlüssel für meinen Spind, hundert Zettel für meine persönliche Dokumentation und hatte Mühe all das in meiner kleinen Tasche unterzubringen, als mir noch ein kleines Blümchen zugeschoben wurde.
„Herzlich willkommen am Universitätsklinikum Würzburg.“


Ich hing in der Luft, diese Warterei war zermürbend. Natürlich hatte ich wieder ein perfektes Timing an den Tag gelegt und war in der Klinik angekommen, als die Schlange am Empfang für eine halbe Ewigkeit nicht kürzer werden wollte. Und auch nachdem ich an der Reihe war, schien es noch elendig lange zu dauern. Die Frau hinter dem Tresen suchte nun etwas umständlich nach Informationen im Kliniknetzwerk und ich ließ meinen Blick umherschweifen, um meine Ungeduld zu verbergen.
„Tut mir leid, Dr. Hoffmann hat heute keine Termine frei.“
Ich sah die Krankenschwester wieder an. „Sagen Sie ihm trotzdem Bescheid? Richten Sie ihm aus, dass Ina Schulte ihn sprechen muss?“.
Ich stand also weiterhin im Foyer hinter einer sich weit erstreckenden Glasfassade. Das Gebäude müsste schätzungsweise um die Jahrtausendwende gebaut und dann ständig modernisiert worden sein, rein optisch war es in jedem Fall ein riesiger Gegensatz zum Stilmosaik meiner alten Klinik. Dort wechselten sich modernisierte Vorkriegsaltbauten mit welchen aus den 50ern, 70ern und einigen neuen Gebäuden ab. Aber auch das Gelände war größer und zum Teil brauchte man von einer Station zur anderen einen Fahrdienst – dass die Uniklinik Würzburg am Berg lag, machte das Ganze auch nicht einfacher. Ganz anders sah es dagegen hier in Leipzig aus, zumindest sofern ich das bisher bewerten konnte. Ich legte meinen Arm auf den Tresen und sah nach links in Richtung der Eingangstür. Ja, ich könnte auch einfach wieder dort hinaus gehen, aber ich wollte nicht mehr davonlaufen. Ich hatte es lange genug versucht und war inzwischen zu dem Schluss gekommen, dass das alles nichts brachte. Mein Alltag hatte sich wieder größtenteils eingependelt. Ja, die Momente des Zweifelns gab es immer noch, aber ich hatte gelernt, dass das Leben weiterging. Trotzdem lag so viel Unausgesprochenes auf meiner Seele. Gerade Kai und ich, hatten es nie gemeinsam verarbeitet.
Als dann vor einigen Wochen das Angebot kam, hier an die Sachsenklinik zu wechseln, hatte es sich im ersten Moment richtig angefühlt. Es war beruflich gesehen eine Chance, die ich nicht ablehnen konnte und irgendwo in meinem Innern hatte ich vielleicht auch die Hoffnung, endgültig meinen Frieden mit der Vergangenheit machen zu können. Damit all das hier aber überhaupt die Chance bekam zu funktionieren, musste ich noch einmal mit Kai reden. Wenigstens einmal, bevor wir ab morgen Kollegen waren.
Am Haupteingang sah ich nun nur einen Rettungssanitäter stehen und einen dunkelhaarigen Mann mit wehendem, weißem Kittel an ihm vorbei rauschen.
Ich warf der Brünetten ein Lächeln zu und bedankte mich kurz, dann ließ ich meinen Blick nach rechts schweifen und atmete noch einmal tief durch, als ich sah, dass der Arzt nun neben mir am Empfangstresen stand.
„Dr. Schulte? Unsere neue Gynäkologin?“ Er steckte sich einen Kugelschreiber in die Brusttasche seines Kittels.
„Sie sind gut informiert“, ich lächelte den Dunkelhaarigen an und er streckte mir prompt die Hand entgegen.
„Dr. Philipp Brentano.“
„Freut mich“, erwiderte ich und schüttelte seine Hand. Allerdings schien er mehr über mich zu wissen als ich über ihn. Kannte ich einen Fachartikel von ihm? Zumindest im Moment, klingelte bei diesem Namen nichts.
„Ich bin der leitende Oberarzt.“ Damit wäre zumindest geklärt, woher er meinen Namen kannte. Mein Plan war es aber eigentlich nicht gewesen, den Kollegen heute schon zu begegnen ...
„Herzlich willkommen in der Sachsenklinik.“
„Danke“, ich wandte den Blick ab. Er schien ja ganz nett zu sein, aber meine Agenda für den heutigen Tag hatte definitiv anders ausgesehen …
„Wollten Sie nicht erst morgen anfangen?“ Der Mann war besser informiert, als mir lieb war. Im Hintergrund hörte ich die Schwester telefonieren.
„Das stimmt, ja, ich muss heute noch was klären.“ Und zwar dringend …
„Mit dem Chefarzt? Vielleicht kann ich Ihnen auch weiterhelfen“, bot er hilfsbereit an und ich musste mein Lachen nun etwas unterdrücken, „ich fürchte nein“, ich schüttelte den Kopf. Sein Engagement war wirklich reizend, aber in dieser Sache konnte mir nun wirklich kein anderer weiterhelfen.
„Hallo“, eine weibliche Stimme mischte sich nun von hinten dazu. „Ich möchte in die Gyn-Sprechstunde.“
„Haben Sie einen Termin?“
„Nein, aber es ist dringend.“
Aus den Augenwinkeln sah ich die junge Frau, dann wieder die brünette Krankenschwester an, als sie den Telefonhörer wieder ablegte. „Entschuldigung. Dr. Hoffmann lässt ausrichten, er hat heute keine Zeit. Machen Sie einen Termin?“
„Ja, klar …“
Zugegebenen Maßen hätte ich nie damit gerechnet, dass sich unsere Wege wirklich noch einmal kreuzen würden, aber umso wichtiger war es mir, die Dinge vorher geklärt zu haben. Ohne diese Basis würde das ein Fiasko. Generell mochte ich es nicht, offene Konflikte oder Probleme mit mir herumzutragen, aber allem Anschein nach, war der Wunsch einer Aussprache einseitiger Natur. Was hatte ich auch erwartet? Ein herzliches Willkommen? Wer war schon scharf darauf, seine schmerzhafte Vergangenheit jubelnd in die Arme zu schließen? Einmal mehr drängte sich mir die Frage ins Bewusstsein, ob das hier richtig war. Ja, trotz der ersten Intuition, dass ich diesen Weg hier gehen wollte, war dieser Entscheidungsprozess nicht ohne Zweifel und der ein oder anderen schlaflosen Nacht abgelaufen. Ich hatte mir die Entscheidung nicht leicht gemacht – ganz im Gegenteil.
Ich wandte den Blick wieder nach rechts, wo nach wie vor Dr. Brentano stand und unterdrückte nur mit Mühe ein Seufzen. Das war so typisch Kai. Ich ärgerte mich etwas, dass ich damit nicht gerechnet hatte.
„Kann ich bitte drankommen? Es ist wirklich dringend.“
Mein Blick wanderte wieder zu der jungen Frau mit der roten Weste und der lila Mütze und zurück zu dem großen Oberarzt. „Also, ich meine, wenn‘s dringend ist … Ich bin ja hier, also …“ Ich zuckte kurz mit den Schultern und der Blick meines Gegenübers signalisierte mir Zustimmung. Dann war ich wenigstens nicht ganz umsonst hergekommen und da Kais Terminkalender so voll zu sein schien, würde ich ihm schon nicht begegnen. „Zeigen Sie mir, wo?“
„Also gut“, er räusperte sich kurz und reichte das Klemmbrett über den Tresen. Dann wandten wir uns beide der schwangeren Patientin zu. „Das ist Dr. Schulte, sie ist Gynäkologin, Sie guckt sich das mal an.“
„Och, das ging ja jetzt schnell.“
„Ja“, er lief um den Tresen herum. „Kommen Sie?“

Die Untersuchung dauerte nicht allzu lange. Der Ultraschall half mir jedoch nicht wirklich weiter, zumindest nicht mit diesem Gerät hier. Erst einmal ging ich aber von keiner akuten Gefahr für Mutter und Kind aus, aber ich bräuchte zeitnah weitere und genauere Untersuchungsergebnisse. Zu viel Fruchtwasser konnte so viele und durchaus ernste Ursachen haben. Dass sie hier in der Klinik war, beruhigte mich jedoch etwas. Bei all dem medizinischen Personal würde nichts passieren. Ich reichte der jungen Frau ein Klemmbrett: „Also. Warten Sie einmal bitte hier und füllen das aus. Ich lasse Sie abholen, ja?“ Sie sah mich verunsichert an und ich legte ihr meine Hand auf die Schulter und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln, dann lief ich auf den Gang hinaus und schloss die Tür hinter mir. Zurück in der Notaufnahme sah ich mich um. Zuerst in die Richtung, aus der ich gekommen war, dann nach rechts. Das Tor am Ende des Ganges war ebenfalls offen und ein Rettungswagen stand davor. Das Blaulicht durchzuckte die Einfahrt und ließ die weißen Wände in regelmäßigen Abständen blau erscheinen. An einem Computer stand eine blonde Krankenschwester, ich lief auf sie zu, als auch sie sich in meine Richtung in Bewegung setzte. „Hallo Schwester“, ich beugte mich etwas nach links, um ihr Namensschild lesen zu können, „Mirjam. Hi“, ich gab ihr die Hand und sie sah mich etwas verwirrt an. „Ich bin Ina Schulte, ich bin neu hier.“
„Ach“, ich konnte sehen, wie ihr bei meinem Namen ein Licht aufging. Anscheinend wussten hier mehr Leute von meinem Start, als ich es erwartet hatte. „Die neue Gynäkologin – Freut mich!“
„Ja“, ich lächelte sie an und sah kurz erneut nach rechts zum Rettungswagen, um dann weiterzusprechen, aber ich kam nicht dazu.
Mein Blick verharrte. Ich starrte in blau-graue Augen, die ich nur zu gut kannte. Selbst auf die Distanz und nach all der Zeit war eine Verwechslung unmöglich. Ich hatte ihn seit über vier Jahren nicht mehr gesehen. Bei unserer letzten Verabredung hatte er mich einfach versetzt. Ich hatte über eine Stunde in einem Café nahe dem Dom gesessen und auf ihn gewartet, aber das Einzige, was ich von ihm zu sehen bekommen hatte, war die Unterschrift auf dem Scheidungsvertrag. Und auch das war bereits wieder zwei Jahre her. Auch Schwester Mirjam sah in seine Richtung, ich ließ ihre Hand los und steckte meine in die Taschen des weißen Kittels, da ich nicht wusste, wohin mit ihnen. Kais Blick konnte ich nicht deuten, dass er mich erkannt hatte, war jedoch nicht zu übersehen. Das war meine Chance mit ihm zu reden – wenigstens kurz. Er brach den Blickkontakt ab und bog um eine Ecke. „Kai. Warte!“ Ich setzte mich ebenfalls in Bewegung und lief in seine Richtung, als mir meine Patientin wieder einfiel. Im Laufen drehte ich mich zu der blonden Krankenpflegerin um: „In der Behandlung liegt eine Patientin, die müsste zum Ultraschall auf die Gyn … Kümmern Sie sich? Ich bin gleich wieder da.“ Ich bog um die Ecke und folgte Kai in den Aufzug. Er würdigte mich keines Blickes. Ich atmete tief ein und aus, fuhr mir durch die Haare und sah zu ihm, aber er starrte noch immer auf die silber-graue Verkleidung des Fahrstuhls. Er schien meinen Blick bemerkt zu haben und schielte kurz nach rechts, nur um dann wieder das Metall mit seinem Blick zu durchbohren.
„Rennst du vor mir weg?“
Jetzt wandte er seinen Blick ganz ab und ich seufzte tief. „Das wird nicht klappen“, ich senkte meinen Blick kurz, dann sah ich wieder sein Profil an, „ich arbeite jetzt hier.“
„Dein Dienst fängt erst morgen an.“
„Ich wollte ganz in Ruhe mit dir … sprechen.“ Nichts anderes hatte ich vorgehabt, dennoch betonte ich das Wort extra. Miteinander sprechen. Etwas, das wir damals nicht geschafft hatten. Wir hatten geredet, ja. Aber nicht wirklich miteinander gesprochen. Ich zuckte mit den Schultern und ließ sie wieder fallen. „Bevor wir dann ab morgen Kollegen sind.“ Er reagierte nicht und ich seufzte abermals, ließ meinen Blick sinken und holte wieder Luft, denn die Stille hier fühlte sich falsch an. „Ich kann ja verstehen, dass dir das schwer-“
„Ina, was willst du hier?!“ Ich zuckte etwas zusammen, als er mich anschrie und damit in meinem Satz unterbrach. Die Art wie er reagierte, tat weh, aber zum ersten Mal sah er mich nun bewusst an. Ich konnte aber auch jetzt nicht sagen, was er dachte. Wir hatten uns beide verändert. Er atmete tief aus und vervollständigte seinen Satz in ruhigerem Ton, „ausgerechnet in diesem Krankenhaus?“ Er zuckte mit den Armen, schüttelte den Kopf und verließ den Aufzug, dessen Türen sich mit einem „Pling“ im gleichen Augenblick öffneten. Kurz blieb ich überfordert stehen, dann setzte auch ich mich in Bewegung und folgte ihm, denn gesprochen hatten wir immer noch nicht. Und all das Unausgesprochene hing zwischen uns in der Luft und verdichtete sie zu einem bedrückenden, fast schon bedrohlichen Gefühl.
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