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Couchsurfing mit Folgen

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Maxim Drüner Nico Seyfrid Tarek "Tafel" Ebéné
17.10.2021
14.02.2022
17
30.605
5
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Dieses Kapitel
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17.10.2021 1.711
 
Gedankenverloren kaute ich auf meinen Fingernägeln herum, während die Jungs irgendwas für ein kommendes Konzert besprachen. Irgendwie konnte ich mich nicht konzentrieren. Die ganze Sache mit Natalie beschäftigte mich einfach viel zu sehr im Moment.
Seit einigen Monaten lief es schon nicht mehr bei uns. Dabei hatte ich immer gedacht, dass ich in ihr die Liebe meines Lebens gefunden hätte. So kitschig es auch klingen mochte. Doch mittlerweile stritten wir nur noch. Es war kaum auszuhalten. Ich erkannte sie kaum wieder.

Anfang des Jahres noch hatten wir schon fast begonnen Babypläne zu schmieden. Naja, eigentlich hatte Natalie damit angefangen. Ich war zwar nicht komplett abgeneigt gewesen, aber wir hatten gerade erst ein neues Album aufgenommen und eine Konzert- und Festivaltour stand bevor. Musikvideodrehs, Interviews, Promo-Aktionen... Es passte einfach null in den Zeitplan. Und ehrlich gesagt fühlte ich mich dann doch noch nicht bereit für ein eigenes Kind. Ich war zwar schon 30, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es einfach noch nicht in mein Leben passte.

Klar, verstand Natalie meine Einwände. Aber dann kam sie immer und immer wieder damit an, bis ich irgendwann echt genervt war und vielleicht ein ganz kleines bisschen zu laut ihr gegenüber wurde. Seitdem verhielt sie sich komisch.
Vorher hatten wir immer über alles reden können. Vorher hatten wir immer diplomatische Lösungen für alles gefunden. Jetzt war es so, als würde ich auf Eierschalen laufen. Egal, was ich sagte, irgendwie war es falsch. Ich hatte ihre gefühlvolle Art immer geschätzt, aber mittlerweile war sie so sensibel, dass ich bei jedem Satz, bei jeder Anmerkung, die ich hatte, doppelt und dreifach überlegte, wie ich es am besten formulieren sollte, damit sie nicht wieder an die Decke ging. Kurz gesagt: Es war lange her, als ich mich das letzte mal aufs Nachhausekommen gefreut hatte.

“Alles gut bei dir?”, fragte mich Tarek. Ich nickte nur, ohne ihn anzusehen. “Du bist so still heute. Kennt man gar nicht von dir.”
“Jaja, alles super. Heute is mir nur nicht so nach Reden zumute.”
Ganz gelogen war das nicht. Es war mir wirklich nicht nach Reden zumute. Ich hatte irgendwie das Gefühl, wenn ich die Sache aussprach, dass sie dann noch mehr zur Realität würde. Klar, wusste ich, dass es zwischen mir und Natalie nicht mehr so richtig lief. Aber ich hatte noch Hoffnung, die Sache irgendwie zu retten. Ich hatte noch Hoffnung, dass das alles nur eine blöde Phase war, die wir nur überwinden mussten. Vielleicht würde uns das ja am Ende wieder nur noch mehr zusammenschweißen? Vielleicht war das ja alles nur eine Probe. Zumindest redete ich mir das schon seit Monaten ein. Ich hatte das Gefühl, wenn ich es jetzt aussprach, dass das der Anfang vom Ende sein würde.

Bisher hatte ich mich nur Nico ein wenig anvertraut. Aber so richtig alles erzählt hatte ich ihm auch nicht. Nur mal erwähnt, dass es in letzter Zeit öfter mal Stress zuhause gab. Ich wollte einfach, dass niemand mir in die Sache hinein redete. Wenn ich jemanden von den Zuständen bei uns zuhause erzählen würde, hätte wahrscheinlich schon jeder gesagt, ich solle Schluss machen. Aber ich wollte die Sache lieber mit mir alleine ausmachen. Beziehungsweise hoffte ich ja immer noch auf ein Happy End. In den sieben Jahren, die wir zusammen waren, gab es ja immer mal wieder Hürden, die wir überwinden mussten. An sowas konnte eine Beziehung ja nur wachsen, dachte ich immer. Jetzt fühlte sie sich allerdings so schwach wie nie zuvor an.

“Ich bin dann mal weg. Wollte noch zum Sport.”, sagte ich plötzlich stumpf in die Runde. “Okay, dann sehen wir uns morgen?”, wollte Nico wissen. “Ja, wieder um 19 Uhr?”
Alle nickten, ich schwang meine Tasche auf meine Schulter und begab mich in den Flur. Nico folgte mir. “Ey, wenn irgendwas ist… Du weißt, ich hab immer ein offenes Ohr für dich, Mann.”, sagte er dann. Lächelnd nickte ich ihm entgegen. “Danke, das weiß ich zu schätzen.” Wir umarmten uns zur Verabschiedung.

Ich sah auf mein Handy. Es war 22:30 Uhr. Ich hatte Natalie gesagt, ich würde heute spätestens um 22 Uhr zuhause sein. Aber ich hatte einfach kein Bock nach Hause zu kommen. Sie hatte mir auch schon geschrieben, wo ich denn bleiben würde, aber ich antwortete ihr nicht. Es würde eh nur Gemecker zurückkommen. Beim Sport konnte ich meinen ganzen Frust abbauen, das brauchte ich jetzt. Und niemand würde mich nerven.

Ich wusste nicht, wie lange ich letztendlich im Fitnessstudio war, aber als ich nach Hause kam, war es schon nach 12. Ich hatte gar nicht mehr auf mein Handy geschaut, einfach, um mal für ein paar Momente nicht an Natalie denken zu müssen. Schnell sprang ich noch unter die Dusche, bevor ich ins Bett gehen wollte. Ich war nicht mal eine Minute drunter, da hämmerte es auch schon wie wild an der Tür. “Was?!”, brüllte ich. “Kannst du nicht wann anders duschen?”, “Nein! Ich komm gerade vom Sport!”.
Es kam keine Antwort mehr, also ließ ich mir in der Dusche extra viel Zeit. Das heiße Wasser über den Kopf rieseln zu lassen stellte ich mir gerade auch weitaus entspannter vor, als mich jetzt zu meiner grimmigen Freundin ins Bett zu legen. Dennoch musste ich die Dusche ja irgendwann verlassen.

Leise schlich ich mich ins Schlafzimmer und legte mich in das große Bett. Bedacht darauf, keinen Körperkontakt herzustellen. Ich hatte das Gefühl, das würde Natalie noch mehr zum explodieren bringen. Ich lag also einfach da und versuchte zu schlafen, was relativ schwer fiel, da man diese unangenehmen Spannungen trotzdem noch deutlich spüren konnte. Ich hatte das Gefühl je näher ich mich zu ihr legen würde, desto eher würde die Bombe platzen.

“Du hast mich geweckt.”, sagte sie dann aus dem Nichts, in einem ernsten, aber dennoch recht emotionslosen Tonfall.
“Kann ja auch nichts dafür, dass das Bad direkt neben dem Schlafzimmer ist.”
“Dann geh nicht so spät zum Sport.”, kam es dann von ihr und diese passive Aggressivität in ihrer Stimme machte mich ganz wahnsinnig.
“Früher hat dich das auch nicht gestört.”, meinte ich daraufhin.
“Doch. Hab da bloß nie was gesagt.”, kam es dann patzig von ihr. So langsam kochte die Wut in mir hoch. “Warum hast du dann damals nie was gesagt, wenn es dich ach so doll gestört hat? Hm?”
“Du wolltest um 22 Uhr zuhause sein.”, ignorierte sie meine Frage. Scheinbar wusste sie auf diese keine Antwort.
“So schlimm, dass ich jetzt später da war? Scheinbar hast du ja eh keinen Bock auf mich. Dein Empfang war ja nicht gerade liebevoll.”
“Ja. Ich muss morgen früh arbeiten. Gibt hier Menschen im Haus, die im Gegensatz zu manch anderen einen geregelten Tagesablauf haben.”
Noch nie, aber wirklich noch nie, schien es meine Freundin vorher gestört zu haben, dass meine Arbeitszeiten etwas anders waren als ihre. Das war im Musikgeschäft nun mal so. Und jetzt schon wieder so eine Aussage. Ich wusste nicht mehr, was ich denken sollte. War sie die gesamte Beziehung nicht ehrlich zu mir gewesen?

“Weißt du was? So ne Scheiße brauch ich mir nicht zu geben. Ich penn im Wohnzimmer.”, entschloss ich kurzerhand und stand auch direkt, mit der Decke um mich gewickelt, auf.
“Tu dir keinen Zwang an.”
“Schön.”

Wütend schlurfte ich ins Wohnzimmer und schmiss mich auf die Couch. Das war das erste mal, in den vier Jahren, die wir mittlerweile zusammen wohnten, dass ich aufgrund eines Streits auf dem Sofa pennen musste. Oder wollte. So weit war es sonst nie gekommen. Die Regel war es immer gewesen, nie wütend auf einander schlafen zu gehen. Aber es hatte sich ja so einiges geändert in letzter Zeit. Völlig aufgewühlt wälzte ich mich hin und her. Dann griff ich nach meinem Handy. Es war schon kurz vor 2. Ich beschloss Nico zu schreiben. Die Chancen, dass er noch wach war, standen gar nicht so schlecht. Vor 15 Minuten war er das letzte mal online gewesen.

-Hey, noch wach?-

Direkt anrufen wollte ich ihn auch nicht. Dann würde Natalie bestimmt was davon hören und sich wieder beschweren, dass sie nicht schlafen könne. Verfluchte Altbauwohnungen. Aber leider antwortete mir Nico auch nicht, also musste ich wirklich an etwas anderes denken und einfach einschlafen. Leichter gesagt als getan. Meine Gedanken schwirrten nur wie wild in meinem Kopf herum und ich schaffte es einfach nicht, diese aus meinem Hirn zu verbannen.

Natalie war meine erste richtige Freundin gewesen. Wir kamen zusammen als ich 23 war, sie war damals 20. Davor gab es einige Bekanntschaften, aber sie war die erste, bei der es länger als ein paar wenige Monate hielt. Ich liebte sie, weil sie mich immer genau zu verstehen schien.
Viele Menschen gingen einfach immer davon aus, dass es für mich einfach war, Frauen kennenzulernen. Schließlich sahen sie nur das, was ich auch von mir präsentierte. Ich war mittlerweile offiziell als der Schönling von K.I.Z abgestempelt worden und mir war durchaus bekannt, dass mich viele Menschen sehr attraktiv fanden. Allein durch diesen Faktor dachten die meisten, es schon begründen zu können, dass mir niemand einen Korb gab. Aber die Realität sah dann doch anders aus. Die Frauen und Mädels, die ich früher gedatet hatte, hatten meist doch recht schnell genug von mir. Auf Dauer war ich denen dann doch zu anstrengend. Was sie am Anfang noch witzig und charmant fanden, nervte diese dann schnell und ich stand wieder alleine da. Ständiger Bewegungsdrang, schnelle Langeweile und dass ich immer irgendwas machen wollte und oft sehr direkt und impulsiv sein konnte, dann war ich plötzlich super anhänglich und in der nächsten Minute brauchte ich wieder meinen Freiraum. Das schreckte viele Frauen dann doch auf lange Hinsicht ab. Deshalb war ich mehr als froh, dass ich in Natalie endlich die Frau gefunden hatte, die mich so liebte, wie ich nunmal war. Aber ich hatte das Gefühl, dass sie das mittlerweile auch nicht mehr tat.

Irgendwann schien ich wohl doch ins Land der Träume abgedriftet zu sein, denn als ich das nächste mal die Augen öffnete, war es schon hell im Wohnzimmer. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es halb 10 war. Dann war Natalie schon bei der Arbeit.

Ich sah auf mein Handy. Nur eine Nachricht von Nico.

-Ne, sorry hab schon gepennt. War was?”-
-Kein Ding. Nichts wichtiges.-

Vielleicht würde ja heute alles wieder besser werden.
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