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Poker

von Isaria
Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P12 / MaleSlash
Agron Duro Nasir OC (Own Character)
17.10.2021
17.10.2021
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Erst vor wenigen Minuten hatte die Schulglocke zur großen Pause geläutet und wie ein riesiger Fluß waren die Schüler aus dem Gebäude geströmt und hatten sich je nach Klassenstufe ihre Stammplätze gesichert.

Nasir stand mit seinem Freund Duro im Schatten einer Kastanie und unterhielt sich mit ihm über das Fernsehprogramm des letzten Abends. Sie tauschten ihre Eindrücke und aufgeschnappten Sprüche aus und lachten herzlich über sie.

Keine zehn Meter von ihnen entfernt standen Duros Bruder Agron mit seinen Freunden Spartacus, Crixus, Donar und natürlich Varro und tuschelten miteinander. Dabei tauschten sie kleine Zettel untereinander aus.

Eine kleine Windböe riss Agron einen der Zettel aus der Hand und als sich jener bückte um ihn aufzuheben, fiel sein Blick auf Duro und Nasir. Der Windstoß hatte mehrere Haarsträhnen Nasir ins Gesicht geweht, sodass er Mühe hatte sein Pausenbrot zu essen ohne dabei seine eigenen Haare in den Mund zu bekommen.

Immer wieder wischte er sie sich aus dem Gesicht und drehte sich laut kichernd dabei bis seine Blicke die von Agron trafen. Sofort errötete Nasir und er senkte schnell den Kopf und wandte dem anderen den Rücken zu.

Doch schon stieß ihn Duro spielerisch an die Schulter und meinte fröhlich. „Hey, da drüben ist ja Agron.“, und winkte dem Bruder daraufhin zu. Der nickte und hob halb die Hand, wobei seine Augen mehr auf Nasir als auf Duro lagen.

Ein breites Lächeln umspielte seine Mundwinkel als Nasir schließlich schüchtern ebenfalls seine Hand zum Gruß hob.

Plötzlich wurde Agron von Donar derb um die Schultern umschlungen und herzhaft durch die Haare gewuschelt. „Agron ist verliebt, Agron ist verliebt.“ „Lass das sein, Donar. Ich bin nicht verliebt. Er ist mit meinem kleinen Bruder befreundet und ich kenne ihn ja kaum.“, gab Agron missmutig von sich.

Die anderen feixten, was Agron nun doch erröten ließ und er schnell die Rede auf den geplanten Spielnachmittag am Samstag brachte. „Ich kann diesen Samstag nicht. Ich habe Naevia gefragt, ob sie mit mir zusammen ein Eis essen geht und vielleicht hinterher ins Kino.“, gestand Crixus seinen Freunden ein.

„Wow, hast du es endlich geschafft sie mal zu fragen? Gut, okay aber dann haben wir einen zu wenig.“ Spartacus nickte und wandte sich an den Jungen, der keine zwei Meter entfernt neben ihnen stand und bisher nur Augen und Ohren für Saxa gehabt hatte.

„Hey Gannicus, hast du Lust übermorgen für Crixus einzuspringen?“ Der schüttelte nur den Kopf. „Sorry Mann, kein Interesse.“ Agron seufzte. „Na toll und was machen wir jetzt?“ „Was ist mit Duro?“

„Duro? Vergiss es Donar. Davon habe ich nichts.“ „Weil du mit ihm die Beute teilen musst und dir so noch weniger als sonst bleibt.“ „Wir könnten ja auch erst nächste Woche spielen. Was meinst du Crixus?“

„Da kann ich auch nicht, weil wir da zu Besuch bei meiner Tante sind.“, erwiderte jener. „Nächste Woche? Nein Agron, bis dahin habe ich meinen Spieleinsatz schon zu einem Drittel vernichtet.“, gab Varro zu und erntete fröhliches Gelächter.


„Worüber reden die da?“, fragte Nasir seinen Freund, der ihm leise flüsternd Auskunft gab. „Jeden Monatsende am Samstag spielen die bei uns zu Hause Poker. Das darf ich aber keinem verraten, sonst bekomme ich meinen Anteil von Agrons Gewinn nicht.“ „Um was pokern die denn, Duro?“

Der schüttelte nur den Kopf und lächelte wissend, was Nasir nur noch neugieriger machte.


Nach Schulschluss begleitete Nasir Duro und Agron zu deren Zuhause. Seine Eltern waren heute Mittag nicht da und da hatte er Duro gefragt ob er so lange bei ihm bleiben könnte. Der hatte erst seine Mutter fragen müssen aber die hatte Nasir wie selbstverständlich zum Mittagessen eingeladen.

Nasir freute sich darauf auf diese Weise Zeit mit den Brüdern verbringen zu können und so ja vielleicht mal von Agron etwas mehr beachtet zu werden.

Auf dem Weg redeten Duro und Nasir über allen möglichen Kram, die letzte Schulstunde, über die zu erledigende Hausaufgabe für die Nasir seinem Freund natürlich Unterstützung anbot, über die neue Staffel ihrer Lieblingsserie, die in der nächsten Woche im Fernsehen starten sollte, über den kommenden Spieltag der Fußballbundesliga und ob ihre Heimmannschaft eine Chance hatte mal wieder einen Sieg einzufahren.

Die ganze Zeit über war Agron zwei Schritte hinter ihnen schweigend dahingetrottet, hatte seine Hände in den Hosentaschen vergraben und stieß schlechtgelaunt hin und wieder einen kleinen Stein aus seinem Weg.

Er hielt den Kopf gesenkt und konnte so nicht sehen, wie Nasir ihm manchmal einen kurzen verstohlenen Blick zuwarf. Schließlich hatte er genug davon und blieb kurzerhand stehen, sodass Agron unweigerlich in ihn hineinlief und erschrocken aufsah.

„Ist alles in Ordnung mit dir? Du hast noch kein einziges Wort gesagt seit wir die Schule für heute und für ein langes Wochenende verlassen haben. Also, ich höre dem Bruder meines besten Freundes zu.“

Agron seufzte hörbar und nahm zuerst einmal die Hände aus den Hosentaschen. „Ich hatte für übermorgen Pläne mit meinen Freunden und in der Pause hat mir einer von ihnen abgesagt und ich habe keinen blassen Schimmer, wer ihn ersetzen könnte.“

„Wie wäre es mit mir an seiner Stelle?“ Erstaunt riss Agron die Augen auf. „Du?“ „Ähm ja, Duro hat was von einem Spiel erzählt aber keine Sorge, er hat keine Einzelheiten berichtet.“

„Na schön. Wir wollten übermorgen ein bisschen pokern. Kennst du dich damit aus? Ja oder nein?“ „Ein wenig.“ „Klingt nicht unbedingt überzeugend aber probieren wir es aus. Der Mindesteinsatz beträgt vier Bonbons.“

„Bonbons?“ „Wir spielen um Süßigkeiten.“ „Bekommt ihr denn so viele Süßigkeiten, damit ihr um sie spielen könnt? Meine Ma kauft mir selten mehr als eine Tüte Bonbons oder eine Tafel Schokolade. Ostern und Weihnachten bekomme ich natürlich mehr aber sonst eigentlich nicht.“

Agron grinste. „Vater arbeitet in Donauwörth in einer Bonbonfabrik. Jeden dritten Monat, wenn die Lohn kriegen, bringt er uns beiden einen großen Beutel gemischte Bonbons mit. Die sind alle lose und da ist von allen Sorten was dabei. Die Mutter von Spartacus arbeitet in der Verwaltung in Baiernrain auch in so einer Fabrik und bringt ihm auch zum Monatsende welche mit. Donars Vater ist in Cadolzburg in einer Schokoladenfabrik angestellt und bringt auch jeden dritten Monat eine Tüte Schokolade mit und Varros Tante ist in Nürnberg in einer von den Lebkuchenfabriken.

Gleich daneben gibt es dort auch einen Verkauf von Trolli. Also kriegt Varro Lebkuchen und diesen Fruchtgummikram. Crixus Vater arbeitet in Lindau und kommt nur am Wochenende nach Hause und bringt dann immer jede Menge Knabberzeug mit.“

Nun fingen Nasirs Augen an zu glänzen. Die Verlockung so viele Süßigkeiten an einem Nachmittag zu kriegen, die war einfach zu groß. Blieb nur die Frage ob seine Mutter das gestatten würde um Bonbons und Schokolade zu spielen.

„Nun Nasir, bist du immer noch dabei oder nicht?“ „Ich bin dabei. Meiner Schwester werde ich wohl einen Teil abtreten müssen aber das macht mir nicht viel aus.“ „Und ich teile mit Duro.“


Inzwischen waren sie an ihrem Ziel angelangt und Agron klingelte an der Wohnungstür. Die wurde gleich darauf geöffnet und Agrons Mutter begrüßte sie. „Da seid ihr ja, Jungs. Nasir schön dich zu sehen. Kommt rein und stellt eure Rucksäcke ab und dann Hände waschen.

Ich hab´ den Tisch schon gedeckt. Agron, hilfst du mir dann die Schüsseln reintragen, wenn du soweit bist.“ „Klar Ma. Was gibt es denn zu essen?“ „Spinat mit Kartoffeln und Rührei.“ Leise raunte Nasir dem neben ihm stehenden Duro zu. „So ein Essen kenne ich gar nicht.“ Duro sah ihn mitleidig an.

„Das ist eins unsrer Lieblingsessen. Wirst schon sehen.“ Sein Blick war aufmunternd, weil ihn der Freund zweifelnd musterte. Nach dem Händewaschen folgte er Duro ins Wohnzimmer und setzte sich neben ihn an den großen Esstisch.

Nicht lange und dann brachte Agron eine große Schüssel mit Salzkartoffeln und stellte sie in die Mitte des Tisches. Danach brachte er eine zweite große Schüssel mit dem Spinat und stellte sie daneben.

Agrons Mutter kam gleich darauf mit einer Pfanne voller Rührei und stellte sie ebenfalls auf den Tisch. Sie hatte sich kaum hingesetzt, da wollte Agron bereits nach den Kartoffeln greifen aber seine Mutter klapste ihm sanft auf die Finger.

„Nasir ist Gast und darf sich zuerst nehmen.“ Der sah sie ein wenig ratlos an und den Blick verstehend, nahm sie seinen Teller und füllte ihn zunächst mit mehreren Kartoffeln und schöpfte ihm hinterher zwei Kellen vom Spinat darüber.

„Möchtest du auch Rührei haben, Nasir?“ Der reckte den Hals um einen besseren Blick in die Pfanne werfen zu können. „Nur ein bisschen bitte.“ Sie entsprach seinem Wunsch und ließ nur einen Esslöffel voll auf seinen Teller gleiten und reichte ihm anschließend den gefüllten Teller.

„Langt tüchtig zu, Jungs. Ich habe noch mehr in der Küche auf dem Herd stehen.“ Begeistert machten sich Agron und Duro über die Schüsseln her und schaufelten sich regelrecht die Teller voll, was Nasir mit großen Augen verfolgte.

Er sah zu, wie sein Freund zuerst die Kartoffeln zerteilte und danach mit dem Spinat vermengte und dabei das Rührei an der Seite unangetastet ließ. Auch Agron und die Mutter der beiden aßen ihr Essen auf die selbe Weise und da machte er es ihnen nach.

Es schmeckte wirklich gut und als er endlich seinen Teller leer hatte, fragte er vorsichtig nach einem Nachschlag. Von Duro bekam er einen kleinen Stoß in die Seite. „Nicht fragen sondern einfach nehmen.“

Doch leider waren beide Schüsseln nahezu leer. In der einen lagen noch drei Kartoffeln und in der anderen nicht einmal mehr eine halbe Kelle vom Spinat. Enttäuscht lehnte er sich auf seinem Platz zurück als die Mutter lächelnd meinte.

„Keine Sorge Nasir, es ist noch genügend da. Ich kenne meine Jungs doch.“ Sie drückte ihm kurz die Schulter, stand auf und nahm beide Schüsseln mit in die Küche hinaus und kam gleich mit dem versprochenen Nachschub zurück.

Diesmal griff Nasir beherzter zu und nahm sich auch mehr vom Rührei. Agron und Duro hielten sich eher ein wenig zurück und füllten ihre Teller nicht einmal mehr zur Hälfte.


Während des ganzen Essens hatte Agron kaum mehr als zwei Fragen an Nasir gestellt, die er ihm schlagfertig beantwortete, um gleich darauf seinen Kopf zu senken, um seine Verlegenheit vor dem anderen zu verbergen.

Schließlich saßen alle satt und zufrieden auf ihren Plätzen und als die Mutter Agron bat ihr doch beim Abwasch zu helfen, nickte ihr jener sofort zu und verschwand mit seinem Teller und einer der Schüsseln in die Küche.

Duro lud indessen Nasir in sein Zimmer ein, um dort ein wenig zu spielen und sich ungestört unterhalten zu können. Wie beiläufig hatte Agron sie weggehen sehen und dann innerlich leise geseufzt.

Die Mutter wusch das Geschirr und Agron trocknete es ab und räumte es hinterher in den Schrank. „Agron, was ist los? Du hast beim Essen kaum geredet.“ „Nichts Ma, es ist alles okay.“, klang es nicht sehr überzeugend und schon hob sie ihrem Sohn das Kinn an.

„Ist es wegen Nasir? Ich sehe doch, wie du ihn ansiehst. Und immer wenn er hier ist und sich in Duros Zimmer aufhält, benimmst du dich so eigenartig.“ Langsam drehte sich Agron weg, schluckte schwer und dann brach es aus ihm heraus.

„Ich möchte mehr als nur der Bruder seines Freundes sein. Ich will, dass Nasir mein Freund ist und auch mal an mein Zimmer klopft und mit mir zusammen sein will. Irgendwas spielen oder Spaß haben, mal zusammen Eis essen gehen oder ins Schwimmbad gehen und zwar ohne Duro.“

„Nun ja, warum fragst du ihn nicht einfach?“ „Damit er mich auslacht? Danke, ich verzichte.“ „Das glaube ich nicht. Ich habe ihn beim Essen beobachtet und er hat dich ziemlich oft angesehen. Lade ihn doch für übermorgen zu deiner Pokerrunde ein und lerne ihn kennen.“

Jetzt riss Agron die Augen auf. „Woher weißt du davon? Ich hatte Duro gebeten nichts zu sagen.“ „Um das zu wissen, brauche ich meinen Duro nicht zu fragen. Ich bin nicht blind, mein Junge.“

„Ja, ich habe Nasir eingeladen aber, ach ich weiß auch nicht. Er ist zehn und ich bin dreizehn und ich will nicht von ihm verspottet werden.“

„Dein Vater ist vier Jahre älter als ich und als ich ihn zum ersten Mal getroffen habe, da war ich sogar erst neun.“ Voller Erwartung sah Agron sie jetzt an aber sie strich ihm nur lächelnd durch das Haar.

„Davon erzähle ich dir ein anderes Mal. Ich kann dir nur raten dich mit Nasir zu unterhalten. Finde seine Interessen heraus, ihr findet bestimmt welche, die ihr gemeinsam habt und die nicht Duro teilt.“ „Aber so viele habe ich gar nicht.“, erwiderte er seufzend.

„Also das finde ich überhaupt nicht, mein Junge. Wann warst du das letzte Mal in Duros Zimmer? Da gibt es jede Menge Unterschiede zwischen euch.“ Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange und ging aus der Küche.

Agron atmete langsam tief ein und aus. „Was unterscheidet mich von Duro?“, fragte er sich selbst als er zu seinem Zimmer ging.


Gute zwei Stunden später bekam Nasir eine kurze SMS mit der Nachricht, dass seine Mutter gerade nach Hause gekommen wäre und nun auf ihn warten würde. Langsam schob Nasir sein Smartphone in den Rucksack und schulterte ihn sich über.

„Ich muss jetzt gehen. Sehen wir uns morgen?“, fragte er Duro. „Weiß ich noch nicht. Mal sehen ob wir morgen irgendwohin fahren. Ist ja Feiertag und beide sind morgen da.“ „Ja stimmt. Ich sag´ nur noch deiner Mutter und Agron Bescheid, dass ich jetzt gehe.“

Gleich darauf klopfte er an Agrons Zimmertür und öffnete sie einen Spalt nachdem er hereingebeten wurde. „Ich muss jetzt gehen, meine Mutter ist zurück von der Arbeit. Dann bis übermorgen, ja Agron?“

„Willst du nicht kurz reinkommen?“, wurde er stattdessen gefragt und langsam ging Nasir auf Agron zu und sah sich aufmerksam um. Der war von seinem Bett aufgestanden und hatte das aufgeschlagene Buch beiseite gelegt.

Interessiert ließ Nasir seine Blicke durch den Raum schweifen bis sie plötzlich auf dem Regal innehielten. „Du hast aber viele Bücher. Darf ich?“ „Klar.“, meinte Agron nur und sah wie Nasir mit dem Zeigefinger und mit zur Seite gelegten Kopf die einzelnen Titel auf den Buchrücken las.

„Wow, die sind ja alle über Geschichte und sogar nach Epochen geordnet.“ Er zog eins der Bücher aus dem Regal und drehte es mit der Vorderseite zu Agron. „Das habe ich auch. Kann ich mir von dir ein Buch leihen? Vom Römischen Reich habe ich auch zwei Bücher aber das hier kenne ich noch nicht.“

Er hatte während er sprach das eine Buch wieder ins Regal gestellt und dafür ein anderes in die Hand genommen.

„Klar, nimm dir, was du haben magst.“ Vorsichtig tastete er sich mit der nächsten Frage vor. „Magst du generell Geschichte oder nur Altertum und Römisches Reich?“ „Ich finde alles interessant. Warum fragst du?“

„Nächste Woche findet ein Mittelaltermarkt in Landshut statt. Wollen wir zusammen hinfahren? Wir teilen uns eine Fahrkarte. Hast du Lust?“ „Ob ich Lust habe? Klar komme ich mit, wenn es mir meine Eltern erlauben.“


Kaum hatte Agron hinter Nasir die Wohnungstür zugemacht, da lief er auch schon ins Wohnzimmer. „Ma, er interessiert sich für Geschichte. Er hat sich eins meiner Bücher mitgenommen und er will mit mir nächste Woche nach Landshut zu diesem Markt fahren.“

Die Mutter lächelte wissend. „Ihr beide allein? Was ist mit deinen Freunden? Wollen die etwa nicht mitfahren?“ Schlagartig wurde Agron sein Versäumnis bewusst und er setzte sich neben seine Mutter auf die Couch.

„Die habe ich noch gar nicht gefragt. Dann frage ich sie eben übermorgen. Die werden bestimmt Nasir mögen und nichts dagegen haben, dass Nasir auch mitkommt. Dann wird auch die Fahrkarte billiger.“



Bei sich zuhause traf Nasir auf seine Mutter bei ihrer Arbeit in der Küche vor. „Hallo Ma.“ „Ebenfalls hallo, mein Schatz. Hast du schon gegessen?“ „Ja und zwar ganz viel. Es gab Kartoffeln mit Spinat und Rührei. Hat prima geschmeckt.“ „Gut. Hast du Hausaufgaben zu tun?“ „Nein, die habe ich zusammen mit Duro gemacht.“

In seinem Zimmer öffnete er die Schublade seines Nachtschränkchens und holte die kleine Box heraus. Zu seiner Enttäuschung befanden sich nur sieben Bonbons darin. Zuwenig, um damit beim Pokern irgendetwas zu erreichen.

Frustriert legte er sie zurück und überlegte. Entschlossen verließ er sein Zimmer und klopfte bei seiner Schwester an die Tür. „Ja.“, hörte er und trat ein. „Hallo Su.“ „Hey Nas. Was willst du?“ „Hast du noch Bonbons? Ich will übermorgen bei Agron und seinen Freunden ein wenig spielen und zwar um Bonbons und Schokolade. Ich hab´ bloß noch ein paar und die reichen nicht.“

Bereitwillig holte sie ihre eigene Box und öffnete sie. Darin lagen auch nur wenige Bonbons und eine angebrochene Schachtel mit Fruchtgelee. „Mehr habe ich auch nicht. Tut mir leid Nas.“ „Ist schon gut Su. Ich frage Ma ob sie noch welche hat.“

Seine Mutter stand noch immer in der Küche und traf dort bereits Vorbereitungen fürs Abendbrot. Er sah ihr kurz dabei zu und dann nahm er den kleinen Hocker und stellte ihn vor den Küchenschrank, um das oberste Regal darin erreichen zu können.

„Ma, haben wir noch irgendwo Bonbons da?“ Sie drehte sich zu ihm um und sah, wie er Gläser und Boxen zur Seite schob. „Im Wohnzimmer und zwar in der Vitrine.“, meinte sie kurz und sah gleich darauf ihrem Sohn hinterher, der eilig aus dem Raum ging.

Es vergingen keine zehn Sekunden und er kam mit der Glasschale zu ihr zurück und stellte sie auf den Küchentisch. Auch in der Schale befanden sich nur wenige Bonbons und leise seufzend setzte sich Nasir auf den kleinen Hocker und stützte seine Ellenbogen auf den Schenkeln ab und senkte traurig den Kopf.

Sofort wandte sie sich ihm zu, ging in die Hocke und hob sanft seinen Kopf an. „Was ist denn los, mein Schatz?“ „Übermorgen spielen Agron und seine Freunde bei ihm um Bonbons und Schokolade. Und ich darf mitspielen und der Mindesteinsatz sind vier Bonbons und ich habe nur noch sieben, Su hat auch kaum mehr und die Schale ist auch fast leer.

Zum ersten Mal hat Agron sich richtig mit mir unterhalten und sogar in sein Zimmer gelassen. Er interessiert sich wie ich für Geschichte und hat ganz viele Bücher. Ich durfte mir sogar eins von ihm borgen.

Und nächste Woche will er mit mir nach Landshut fahren zu einem Mittelaltermarkt. Endlich hat er mich mal beachtet und will mit mir zusammen was unternehmen. Und übermorgen könnte ich auch seine Freunde näher kennenlernen.

Du weißt schon diesen Spartacus, der vor drei Wochen beim Sportfest gewonnen hat. Aber ohne genügend Bonbons kann ich nicht mitspielen. Ich hätte auch mit Su geteilt.“

Die Mutter nickte und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Sie konnte ihren Sohn nur allzu gut verstehen. Seit sie vor zwei Jahren hierher gezogen waren und er sich mit Duro angefreundet hatte, war kein einziger Tag vergangen an dem er nicht von Agron berichtet hatte.

Sie hatte Agron mehrmals in der Gesellschaft seiner Freunde auf dem Schulhof gesehen, wenn sie Nasir von der Schule manchmal abgeholt und dabei beobachtet hatte, wie jener ihm verstohlen nachgesehen hatte.

Gut, Agron war drei Jahre älter als Nasir aber sie fand es schon bemerkenswert, dass dieser Junge anscheinend an ihrem Sohn ein reges Interesse zu haben schien, was er aber bis heute keinesfalls offen gezeigt hatte.

„Du brauchst also mindestens vier Bonbons für den Anfang. Gut, dann nimm vier von deinen und was hältst du davon, wenn ich dir morgen zwei Bleche Süßgebäck backe und sie in lauter kleine Tütchen verpacke?“

Überrascht sah er sie an. „Das würdest du wirklich für mich tun? Das ist einfach nur toll. Danke, Ma.“ Sie lächelte und strich ihm kurz durch die Haare. „Aber ja, mein Schatz.“ Nun ging sie selbst zum Küchenschrank und prüfte ihre vorhandenen Vorräte. Entschlossen wandte sie sich ihm zu.

„Allerdings müsstest du noch einkaufen gehen. Mir fehlen etliche Dinge, die ich dafür brauche. Ich mache dir eine Liste und gebe dir ausreichend Geld mit. Einverstanden?“ „Ja, Ma. Soll ich in den Supermarkt gehen oder lieber zu Kassim in den Laden laufen?“ „Kassim ist besser. Der hat eher, was ich alles für morgen brauche.“

Aus einer kleinen Box holte sie einen kleinen Zettel und fing an die Einkaufsliste aufzusetzen. Als sie damit fertig war, gab sie ihm den Zettel in die Hand, der sie schnell überflog. „Glaubst du, dass du alles tragen kannst?“ Er nickte. „Aber klar doch, der Kram ist doch nicht schwer. Mehr soll ich wirklich nicht holen? Brauchen wir denn kein Brot oder Fleisch oder Gemüse für morgen?“

„Eigentlich schon aber das wird viel zu schwer für dich, mein Schatz. Ich kann Pa schicken, wenn er von der Arbeit nach Hause kommt.“ „Wann kommt er denn?“ „So gegen sechs.“ „Aber Kassim macht um sieben den Laden zu und dann bekommt Pa kein Fleisch und kein Brot mehr. Ich kann das auch tragen, Ma, ganz bestimmt.“ „Na schön, wenn du meinst.“

Er gab ihr den Zettel zurück und sie schrieb noch die restlichen Dinge dazu und dann holte sie ihm einen großen Beutel und legte ihr Portemonnaie hinein.


Das kleine türkische Geschäft war nicht allzu weit entfernt und als er es betrat, waren nur wenige andere Kunden damit beschäftigt ihre Einkäufe zu erledigen. Recht schnell hatte er alles beisammen, was die Mutter zum Backen benötigte und stellte sich an die kleine Theke, an der Brot und Fleisch zu finden war.

Die Mutter wollte Lammkoteletts haben und als Nasir an der Reihe war, verlangte er ein Kilo und dazu noch zwei Fladenbrote. Auf dem Weg zur Kasse musste er am Regal mit den Süßigkeiten vorbei gehen und anders als sonst blieb er heute nicht davor stehen.

Er dachte an übermorgen und die vielen Bonbons, die er bei Agron beim Spiel gewinnen würde und legte lächelnd seine Einkäufe auf das kleine Kassenband, bezahlte, verstaute alles gut in seinem Beutel und rannte förmlich nach Hause.

Freudestrahlend packte Nasir seinen Einkauf auf den Küchentisch und die Mutter prüfte ob auch nichts von dem, was sie aufgeschrieben hatte fehlte. „Gut gemacht, mein Junge. Geh deine Hände waschen und danach kannst du schon mal den Tisch decken fürs Abendessen.“ „Ja Ma.“, erwiderte er und ging ins Badezimmer.

Seine gute Laune war unübersehbar beim Abendbrot und Nasirs Vater und Schwester sahen ihn fragend an. Bereitwillig erzählte er ihnen von Agrons Einladung und seinem Interesse an seiner Person. Sein Vater tauschte Blicke mit seiner Ma, die unter dem Tisch beruhigend ihre Hand auf seinen Oberschenkel legte und leicht drückte und ihm dabei ein Lächeln schenkte.

Die Schwester hingegen fragte ihn über Spartacus aus und zögernd gab er ihr Auskunft über den Jungen, den er nicht näher kannte aber doch für seine schulischen Leistungen bewunderte.



Am nächsten Morgen warf Nasirs Mutter sowohl ihren Mann als auch ihre beiden Kinder geradezu aus der Wohnung, damit sie in aller Ruhe sauber machen, sich um die Wäsche kümmern, das Mittagessen bereiten und schon mit dem Backen der Kekse für Nasir beginnen konnte.

So gegen dreizehn Uhr klingelte das Smartphone von Nasirs Vater, um ihnen Bescheid zu geben, dass das Essen auf dem Tisch stehen würde. Nach dem Abwasch rührte sie den Teig für das zweite Blech Kekse zusammen und Nasir half ihr hinterher sie auszustechen und auf das große Blech zu legen und in den Ofen zu schieben.

Zuletzt nahm sie den gekühlten Blätterteig aus dem Kühlschrank und zerteilte in ihn kleine Quadrate und füllte sie mit einer cremigen Masse aus Feigenkonfitüre und bestreute sie mit klein gehackten Haselnüssen und Pistazien.

Nasirs Augen glänzten vor Freude und dann holte er schon mal aus dem Küchenschrank einen Stoß mit kleinen Tütchen und von seinem Schreibtisch den Tacker, um sie zum Schluss verschließen zu können.

Nach zwei Stunden befüllten sie zu zweit jedes der Tütchen mit einem Keks von jeder Sorte und Nasir tackerte sie sorgfältig zu. Aus der Abstellkammer brachte ihm die Mutter einen Karton und vorsichtig schichtete er die unzähligen Tütchen hinein und umarmte dankend seine Mutter.

Sie strich ihm lächelnd durchs Haar und gab ihm einen Kuss auf die Wange und wünschte ihm schon mal viel Glück für den nächsten Tag beim Pokerspiel.

Vor Aufregung konnte er am Abend kaum einschlafen und stellte sich immer wieder vor, wie der kommende Nachmittag bei Agron sein würde.



Und nun war es soweit. Agron sah auf die große Uhr im Wohnzimmer und holte aus der Küche drei Flaschen Orangenlimonade und eine mit Eistee. „Ma, weißt du vielleicht, was Nasir trinkt, wenn er bei Duro ist?“, fragte er seine Mutter, welche gerade ihre fertig gepackte Tasche im Flur abstellte.

„Er mag Zitronenlimonade. Soll ich euch wirklich keine Sandwichs machen?“ Zum wiederholten Male verneinte er, obwohl ihr Angebot verlockend klang. Zum ersten Mal hatte sie offen zugegeben über seine kleine Pokerrunde Bescheid zu wissen und so richtig wusste er nicht, wie er damit umgehen sollte.

Gewöhnlich verließen seine Eltern immer so gegen eins die Wohnung, um in ihren Sportverein zu fahren und dort Tennis zu spielen. Aber heute war es schon kurz vor zwei und in einer guten halben Stunde würden seine Freunde hier aufkreuzen.

Vielleicht sollte er das Angebot doch annehmen, um auf diese Weise ja auch Punkte bei Nasir machen zu können. Er wollte unbedingt, dass der sich in ihrer Runde und vor allem an seiner Seite wohl fühlte.

Vorsorglich hatte er zwei Kartenspiele aus seinem Zimmer geholt und eins davon ein wenig präpariert, falls Nasir doch kein so guter Pokerspieler war und er keine Chance hatte ein Spiel für sich entscheiden zu können. Da war es bestimmt gut einen Plan B zu haben, sozusagen als Grundstein für eine dauerhafte Freundschaft mit ihm.

Er wollte um jeden Preis gut vor Nasir dastehen und da waren ein paar gute Sandwichs auch nicht zu verachten. „Ma, ich habe es mir überlegt. Ein paar Sandwichs wären nicht übel aber nur, wenn sie auch Nasir mag.“

Sie sah ihn einen Moment schweigend an und dann gluckste sie auf. „Aber ja, mein Junge. Ich habe genau das Richtige für ihn im Kühlschrank. Quark und Schnittlauch und dazu ein paar Gurkenscheiben. Und für euch mache ich Schinken und Salami drauf. Einverstanden?“ „Nasir mag Quarkbrote? Ich möchte auch eins haben.“ „Dann mache ich eben eins mehr davon.“, bot sie lächelnd an.

Er folgte ihr in die Küche und sah ihr dabei zu, wie sie mehrere Sandwichs für ihn und seine Freunde zurechtmachte. „Was wirst du tun, mein Junge, wenn Nasir keins der Spiele gewinnt? Er wird gewiss sehr enttäuscht sein.“ Agron grinste schelmisch. „Das wird nicht passieren.“ „Ach nein? Und wieso nicht?“ „Dann tausche ich einfach die Spielkarten aus und ich werde Nasir den Platz an meiner linken Seite anbieten.“

Sie sah ihn prüfend an. „Du willst ihn gewinnen lassen? Glaubst du wirklich, dass es ihm gefällt, wenn er durch Betrug ein Spiel gewinnt?“ Agron zuckte mit den Schultern. „Er muss es ja nicht erfahren und die anderen werden schon dabei mitmachen.“ „Du willst ihn unbedingt beeindrucken, nicht wahr?“

„Ist das so falsch?“ „Nun ja, das kommt darauf an, was deine Absichten sind.“ „Ich habe ihn gern und ich möchte ihn zum Freund haben, nicht nur für eine Weile sondern vielleicht für immer.“ „Agron, was fühlst du in seiner Gegenwart?“ Verlegen blickte er zu Boden. „Das fühlt sich komisch an irgendwie im Bauch.“ Sie hob sein Kinn an und piekte ihm leicht in den Leib. „Hier drin? Kannst du mir sagen ob du die Karten auch vertauschen würdest,wenn es zum Beispiel um deinen besten Freund Spartacus ginge?“ Die Antwort kam prompt. „Nein, auf keinen Fall. Wir vertrauen doch einander.“

„Ach so? Und Nasir ist dieses Vertrauen etwa nicht wert?“ Er riss die Augen auf. „Nasir bedeutet mir aber mehr als meine anderen Freunde und ich will nicht, dass er traurig ist.“ Sie flüsterte ihm zu. „Gerade deswegen solltest du aber ehrlich zu ihm sein. Die Grundlage für eine solche Beziehung ist nun einmal Vertrauen und wenn du das nicht kannst, wirst du ihn vielleicht nicht deinen Freund nennen können. Womöglich ist er ja ein guter Pokerspieler und du machst dir umsonst Sorgen.“

„Und wenn nicht?“ „Dann teile deine Beute mit ihm und nicht mit Duro. Und deine Freunde ja vielleicht auch. Das ist ein guter Anfang für eine Freundschaft zwischen euch allen.“ Er überlegte und dann zog ein Lächeln über sein ganzes Gesicht. „Die Idee ist nicht schlecht und Spartacus macht da bestimmt mit.“ „Na siehst du, Problem gelöst.“



Mitten in ihr Gespräch klingelte es an der Wohnungstür und sie ging und öffnete sie. Vor ihr stand Nasir mit glänzenden Augen und hielt einen flachen Karton auf dem Arm. „Guten Tag Frau Stein. Ist Duro da?“ Sie ließ ihn eintreten und erwiderte lächelnd. „Dir auch einen guten Tag, Nasir. Ich muss dich leider enttäuschen aber Duro ist schon heute gleich nach dem Frühstück weg für sein Fußballspiel in Fürth.“

Im Hintergrund runzelte Agron leicht ungehalten die Stirn. Warum fragte Nasir nach seinem Bruder, wenn er doch eigentlich mit Nasir verabredet war. „Aber mein Sohn Agron ist heute den ganzen Tag zuhause. Vielleicht möchtest du ja ein wenig Zeit mit ihm verbringen? Und was trägst du in dem Karton zu uns?“

Nasir langte hinein und gab ihr gleich darauf eins der kleinen Tütchen in die Hand. „Das sind Kekse. Meine Ma hat die gestern gebacken.“ „Duro hat mir schon erzählt, dass deine Mutter sehr gut backen kann.“ Sie warf einen Blick in den Karton. „Das sind in der Tat sehr viele Kekse.“, meinte sie mit einem Seitenblick zu ihrem Sohn, der sich gerade auf die Lippe biss, um seine innere Anspannung zu verbergen.

Nasir machte einen Schritt zur Seite und schon zeigte sich ein scheues Lächeln auf seinem Gesicht. Entschlossen trat Agron hinter seiner Mutter hervor. „Hallo Agron, schön dich zu sehen.“ Der nickte und streckte seine Hände aus. „Hey Nasir. Soll ich dir das kurz abnehmen, damit du dir im Bad die Hände waschen kannst?“ „Ja, danke.“ „Ich bringe das schon mal ins Wohnzimmer.“

Agrons Mutter grüßte kurz und verließ gleich darauf die Wohnung. „Sie ist weg, Nasir. Brauchst du noch lange im Bad?“ Ein wenig verwundert blickte Agron ihn an, als Nasir ihm nur wenige Sekunden später gegenüberstand. In aller Eile hatte Nasir sich nicht nur die Hände gewaschen, sondern auch noch seine Haare zu einem derben Zopf gebunden.

„Stimmt was nicht?“ „Nein, alles bestens. Mit dem Zopf habe ich dich noch nie gesehen, weder in der Schule noch hier bei Duro im Zimmer.“ „Wir spielen Poker und da brauche ich klare Sicht nach allen Seiten.“, meinte Nasir schelmisch. „Gefällt es dir etwa nicht?“ Agron sah doch ein wenig verwirrt drein.

Zum ersten Mal sah er den anderen ohne dass ihm eine Haarsträhne über die Augenbrauen den Blick auf dessen Augen versperrte. Zudem war sein Hals wohlgeformt und über dem rechten Auge war eine kleine feine Narbe in der Augenbraue sichtbar geworden.

Nasir war einfach hübsch anzusehen und er schluckte mehrmals vor Verlegenheit. Für einen sehr langen Moment schloss Agron die Augen, atmete tief durch und erwiderte mit gewollt fester Stimme. „Sieht gut aus. Kannst ja schon mal im Wohnzimmer dir einen Platz suchen.“

Das Klingeln an der Tür sorgte für einen weiteren Teil der Entspannung zwischen ihnen. Nasir ging ins Wohnzimmer und Agron machte die Tür auf und begrüßte mit Handschlag seine vor ihm stehenden Freunde Spartacus, Donar und Varro.

Alle drei hielten zur Begrüßung ihre vollen Tüten in die Höhe, lachten und schubsten sich dann gegenseitig durch die Tür in den Flur und gleich darauf ins Wohnzimmer, wo sie erst einmal schweigend nebeneinander stehenblieben und Nasir näher ins Auge fassten.

„Freunde, das ist Nasir, ein guter Freund von Duro.“ Dann legte Agron kurz beide Hände auf die Schultern von den dreien und stellte sie nacheinander vor. „Und das hier sind Spartacus, Donar und Varro.“ Nasir nickte und streckte ihnen zum Gruß seine Hand entgegen. „Hallo.“,sagte er nur halblaut zu ihnen und die Jungs grinsten ihn an.

Nur Spartacus schüttelte etwas länger seine Hand und sah ihn aufmerksam an bis er die kleine Narbe in der Augenbraue bemerkte und kurz mit sich zu kämpfen schien ob er sie zur Sprache bringen oder lieber schweigen sollte.

Vielleicht war es Nasir ja peinlich auf sie angesprochen zu werden aber andererseits war sie ein sichtbares Zeichen, was dieser Junge vor gut zwei Jahren getan hatte. Er zog Nasir zwei Schritte zur Seite und flüsterte. „Ich weiß, woher du deine Narbe am Auge hast. Du warst sehr mutig.“ Entsetzt weiteten sich Nasirs Augen und das Lächeln in seinem Gesicht erstarb augenblicklich und schon nickte ihm der andere verstehend zu. „Ist gut, Nasir, ich schweige. Möchtest du trotzdem mit mir befreundet sein?“

Dessen Augen fingen an zu leuchten. Spartacus wollte sein Freund sein? Er konnte nur nicken und sein Glück kaum fassen. Ausgerechnet der beste Schüler seines Jahrgangs und Sportfestsieger hatte den Wunsch mit ihm, den unscheinbaren, gar nicht sehr kräftigen und sportlichen Nasir wohl einen Teil seiner Freizeit zu verbringen.

Er freute sich noch mehr als ihm Agron den linken Platz neben sich anbot und Spartacus sich wie selbstverständlich auch noch neben ihn setzte. Donar setzte sich neben Agron und so kam Varro zu seinem Platz zwischen Donar und seinem besten Freund Spartacus. Alle fünf waren mit der Aufteilung der Sitze zufrieden und fingen an ihre mitgebrachten Tüten in die großen bereitgestellten Schüsseln umzufüllen.

Gespannt sahen die Jungs dabei zu, wie Nasir seine kleinen Tütchen in seine Schüssel sorgsam hinein schichtete und raunten leise, weil sie solche Kekse noch nie gesehen hatten. Genauso ging es Nasir im Gegenzug. In Agrons und Spartacus´s Schüssel lagen unglaublich viele verschiedene Sorten Bonbons in allen erdenklichen Farben und Formen. Ein paar waren in buntes Papier eingewickelt, dem Aufdruck nach waren es Fruchtbonbons sowie Kräuter- und Halsbonbons.

In Donars Schüssel lagen Schokoriegel, kleine Täfelchen, kleine Schokoladenfiguren und etliche Tütchen mit Bruchschokolade und Varro hatte einzelne Lebkuchen und unzählige Fruchtgummis in seiner liegen.

Zusätzlich hatte jeder von ihnen auch noch eine leere Schüssel vor sich stehen. In ihnen wurden die Spielgewinne gesammelt, da jeder von ihnen den Spieleinsatz nur aus seinen mitgebrachten Süßigkeiten bestreiten durfte.

In der Mitte des Tisches standen die Flaschen Limonade und zwei Teller mit Sandwichs. Bei deren Anblick sahen alle zu Agron, der abwehrend beide Hände erhob. „Meine Ma hat die für uns gemacht, hat wohl rausgekriegt, dass wir zusammen heute pokern.“ Die Gesichter der anderen wechselten von mitleidig zu amüsiert und zu fröhlich.

Sie fanden es toll so von Agrons Mutter beköstigt zu werden und griffen nach den Broten und nach der Limonade und fingen an zu essen und zu trinken und hinterher fing Agron an die Karten auszugeben und die erste Spielrunde begann.

Während sie eine Runde nach der anderen absolvierten, unterhielten sie sich über alle möglichen Dinge, die im Moment interessant oder auch angesagt waren. Nasir staunte darüber, weil sie sich genauso verhielten wie er mit Duro und auch die Gesprächsthemen waren fast die gleichen.

Da die Jungs alle drei Jahre älter als Nasir waren, hatten sie natürlich auch ganz andere Filme und Fernsehserien als sie beide gesehen und auch die Geschichten, die sie über Sport erzählten, unterschieden sich. Zum ersten Mal erfuhr er, dass seine neuen Freunde alle zusammen im gleichen Sportverein waren und dort Kampfsport lernten.

Interessiert hörte er ihnen zu und fragte schließlich vorsichtig ab welchem Alter man in diesen Verein eintreten durfte. Donar und Varro stießen sich an und versuchten nicht laut zu kichern. Die Vorstellung, dass Nasir ihnen ebenbürtig sein wollte, erschien ihnen doch ein wenig zu absurd.

Aber Agron und Spartacus sahen das völlig anders und erklärten ihm, dass er jederzeit mit ihnen dort gemeinsam trainieren konnte, falls er das wünschte und es ihm seine Eltern erlauben würden. Nasir war sofort Feuer und Flamme bei dem Gedanken zusammen mit Agron und Spartacus auf diese Weise Zeit verbringen zu können aber Donar äußerte offen seine Bedenken darüber, dass Nasir den Anforderungen nicht entsprechen würde.

Missmutig erwiderte Spartacus, dass Körpergröße und Muskelmasse noch keinen guten Kämpfer ausmachen würden, sondern vor allem Mut, Ausdauer und Entschlossenheit. Und dann rutschte es ihm heraus und alle sahen Nasir mit anderen Augen an.

„Nasir ist mutiger als ihr alle zusammen! Wer von euch hat schon den Mut in ein brennendes Haus zu laufen, um andere zu finden und dort herauszuholen?! Vor zwei Jahren war Nasir erst acht Jahre alt, als ein Feuer in seinem Flüchtlingsheim ausbrach und es fast zum Einsturz brachte. Nasir hat nicht nur an sich selbst gedacht, sondern fing an unter den brennenden Holzdielen nach anderen zu suchen und sie in Sicherheit zu bringen.

Er hat mindestens zwei Frauen und fünf jüngere Kinder vor dem Flammentod bewahrt und bekam dafür vom Bürgermeister eine Auszeichnung als Dank dafür. Im Fernsehen und auch in der Zeitung wurde darüber berichtet.“

Aus Nasirs Gesicht war die Fröhlichkeit verschwunden, seine Hände hatten zu zittern begonnen und er starrte auf den Tisch und bemühte sich seine Erregung in den Griff zu bekommen. Die Erinnerung an diesen furchtbaren Abend hatte ihn wie ein Schlag in die Magengrube getroffen und er wusste nicht, wie er reagieren sollte.

Agron sah zu Spartacus, in dessen Gesicht sich Stolz für die Tat von Nasir offen spiegelte und gleich darauf tiefe Verlegenheit, weil er sein Schweigen darüber gebrochen hatte und so den anderen in eine Situation gebracht hatte, von der er nicht wusste, wie er sie am besten bewältigen sollte.

Noch bevor Spartacus reagieren konnte, hatte sich Agron ein wenig gegen Nasir gelehnt und nahm behutsam seine rechte Hand und drückte sie sacht. „Shh, alles gut, alles gut. Ich bin gleichfalls stolz auf dich, auch wenn ich es gern zuerst aus deinem Mund gehört hätte. Manchmal kann man Spartacus einfach nur auf den Kopf schlagen für seine Blödheit ein Geheimnis einfach so auszuplaudern.

Das wird dir mit mir bestimmt nicht passieren und falls doch kannst du mir ja eine runterhauen.“ Nasir schluckte und fand allmählich sein Lächeln wieder. „Danke Agron, wird bestimmt nicht nötig sein.“ Sie grinsten sich gegenseitig an, während die drei anderen ihnen verständnislos dabei zusahen.

In die eingetretene Pause machte sich schließlich Donar bemerkbar indem er mit beiden Händen winkte. „Spielen wir jetzt weiter oder nicht?“ „Spielen.“ entgegnete Agron und nahm seine Karten wieder in die Hand und ordnete sie zurecht. „Wer ist dran?“, fragte er und leise lächelnd gab Nasir Auskunft. „Ich bin dran.“ und legte eine seiner Karten auf den Tisch und nahm sich eine neue dafür vom Stapel und ließ einen kleinen Seufzer hören.

Das gefiel Agron gar nicht und er sah kurz zu Spartacus hinüber, der selbst nun eine Karte ablegte und eine andere vom Stapel nahm. Er hatte sich durch keinen Laut verraten und so konnte keiner in der Runde abschätzen, wie seine Chancen standen diese Runde für sich entscheiden zu können.

So vergingen fünf Spielrunden, in denen jeder einmal eine für sich entscheiden konnte, alle außer leider Nasir, der bei der fünften nur knapp Agron unterlag. Traurig sah Nasir dabei zu, wie Agron seinen Gewinn in seine Schüssel schob und dann stand er auf und ging ins Badezimmer.

Agron hatte Tränen in Nasirs Augen schimmern gesehen und folgte ihm leise. Durch die geschlossene Tür konnte er den anderen leise weinen hören. Das tat mehr als nur weh und eilig ging Agron zurück und besprach seine Idee mit den anderen. Alle waren damit einverstanden, ahnten sie doch schon länger,was Agron in Bezug auf Nasir dachte.

Die Jungs waren sogar ein wenig neidisch auf Agrons Gefühle, wenn sie es auch hinter spitzen Bemerkungen und Gekicher zu verbergen suchten.

Als Nasir endlich wieder bei ihnen saß,übernahm Spartacus. „Letzte Runde für heute und ihr wisst alle, was das heißt. Jeder hat seinen vollen Einsatz sofort abzuliefern.“ Die anderen nickten und kippten ihre Schüsseln über der Tischmitte aus.

Der Jackpot war somit der größte von allen und langsam gab Agron nun die Karten aus. Missmutig stiegen sowohl Donar als auch Varro schon nach kurzer Zeit aus und lehnten sich auf ihren Plätzen zurück.

Der hohe Jackpot schien Spartacus die nötige Aufmerksamkeit zu rauben, da er nun schon zum zweiten Mal eine hohe Karte ablegte, die Nasir sofort an sich nahm und er nun ein gutes Blatt in seinen Händen hielt.

Agron grinste schelmisch und wedelte spielerisch mit seinen Karten, was Spartacus zu einem weiteren falschen Spielzug veranlasste. Mit leuchtenden Augen griff Nasir nach der Karte, erhaschte aber dabei einen Blick von Agron, der gerade Spartacus zublinzelte und schon zog Nasir die Hand zurück.

„Ich will sehen.“, forderte er mit fester Stimme und legte seine Karten auf den Tisch. Spartacus kam der Aufforderung umgehend nach und dann spürte Agron die Blicke der anderen auf sich und leise seufzend legte er nun seine Karten hin.

Das Blatt von Spartacus war am niedrigsten und dann griff Nasir nach den Karten, die jener abgelegt hatte und schob sie beiseite und ersetzte sie stattdessen mit welchen vom Stapel. Agron schluckte und senkte beschämt die Augen und murmelte eine Entschuldigung.

Donar fing auf einmal laut an zu lachen und ordnete Nasirs Karten mit wenigen Handgriffen. Hätte Nasir die Karten von Spartacus behalten, dann hätte sein Blatt nur einen Punkt über den von Agron gelegen aber jetzt war Nasirs Punktzahl um dreißig Punkte höher.

Sowohl Agron als auch Spartacus überflogen kurz die Karten und stimmten dann in das Gelächter mit ein. Nasir sah hingegen ein wenig ratlos drein bis ihm Agron die Punktzahl vorrechnete.

„Es tut mir leid, ich wollte doch nur, dass du dich in unserer Runde wohlfühlst und du gern vielleicht auch in Zukunft Zeit mit mir verbringen möchtest.“ Erstaunt riss Nasir die Augen auf. „Du,du hast freiwillig auf den Sieg verzichtet? Für mich? Und deine Freunde waren damit einverstanden?“ Die Antwort kam zögernd. „Ja.“

Ein Lächeln überzog Nasirs Gesicht und seine Augen strahlten schier vor Freude. „Noch nie hat jemand außer meiner Familie freiwillig für mich auf etwas verzichtet.“ „Dann bist du mir also nicht böse?“ „Nein, nicht ein kleines bisschen.“ Agron atmete tief durch und wirkte plötzlich sehr erleichtert.

„Ich hol´ dir eine Tüte, damit du deinen Gewinn nach Hause tragen kannst.“ Während Donar und Varro anfingen den Tisch aufzuräumen und Agron im Küchenschrank nach einer großen Tüte suchte, war Spartacus mal kurz auf die Toilette gegangen.

Als er das Bad verließ, klingelte es an der Wohnungstür. „Ich mach auf!“,rief er und öffnete die Tür. Vor ihm stand ein Mädchen, dass er noch nie in seinem Leben gesehen hatte und bei ihrem Anblick brachte er nur ein leises „Hi.“ heraus.

Das Mädchen musterte ihn ungeniert und meinte. „Du bist nicht Duro und Agron bist du wohl auch nicht. Ich bin hier um Nasir abzuholen. Ist er noch da?“ Er nickte nur und führte sie zu den anderen. „Hey Nas, Ma hat mich gebeten dich abzuholen.“ Der lächelte und fasste ihr um die Schultern. „Das hier ist meine Schwester Sura und das hier sind Agron, Donar, Spartacus und Varro.“ „Hi.“, winkte sie fröhlich in die Runde und dann blieben ihre Augen auf Spartacus hängen.

„Wie alt bist du?“, schaffte der es endlich den Mund aufzumachen. „Oh, das ist deine erste Frage an mich? Na schön, ich bin zwölf.“ „Ich hab´ dich noch nie bei uns in der Schule gesehen.“ „Kein Wunder, da ich eine andere in der Stadt besuche. Ich hatte Verbrennungen an den Armen und den Beinen und war darum in einer Spezialklinik und jetzt besuche ich eine Schule mit Reha-Anschluss.“

„Darf ich dich vielleicht wiedersehen auf ein Eis oder mal ins Kino?“ „Ja, warum nicht.“ „Toll, ich gebe dir meine Nummer, ja?“

Die anderen standen daneben und wussten nicht, wie sie reagieren sollten. Noch nie zuvor hatte sich ihr Freund Spartacus so verhalten, obwohl sie zugeben mussten,dass diese Sura sehr hübsch war.

Um das Thema zu wechseln brachte Agron die Rede auf den gemeinsamen Ausflug nach Landshut, zudem er Nasir eingeladen hatte und ermahnte ihn schon mal, dabei an bequeme Schuhe und eine alte Hose zu denken. „Weshalb eine alte?“, fragte jener nach und bekam nur eine kurze Antwort begleitet von einem breiten Grinsen.

„Wirst du schon sehen.“ Nasir nickte und griff dann nach der vollen Tüte Süßigkeiten. Agron brachte sie beide noch zur Tür und während Spartacus versonnen der Schwester zuwinkte, ging Agron eine Spur beherzter vor und drückte Nasir an der Tür einen kurzen Kuss auf die Wange.

Nasir erstarrte förmlich aber gleich darauf huschte ein scheues Lächeln über sein Gesicht. „Wir sehen uns am Montag in der Schule und wenn du magst hinterher bei mir im Zimmer und wir spielen was zusammen.“ Nasir nickte freudig und folgte dann Sura die Stufen hinunter.


Zuhause in seinem Zimmer kippte er vorsichtig die Tüte auf seinem Bett aus und fing an zusammen mit seiner Schwester alles zu sortieren und gab ihr von allem die Hälfte ab. „Hat sich doch gelohnt, meinst du nicht auch, Su?“ „Auf jeden Fall und am Montag gehe ich mit Spartacus Eis essen und was machst du mit Agron?“ Der zuckte die Schultern. „Weiß noch nicht, uns wird schon was einfallen bis dahin.“

Zufrieden wickelten sie beide ein Bonbon aus und schoben es sich gegenseitig unter Gekicher in den Mund.
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