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Origo

von Snowworld
KurzgeschichteSci-Fi / P16 / Gen
14.10.2021
21.10.2021
3
5.203
 
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18.10.2021 1.882
 
Die Realität war grausam.
Die Worte des Systems waren kalt und unpersönlich. Programmiert um einen Zweck zu erfüllen, der Origos als fühlendes Wesen nicht mit einbezog. Alles was blieb war die nagende Ungewissheit in Origo selbst und damit die unzähligen Fragen, die keine Antwort hatten.
Vor Origo fuhr das Betriebssystem der Konsole hoch. Der Bildschirm flackerte, bis gleich darauf Befehle darüber ratterten.
Origo spürte sein Herz schneller schlagen. Er ballte seine Hände und schloss nochmals seine Augen. Wieder war das Bild der endlosen Weiten vor seinen Augen. Wie ein Sturm tobte die Sehnsucht nach diesem Ort in Origo. Dort sollte er sein, nicht hier zwischen all diesem Metall, das nichts als Kälte und Einsamkeit für ihn bereit hielt.
»Es tut uns leid«
Überrascht riss Origo die Augen. Dies war nicht die blecherne Stimme, welche ihn bis jetzt geführt hatte. Auch war es nicht die Stimme der Frau, welche er vorhin gesehen hatte.
Vor ihm auf dem Bildschirm war ein Video gestartet. Eine junge braunhaarige Frau in einem Laborkittel keuchte massiv in die Kamera. Im Hintergrund sah man ein Büro, das Origo stark bekannt vorkam. Als hätte er es schon hunderte Male gesehen. Auch wirkte die Frau vertraut, wobei er sie nicht zu kennen glaubte.
»Ich weiß nicht, wie viele Erinnerungen ihr nach eurem langen Schlaf noch haben werdet. Aber lasst mich euch versichern, dass alles in Ordnung ist.«
Bei diesem Worten hob sie ihre Arme, als versuchte sie Origo zu beruhigen. Es funktionierte nicht.
»Ich weiß, ihr werdet viele Fragen haben. Aber vor allem möchte ich einmal sagen, dass wir keine Wahl hatten. Wir mussten euch in Sicherheit bringen. Bitte verzeiht uns dafür, dass wir euch in diese Lage gebracht haben. Es war nicht unsere Absicht euch einzusperren. Das Gegenteil ist der Fall. All dies hier dient eurer Sicherheit.«
Die Frau keuchte nochmals. Sie drehte den Kopf über die Schultern, als würde sie sich vergewissern, dass sie alleine im Raum war. Im Hintergrund hörte man bedrohliche Geräusche, die stark an Kanonenschüsse erinnerten.
Origo schluckte schwer. Sein Mund stand vor Unglauben offen, während er sich mehr an die Konsole lehnte. Neue Erinnerungen kamen automatisch in seinen Kopf. Die Frau auf dem Bildschirm sprach weiter, aber Origo hörte ihre Stimme nur noch durch eine Blase.
Vor seinen Augen breitete sich ein Schlachtfeld aus. Ein Bild wie aus einer anderen Welt. Kriegsmaschinerie, welche sich wie ein Schwarm über das Land ergoss. Gefolgt von hunderttausenden Soldaten, die auszogen und wenige Sekunden später fielen. Verbrannte Erde soweit Origo blicken konnte.
»…eure Macht, das einzige das uns Hoffnung spenden könnte.« Origo war bleich geworden, seine Hände zitterten und er musste sich an der Konsole fest halten. Die Aufnahme der Frau war derweil einfach weiter gelaufen.
»Deswegen war es nötig euch hier in Sicherheit zu bringen. Eure Körper sind verloren, allerdings regeneriert das G.O.D. System diese für eine kurze Zeit. Wenn ihr den Anweisungen des Systems folgt, wird sich das Tor öffnen. Bitte beeilt euch, sobald ihr erwacht. In der Hauptkonsole findet ihr alle Informationen, die ihr benötigen solltet. Es tut mir leid, dass wir euch nicht mehr helfen können. Es ist keine Zeit mehr. Aber ich bete für eure sichere Rückkehr. Die Welt braucht eure Hilfe. Wir brauchen eure Hilfe.«
Atemlos verbeugte sich die Frau vor der Kamera. Sie schien Origo direkt an zu sehen, dann brach die Nachricht ab.
Origo fühlte sich wie betäubt. Weitere Erinnerungen fluteten seinen Geist.
Der Krieg hatte lange gewütet. Unzählige Schlachten waren geschlagen worden. Origo konnte sich an das Leid erinnern. Die Allgegenwärtigkeit des Tods spüren. Doch er wusste nicht mehr, wer überhaupt gekämpft hatte. Warum sie kämpften und wer den Krieg begonnen hatte. War es überhaupt wichtig? Spielte das in seiner Lage irgendeine Rolle?
Plötzlich wurde ihm klar, woher er die blonde Frau mit dem Sonnensymbol kannte. Sie war allgegenwärtig in seinen Erinnerungen. Sie waren zu dritt gewesen. Sie und ein anderer Mann waren stets an seiner Seite gewesen. Aber egal, wie er sich anstrengte, er konnte sich an die Namen nicht mehr erinnern.
Frustriert über sich selbst, schüttelte Origo den Kopf.
Er blickte auf die Konsole und dachte über die Nachricht nach. Langsam hob sich sein Blick und er sah auf das Tor, das er nicht öffnen konnte. Irgendwo hinter diesem lagen die Weiten die Origo in seinen Erinnerungen gesehen hatte. Aber gab es diese überhaupt noch? Er erinnerte sich an den Krieg. Das Land war zerstört.
Und doch, Origo konnte seinen Instinkt nicht unterdrücken. Er wollte hinaus. Er wollte die Weiten sehen und wenn er sie selbst wieder erschaffen musste. Er würde sie wieder finden.
Was hatte die Frau in dem Video gesagt? In der Konsole würde er die restlichen Informationen finden.
Unschlüssig wo er beginnen sollte blickte er auf die Dateien, die vor seiner Nase waren. Nach etwas hin und her, fand er die Befehlsleiste für das Tor.
>Energiemuster nicht mit geladenen Programm kompatibel. Öffnung des Tores nicht möglich. Bitte neues Energiemuster laden und Zyklus in 24h neu beginnen.<
Origo zuckte zusammen, als die blecherne Stimme durch die Kuppel tönte. Er kniff die Augen verwirrt zusammen. Genau das Gleiche hatte die Stimme vorhin schon einmal behauptet. Aber was bedeutete das?
Unsicher begann Origo die Dateien zu durchforsten. Biomasse, 24 Stunden, Energiemuster, Objekte, Systemskompatibiltät…
Mehr als nur verwirrt klickte sich Origo durch die Erklärungen. Ganz langsam drehte sich sein Magen um, als er begann die Situation zu realisieren, als er verstand was hier vor sich ging. 24 Stunden. Das war alles was er im Moment hatte.
Sofort sah er vor seinem Auge den Körper der jungen Frau zerfallen. Origo war genauso. Auch sein Körper würde nach dem Ablauf von 24 Stunden zerfallen.
Er würde in weniger als einem Tag sterben.
Schwer schluckend starrte er auf seine Hände. Diese hatten schon wieder zu zittern begonnen. Wie konnte das sein?
Er versuchte sich innerlich zu beruhigen. Dieses System war nicht darauf ausgelegt ihn zu töten. Das würde keinen Sinn ergeben oder doch? Er klammerte sich an den Gedanken, das es einen anderen Grund geben musste. Etwas das ihm helfen konnte.
Seine Hände bebten immer noch, als er weiter in den Dateien herum suchte. Die Antwort lag vor ihm, auch wenn er die Gründe nicht vollständig verstand.
Die Fakten waren unumstösslich. Origo konnte nicht entkommen. Das System war nicht mit seinem Energiemuster kompatibel. Ein katastrophaler Umstand, da er so das Tor nicht öffnen konnte. Origo war auch nicht in der Lage sein eigenes Energiemuster zu laden und so zu entkommen. Dafür reichte die Zeit nicht.
Allerdings gab es etwas Anderes, dass er tun konnte. Das System wies ihn deutlich daraufhin, das nach dem Ablauf der 24 Stunden das nächste Projekt geladen wurde. Alleine die Bezeichnung sorgte dafür, dass sich Origo übergeben wollte. Origo mochte vieles sein, aber sicher kein seelenloses Projekt.
Insgesamt gab es drei der sogenannten Projekte im System. Lux, Imber und Origo selbst. Die anderen Namen klangen so vertraut, sodass sich Origo sicher war, dass es sich bei Lux und Imber um die anderen Beiden aus seiner Erinnerung handeln musste.
Sie waren gemeinsam der Schlüssel um hier raus zu kommen.
Soweit Origo es verstanden hatte, sollte nach ihm Lux auferstehen. Die Option die ihm nun blieb, war das Energiemuster für Lux zu laden und somit für alle die Möglichkeit zu entkommen ermöglichen. Sobald einer das Tor öffnete, würden sie laut dem System alle befreit werden.
Als Origo die gesamte Information in sich aufgenommen hatte, schluckte er schwer. Er musste einen Schritt zurück treten und kurz darüber nachdenken. Konnte er überhaupt etwas Anderes tun? Er kam nicht hier raus und sein Körper würde bald zerfallen. Es blieb keine Wahl. Wie konnte er das Energiemuster von Lux laden?
Im System fand Origo die Erklärung der einzelnen Schritte und er machte sich sofort an die Arbeit. Er hatte weniger als 24 Stunden in denen er das gesamte Energiemuster von Imber auf Lux umladen musste. Die Schritte waren kompliziert, ergaben kaum einen Sinn und brachten ihn zeitweise zum Verzweifeln.
Er hatte die Frau gesehen, kurz bevor sie zerfiel. Sie war genauso ein Objekt, wie er selbst. Es machte ihm Angst, dass ihm genau das gleiche Schicksal drohte. Aber da war nicht nur die Angst, sondern auch etwas Anderes. Etwas über das er sich wirklich Sorgen machen sollte, nur konnte er den Punkt nicht greifen.
Er hatte sich noch mehrmals die Videobotschaft angesehen und auch die Dateien auf der Konsole durchforstet. Alles schien auf sein jetziges Tun hinaus zu laufen, aber irgendetwas erschien ihm so falsch daran.
Und je mehr Zeit verstrich, desto mehr wurde er nervöser. Was übersah er, was verstand er nicht?
Er war fast fertig. Die 24 Stunden waren beinahe um.
In diesen Stunden hatte er keinen Hunger, keinen Durst und keine Müdigkeit verspürt. Nur das schleichende Gefühl dieses Körpers, der mit jeder verstrichenen Stunde schwächer wurde.
Nervös strich Origo sich über die Hände, als er eine der letzten Anweisungen zum Umladen des Systems ausführte.
>Lade Energie des Objekts in die Hauptsäulen<
Überrascht zog Origo die Augenbrauen nach oben. Er war die Stille der Kuppel schon so gewohnt gewesen, sodass die blecherne Stimme mehr störend als hilfreich wirkte.
Er starrte in die Mitte des Raums, direkt auf die drei Säulen. Waren diese damit gemeint? Er hatte sie bis jetzt weniger beachtet. Natürlich war er ein paar Mal komplett durch die Kuppel gewandert, aber bis jetzt hatte er ihnen kaum Aufmerksamkeit zukommen lassen.
In der Mitte der Säulen befand sich ein rundliches Feld, welches zu leuchten begonnen hatte. Kurios starrte Origo darauf. Er wartete das sich irgendetwas rührte, aber das Feld leuchtete bloß und sonst tat sich nichts. Sollte er die Energie manuell in diese Säulen laden? War das die Bedeutung der Anweisung?
Origo bekam eine dumpfe Vorahnung. Er schritt zu den Säulen und entdeckte erst jetzt, dass auf den Seiten Symbole geprägt waren. In der Mitte war das Spiralsymbol, das er selbst auf seiner Stirn trug. Auf den anderen Säulen einmal ein Tropfensymbol und einmal ein Sonnensymbol. Er hatte die Sonne schon einmal gesehen. Dies war das Symbol auf der Stirn der Frau gewesen.
Vor sich auf dem Boden war immer noch das leuchtende Feld. Nicht ganz sicher, was Origo tun sollte, trat er einen Schritt nach vorne.
Kaum hatten seine Füße das Feld berührt, begann sein gesamter Körper zu kribbeln. Doch dabei blieb es nicht, wie ein Sog zog das Feld gewaltsam sämtliche Energie aus Origos Körper. Ihm blieb die Luft weg und er sackte mit einem lautlosen Schrei auf alle Viere. Erst als er kaum mehr Kraft hatte, lies der Sog ihn los und er krachte zu Boden.
Das Feld unter ihm hörte auf zu leuchten und Origo schnaufte schwer. Sein gesamter Körper schmerzte und er fühlte sich komplett ausgelaugt.
>Hauptsäule vollständig geladen. Energiemuster Objekt Lux vollständig geladen.<
Origo schloss die Augen. Die Worte des Systems erreichten ihn nur sehr langsam. Sein erschöpfter Körper lies ihn wieder in seine Erinnerungen eintauchen. Er sah die Weiten. Er sah seine Kameraden neben sich. Dieser Moment war so perfekt. Es war tröstend, wo er doch niemals vergessen konnte, wie der Körper der Frau direkt vor ihm zerfallen war.
Die blonde Frau hatte ihn schockiert angesehen. Sie hatte…
Plötzlich riss Origo die Augen auf. Er verstand endlich. Er hatte begriffen was ihn schon die gesamte Zeit störte.
Aber wenn das der Wahrheit entsprach, dann…
LÜGNER!
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