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Der kleine Prinz

OneshotFamilie / P6 / Gen
14.10.2021
14.10.2021
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Nach ungefähr einem Jahr habe ich die Idee, die mir schon seit geraumer Zeit im Kopf herumschwebte, endlich umgesetzt. Dieser Oneshot ist ein Beitrag zum Projekt "Schreib meine Geschichte" von Caralia.

***

"Schau dich um und sage mir, was du siehst!", forderte sein Vater ihn auf.
Der kleine Junge war schon dabei, sich voller Begeisterung umzusehen, denn es gab allerhand zu entdecken. Es war das erste Mal, dass er ganz nach oben auf den Turm der Burg durfte, und er hatte vor Freude gejubelt, als sein Vater ihm heute erlaubt hatte, ihn zu begleiten.
"Dort unten im Hof spielen meine kleinen Brüder. Die Amme steht etwas abseits und passt auf sie auf ... eine der Mägde holt einen Eimer mit Wasser. Eine der Wachen scheint kurz vor dem Einschlafen zu sein. Unten im Dorf ist ein ziemliches Getümmel. Dahinter ist der große Wald ..."
Die Worte sprudelten nur so aus ihm heraus. Sein Vater lauschte seinen Ausführungen mit einem breiten Schmunzeln im Gesicht. Schließlich sah sein Sohn ihn mit leuchtenden Augen an und stellte fest:
"Vater, das ist so toll! Von hier oben sieht man ja fast alles!"
"Du hast völlig Recht, mein Junge. Und genau das wollte ich dir zeigen. Mein Uhrahn hat die Burg auf diesen Felsen erbaut, weil man von hier aus das ganze Land überblicken kann. Alles, was du von hier aus siehst, gehört zu unserem Königreich. Ich bin gerne hier oben, um es mir anzusehen."
"Also gehört alles, was ich sehen kann, dir?"
Die Kinderaugen waren groß vor Erstaunen. Doch der König schüttelte lächelnd den Kopf.
"Nein, mir gehört nicht alles. Das Land gehört den Menschen, die es bewohnen. Aber ich regiere über das ganze Land. Und eines Tages wirst du das tun, denn du bist der Prinz, und nach mir wirst du der König sein."
"Aber wie regiert man so ein großes Land?", fragte der kleine Prinz.
"Das ist gar nicht so einfach. Ein König muss seine Untertanen beschützen und ihnen ein gerechter König sein. Wenn die Menschen große Sorgen haben, fragen sie mich um Rat. Wenn sie einen schlimmen Streit haben, den sie selbst nicht klären können, bitten sie mich um Hilfe. Mit dem Kronrat erlasse ich Gesetze, um das Zusammenleben der Menschen zu erleichtern und dafür zu sorgen, dass die Menschen keine bösen Dinge tun."
"Aber warum ist das so schwer?", fragte der Prinz.
Sein Vater schwieg eine Weile. Schließlich sagte er:
"Weil ich zwar der König bin, aber trotzdem ein Mensch. Wenn ich einen Streit schlichte, sieht es manchmal so aus, als wären beide Seiten im Recht. Dann fällt es mir schwer, eine Entscheidung zu treffen, denn ich kann nicht in die Herzen der Menschen sehen. Alle erwarten Weisheit von mir, aber auch ich bin mir manchmal unsicher. Wenn ich einen Fehler mache, dann treffen die Folgen sehr viele Menschen. Verstehst du, was ich meine?"
Vermutlich nicht, dachte der König bei sich. Immerhin war sein Sohn noch sehr jung. Er wusste ja nicht einmal, warum er ihm davon erzählte. Eigentlich behielt er seine Sorgen lieber für sich.
"Ich bin mir nicht sicher, ob ich es verstehe ", antwortete der kleine Prinz. "Warum kannst du den Menschen, die zu dir kommen, nicht einfach sagen, dass du es nicht weißt? Dass du ein Mensch bist wie sie und Fehler machst?"
"Weil ich der König bin. Irgendjemand muss die Entscheidungen treffen."
"Aber ..." Der Junge dachte angestrengt nach, und schließlich hellte sein Gesicht sich auf. "Wäre es nicht besser, wenn die Menschen jemanden fragen könnten, der alles weiß? Wenn jemand diese Welt regieren würde, der alles sieht, so wie wir von diesem Turm, aber noch viel besser? Ich kann zwar sehen, dass der Knecht an einem Stock herumschnitzt, aber ob es ein Männchen wird oder ein Pferdchen, das weiß ich nicht."
Der König sah seinen Sohn eine Weile an, ohne ein Wort zu sagen. Dann wuschelte er ihm mit der rechten Hand durch das dichte, dunkle Haar, richtete seinen Blick wieder in die Ferne und sagte:
"Das müsste jemand sein, der größer ist als wir."
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