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Dein Antlitz

KurzgeschichteAllgemein / P18 / MaleSlash
14.10.2021
20.10.2021
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14.10.2021 1.252
 
Wie immer bin ich der Erste, der den Kunstsaal an diesem heißen Nachmittag betritt. Die Mädels, mit denen ich in den Kurs gehe, werden sich wie immer verspäteten und nur knapp vor Beginn auftauchen. Professor Weber wuselt bereits durch den Raum, kontrolliert alles vermutlich schon zum dritten Mal, wie ich ihn kenne, obwohl die fünf Leinwände bereits im Kreis aufgestellt sind. In der Mitte steht ein alter, abgewetzter Stuhl. Soll das etwa heute unser Stillleben sein?

Ich will ihn kurz darauf ansprechen, da ist er bereits aus meinem Sichtfeld verschwunden. Aber es ist noch jemand hier. Etwas weiter hinten steht derjenige und ist in sein Handy vertieft. Etwa ein Neuling? Auf dem Campus habe ich ihn aber noch nie gesehen. Seine hellblonden Haare strahlen kilometerweit. Er trägt eine dunkle Sonnenbrille, weswegen ich seine Augen nicht ausmachen kann, als ich auf ihn zu gehe. „Hey, bist du neu hier? Ich bin Yannis. Freut mich.“ Er legt das Handy und die Sonnenbrille beiseite und strahlt mir sein Lächeln entgegen, das mich buchstäblich ansteckt und ich selber grinsen muss. „Hi. Aber ich bin nicht zum Malen hier. Mein Name ist...“

„Na, mein Junge“, erklingt plötzlich eine Stimme und wir drehen beide reflexartig den Kopf in Richtung des Professors. Vermutlich spricht er mit dieser Bezeichnung nicht nur mich an. Er steuert auf den Neuankömmling zu und legt ihm einen Arm um die Schulter. „Wie ich sehe hast du meinen besten Schüler Yannis bereits kennengelernt. Darf ich vorstellen? Mein Neffe Andreas, der heute für uns modeln wird. Aber komm bitte nochmal kurz mit mir mit, ja?“ Er zerrt Andreas in einen anderen Raum, der entschuldigend die Schultern zuckt und seinem Onkel folgt.

Den Blick, den er mir dabei zugeworfen hat, habe ich nicht mehr richtig mitbekommen, weil ich gerade prüfe ob meine Ohren mir einen Streich spielen. Habe ich mich etwa verhört? Dieser schöne junge Mann mit seinen leuchtend grünen Augen und der schlanken Statur wird heute für uns als Model dienen?
An sich ist das für mich kein großes Problem. Außer das ich schwul bin und ihn nicht mit meiner Gafferei belästigen will. Aber vielleicht richtet sich der Fokus auch nur auf seine Klamotten. Hoffe ich jedenfalls.


Ungefähr zehn Minuten später trudeln die Mädels ein und begeben sich auf ihre Plätze. Ich tue es ihnen gleich und betrachte das heutige Material, das wir verwenden sollen. Der Professor hat mehrere Bleistifte mit verschiedenen Stärken und einem Spitzer zur Verfügung gestellt. Also wird das Ganze heute nur ein Schwarz-Weiß-Bild. Damit kann ich umgehen. Normalerweise sind mir Farben lieber, aber um ein besonderes Objekt in Szene zu setzen sind Grautöne keine schlechte Idee. Und das heutige Objekt ist tatsächlich etwas Besonderes, da es ja lebendig ist. Das mag seltsam klingen, aber die letzten Wochen hatten wir nur mit Vasen, Obstkörben oder anderen Gegenständen zu tun gehabt. Nur einmal hat er seine Nachbarskatze mitgebracht, das war eine Tortur. Einem Tier, noch dazu einer sturen und eigensinnigen Katze, kann man keine klaren Anweisungen geben.

Wenig später kommen Andreas und Professor Weber zurück, ersterer hat nur ein Handtuch um die Hüften und wird von den unzähligen Blicken der Damen umringt. „Meine Lieben, heute werden wir uns mit einem eher kniffligen Thema beschäftigen.“ Den Rest höre ich nur zum Teil, seine üblichen dreißigminütigen Vorträge habe ich langsam satt. Ich will endlich loszulegen und brauch nicht wissen was, wer, wo, wie zum ersten Mal gezeichnet hat. Deshalb konzentriere ich mich mehr auf Andreas. Was für ein Körper. Wie schon gesagt ist er groß und schlank, seine Haut leicht gebräunt. Er hat keinen Sixpack oder übermäßig Muskeln, sondern wirkt wie ein normaler junger Erwachsener. Trotzdem hat er irgendwas an sich, dass mir regelrecht die Luft wegbleibt. Und als er das Handtuch beiseitelegt und sich seelenruhig auf den Stuhl setzt, schnappe ich überrascht nach Luft und höre dem Professor wieder aufmerksam zu. „-achtet außerdem darauf alles unterhalb der Gürtellinie möglichst zu verdecken oder auf den Bildern wegzulassen. Auch keine zu erotischen Posen ansprechen, sonst kriegen wir alle Probleme.“ Die Mädchen kichern daraufhin amüsiert, während ich immer noch um meinen Verstand ringe. „Ansonsten überlasse ich euch alles andere. Und ihr dürft Andreas selbstverständlich duzen.

Nun sollen wir also anfangen und die Mädels unterhalten sich schon darüber was die anderen wohl machen werden, während ich nur in die Leere starre. Das darf nicht wahr sein! Ich kann diesen Typen doch nicht einfach abzeichnen! Nackt! Wie denn auch ohne zu sabbern? Dass er sich das überhaupt traut. Ein Seitenblick zu ihm, verrät mir das er mit dieser Situation ganz gut umgeht. Er bleibt einfach stillsitzen und wartet auf Anweisungen. Ohne jegliche Scham, sein unerschütterliches Lächeln auf den vollen Lippen. Der wird danach bestimmt von unseren vier Hennen alle Telefonnummern kriegen, wenn er der einzige vernünftige Hahn im Korb ist. Mich kann man ja nicht als solchen bezeichnen.

Obwohl er nicht ganz so maskulin erscheint. Sein Gesicht ziert leicht weibliche Gesichtszüge und seine Haare reichen ihm beinahe bis zur Schulter. Sie sind nicht so raspelkurz wie von den anderen Kommilitonen. Fehlen nur noch lackierte Fingernägel, dann würde man meinen er käme von einem anderen Planeten. Was nicht der Fall ist, wie mir gerade auffällt. Seine Finger sind zwar lang und ebenfalls schmal, die Handflächen höchstens so groß wie meine und die Nägel gepflegt. Endlich hat sich eine der Mädchen entschieden und setzt ihren Plan sofort in die Tat um.

„Andreas? Könntest du bitte kurz zu mir gucken?“, bittet Meike schüchtern. „Sicher. So?“ Er dreht den Kopf zu ihr, blickt über die Schulter nach hinten, der Köper bleibt weiterhin mir zu gewandt. Meike nickt und beginnt vermutlich zuerst mit dem Rücken. Dabei kann ich sein Gesicht weiter begutachten. Er hat leichte Sommersprossen um die Nase, seine Wimper sind lang und der Mund – Nein, ich sollte damit aufhören!

„Was ist mit dir, Yannis?“ Ich schrecke ertappt zusammen, dass selbst Andreas über die Augenwinkel kurz zu mir blickt. „Tut mir leid, ich vergesse immer wie schreckhaft du bist“, entschuldigt sich Herr Weber schnell, lacht leise und klopft mir auf die Schulter. „Nun sag schon, was hat dein kreatives Gehirn ausgebrütet?“ Er war vorhin durch die Runde gegangen und hatte die Mädchen um ihre Vorstellungen gefragt und nun ist er bei mir gelandet. Dreck.

„Wenn ich ehrlich sein soll, noch nichts“, gebe ich kleinlaut zu. Andreas hat sich nun ganz mir gewidmet und wird von Meike prompt dafür geschallt. „Sorry“, murmelt er und kehrt in die vorherige Pose zurück. „Und wenn du ihn so abzeichnest?“, schlägt der Professor vor und ich schüttele strikt den Kopf. Alle meine bisherigen Bilder sind einzigartigen und individuell, ähneln in keinster Weise denen von den anderen Schülerinnen. „Na ja du wirst schon noch was passendes finden. Bis jetzt waren deine Bilder nahezu außergewöhnlich.“

Ja, nur wie soll ich jetzt damit umgehen, dass dieses Sahneschnittchen direkt vor meinen Augen sitzt? Gott, wo bleibt die Nachbarsmieze, wenn man sie mal braucht? Oder eine handelsübliche Vase, die meine Gedanken nicht so durcheinander bringt?

Währenddessen ist Amelie als Nächstes dran mit ihrer Wunschvorstellung. „Nein nicht lächeln. Setzt dich ganz gerade! Hände in den Schoß. Und guck traurig, nein, warte lieber… mach einfach gar nichts. Super!“ Was soll das für ein Gemälde werden? Wenn ich hier schon ein Model mit dem schönsten Lächeln der Welt zur Verfügung habe, sollte man als Künstler wenigstens versuchen dieses einzufangen. Ganz toll, jetzt fang ich schon an über ihn zu schwärmen.

Obwohl das keine schlechte Idee wäre. Ich räuspere mich und hoffe meine Stimme klingt nicht allzu piepsig.

Na, das kann ja noch heiter werden…
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