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Just f**k yourself

von -Raven
Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Het
Adrien Agreste / Chat Noir Alya Césaire / Lady WiFi / Rena Rouge Marinette Dupain-Cheng / Ladybug Nathanaël Kurtzberg / Evillustrator Nino Lahiffe / Bubbler / Carapace Tikki
13.10.2021
09.02.2022
26
104.385
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15.10.2021 3.890
 
Der Mischmasch aus neu modernem, blumig parfümiertem Papier und frischer Tinte benebelte mich. Die Seiten meines neu gekauften Büchleins schlug ich ruckartig aufeinander. Der dumpfe Ton ließ meine Augen zusammenzucken. War nötig um das anfängliche Brummen in meinem Schädel direkt zu unterbinden. Ich schloss meine Augen und lehnte mich nach hinten. Den Kopf in den Nacken legend massierte ich meine Schläfen.
Tagebuch! Peinlich, als ob ich Zwölf wäre. Das durfte ich echt niemandem erzählen.

Die Bodenluke zu meinem mädchenhaften Zimmer in einem Traum von rosa wurde brutal aufgestoßen und fiel scheppernd zu Boden. Der stechende Widerhall in meinem Kopf ließ mich auf meinem Stuhl rotieren. Mit zusammengekniffenen Augen starrte ich meiner Schwester ins Gesicht.
„Ich hab dir gesagt du sollst nicht..."
"Maman will was von dir!", plärrte sie in den Raum.
"... in mein Zimmer!", schrie ich der geschlossenen Luke hinterher.
Hoppla, ich vergaß die Dumpfbacke zu erwähnen. Meine drei Jahre jüngere Schwester. Mit ihren grünen Kulleraugen und den braunen Haaren unseres Vaters gab sie sich wie die Unschuld vom Lande. Zuhause bemüht den Schein zu wahren erledigte sie regelmäßig Aufgaben im Haushalt, stand pünktlich auf und ging zeitig zu Bett. Hausaufgaben waren fertig bevor Maman fragen konnte und in ihrem Zimmer könnte man vom Boden essen. Hatte ich nicht nötig, ich besaß einen äußerst großzügigen Schreibtisch.
Mit ihrem vorbildlichen Verhalten genoss sie Narrenfreiheit bei unseren Eltern.
In meinen Augen tickte sie nicht richtig, weshalb ich sie vor Ewigkeiten in Ticki umtaufte. Nachdem ich meinen Kwami kennen lernte, musste ich mir das leider abgewöhnen. Nun nutzte ich allerlei weniger nette Worte, die mir gerade in den Sinn kamen um sie zu benennen. Sie hieß Tinette aber außer unseren Eltern juckte das keinen. Alle anderen nannten sie Tini.
Ich verstand nicht, wie sie die Alten so hinters Licht führen konnte. Sie schlich sich in mein Zimmer um mir Sachen zu klauen, hörte Ohren abfallende Musik in einer Lautstärke, dass man sich wünschte taub zu sein, schlug sich in der Schule mit Jungs und ich erwähne erst gar nicht wie es hier zu ging wenn sie Freundinnen zu Besuch hatte.
Ich habe mir einen Fehltritt geleistet und ich war unten durch. Na gut, zugegebenermaßen war ich seitdem nicht mehr das liebe nette Mädchen. Wenn meine Eltern den eigentlichen Grund wüssten warum ich wochenlang als vermisst galt, könnten sie mich vielleicht verstehen.
Genervt quälte ich mich aus meiner gemütlichen Sitzposition.
Das mit dem rosa Zimmer war übrigens ein Scherz. Also, es hatte wirklich diese Brechreiz erregende Farbe und das schon seit über zehn Jahren! Von wegen ein Traum von rosa, ein Albtraum war das! Am liebsten würde ich es in meiner Lieblingsfarbe Grün streichen aber die Oberbefehlshaberin des Hause sagte klar und deutlich nein. Nein, nein und nochmals nein!

Ich griff nach der Luke, knarzend ließ sie sich anheben. Stimmengewirr dröhnte aus der Küche nach oben und noch mieser gelaunt stieg ich die Stufen hinunter. Unten am Treppengeländer blieb ich stehen, um mir einen Überblick zu verschaffen.
Die Kuh saß mit ihrem Plattarsch auf einem Barhocker am Esstisch und spielte an ihrem Handy. Unnötigerweise hatte sie die Lautstärke aufgedreht sodass sich ihr Gedudel mit dem Dröhnen der Dunstabzugshaube vermischte. Egoistin durch und durch.
Papa versuchte derweil einen wohl wichtigen Brief vom Amt vorzulesen. Wort für Wort erhob er seine Stimme um den Lärm zu übertönen. Sein Gesicht glänzte in einem tiefen rot als er den letzten Absatz beinahe brüllte.
Maman stand am Herd und rührte hektisch das Essen in der Pfanne um. So gut meine Eltern in der Backstube waren, so schlecht kochten sie.
Welcher Teufel hatte sie nur wieder geritten? Ich versuchte jeden zweideutigen Gedanken augenblicklich zu unterdrücken und musste mich schütteln. Irgh.

"Maman, was soll das? Willst du uns vergiften? Ich hab dir gesagt du sollst das lassen!"
Sie wirbelte zu mir herum. Ihr Blick verfinsterte sich. Das Blitzen in ihren Augen wirkte wahrlich bedrohlich, als würden jeden Moment Laserstrahlen herausschießen und mich pulverisieren. Kurz zog ich es in Betracht so zu tun als sei ich getroffen und fasste mir vorbereitend ans Herz, um einen dramatischen Auftritt hinzulegen. Der beißende Geruch von Tod und Verderben lenkte meine Aufmerksamkeit jedoch zurück auf den Herd.
Ich stieß mich vom Geländer ab, ging zu meiner finster dreinblickenden Mutter herüber und nahm ihr den Kochlöffel aus der Hand. Mein Versuch das Essen um zu rühren scheiterte kläglich. Was auch immer es werden sollte, es war eine einzige Pampe, dessen Unterseite in einem krebserregenden schwarz vor sich hin knusperte.
Maman trat an meine Seite und stemmte ihre Hände in die Hüfte.
"Wie redest du mit mir? Ich bin deine Mutter!"
Was sollte ich dazu sagen? Natürlich war sie das. Die Bilder, die bei meiner Geburt gemacht wurden, spukten heute noch durch meine Albträume.
Ich biss mir auf die Lippen, verkniff mir bissige Kommentare und pfefferte das Essen, wenn man es als solches überhaupt bezeichnen durfte, in die Tonne.
"Das hätte man noch retten können!", wetterte meine zierliche Mutter mit einer Kraft, als würde sich ihre Haut jeden Moment grün verfärben und funkelte mich gefährlicher an als zuvor. Ich konnte es mir nicht verkneifen die Augen zu verdrehen.
"Jetzt komm mir nicht so Fräulein!" Ihr drohender Zeigefinger, mit ihren kurz gefeilten Nägeln, befand sich gefährlich nahe an meinem Gesicht. Bevor das hier eskalierte, versuchte ich die Situation zu retten.
"Entspann dich Mutter, ich mach uns schnell was neues."
"Kommt überhaupt nicht in Frage! Ich dulde keinerlei Lebensmittelverschwendung."
Ihr Ernst? Dann soll sie die Finger von dem scheiß Herd lassen. Sagte ich ihr natürlich nicht, dann hätte es wieder ein Donnerwetter gegeben.
"Gut, ich geh dann nach oben." Ich presste meine Lippen aufeinander und blies Luft in meine Nasenflügel, wollte mich in mein Zimmer verziehen aber meine Mutter hatte andere Pläne für mich.
"Nicht so schnell Marinette Dupain-Cheng!"
Oh oh, das Ding mit dem vollständigen Namen war nie gut.
"Heute kam ein Brief von der Schule, du wurdest wiederholt beim Rauchen erwischt."
Ups. Konnten sich die Lehrer nicht um ihren eigenen Kram kümmern?
"Ich rauche nicht", erwiderte ich und verzog keine Miene. Es war nicht gelogen. Ich musste ihr nicht auf die Nase binden, dass mein bester Freund rauchte und ich gelegentlich einen Zug nahm.
Sie wedelte mir das Ding unter die Nase und hob ihre Augenbrauen.
"Und wieso dann der Brief?"
"Ich stehe halt mit draußen. Wenn dann ein Lehrer kommt, schreiben die sich alle auf weil die nicht durchblicken wer raucht und wer nicht."
Zack, beste Ausrede. Ich konnte nicht viel aber lügen hatte ich voll drauf. Nichts auf das ich stolz sein konnte, aber durch meine Eltern perfektionierte ich es über die Jahre.
Als Kind, das gerne Freiheiten genoss, war ich dazu gezwungen Geschichten zu erfinden, damit meine Rasenmähereltern nicht ständig Probleme sahen, wo es keine gab.

Meine Mutter kniff ihre Augen dermaßen zusammen, dass sie nicht mehr als feine Schlitze waren und ich fragte mich ob sie mich überhaupt noch sehen konnte. Sie starrte. Ich starrte zurück. Ihr Blick schien mich zu durchbohren. Gruselig.
„War's das dann?“ Wie diese Stille mich nervte!
„Du darfst gehen.“
Danke euer Gnaden.

Eilig wandte ich mich von ihr ab um mich in meinem Zimmer zu verkriechen. Ich spürte bereits das hölzerne Geländer unter meiner Handfläche als die Nervensäge mit ihrem Aufschrei meine Aufmerksamkeit auf sich lenkte und ich meinen Kopf zu ihr drehte.
„Papa! Mach das lauter!“, krakeelte sie und zeigte wie wild auf den Fernseher. Augen und Mund weit aufgerissen und strahlend, voller Vorfreude. Ich legte meinen Kopf schief, lauschte einen Moment und erkannte ihre Lieblingssendung. Stars und Sternchen. Und deswegen machte sie so einen Aufstand?
„He Marinette, da ist dein idiotischer Mitschüler.“
Ich brauchte nicht zu sehen wer da gezeigt wurde, es konnte sich nur um ihn handeln.
„Juckt mich nicht“, trällerte ich, ehe ich durch die Deckenluke in meinem Zimmer verschwand. Mit Schmackes kickte ich die Luke auf das Loch, voller Hoffnung für den restlichen Abend in Frieden gelassen zu werden.

Ich würde gerne nochmal auf ihn zurück kommen. An dieser Stelle wäre es richtig nice wenn ich Instant Buttons hätte, dann könnte ich seine Person noch realistischer darstellen.
Wichtig wären Weibergekreische, Ich-will-ein-Kind-von-dir-Rufe, heulende Tussen und für mein persönliches Wohlbefinden: Würgegeräusche. Man merkte vielleicht worauf ich hinaus wollte. Ich brauchte dringend diese Buttons!

Dieser Typ, sein Name war Adrien Agreste. Allein der Name klang als würden ihm Geldscheine zwischen den Arschbacken herauswachsen. Über die Herkunft seines Geldes ließ sich wohl streiten aber definitiv hatte er mehr als genug davon und das stellte er gerne zur Show.
Mit einer protzige Limousine wurde er tagtäglich von seinem Gorilla zur Schule gefahren und abgeholt. Kleidung von herkömmlichen Herstellern waren es nicht mal wert als Putzlappen zu fungieren.
Natürlich hatte der Arsch noch das Glück unfassbar heiß zu sein und das war ihm durchaus bewusst!
Um es kurz zu machen: ich konnte diesen Proll nicht ausstehen.

Kaum ließ ich mich auf meinem Schreibtischstuhl plumpsen, surrte Tikki mir um den Kopf. Vor mir schwebend, bedachte sie mich mit diesem vorwurfsvollen Blick, den sie echt verdammt gut drauf hatte. Mit ihren großen dunkelblauen Augen sagte sie genug, es war absolut überflüssig zusätzlich noch etwas aus zu sprechen. Allerdings wäre sie nicht Tikki, wenn keine Predigt folgen würde.
„Marinette..“
Das reichte, wenn sie meinen Namen so aussprach. Mit einem Hauch Enttäuschung in ihrer zuckersüßen Stimme.
„..du solltest deinen Eltern gegenüber netter sein.“
Ich zuckte kaum merklich mit meinen Schultern.
„Bin ich doch.“
Ich gab mir die aller größte Mühe, die Alten konnten froh sein, dass ich nicht jeden Gedanken laut aussprach.
„Du weißt wie ich das meine.“
Tikki war wie meine gute Seele, der Engel auf meiner Schulter oder meistens, gut versteckt in meiner selbst designten Umhängetasche.
„Tut mir leid“, sagte ich lediglich. Ich wollte sie nicht enttäuschen aber ich bin und bleibe nun mal ich und das wusste sie. Es war zwecklos mit mir darüber zu diskutieren.

Mein Kwami begriff, dass dieses Gespräch für mich beendet war und verzog sich fürs erste auf ihr kuscheliges Kissen, das ich vor ein paar Jahren eigens für sie genäht habe.
Für einen Augenblick blinzelte ich zu der Nähmaschine, verwarf den Gedanken und griff nach meinem Skizzenblock.
Noch schnell die Anlage angemacht um bei meinen Lieblingsliedern abzuschalten, blätterte ich zur letzten Seite des Blockes um den ersten Strich zu setzen.

Eine regelmäßige Erschütterung unterbrach die Fertigstellung meiner Skizze.
Na Endlich.
Mein Vater würde es niemals schaffen sich lautlos an mich heran zu schleichen, das war kein Wunder. Mit seiner Körpergröße von knappen zwei Metern, dazu breit gebaut wie ein Bulle war es ihm schier unmöglich sich lautlos zu bewegen. Ich drehte mich mitsamt Stuhl und wartete auf den Kopf meines Vaters, der jeden Moment durch die Luke schauen würde. Pünktlich wie jeden Abend um 22 Uhr, um einen letzten prüfenden Blick auf seine Tochter zu werfen und um mir eine gute Nacht zu wünschen.
Vorsichtig lugte er in mein Zimmer, seine Augen weiteten sich als er bemerkte wie ich ihn im hellen Schein meiner Schreibtischlampe erwartungsvoll beobachtete.
„Mach gleich das Licht aus, morgen ist Schule. Gute Nacht.“, brummte er in seiner tiefen Stimmen durch seinen Schnauzbart und wiederholte seinen täglichen Gute-Nacht-Gruß.
„Gute Nacht Papa.“

Erleichtert atmete ich aus. Na Endlich. Im Augenwinkel konnte ich erkennen wie Tikki sich aufrichtete. Sie lächelte mich an.
„Bereit für ein bisschen Optimismus und Lebensfreude von mir Marinette?“
Das Ding ist, sobald Tikki mich verwandelte und wir miteinander verschmolzen, färbte sie auf mich ab. Ob ich wollte oder nicht. Hieß jetzt nicht, dass ich freudestrahlend durch die Gegend hopste und Komplimente verteilte während der mich umgebene Regenbogen Kinderaugen zum leuchten brachte. Ich war dann einfach etwas netter.
„Eigentlich nicht aber passt schon.“ Ich zwinkerte ihr zu und entlockte der knallroten Kwamidame damit ein quietschiges Kichern.

„Tikki, verwandle mich!“, sprach ich die magischen Worte, die Tikki in meine Ohrringe sog und meine Verwandlung einleiteten. Ein heller, rötlicher Schein umhüllte mich und ein ebenso roter, hautenger Anzug mit schwarzen Punkten schmiegte sich um meinen Körper und umschmeichelte meine Kurven. In den selben Farben zierte eine Maske mein Gesicht und brachte meine von dichten Wimpern umrandeten, himmelblauen Augen zur Geltung.

Ich schritt die steilen Stufen zu meinem Bett empor um von dort aus durch die Dachluke auf meinen minimalistischen Balkon zu kommen. Er reichte gerade aus um eine Sonnenliege und einige Blumen aufzustellen. Eine bunt leuchtende Lichterkette sorgte für eine gedimmte Sicht.
Eine Brise strich durch meine Haare und ließ meine Zöpfe tänzeln. Ich schloss meine Augen, reckte meinen Kopf lächelnd dem Nachthimmel entgegen und nahm einen tiefen Atemzug. Ich schlug meine Augen auf und spürte meine Lippen feucht werden, kringelnde Atemwölkchen bildeten sich vor ihnen.
Mit meinen lederüberzogenen Händen fuhr ich mir über die Oberarme und strich Feuchtigkeit von meinem Anzug. Meine Haut kribbelte unter der Gänsehaut, die sich über meinen Körper legte.
Sämtliche Muskeln entspannten sich, meine Gedanken klarten auf.

Ich ging ein paar Schritte auf das metallene Geländer zu. Die Motorengeräusche der vereinzelt, vorbeifahrenden Autos drangen gedämpft an meine Ohren. Die Seine spiegelte den Sternenhimmel, sowie die dahinter liegende Notre- Dame, die in einem Meer aus Farben getaucht war und in die Nacht strahlte. Ein Lächeln umspielte meine Lippen. Ich liebte diese Aussicht.
Ich griff an meine Hüfte, nahm mein Jo-Jo und ließ es kreisen.

Man kennt diese ganzen Superheldenfilme und ein jeder Held besaß eine besondere Waffe, ohne die sie nutzlos wären. Iron Man nutzte seinen Anzug, Thor seinen Hammer, Bruce Banner seine Verwandlung in den unfassbaren Hulk, die X-Man besaßen verschiedene Fähigkeiten, Superman hatte mehr Kräfte als ich zählen konnte und ich durfte mit einem Jo-Jo Paris beschützen. Anfangs war ich enttäuscht. Ein langweiliges Spielzeug welches vor Jahren aus der Mode kam und für Kinder weniger interessant wurde. Inzwischen war ich mehr als glücklich damit. Jetzt gerade zum Beispiel ließ ich es problemlos um einen benachbarten Schornstein schnellen. Ich stürzte mich von meiner Terrasse in die Tiefe, um mich anschließend wie Spiderman durch die Stadt zu schwingen. Wie von selbst löste es sich, kam zu mir zurück um direkt zum nächsten Gebäude geworfen zu werden und dort Halt zu finden. Es war berauschend.

Ich war beinahe enttäuscht als ich den Eiffelturm erreichte und der peitschende Wind um meine Ohren Ruhe gab. Das Adrenalin rauschte noch durch meine Adern und ließ mich stoßweise atmen.
Hier, auf der obersten Plattform des Pariser Wahrzeichens, traf ich mich jeden Abend mit meinem Partner Chat Noir. Ein Ritual, das es seit drei Jahren gab.
Und wenn man vom Teufel sprach, da kam er gerade. Eindeutig zu schnell und frontal auf mich zu. Seine blonde Mähne, sah zerzauster aus als sonst. Seine Augen waren weit aufgerissen und auf mich gerichtet. Mit seinen Lippen formte er die Worte: „Pass auf!“ Aber sie drangen nicht bis zu meinen Ohren durch.
Ich setzte einen Schritt zur Seite und beobachtete wie der Kater mit den Füßen voran auf die Plattform schmetterte. Mit den Armen rudernd, gelang es ihm sein Gleichgewicht zu halten.
„Ups, zu viel Schwung.“ Er lächelte verlegen und griff sich, wie er es bei Unsicherheit machte, in seinen Nacken.
Dieser Kater, nur er konnte einen solchen Auftritt hinlegen.
Ich schüttelte schmunzelnd den Kopf und ließ mich auf meinen Hintern plumpsen.
Er kam auf mich zu.
„Wollen wir heute nichts unternehmen?“
Neben mir ließ er sich nieder, Lichter spiegelten sich auf seinem ledernen Katzenanzug.
„Nö, kein Bock. Ich mag hier einfach nur herum sitzen und die Aussicht genießen.“
Er schunkelte mich an.
„Schlechten Tag gehabt?“ Chat hatte es sich im Schneidersitz neben mir gemütlich gemacht und schaute mich erwartungsvoll an. Wie immer, wenn der leise Hauch einer Hoffnung bestand, etwas aus meinem Leben zu erfahren. Mit ziemlicher Sicherheit würde er den Menschen hinter der Maske nicht ausstehen können, wie der Großteil von Personen, die meinten mich zu kennen. Was solls.
„So wie immer.“
Er riss seine Augen auf.
„Wow, als ob ich dabei gewesen wäre!“ Er klatschte sich eine Hand an die Wange und ließ seinen Kiefer herunter klappen während seine Mundwinkel zuckten. Ich presste meine Lippen aufeinander und gab mir größte Mühe aber das Lachen, welches durch die Nacht hallte, stammte definitiv von mir.
Dieser blöde Kater schaffte es doch immer wieder!
Nachdem ich meine Gefühlsregung unter Kontrolle hatte, zog ich eine Schnute und boxte ihm gespielt beleidigt gegen seine Schulter.
„Du Arsch!“
„Oh ja, ich habe einen. Einen richtig schönen wohlgemerkt, aber deiner ist auch nicht zu verachten“, sagte er, lehnte sich nach hinten und zeigte in einer fließenden Handbewegung über meine Rückansicht. Dafür fing er sich direkt noch einen Schlag ein. Wieder musste ich lachen, versuchte aber meine Stimme ernst klingen zu lassen.
„Du bist unmöglich!“
Seine Sprüche waren noch nie sonderlich witzig und trotzdem schaffte er es mir den Tag zu erhellen.

„Also?“, fragte er und kam damit auf das eigentliche Thema zurück. Ich füllte meine Lungen mit einem tiefen Atemzug der kühlen Luft und stieß sie stöhnend aus.
„Was möchtest du hören Chat? Ich sage dir jeden Abend das gleiche. Mein Tag war mies und ich bin froh endlich hier zu sein.“ War jetzt nicht die feine englische Art, er wollte nett sein aber jeden Abend ein und die selbe Frage beantworten zu müssen, nervte auf Dauer.
„Ok ok, tut mir leid! Entschuldige die Frage, hätte ja sein können, dass du tatsächlich mal über deine Probleme reden möchtest… Vielleicht gibt es irgendwann mal etwas gutes zu erzählen und dann bereue ich es, nicht gefragt zu haben. Aber spätestens wenn der erste richtige Kerl kommt, der dir den Kopf verdreht, musst du mir Bericht erstatten!“, sagte er die beleidigte Leberwurst spielend um im gleichen Atemzug ausgerechnet das Thema auszugraben.
Meine Glieder verkrampften sich als vereinzelte Erinnerungsfetzen vor meinem inneren Auge auftauchten. Mir wurde heiß, meine Finger kribbelten. Ich ballte sie zu Fäusten.
„Dein Ernst? Du weißt besser als jeder andere warum ich mit Sicherheit keinen Typen in mein Leben lasse!“, zischte ich ihm zwischen zusammen gebissenen Zähnen zu.

Wie unfassbar dumm von mir, mich an diesem Abend nicht in meinem Zimmer eingeschlossen zu haben. Ich hätte mal auf Tikki hören sollen, dann wäre ich nicht schniefend, heulend und am Boden zerstört in Chat Noirs Armen zusammen gebrochen um mich dann stundenlang von ihm trösten zu lassen. Bei dem Gedanken erschauderte ich. So schwach wollte ich nie wieder sein.

„Du kannst uns nicht alle über einen Kamm scheren, nicht alle Männer sind Wichser, wie er einer war!“, maulte Chat protestierend.
„Sind sie nicht? Ich wette du bist auch ein Arsch und tust immer nur so nett.“ An dieser Stelle erwartete ich postwendend herben Widerspruch. Er sah mich mit einem unergründlichen Ausdruck in seinen Augen an und sagte nichts. Aha, ich traf direkt ins Schwarze.
Ich schnaufte verächtlich und ließ meinen Blick von ihm ab.
„Pünktchen…“, sagte er schließlich.
Ich beachtete ihn nicht und ließ meinen Blick über die bunten Lichter der Stadt schweifen. Da mir eh nichts anderes übrig blieb als zuzuhören, sprach er weiter.
„…du kennst mich am besten. Mag sein, dass ich mich ohne Maske anders gebe aber mein Verhalten gegenüber anderen ist ebenso begründet wie deines.“
Allmählich wurde ich sauer.
„Mit welchem Grund benimmt man sich bitte wie der letzte Mensch und gibt anderen das Gefühl sich wie Dreck zu fühlen?“ Der Zorn in mir nahm unerträgliche Ausmaße an, dabei war er mehr an meine Erinnerungen gerichtet.
Seine Katzenpupillen, umrahmt von einem stechenden Grün, ruhten auf mir.
Ich sah ihm seine Anspannung an, auch wenn er sich Mühe gab ruhig zu wirken. Keine Chance, dafür kannte ich ihn zu gut.
Ein schlechtes Gewissen machte sich in mir breit. Wie konnte ich behaupten ihn zu kennen wenn ich ihn gleichermaßen beschuldigte? Mein Spiegelbild würde mit mir schimpfen, ich lebte auch zwei vollkommen unterschiedliche Leben.
„Also erst einmal habe ich nie behauptet so zu sein, sondern du.“ Er hob seine Augenbrauen und räusperte sich. „Außerdem kann ich mich dir gegenüber nicht rechtfertigen, ohne zu verraten wer ich bin. Ich verstehe sowieso nicht was dieser Identitätsquatsch noch soll, Hawk Moth scheint eh keinen Bock mehr zu haben.“
Recht hatte er. Anfangs mussten wir teilweise mehrere Male am Tag los um einen Akuma zu retten, inzwischen waren es ein bis zwei die Woche.
„Es tut mir leid Chat, ich wollte nicht biestig werden. Was unsere Identitäten angeht kennst du unsere Anweisung und meine Meinung. Erst wenn Hawk Moth besiegt ist.“ Ich sah ihn entschuldigend an und er akzeptierte mit einem stummen Nicken.
„Ach M’Lady, ich kann es kaum erwarten!“, sagte er und sah hoch zu den Sternen, als würden sie ihm die Zukunft offenbaren.
Ich zog meine Beine an und bettete mein Kinn auf meinen Knien.
„Ich nicht, du wirst furchtbar enttäuscht sein.“, flüsterte ich und beichtete meine Bedenken.
Überrascht sah er mich an.
„Wieso so selbstkritisch? Selbst wenn du eine sexuell frustrierte, lotterige Schrapnelle wärst, die in ihrer Freizeit Affen mit Kacke bewirft, würde ich dich lieb haben.“ Er legte einen Finger an sein Kinn. „Wenn du allerdings ein durchtriebenes Luder wärst, müssten wir ein ernsthaftes Gespräch führen. Vor allem käme dann die Frage auf: Wenn du es schon treibst, wieso dann nicht mit mir?“ Seine Augenbrauen verschwanden unter den Zotteln, die er Haare nannte. Er setzte wieder sein schiefes Lächeln auf.
Wollte er so unbedingt von mir geschlagen werden?

Ich wirbelte meinen Kopf in seine Richtung und sah ihn an. Sein selbstgefälliges, schiefes Grinsen zierte noch breiter als zuvor sein Gesicht.
Etwas, für mich absolut ungewöhnliches geschah: Ich war sprachlos. Ich boxte ihn ein drittes Mal an diesem Abend, ich wusste mir nicht anders zu helfen. Er rieb sich seine Schulter.
„Besonders schlagfertig bist du heute aber nicht.“ Er lachte.
„Du Blödmann“, nuschelte ich. Top Marinette, jetzt hast dus ihm gezeigt!
„Ach komm.“ Er rückte näher an mich heran. „Du solltest wissen wie wichtig du mir bist.“ Sein Arm legte sich um meine Schulter. „Und du könntest noch so verkorkst sein. Es ist mir egal.“
Dieser Charmeur leistete ganze Arbeit.
Diese Art war mir unangenehm, Männer interessierten sich für gewöhnlich genauso wenig für mich, wie ich mich für sie.
Ich schaute ihn skeptisch an. Früher oder später werden wir unsere Masken fallen lassen und dann würde sich zeigen wer Recht behielt.
Ich richtete mich etwas auf und rutsche noch näher an meinen Partner heran, schloss meine Augen und lehnte mich an seine Schulter.

„Ich muss gehen, es ist spät.“ Ich wollte nicht, am liebsten wäre ich für immer Ladybug. Allein der Gedanke an den morgigen Tag ließ meine Glieder schwerer werden.
„Ich leider auch, wir sehen uns morgen.“, erwiderte er, schloss mich in eine Umarmung und erhob sich anschließend. Er zog einen Mundwinkel nach oben und lächelte mich schief an, das Leuchten in seinen Augen schien allein mir zu gelten.
Mond und Sterne leisteten heute ganze Arbeit, sie umrahmten seine Silhouette und betonten seinen maskulinen Körper. Als würde die Zeit langsamer vergehen, senkte er seinen Kopf und Griff nach dem Kampfstab in seinem Gürtel. Ich folgte jeder seiner fließenden Bewegungen bis sich unsere Blicke trafen. Er legte seinen Kopf schief und hielt sich seine Hand in den Nacken.
Er war ein großartiger, wenn auch eigenartiger Freund.
„Also dann, bis morgen M’Lady.“

Chat war schon eine Weile weg als sich mein Körper bewegen ließ und ich zum Sprung ansetzte.
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