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The G.O.A.T.

von Doubter
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P18 / Gen
Lewis Hamilton
12.10.2021
17.10.2021
2
5.591
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17.10.2021 3.370
 
Endlich war er wieder zu Hause. Den Frust über Monza hatte er mit vielen Stunden am Boxsack und Gesprächen mit seinen Renningenieuren und Toto langsam aber sicher abgebaut und er war nun bereit, sich voll und ganz auf das nächste Rennen in Portimao vorzubereiten. Müde vom Tag begab er sich zu Bett, Roscoe, seine Stütze, wann immer er ihn brauchte, kletterte zu ihm und kuschelte sich an ihn. Er schloss die Augen und versuchte zu schlafen, doch es gelang ihm nicht, denn sie war wieder da. Die Stimme, die er gehofft hatte los zu sein, war zurück…
„Na bist wohl doch nicht so gut wie du immer dachtest. Also der Start…“ Schallendes Gelächter folgte. „Der war ja mal so gar nichts oder? Beide Red-Bull haben dich stehen lassen wie einen blutigen Anfänger“ – Er wusste selbst, der Start hatte ihn frustriert ohne Ende, die Red-Bull waren wirklich einfach viel besser losgekommen als er selbst und das nagte sehr an ihm. Immerhin hatte er aber seinen zweiten Platz gegen Perez perfekt verteidigen können – „Den zweiten Platz gegen Perez perfekt verteidigen können…“, äffte ihn die Stimme nach. „Ich dachte, du bist von Platz Eins gestartet, also hast du nicht Platz Zwei verteidigt sondern Platz Eins verloren, du Loser…“ – Ja es nervte ihn definitiv selbst, die Kombination Verstappen/-Red-Bull war bisher stärker als ihm lieb war. Und auf seinen Freund und Kollegen Valtteri konnte er sich bisher leider auch nicht verlassen. – Wieder hörte er die Stimme laut lachen, „Wie nennst du diesen Versager von einem Finnen? Einen Freund? Ich dachte Freunde wären für einander da? Ja wir haben doch gesehen, wie er für dich da war… Ich würde ja sagen, er hat dich komplett im Stich gelassen, wie alle anderen auch. Aber mal im Ernst, wir wussten doch, dass dies früher oder später passieren würde oder? Du bist es halt einfach nicht wert, dass man mit dir befreundet oder für dich da ist.“ Bei diesen Worten der Stimme schossen Lewis erste Tränen in die Augen, welche er mühsam versuchte zurückzuhalten. Er drückte Roscoe stärker an sich, um dessen Wärme besser zu spüren, und streichelte seinen Hund leicht geistesabwesend. Er wusste, er war weder mit sich selbst, noch mit der Leistung seines Freundes, noch mit der seines Autos wirklich zufrieden. Aber er war sich sicher, alle im Team versuchten, was möglich war, um das Beste aus ihm und dem Auto herauszuholen und für ihn da zu sein, damit er und Mercedes noch erfolgreicher sein konnten. „Bist du dir da wirklich so sicher?“ fragte ihn die Stimme. „Tun wirklich alle alles um dir zu helfen? Bist du dir wirklich sicher, dass sie dir alle den Erfolg gönnen? Haben sie nicht schon in Wahrheit mit George deinen Ersatz bereit stehen? Ja fürs Erste wird er wohl diesen Taugenichts von Bottas ersetzen, aber du weisst doch selbst, eigentlich holen sie ihn, damit er dein Nachfolger wird. Sie merken halt auch, du bist einfach nicht gut genug. Sie brauchen jemanden, der besser ist als du, einen wie George. Ist nicht das auch der Grund, warum du dich so dagegen wehrst, dass George nächste Saison Valtteri ersetzt? Weil dann jeder sehen wird, George ist so viel besser als du, denn du bist wenn überhaupt nur ein durchschnittlicher Fahrer.“ - Warum nur trafen ihn die Worte der Stimme so hart? Er wusste es doch eigentlich besser. Valtteri war die letzten Saisons immer für ihn da gewesen, hatte ihm den Rücken frei gehalten, geholfen so erfolgreich zu werden und er war ihm auch unendlich dankbar dafür. Dies war auch der Grund, warum er ihn als seinen Teamkollegen behalten wollte, er konnte sich darauf verlassen, dass dieser ihn unterstützte, auch weiter Rekord um Rekord zu brechen und neue, wenn möglich für die Ewigkeit, aufzustellen. War es nicht das, wovon jeder irgendwie träumte, sich selbst unsterblich für alle Zeit irgendwie zu verewigen? – Wieder hörte er die Stimme lachen. „Verlassen? Auf wen, diesen Bottas? Du hast doch jetzt gesehen wie du dich auf ihn verlassen kannst und wie er für dich da ist, dein Bottas“, verhöhnte die Stimme ihn – Du kennst ihn halt nicht so gut wie ich – schrie er gedanklich der Stimme entgegen – und musst du immer alles so übertrieben negativ sehen – „Vielleicht kenne ich Bottas auch einfach besser als du, weil ich mir nicht ständig einrede, er wäre ja mein Freund und für mich da. Und ich sehe die Dinge doch gar nicht negativ, ich sehe sie nur wie sie wirklich sind.“ – ES REICHT JETZT; SCHLUSS DAMIT – sprach Lewis ein Machtwort und tatsächlich schien dieses Wirkung zu zeigen, denn die Stimme verstummte für diese Nacht. Dennoch hallten die Echos von Schmerz und Verzweiflung, welche die Stimme mitgebracht hatte, noch eine ganze Weile durch seinen Verstand und er war kurz davor, doch noch die eine oder andere Träne zu verdrücken. Trost spendete ihm allein Roscoe, an den er sich immer noch kuschelte und den er unaufhörlich streichelte. Was dieser zwar sehr genoss, aber sich fragte, was genau mit seinem Herrschen los war, denn er spürte, dass Lewis etwas beschäftige, was ihm nicht gut tat. So dauerte es noch eine Weile, bis Lewis endlich eingeschlafen war. Am nächsten Morgen klingelte sein Wecker nach einer viel zu kurzen Nacht, aber er war auch froh, wieder auf andere Gedanken zu kommen, denn es war viel zu tun, damit er im nächsten Rennen wieder wie gewohnt erfolgreich sein würde. Nur vor den Nächten im Bett hatte er die nächsten Tage etwas Angst, denn er wusste nicht ob und wann die Stimme wiederkommen würde. Doch zu seinem Glück und seiner Erleichterung blieb es in dieser Hinsicht still in seinem Kopf und er konnte sich voll und ganz auf das nächste Rennen konzentrieren.

Der grosse Preis von Portugal lief ganz nach Lewis Geschmack, ok dass nicht er sondern Valtteri sich die Pole geschnappt hatte, geschenkt. Er hoffte dieser wäre dadurch endlich wieder motivierter und gut genug ihn zu unterstützen, im Rennen würde er ihn ja eh falls nötig vorbei lassen und dann die beiden nervigen Red-Bull so lange wie möglich aufhalten. Ganz besonders diesen nervigen Holländer, der ihm immer mehr auf die Nerven ging. Im Rennen lief dann alles mehr oder weniger nach Plan, er konnte sich souverän den Sieg sichern und Valtteri, auch wenn es leider nicht für Platz Zwei reichte, doch immerhin die schnellste Runde und Platz Drei. Es lief zwar noch lange nicht alles so rund, wie er es gerne hätte, aber es ging definitiv in die richtige Richtung. So konnte es seiner Meinung nach ruhig weitergehen und alle wären zufrieden. Was ihn, auch weil das nächste Rennen schon direkt am nächsten Wochenende folgte, noch mehr freute als der Sieg: die Stimme in seinem Kopf blieb stumm. Und so konnte er sich voll und ganz auf das Rennwochenende in Barcelona vorbereiten.

Auch in Spanien lief alles mehr oder weniger nach Plan, er schaffte endlich seine einhundertste Pole und freute sich sehr darüber. Was ihm weniger gefiel: Der Holländer war schneller als Valtteri gewesen und würde also neben ihm starten und er wusste ja noch von Imola wie gut dieser im Red-Bull startete. Wie Recht er doch behalten sollte, zog dieser doch am Start wieder an ihm vorbei. Was ihn noch mehr nervte, war die Tatsache, egal was er auch versuchte, er kam einfach nicht an ihm und seinem Bullen vorbei. Dass er dennoch gewann, war letztendlich wohl der taktischen Meisterleistung seines Teams geschuldet. Aber Sieg war Sieg und dafür hatte er ja nun mal auch sein Team. Leider wurde Valtteri wieder nur Dritter, wobei, wenn er bedachte wie lange dieser hinter dem Monegassen Leclerc und dessen Ferrari gehangen hatte, musste man dies wohl eher noch als Erfolg sehen. Und wäre Valtteri früher am Ferrari-Fahrer vorbei gekommen, hätte es wohl für Platz Zwei gereicht und sein Vorsprung auf den Holländer wäre deutlich beruhigender. Nicht dass dieser ihm wirklich gefährlich werden konnte, aber man wusste ja nie. Und Fakt war auch, im Gegensatz zu seinem Team, arbeitete Red-Bull weiter am aktuellen Auto und gerade wenn er dies mitberücksichtigte, konnte der Vorsprung auf den Red-Bull-Fahrer gar nicht gross genug sein.

Dem grossen Preis von Spanien folgte eine kurze Verschnaufpause, bis es zwei Wochen später in Monte Carlo, seiner Wahlheimat, weitergehen würde. Er freute sich schon sehr auf das Rennen und hoffte, seine aktuellen Erfolge würden die Stimme in seinem Kopf auch weiterhin zum Schweigen bringen. Seine Hoffnungen wurden dahingehend dieses Mal sogar erfüllt. Den Verlauf des Wochenendes in Monte Carlo hingegen hätte er sich nicht einmal in seinen schlimmsten Albträumen so vorstellen können. Alleine schon das Qualifying war für ihn einfach nur frustrierend gewesen und das Schlimmste war, dass er nichts hatte tun können, um daran etwas zu ändern. Warum hatte dieser verfluchte Monegasse auch nach dessen eigener schnellster Runde, die ihm zu alle dem nun auch noch die Pole gebracht hatte, diesen Unfall bauen müssen? Ja er wusste, der Ferrari-Fahrer hatte dies sicher nicht mit Absicht gemacht und keiner wusste, ob dessen Auto bis zum Start überhaupt zu reparieren war. Aber ein Siebter!!! Startplatz war nun wahrlich nicht das, was er sich vorgestellt hatte. Nicht besser wurde es durch den Umstand, dass der Holländer in der glücklichen Position war, von Platz Zwei ins Rennen gehen zu können. Immerhin, Valtteri hatte es auf Platz Drei geschafft und er hoffte inständig, der Finne würde am Start irgendwie am Red-Bull-Fahrer vorbeikommen und diesen dann aufhalten. Aber so wie die Red-Bull bisher gestartet waren, war diese Hoffnung wohl irgendwie utopisch. Also musste er wohl irgendwie retten, was zu retten war, was anderes blieb ihm einfach nicht übrig. Doch leider ging auch im Rennen schief, was nur schief gehen konnte. Dabei hatte es fast so gut angefangen, Valtteri kam beim Start deutlich besser weg als der Holländer und wäre fast an diesem vorbei gekommen, aber eben nur fast. Dafür gingen dieses Mal die Boxenstopps total daneben. Wobei er noch von Glück reden konnte, dass es ihm nicht so ergangen war wie seinem Kollegen, dessen eine Radmutter noch Tage später festsass und der so tagelang zum Gespött der Leute geworden war. Aber man hatte ihn zu früh reingeholt und so verlor er viel zu viel Zeit und auch Plätze und dies in Monaco, wo man eh so gut wie gar nicht überholen konnte. So kam es, wie es kommen musste: Er wurde nur Siebter und verlor sogar die WM-Führung an den Holländer und konnte so gar nicht begreifen, wie es so weit hatte kommen können. Egal, noch war nichts verloren und die Saison noch lang, beim nächsten Rennen in Baku würde er die Verhältnisse schon wieder gerade rücken.

Als er endlich nicht mehr im Tunnel war und etwas abschalten wollte, war sie, wie er schon insgeheim befürchtet hatte wieder da, die Stimme – wie bisher immer diese Saison, wenn es nicht rund für ihn lief, was, für seinen Geschmack, leider viel zu oft vorkam. „Na mein Lieblingsversager, hast du mich schon vermisst? Hast du dich schon dran gewöhnt, den anderen hinterherzufahren? Solltest du dich nämlich, denn so und nicht anders sieht deine Zukunft nun mal aus mein Lieber“. Er fluchte innerlich, denn dies konnte er nun wahrlich nicht auch noch gebrauchen, er hatte diese Saison eh schon genug um die Ohren als sich auch noch ständig mit dieser Stimme rum zu plagen, die ihn nur in den Wahnsinn treiben wollte. „Wieso in den Wahnsinn treiben? Du bist doch schon lange wahnsinnig mein Lieber und dabei meine ich nicht einmal deinen Grössenwahn“, lachte ihn die Stimme aus. – Er war zugegeben sehr ehrgeizig und perfektionistisch und er hasste es zu verlieren, aber als grössenwahnsinnig würde er sich selbst definitiv nicht beschreiben. Und ohne seine harte akribische Arbeit auch an sich selbst wäre er sicher auch nie so erfolgreich geworden und es war jetzt ja auch nicht so, als würde er nicht auch an andere denken und sich für diese einsetzen. – „Wie süss du dich doch selbst belügst“, erwiderte die Stimme. „Und doch bist du ganz alleine in diesem grossen Haus und rate mal, wie es erst werden wird, wenn deine Karriere bald vorbei ist und sich keiner mehr für dich interessiert. Ach das werden schöne Zeiten – nur du und ich und das Schwelgen in Schmerz und Verzweiflung. Und was nützen dir dann deine sogenannten Erfolge schon, nichts und wieder nichts, du wirst dennoch alleine und einsam sein und keinen haben ausser mir“, verhöhnte ihn die Stimme. – Er hatte zwar nicht vor, seine Karriere so bald zu beenden, zumal er immer noch recht erfolgreich war, auch wenn diese Saison zugegebenermassen bisher mehr der Wurm drin war als ihm lieb war, aber er war immer noch der beste Fahrer, im besten Auto und Team und spätestens nächste Saison würden sie wieder voll durchstarten und alle anderen deklassieren. – „Das glaubst du doch selbst nicht. Und selbst wenn der Mercedes nächste Saison wirklich allen überlegen wäre, wird dich George, dein neuer Teamkollege, in Grund und Boden fahren, noch viel schlimmer wie der gute Max es diese Saison schon tun“ – Wie diese Saison ausgeht, ist noch nicht entschieden und nur über meine Leiche wird Max Weltmeister – „Ach das lässt sich definitiv einrichten, wenn du darauf bestehst, mein lieber Lewis, es würde ja eh keiner um dich trauern und es wäre auch kein Verlust für die Welt“ – Das hättest du wohl gerne, dass ich so leicht aufgebe und dir das Feld überlasse, das kannst du gleich vergessen. – „Vielleicht, vielleicht auch nicht, vielleicht macht es mir ja Spass noch ein wenig mit dir zu spielen und dich leiden zu lassen, bevor ich dir gütiger weise erlaube, dich von deinen Leiden zu erlösen“ – Das wird dir nicht gelingen, ich weiss was ich an mir und meinem Leben habe, ich werde es sicher nicht beenden, nur weil du mir einreden möchtest, wie wertlos mein Leben angeblich ist. – „Ach du bist so süss, wenn du dich wehrst, das wird so ein Spass. Aber du weisst doch selbst, wie tief und leer du eigentlich in deinem Inneren bist und dass dein sogenanntes Leben in Wirklichkeit auch nicht viel besser aussieht.“ Doch Lewis hatte angefangen, die Stimme so gut es ging einfach zu ignorieren, egal was sie ihm noch alles erzähle. Er kuschelte sich wieder an Roscoe, wirklich froh, diesen zu haben, streichelte ihn mehr um sich selbst zu beruhigen und fiel irgendwann, als er schon dachte nicht mehr einschlafen zu können, doch noch in einen unruhigen Schlaf. Den folgenden Tag brachte er trotz Schlafmangels irgendwie über die Bühne ohne dass, wie er hoffte, jemand etwas gemerkt hatte. Die Hoffnung, die Stimme wäre wie die letzten Male nach nur einer Nacht wieder verschwunden, erwies sich dieses Mal als trügerisch. „Hallo Lewis mein Freund, an was möchtest du denn heute denken? Das letzte Rennen? Lief ja super für dich! Oder wollen wir wieder an Nicole denken und wie du es versaut hast? Ich liebe ja diese Erinnerungen an sie, so schön, voller Schmerz und Verzweiflung. Oder doch lieber was ganz anderes? Ich meine wenn es an einem in deinem Leben wahrlich nicht mangelt, dann ja an Schmerz und Verzweiflung!“ – Gar nicht wahr, dachte Lewis für sich, mein Leben und auch die Zeit mit Nicole war voller schöner und glücklicher Momente, aber warum vergesse ich diese so schnell wieder und warum ist es so schwer sich daran zu erinnern, während es diese Stimme schafft mir Schmerz und Verzweiflung mit spielerischer Leichtigkeit ins Gedächtnis zu rufen. Das ist einfach nicht fair. – „Es sagte ja auch keiner, es wäre fair, mein lieber Lewis. Willkommen im Leben. Akzeptier doch einfach, dass dein Leben eben doch aus Schmerz und Verzweiflung besteht“. – Das werde ich niemals akzeptieren! – Schrie Lewis in seinen Kopf hinein, kuschelte sich an Roscoe und versuchte sich darauf zu konzentrieren, die Stimme in seinem Kopf zum Schweigen zu bringen. „Wie niedlich und verzweifelt du doch bist, aber sieh es doch ein, du hast einfach keine Chance gegen mich“. Er ging seine Optionen durch, was ihm gegen die Stimme helfen konnte. Gut, die sicherste Lösung war sicher auch die radikalste und die, die niemals für ihn in Frage kommen würde. Ausserdem würde diese zwar die Stimme definitiv für immer zum Schweigen bringen, aber es wäre eine Aufgabe, die ultimative Niederlage, und Aufgeben würde er sicher nicht, vor allem nicht, wenn ihn dies sein Leben kosten würde. Eher würde er lernen mit der Stimme zu leben. Aber was blieb ihm sonst, er konnte sich selbstverletzen und Schmerz mit Schmerz bekämpfen, aber wenn er ehrlich zu sich selbst war, hielt er nicht wirklich viel davon. Er hatte es zwar auch noch nie ausprobiert und sicher würde der eine Schmerz den anderen überlagern und verdrängen, aber für wie lange? Und was, wenn er immer mehr und öfter den körperlichen Schmerz brauchen würde, wenn es zu einer Art Sucht werden würde? Nein dies wollte er sich und seinem Körper wahrlich nicht antun, von möglichen Narben, die andere sehen konnten, oder dem, was alles schief gehen konnte, ganz zu schweigen. Auch die Option Alkohol oder andere Drogen schloss er rasch aus. Denn dort waren wie auch bei der Selbstverletzung die Risiken für den von ihm erwarteten Nutzen viel zu hoch. Sicher, auch die könnten ihn den Schmerz für kurze Zeit, möglicherweise auch für immer, vergessen lassen, aber was sie ihm und seinem Körper antun würden, von allen anderen möglichen Folgen für ihn und andere mal ganz abgesehen – nein dies war für ihn eindeutig keine Option. Sich Hilfe zu holen, wie damals, nachdem Nicole ihn verlassen hatte… er wusste nicht. Ja, es hatte ihm geholfen, für immer wie er damals noch gedacht hatte. Aber wollte er wirklich nochmal alles mit einem Therapeuten durchgehen, all diese Erinnerung erneut wachrufen? Nein, dazu war er noch nicht bereit, er war sich zwar sicher, es würde ihm helfen, aber es würde ihn auch viel Zeit und Nerven kosten und er hatte weissgott wichtigeres zu tun, als sich mit der Vergangenheit rum zu schlagen. Also blieb ihm vorerst wohl nichts anderes übrig, als sich an Roscoe zu kuscheln, diesen zur eigenen Beruhigung zu streicheln und die Stimme selbst zum Schweigen zu bringen. – „Viel Erfolg dabei“, lachte ihn die Stimme aus, „Als ob du je etwas alleine hinbekommen hättest. Hast du dir eigentlich schon überlegt, wie du dich umbringen möchtest? So ein Strick um den Hals würde dir doch sicher gut stehen. Das gäbe auch keine solche Sauerei wie wenn du dir die Pulsadern aufschneiden würdest und Blut nur so aus deinem Körper schiesst, dich Herzschlag für Herzschlag immer mehr verlässt. Wilde Muster auf dem Boden, den Wänden und so weiter hinterlässt, während du immer schwächer wirst. Ach das wäre so ein schöner Anblick. Oder möchtest du es mit einer Überdosis Medikamente versuchen? Hoffentlich geht dann nichts schief, wäre doch tragisch, wenn du dann, statt zu sterben, halb hirntot vor dich hin sabbernd am Tropf endest. Wobei das ja definitiv was für sich hätte dieser Anblick und wenn dich dann alle Welt so sieht.“ – Lewis überlegte kurz, nein darüber wie er sich selbst das Leben nehmen würde, hatte er noch nicht wirklich nachgedacht. Nicht mal damals, als Nicole ihn verlassen hatte und es ihm noch schlechter als jetzt ging. Zumindest konnte oder wollte er sich nicht an solche Gedanken erinnern. Und warum zum Teufel dachte er jetzt so viel über einen möglichen Suizid und wie dieser optimalerweise aussehen sollte nach? Er hatte ja gar nicht vor, sich das Leben zu nehmen. – „Hast du nicht? Bist du dir sicher? Was nicht ist kann ja noch werden. Man kann sich nie früh genug über sowas Gedanken machen, am Ende handelst du noch völlig überstürzt mein Lieber.“ – Aber er wollte sich nicht mit seinem Tod beschäftigen, er hatte wichtigeres zu tun, die WM war viel enger, als ihm lieb war. Er musste sich auf das nächste Rennen in Baku konzentrieren, denn dort musste er unbedingt gewinnen, um den Holländer wieder von der Spitze zu vertreiben. Je mehr er es schaffte sich auf das bevorstehende Rennen und seine Aufgaben zu konzentrieren, desto leiser wurde die Stimme und mit ihr all diese Gedanken von Angst, Verzweiflung und Tod. Sie kam auch in den folgenden Nächten nicht wieder und er hoffte sie würde sich wie bisher frühestens nach dem Rennen wieder melden, dann hatte er wenigstens etwas Zeit, sich mit ihr auseinander zu setzen und nichts wichtigeres zu tun.
 
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