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The G.O.A.T.

von Doubter
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P18 / Gen
Lewis Hamilton
12.10.2021
17.10.2021
2
5.591
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12.10.2021 2.221
 
Irgendwo in Monte Carlo drei Wochen vor der Saison 2021/22

Unruhig wälzte sich Lewis von einer Seite auf die andere, sehr zum Missfallen von Roscoe, was dieser auch gleich mit einem Knurren kundtat. Irgendwie wollte er diese Nacht nicht zur Ruhe kommen und die Stimme in seinem Kopf, welche ihm ständig sagte, wie nutzlos er doch war und dass ihn keiner liebte wurde zu seinem Missfallen immer lauter. Lange hatte er sie nicht mehr vernommen und eigentlich auch gehofft sie für immer los zu sein. Doch nun war sie wieder da und er wusste nicht warum. Es ging ihm gut, er war glücklich und erfolgreich. Ja, damals nach der Trennung von Nicole war es ihm echt mies gegangen und die Stimme, die auch eben daran Schuld trug, war sein ständiger Begleiter gewesen. Aber dies war doch nun schon wirklich Jahre her. Also warum gerade jetzt wieder, wo er doch auf dem Höhepunkt seiner Karriere war und bald die nächste Saison losgehen würde? Er überlegte, was er tun könnte. Sollte er wie früher über seine Air Pods Linkin Park hören? Aber er war sich nicht wirklich sicher, ob dies helfen würde. Immerhin hat ja deren Sänger seinen Kampf gegen seine Stimme verloren. Ein Schicksal, das er sich selbst eigentlich ersparen wollte. Trotzdem hatte er in deren Musik früher immer irgendwie Trost gefunden und sich verstanden gefühlt. Sollte sich dies nun durch den Freitod von Chester Bennington wirklich so geändert haben? Oder war es, weil ihn dessen Musik und markante Stimme einfach immer wieder an sein viel zu frühes Ableben erinnerten? Auf jeden Fall nahm er sich fest vor, ab morgen wieder wie ein Verrückter zu trainieren, damit er abends zu müde zum Nachdenken war, in der Hoffnung dann schnell und ohne die Stimme, die ihn langsam aber sicher um den Verstand zu bringen drohte, einzuschlafen. Letztendlich gelang es ihm doch irgendwann, die Stimme zu unterdrücken und er viel in einen unruhigen und traumlosen Schlaf, zumindest konnte er sich am nächsten Morgen an keinen mehr erinnern.

Die nächsten Tage klappte sein Plan gut, mit viel Training am Abend so müde zu sein, dass er sofort einschlief und sich Roscoe selig an sein Herrchen kuschelte. Auch wenn dieses Übermass an Sport für Kopfschütteln und Unverständnis bei seinem Fitnesscoach sorgte, was er aber einfach ignorierte. Zu dankbar war er dafür, ohne die Stimme schlafen zu können. Dann aber kam die Nacht genau zwei Wochen vor dem ersten Rennen in Bahrain und alle bisherigen Mühen waren umsonst, die Stimme war wieder da… „Na hast du mich vermisst alter Freund?“ – nicht wirklich, dachte er, und fand es eh wie immer seltsam, solche Selbstgespräche in seinem Kopf zu führen, und „Freund“ würde ich dich jetzt auch nicht grade nennen – „Ach komm“, sagte die Stimme. „ Hab dich nicht so und lass uns etwas Spass haben und spielen“ – auf diese Art Spass und spielen konnte er weiss Gott allzu gut und gerne verzichten. Die Frage war eher, ob er wirklich die Wahl hatte, denn eigentlich sollte er sich ja um wichtigeres kümmern. – „Na wollen wir über Nicole reden und wie du es versaut hast?“, fragte ihn die Stimme hämisch. – Schlagartig erinnerte er sich wieder an viele Dinge, die er schon in tief in sich begraben und als abgeschlossen betrachtet hatte – Die Stimme lachte nur hämisch, „Ich sehe du kannst dich noch gut erinnern“ – Wie könnte er dies auch vergessen haben, immerhin war sie ja die Liebe seines Lebens gewesen. Ja es war letztendlich seine Schuld gewesen, dass er sie verloren hatte, aber es war die Stimme, die ihn immer wieder zum Zweifeln und Verzweifeln gebracht hatte. Natürlich hatte er ihr immer vertraut und war auch eigentlich nicht eifersüchtig. Dennoch hatte es die Stimme geschafft, immer wenn Nicole ohne ihn unterwegs war, leise Zweifel zu säen. Was, wenn sie doch jemand kennenlernte, der besser war als er, der ihr besser gefiel? Natürlich wusste er es besser, er wusste, Nicole liebte ihn von Herzen und würde ihn nie hintergehen oder anlügen, das war nun wirklich nicht ihre Art. Aber er hatte der Stimme nicht genug entgegensetzen können und sie so immer wieder gefragt, was sie mache und mit wem, bis ihr diese ganze Fragerei immer lästiger geworden war. Ab dann war es nur noch eine Frage der Zeit gewesen, bis die Abwärtsspirale ihr unvermeidbares Ende gefunden hatte. Natürlich hatte er alles versucht, was er konnte, um dieses Ende zu vermeiden und sie nicht zu verlieren. Aber durch seine vielen Fragen genervt, hatte sie noch weniger mit ihm, aber umso mehr ohne ihn getan. Was natürlich ein mehr als fruchtbarer Boden für die Ängste und Zweifel der Stimme in seinem Kopf war, so dass er ihr immer mehr Vorwürfe wider besseren Wissens machte und sie dadurch nur noch weiter von sich forttrieb. Dabei hätte er gerade dann ihr Nähe und Zärtlichkeit gebraucht, die ihm doch so unendlich gut tat. – Seine innere Stimme bekam sich kaum noch ein vor Lachen, „Ach ja das waren noch Zeiten, so lustig und voller Spass“. Gequält verzog er das Gesicht und konnte sich absolut nicht vorstellen, was daran lustig oder voller Spass gewesen sein sollte. „Wie, du fandest es nicht lustig, wie du dich so zum Trottel gemacht hast, um sie verzweifelt zurück zu bekommen, nachdem du sie in die Flucht geschlagen hattest? Oder deine süssen Gedanken, dir selbst weh zu tun um mich loszuwerden, als ob das so einfach wäre“. Wieder brach die Stimme in schallendes Gelächter aus. –Oh ja und wie er sich daran erinnerte. Nie war er so kurz davor gewesen, seinen Vorsatz sich selbst zu verletzen zu brechen, so verzweifelt war er damals gewesen. Nie zuvor und auch nie wieder seitdem hatte er sich so oft und deutlich vorgestellt, wie er ein Messer nehmen und sich längs die Arme aufschneiden würde. Natürlich nicht um sich zu töten, sondern einfach um Schmerz mit Schmerz zu bekämpfen. Hatte sich vorgestellt, wie höllisch der Schnitt schmerzen würde, wie das Blut aus der Wunde floss und seinen Arm herunterrann, wie er kurz seinen seelischen Schmerz vergessen würde. Ein kurzer Moment der Ruhe und des Friedens war alles, was er sich gewünscht hätte, aber schon damals war ihm bewusst geblieben, egal wie viele Schmerzen er seinem Körper auch zufügen würde, der andere Schmerz würde dennoch bleiben. Er hatte auch damals aufgehört zu zählen, wie oft er daran gedacht hatte, es endgültig zu beenden und sich selbst von dieser unerträglichen Stimme zu erlösen, die ihn immer zu auslachte und all diese schmerzlichen Gedanken und Bilder in seinen Verstand sandte. Es war das erste und einzige Mal in seinem Leben gewesen, dass er sich professionelle Hilfe gesucht hatte, so verzweifelt war er gewesen. Aber er hatte trotz seiner Situation einige Bedingungen gestellt: keine stationäre Betreuung und ganz sicher keine Tabletten, die ihn „glücklich“ machen würden. Nie im Leben würde er eine falsche Realität gegen eine andere eintauschen wollen, auch wenn diese ihm vielleicht wenigstens vorgaukeln würde, es wäre alles gut und ihm ginge es super. Es hatte viele Gesprächsstunden mit seiner Therapeutin gebraucht, bis es ihm wieder besser ging und die Stimme in seinem Kopf erst immer schwächer und ihre Auftritte seltener geworden waren, bis sie irgendwann dann ganz verschwunden war. Er hatte sich voll auf seine Karriere konzentriert, viel Zeit und Energie in Anliegen investiert, die ihm wichtig waren – schliesslich erreichte er viele Menschen und hoffte so etwas bewegen zu können. Und seine Erinnerungen an die Stimme waren mit der Zeit immer mehr verblasst und seine Zuversicht, sie würde nie wieder kommen, stetig gewachsen. Irgendwann hatte er die Stimme sogar völlig vergessen und auch die schlechten Zeiten, die diese verursacht hatte. Bis zu jener Nacht vor einer Woche. Nun, quasi aus dem Nichts war die Stimme wieder da und er konnte sich einfach nicht erklären wieso. Ihm ging es gut, er war so erfolgreich und beliebt wie nie, drauf und dran sämtliche Formel Eins Rekorde zu brechen, der beste Fahrer aller Zeiten zu werden. Er verstand einfach nicht, warum die Stimme genau jetzt zurückgekehrt war, um ihn aufs Neue zu quälen und er hatte auch noch keine Idee, wie er sie wieder loswerden sollte. Natürlich wusste er, dass das, was die Stimme ihm sagte, nicht der Wahrheit entsprach – oder zumindest nicht alles – und er wusste, dass er eben diese Wahrheit ihr auch entgegensetzen konnte. Aber die Stimme kannte ihn gut, viel zu gut, vor allem seine Schwächen und wunden Punkte und natürlich stürzte sie sich mit Vorliebe genau auf diese, um ihm so richtig zuzusetzen. – „Gar nicht wahr“, meldete sich die Stimme in seinem Kopf plötzlich wieder zurück, nachdem sie ihn doch recht lange in seinen schmerzhaften Gedanken hatte schwelgen lassen. „Ich bin du und ich zeige dir nur wie du wirklich bist und nicht wie du dir einbildest zu sein“. – Nein, dachte sich Lewis, die Stimme war weder wirklich er selbst, noch war das, was sie ihm zeigte, die Wahrheit. Aber sie klang dennoch so überzeugend und echt… – Gegen die Stimme ankämpfend kuschelte er sich an Roscoe, der zwar spürte, dass mit seinem Besitzer irgendetwas nicht in Ordnung war, aber nicht sagen konnte was. Aber Roscoe merkte seine Nähe tat Lewis gut, denn kurz drauf fiel dieser doch noch endlich in einen unruhigen Schlaf.

Am nächsten Tag hatte Lewis Mühe, den fehlenden Schlaf zu verbergen, doch keiner traute sich etwas zu ihm zu sagen – ok, sie wurden auch gut dafür bezahlt, sich nicht in Dinge einzumischen, die sie nichts angingen. Die nächsten Nächte verliefen sehr zur Freude von Lewis und Roscoe ereignislos und schon bald machte er sich auf den Weg nach Bahrain zum ersten Rennen der Saison. Ab dann war er eh im Tunnel und dachte über nichts anderes mehr nach als die Strecke, die Reifen und das Auto. Sehr zu seinem Missfallen konnte aber nicht er sich die erste Pole der Saison sichern, sondern sein Rivale Verstappen. Aber da er von der Überlegenheit seines Autos, natürlich auch der eigenen und der wie immer überragenden Boxenstrategie seines Teams überzeugt war, ging er unbesorgt ins erste Rennen. Zwar ärgerte es ihn, dass er nicht schon am Start am Holländer vorbei kam, aber der Under-Cut funktionierte wie erwartet bestens. Als der Holländer endlich auch an die Box kam, zog Lewis mit Leichtigkeit an ihm vorbei und gab die Führung bis zum Rennende nicht wieder her. Ein Auftakt nach Mass und dennoch war Lewis nicht so zufrieden, wie er gerne wäre – zu nahe war der Red-Bull dem Mercedes inzwischen gekommen. Aber all zu viel Zeit um darüber nachzudenken gab es auch nicht, zum Einen musste dieses Rennen noch aufgearbeitet und analysiert werden, zum Anderen stand in zwei Wochen Imola auf dem Programm. Darauf wollte er sich gründlich vorbereiten und nichts dem Zufall überlassen. Zwar hatte er das erste Rennen gewonnen, aber es lief längst nicht alles so, wie es sollte und das gefiel ihm so gar nicht. So verging vor lauter konzentrierter Arbeit die Zeit wie im Fluge und er war froh, die Stimme wieder los zu sein. Für immer, wie er hoffte, aber er befürchtete, so einfach würde es wohl leider nicht werden. Das Training in Imola lief gut und das Qualifying zumindest für ihn zufriedenstellend. Immerhin konnte er sich die Pole sichern. Was ihm aber so gar nicht gefiel, war, dass die beiden Red-Bull die Plätze 2 und 3 belegten, während sein Teamkollege, welcher ihm eigentlich den Rücken frei halten sollte, nicht über den achten Platz hinaus gekommen war. Was für eine Enttäuschung. Nun, er war zwar gut genug trotzdem zu gewinnen, dennoch, wenn er die Unterstützung des Finnen hätte, würde das Rennen deutlich leichter werden. Leider lief das Rennen so gar nicht, wie er es sich erhofft und gewünscht hatte. Schon am Start zog der Holländer in seinem Red-Bull an ihm vorbei und auch Perez wäre fast noch an ihm vorbei gegangen. So plätschert das Rennen vor sich hin und er kommt einfach nicht am Holländer vorbei. Dann plötzlich beim Überrunden passiert es – weil die Strecke neben der Ideallinie noch deutlich feuchter ist, kommt er ins Rutschen und von der Strecke ab, zum Glück im Unglück schafft er es nach einiger Zeit zurück auf die Strecke. Kurz darauf das nächste Unglück für Lewis und Mercedes, Bottas und Russel crashen beim Kampf um Platz Neun zusammen und es gibt erst Safety-Car und dann rote Flagge, um all die Trümmer zu beseitigen und die Stecke wieder befahrbar zu machen. Zu allem Überfluss hatte er sich wegen seinem Ausflug auch noch neue Reifen holen müssen und war bis auf Position Neun zurückgefallen. Der Frust sass tief beim Engländer, zum Glück dachte er sich, bin ich nicht so unfähig wie Bottas beim Überholen, aber es wird auch für mich ein hartes Stück Arbeit. Er schaffte es zwar nach dem Restart noch auf Platz Zwei, aber mehr lag einfach nicht drin. Während er sich mühsam durch das Feld nach vorne gefahren hatte, hatte Verstappen einfach einen zu grossen Vorsprung herausfahren können. Wenigstens konnte er sich, als er endlich freie Fahrt hatte, die schnellste Rennrunde sichern. Damit lag er weiterhin vor dem Holländer in der Fahrerwertung, aber nur noch eben diesen einen mickrigen Punkt. Damit konnte und wollte er nicht zufrieden sein, dies bekamen Toto und Valtteri auch deutlich zu spüren in der Nachbesprechung. Doch so gross sein Frust in dem Moment auch war, es war nichts in Vergleich zu dem, was bald auf ihn zukommen würde.
 
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