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Einsame Wölfe

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Het
Rechtsmediziner Professor Karl Friedrich Boerne Rechtsmedizinerin Silke Haller
12.10.2021
18.10.2021
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14.10.2021 1.751
 
Danach machten sie das häufiger, dass sie am Abend nach der Schicht zu Pippos gingen und gemeinsam zu Abend aßen. Immer bekamen sie „ihren“ Tisch mit dem kleinen Sofa, immer endete der Abend damit, dass er seinen Arm um ihre Schulter legte und sie sich unter seine Achselhöhle schmiegte. Das Gefühl machte ihn so glücklich, er war ganz aus dem Häuschen, so eine Aufwallung von Emotionen hatte er eigentlich gar nicht erwartet.

Sie redeten unablässig, am Anfang sprach vor allem er, dann merkte er, dass es ein Reflex war, und dass ihn eigentlich durchaus interessierte, was sie zu sagen hatte. Also nahm er sich ein bisschen zurück und ließ sie auch mal etwas erzählen.

Sie lachten viel miteinander, und am Ende teilten sie sich jedes Mal eine Portion Erdbeertiramisu. Mit nur einer Gabel.

Gleichzeitig wuchs unerklärlicherweise seine Sehnsucht. Er hatte sich das Ganze eher sachlich und abgeklärt vorgestellt, man war einsam, warum also nicht gemeinsam einsam sein, Win Win, wenn man es von allen Seiten analysierte. Doch so funktionierte es offenbar nicht.

Nachts dachte er unablässig an sie. An ihr wunderschönes Gesicht, ihr bezauberndes Lächeln, das Gefühl, wenn sie in seinen Armen lag, wenn sie ihm Erdbeertiramisu von der Gabel fütterte, von der sie eben selbst noch gegessen hatte. Nun wollte er sie mit flammendem Hunger ständig um sich haben. Oper war doof ohne sie, seine Ausflüge zum Markt ebenso, ins Restaurant mochte er ohne sie endgültig gar nicht mehr gehen. Dennoch traute er sich nie, sie zu fragen, ob sie ihn begleiten wollte.

Nur die magischen Abende bei Pippos- die konnte ihm keiner wegnehmen.

Sie saßen auf dem kleinen Sofa, sie ganz fest in seinem Arm, seine Wange an ihrem Haar. Er erzählte ihr Geschichten aus seiner Kindheit, das tat er nur ganz, ganz selten, jetzt konnte er gar nicht mehr aufhören, zu reden. Manchmal weinte sie stumm, das schockierte ihn, denn so schlimm… so schlimm war das doch eigentlich gar nicht gewesen, ein bisschen lieblos, ein bisschen zu streng, aber er war damals auch nicht einsamer gewesen als jetzt.

Sie machte ihn noch einsamer, immer dann, wenn sie nicht bei ihm war, und er ahnte, dass er bald Nägel mit Köpfen machen musste. Er versuchte, abzuschätzen, wie sehr sie die Zeit mit ihm genoss. Sie sagte nie Nein, wenn er sie fragte, ob sie mit ihm Essengehen wollte, und wenn sie dann miteinander im Restaurant saßen, wirkte sie ebenso glücklich wie er. Diese Stunden waren sein kleiner Kokon der Wärme, sein Nest, sein Versteck, und wenn es vorbei war, hatte er Mühe, sie loszulassen. Sie ließ sich nie von ihm nach Hause fahren, bestellte sich immer ein Taxi, dabei hatte er den unbesiegbaren Drang, die Minuten mit ihr auszudehnen, die Arbeit, Pippos, alles wollte er länger und länger machen, unendlich, er wollte ohne sie nicht nach Hause, er wollte ein gemeinsames Zuhause, mit ihr.

Sie begannen, über Traumurlaube zu sprechen. Wo wollte sie hin, wo er? Heimlich glich er unaufhörlich ab, was gefiel ihnen beiden, wo konnten sie sich gemeinsam wohlfühlen, als Team, als Gemeinschaft. Sie malten sich die Szenen zusammen aus, wo würde man abfliegen, wie lange würde das dauern, welche Fluggesellschaft hatte die angenehmste Innenausstattung, was war ihm, was ihr an einem Hotel wichtig?

Wenn er am Wochenende allein war, ging er endlos spazieren und spann ihre gemeinsamen Gedanken weiter, malte sich das Leben mit ihr aus, was ihn stets warm und leuchtend zurückließ.

Ja, DAS war es, was er wollte, was er immer gewollt hatte, genau das, kein Abenteuer, keine scharfe kleine Geliebte in seinem Bett, er wollte diese Vertrautheit, diese Nähe, er wollte nur SIE. Er spürte ihre Zuneigung, wenn sie ihn hielt, ihre Wärme in seinen Armen, es machte ihn so glücklich wie nichts sonst, und er konnte sich längst nicht mehr vorstellen, dass das vielleicht alles nicht passieren würde.

Seine Laune war jetzt trotz all der abgrundtiefen Sehnsucht bombastisch, die Begeisterung war wieder da, er hatte mehr Lust auf die Arbeit, denn sie war ja da, und gemeinsam tüftelten sie wieder, erdachten Prozeduren, die ihnen den Alltag erleichtern würden, sogar ein Forschungsauftrag ergab sich mal wieder, und er sonnte sich in dem Ruhm, den ihm das Ganze einbrachte. Sie wollte kein Rampenlicht, aber sie freute sich für ihn, das ließ sie ihn spüren, und manchmal, wenn sie sich am Abend voneinander verabschiedeten, sprudelte er förmlich über vor Glück und Gefühl und Dankbarkeit, konnte den ganzen Wust an Emotionen kaum eindämmen, so sehr brannte er davon.

Und dennoch: er umarmte sie nie zum Abschied. Diese Berührungen gab es nur im Pippos, diesem mittlerweile fast heiligen Ort, wo er für einige Augenblicke spüren durfte, wie sich das anfühlen würde, er und sie, wie warm sie wirklich war, und wie sehr es ihn all die Jahre nach ihrer Wärme verlangt hatte.

„Danke.“, sagte sie eines Abends schlicht, als sie auf ihr Erdbeertiramisu warteten.

„Wofür?“, fragte er.

Sie hatte sich eng an seine Brust geschmiegt, er beide Arme um sie gelegt, das Gefühl war wie immer einzigartig, und seine Augen wurden ein klitzekleines bisschen feucht.

„Dafür,“, hauchte sie kaum hörbar, „dass Sie hier sind. Ich bin froh, dass wir das machen.“

„Aber, Alberich… ich will das doch auch. Sie sind der Mensch, der mir am vertrautesten ist. Ich verbringe gern Zeit mit Ihnen.“

Sie löste sich aus seiner Umarmung und schaute ihn an. Im halbdunklen Restaurant wirkten ihre Augen obskur, dunkel und riesig, verschlingende Nachtseen, in denen er sich verlieren wollte. Sein Atem beschleunigte sich ebenso wie sein Herzschlag.

„Sie tun mir gut, Herr Professor,“, flüsterte sie, und plötzlich verspürte er solch einen Hunger, solch ein endloses Verlangen, es kribbelte ihn überall.

*

Der junge Kellner kam mit dem Erdbeertiramisu aus der Küche, doch Pippo stoppte ihn mit einem entschiedenen Griff nach seinem Arm.

„Non ora di tutti i tempi,“ sagte er- „Nicht ausgerechnet jetzt“.

Giuseppe, den er gerade erst frisch von der Restaurantschule eingestellt hatte, wartete mit ihm, und gemeinsam betrachteten sie das Pärchen, das wie gewöhnlich als letztes noch an dem kleinen Tisch am Fenster saß.

Später und später war es geworden mit den beiden, das hier waren zwei Menschen, die sich nicht verabschieden wollten und dennoch das Gefühl hatten, dass sie das mussten. Pippo hatte sie nie gestört, weil er immer, all die Wochen, auf einen Moment wie diesen gehofft hatte, an dem die Sterne plötzlich ganz nah waren.

Er hielt den Atem an, als ihre Gesichter sich einander näherten, wie von einem Magneten gezogen, unwiderstehlich. Eigentlich wollte er sie gar nicht beobachten in einem so intimen Moment, aber das hier war so zauberhaft, es war Magie, und irgendwie war es auch sein Augenblick, waren sie Drei Verschworene geworden in dieser Jagd nach etwas, das dem Professor schon seit so vielen Jahren fehlte.

Pippo sah so viel in diesem Restaurant. Ehestreitigkeiten und Verliebtheiten, Seitensprünge und Eifersüchteleien, ältere Herren mit ganz jungen Frauen und umgekehrt. Er sah das Hässliche und das ganz Reizende, sah alte Paare, die sich seit Ewigkeiten hielten, junge Teenager, die zum ersten Mal miteinander auswärts aßen. Er sah das Tiefe und das Oberflächliche, aber so etwas, das sah er gar nicht so oft.

Das hier, das war echte Liebe. Vero amore. Und wo das brannte, konnte niemand einfach so wegschauen.

Als ihre Lippen sich trafen, nahm er einen möglichst leisen Atemzug und wollte sich zwingen, den Blick abzuwenden. Kurz sah er, wie sie versanken in das unergründliche Meer ihrer Liebe füreinander, sich vollkommen hingaben ohne Fragen, ohne Zweifel, dann riss er sich los. Als er Minuten später wieder hinschaute, hatten sie sich gerade erst voneinander gelöst, er spürte ihre Verwirrung, beide waren überwältigt und sprachlos.

„Ora.“, sagte er zu Giuseppe- „jetzt“.

Der junge Mann ging langsam zum Tisch, fast ehrfurchtsvoll, auch er hatte gespürt, was gerade passiert war.

Pippo polierte seine Gläser und lächelte still in sich hinein.

*

Professor Boerne hatte sich nicht getraut, seine Zunge zu benutzen, dennoch zitterte er am ganzen Körper wie Espenlaub. Er hatte noch nie so geküsst, hatte gar nicht gewusst, dass es solche Küsse gab, das man das so fühlen konnte. Die Süße ihrer Lippen lag noch immer auf seinen, er war längst süchtig nach ihrem Geschmack, wollte gleich noch einmal, er würde nie satt werden.

Der Kellner brachte das Erdbeertiramisu genau im richtigen Moment, um zu verhindern, dass er irgendetwas Dummes tat.

Dennoch: Rückzug war nun keine Option mehr, alles schubste, trieb ihn nach vorn, zu einem endgültigen Schritt.

Als sie schließlich draußen standen, in der kalten Winterluft, setzte die Realität unbarmherzig ein, wie ein Programm, das man nicht stoppen konnte. Dies hier war keine klassische Liebesgeschichte. Er war alt, hatte seit gefühlt hundert Jahren keine romantische Beziehung mehr gehabt und auch davor nur versagt. Niemand wollte ihn, und wenn er ganz ehrlich war, überraschte ihn das nicht. Er neigte dazu, garstig und unfreundlich zu sein, Thiel übertrieb da nicht. Liebe, das war nichts, worauf er hoffen konnte, vielleicht wollte auch sie ihn gar nicht, aber wenn doch, dann sicher nicht SO.

Trotzdem: er konnte sie jetzt nicht einfach so gehen lassen. Seit dem Kuss hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen, beide waren sie überfordert und verwirrt, er hatte das verursacht, hätte das niemals tun dürfen. Er konnte sie jetzt so nicht in ein Taxi steigen lassen.

„Bitte,“, sagte er leise, „Alberich- lassen Sie sich von mir nach Hause fahren. Bitte. Ich setzte Sie vor der Tür ab, und komme nicht mit hinein.“

Er errötete heftig, plötzlich tat ihm alles weh.

„Bitte.“, hauchte er tonlos.

Sie schaute ihn an, sie war atemberaubend schön, die Wangen leicht gerötet von Kälte oder vielleicht auch etwas anderem, die Augen warm, glühend in der Dunkelheit.

„Chef,“, flüsterte sie langsam, „ich wohne gar nicht mehr so richtig in der Wohnung, die Sie kennen. Ich wohne im Haus meiner Tante, noch ein Stück weiter draußen als Gievenbeck, ganz einsam, von Feldern umgeben. Da wollen Sie doch jetzt nicht mehr rausfahren, um die Zeit.“

Er überlegte einen Moment, dann nickte er langsam.

„Doch,“, sagte er fest, „genau das will ich. Ich will jetzt mit Ihnen da rausfahren.“

Atemlos wartete er auf ihre Antwort wie ein Verurteilter auf den Schwerthieb des Henkers. Getrennt zu sein von ihr, das war die Hölle, er wollte es nicht zulassen, wollte doch einfach nur bei ihr sein. Wenn sie das wollte, würde er sie nie wieder küssen, sie musste es nur sagen, er würde tun, was immer sie verlangte.

Sie lächelte leicht, dann nickte sie.

Als er hochsah auf dem Weg zu seinem Wagen, war der Himmel voller Sterne, er hatte sie vorher gar nicht bemerkt.
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