Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

I don't know what's right anymore

von Saya
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
Eren Jäger Irvin / Erwin Smith Jean Kirschtein Levi Ackermann / Rivaille OC (Own Character) Reiner Braun
12.10.2021
23.01.2022
44
84.734
2
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
26.11.2021 2.082
 
Ich war nahezu eine Woche lang bewusstlos und sie hatten die Hoffnung schon fast aufgegeben, dass ich je wieder aufwachte. Einzig Eren hatte verbissen darum gekämpft, mir so lange Zeit zu lassen, wie ich brauchte, denn ich hatte einen Puls und lebte somit noch. Und auch der Kommandant meinte, dass manche Menschen einfach ihre Zeit brauchten, um zurück zu den Lebenden zu finden und diese würde er mir einräumen. Erwin wollte mich scheinbar unter keinem Umstand aufgeben, wie mein Bruder mir später erzählte. Zum Glück war der Kommandant so ein begnadeter Redner und Stratege, weswegen er die Zweifler schnell überzeugte und ich meine Zeit zum heilen bekam.
Von dem Zusammenprall mit dem Titan hatte ich schwere Verletzungen erlitten, die auch nach meinem Aufwachen eine ganze Weile brauchten, um zu heilen. Ich hatte eine Vielzahl an gebrochene Knochen und musste einige Wochen aussetzen, bis ich es nicht mehr aushielt und darauf behaarte wieder kämpfen zu wollen. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken gehabt, während meine Blessuren für meinen Geschmack zu langsam heilten. Dabei fiel mir das erste Mal auf, dass meine Haare nicht nur sehr lang, sondern auch um einiges heller geworden waren in den letzten fünf Jahren. Sie reichten mir bis zur Hüfte und waren dunkelblond. Nicht mehr braun so wie die von Eren, was mich irgendwie schmerzte.
Ich durfte auch nicht wie die anderen „untertauchen“, sondern sollte in der Hauptstadt bleiben, um bestmöglich versorgt zu werden. Der Kommandant besuchte mich jeden Tag, immerhin war er auch schwer verletzt worden und wir somit Leidensgenossen. Er wurde bei unseren Gesprächen noch mehr zu meinem Vorbild, aber auch zu einem Vertrauten. Dieser Mann imponierte mir und beflügelte mich dazu, besser zu werden und all die Dinge um uns herum noch mehr zu hinterfragen. Nicht nur Schwarz und Weiß zu sehen, sondern hinter die Fassade. Und das hatte ich vor.
Wir hatten eine merkwürdige Verbindung zueinander, seit wir damals aufeinandertrafen. Ich fragte ihn viel aus und er war seltsamerweise immer ehrlich zu mir und gewillt mir zu antworten. Er erzählte mir sogar einmal von seinem Vater und dessen These, weil ihm nicht entging, dass ich trotz allem nie ein schlechtes Wort über Reiner verlor, sondern sein Verhalten stattdessen beleuchtete. 'Warum hatten wir nur angenommen, dass es wirklich keine Menschen auf der anderen Seite der Mauern gab? Warum waren wir so verblendet gewesen? Das würde mir kein zweites Mal passieren! Ich würde so lange nach Antworten suchen, bis ich es verstand.'
Der Mann nahm mich ernst, was mich überraschte, mir aber auch gefiel. Eren war nicht der einzige Jäger, dessen Meinung geschätzt wurde.
Ich erzählte ihm, dass ich keine Sekunde überlegt hatte, nachdem ich das harte Training durchlaufen war, an dem ich fast zerbrach, sondern mich sofort für den Aufklärungstrupp entschied, weil ich mehr über diese Welt erfahren wollte. Und weil ich ihm vertraute. Ich wollte ein Teil seiner Einheit werden, weil ich zu ihm aufsah. Daraufhin lächelte er, sagte aber nichts, weswegen ich in der Annahme war, dass er tatsächlich einmal sprachlos war, aber ich konnte ihn nicht danach fragen, weil er dann in Gewahrsam genommen wurde.
Im Zuge dessen kam auch heraus, dass der momentane König nicht der wahre König war, sondern Historia Reiss. Ein Aufstand kam in Gange, bei dem der Aufklärungstrupp in Verruf geriet. Erwin musste vor Gericht und ich bangte um sein Leben, während ich versuchte, zu Kräften zu kommen.
Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und verschaffte mir heimlich Einlass in den Kerker. Ich wollte zu meinem Kommandanten und dabei würde mich niemand aufhalten.
„Arisa, was zum Teufel machst du hier?“, blaffte er mich halbherzig an, als er mich sah, weil er offensichtlich Angst hatte, dass ich hier unten erwischt wurde. Und was mir dann geschehen könnte. Aber das war mir gleich, ich musste ihn sehen. Dafür nahm ich so einige Hürden auf mich.
„Ich musste dich sehen!“, stieß ich hervor. Mir traten unweigerlich Tränen in die Augen, als ich sah, dass er wie Vieh angekettet war. Dass der Mann, der so viel erreicht hatte, nun derartig behandelt wurde. Wut stieg in mir auf, als mich gerade eine Wache fragen wollte, wie ich hierherkam. „Lasst mich zu ihm hinein!“, schnauzte ich ihn harsch an und versuchte so viel Selbstbewusstsein und Stolz heraushängen zu lassen, wie möglich, auch wenn ich vermutlich nicht ganz so aussah, da ich auf Krücken herumlief und das eine Bein nicht belasten konnte.
Seine Augen weiteten sich und er wollte mir gerade den Kopf zurechtrücken, als Erwin sich einmischte. „Lass sie rein, Nile. Sie gehört zu mir.“, meinte er und ich sah, wie dieser Nile kurz abwog, ob er das wirklich tun sollte. Ich weiß nicht warum, aber er gab nach, doch kam er ebenfalls mit in die Zelle. Vermutlich um sicherzugehen, dass ich keine Dummheiten tat.
Das hatte ich nicht vor, ich wollte einfach nur den Angeklagten sehen.
In diesem Moment waren mir auch unsere Ränge egal, ich flog dem Mann quasi in die Arme, weil ich ihm Kraft spenden wollte. Dabei achtete ich nicht auf mein schmerzendes Bein. Die Krücke fiel scheppernd zu Boden und ich glitt unbeholfen zu ihm.
Er war eine Respektsperson für mich, aber auch irgendwie noch mehr. Unsere Verbindung war tiefer. Weswegen es mir auch einen Stich versetzte, als ich begriff, dass er diese Geste nicht einmal erwidern konnte. Seine gesunde Hand war angekettet und die andere fehlte.
Ich drehte mich so hin, dass nur er mein Gesicht sah, weil mir Tränen in die Augen stiegen, die ich den Fremden nicht sehen lassen wollte. Das alles war so verdammt ungerecht.
„Sie werden dich hier herausholen. Halte bitte durch!“, flüsterte ich, woraufhin er mich kurz anlächelte und wir uns einen gedehnten Moment ansahen.
„Du solltest jetzt gehen. Ich will nicht, dass dir dieser Besuch angelastet wird.“, meinte er sachlich und dann geschah etwas, dass ich definitiv nicht hatte kommen sehen: Er gab mir einen Kuss auf den Scheitel. Nicht verliebt oder wegen irgendwelcher romantischen Absichten, das wusste ich, sondern weil ich wohl doch so etwas wie eine Freundin war. Sein Schützling.
Ich nickte eine Weile später, stand dann mit wackeligen Beinen auf und ging zur Tür. An der Schwelle blieb ich noch einmal stehen und sah zu dem Kommandanten. „Wir sehen uns bald wieder!“, meinte ich, lächelte ihn hoffnungsvoll an, auch wenn immer noch Tränen in meinen Wimpern glitzerten. Er lächelte ebenfalls, antwortete darauf aber nichts. Dann verschwand ich aus dem Kerker. Aber ich war mir sicher, dass wir uns bald wiedersehen würden.

Historia und Eren wurden von ihrem Vater entführt, der wollte, dass sie meinen Bruder fraß. Sie tat es nicht, sondern zerstörte die Ampulle, woraufhin er den Inhalt vom Boden leckte und zu einem gigantischen Titan wurde, der in Richtung des Orvud-Bezirk von Mauer Sina kroch.
Natürlich erfuhr ich von diesen Dingen aus den Erzählungen meines Bruders, denn ich war zu dem Zeitpunkt immer noch zu schwach und durfte das Bett nicht verlassen.
Als ich dann endlich aufstehen durfte, trainierte ich so beharrlich wie noch nie, denn ich wollte Eren beschützen. Genauso wie Reiner, wie auch immer ich das anstellen sollte. Ich wich meinem Bruder nicht von der Seite, besonders nicht mehr, nachdem er von Kenny Ackermann entführt wurde.
Außerdem wollte ich unbedingt mit nach Shiganshina kommen. Ich musste erfahren, warum das alles geschah. Was diese ganze verdammte Scheiße auf sich hatte. Warum der Mann, den ich liebte, zu solchen Mitteln gegriffen hatte.
Eren erzählte mir, dass Reiner über die Jahre wohl so eine Art zweite Persönlichkeit entwickelt hatte. Scheinbar kam er mit den zwiespältigen Gefühlen und Gegebenheiten nicht klar.
Krieger in seiner Heimat und Soldat bei uns. Ein Kämpfer durch und durch, genauso wie ein Spielball zwischen den Reichen.
Mein Bruder berichtet mir von einem Gespräch in den Bäumen. Der Blonde meinte plötzlich, dass er mich heiraten und glücklich machen wollte, sobald sie uns wiederfanden. Dass er mich in seine Heimat mitnahm, sobald diese Scheiße vorbei war, woraufhin Eren mir gestand, dass er ihm daraufhin am liebsten getötet hätte. Berthold schaffte es, seinen Freund auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen, indem er meinte, dass ich ihn nun nicht mehr heiraten wollen würde, wegen dem, was sie uns angetan hatten. Dass die Katze aus dem Sack war. Dass unsere Mutter seinetwegen tot war. Und sie keine Soldaten, sondern Krieger waren.
Mein Bruder konnte quasi sehen, wie daraufhin etwas in ihm kaputtging.
Und bei seinen Worten ging auch etwas in mir kaputt, das sich nie wieder zusammensetzen lassen würde. Denn sie alle lagen damit falsch und ich wollte, dass Reiner das wusste.
Ich würde ihn trotzdem heiraten wollen. Trotzdem in seine Heimat mitgehen. Ihn trotzdem bis ans Ende meiner Tage lieben, weil es sich verdammt richtig anfühlt. Ich würde alles für ihn tun und aufgeben, weil ich ahnte und wusste, dass er es wert war. Weil er das alles nicht aus Spaß getan hatte, sondern keine Wahl hatte. 'Was musste er nur durchlitten haben? Was hatte ihn dazu bewogen, zu diesen Mitteln zu greifen?'
Ja, ich vermisste meine Mutter und hatte seit diesem Tag, als sie die Mauer durchbrachen, fürchterliche Albträume und mit Panikattacken zu kämpfen, aber er schaffte es allein durch sein Dasein diese schlimmen Dinge von mir fernzuhalten. Seine tiefe, beruhigende Stimme katapultierte mich jedes Mal zurück zu ihm und hinaus aus meiner Angst. 'Er hatte sie ja auch verursacht...?' Nein, Erens Erzählung zeigte mir deutlich, dass er das damals nicht beabsichtigt hatte, sie es einfach nur nicht abwenden konnte. Sie wussten es nicht besser. 'Sie waren verdammt noch mal Kinder!'
Ich kannte Reiners Inneres besser als jeder andere auf dieser Welt. Ich kannte die verletzliche Seite, die er vor allem versteckte, selbst vor mir hatte er sie lange Zeit geheimgehalten.
Wie unsagbar willensstark, leidenschaftlich und mutig er war. Ich wusste mehr als jeder andere, dass sein Wunsch nach Gerechtigkeit alles überwog. Er war mein Partner, auch wenn der Gedanke einen Knacks bekommen hatte, als ich erfuhr, warum er wirklich bei uns gelandet war. Dennoch hatte ich mich in ihn verliebt und das würde ich immer wieder tun. Vor allem, weil ich wusste, dass er mich genauso aufrichtig liebte. Wir hatten einander in diesen furchtbaren Zeiten gefunden und daraufhin alles bisherige Denken infrage gestellt. Zumindest ich.
Er war aus falschen Gründen hierhergekommen und hatte sehr viel zerstört, aber trotzdem sehnte ich mich nach diesem Mann.
Eren wollte von mir die Wahrheit wissen, ob ich Reiner immer noch liebte und ich antwortete ihm gegenüber wie immer ehrlich. Ja. Danach herrschte eine Weile eine fast schon angespannte Stille, ehe er sie durchbrach. „Das solltest du dir noch mal überlegen... Er wird dich nicht auf Dauer glücklich machen, Arisa!“, das war keine einfache Floskel, sondern ein Versprechen, das spürte ich, aber nicht warum.
Egal, welches Monster er oder Eren werden würden, ich würde mich für sie opfern und immer hinter ihnen stehen. Diese beiden Männer bedeuteten mir die Welt, mehr noch, sie waren mir wichtiger als mein eigenes Leben.
Und ich ahnte da schon, dass mir das irgendwann das Genick brechen würde.
Ich wollte ihn beschützen. Sie beide. Für sie da sein. Ihnen die Last abnehmen, die definitiv auf ihren Schultern lag oder sie zumindest mit ihnen teilen.
Ich wollte, dass Reiner mich in Shiganshina sah, damit er wusste, dass ich nicht gestorben war. Denn vermutlich hatte es so gewirkt, als wir uns das letzte Mal gesehen hatten. Der von ihm geschleuderte Titan hatte mich voll erwischt und umgehauen. Ich hatte in seinen Augen denselben Ausdruck gesehen wie zuvor schon auf der Mauer: Er wollte mir das nicht antun, mir niemals Leid zufügen, aber er hatte keine andere Wahl.
Ich sah, wie sehr ihn das schmerzte und beide Mal etwas in ihm zerbrach.

Als es so weit war und wir nach Shiganshina aufbrachen, behaarte ich darauf, dass ich mitkommen wollte. Einige waren dagegen, weswegen ich meine ganze Sachlichkeit sowie Redekunst braucht, um sie zu überzeugen. Einer von ihnen war Levi. Er meinte, das würde mich zerstören und er wollte mir das ersparen. Doch Eren und Erwin lenkten ein, wobei gerade Letzterer deutlich machte, dass wir im Grunde genommen keine Wahl hatten. Und dass er mich dabei haben wollte, weil ich eine sehr fähige Kämpferin war und er mich für eine Sache bräuchte.
Also kam ich mit, auch wenn sich dennoch bald gemischte Gefühle in mir breitmachten. Was würde ich tun, wenn ich ihn sah? Würde ich zusammenbrechen? Die Seiten wechseln?
Würde ich sterben? Oder er?
Den ganzen Weg über kreisten meine Gedanken und dann verschluckte mich die Realität.
Ich war verloren!
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast