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I don't know what's right anymore

von Saya
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
Eren Jäger Irvin / Erwin Smith Jean Kirschtein Levi Ackermann / Rivaille OC (Own Character) Reiner Braun
12.10.2021
18.01.2022
43
83.227
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24.11.2021 2.011
 
Es vergingen ein paar Tage, in denen wir das Erlebte irgendwie sacken ließen. Mehr oder minder natürlich. Aber das Leben ging nun einmal irgendwie weiter, auch wenn es schmerzhaft war. Ein Lichtblick war aber, dass keiner von uns diese Trauer allein durchstehen musste. Wir wurden noch mehr zu einer Einheit.
Jean und ich wiche einander nicht mehr von der Seite, weswegen es auch nicht verwunderlich war, dass ich in meinem eigenen Zimmer nur war, wenn ich duschen oder mich umziehen musste. Aber selbst da war er mit im Zimmer. Man bekam uns quasi nicht mehr auseinander, weil wir wohl beide fürchteten, dass wir den anderen dann verlieren könnten. Nachdem was wir schon alles durchmachen mussten, war das nicht verwunderlich, fand ich.
Das alles war nervenaufreibend und schmerzhaft gewesen und deswegen wollte keiner von uns auch nur eine Sekunde mehr ohne den anderen getrennt sein, wenn es sich verhindern ließ. Wahrscheinlich hatten wir so wenigstens das Gefühl, es irgendwie im Griff zu haben.
Ich musste mit tatsächlich eingestehen, dass ich in den letzten Tagen und Wochen so eine Art Verlustangst entwickelt habe.
Nur eine Vorstellung ängstigte mich mehr als das Unwissen, was auf uns zukam.
Nämlich Jean, Levi oder Eren zu verlieren. Oder Mikasa, Armin, Conni, Sasha, Hanji, Historia und all jene, die noch lebten.
Meine frühere Angst vor den Titanen war nicht mehr existent. Zumindest lähmte sie mich nicht mehr, geschweige denn, dass sie mich davon abhielt, gegen sie zu kämpfen.

Ich wurde von komischen Geräuschen geweckt, die ich erst nicht zuordnen konnte, weil ich selbst noch vom Nebel des Schlafes gefangen gehalten wurde. Erst einige Augenblicke später, als ich langsam meine Augen öffnete und begriff, dass ich bei Jean war, dämmerte es mir ganz langsam, dass dieses Geräusch von ihm kamen. Er träumte, aber offensichtlich nichts Gutes. Er wimmerte und schluchzte und schlug dann auch schon um sich, weswegen ich mich kurzerhand auf dem Boden wiederfand. Er hatte mich mit seinem Getrampel aus dem Bett geschubst.
Blitzschnell stand ich auf, woraufhin mir kurz schwindelig wurde, ich aber trotzdem ganz vorsichtig meine Hände auf seine Schultern legte, um ihn zu wecken.
„Jean! Wach auch! Du träumst.“, meinte ich fest, aber sanft. Das war nicht das erste Mal, dass er schlecht träumte, aber dieses Mal war es wirklich schlimm.
Ruckartig öffnete er die Augen, brauchte aber eine gefühlte Ewigkeit, bis er mich ansah und wirklich da war. „Arisa...“, wimmerte er und mir wurde unweigerlich das Herz schwer.
„Ich bin da!“, raunte ich und setzte mich kurzerhand auf seinen Schoss, zog ihn fest in eine Umarmung und spürte, wie seine Brust sich heftig hob und senkte. Seine Schultern zuckten und ich ahnte, dass es dieses Mal beängstigender war, als bisher.
„Rede mit mir! Erzähl mir, wovon du geträumt hast.“, bat ich. Normalerweise wollte er mir das nicht sagen, aber dieses Mal brach es aus ihm heraus und ich sah schlimme Vorwürfe in seinen Augen.
„Armin musste meinetwegen jemanden töten, als wir Eren und Historias Entführern hinterherjagten, sonst wäre ich erschossen worden. Ich habe gezögert, weil sie gezögert hat... Nun klebt meinetwegen Blut an seinen Händen. Wir mussten Menschen töten wegen Kenny, dem falschen König und Rod Reiss. Dabei waren die doch nie unsere Feinde. Aber … Ich würde nicht mehr zögern, nie wieder und jeden töten, der dir etwas antun würde...“ Er brach ab, aber ich sah, dass er noch mehr sagen wollte, weswegen ich ihm einen Moment Ruhe gönnte und ihn einfach nur liebevoll betrachtete. Ich schenkte ihm wie immer meine volle Aufmerksamkeit. Sanft hob ich meine Hand und legte sie ihm auf die Wange, dessen Kontur ich dann zärtlich nachfuhr, ehe ich meine Finger in seine braunen Haare gleiten ließ. „Und dieser Gedanke macht mir Angst, sowohl das eine als auch das andere... Dass wir andere Leute töten müssen, aber auch, dass es jemand auf dich abgesehen haben könnte...“
Ich hatte einen ähnlichen Gesichtsausdruck bereits bei Levi gesehen. Er war auch wenig begeistert darüber, dass wir nun diesem Gegenspieler gegenübertreten mussten.
Auch er fand es furchtbar, dass wir all die Jahre nicht wussten, dass jeder Titan eigentlich ein Mensch war. Dass wir gezwungen waren gegen unseres Gleichen zu kämpfen.
Aber für mich änderte das nichts: Mein Feind war jeder, der meine Freunde und meine Familie töten wollte. Das hatten mir die letzten 5 Jahre gezeigt und wurde mir nur noch bewusster, als ich mehr oder minder Reiners Geisel gewesen war. Jeder, der uns schaden könnte, katapultierte sich auf meine Tötungsliste nach ganz oben. Egal, ob Mann oder Frau oder Titan.
Reiner und seine Heimat wollten uns dezimieren. Sie waren unsere Feinde. Die Titanen, die sich uns in den Weg stellten waren nur ihre Lakaien. Gleiches galt für den ehemaligen falschen König und all jene, die gegen uns agiert hatten. Ich witterte hinter jeder Ecke einen Gegner.
Natürlich verstand ich, dass dieser Moment traumatisierend war für Lean, weswegen ich ihn fester an mich zog. Aber Armin hatte richtig gehandelt und nicht gezögert um seinen Freund zu retten. Ich hätte es genauso gemacht.
Mehr denn je wollte ich die wenigen Menschen, die mir geblieben waren, beschützen. Ich hatte zu viel gesehen und durchgemacht, als dass ich mich mit dem Wissen beschäftigen konnte, dass jeder Titan einmal ein Mensch war. Es tat mir leid, dennoch gab es wichtigere Dinge.
Wirkliche Menschen waren unser Feind. Ein Mann, den ich einmal geliebt hatte. Scheinbar ahnte er, woran ich dachte, denn er sprach genau von diesem Mann nun.
„Ich habe Hanji davon abgehalten Reiner zu töten... Daraufhin wurde er mitgenommen... Es ist meine Schuld, dass er weg ist...“, gestand er weiter und meine Augen weiteten sich unweigerlich. „Er wird sicher wiederkommen und dann...“
„Ssssch...“, flüsterte ich und strich ihm fürsorglich über den Rücken.
„Wir werden weitere Menschen verlieren. Ich könnte dich verlieren...“, murmelte er in mein Haar hinein und mir brach das Herz.
„Du wirst mich niemals verlieren!“, versprach ich und meinte es absolut so.
Die ganze Zeit über hatte er gezittert. Er konnte augenscheinlich keine Sekunde länger verheimlichen, dass sein Körper nach mir verlangte und er nicht länger dagegen ankämpfen wollte. Ich lehnte mich zurück und sofort umfing er mich. Presste sich mit seinem ganzen Gewicht auf mich und sah mich an.
Alles an ihm schrie nach Verletzlichkeit und Angst. In diesem Ausmaß hatte ich das noch nie zuvor bei ihm gesehen und das verschlug mir den Atem. Er war ein Hitzkopf und absoluter Sturkopf, sprach oft bevor er dachte, ein Kämpfer, jemand der schnell das Für und Wider abwägen kann, aber seine verletzliche Seite ließ er eher selten heraus. Das verbarg er gerne vor den anderen und lange Zeit auch vor mir. Weswegen ich nun unfassbar froh war, dass er es bei mir zuließ. Dass er mir so sehr vertraute, dass er sich nicht vor mir verschloss, sondern mich an allem teilhaben ließ. An jeder Gefühlsregung, jedem Gedanken, jedem Impuls, jedem Wunsch.
„Nur du weißt, wie oft ich mir Vorwürfe gemacht habe … Dass ich den Tod unserer Kameraden ausgenutzt habe in Trost...“, begann er brüchig und ich beendete seinen Satz. „...damit wir fliehen konnten, meinst du.“ Er nickte und ich küsste ihn zärtlich, damit er verstand, dass ich bei ihm war. Immer! Dass ich seine Gedanken und Gefühle verstand, weil ich sie kannte. Dass er über alles mit mir reden konnte.
Einen Moment verweilten wir so, ehe mir ein Gedanke kam. Eine Erinnerung, bei der ich trocken auflachte, ehe ich anfing zu erzählen. „Ich weiß noch, wie wütend ich war, dass ich nicht Erens Gruppe zugeteilt wurde, sondern zu dir musste. Reiner war zwar auch da, aber er war wieder so abwesend und komisch, dass mir das nicht wirklich half, dass ich nicht bei meinem Bruder sein durfte. Damals waren wir zwar schon Freunde, aber doch noch nicht so, wie es sich die Wochen darauf entwickelte. Nach diesem Tag war es irgendwie anders zwischen uns, fester, gestärkter, präsenter. Wir hatten uns im Angesicht des Todes gestützt und uns aufeinander verlassen können. Ich begriff zu diesem Zeitpunkt, dass du ein unfassbar guter Anführer und Stratege bist, aber eben auch ein wundervoller Mensch, den ich nicht verlieren will. Für den es sich lohnt zu kämpfen.“ Ich legte beide Hände an seine Wangen, um ihm zu signalisieren, dass ich nur ihn sah. „Wir konnten ihnen nicht helfen. Es war zu spät. Aber mit deiner Idee hast du unser Überleben gesichert.“, beendete ich dann meine knappe Ausführung.
„Deines!“, meinte er und mein Herz machte einen Satz. Ja, da hatte er sich wohl bereits in mich verliebt, nur war ich zu blind gewesen, das zu sehen bzw. es einzusehen. Ich sah diesen Moment bildlich vor Augen und erinnerte mich an noch etwas. „Du wolltest nicht, dass ich mitkämpfe. Du hast den Vorgesetzten angefaucht, dass ich doch bereits gesehen hatte, was sie tun und gefälligst woanders hinkommen sollte. Er lehnte ab, was blieb ihm auch anderes übrig, immerhin herrschte der Ausnahmezustand. Du wusstest, welche Angst ich hatte und dass mir Eren eine gewisse Sicherheit geboten hätte. Aber ich war bei dir und somit so sicher wie irgendwie möglich. Das weiß ich jetzt...“ Ich brach ab, weil mich die Erinnerungen drohten zu überwältigen, woraufhin seine Lippen zärtlich wie der Flügel eines Schmetterlings über meine Lippen glitten und er mich küsste. Auch an ihm nagten diese Erinnerungen.
„Ich sah, wie du mit dieser Entscheidung gehadert hast; was dich für mich zu einem unfassbar guten Freund macht; und wie du fast dem ersten Impuls gefolgt wärst, ihnen doch noch zu helfen, obwohl das Selbstmord gewesen wäre. Und da wusste ich, dass mein Platz an deiner Seite war. Dass es absolut richtig war, dass ich dir zugeteilt wurde. Danach hat sich alles zwischen uns anders angefühlt. Richtiger irgendwie. Ich meine, wir wurden daraufhin noch einmal anders ein Team. Ich kann es nicht richtig erklären...“, meinte ich atemlos und sah ihn nicken.
„Ich weiß, was du meinst und ich bin froh, dass du das genauso siehst.“, erwiderte er genauso atemlos.
„Du bist schon lange mein bester Freund, wurdest mit zu meiner Familie und nun auch endlich mein Partner.“, raunte ich heiser, aber ein zärtliches Lächeln legte sich auf meine Züge.
„Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber wir können aus ihr lernen. Ich werde niemals vergessen, aber irgendwie damit leben. Weil du bei mir bist.“
Nun spürte ich seine Lippen drängender auf mir und dann verlor ich mich schon darin.

„Soll ich dir sagen, warum ich meine Haare nicht schon längst geschnitten habe? Warum Eren nie ein Wort zu mir sagte darüber? Anders als bei Mikasa, meine ich.“, wollte ich von Jean wissen, als ich im Badezimmer stand und die Schere an den Zopf auf meiner Schulter anlegte.
Ich betrachtete meinen Freund im Spiegel, der nickte. Ich brauchte dennoch einen Moment, um die Worte über die Lippen zu bekommen, weil sie so schmerzlich waren. „Meine Mutter hat mir immer die Haare geschnitten. Es fühlte sich immer irgendwie so an, als würde ich damit auch noch die letzte Erinnerung an sie verlieren...“, gestand ich und spürte, wie er sofort zu mir kam und mich von hinten in den Arm nahm. Ich spürte seinen heftigen Herzschlag in meinem Nacken, woraufhin sich mein eigener nochmals verdoppelte.
„Du musst dir die Haare nicht abschneiden, Arisa.“, erwiderte er eine Weile später und ich seinem Blick im Spiegel begegnete. „Ich möchte es aber, immerhin fängt jetzt irgendwie die Zukunft an, oder? Meine Familie lebt in meinem Herzen weiter, sie wird nicht von meinen Haaren bestimmt. Und sie sind zu dick, als dass ich sie ständig im Zopf tragen will.“, erklärte ich, dann löste ich mich von meinem Freund und ließ die Schere zu schnappen.
Mein langer Zopf fiel zu Boden.
Nun bedeckten meine dunkelbraunen Haare nur noch meine Schultern und ich spürte, wie er mit seinen Fingern genau dort die Haut streichelte.

P.S: Hier erfolgt ein Cut und ich fahre mit einem alternativen Weg fort  ;) Falls es dich interessiert, wie es hierbei weitergeht, sag es mir bitte. Aber ich feiere den alternativen Erzählstrang jetzt schon und es macht mir unfassbar viel Spaß. Er hat einige Höhen und Tiefen und wird mich Sicherheit nicht langweilig. Nur Arisa tut mir leid. </3
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