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I Don't Know What's Right Anymore

von Saya
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
Eren Jäger Irvin / Erwin Smith Jean Kirschtein Levi Ackermann / Rivaille OC (Own Character) Reiner Braun
12.10.2021
06.12.2021
29
53.283
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12.10.2021 2.068
 
Der Morgen fing schon kacke an, was ich als schlechtes Omen ansah. Ich hatte hämmernde Kopfschmerzen und ein dumpfes Gefühl im Magen. Daher lag es für mich auf der Hand, dass es nur schlimmer werden konnte. Der Tag würde ätzend werden, dessen war ich mir sicher. Die anderen waren bereits aus dem Schlafsaal verschwunden.
Wir waren nun einige Monate im Trainingscamp und ich hasste jeden verdammten Moment hier. Allerdings musste ich da durch, ich hatte keine Wahl. Also stand ich wie jeden Morgen auf, wusch mir knapp das Gesicht, putzte Zähne, kämmte meine Haare und ging zum Frühstück.
Dort ließ ich mich neben meinen Bruder auf die Bank plumpsen und stopfte sofort das wenige Essen, das wir bekamen in mich hinein.
„Gott, siehst du scheiße aus, Arisa!“, höhnte Eren lachend und ich warf ihm einen giftigen Blick zu. Geschwisterliebe. Wie ich sie manchmal hasste. Mikasa mischte sich halbherzig ein, während ich einfach weiteraß und versuchte mir meine üble Laune nicht weiter anmerken zu lachen. „Lass mich in Ruhe!“, murrte ich und schob den Teller dann von mir, weil mir nur noch übler wurde.
„Du siehst wie immer wunderschön aus...“, hörte ich jemanden murmeln und sah auf. Ich war mir sicher, dass es aus Reiners Richtung kam. Denn das war nicht das erste Mal, dass Aussagen dieser Art in den Raum gestellt wurden und ich jedes Mal rot anlief. Doch er tat auch jetzt völlig normal. Er aß und sah nicht einmal in meine Richtung, allerdings waren seine Ohren ein wenig rot. 'Hatte ich mich verhört? Bildete ich mir ein, solche Worte von ihm zu hören? War das Wunschdenken?' Möglicherweise. Keine Frage, ich fand ihn ziemlich attraktiv. Er war ein Kämpfer und körperlich fit, was ich sehr anziehend fand, auch wenn ich erst 13 Jahre alt war und zwei Jahre jünger als er. Vor allem aber war er sehr nett. Er hatte immer ein offenes Ohr für uns, auch wenn ich das höchst selten in Anspruch nahm. Eigentlich nie, aber mein Bruder und oft war ich dann dabei.
Dadurch das Eren auch viel mit ihm trainierte, kannten wir uns gut. Aber ich hatte nie wirklich das Gefühl, dass er mich als etwas anderes sah, als Erens Zwillingsschwester.
Dennoch gab es Momente wie diese, in denen mein Bruder oder auch Jean mir solche und ähnliche Dinge an den Kopf warfen und aus Reiners Richtung eine Verneinung ihrer Aussage kam und es daraufhin still wurde. 'Oder war es Berthold?' Nein, der hatte nur Augen für Anni, wie mir jetzt mal wieder auffiel. 'Aber was interessierte es mich überhaupt, wer was sagte und für wen jemand etwas übrig hatte? Ich wollte mein altes Leben zurück...'
Frustriert erhob ich mich und schob den Stuhl auf dem ich saß geräuschvoll weg. „Ich geh laufen!“, murmelte ich und verließ postwendend den Saal. Dabei kreißten meine Gedanken mal wieder von hier nach dort und als ich kurz davor war, mich in eine Panikattacke zu manövrieren, rannte ich schneller und zurück zum Platz. So schnell, dass meine Lungen brannten. Ich mochte das Gefühl, denn dann wusste ich, dass ich lebte und wenigstes darin die Beste war, denn ich lief ihnen allen davon.
Das einzig Gute an diesem Ort war, dass ich ziemlich schnell meinen verhassten Babyspeck verloren hatte. 'Aber zu welchem Preis?' Ich schüttelte den Gedanken ab, zumindest versuchte ich es, denn es brachte mich einer Panikattacke nur näher.
Mein Bruder und ich sahen uns ähnlich, aber nicht komplett, da wir zweieiig waren. Wir hatten eine identische Augenfarbe genauso wie Haarfarbe. Dann hörte es mit den äußerlichen Gemeinsamkeiten allerdings auch schon auf. Meine Haare reichten mir in Wellen bis über die Brust und ich ließ sie meistens offen. Meine Haut war blasser als seine und mein Gesicht rund, fast kindlich mit kleinen Pausbäckchen über die sich Jean oft lustig machte, auch wenn sie nunmehr nahezu verschwunden waren. Denn ich war mittlerweile viel zierlicher. Und ich gehörte zu den Kleinsten in unserer Einheit.
Dafür ähnelten wir uns im Gemüt umso mehr, wenn ich das nicht immer versuchte zu verstecken. Ich war wie er impulsiv und hitzköpfig, hatte einen Sturkopf und eine Willensstärke, die ihresgleichen suchte. Na ja, bis sich vor fast drei Jahren alles verändert hatte und ich irgendwie den Willen verlor, zu überleben. Nämlich als die Titanen in unseren Bezirk kamen. Seitdem war ich oft wie gelähmt. Ich wurde zurückgezogener und ruhiger. Meistens.
Aber wie bereits erwähnt: Heute war ein mieser Tag.
„Na, drückst du dich mal wieder vor dem Training?“, schnauzte Jean mich an, der immer genau wusste, welche Knöpfe er bei mir zu drücken hatte, damit ich von Null auf Hundert ging. Auch wenn ich meine Wut meistens herunterschluckte und ihn nur wutentbrannt ansah. Es loderte in mir.
„Wozu soll das gut sein...?“, murmelte ich mehr zu mir selbst, als das es eine Antwort war. „Irgendwann fliegst du hier raus und dann?“, nörgelte er weiter und ich zuckte zusammen. Eine Erinnerung blitzte vor meinen Augen auf. Ich wollte nicht dort raus. Um nichts in der Welt.
„Du trainierst ja nicht mit mir...“, blaffte ich zurück und er lachte laut auf. „Warum sollte ich? Das hat keinen Anreiz für mich. Du bist zu schlecht, Arisa.“, höhnte er und wand sich wieder Marco zu.
Plötzlich flammte etwas in mir auf, dass ich lange nicht mehr gespürt hatte. Sehr lange. Ich dachte, ich hätte es an dem Tag verloren, als meine Mutter starb. Ehrgeiz und vor allem Stolz.
„Hast du Schiss, von einem Mädchen fertiggemacht zu werden, Jean?!“, gab ich bemüht zuckersüß, aber hochtrabend von mir. Ein diabolisches und freches Grinsen trat auf meine Züge.
Ähnlich wie Eren hatte ich mich früher auch mit größere, älteren und stärkeren Kontrahenten angelegt, daher war es mir egal, dass Jean größer war. Das war eh fast jeder hier. Ich war ihm nicht unterlegen. Nicht heute. Niemals. Nur weil ich das alle glauben ließ, stimmte es nicht.
„Als ob! Du hast es einfach nicht drauf, Arisa. Du bist doch eine der Schlechtesten hier, obwohl Mikasa deine beste Freundin ist und Eren dein Bruder. Dein Zwillingsbruder. Vielleicht sollten sie dir mal was beibringen...“, höhnte er und schenkte mir ein süffisantes Grinsen.
„WAS SAGST DU DA?“, schrie ich und platzte nahezu vor Wut. Nein, nicht nur nahezu, ich scheiterte kläglich dabei mich zusammenzureißen und die kühle Fassade aufrechtzuerhalten, die ich seit dem Mauerdurchbruch versuchte´, um mich zu errichten.
'Heute war wirklich ein beschissener Tag...', ging es mir abermals durch den Kopf und etwas in mir setzte aus. Dumm für mein Gegenüber. Der Junge vor mir war einfach nur Jean, der sprach, ohne darüber nachzudenken, was das zu bedeuten hatte. Er platzte mit seiner Meinung heraus, ohne zu überlegen, wie es mir dabei möglicherweise ging. Er wusste ja nicht, dass ich es hier hasste. Dass ich diese Scharade für Zeitverschwendung hielt und mir daher keine Mühe gab, mitzukommen. Das wusste niemand, nicht einmal Eren. Und deswegen traf meine Aktion ihn nun auch völlig unvermittelt.
Ich stürzte mich auf ihn und rang ihn in einer fließenden Bewegung nieder.
Mit einem heftigen Rums landete er ziemlich unsanft mit dem Rücken zuerst auf dem harten Erdboden. So wie ich es wenige Tage zuvor bei Anni gesehen hatte. So wie sie es meinem Bruder gemacht hatte, als sie ihn auf Reiners Anweisung hin entwaffnen sollte. Auf diese Weise überwältigte sie sowohl meinen Bruder als auch Reiner kurz darauf. Beide waren ihr körperlich gesehen überlegen, trotzdem gelang es ihr mühelos, sie zu Fall zu bringen. So wie mir jetzt. Ich hatte mir ihre Bewegungen und Griffe eingeprägt, weil ich ein kleiner Teil von mir es allen irgendwann zeigen wollte. Ich ahnte schon eine Weile, dass es irgendwann dazu kommen würde, dass ich keine Lust mehr haben würde, von meinen Kameraden schwach genannt zu werden. Von unserem Ausbilder dumm angemacht zu werden. Ich hatte es satt, ungeschickt und einfältig beschimpft zu werden. Denn ich war nichts davon. Im Gegenteil, ich war früher sehr selbstsicher und mutig gewesen. Nun war ich einfach nur gebrochen und hatte Todesangst.
In dem Moment überrollte mich allerdings die Wut darüber, dass der andere Soldat recht hatte wie eine tosende Welle. Es machte mich rasend vor Unzufriedenheit und Zorn. Vor allem aber war ich auf mich selbst wütend, weil ich es so weit hatte kommen lassen. Denn Jean hatte Recht: Ich war tatsächlich eine der schlechtesten hier. Aber dafür gab es einen triftigen Grund. Ich hatte zuvor nie darüber nachgedacht, mich für die 104. Trainingseinheit zu melden. Ich wollte, anders als Eren, nie ein Soldat werden. Mein Leben für andere opfern. Kämpfen, den Umgang mit Waffen und dem 3-D Manöver lernen. Ich wollte nichts davon und deswegen konnte ich es auch nicht. Nein, auch das stimmte nicht, ich gab mir gar nicht erst die Mühe, es wirklich zu lernen. Ich war aus Selbstschutz oder warum auch immer bei allem nur halbherzig dabei, obwohl ich früher sehr leidenschaftlich gewesen war.
Ich hatte nichts dergleichen jemals geplant und der einzige Grund, warum ich hier war, war mein Zwillingsbruder Eren. Und das er, Mikasa und Armin meine Familie waren. Ich wollte schlicht und ergreifend nicht allein zurückbleiben.
Ich wollte niemals einem Titan gegenüberstehen, denn ich hatte eine Scheißangst vor ihnen. Dennoch war es so gekommen. Eine Erinnerung flackerte vor meinen Augen auf und ich musste ein Würgen unterdrücken, weswegen ich mich mit wackeligen Schritten von Jean erhob. 'Eren war nun meine ganze Familie und ich wollte keine Minute von ihm getrennt sein, nur deswegen ließ ich diesen Mist über mich ergehen...', schärfte ich mir ein.
„Sieht das aus, als wäre ich die Schlechteste der Trainingseinheit?“, zischte ich zähneknirschend, während ich mich drohend vor ihm aufbaute, die Hände in die Hüfte stemmte und ihn anfunkelte. Er hatte am ersten Tag zu unserem Ausbilder gesagt, dass er später der Militärpolizei beitreten wolle, um im Schutz der Mauern zu leben. 'Mauern schützten einen nicht... Dummer Idiot!'
„HAST DU SIE NOCH ALLE?“, schrie er lautstark und nun hatte sich auch der Letzte zu uns umgedreht. Währenddessen trat auf mein Gesicht wieder ein überhebliches Grinsen und ich kippte meine Hüfte zu einer Seite, um ihm zu signalisieren, dass ich trotz seiner Meinung gewonnen hatte.
Langsam kam jemand auf uns zu, doch anders als erwartet, waren es weder mein Bruder, noch Mikasa oder Armin, die mich besänftigen wollten. Im Augenwinkel sah ich, dass es Reiner war, dessen Miene undurchdringlich erschien, ehe er flüchtig lächelte, als mein Blick seinem begegnete. Er kannte diese Art von Wutanfällen bereits von meinem Bruder, allerdings nicht von mir. Wir hatten viel Zeit miteinander verbracht in den letzten Wochen und Monaten. Aber ich war nie derartig ausgerastet. Nicht so. Denn gerade braute sich etwas in mir zusammen, dass ich lange nicht mehr so heftig vernommen hatte. Das hier war erst der Anfang.
„Ich war doch überhaupt noch nicht vorbereitet...“, blaffte Jean mich an und versuchte sich aufzurappeln.
„Man ist auch nicht auf Angriffe der Titanen vorbereitet. Sie sind einfach da und nehmen einem alles. Also heul nicht rum, Jean!“, tobte ich weiter und machte Anstalten, mich noch einmal auf ihn zu stürzen. Doch zu meiner Verwunderung ging Reiner dazwischen. Er wendete sich mir zu, sah mich ruhig an, streckte einen Arm aus und hielt ihn ausgestreckt vor meine Brust, sodass er mir den Weg versperrte. Ich hielt inne und warf ihm einen wütenden Blick zu. 'Eren hätte er nicht aufgehalten...', schoss es mir durch den Kopf.
„Ich glaube, er hat es verstanden. Lass gut sein, Arisa.“, erklärte der Blondschopf sanft und kurz huschte etwas über sein Gesicht, dass so schnell wieder verschwand, wie es gekommen war.
Hitze stieg in mir auf, die ich kaum hinunterschlucken konnte. Geladen wendete ich mich daher von beiden ab und ging mit festen Schritten in die entgegengesetzte Richtung. Vor lauter Zorn begann ich am ganzen Körper wie Espenlaub zu zittern, weswegen ich kurzerhand meine Arme um meinen Körper schlang. Ich ging weiter und reagierte gar nicht auf die Worte meines Bruders, der fragte, was verdammt noch mal mit mir los sei. Nein, ich ging einfach an ihm vorbei, genauso wie an meinen Freunden. Ich entfernte mich immer weiter vom Trainingsplatz. So lange, bis ich außer Sicht- und Hörweite war. Ich kickte einen Stein mit voller Wucht von mir und dann entkam meiner Kehle ein heiserer Schrei: „VERDAMMT!“ Ich raufte mir die Haare und wurde von all den Emotionen in mir verschluckt, die nach all der Zeit nun drohten überzukochen.
 
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