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Diese eine Wahrheit

OneshotHumor, Romance / P12 / Het
Dana Scully Fox Mulder
10.10.2021
10.10.2021
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Diese eine Wahrheit

Disclaimer: The X-Files und die Figuren Mulder und Scully gehören nicht mir, sondern Chris Carter, 20th Century Fox und 1013 Productions.

Mulder und Scully sind gezwungen, einen arbeitsfreien Tag im Büro zu verbringen. Eigentlich die ideale Gelegenheit für Mulder, um endlich Klartext über seine Gefühle für Scully zu reden …

Irgendwann nach 5X20 ("The End") und The X-Files Fight the Future. Scully und Mulder sind aus der Antarktis zurückgekehrt, haben aber noch nicht erfahren, daß die X-Akten wieder geöffnet wurden.

***
Agent Mulder hatte den Kopf auf die angekohlte Schreibtischplatte gelegt und haderte mit sich und der Wahrheit. Die hatte rein gar nichts mit Außerirdischen und Verschwörungstheorien zu tun, schließlich gab es noch mindestens eine Million andere Wahrheiten, zum Beispiel diese eine, die so persönlich war, daß er es nicht einmal schaffte, sie Agent Scully anzuvertrauen. Scully. Bei dem Gedanken an seine Partnerin konnte er ein Lachen nicht unterdrücken. Ein abgehacktes, bitteres Lachen. Eins, das nach jahrelanger Heimlichtuerei klang, nach der Unfähigkeit, etwas zu ändern.

"Mulder."

Er hatte die Tür gar nicht gehört und schreckte hoch, fühlte sich bei irgend etwas ertappt, obwohl er wirklich nur ganz kurz an sie gedacht hatte. "Scully!"

"Was machen Sie hier?"

Am Morgen war er einfach aufgestanden und ins Büro gefahren, wie sonst auch. Ein Automatismus. Ein Schutzschild gegen das, was in der Untätigkeit, in einem freien Tag, lauern könnte.

"Papierkram", log er und fühlte sich mies.
Nicht wegen der kleinen Lüge, die würde sie ohnehin durchschauen, selbst wenn er ein Blatt Papier oder eine Tastatur vor sich liegen gehabt hätte.

"Aha", erwiderte Scully da auch schon und runzelte die Stirn.

"Aber Sie, Sie sollten nicht hier sein", sagte er dann und das war der wahre Grund, weshalb er sich schlecht fühlte.

Sie sah noch immer reichlich mitgenommen aus, hatte eine Schramme im Gesicht und blaue Flecken am gesamten Körper. Letzteres war natürlich nur eine Vermutung, schließlich war sie vorbildlich und vor allem vollständig angezogen, sie trug Blazer und Rock, wie an jedem normalen Arbeitstag. Bestimmt hatten die Ärzte ihr geraten, sich noch ein paar Tage auszuruhen. Nach allem, was passiert war.

"Wenn es nach diesen Männern ginge, sollten wir beide nicht hier sein", erwiderte Scully sanft, so als wäre sie in der Antarktis nicht um Haaresbreite mit dem Leben davon gekommen. Und als wäre die ganze Sache nicht seine Schuld. "Dumm nur, daß wir hier nichts mehr zu tun haben."

Mulders Büro glich einem Trümmerhaufen, in den wenigen Möbelstücken, die noch übrig waren, hatte sich der Rauch festgebissen. Sämtliche X-Akten waren weg, verbrannt. Bis auf … Mulder griff unter die Tischplatte und zog den schmalen Ordner hervor, den er auf dem Schoß versteckt hielt.

Über Scullys Gesicht kroch ein verwundertes Lächeln. "Sagen Sie nicht, die hatten Sie sich als Bettlektüre zur Seite gelegt."

Es war nur ein zartes Nicken in seine Richtung, doch sofort fühlte er sich wieder mutiger.

"So in der Art. Erinnern Sie sich noch an Leon County, Florida?"

"Die Mottenmänner im Wald. Sind sie etwa wieder aufgetaucht?"

"Nein. Aber als ich vor kurzem die Akte noch einmal überflogen habe, ist mir etwas aufgefallen, etwas, was wir damals wohl übersehen haben. Wir … könnten das überprüfen. Während die Führungsetage sich neue spannende Aufgaben für uns überlegt."

Jetzt hatte er es ausgesprochen, hatte sie quasi eingeladen.

Ach, wahrscheinlich hatte sie keine Lust. Der Fall war abgeschlossen und niemand würde ihnen die Kosten für Flug und Unterkunft erstatten. Er konnte versuchen, sie zu überreden. Oder alleine losziehen. Manchmal begriff Scully nicht, wie bedeutsam eine Nachforschung, wie heiß eine Spur war. Doch eigentlich … Eigentlich wußte er ja, daß er sie nur wieder in eine Mission hineinzog, die nicht ihre war.

Scully fixierte die Akte über die Mottenmänner. Immerhin hatte sie nicht sofort die Arme vor der Brust verschränkt. Irrte er sich oder wirkte sie gar nicht so abgeneigt?

"Gut, dann lassen Sie uns das mal ansehen. Haben Sie schon gepackt?" fragte sie.

Er sprang nicht sofort auf, obwohl sie soeben zugestimmt hatte. Vielleicht … war die Sache ja doch keine so gute Idee.

"Andererseits … Ich glaube, es wäre besser, wenn Sie noch nicht wieder arbeiten. Wissen Sie was, vergessen wir das Ganze, die X-Akten sind nicht mehr unsere Aufgabe. Wenn überhaupt, dann ist es mehr als ausreichend, daß ich mir das allein ansehe. Ich meine, was sollen Sie irgendwo in der Pampa durchs Unterholz kriechen, wo Sie doch endlich mal Ihre Steuererklärung in Angriff nehmen könnten. Oder Sie lesen diese fünfhundert Seiten Abhandlung über die Evolution von Drosophila melanogaster und deren Rolle in der Entstehungsgeschichte der Humangenetik. Es gibt so viele Möglichkeiten, Scully. Sie sollten nicht arbeiten, jetzt, wo wir offiziell nichts mehr zu tun haben."

Sie runzelte erneut die Stirn, doch diesmal schickte sie ein Lächeln hinterher. "Ich würde Sie jetzt gerne mit einer Nadel in den Arm pieksen, nur um sicherzugehen, daß Ihr Blut nicht grün ist."

Er lachte kurz auf, es half aber nicht gegen das Flattern in seinem Bauch. Natürlich wollte er sie dabeihaben. Genau das war ja das verdammte Problem.  

Sie trat einen Schritt auf ihn zu, wich weder vor ihm noch seinen improvisierten Ausflüchten zurück. Mulder erinnerte sich noch zu gut an den Fall mit den Mottenmännern, in den sie damals zufällig gestolpert waren. Und er erinnerte sich an Scully im Motel, ganz allein, oder vielleicht auch nicht. Er war zu ihr gerast, doch als er ankam, war alles in Ordnung gewesen. Was aber, wenn sie einfach nur Glück gehabt hatte? Sollte er sie schon wieder in Gefahr bringen?

"Mir geht es bestens, Mulder."

"Sie sollten sich wirklich noch eine Weile ausruhen."

"Ich habe mich lange genug ausgeruht."

Kurzentschlossen stopfte er die Akte zurück in seine Tasche. Ganz tief nach unten.

"Ok, anderer Vorschlag: Wir bleiben beide hier. Was halten Sie davon? Wir könnten uns eine Pizza bestellen und nebenbei ein bißchen … aufräumen." Mulder erhob sich und wollte einen weiteren Stuhl heranziehen. Es gab keinen, nur den hinter seinem Schreibtisch. "Hm. Scully, tut mir leid, ich hätte schwören können, daß hier noch irgendwo ein zweiter Stuhl ..."

"Sie wollen hier sitzen bleiben?"

Er zuckte die Schultern. Wahrscheinlich wirkte es nicht sehr lässig. "Wir verbringen viel zu wenig Zeit gemeinsam im Büro. Finden Sie nicht auch?"

Jetzt verschränkte sie doch die Arme vor der Brust. Mist. Sie glaubte ihm nicht. Er kam sich wie ein Trottel vor. Er konnte damit leben, wenn sämtliche FBI-Kollegen ihn dafür hielten. Aber nicht Scully.

"Lassen Sie mich das einmal zusammenfassen: Sie wollen den Fall nicht wieder aufrollen. Sie wollen statt dessen hier im Büro bleiben und Zeit mit mir verbringen. In einem abgebrannten Büro. Mit nur einer Sitzgelegenheit."

"Ich stelle Ihnen selbstverständlich meinen Stuhl zur Verfügung."

Mulder marschierte um den Schreibtisch herum. Scully blieb bei den verschränkten Armen und machte keine Anstalten, sich zu setzen. Und was jetzt? Momentan lungerten sie mitten im Raum wie zwei Verkehrspolizisten auf einer gottverlassenen Landstraße. Oder zwei arbeitslose FBI-Agenten. In so einer Situation konnte man vielleicht über Außerirdische diskutieren oder darüber, wie sie sich die X-Akten zurückholten. Aber doch nicht über diese eine, diese ganz persönliche Wahrheit.

"Scully, warten Sie hier, ich bin sofort wieder da. Nein, warten Sie nicht hier. Setzen Sie sich auf meinen Stuhl, und äh … warten dort."

Er sprintete aus dem Raum, den Flur hinunter, riß ein paar Türen auf und dann fand er, wonach er gesucht hatte. Mit einem Faltstuhl unterm Arm kehrte er zurück in sein Büro, überzeugt davon, daß er nun bereit war. Bereit, mit seiner Wahrheit herauszurücken.

Scully hatte tatsächlich hinter seinem Schreibtisch Platz genommen. Als sie ihn und das faltbare Teil entdeckte, zogen sich ihre Mundwinkel verräterisch nach oben. Na bitte. Immerhin war sie nicht mehr in Abwehrhaltung.

"Camping, Mulder? Von einem Lagerfeuer würde ich allerdings abraten …"

Eine Weile starrte Scully mit ihm auf die Überreste der letzten fünf Jahre. Fünf Jahre ihrer Arbeit. Dann schüttelte Mulder den Kopf.

"Soll ich uns eine Pizza bestellen?"

"Es ist zehn Uhr am Morgen."

"Das heißt … ich soll eine Pizza bestellen, aber erst später?"

Er positionierte den Faltstuhl auf der anderen Seite des Schreibtischs und ließ sich darauf nieder. Der Stuhl stöhnte und ächzte. Mulder erstarrte vorsichtshalber zur Salzsäule. Nicht daß das Ding unter ihm zusammenbrach. Nun ja, selbst wenn, tief fallen würde er nicht. Er hatte jetzt schon das Gefühl auf dem Boden zu sitzen, die Knie reichten ihm beinahe bis zur Schulter.

"Ok, Mulder, worum geht es?" fragte Scully und warf ihm und seinen viel zu langen Beinen einen amüsierten Blick zu.

"Die Mottenmänner? Es handelt sich bloß um eine Kleinigkeit. Es ist nicht so dringend."

"Ich meinte eigentlich, was mit Ihnen los ist."

Jetzt. Das war seine Chance auf die Wahrheit, er brauchte sie nur zu ergreifen. Kein Versteckspiel mehr. Ahnte sie etwas? Er musterte sie möglichst dezent. Eigentlich alles wie gewohnt, außer der Kratzer auf ihrer Wange, ein winziger Makel an einer, an seiner, perfekten Scully. Und dann diese Augen. Ihm hatte ihr kluger, offener Blick stets gefallen, selbst mit der für sie typischen Portion Skepsis darin. Nein, gerade deswegen. Er mochte Frauen, die man überzeugen mußte. Mit Fakten, nicht mit Süßholz raspeln.

"Eigentlich … wollte ich über Sie reden. Und über mich. Über uns. Also, wie ich darüber denke. Wissen Sie, Scully, wir verbringen so viel Zeit gemeinsam. Bei der Arbeit. Warum sind wir heute schon wieder hier? Hm? Warum sind wir hier, wenn wir eigentlich frei hätten?"

"Also, ich fühlte mich gut heute morgen und da ich davon ausging, daß ich Sie hier antreffen würde …"

"… sind Sie ins Büro gefahren. Ja, genau das ist es, was wir Tag für Tag tun. Wir arbeiten gemeinsam. Wir arbeiten verdammt viel gemeinsam. Aber was wäre, wenn wir nicht ständig nur arbeiten würden? Gemeinsam?"

Was schwafelte er da eigentlich für einen Unsinn? Scully guckte ihn an, als wüßte sie das auch nicht so recht.

"Mulder, ich habe keine Ahnung, worauf Sie hinauswollen." Sie lehnte sich auf dem Stuhl nach vorne, rückte näher. Näher zu ihm. "Rein inhaltlich würde ich es so deuten, daß Sie, sagen wir, ein neues Hobby entdeckt haben und nun eine Begleitung suchen. Zum Bespiel für einen Tanzkurs. Aber da ich weiß, daß sie keine Hobbys haben, suchen Sie wahrscheinlich auch keine Begleitung."

"Einen Tanzkurs?"

Sie zog eine Augenbraue hoch. "Dafür braucht man zumindest einen Partner."

"Ach, Sie kennen mich doch, ich bin mehr so der Typ für Bungeejumping."

Er grinste und sie lächelte zurück, schlug die Augen nieder, gab auch noch den letzten Rest Widerstand auf, so schien es ihm zumindest. Ob sie mit ihm auch zum Bungeejumping gehen würde?

"In dem Fall erwarte ich Sie unten bei der Landung", erklärte sie da auch schon.

"Ich weiß das zu schätzen, Scully. Wirklich. Daß Sie immer dabei sind. Und daß Sie mir das Bungeejumping vermutlich versuchen würden auszureden."

"Daß ich es erfolglos versuchen würde, meinen Sie."

"Immerhin ist es Ihnen nicht egal."

Er sah sie über den Tisch hinweg an, verlor sich in dem, was sein könnte. Oh, Scully. Was auch immer er für einen Mist anstellte, ihr war es nie gleichgültig, sie kämpfte für ihn, mit ihm. Und ohne sie hätte er es schon längst aufgegeben.

Er räusperte sich.

"Scully …" begann er und in dem Moment knarrte und knallte es und der Stuhl krachte unter seinem Gewicht zusammen. Mulder fing sich rasch wieder, rappelte sich auf.

Scully lachte nicht.

Sie ging zu ihm. Seite an Seite standen sie da, an den Schreibtisch gelehnt, schweigend. Er roch ihr Parfüm, ein zarter, femininer Duft. Er atmete tief ein und aus, ein und aus.

Vielleicht gab es Wahrheiten, die man nicht aussprechen mußte. Vielleicht war er auch einfach nur feige. Es spielte keine Rolle.

Scully seufzte, leise, unhörbar fast, dann nahm sie ihren Mantel. "Kommen Sie, Mulder. Sie sind nicht dafür gemacht, untätig an einem verkohlten Schreibtisch herumzusitzen. Und selbst mir wird langweilig, wenn ich Ihnen dabei zusehen muß."

Er fing ihren Blick auf, es war einer von denen, die ihn nachts nicht schlafen ließen.

Die Wahrheit. Er hatte sie ihr so oft gesagt, ohne Worte, tausendmal. Und nur dieses eine Mal war er sich sicher, daß sie ihn längst verstanden hatte.

ENDE













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