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My Inner Ocean

von Hotaru An
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
09.10.2021
09.10.2021
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Die Hitze weckte mich unruhig auf. Meine Augen fühlten sich verklebt und schmutzig an. Mein Kiefer knackte und rumorte von der nächtlichen Anspannung und mein Gehirn versuchte verzweifelt sich einen Weg aus meiner Schädeldecke rauszubahnen. Das tat weh. Alles bewegte sich zeitverzögert und es war viel zu hell. Es war so lange her dass ich bis zum Sonnenaufgang wach war und tagsüber schlief, dass mich die Uhrzeit auf meinem Handy sprachlos zurückließ: 14:12. In der halben Stunde die ich heute Nacht vom Partyort nach Hause in der Straßenbahn verbrachte fielen mir so einige Dinge auf. Meine Freund*innen hingen alle genauso schwach in den Seilen wie ich, es war unendlich anstrengend mein Fahrrad aufrecht zu halten, das letzte Gespräch auf der Party hätte ich nicht führen sollen und die Sonne ging so schnell auf, dass ich als ich aus der Bahn raustrat, ich sogar den Müll der Jugendlichen sehen konnte der sich vorm Landesmuseum aufgetürmt hatte.

Heute war der 9. Oktober. Wir hatten in einen Geburtstag reingefeiert, weil der Tag für uns alle einen emotionalen Beigeschmack hat. Vor 2 Jahren kam es zum rechtsextremen Anschlag auf die Synagoge in Halle, bei dem 2 Menschen umgebracht worden sind. Ich erinnere mich noch genau wie ich damals mit meiner, in eine Assiette eingeschweißten veganen Ente in Mangosauce, auf dem Spielplatz saß und gar nicht den Ernst der Lage realisieren konnte. Rückblickend war ich komplett naiv und dumm, aber auch einfach weil ich es nicht realisieren konnte. Als mir geschrieben wurde das Schüsse gefallen sein sollen und ich lieber nach Hause gehen sollte, dachte ich: Na ja vielleicht ess ich ja noch auf, der Ort wo das gewesen sein soll, war schließlich relativ weit weg. Bist du komplett hohl? Erst als ich zu Hause angekommen war, verstand ich meine gefährliche Handlungsweise. Erst nachdem mein Mitbewohner mich angerufen hatte sofort nach Hause zu kommen, meine Schwester mich fragte ob ich in Sicherheit wäre und ich las dass ein Mann mit selbstgebauten Waffen auf die Tür der Synagoge geschossen hatte, an Jom KIppur.

Ein sehr guter Freund lief damals nur nicht seinen normalen Arbeitsweg an der Synagoge vorbei, weil er noch auf einen Kaffee eingeladen wurde. Sonst wäre er vielleicht nicht mehr hier.
Die Oma einer sehr guten Freundin lief die Straße entlang als der Attentäter auf den Kiez Döner zulief, wo er einen weiteren Menschen tötete, und verkniff sich ein Kommentar als sie den Mann sah, obwohl sie sich fragte “ob Halloween sei, weil er im Kostüm rumrannte”. Hätte sie es gesagt, wäre sie wohl nicht mehr hier.
Wäre meine Verabredung nicht ausgefallen zum Mittagessen, wäre ich in der Straße gewesen in einem Erdgeschoss Geschäft, wo der Attentäter mit seiner Handfeuerwaffe herumirrte auf der Suche nach einem “Ersatz Zielort”.

Ich müsste heute eigentlich zum Gedenken gehen, doch ich bring es nicht übers Herz. Ich liege im Bett und weine, bin erschöpft, enttäuscht von mir und hasse die Ignoranz mit der Politiker*innen in unsere Stadt kommen und nicht mal den Anstand aufbringen können mit dem Besitzer des Döners wo vor 2 Jahren jemand gestorben ist, wo Menschen mit traumatischen Erfahrungen zu kämpfen haben, ein Gespräch zu führen. Alles Fassaden, alles leere Versprechungen von Aufarbeitung und Solidarisierung mit Betroffenenen.

Es ist der 9. Oktober 2021 und 2 Jahre nach dem Anschlag darf am Gedenktag ein Neonazi in der Stadt eine Demo durchführen und seine Parolen rufen.

Wo bleiben eure Handlungen auf die leeren Worte des Zusammenhalts?
 
 
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