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Denk dir was aus

von Aimee
GeschichteDrama / P12 / Gen
08.10.2021
08.10.2021
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1.407
 
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Meine Mutter trank Dosenbier nicht, weil sie sich nichts besseres leisten konnte, sondern es schmeckte ihr am besten. Doch sie nutze dabei nicht die dafür vorgesehene Öffnung wie es Studenten taten, um es sich möglichst schnell hineinzukippen, bevor es noch schlechter wird. Stattdessen füllte sie es in ein anderes Gefäß, manchmal eine Tasse, und ließ den Abend ausklingen.  
Meine Mutter begann jedes Buch auf der letzten Seite, denn sie wollte immer zuerst die letzten Sätze lesen, um die Motivation in den ersten Kapiteln nicht zu verlieren, beziehungsweiße, um festzustellen, ob sich der Aufwand lohnte. Das führte allerdings dazu, dass sie immer wieder Bücher abgebrochen hatten, weil die letzten Sätze bereits zu viel verraten hatten.
Meine Mutter mochte ihre Monstera lieber als ihren Hund, weil sie diese schon seit ihrer Jugend besaß.

Bestimmt hätte jemand all diese Eigenarten mit etwas rhetorischem Geschick in eine angemessene Rede fassen können, aber nicht ich; ich war ganz stumm und blickte hinunter. Um mich herum die weinenden Menschen, die mich erwartungsvoll betrachteten, darauf warteten, dass mir auch eine Träne entwischen würde, aber ich stand einfach nur da. Sah zu, wie Schaufel für Schaufel das helle Holz mit Erde bedeckt wurde. Immer weiter füllte das dunkle Braun mein Sichtfeld. Aber in meinen Gedanken sah ich ihr Gesicht und es fühlte sich an, als würde mit jeder Schaufel, die den Sarg verschwinden ließ, auch das Bild in meinem Kopf verblassen. Sowie all die Erinnerungen, die ich über die Jahre über sie gesammelt hatte, die als kurze Anekdoten einen eigenen Platz in meinem Gedächtnis hatten. Weg. Stück für Stück, und kein Holz war mehr zu sehen. Da fragte ich mich, wie schnell es wohl passieren wird, bis alles ausgelöscht ist. Vielleicht musste ich für jedes vorübergehende Jahr, ein volles Jahr mit Erlebnissen hergeben, Tag für Tag. Vielleicht würde ich sie komplett vergessen haben, wenn ich einmal doppelt so alt bin.
Jetzt war‘s ganz aufgefüllt und ich hatte mich noch immer nicht gerührt. Auch egal.

Und dann war schon ein Jahr vergangen oder vielleicht erst sechs Monate, aber es fühlte sich so an, wie ein Jahrestag, weil sie Stimmung dieselbe war. Es war wieder dieses Wetter, der Nebel, der keinen Ausweg ließ, so trostlos, so grau. So war es schon lang nicht mehr gewesen. Doch das war nicht das einzige, was mich so fühle ließ wie damals. Und auch nicht zum ersten Mal. Eigentlich fühlte ich mich ständig so im letzten halben Jahr. Schließlich hatte sich ja mein Zimmer, in dem ich mich die aller meiste Zeit aufhielt, nicht merklich verändert.
Wie etwa der Oscar Wilde, der neben dem Bett auf der kleinen Kommode lag, so, als hätte ich darin vor dem Schlafen gehen gelesen und es dort für den nächsten Abend platziert. Allerdings hatte das Buch in den sechs Monaten seine Position nicht mehr verändert. [das habe ich nicht gewagt] Es hatte sich bereits eine Staubschicht darauf gebildet. Es gab Zeiten, da kehrte ich sie segelmäßig ab, sodass es wirklich wie gerade hingelegt aussah; und manchmal ließ ich es Wochen lang sein. Obwohl es direkt neben meinem Bett war, in dem ich mich hauptsächlich aufhielt. Zum Greifen nah. So war es auch jetzt wieder, eine deutliche Staubschicht bedeckte das Cover, und ich betrachtete sie.
Das Problem mit diesem Buch war die schwerwiegende(tiefgreifende) Bedeutung, die es mir entgegnete. Zum einen, das offensichtliche, war ja der Inhalt, der wohl schon viele Menschen außerordentlich bewegt hatte. Doch mir blieb das verwehrt, diese Erkenntnis, diese Bekehrung, denn ich kannte ihn nicht. Wer weiß, wer ich heute wäre, wenn ich es schon gelesen hätte. Ein Sozialist? Ein Kommunist? Ich hatte mir damals ausgemalt, wie mich dieses Buch auf diesen Weg, in diese Richtung lenken würde. Wie sich der Text auf mich, ein unbeschriebenes Blatt, übertragen würde. Was es mit mir hätte machen können. Aber jetzt – jetzt war ich gar nichts. Also wenn ich dieses Buch betrachtete, dachte ich an eine Version von mir, die es in dieser Realität einfach nicht gab. Weil ichs nicht gelesen hatte. Und selbst wenn ich es nun doch täte, ich glaubte, ich würde trotzdem kein Sozialist mehr werden. Dieser Weg war ein für alle Mal geschlossen.
Dabei warens ja nur achtzig Seiten und doch hatte ich es seitdem nicht geöffnet. Seit ich es am Abend vorher dort hingelegt hatte.
Und weil das nicht schon genug war, kam noch die Herkunft dieses Büchlein zur Bedeutung hinzu. Man kann sich es schon denken, von wem ich es bekommen hatte – es war von der Mutter. Ich erinnerte mich, wie sie irgendwann mal eine Vielzahl an Gegenständen aus dem Dachboden gezogen hatte, die ich zum Teil noch nie zuvor gesehen hatte. Das war dann alles im Wohnzimmer gestanden und hatte die Luft in eine Staubwolke verwandelt. Ich hatte ihr dann beim Sortieren helfen sollen, doch mittlerweile konnte ich mich an keines der Objekte erinnern, geschweige denn, welche wieder auf den Dachboden gestellt und welche zum Müll gebracht worden waren. Allerdings erinnerte ich mich an die Kisten voller Bücher, die meisten Liebesromane, deshalb war mir der Oscar Wilde gleich aufgefallen, allein weil er so klein und dünn war. Dann war meiner Mutter mein konzentrierter Blick aufgefallen und hatte mir vorgeschlagen, es mitzunehmen. Es war auch deshalb aufgefallen, weil es offensichtlich nicht von ihr stammte. Sie hätte so etwas nie gelesen, sie war nie so jemand gewesen, eine Sozialistin. Sie hatte selbst nicht mehr gewusst, wie es zu ihr gelangen war. Wahrscheinlich als Geschenk.
So könnte man sagen, dass das Büchlein nicht wirklich von meiner Mutter stammte und es ja für sie keinerlei Bedeutung hatte – aber für mich schon. So fühlte es sich zumindest an.  
So war es also in meinen Besitz gelangt und schließlich auf meine Kommode, wo es sich ständig in mein Blickfeld warf und mich an diese Unvollendetheit erinnerte.
Als ich es gerade so betrachtete, streckte ich meine Hand danach aus und malte mit dem Zeigefinger ein Kreuz in die Staubschicht. Es war eine völlig automatische Handlung, als hätte ich keine Kontrolle über meinen Körper. Ich war beim besten Willen nicht so eine dramatische Person. Aber nicht zum ersten Mal führte mein Körper diese gedankenlosen Aktionen durch. Eigentlich hatte ich sogar sehr oft das Gefühl; irgendwo hinzugehen, Gegenstände zu verschieben oder sogar Sätze zu sprechen, ohne die Erlaubnis meines Kopfes. Es passierte einfach. Dann war es besonders befremdlich in meiner Haut zu stecken oder sich im Siegel zu betrachten, aber das war mir auch allgemein unangenehm, weil mich das ins Hier uns Jetzt versetzte.
Auf meiner Fingerspitze hafteten Reste des grauen Staubes und ich begann sie zwischen meinen Fingern zu einer Fluse zu zwirbeln. Und ich dachte mir, dass dieser kleine Fussel dasselbe war wie ich. Immerhin bestand er wohl größtenteils aus mir; aus meinen Hautzellen oder Haaren. War so grau wie ich mich fühlte, und lag auch nur den ganzen Tag in diesem Zimmer herum.
Doch bevor mir noch weitere, überraschend zutreffende, Vergleiche einfielen, holte mich ein nerviges Geräusch aus meiner Gedankenwelt. Zu meiner Linken entdeckte ich mein Handy. Es schrillte in dürftiger Qualität einen alten Song, den ich früher einmal sehr gemocht hatte, aber nachdem ich ihn als Klingelton eingestellt hatte, war er immer mehr zu einem unangenehmen Geräusch geworden. Außerdem erschien eine Nummer auf dem Display, die ich bisher noch nicht einspeichern wollte. Ich wusste sowieso wer es war. Das Gerät klingelte und klingelte und ich schaute regungslos ihm dabei zu, bis es endlich aufhörte. Ich war immer noch still. Dann geschah das gleiche Ereignis nochmal. Es ertönte der Song, die weißen Ziffern erschienen auf dem Display und ich betrachtete es aus demselben Blickwinkel für lange Zeit. Doch kurz bevor es wieder ruhig werden würde, ging ich ran. Denn ich hatte Angst, in eine Art Zeitschleife zu geraten, bei der dieses Ereignis immer wieder von Neuen beginne würde, und ich machtlos dieses Lied ewig weiterhören müsste.
Allerdings nun die bekannte Stimme am anderen Ende der Leitung zu hören, war keine sehr viel angenehmere Situation. „Guten Tag, hier ist Rothenberg. Wir wollten dir nur Bescheid sagen, dass wir gestern neue Informationen gekriegt haben, die schon recht interessant klingen.“ Die Stimme pausierte, eine erwartungsvolle Pause, wie ich nach zwei Sekunden erkannte. Aber ich brachte nicht mehr zu Wort als ein leises Brummen. „Wir gehen der Sache nach“, sprach er weiter mit einer nun etwas gedämpften Stimme. „Ich ruf an, sobald sich daraus mehr ergibt. Auf Wiederhören!“ Ich nickte und als mir auffiel, dass man das nicht hören konnte, hatte er bereits aufgelegt.
 
 
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