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I'll find strength in pain

GeschichteAllgemein / P12 / MaleSlash
Jean Moreau Jeremy Knox
07.10.2021
07.10.2021
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Jean war erschöpft. Das Spiel gegen die Breckenridge Jackals war ihm wie die Hölle auf Erden vorgekommen. Vor allem die perfide Spieltaktik des gegnerischen Teams setzte ihm immer noch mehr zu als ihm lieb war. Es war die Mischung aus Brutalität und psychologischer Kriegsführung, die das ganze Team mehr als einmal ins Straucheln gebracht hatte. Doch dieses Mal hatten die Jackals nicht gewonnen. Die Trojans konnten einmal mehr beweisen, in welcher Klasse sie wirklich spielten. Und ihre Fans mit ihnen. Das USC Stadion war so voller Trojans Fans gewesen, dass man schon glaubte, es seien gar keine der gegnerischen Mannschaft anwesend.

Knox und er waren für dieses Spiel noch für die Presseanfragen eingeteilt gewesen. Am liebsten hätte Jean genau das verhindert. Er verstand immer noch nicht, warum Leute sich für seine Meinung über das gegnerische Team, bestimmte Spielzüge und ihren Sieg interessierten. Und je näher die beiden dem Pressebereich kamen, umso fester schloss sich die Faust um sein Herz und schnürte seine Kehle zu. Früher hatte Riko es nie zugelassen, dass Jean zu nahe an die Presse gelangte. Zu groß war die Gefahr, dass er jemandem anvertraute, wie es ihm wirklich ging. Das forderte jetzt seinen Tribut und bescherte ihm einen Nervosität, die kaum auszuhalten war.

Irgendwie musste Jeremy bemerkt haben, dass es Jean nicht gut ging. Er griff vorsichtig nach dessen Hand und beschrieb mit seinen Fingern sanfte Kreise darauf.
"Rheman und ich sind bei dir, Jean. Wenn es zu unangenehmen Fragen kommt, dann greifen wir ein." Knox' Flüstern war so leise, dass nur Jean es hören konnte. Doch es tat unfassbar gut die Stimme seines Captains und vor allem seines Freundes zu hören.
"Ich weiß. Danke." Damit löste Jean sich von Knox und betrat den Presseraum.

War ihm das Spiel schon wie die Hölle auf Erden vorgekommen, so wusste Jean nicht, wie es möglich war, dass es noch schlimmer kommen konnte. Das grelle Neonlicht verstärkte seine Kopfschmerzen, die er schon vor und während des Spiels gehabt hatte. Doch was mit einem leichten Druck begonnen hatte, fühlte sich jetzt wie ein Hammer an, der seinen Kopf malträtierte. Zum Glück konnten Jeremy, Rheman und er die Journalisten mit ihren Antworten zufriedenstellen und sich recht schnell wieder zurückziehen.

In der Kabine herrschte bereits Feierstimmung und Jean wollte sich gar nicht ausmalen, wie laut es im Wohnheim werden würde. Doch je mehr Teammitglieder sich in Richtung Ausgang aufmachten, desto ruhiger wurde es wieder und Jean konnte spüren, wie das Adrenalin in seinem Körper langsam einer schweren Müdigkeit wich. Die Dusche half nicht gerade dabei ihn wieder wacher werden zu lassen, sondern ließ ihn tiefer in seine Erschöpfung sinken. Zwar legte sich das heiße Wasser entspannend auf seine geschundenen Muskeln und wie Balsam auf seinen schmerzenden Kopf, aber nachdem er es abstellte, kehrten die Schmerzen beinahe augenblicklich wieder zurück.

"Jean? Alles okay bei dir?", ertönte es besorgt aber schon ein wenig verschlafen aus dem Umkleideraum. Knox war wie immer zurückgeblieben, um auf ihn zu warten. Es hatte lange gedauert, bis Jean genügend Vertrauen zu seinem blonden Kapitän aufgebaut hatte, sodass er sich in dessen, wenn auch indirekten Anwesenheit nicht unwohl fühlte. Doch dass sich Jean irgendwie unwohl fühlte, wenn Jeremy anwesend war, gehörte der Vergangenheit an. Seit mehreren Wochen durfte sich Jeremy auch ganz offiziell Jeans fester Freund nennen.
„Komme gleich“, antwortete er hastig und packte seinen Duschkram mit schmerzenden Gliedern zusammen.

Er war erleichtert, als er nur noch Knox in der Männerumkleide des Stadions vorfand. Alles andere hätte ihn wohl heillos überfordert und direkt in den Duschraum zurückgetrieben. Umkleiden und zu viele Leute waren auch nach dieser Zeit keine gute Kombination und konnten Jean immer noch so sehr in die Zeit nach Evermore zurückstoßen, dass es ihn viel Kraft kostete, nicht in eine Panikattacke abzudriften. Knox hingegen war das letzte Teammitglied und dazu noch kurz davor auf der Holzbank in der Mitte des Raumes einzuschlafen. Vielleicht war er auch schon eingeschlafen. Genau konnte Jean das nicht erkennen. Sein Freund hatte an diesem Abend alle Hände voll zu tun gehabt. Ein Exy-Match gewann sich schließlich nicht von alleine. Schon gar nicht gegen ein Team wie die Breckenridge Jackals. Also machte Jean sich auf Zehenspitzen zu seinem Spind auf. Er konnte sich in aller Ruhe umziehen. Ohne Blicke. Ohne Fragen. Ohne Angst. Obwohl Jeremy sowieso schon über beinahe alles Bescheid wusste, so verunsicherte es Jean trotzdem immer noch, wenn irgendjemand seine Narben sah.

Denn auch wenn Jeremy sein Freund war, so war er auch sein Kapitän. Jean hatte keine Angst vor ihm, dazu hatte ihm Knox schon zu oft seine Unterstützung und Gutherzigkeit bewiesen. Dazu liebte er ihn zu sehr. Dazu wurde er zu sehr geliebt. Und dennoch konnte Jean seine Vergangenheit immer noch nicht vollständig ablegen. Riko Moriyama, sein früherer Kapitän, war in den vergangenen Monaten immer mehr zu einem Schatten in Jeans Leben geworden, verdrängt durch die Freundlichkeit der Trojans. Manchmal konnte er ihn zwischen all der Sonne in Kalifornien nicht einmal mehr richtig ausmachen. Nur schien auch in Kalifornien nicht immer die Sonne und Jean wurde von Zeit zu Zeit von seiner Vergangenheit und somit von seinen Ängsten und seiner Verunsicherung eingeholt.

Fast schon bedächtig holte er seine Kleidung aus dem kleinen Metallspind und zog sich zunächst ein langärmeliges T-Shirt in den Farben der Trojans über den Kopf. Als er sich jedoch nach seiner Jogginghose bückte überkam ihn ein Schwindel, der ihn beinahe in die Knie zwang.
Er kannte dieses Gefühl, hatte er es doch schon zu oft bei den Ravens gespürt, als Riko ihn immer und immer wieder geschlagen hatte, bis Jean sich mühsam wieder hochrappeln musste, um nicht eine einzige Sekunde des Trainings zu verpassen. Bei seiner alten Mannschaft hätte ihm das nur eine weitere Strafe eingebracht. Doch auf irgendeine ihm unerklärliche Weise fühlte sich das hier anders an. Der Schwindel kam nicht von zu vielen Schlägen oder zu hartem Training. Bei den Trojans kam ihm sowieso jedes Training zu kindisch un leicht vor. Nein, es war beinahe als wollte ihm sein Körper sagen, er solle eine Pause einlegen.

Er klammerte sich an die Eisentüre seines Spinds, bis seine Knöchel weiß hervortraten und er wieder klar denken konnte.
„Oh, tut mir leid, Jean, ich hab dich nicht kommen gehört. Muss wohl eingeschlafen sein.“ Diese wenigen Worte reichten aus, um Jean so tiefgreifend zu erschrecken, dass er mit dem Schienbein an die Holzbank vor seinem Spind stieß. Ein scharfes Zischen entwich seinen Lippen und ein spitzer Schmerz schlängelte sich sein Bein hoch.
„Hast du dir wehgetan?“ Er sah Jeremy aus seinem Augenwinkel langsam näherkommen. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass man sich Jean am besten nicht von hinten nähern sollte. Genau das hielt Knox auch in diesem Moment ein. Er näherte sich langsam von der Seite.
„Geht schon. Ich habe mich nur gestoßen", hielt Jean dagegen und blickte versichernd in Jeremys warme Augen.
„Ich hätte dich nicht so erschrecken dürfen. Mein Fehler.“ Setzte Jeremy nach und kam vorsichtig auf ihn zu.
"Du musst dich nicht entschuldigen", hielt er dagegen und zog sich seine Jeans an.
Während Jeremy schon seine Sporttasche schulterte streifte er die Socken über und schlüpfte in seine Stiefel. Auch in Kalifornien konnten die Winter kalt sein. Sofern es nach Knox und seiner sonnenverwöhnten Haut ging.

Ein Vorteil an Heimspielen war der kurze Nachhauseweg. Vor allem, wenn es einem so ging wie Jean und man am liebsten nur noch ins Bett kriechen wollte. Leider hatte er da die Rechnung ohne seine Teamkollegen gemacht, die natürlich ihren Sieg gebührend feiern wollten. Und das nicht ohne ihren Kapitän.

Jean hegte immer noch eine Abneigung gegen jede Form von Gruppenaktivitäten. Auch wenn er mittlerweile die Sicherheit hatte, dass ihm hier niemand etwas antun würde. Seine Angst und Erinnerungen saßen noch zu tief, um unbefangen mit solchen Situationen umgehen zu können.
Deshalb verabschiedete er sich mit einem knappen Nicken in Richtung Wohnung
und nahm Knox seine Sporttasche ab.

"Du siehst echt fertig aus, Moreau. Soll ich dir tragen helfen?", ertönte es von irgendwo aus dem Gemeinschaftsraum.
Jemand wollte ihm helfen weil er schwach wirkte. Und das war fatal. Wenn er verletzlich wirkte, war er ein einfaches Ziel. Riko würde ihn dafür bestrafen. Für seine Schwäche. Unwillkürlich krampften sich seine Finger um die Riemen seiner Tasche. Nervös fuhr er sich durchs Haar. Riko war nicht hier. Riko war tot. Er lebte und er war in Sicherheit. Er war seit eineinhalb Jahren Mitglied der Trojans, eines der Teams, das für seine Freundlichkeit und Fairness bekannt war.
"Geht schon. Danke", rief er so unbeschwert wie möglich zurück und wollte gerade die erste Stufe zum Wohntrakt nehmen, als er Jeremy neben sich spürte.

"Du musst mich nicht begleiten, Jeremy. Ich schaff es auch alleine zur Wohnung. Bleib hier und feiere unseren Sieg."
"Aber Paschal hat Recht. Du siehst wirklich mitgenommen aus. Ist es wegen dem Match?"
Der Gedanke, schwach zu wirken, machte Jean immer wieder Angst, doch er liebte auch Knox. Und dieser hatte leider die Angewohnheit allem auf den Grund gehen zu wollen. Zumindest bei allem, das mit Jean selbst zu tun hatte. Aber mit seinen Worten half er Jean gerade gar nicht weiter. Sie stießen ihn nur noch weiter in seine Zeit in Evermore zurück.
"Knox, mir geht es gut. Wirklich. Es war nur eine anstrengende Woche. Nichts weiter." Für den Moment musste diese Ausrede einfach reichen.
"Also gut. Ich begleite dich zur Wohnung und gehe dann wieder runter. Ist das okay für dich?"
Selbst jetzt fragte Jeremy ihn, ob es in Ordnung war, wenn er für ihn die Party vernachlässigte. Wenn auch nur für ein paar Minuten. Und am liebsten hätte Jean mit einem lauten "Nein" geantwortet. Niemand, schon gar nicht Jeremy, sollte sich um ihn sorgen. Nicht, nach allem, was er für ihn getan hatte. Sein bisheriges Leben, zumindest vor den Trojans, war von dunkleren Erinnerungen geprägt. Er wollte seinen Kapitän - seinen Freund, korrigierte er sich - nicht schon wieder mit seinen Problemen belasten. Und schon gar nicht mit so etwas lächerlichem wie Kopfschmerzen oder Müdigkeit. Eigentlich gab es das in Jeans Welt gar nicht.
"Ja", antwortete er knapp und ging mit Knox an seiner Seite zu ihrer Wohnung.

Sein Kopf tat höllisch weh. Nicht nur das. Alle seine Muskeln schienen in Flammen zu stehen. Erst verspätet realisierte Jean die Tatsache, dass er lange geschlafen hatte. Zu lange. Aus der Küche drang ein leises Summen, begleitet von dem Brodeln der Kaffeemaschine. Kurz darauf erschien Knox im Türrahmen, der immer noch in seinem Pyjama steckte.
"Auch schon wach Dornröschen?" Die Tasse in Jeremys Hand sah verdächtig nach Kaffee aus.
"Wenn du mir auch einen Kaffee bringst, dann ja." Jean hoffte, dass sich sein Zustand mit Koffein und einem Frühstück zumindest ein wenig verbesserte. Er setzte sich mühsam auf und unterdrückte gerade noch rechtzeitig ein schmerzhaftes Stöhnen. Bewegung war gar keine gute Idee. Ganz und gar nicht.

Im Laufe des Tages verschlimmerte sich sein Zustand immer weiter. Nur dank Schmerztabletten und Aspirin war Jean überhaupt zu irgendetwas fähig. Unter die Schmerzen mischten sich zu seinem Missfallen Husten und eine rinnende Nase. Zum Glück bekam Jeremy von alledem nichts mit. Schon am späten Vormittag war er aufgebrochen, um mit Rheman über das gestrige Spiel zu sprechen. Für den nächsten Tag hatte ihr Coach die Nachbesprechung und ein Training anberaumt. Und das war gut so. Somit konnte er sich wenigstens einen Tag lang gefahrlos ausruhen.

Jean war seit knapp sechs Jahren nicht mehr wirklich krank gewesen. Und damals hatte ihm der Besuch beim Teamarztes nur zwei gebrochene Finger beschert.
*Damit du weißt, dass das in deinem Kopf kein echter Schmerz ist.* Das waren Rikos Worte gewesen. Danach war Jean nie wieder krank, geschweige denn beim Teamarzt gewesen.
Auf dem Feld gab es für ihn keine Schwäche. Auch wenn die Trojans ihm anderes vermittelten und zeigten, wie viel Freude ihr Sport Menschen bereitete. Für Jean war das - vor dem Hintergrund, dass er in gewisser Weise immer noch den Moryjamas gehörte - ein Ding der Unmöglichkeit. Dennoch kämpfte er immer wieder gegen den Drang an, seinen Wert an seinem Einsatz auf dem Spielfeld zu messen. Und Jeremy half ihm mit seiner Sanftmut und Geduld dabei. Auch wenn es oft nicht leicht war.

Am späten Nachmittag, als Knox noch immer nicht zurückgekehrt war, schlief Jean schlussendlich ein. Die Angst vor dem Schlafen abzulegen war ihm einfacher gefallen, als so vieles andere. Gerade nachdem er mit seinem Therapeuten und auch Jeremy darüber gesprochen hatte. Sie hatten eine Strategie entwickelt, wonach sich Jeremy immer bemerkbar machen sollte, wenn er am Tag nach Hause kam. Egal wie oder womit. Meistens setzte aber sowieso Jeans Instinkt ein und ließ ihn bei der leisesten Bewegung aufwachen.

Jean wurde von einer sanften Berührung auf seinen Lippen wach. Verschlafen blinzelte er und blickte in die warmen Augen seines Freundes.
"Wo warst du so lange?",kam es krächzend aus Jeans Hals.
"Du kennst ja Rheman", seufzte Jeremy. "Er will immer alles doppelt und dreifach durchkauen. Gerade nach einem Sieg. Und gerade nachdem der beste Backliner der Liga uns mehr als einmal gerettet hat."
"Hör auf. Alvarez und Laila waren mindestens genauso beteiligt wie -", weiter kam Jean nicht mehr. Knox hatte ihm einen Finger auf die Lippen gelegt und ihn so zum Schweigen gebracht.
"Das hatten wir doch schon. Selbst Alvarez gibt zu, dass du der beste Backliner bist", konterte Knox. "Apropos, hat der beste Backliner schon was gegessen?"
"Nein. Ich wollte doch nicht ohne den besten Kapitän der Liga zu Abend essen." Bei seinen eigenen Worten musste Jean grinsen. Noch vor wenigen Monaten hatte er sich solche spöttischen Bemerkungen nicht erlaubt. Damals war die Angst vor Bestrafungen noch zu groß gewesen. Doch hier in Los Angeles, in ihrem Wohnheim, lachte Jeremy nur leise über diese Bemerkung und machte sich auf den Weg in die Küche.

Zu seinem Glück spürte Jean die Kopfschmerzen kaum noch und auch seine Muskeln schienen nicht mehr allzu sehr in Flammen zu stehen. Womöglich war er wirklich nur erschöpft gewesen. Oder die Schmerztabletten und das Aspirin hatten einfach seine Wirkung gezeigt. Aber Jean konnte das schlicht und ergreifend egal sein, solange er auf dem Spielfeld keine Schwäche zeigte. Und wenn auch Jeremy keinen Verdacht schöpfte, dann umso besser.

Die Nacht wurde zur Qual. Nach ein paar unruhigen, schlaflosen Stunden gab Jean seinen Versuch einzuschlafen auf. Sein Kopf fühlte sich an, als hätte man ihn mit Watte vollgestopft. Durch seine Nase bekam er kaum noch Luft und er musste sich unbedingt schnäuzen. Also schälte er sich mühsam aus seiner Decke und machte sich auf den Weg ins Bad.
Im Spiegel blickte ihm eine blasse, kraftlose Gestalt entegen. Sie wirkte müde, fast schon abgekämpft. Jeans Blick fiel auf die Packung Taschentücher auf dem Regal über dem kleinen Waschbecken. Darüber lag noch die angerissene Packung Aspirin. Es waren noch vier Tabletten übrig. Genug um die nächsten Tage zu überstehen.
Mit Taschentüchern und einer Aspirin bewaffnet kehrte Jean schlussendlich in ihr Schlafzimmer zurück.

Irgendwie gelang es Jean Jeremy davon zu überzeugen, trotz seiner "leichten Erkältung" am Training teilnehmen zu dürfen. Ein Ausfall wäre für ihn untragbar und endete sicherlich mit einem Auschluss aus dem Team. Jean vertraute dem Trainer der Trojans immer noch nicht gänzlich. Vielleicht wartete dieser immer noch auf den richtigen Moment, um -
Nein. Mit aller Kraft hielt er sich selbst davon ab, den Gedanken fertig zu denken. Er hatte gelernt, wie sehr Rheman ihn schätzte. Er hatte gesehen, wie  sehr er sich darum bemühte, Jeans Vertrauen zu gewinnen, dabei aber nie aufdringlich war. Und allen voran besaß er die Sicherheit, dass Rheman nichts mit dem Meister gemein war. Wenn er ehrlich war, so konnte man die beiden überhaupt nicht vergleichen.
Und dennoch saß er jetzt in voller Montur auf der Ersatzbank und wartete auf seinen Einsatz.

Das Training schien Jean wie die Hölle auf Erden. Das Match gegen die Breckenridge Jackals wirkte auf ihn wie der reinste Kindergarten. Aber vor zwei Tagen - das gestand er sich selbst ein -  waren seine Muskeln noch nicht in Flammen gestanden und sein Kopf hatte es ihm nicht so schwer gemacht, sich zu konzentrieren. Und das trotz Medikamenten. Mehrmals verspielte er Pässe oder bekam den Ball nicht richtig zu fangen. Dass niemand seinen Leistungsabfall bemerkte, war ein Wunder.

Laila schleuderte den Ball in Jeans Richtung. Er sah seine Chance auf einen perfekten Pass zu Zehra, der zweiten Strikerin der Trojans, und lief auf den Ball zu. Dann passierte etwas, das nicht passieren durfte. Jean übersah einen anderen Spieler und stieß heftig mit ihm zusammen. In einem verzweifelten Versuch sich auf den Beinen zu halten, riss dieser Jean aber mit zu Boden und landete auf ihm. Nur wenige Augenblicke später verschwand das Gewicht und Jeremy erschien in seinem Blickfeld.

"Alles in Ordnung bei dir, Jean?" Es war Knox gewesen, der ihn niedergerissen hatte.
"Ja, alles okay." Aber nichts fühlte sich okay an. Als er versuchte, sich aufzusetzen, musste er enttäuscht feststellen, dass seine Beine ihm nicht so recht gehorchen wollten. Sein Kopf  schickte ihn wieder in einen Übelkeit erregenden Schwindel. Nur mit Mühe kämpfte er sich wieder auf seine Beine. Jeremy wirkte von seinen Worten nicht gerade überzeugt. Schlimmer war allerdings die Tatsache, dass ihn das gesamte Team ansah. Er hielt sie von ihrem Training ab. Er verzögerte das Spiel.
"Wirklich, Knox, es ist alles in Ordnung. Ich bin nur erschöpft." Offenbar waren genau das die falschen Worte gewesen. Jeremy zog sanft Jeans Helm von seinem Kopf und legte sein gerötetes Gesicht frei.
Jean war zu beschäftigt damit, seinen Helm zurückzubekommen, dass er Jeremys Finger an seiner Stirn erst fühlte, als sie wieder verschwunden waren.

"Du glühst ja, Jean. Du hast Fieber. So kannst du nicht weiterspielen." Und da waren sie. Die besorgten Worten, die Jean in Angst versetzten. Er musste doch weiterspielen. Er hatte schon mit viel schlimmeren Verletzungen gespielt und Riko zufriedengestellt.
"Ich kann weiterspielen. Wirklich. Ich bin schlimmeres gewöhnt", kam es gepresst über Jeans Lippen.
"Oh, Jean", Knox trat vorsichtig auf ihn zu und umarmte ihn mit einer Zärtlichkeit, die Jean beinahe das Herz brach.

"Knox! Moreau! Was ist jetzt? Wollt ihr noch länger weiterturteln oder wird heute auch noch gespielt?"
Rhemans Stimme ließ Jean unwillkürlich zusammenzucken und beendete ihre Umarmung abrupt.
"Alles gut, er meint es nicht so. Ich bring' dich jetz in die Wohnung. Und dann ruhst du dich erst einmal aus", beruhigte ihn Jeremy leise.
Wiederworte waren zwecklos. Soviel erkannte jetzt auch Jean. Also verließ er zusammen mit Jeremy unter den fragenden Blicken des Teams das Spielfeld und steuerte so geradewegs auf Rheman zu. Als dieser einen Blick auf Jean warf, verdunkelte sich sein Gesicht. Jean versteifte sich augenblicklich. Am besten sollte er sofort wieder umkehren, seinen Helm aufsetzen und weiterspielen.

"Junge, warum sagst du nicht, dass du krank bist? Aber vor allem, warum ist mir das nicht aufgefallen?"
"Es tut mir leid. Ich kann weiterspielen. Es ist nicht so schlimm." Jean vermied es seinem Trainer in die Augen zu blicken.
"Dafür brauchst du dich aber wirklich nicht entschuldigen." Er wandte sich an Knox. "Bring ihn nach Hause und sorg dafür, dass er erst wieder aufs Spielfeld geht, wenn er wieder vollkommen gesund ist."
"Wird gemacht, Coach."
Dann wendete sich Rehman wieder dem Team auf dem Spielfeld zu und brüllte  Befehle in die Runde.

*1 Woche später*

"Knox! Moreau! Kommt doch noch schnell in mein Büro." Rhemans Stimme hallte durch das leere Stadion und scheuchte auch noch die letzten Spieler in die Kabinen. Jean nahm seit diesem Morgen wieder am Training teil und stellte das gesamte Team in den Schatten. Auch wenn Jean solche Komplimente nicht gerne hörte, so entsprach das offenbar der allgemeinen Meinung. Umso mehr verunsicherte ihn die Aufforderung seines Trainers jetzt in dessen Büro zu kommen. Aber mit Jeremy an seiner Seite konnte ihm nichts passieren. Er würde bei ihm sein und ihm helfen.

Rhemans Büro befand sich wie immer in demselben chaotischen Zustand. Auf dem Schreibtisch stapelten sich Unterlagen und Stifte. Dahinter quollen Ordner und Bücher aus dem Regal heraus. Auf das Zeichen Rhemans nahmen beide auf den abgesessenen Stühlen vor dessen Schreibtisch Platz. Jean griff unter dem Tisch unauffällig nach Jeremys Hand.

"Also Moreau, ich hoffe du hast dich tatsächlich auskuriert und bist wieder fit. Ansonsten muss ich wohl mit unserem Lieblingscaptain ein Wörtchen reden." Rheman bedachte Jeremy mit einem gespielt ernsten Blick.
"Ich bin wieder fit und imstande zu trainieren. Ich möchte mich zudem für meinen Ausfall entschuldigen. Es wird nicht-"
Weiter kam Jean nicht mehr, als Rheman ihn unterbrach.
"Und genau das ist es, was mich nicht loslässt. Warum entschuldigst du dich dafür, dass du krank warst. Jeremy hier war schon öfter abwesend als du. Und wenn ich ehrlich bin, dann glaube ich nicht, dass er immer krank war. Oder nicht, Jeremy?" Rheman sah Knox mit einem schelmischen Grinsen an, woraufhin dieser vergeblich ein Lachen unterdrückte.
"Aber jetzt mal ehrlich", Rhemans Gesicht wurde wieder ernst, "warum ist es dir so wichtig, dich zu entschuldigen?"

Eigentlich wusste Jean, dass Rheman ihm nichts tat. Er musste keine Strafe befürchten, wenn er die Wahrheit sagte. Außerdem saß Jeremy neben ihm. Die Person, die ihm in all dieser Zeit bei den Trojans immer und immer wieder gezeigt hatte, wie stark er wirklich war. Jeremy war nicht so wie Riko oder irgendjemand von den Ravens. Diese Gewissheit hatte Jean schon lange. Und er vertraute Knox, seinem Kapitän, Mitbewohner und festem Freund so sehr, dass er zu erzählen begann.
 
 
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