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Distant Love – wann immer wir uns sehen

Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Freundschaft / P16 / Het
OC (Own Character) Tom Holland
07.10.2021
26.12.2021
2
3.864
2
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Dieses Kapitel
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07.10.2021 2.413
 
Für meine allerliebste Tessa, die mir hoffentlich nicht mehr bei jedem Telefonat in den Ohren liegen wird, dass ich diese Geschichte veröffentlichen soll. <3

***



#1 – Termine und andere wichtige Dinge, die ich aus unerfindlichen Gründen vergessen habe


Ich habe den totalen Überblick. Wenn ich mich ganz stark auf diese fünf Wörter konzentriere, werden sie gegebenenfalls wahr.
Denn ich habe keinen Überblick. Schon gar keinen totalen. Ganz im Gegenteil – ich bin hoffnungslos verloren.
»Mr Wilson, Sie müssen mir diesen Aufschub geben«, flehe ich nun schon das zweite Mal. »Bitte.« Ich weiß sonst nicht, wie ich es bewerkstelligen soll. Nicht nur, dass ich diese hundsgemeine, ziemlich beschissene Hausarbeit morgen abgeben muss, nein, ich muss noch für drei andere Fächer lernen.
Mr Wilson lehnt sich seufzend in seinen Stuhl zurück und betrachtet einen imaginären Punkt auf seinem dunklen Schreibtisch. Er wiegt den Kopf hin und her und seufzt ein weiteres Mal. Oh nein. Sie werden nicht sagen, dass Sie mir keinen Aufschub ermöglichen können! Dafür arbeite ich einfach zu hart.
»Mr Wilson«, beginne ich von Neuem und lehne mich etwas vor, »ich bin eine ausgezeichnete Schülerin und das wissen Sie genauso gut wie ich und zweitens …«, ich mache eine theatralische Pause, in der ich tief Luft hole, »würden Sie nicht wollen, dass sich meine Eltern über Sie beschweren.« Diese Karte spiele ich nie gerne aus, denn mal ganz ehrlich? Wie hochnäsig klingt das denn? Wenn Sie mir keinen Aufschub geben, werden Sie meine Eltern von einer ganz anderen Seite kennenlernen. Jop, und auch so läuft alles ganz normal bei mir.
»Hmm …«, macht Mr Wilson und kratzt sich nachdenklich am Kinn. »Ich will nicht so sein, Tessa. Sie bekommen Ihren Aufschub.«
Innerlich fange ich schon an zu jubeln, lasse mir jedoch äußerlich nichts anmerken. Denn der Satz schreit ja förmlich nach einem dicken, fetten Aber.
Mr Wilson erhebt sich aus seinem Stuhl und schließt beiläufig sein Sakko. Ich tue es ihm gleich, minus dem Sakko, streiche aber meinen Pullover glatt. Er streckt mir seine Hand entgegen, die ich sofort mit einem dankbaren Lächeln umschließe.
»Aber …« Ich hasse es manchmal, Recht zu behalten. Er drückt meine Hand ein bisschen zu fest, um mir nicht unterschwellig zu drohen. »Ich brauche die Hausarbeit heute in einer Woche. Keinen Tag länger.«
»Ich werde Sie nicht enttäuschen.« Also hoffentlich. Eine Woche ist nicht lange, wenn der Terminplan überquillt und ich nicht mehr weiß, welche der vielen Baustellen ich zuerst fertigstellen soll.
Ich strahle noch immer übers ganze Gesicht, als ich durch den fast leeren Flur gehe. Hin und wieder begegne ich anderen Schülern, aber niemanden, den ich wirklich kenne beziehungsweise unbedingt kennenlernen muss.
Ich habe meinen Freundeskreis, und für mich ist es schwer, andere Menschen in mein Leben zu lassen, die mich nicht schon seit einem oder mehreren Jahren kennen. Alles in einem finde ich den Umstand nicht schlimm, nur ein paar Freunde zu haben. Außerdem habe ich ohnehin keine Zeit, neue Menschen kennenzulernen, denn mit einem flüchtigen Blick auf mein Handy weiß ich, dass ich das nächste Mal an Weihnachten durchatmen kann. Nächstes Jahr.
Nachdem ich den Universitätskomplex hinter mir gelassen habe, steure ich durch den angrenzenden Park die nahegelegene Bushaltestelle an. Wenn ich mich beeile, schaffe ich es noch –
Gerade, als ich den Gedanken ausgesprochen habe, fährt der Bus an mir vorbei. Das ist nicht euer Ernst, oder? Wiederwillig überprüfe ich die Uhrzeit. Verdammt. Es ist 9.21 Uhr. Der ist noch niemals neun Minuten vor halb losgefahren!
Missmutig schleppe ich mich zurück zum Park und setze mich auf die erstbeste Parkbank. Der nächste Bus fährt zwar schon in zehn Minuten, aber ich will nicht so lange warten – und draußen schon mal gar nicht. Mein Rucksack stelle ich zwischen meine Beine. Er ist nicht schwer, dafür aber unhandlich. Während die meisten meiner Mitschüler teure Designerhandtaschen tragen, ist der Stoff meines khakigrünen Rucksacks an manchen Stellen mittlerweile so dünn, dass ich jeden Tag damit rechne, dass er reißen wird.
Ich krame so lange, bis ich meinen Terminplaner finde und streiche mit dem Stift, den ich in den Ring geklemmt habe, den Termin mit Mr Wilson ab. Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass die aufgeschobene Zeit ausreichend ist.
Nachdem ich alles wieder eingepackt habe, setze ich mich in Bewegung – und zwar ein bisschen schneller als vorhin. Denn der dramatisch wirkende Himmel lässt mich erste Zweifel hegen, ob ich es noch trocken nach Hause schaffen werde. Wahrscheinlich will mich jeder heute irgendwie versuchen auf die Palme zu bringen, denn als ich fünf Minuten meines zwanzigminütigen Weges hinter mich gebracht habe, fängt es zu stürmen an. Und in London sind das keine guten Nachrichten. Schnell binde ich meine Haare zusammen. Ein Haargummi trage ich immer am Handgelenk, und puste mir eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht, die sich heute Morgen schon nicht hat bändigen lassen.
Ich habe eigentlich blonde, anstatt rote Haare, aber irgendwann ist mir meine Naturhaarfarbe auf die Nerven gegangen und ich habe Typveränderung gemacht – und nein, das rührt nicht von einer missglückten Beziehung oder ähnlichem, ich hatte schier keine Lust mehr auf meine blonde Mähne. Da ich die Farbe schon immer mochte, fiel mir die damalige Entscheidung nicht schwer. Seitdem ich bin ein Rotschopf.
Ich warte mit ein paar anderen Menschen, die mindestens genauso erbost über den schnellen Wetterwechsel sind wie ich, an der nächsten Ampel. Ich hoffe einfach mal, dass sich das Wetter noch ein bisschen halten wird, obwohl dieser Sturm sich nicht sonderlich gut mit meinen Haaren verträgt – ein herzhafter Regenguss aber noch weniger. Vielleicht sollte ich trotzdem glücklich über den Umstand sein, dass ich heute Morgen keine Zeit für Make-Up hatte. Ich hatte die Entscheidung – an meinem freien Tag – Mr Wilson anzurufen, um ihn an der Uni zu treffen, aus dem Bauch heraus entschieden.
Mich trennen nur noch zehn Minuten Weg. Innerlich verfluche ich mich, dass ich meinen Regenschirm aus dem Rucksack gepackt habe. Ist aber nicht meine Schuld, okay? Laut Wetterfrosch sollte es heute schönes Wetter werden. Mit einem erneuten kritischen Blick gen Himmel weiß ich mit absoluter Sicherheit, dass ich nass werde. Es sei denn, ich gehe in eins der zahlreichen Cafés und suche dort Unterschlupf. Und überhaupt könnte ich dann meinen Koffeinentzug mindern. Dafür hatte ich nämlich heute früh auch keine ausreichende Zeit.
Die Verlockung ist groß, und als ich das Tagesangebot sehe – mit Triple-Chocolate überzogene Cupcakes –, läuft mir das Wasser bereits im Mund zusammen.
Einsteins Relativitätstheorie stimmt, wie ich mit Verdruss feststellen muss. Ich bekomme einen dicken, kalten Tropfen ab. Ich schüttle mich. Ab da nehme ich die Beine in die Hand. Kann doch nicht sein, dass ich wirklich nass werde. Außerdem ist es meine Eigenart, dass ich die Schuld gerne auf andere schiebe, aber sobald ich an Mr Wilson denke, fällt mir ein, dass ich es selbst war, der den Stein ins Rollen gebracht hat. Fein. Ich gebe es zu.
Aber das wird mich nicht vor der heutigen Regenschauer retten, die im Begriff ist, sich über meinen Kopf zu entwickeln. Jetzt platschen die kugelrunden Regentropfen rhythmisch auf die Gehwege. Im Hintergrund will ich sogar Donnergrollen hören. Kein gutes Zeichen.
Ich biege gerade in meine Straße ein, als es von einer Sekunde auf die andere in Bindfäden regnet. Nein, noch schlimmer. Kariertes Papier, denn der Regen fällt nicht nur senkrecht, sondern auch waagerecht. So eine verfluchte Scheiße.
Ich weiche einer Mülltonne aus – Mrs Sutton, die mal wieder übereifrig ist und ihre Tonne bereits zwei Tage vorher rausgestellt hat – und bin froh, dass ich die Pfütze noch rechtzeitig gesehen habe, die sich gleich dahinter erstreckt. Meine guten Schuhe. Okay … es sind keine guten Schuhe, aber meine liebsten Treter, von denen ich mich einfach nicht trennen kann.
Zu allem Überfluss fängt mein Handy lautstark an in meiner Hosentasche zu klingeln. Schnell suche ich mir einen Unterstand und finde lediglich die heruntergekommene Bushaltestelle. Frei nach dem Motto: In der Not frisst der Teufel Fliegen.
Als ich den Namen lese, bin ich nicht mehr überrascht, warum der Klingelton so schroff und nervig klingt. Es ist Pippa, meine beste Freundin.
»Hi Pip«, begrüße ich sie.
»Sag mal … joggst du?« Verdammt. Sie hat natürlich mitgekriegt, dass ich außer Atem bin. Aber gut, ihr entging noch nie etwas.
»Nein«, antworte ich schnell. »Ich verstecke mich vor dem Regen.« Sie kann ruhig mitbekommen, dass sie zu einem ganz schlechten Zeitpunkt anruft.
»Oh«, kommt es entzückt von ihr, »dann bist du bestimmt gleich da.« Ich runzle die Stirn.
»Natürlich bin ich das. Was soll die Frage?« Ich gebe zu, dass ich ein wenig zu patzig klinge, aber in meiner derzeitigen Situation kann ich nicht fröhlich grinsend durch die Weltgeschichte laufen.
Pippa schnaubt. »Echt jetzt, Tessa? Du versetzt mich?« Wie, was, wo?
»Ich hatte einen beschissenen Tag, Pip. Komm bitte zum Punkt.«
»Wir sind verabredet.« Drei Wörter, die ausreichen, um mich auf die höchste Alarmbereitschaft zu setzen.
»Fuck.«
»Ja, fuck. Du sagst es.«
O verdammt nochmal. Wir sind am Kino verabredet … für einen Blockbuster, den wir uns schon als Vorpremiere anschauen wollten, es aber zeitlich nicht auf die Reihe bekommen haben. Sofort meldet sich mein schlechtes Gewissen.
»Es tut mir Leid –«
»Jetzt komm mir nicht so!«, wettert sie. »Du vergisst ständig unsere Verabredungen. Mann, Tessa … Ich weiß, dass du hart für deinen Traum kämpfst, aber es gibt noch andere Dinge, die genauso wichtig sind.«
Ich seufze resigniert. »Ich weiß doch, Pip, aber ich darf einfach nicht durchfallen. Ich habe Mr Wilson extra um einen Aufschub gebeten. Jetzt habe ich eine Woche Zeit, ihm eine perfekte Hausarbeit zu liefern.« Ich hoffe, dass sie mich versteht. Stress mit meiner besten Freundin wollte ich nun wirklich nicht haben. Das ist alleine meine Schuld. Schließlich war ich diejenige, die sich noch für das anstehende Unifest als Organisatorin eingetragen hat. Bereue ich es? Eigentlich nicht. Ich bin gerne engagiert, so brauche ich wenigstens nicht so früh zu Hause zu sein. Es erwartet mich sowieso niemand, und ich mag die Stille nicht. »Pip, es tut mir unendlich Leid. Das musst du mir glauben. Aber heute wird es nichts mehr«, sage ich kleinlaut und ziehe beschämt den Kopf ein. Am anderen Ende der Leitung höre ich sie theatralisch seufzen.
»Ich verstehe schon«, erwidert sie schließlich. »Aber wenn du die nächste Verabredung vergisst, bin ich die längste Zeit deine beste Freundin gewesen.« Ich schlucke hart angesichts der unterschwelligen Drohung, und gebe mein Zugeständnis, dass das nicht nochmal passieren wird.
Nachdem wir uns verabschiedet haben, stelle ich griesgrämig fest, dass es seit dem Telefonat noch stärker regnet. Super.
Bevor ich es schaffe, mein Handy in die trockene Sicherheit meiner Jeans zu stecken, gibt es mir mit einem Pling zu verstehen, dass ich eine Nachricht bekommen habe.

Tom:
Habe mich selbst reingelassen

Ich runzle die Stirn. Was soll denn jetzt wieder diese Nachricht? Ich verschwende keinen zweiten Gedanken daran, sondern wappne mich innerlich, dass ich dem Regen ein letztes Mal den Kampf ansage. Es sind nur noch ein paar hundert Meter … das müsste zu schaffen sein.
Schnell rette ich mich unter das sichere Vordach unseres Hauses. Erst jetzt, als sich mein schnell klopfendes Herz beruhigt, fällt mir das Auto auf, was in der Einfahrt steht.
Es ist nicht mein roter Mini, denn der ist leider in der Werkstatt, was mich erst hat Busfahren lassen, dafür ist der hier anthrazit und definitiv größer als mein Zweisitzer.
Ich krame den Haustürschlüssel aus dem Rucksack und schließe mit einem finalen Seufzen die Tür auf.
Natürlich begrüßt mich Stille. Wie an allen anderen Tagen auch, sind meine Eltern entweder in der Kanzlei oder auf Geschäftsterminen. Aber da mischt sich ein Geräusch unter die Stille. Hämmern. Das Schlagen von Metall auf Holz. Das meinte Tom also.
Ich streife mir im Flur die Schuhe ab und stelle sie auf die Heizung. Mein Kapuzenpullover fliegt gleich danach über die Heizung.
Barfuß gehe ich durch den langen Flur und steuere das Wohnzimmer an – jedenfalls war das der Plan, aber als ich die Berge an Verpackungen sehe, mache ich auf dem Absatz kehrt und nehme die Küche ins Visier. Drei Kreuze, wenn die Baustelle fertig ist. Im Gehen schalte ich den Wasserkocher an und suche mir eine Tasse im Hängeschrank. Dann siegt die Neugier und ich öffne die gläserne Tür zum Wintergarten.
Auch hier begrüßt mich zuerst Müll, Plastiktüten, aufgerissene Kartons und Styropor. Bis ich die Person hinter den Bergen an Verpackungen ausmachen kann.
»Was das vorher schon so?«, frage ich. Mein Gegenüber japst erschrocken und irgendetwas fällt klirrend zu Boden.
»Musst du mich so erschrecken?« Tom schaut fassungslos über seine Schulter. Er trägt ein schwarzes Muskelshirt und eine dreckige Jeans, an die er seine Hände abwischt, bevor er aufsteht.
Ich grinse breit. »Ja, das weißt du doch.«
Tom legt den Kopf schief und lächelt, sodass sich seine Nase rümpft. »Eigentlich schon. Aber ich frage mich, warum ich das hier verdient habe.«
»Rettung der Ehre.«
Tom lacht. »Natürlich.« Er fährt sich mit allen zehn Fingern durch die Haare. Eine Strähne fällt in seine Stirn. »Wie siehst du eigentlich aus?« Verwundert mustert er mich von Kopf bis Fuß, dann schaut er nach draußen. »Oh.« Ja. Oh. Ich habe gedacht, ich muss nach Hause schwimmen. »Du hattest keinen Regenschirm mit?«, fragt er neckend. »Als waschechte Engländerin müsstest du wissen, dass wir ständig mit Regen rechnen müssen.«
Ich würde gerne schmollen, aber angesichts seiner belustigten Miene muss ich lachen. »War eine schnelle Entscheidung, dass ich nochmal zur Uni gehe«, berichte ich ihm. »Kann man dir helfen?« Ich schaue an ihm vorbei, aber viel in dem Chaos an Tisch- und Stuhlbeinen, eingeschweißten Kissen und anderen Werkzeugen kann ich nicht wirklich behaupten, dass er vorangekommen ist.
Tom kratzt sich am Hinterkopf. »Ich habe schon einen Stuhl fertig, aber jetzt fehlt mir eine Schraube und die dazugehörige Mutter.«
Ich bekomme große Augen. Bei dem Wirrwarr ist es kein Wunder, dass er ein paar Dinge verlegt hat. Und Chaos ist etwas, was ich partout nicht leiden kann, deswegen habe ich ihm auch meine Hilfe angeboten. Aber höchstwahrscheinlich ist es besser, wenn er das alles alleine wieder geradebiegt. Ich habe zwei linke Hände und würde mich wahrscheinlich selbst verletzen, wenn ich einen Hammer in die Hand nehmen müsste. »Hmm …«, mache ich wenig geistreich und verlagere das Gewicht von einem Bein auf das andere. »Ich gehe duschen. Vielleicht hast du dann die verlorene Mutter gefunden.«
Tom lächelt nervös. »Mach das.«
Bevor ich aus dem Raum trete, drehe ich mich nochmal um. »Du kannst dir einen Tee machen, wenn du willst. Ich habe den Wasserkocher grad angeschmissen.«
Tom salutiert und dreht sich zeitgleich mit mir um. Während ich das Bad ansteuere, höre ich es auch schon wieder hämmern.
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