Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

A thousand lives

GeschichteRomance, Übernatürlich / P18 / MaleSlash
Eren Jäger Levi Ackermann / Rivaille
07.10.2021
26.11.2021
9
59.321
10
Alle Kapitel
11 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
07.10.2021 9.624
 
Einen wunderschönen Guten Tag euch,
es freut mich, dass ihr zu meiner Geschichte gefunden habt und lasst euch gesagt sein, das war ein ganz schöner Weg bis hierhin. Vor einem Jahr ging sie mir durch den Kopf und war damals noch ganz, ganz anders geplant, als ihr sie hier nun vorfindet. Aber letztendlich habe ich mich für den Weg entschieden, der sich für mich richtig angefühlt hat und habe mich an die Umsetzung gewagt, die ich mir sehr lange nicht zugetraut habe, schlicht des Umfangs halber. Ich hoffe, dass ihr beim Lesen so viel Freude habt, wie ich beim Schreiben und euch der Prolog Lust auf die Hauptgeschichte (und die vielen Nebengeschichten) macht. Außerdem begrüße ich natürlich jede Art der Rückmeldung von euch und hoffe viel von euch zu hören.
An die Leser meiner vorherigen Geschichte möchte ich noch sagen, dass ich mich von dem Projekt zur Zeit distanziere, nicht wegen der Geschichte selbst, sondern wegen des ganzen Dramas um meine ehemalige Co-Autorin. Ich habe gemerkt, dass es mir besser geht, wenn ich nicht an Dingen arbeite, die ich mit ihr assoziiere. Deswegen wird das Projekt erst einmal ruhen.
Nun aber genug erzählt, hier ist für euch der Prolog.

*****************

»Meine Güte, Eren. Unter den Menschen zu leben, scheint dir nicht sonderlich gut zu bekommen«
»Sei ruhig, Shadis!«, blaffe ich den grinsenden Alten an, als er mich von oben bis unten mustert und mich für die verschmutzte Kleidung, die ich trage, aufzieht, »Das ist nur vorübergehend, bis ich endlich meinen Auftrag erhalten habe, den erledige und danach endlich wieder zurück kann.« Wo immer das auch sein mag. Ich bin inzwischen so lange auf der Erde, dass ich mich an mein wahres Zuhause kaum noch erinnern kann.
»Dann ist heute dein Glückstag, denn ich habe tatsächlich etwas, das du erledigen kannst. Und wer weiß, wenn alles so läuft, wie der Chef sich das vorstellt, vielleicht kannst du dann deine kleinen, dunklen Flügel endlich wieder ausklappen und nach Hause kommen.«
»Wurde aber auch Zeit«, zische ich, greife nach einem Eimer Wasser, der draußen vor der Tür des Hauses steht, in dem ich lebe, seitdem ich hier angekommen bin, und kippe ihn über mir aus, um endlich den Gestank, der an mir klebt, loszuwerden. So recht hilft das aber nicht. Stattdessen bin ich jetzt schmutzig und nass. Wie können die Menschen nur so leben?
»Nun, wenn du mir einen Moment zuhören würdest, dann kann ich dir erklären, was du zu tun hast«, führt Shadis unsere Unterhaltung fort, ohne dabei auf meinen Auftritt einzugehen. Stattdessen nimmt er auf einer Bank in meinem Gemüsegarten Platz und bittet mich zu sich.
Ich wringe mir das lange, dunkle Haar aus, ebenso wie meinen Pullover, dann setze ich mich zu ihm und höre mir an, was er zu sagen hat.
»Was denkst du über die Menschen?«, fragt er mich, was mich verwirrt.
»Ich dachte -«
Bevor ich etwas einwenden kann, unterbricht mich Shadis wieder: »Jaja, zu deinem Auftrag kommen wir gleich. Beantworte mir erst meine Frage.«
»Ich sehe viele gute Sachen. Sie sorgen füreinander, bauen Beziehungen auf, erkunden ihre Welt und suchen nach neuem Wissen. Aber sie sind auch schwach. Und schmutzig. Ich habe keine Ahnung, wie sie bis jetzt überleben konnten. Sie verachten einander. Stämme, Völker, egal was. Einer sucht immer Krieg mit einem anderen«, teile ich meine Meinung mit ihm.
»Hmhm, so etwas habe ich mir gedacht. Und das deckt sich auch mit unseren Beobachtungen«, antwortet Shadis und reibt sich das Kinn, »Uns ist dabei ein Volk aufgefallen, das besonders unter einem anderen leidet. Die, die man später die Eldia nennen wird, leben ganz hier in der Nähe, auf der anderen Seite des Waldes. Dort werden sie von ihren Herrschern versklavt und verstümmelt. Was hältst du davon, wenn wir ihnen einen kleinen Vorteil verschaffen, um sich gegen diese Tyrannen durchzusetzen? Ihnen eine Macht zuteil werden lassen, die nur sie kontrollieren können?«
Sein Grinsen dabei ist teuflisch.
»Würde das die anderen nicht furchtbar aufregen?« Als ich den Satz ausspreche, deute ich mit meinem Finger auf den blauen Himmel über uns, um sicherzugehen, dass Shadis versteht, dass ich nicht das Volk meine, das die Eldia in ihrer Gewalt hat.
»Das ist auch Teil des Plans«, erklärt mir Shadis, »Was meinst du, was da oben los wäre, wenn Menschen plötzlich ihre eigenen Götter wären?«
Ein dunkler Schatten legt sich dabei um seine faltigen, eingefallenen Augen und seine Zähne blitzen gefährlich.
Ich lehne mich zurück und lache herzhaft auf.
»Danach werden es nicht nur die Menschen sein, die sich bekriegen, darauf kannst du Gift nehmen.«
»Damit könntest du recht haben«, stimmt Shadis mir zu, »Aber wenn es soweit ist, werden wir darauf vorbereitet sein. Es wird Zeit die Menschen von ihrem alten Glauben zu befreien. Schau sie dir doch an: Jeder denkt die Wahrheit zu kennen und am Ende bringen sie sich dafür um. Wenn sie selbst so mächtig wie ein Gott sind-«
»Dann sind die da oben überflüssig«, führe ich seinen Satz zu Ende.
»Und dann würden die Menschen einander nicht mehr deswegen bekriegen. Die Außenseiter werden zu den neuen Herrschern«, ergänzt Shadis und schaut mich nun fest an, »Eren, wir vertrauen dir diese Aufgabe an. Es gibt etwas, das du unter der Wurzel eines bestimmten Baums platzieren musst. Wenn die Zeit dafür reif ist, wird ein kleines Mädchen vom Stamm der Eldia es finden und das Schicksal der Menschheit damit für immer verändern.«
Ich mache mir nicht die Mühe zu fragen, woher er das weiß. Magie oder Weissagungen, jeder von uns Dämonen hat irgendeine Fähigkeit. Wenn er es nicht selbst gesehen hat, dann derjenige, der Shadis als Boten geschickt hat.
»Also schön. Und was genau ist das, was ich platzieren muss?«
Shadis öffnet seinen langen Mantel und holt ein gläsernes Gefäß aus einer der Innentaschen.
»Man nennt sie Hallucigena«, spricht er ruhig und deutet auf das kleine, tausendfüßlerähnliche Wesen darin, »Ihre Enden können sich mit der Wirbelsäule eines Menschen verbinden, der dann seine Kraft erhält.«
Ich nehme ihm das Gefäß aus der Hand und schaue mir das Geschöpf fasziniert an. Kaum zu glauben, dass so ein kleines Ding über so viel Macht verfügen soll.
»Sie wird wachsen«, spricht Shadis, als könne er meine Gedanken lesen, »Wenn sie erst einmal platziert ist, wird sie ähnlich groß, wie ein Mensch. Alles, was du danach tun musst, ist den Baum zu versiegeln, damit niemand und vor allem nicht die Falschen die Macht erhalten.«
Wieder kramt er in seinem Mantel und holt diesmal eine kleine, schillernde Kugel hervor.
»Lege die neben die Hallucigena. Sie bildet einen Schutzschild und niemand, nicht einmal du oder ich und erst recht nicht die da oben, werden in der Lage sein es zu brechen. Nur dem kleine Mädchen, das vor ihrem sicheren Tod flüchtet, wird Einlass gewährt.«
Ich schüttle den Kopf über Shadis, denn nun klingt er selbst wie ein Orakel. Vermutlich gibt er einfach die genauen Worte wider, die man ihm gesagt hat, als man ihn zu mir geschickt hat.
Ich greife mit der freien Hand nach der Kugel und sie fühlt sich glatt und geschmeidig zwischen meinen Fingern an. Dennoch spüre ich die Kraft, die in ihr schlummert, ganz genau. Es ist, wie ein magisches Flackern, wie Feuer und Blitze.
»Klingt nicht sonderlich schwer«, antworte ich Shadis, nachdem ich mich an der Kugel satt gesehen habe, »Ein Loch unter einem Baum ausgraben, Hallucigena und den Schutzschild dort platzieren und dann das Loch wieder schließen und warten, bis das Schicksal seinen Lauf nimmt. War es das? Oder kommt noch mehr, was du in deinem Mantel versteckt hältst?«
Shadis schüttelt den Kopf und klopft mir kameradschaftlich auf die Schulter.
»Das war es, Eren. Das ist dein Auftrag. Sobald das Mädchen die Kraft der Hallucigena in sich aufgenommen hat, darfst du wieder nach Hause und gehörst dann zu den höheren Dämonen.«
Gerade, als er sich zum Gehen erheben will, kommt mir dann doch noch eine Frage.
»Shadis!«, bremse ich ihn, »Was genau sind das für Kräfte?«
Er zuckt mit den Schultern, klopft sich den Staub von der Kleidung und erhebt sich.
»Das weiß niemand ganz genau. Wir werden wohl warten müssen, bis es soweit ist.«
Und so schnell, wie er gekommen ist, so schnell geht er wieder. Kaum, dass er ein paar Schritte gemacht hat, spannt er seine Flügel aus und ist verschwunden.
Merkwürdiger, alter Kauz, denke ich mir und gehe ins Innere meines kleinen Hauses. Im Esszimmer stelle ich das Glas und die Kugel auf dem Tisch ab und betrachte mir beides genauer. Dabei frage ich mich immer noch, was das kleine Lebewesen mit den Menschen anstellen kann? Wird es ihnen unendliches Wissen schenken? Lässt es sie stark werden? Oder Gedanken kontrollieren?
Doch all mein Grübeln bringt nichts, wenn nicht einmal Shadis die Antwort auf meine Frage kennt. Und er weiß mehr, als die meisten Dämonen, die mir in meiner irdischen Behausung regelmäßige Besuche abstatten.
»Also schön«, spreche ich zu der Hallucigena, »Heute Nacht wirst du vergraben. Und bald danach kann ich endlich nach Hause.«
Ich vertreibe mir die Zeit mit Büchern und Aufzeichnungen, die ich über die Menschen gemacht habe, bis die Sonne endlich untergegangen ist. Als der Mond hoch am Himmel steht, kleide ich mich dunkel ein, werfe mir einen langen Umhang über und beginne meine Mission.
Ich bin froh, dass eine meiner Kräfte eine Sicht ist, die mich auch in der Nacht nicht verlässt. So kann ich auf Fackeln oder Lampen verzichten, die unerwünschten Beobachtern meine Position verraten könnten.
Um keine verräterischen Fußabdrücke zu hinterlassen, schlage ich meine Flügel auf, um über den Boden zu fliegen. Es ist ungewohnt sie wieder einzusetzen, nachdem ich sie die Jahre, die ich unter den Menschen gelebt habe, jeden Tag verstecken musste.
Einen Augenblick frage ich mich, ob es egal ist, welchen Baum ich als Versteck wähle, doch dann fällt mir ein besonders hoher auf, der so markant heraus sticht, dass ich ihn einfach wählen muss. Zu meinem Glück liegen einige der Wurzeln bereits frei, sodass sich problemlos eine kleine Grube ausheben lässt, in der ich die beiden mir anvertrauten Gegenstände verstauen kann. Ich will die Öffnung gerade wieder schließen, als ein Blitz durch meine Hand zuckt.
Der Schild muss bereits aktiv sein, denke ich mir, Kein Grund, noch länger hier zu bleiben.
Ich stehe auf, klopfe mir die Erde von meinem Umhang und betrachte zufrieden mein Werk. Bald bin ich zu Hause.
»Was hast du da getan?«
Die dunkle, bedrohliche Stimme, die mit einem Mal hinter mir ertönt, lässt mich erschrocken herum fahren. Noch ehe ich weiß, wie mir geschieht, greifen Hände nach meinem Umhang und ich werde gegen den Baum gedrückt.
»Antworte mir, dreckiger Dämon!«, fährt mich der Mensch an. Wobei, nein, bei genauerer Betrachtung ist er kein gewöhnlicher Mensch. Nicht nur, dass diese mich nicht sofort als Dämon erkannt hätten, das Wesen vor mir hat ganz eindeutig Flügel. Aber seine sind weiß. Und das kann nur eins bedeuten: Vor mir steht ein echter Engel.
»Hätte nicht vermutet, dass ich so schnell auffliegen würde«, provoziere ich ihn frech, denn nichts bringt Engel so schnell zur Weißglut, als wenn man ihnen nicht das gibt, was sie von einem verlangen. Alles muss geordnet gehen, so wie ihr Herrscher, oder Gott, wie sie ihn nennen, es ihnen aufträgt. Stets sind sie gehorsam und machen alles, was er ihnen sagt, ohne selbst nachzudenken. Und selbiges erwarten sie von anderen. Aber ich gebe ihm nicht die Antwort, die er hören will und das wiederum bereitet mir mehr Freude, als alles andere.
»Ich sollte dich jetzt auf der Stelle töten«, zischt er mich an und drückt seinen Unterarm dabei quer über meine Kehle, während seine andere Hand nach dem Schwert greift, das im Gurt seines Gewandes steckt. Dabei fällt mir erst auf, wie klein er ist. Obwohl er auf den Zehenspitzen steht, reicht sein Kopf gerade bis an meine Schulter heran.
Ich beschließe, dass mir seine Spielchen langsam genug sind, bringe mit meinen Kräften meine Haut zum Glühen, sodass er, erschrocken vom plötzlichen Schmerz, seinen Arm von mir losreißt und einen Schritt zurück weicht. Doch seine Reflexe sind besser als gedacht, denn noch während er rückwärts taumelt, zieht er sein Schwert hervor, das, sobald er es in beiden Händen hält, in Flammen aufgeht.
»Du bist nicht der einzige, der mit Feuer spielen kann«, spricht er düster und funkelt mich bedrohlich dabei an.
Die Flammen bringen dabei sein ganzes Gesicht zum Strahlen, das ich nun in seiner Gänze wahrnehme. Schade, dass er für die andere Seite spielt, denn er ist wirklich attraktiv. Seine Haut ist bleich, ganz im Gegensatz zu seinem pechschwarzen Haar, dessen Strähnen sein makelloses Gesicht einrahmen und die dunklen, schmalen Augen besonders betonen. Ihn bis zum Tod bekämpfen zu müssen, tut mir fast leid.
»Was denkst du, kannst du mit deinem Schwert ausrichten?«, lache ich fies, »Dort wo ich herkomme, leben wir im Feuer.«
Meine Worte scheinen ihm keine Angst zu machen, im Gegenteil, sie stacheln ihn nur noch mehr an. In Windeseile ist er wieder bei mir und hält mir die Klinge an die Kehle, zögert aber, sie zum Einsatz zu bringen.
»Na, mach doch«, reize ich ihn weiter, »Ob du mich tötest oder nicht, das hier«, ich deute mit der Fußspitze auf die Wurzel des Baums, »lässt sich nicht mehr ändern. Selbst wenn ich wollte, könnte ich es nicht rückgängig machen.«
Der Engel kneift seine Augen wütend zusammen, wirft das Schwert beiseite und packt mich ein weiteres Mal am Kragen meines Umhangs. Er scheint seine ganze Kraft zu entfesseln, den mit einem Mal kann ich mich nicht mehr auf den Beinen halten und lande rücklings auf dem Boden. Nur einen Moment später ist er auf mir drauf und ich spüre seine Hand an meiner Kehle und seine Faust, die schmerzhaft in meinem Gesicht landet.
»Hör auf mit deinen Spielen und sag’ mir endlich, was du da vergraben hast!«, brüllt er mich an. Da er es geschafft hat, mich auf den Boden zu bringen, will ich ihm diesen kleinen Triumph gönnen.
»Etwas, das dich und deine ganze Art endlich überflüssig macht«, spucke ich ihm ins Gesicht, »Etwas, das den Menschen endlich die Macht gibt euch ebenbürtig zu sein.«
Die kurze Angst, die bei meiner Schilderung in seinen Augen aufleuchtet, wird schnell durch Zorn und noch mehr Zorn hinweg gefegt.
»Wie dämlich seid ihr Dämonen eigentlich?«, giftet er mich an, »Die Menschen sind ohnehin schon auf einem gefährlichen Pfad. Und nun gibst du Idiot ihnen noch Zündstoff, um sich weiter zu bekriegen? Hast du eine Ahnung, was du da angerichtet hast?« Mit jedem Satz wird seine Stimme lauter und bedrohlicher. Ich erwarte schon den nächsten Hieb, aber der bleibt aus. Stattdessen erhebt er sich von mir und sammelt sein Schwert wieder auf.
»Ich weiß, dass es das Richtige wäre, dich auf der Stelle umzubringen. Aber du sollst nicht dumm sterben«, spricht er dann, »Lass mich dir zeigen, was du mit deiner Tat heute zerstört hast.«
In dem Glauben mich verhört zu haben, blinzle ich ihn an.
»Du hast mich schon verstanden, Dämon. Vielleicht lernt deine Sippe dann was dazu und hört auf sich in unsere Angelegenheiten einzumischen.«
»Was lässt dich so sicher sein, dass ich dir folge?«, frage ich ungläubig und auch ein wenig gereizt, denn ich verstehe absolut nicht, was der Engel mit dem, was auch immer er vorhat, bezwecken will und was er sich davon verspricht. Noch viel weniger, woher das urplötzliche Vertrauen kommt, dass ich bei seiner Idee mitspiele.
»Ich habe dich schon einmal aufgespürt. Sei nicht so naiv und glaube, dass ich es nicht noch ein zweites Mal schaffen würde. Und dann würde ich ganz sicher nicht zögern, dir auf der Stelle den Kopf abzuschlagen, das kannst du mir glauben.«
Ich muss mir eingestehen, dass ich an diesem Punkt nichts mehr zu verlieren habe und wenn er mich nach seinem kleinen Ausflug unbehelligt meiner Wege gehen lässt, kann ich das wohl als Gewinn betrachten. Daher sträube ich mich nicht und fliege ihm hinterher, als er sich in die Lüfte erhebt.
»Gehe ich recht in der Annahme, dass das, was du unter dem Baum platziert hast, die Hallucigena war?«, fragt er mich, als ich ihn eingeholt habe.
Ich bin verwundert, dass er von dem Wesen weiß, aber da seine Existenz anscheinend bekannt ist, mache ich mir keine Mühe, es zu verheimlichen.
»Das war sie, ja«, antworte ich ihm und kann dabei zusehen, wie sich jeder Muskel seines Gesichts anspannt.
»Dann haben wir größere Probleme, als ich gedacht habe.«
Mein Herz rutscht mir in die Hose, denn mit einem Mal habe ich das Gefühl etwas getan zu haben, dass ich so nicht beabsichtigt habe. Ich wollte den Menschen helfen, sie von der Unterdrückung der Götter befreien, den Schwachen eine Chance geben. Aber so, wie der Engel reagiert, habe ich nicht nur das göttliche Gleichgewicht gestört, sondern auch die Menschen in Gefahr gebracht.
»Was meinst du damit?«, frage ich daher, was mir nur ein Kopfschütteln erntet.
»Wie ist dein Name? Ich bin es satt, dich Dämon zu nennen«, fragt er mich stattdessen.
»Eren«, antworte ich, ohne darüber nachzudenken, ob es klug ist, ihm diese Information über mich zu geben.
»Hör zu, Eren, wir beide stehen auf gegensätzlichen Seiten und haben daher unterschiedliche Ansichten, was für die Menschen das Richtige ist. Aber in einem sind wir uns einig: Auch wenn wir denken, dass der Weg dorthin ein anderer ist, wollen wir das Beste für sie. Was du heute getan hast, wird die armen Seelen für die nächsten paar tausend Jahre in den Krieg schicken. Was glaubst du was passiert, wenn ein Volk plötzlich übernatürliche Kräfte erhält? Denkst du, dass es sie zu gerechten Herrschern macht oder glaubst du, dass sie die Kräfte instrumentalisieren werden, um an noch mehr Macht zu gelangen?«
Ich schweige, denn die Frage ist rhetorisch und die Antwort damit klar.
»Nachdenken ist nicht eure Stärke, war es nie. Ihr wollt Freiheit für die Menschen? Schön und gut, aber ihr seht nicht, welchen Preis sie dafür zahlen müssen«, führt er seine Rede fort und hält dann mit einem Mal an.
»Tarn’ dich!«, weist er mich an. Ich konzentriere mich kurz, bis ich sicher bin, für die Menschen unsichtbar zu sein. Der Engel scheint selbiges zu tun, denn er hält in seinen Bewegungen kurz inne.
Dann schweben wir hinab in das Dorf hinter dem Wald.
»Was tun wir hier?«, flüstere ich.
»Ich zeige dir das Mädchen, dessen Leben du heute verdammt hast«, flüstert er zurück, unterdrückt dabei aber nicht die Schärfe in seiner Stimme. Er führt mich in eine primitive Hütte und zeigt auf ein junges Kind, vielleicht vier Jahre alt, das auf dem Fußboden unter einer alten und dünnen Decke schläft.
»Das ist Ymir. In einigen Jahren wird man sie aus dem Dorf jagen, weil sie ein Schwein freigelassen hat. Hättest du die Hallucigena nicht unter dem Baum platziert, würde sie auf der Flucht sterben.«
Ich schaue den Engel skeptisch an, denn so recht hat er mich noch nicht davon überzeugt, das Falsche getan zu haben. Doch dass er mich damit absichtlich auf eine falsche Fährte lockt, verrät mir der überhebliche Gesichtsausdruck, den er dann an den Tag legt.
»Jetzt hast du sie zu einem Schicksal verurteilt, das schlimmer ist, als der Tod. Nachdem sie die Kräfte der Hallucigena erhält, wird sie der König heiraten, der sie zuvor noch fast zu Tode jagen ließ. Es wird keine glückliche Ehe, das kannst du mir glauben. Ymir ist fast noch ein Kind, wenn sie dem König drei Töchter schenkt. Und sie wird sich für ihn opfern, weil sie aus irgendeinem Grund glaubt, dass sie den Mann wirklich liebt. Nach ihrem Tod erhalten die Kinder die Kräfte, die einst Ymir hatte und danach die Kinder der Kinder. Irgendwann sind es neun Menschen, jeder mit einer einzigartigen Kraft, die sie immer weiter geben. Und dann werden sie die Kräfte nutzen, um gegen den Rest der Menschheit in den Krieg zu ziehen. Millionen Menschen werden dabei sterben. Und du wirst dafür verantwortlich sein.«
Ich hinterfrage nicht, woher er das weiß. Mit Sicherheit verfügen Engel über ganz ähnliche, prophetische Kräfte, wie auch manche Dämonen. Viel ärgerlicher macht es mich, dass Shadis oder der, in dessen Auftrag ich gehandelt habe, ebenfalls davon gewusst haben muss und mich trotzdem zu dieser Mission geschickt hat.
»Ich hatte keine Ahnung«, sage ich atemlos, »Ich wusste nicht, dass so etwas passieren würde.«
»Natürlich nicht. Du wolltest uns nur einen Streich spielen, indem du uns überflüssig machst. Nun, Glückwunsch, Eren, das ist dir gelungen, denn selbst wir haben nicht die Kraft, deine Taten ungeschehen zu machen. Du kannst jetzt die Ewigkeit genießen und sehen, wie sich die Menschen, die du so sehr liebst, einer nach dem anderen zerfleischen werden.« Die Stimme des Engels trieft vor Sarkasmus und Wut, was mich aus meinem anfänglichen Schock wieder wachrüttelt.
»Hätten sie das nicht sowieso getan? Das war der Grund, weswegen ich so überzeugt von der Idee war. Wenn die Unterdrückten plötzlich eine reale Gefahr sind, werden die Mächtigen es nicht wagen, sie weiterhin zu jagen.«
»Du hast es immer noch nicht verstanden, Eren«, belehrt mich der Engel, »Du hast nur das Machtverhältnis umgekehrt. Anstatt schwach und stark gibt es jetzt stark und noch stärker. Dadurch ändert sich gar nichts, bis auf die Opfer. Von denen es jetzt mehr geben wird. Anstatt mit Speeren und Schwertern, werden sich diese Gruppen jetzt - «, er seufzt und atmet tief ein, »Nun, du wirst es sehen, welche Waffen sie jetzt verwenden werden.«
Ich sehe, dass er sich von mir abwendet und wegfliegen will, aber die Schuldgefühle nagen zu sehr an mir, als dass ich ihn einfach ziehen lassen könnte.
»Warte!«, rufe ich ihm hinterher, »Du hast mir nicht deinen Namen verraten.«
»Ist das noch wichtig?«, fragt er abgeschlagen mit Blick über die Schulter zu mir.
»Für mich ja«, antworte ich ehrlich und ich meine, die Reue in meiner eigenen Stimme hören zu können.
»Ich bin Levi«
»Levi, ich will das irgendwie wiedergutmachen«, rede ich los, »Ich muss das wiedergutmachen. Ich weiß nur nicht, wie ich das anstellen soll. Der Schild, den ich platziert habe, lässt sich nur durch das Mädchen öffnen.«
»Und genau da liegt der Hase begraben, Eren. Du kannst es nicht wiedergutmachen. So funktioniert das nicht. Lerne mit den Konsequenzen deiner Taten zu leben und handle das nächste Mal weiser.«
Ich kann nicht glauben, dass er einfach so aufgibt und mich mit dem Wissen, was ich angestellt habe, davon kommen lässt. Doch dann wird mir klar: Das ist meine Strafe. In genau diesem Wissen auf ewig zu leben.
»Dann zeig mir etwas anderes, etwas, womit ich den Menschen Freude schenken kann. Dafür seid ihr verdammten Engel doch da!«, flehe ich ihn an.
»Und was würde deine Sippe«, er deutet mit dem Finger nach unten und zieht eine seiner Augenbrauen nach oben, »davon halten, wenn du deine Zeit mit einem Engel verbringst und das tust, was wir für richtig halten? Ich bin mir sicher, dass die nicht gerade erfreut darüber wären.«
»Das ist mir egal«, widerspreche ich, »Schließlich habe ich es denen zu verdanken, dass ich jetzt überhaupt erst in dieser Misere stecke.«
»Du bist mir ein Dämon«, entgegnet Levi mir kopfschütteld und ich meine das erste Mal so etwas wie den Anflug eines Lächelns in seinem Gesicht zu erkennen, »Wenn mir etwas einfällt, besuche ich dich in deiner Hütte.«
Und mit den Worten verschwindet er und lässt mich allein.
Noch einmal fällt mein Blick auf das Mädchen, das friedlich schläft, während das schlechte Gewissen in meinem Magen tobt. Wie viele Nächte wird sie noch Frieden haben? Ich beiße mir auf die Unterlippe, versuche nicht länger darüber nachzudenken, welchen Schaden ich heute angerichtet habe, denn, wie Levi sagte, ungeschehen machen kann ich es nicht mehr.
»Mir wird etwas einfallen, um es irgendwann zu beenden«, flüstere ich ihr zu. Dann reiße ich meinen Blick von ihr los und mache mich endlich auf den Heimweg.

Wenige Tage später werde ich durch Lärm und die Schreie der aufgescheuchten Hühner in meinem Garten geweckt. Ich springe sofort auf, schlüpfe nur schnell in eine Hose und stürme dann aus dem Haus, um zu sehen, wo der Lärm herkommt.
»Ugh, wie kannst du so leben? Sieh dir all den Schmutz an! Das ist widerlich«, schimpft Levi, dessen weißes Gewand deutliche dunkle Flecken am unteren Saum aufweist.
»Hast du das erste Mal mit Hühnern zu tun?«, spotte ich, aber ohne dabei wirklich herablassend zu klingen, »Oder wird euch da oben das Essen gleich gekocht und gebraten serviert?«
Zugegeben, ich hätte nicht damit gerechnet den schönen Engel so schnell wiederzusehen. Aber jetzt, wo er hier ist, in meinem Garten mit der Fassung ringend, weil seine reinen Kleider bei der Landung im Hühnerdreck gelandet sind, nun, das löst Gefühle in mir aus, die ich noch nicht ganz zuordnen kann. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass es mich freut. Nicht, weil er sich dreckig gemacht hat, sondern weil er sein Wort gehalten hat und zurückgekommen ist.
Anstatt Levi weiter aufzuziehen, verschwinde ich schnell ins Haus und hole Wechselkleidung für ihn aus meinem Schrank. Die wird ihm zwar zu groß sein, aber besser als Kleidung, an der der Mist meiner Hühner klebt, ist sie allemal.
Ich lege die Sachen parat, dann fülle ich noch schnell einen Eimer mit Wasser am Brunnen, in dem Levi sein Gewand einweichen kann und komme damit zu ihm.
»Zieh’ das Ding aus und pack’ es hier rein, im Haus habe ich frische Kleidung für dich«, weise ich ihn an, was ihn seine Augenbrauen hochziehen lässt.
»Vor dir?«, fragt er skeptisch.
»Was ist das Problem?«, will ich irritiert wissen.
»Glaub nicht, dass mir entgangen ist, wie du mich angesehen hast, Dämon.«
So empört, wie er dabei klingt, kann ich nicht anders, als zu lachen.
»Ach, ihr Engel. Immer bemüht, eure Unschuld zu wahren«, necke ich ihn verspielt, was ihn wieder einmal den Kopf schütteln lässt.
»Noch nicht einmal so viel Schamgefühl um es abzustreiten. Was habe ich von einem Dämon anderes erwartet.«
Er nimmt mir den Eimer aus der Hand, wobei ein Teil des Wassers überschwappt und auf meinen Schuhen landet, dann geht er damit in mein Haus hinein, ganz so, als wäre es selbstverständlich für ihn. Ich folge ihm, streife am Eingang noch die nassen Schuhe von den Füßen und beobachte, wie er sich die Kleidung, die ich für ihn zurecht gelegt habe, schnappt und mit ihr und dem Eimer in mein Schlafzimmer verschwindet.
Es dauert einige Minuten, bis er wieder hinauskommt. Wie erwartet, ist ihm meine Kleidung zu lang, sodass er sie einige Male umschlagen musste. Dennoch gefällt es mir, ihn so zu sehen, zu wissen, dass er in meinen Stoff und meinen Geruch gehüllt ist. Es weckt merkwürdig urtümliche und besitzergreifende Instinkte in mir.
Erst da stolpere ich über meine eigenen Gedankengänge.
Ich sollte so nicht über ihn denken. Er ist ein Engel und damit ein Feind. Er ist nicht wie ein Mensch, den man ohne jegliche Konsequenz verführen kann. Und ich habe mir nicht mal die Mühe gemacht zu verheimlichen, dass ich ihn attraktiv finde.
Ich räuspere mich, als würde ich damit die Gedanken, die in mir wallen, übertönen und biete Levi dann an, ihm den Eimer abzunehmen. Er folgt mir zur Wäscheleine, besteht dann aber selbst darauf, seine Kleidung auszuwringen und aufzuhängen.
»Wie lange lebst du schon unter den Menschen?«, beginnt er dann eine lockere Unterhaltung.
»Einige Jahrzehnte, vielleicht schon länger«, antworte ich und schaue zu ihm hinüber, beobachte, wie die Muskeln seiner Arme arbeiten, als er das Wasser aus dem weißen Gewand presst.
»Und was ist dein Ziel hier?«
Langsam komme ich mir vor, wie bei einem Verhör. Fragt er das, weil es ihn interessiert oder kommt der Auftrag von ganz oben?
»Informationen über die Menschen beschaffen. Was sie wollen, was wie wissen, was sie brauchen, wie sie leben. Das sollte so lange gehen, bis ich meinen Auftrag erhalte, mit dem ich zum höheren Dämon werde und wieder nach Hause kann«, erkläre ich ihm dennoch, um Boden bei Levi gutzumachen. Schließlich war ich es, der ihn gebeten hat zu mir zu kommen.
»Und der Auftrag war das, wobei ich dich neulich Nacht gefunden habe?«, fragt er weiter, was ich mit einem Nicken bestätige.
»Warum bist du dann noch nicht zu Hause?«, hakt er weiter nach.
Darüber muss ich kurz nachdenken, denn bisher habe ich mich damit noch nicht auseinander gesetzt.
»Ich glaube, der Auftrag gilt erst als erfüllt, wenn Ymir ihre Kräfte erhalten hat«, sage ich, als ich meine mich daran zu erinnern, dass Shadis so etwas erwähnt hat.
»Das ergibt keinen Sinn, Eren. Wieso sollte man dich noch so lange hier abstellen, wenn du nichts mehr tun kannst außer abzuwarten? Was erhoffen sich deine Leute davon?«
»Ich - ich weiß es nicht«, zögere ich, »So genau habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht.«
»Tch«, zischt Levi verächtlich und wirft dann sein Kleid über die Leine, »Mein Leben wäre so viel einfacher, wenn du einmal deinen Kopf gebrauchen würdest, anstatt einfach so zu handeln, wie du es für richtig hältst.«
»Ich finde, du benimmst dich unfair«, blaffe ich ihn an, denn langsam bin ich es leid, mich jedes Mal von Levi belehren zu lassen, als wäre ich ein Kind und er hätte die Weisheit mit Löffeln gefressen. Dass meine Tat unüberlegt war, weiß ich selbst, aber es bringt uns auch nicht weiter, wenn er deswegen noch länger auf mir herum hackt.
»Ach ja?«, blafft er zurück, »Frag’ mal Ymir, ob sie es fair findet, zu welchem Schicksal du sie verurteilt hast! Eren, ich bin hier, weil du deine Fehler wiedergutmachen willst und nicht, weil ich besonders Lust darauf habe. Und wenn ich mich frage, ob hinter all dem nicht ein noch größeres Ziel steckt, dann erwarte ich, dass du deinen Kopf anstrengst und dich nicht benimmst, wie ein bockiges Kind!«
Seine Worte treffen mich mehr, als ich es zugeben will. Sie bestätigen meine Vermutung, was er in mir sieht und dass er mich nicht für voll nimmt. Und sie spornen mich dazu an, ihm zu zeigen, dass ich reifer bin, als er denkt, dass ich Verantwortung übernehmen kann und dass ich ihn auch auf anderen Eben ebenbürtig bin.
»Du hast recht, Levi. Es tut mir leid«, gestehe ich daher meine Schwäche ein, »Ich kann mir nur nicht vorstellen, dass Shadis mich in irgendeine Falle locken wollte. Wir kennen uns schon so lange und ich vertraue ihm.«
»Und vertraut er dir auch?«
Zum ersten Mal sucht Levi meinen Blick, unter dem ich beinahe einknicke. Was ist das nur, was er mit mir anstellt? Warum schlage ich mich plötzlich auf seine Seite und beginne meine eigene Art anzuzweifeln?
»Ich weiß es nicht«, gebe ich schließlich zu, »Was immer in den höheren Rängen abgeht, ich habe keine Ahnung davon. Wir bekommen nur Aufträge, die wir zu erfüllen haben, um irgendwann selbst aufzusteigen. Solange lässt man uns im Dunkeln, was die genauen Absichten sind. Uns wird gerade so viel erzählt, dass wir nicht ablehnen können.«
»Tch«, zischt Levi und tritt den staubigen Boden unter ihm, »Dann ist es bei euch nicht besser, als bei uns. Erwin, der mit überstellte Erzengel, hat mich beauftragt, dich von deinem Plan abzuhalten, im Zweifelsfall zu töten. Und nun lässt er mich genauso schmoren.«
»Dann kannst du auch nicht zurück?«, frage ich verwundert und spüre mit einem Mal eine merkwürdige Verbundenheit mit Levi.
»Nein, ich sitze hier genauso fest. Irgendetwas planen sie und ich bin mir sicher, dass es mit uns beiden zu tun hat. Es tut mir leid, Eren. Deine Pläne, die Menschen aufzuheitern, werden wohl noch etwas warten müssen. Zuerst sollten wir herausfinden, warum man uns beide nicht nach Hause lassen will.«
Ein ungutes Gefühl breitet sich in mir aus, als würde man mir die Luft zum Atmen nehmen. Ich bin unfreiwillig Teil eines Spiels geworden, von dem ich nicht einmal die Regeln kenne.
»Vielleicht wäre es dann besser, wenn du die nächste Zeit hier bleibst«, schlage ich vor, was mir einen misstrauischen Blick beschert, »Ich meine, wenn es um uns beide geht und wir zusammen den Grund herausfinden müssen, warum man uns nicht gehen lässt, würde es dann nicht Sinn ergeben, wenn wir in der Nähe voneinander bleiben?«
»Ah, wie ich feststellen muss, kannst du deinen Kopf doch zu etwas gebrauchen«, stellt Levi halb neckend, halb lobend fest und streckt seine Hand aus, ganz so, als wolle er mir jeden Moment über meinen Kopf streichen, überlegt es sich dann aber doch anders und zieht sie wieder zurück. Er räuspert sich und macht eine nickende Bewegung hin zum Hauseingang.
»Lass uns besser reingehen. Vielleicht sollten wir uns nicht unbedingt draußen zusammen zeigen.«

Die Tage und Wochen vergehen. Nachdem Levi sich die erste Zeit noch geweigert hat, in meinem Haus zu übernachten, hat er nach etwa einer Woche beschlossen, dass es ihm zu aufwändig ist, jede Nacht eine neue Unterkunft zu suchen und ist vorerst bei mir eingezogen. Ich hätte nicht gedacht, dass es so angenehm ist Zeit mit ihm zu verbringen, aber nachdem wir die Feindseligkeiten gegenüber einander erst einmal abgelegt haben, haben wir eine gute, stabile Basis miteinander aufbauen können. Wir verbringen den Alltag miteinander, pflegen meinen Garten, die Hühner, wir kochen zusammen und besuchen gemeinsam den Markt. Dort hat Levi sich auch gleich mit neuer Kleidung eingedeckt, da er weder meine ihm viel zu große Kleidung dauerhaft tragen, noch länger das weiße Gewand, mit dem er bei mir aufgetaucht ist, anziehen will. Seiner Meinung nach wäre es viel zu auffällig, sich damit unter die Menschen zu mischen. Hin und wieder trifft sich einer von uns mit Erwin oder Shadis, um zu fragen, ob es Neuigkeiten gibt und wann man uns endlich nach Hause lässt, aber weder Levi noch ich erhalten darauf eine konkrete Antwort. Ein ums andere Mal werden wir vertröstet, während man uns gleichzeitig keine neuen Aufträge erteilt. Nicht einmal Levis offensichtliches Scheitern mich aufzuhalten wurde lange thematisiert und erst recht nicht geahndet, was bei uns nur noch mehr Fragen aufwirft.
»Es ist frustrierend«, schimpfe ich, als Levi und ich zusammen am Abendbrottisch sitzen, »Ich kriege kein Wort aus Shadis raus.«
»Wundert dich das wirklich noch?«, fragt er zwischen zwei Bissen, »Du wirst weder jetzt noch in nächster Zeit eine Antwort erhalten, weil sie dir keine Antwort geben wollen. Wer weiß, was sich die Spinner ausgedacht haben.«
Ich seufze, denn ich weiß ja, dass er recht hat. Würden wir Erwin und Shadis nicht regelmäßig aufsuchen, würden sie sich nicht einmal die Mühe machen, nach uns zu sehen. Levi und mir kommt das nur recht, so müssen wir nicht verbergen, dass er bei mir lebt. Es interessiert schlichtweg niemanden.
»Eren«, sagt Levi mit einem mal, sodass ich automatisch zu ihm aufblicke und ihm in die Augen sehe, »Ich muss zugeben, dass ich mich am Anfang in dir getäuscht habe. Für einen Dämon bist du gar nicht so schlecht. Was ich meine ist: Ich danke dir, dass du mich bei dir aufgenommen hast. Ich hätte das nicht erwartet.«
Ich lächle, denn ich weiß genau, wie schwer es ihm gefallen sein muss, die Worte über seine Lippen zu bringen. In der Zeit mit Levi habe ich festgestellt, dass er mit netten Worten und Komplimenten sehr sparsam umgeht, vor allem, wenn es um mich geht. Umso mehr bedeutet es mir, wenn er sich in Momenten wie diesen öffnet, in denen es fast schon egal ist, wer Engel und wer Dämon ist.
Ich räume meinen Platz auf und stelle das Geschirr in die Spüle.
»Ich sollte besser schlafen gehen. Morgen wollte ich noch einmal nach dem Baum sehen, vielleicht finde ich ja einen Weg, den Schild zu brechen.«
Ich weiß, dass es ein sinnloses Unterfangen ist, aber wenn wir schon unter der Prämisse handeln, dass Shadis mich belogen hat, woher soll ich ihm dann glauben, dass er recht hatte, was den Schild betrifft?
»Soll ich dich begleiten?«, fragt Levi und wirkt mit einem Mal so unsicher, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Er wendet den Blick von mir ab, aber nicht, weil ich ihm zuwider wäre, so wie er es mich die erste Zeit hat spüren lassen, nein, vielmehr glaube ich Scham in seinem Gesicht zu erkennen. Aber warum? Seine Frage war nicht ungewöhnlich und durchaus berechtigt.
»Sicher, vielleicht fällt dir ja auch noch etwas ein, wie wir den Schild loswerden können«, antworte ich, klinge dabei aber zögerlich, weil ich mir Levis Reaktion immer noch nicht erklären kann.
»Das meine ich nicht«, sagt er dann und bestätigt, dass ich auf dem falschen Dampfer war. Und dann ist es, als hätte mir jemand plötzlich die Scheuklappen heruntergerissen und ich beginne zu verstehen.
»Oh... oh
Die netten Worte am Tisch, die Frage, ob er mich in mein Schlafzimmer begleiten soll - Hat sich unser Verhältnis in den letzten Wochen so sehr verändert und ich habe es nicht einmal mitbekommen? Nun, es gab hier und da kleine Momente zwischen uns. Zufällige Berührungen, wenn wir zusammen das Essen zubereitet haben, ich habe Levi immer häufiger dabei erwischt, wie er mich anlächelt, aus den üblichen Neckereien hat sich ein kleines Ritual zwischen uns entwickelt, das aber niemand von uns böse nimmt, im Gegenteil, es verbindet uns jedes Mal mehr. Haben wir also die ganze Zeit miteinander geflirtet, ohne dass ich mir darüber bewusst war?
»Ich - Entschuldige, das war eine dumme Frage«, rudert Levi zurück und tut ganz beschäftigt mit dem Abwasch.
»Nein, mir tut es leid«, sprudelt es aus mir heraus, »Ich wusste nicht - Ich hätte nicht gedacht - «
Kein vernünftiger Satz will meinen Mund verlassen, als ich versuche mich zu erklären. Daraus, dass ich ihn attraktiv finde, habe ich nie ein Geheimnis gemacht, aber ich hätte niemals damit gerechnet, dass er ebenso über mich denken würde. Nicht nachdem ihn meine offensichtliche Anziehung ihm gegenüber angewidert hat an dem Tag, als er hier zum ersten Mal aufgetaucht ist. Die Erkenntnis trifft mich wie ein Hammerschlag, wirft mich so aus der Bahn, dass mein Gehirn für einen Moment seine Funktion aufzugeben scheint.
Ohne noch ein zweites Mal darüber nachzudenken, gehe ich zu ihm, packe seine Schulter und bringe ihn so dazu, dass er mich ansieht.
»Wie hast du deine Frage gemeint?«, will ich von ihm wissen, bedacht darauf möglichst sanft zu sprechen.
Immer noch hat er diesen Gesichtsausdruck, dass ihm die ganze Situation unangenehm ist und ich weiß, dass ich etwas dagegen tun muss, wenn ich nicht will, dass er sich mir gegenüber wieder verschließt. Daher lasse ich mit einer Hand von seiner Schulter ab und fahre damit zärtlich die Kontur seines Kinns nach.
»Rede mit mir, Levi«, wispere ich, während ich mir noch einer Sache bewusst werde. Er ist mir zwar sonst mit allem eine Nasenlänge voraus und weiß alles besser, aber in diesen Angelegenheiten ist er komplett ahnungslos. Wie sollte es als Engel auch anders sein.
»Ich sollte das nicht wollen«, flüstert er, während er sichtlich meine leichten Berührungen genießt, sosehr, dass er dabei die Augen schließt, »aber du bist der einzige, dem ich zur Zeit noch vertrauen kann.«
»Keine gute Idee einem Dämon zu vertrauen«, reize ich ihn und streiche dabei mit der Kuppe meines Daumens über seine Unterlippe, »Du hast keine Ahnung, was ich mir dir anstellen würde, wenn du mich lässt.«
Ein hilfloses Wimmern entweicht Levis Kehle, ein Geräusch von dem ich mir bis eben nicht einmal ausmalen konnte, es je von seinen Lippen zu hören. Jede Faser seines Körpers scheint sich nach mir zu sehnen, während sein Verstand noch dagegen ankämpft.
Ich nähere mich langsam seinem Gesicht, ganz zaghaft, und flüstere: »Du bist wunderschön. Und stark. Und wahnsinnig klug.« Nach jeden Satz platziere ich dabei einen seichten, unschuldigen Kuss auf seinem Gesicht, bedacht darauf, die Lippen auszusparen. Den Schritt will ich ihm überlassen.
»Wieso ausgerechnet du?«, seufzt er mit vor Lust heiserer Stimme, »Von allen Wesen, die mich in Versuchung führen könnten, warum musst es du sein?«
Er schlägt seine Lider auf und für einen Moment habe ich das Gefühl, als könne er mir tief in meine Seele blicken. Der Augenblick ist so intim, so besonders, dass ich alles, was um mich herum ist, meine Sünden, meine Schuld, das drohenden Schicksal der Menschen, vollkommen ausblende und ganz in seinen dunkelgrauen Augen versinke, als würde ich dort die Antwort auf all meine Fragen finden.
»Das kann ich dir nicht beantworten, Levi, ich weiß nur, dass ich dich will«, hauche ich ihm ins Gesicht, »Sosehr, wie nichts zuvor.«
Als hätten meine Worte die letzten Fesseln durchbrochen, die uns noch zurückgehalten haben, schlingt er seine Arme um meinen Hals und zieht meinen Kopf zu sich hinab. Heiß und feucht landen seine Lippen auf meinen, geben mir das, was ich mir so lange gewünscht habe. In einem taumelnden Durcheinander bewegen wir uns zum Schlafzimmer, ertasten unsere Körper über der Kleidung, verfangen uns in wilden, leidenschaftlichen Küssen, aus denen sich keiner von uns lösen will.
Sein Unterleib presst sich begierig an meinen, ich spüre Levis aufkeimende Erektion, die sich hart an mir reibt. Einen Augenblick bin ich versucht, ihn deswegen aufzuziehen, ob sich das für einen Engel so gehört, aber nichts würde mich dazu bringen, die Chance zu riskieren ihn endlich unter mir zu spüren, dort wo ich ihn seit unserer ersten Begegnung gerne sehen will.
Die Arme immer noch um meinen Nacken gewickelt, krabbelt er rückwärts in mein Bett und nimmt mich mit sich, sodass ich über ihm zum Halt komme und mich mit meinen Unterarmen abstützen muss, um ihn nicht unter mir zu begraben. Kurz verweile ich so, löse mich aus dem Kuss, nur um ihn anzusehen und zu bewundern: Seine Lippen, die von unseren Küssen geschwollen sind, die Wangen rosig, die Haare wirr im Gesicht, die Atmung beschleunigt und die Pupillen geweitet und auf mich gerichtet. Er ist nicht der erste Mann für mich, aber mit Sicherheit der schönste und der, den ich am meisten begehre.
»Hat dich schon einmal jemand so berührt?«, will ich von ihm wissen. Auch wenn ich die Antwort eigentlich kenne, ich muss es aus seinem Mund hören. Einen Moment sehe ich Ärger in seinen Augen aufblitzen, nicht weil er die Frage unangemessen findet, sondern einfach weil er es nicht gerne zugibt, dass es Bereiche gibt, in denen ich erfahrener bin. Das ist sein wunder Punkt, wie ich die letzten Wochen festgestellt habe. Anstatt aber wegen der Frage Streit mit mir zu suchen, werden seine Augen wieder milde.
»Ist nicht so, dass körperliche Beziehungen bei uns besonders gerne gesehen werden«, spricht er dann und gibt mir damit die Antwort, auf die ich gehofft habe.
»Das macht nichts, ich werde mir Zeit mit dir lassen«, flüstere ich ihm verheißungsvoll ins Ohr. Und das werde ich wirklich. Sosehr ich mich auch ganz und gar in ihm versenken will, ich kann warten, bis wir soweit sind.
Ich beuge mich wieder zu ihm hinab, küsse die Winkel seines Mundes, sauge an seiner Unterlippe, die sich voll und weich zwischen meinen Lippen anfühlt, während Levis Hände sich tief in meinen Haaren vergraben und seine Nägel angenehm über meine Kopfhaut kratzen. Er beugt seinen Rücken durch, gibt seinen Hals frei, den ich mit Zunge und Zähnen nachfahre. Dabei verlagere ich mein Gewicht auf eine Seite, um so eine meiner Hände zu befreien, die sacht über den Stoff seiner Kleidung streicht beginnend bei seinem Hals, tiefer hinab über Brust und Bauch und schließlich am bis zum Saum seines Pullovers. Ich schiebe die Hand darunter, spüre die harten Bauchmuskeln, den weichen Flaum der Haare am Unterbauch und beobachte, wie sich Levi unter meinen Berührungen windet, sich auf die Lippe beißt und die Augen zusammen kneift. Es ist unglaublich erregend dabei zuzusehen, wie jede noch so kleine Liebkosung seine Lust auf mich weiter und weiter steigert. Aber es ist mir noch nicht genug. Ich will ihn hören, will ihn ganz in Ekstase erleben.
»Zieh dich aus«, fordere ich ihn auf, während ich mir selbst meine Kleidung abstreife. Ich habe mein Shirt schon aus, als er noch auf meinem Bett kniet und sich den Pullover über den Kopf zieht. Den Augenblick nutze ich, um seinen Gürtel zu lösen und den Knöpfe seiner Hose zu öffnen. Dann nehme ich ihm den Pullover aus der Hand und werfe ihn achtlos über die Kante des Bettes zu Boden.
»Komm her«, fordere ich Levi auf, lege mich aufs Bett und biete ihm den Platz auf mir an. Ich habe Angst ihn zu überfordern und will ihm die Möglichkeit geben, das Tempo mitzubestimmen und zu entscheiden, wie diese Nacht enden wird. Tatsächlich hätte ich nicht einmal etwas dagegen, sollte er das Ruder umkehren und beschließen mich zu nehmen, so sehr bin ich dem wunderschönen, griesgrämigen Engel verfallen. Und als er mir und sich selbst die Hose auszieht und dann über mir platziert, glaube ich fast, dass dies wirklich seine Intention ist. Aber nein, er setzt sich und nimmt unsere beiden Glieder in die Hand, massiert sie, testet vorsichtig, welche Berührungen sich dabei gut für uns beide anfühlen.
Seine Bewegungen werden dabei schnell geschickter und es dauert nicht lange, bis er den perfekten Rhythmus für uns beide entdeckt hat.
»Du machst das gut«, lobe ich ihn stöhnend, stoße immer wieder in seine Hand hinein, spüre dabei seinen harten Schwanz an meinem - ich hätte nicht für möglich gehalten, dass es sich so unbeschreiblich heiß anfühlen würde - und suche in den Laken unter mir mit meinen Fingern nach Halt.
Levi ist viel zu sehr in seine Lust vertieft, als dass er mir antworten könnte. Er zittert, seufzt und keucht, während er seinen Daumen abwechselnd über unsere Eicheln kreisen lässt, seine Hand mit leichtem Druck über unsere Schafte fährt und ihm vor Anstrengung dabei kleine Schweißperlen den Körper hinab rinnen. Ich beginne mich zu fragen, ob er sich wohl selbst berührt hat in der Zeit, in der er bei mir lebt und ob er dabei an mich gedacht hat? Allein die Vorstellung steigert meine Erregung ins Unermessliche, sosehr, dass mein Höhepunkt kurz bevorsteht.
»Levi«, rufe ich seinen Namen aus und will ihn warnen, doch er nickt nur und keucht: »Ich weiß. Ich auch.«
Seine Bewegungen werden unkontrollierter und seine Schreie lauter. Dann erreicht Levi einen Augenblick vor mir seinen Orgasmus und was ich dabei sehe, ist wohl das unerwartetste und schönste, das ich je betrachten durfte. In dem Moment, in dem er seine Kontrolle ganz verliert und heißes Sperma aus ihm heraus spritzt, breiten sich seine großen, weißen Flügel, die er vorher versteckt hielt, in voller Spannweite aus. Und damit bietet er mir einen Anblick, der sich wohl für immer in mich einbrennen wird. Die perfekte Mischung aus Unschuld und Sünde, lieblich und heiß, stark und verletztlich zugleich. Der zarte, wunderschöne Engel besudelt von allem, was verboten ist.
Ein letztes Mal noch stoße ich zu, während ich einen tiefen Schrei ausstoße, dann komme ich mit einer nie zuvor erlebten Wucht in seiner Hand und komplettiere mit meinem Saft, der ihm bis auf den Bauch spritzt und über seine Finger läuft, das Bild.
Völlig außer Atem und nach Luft schnappend sinkt Levi auf mir zusammen und bettet mich unter den Flügeln und seinem nackten Körper ein. Ich ziehe ihn in meine Arme, ungeachtet des klebrigen Spermas, das sich nun zwischen uns beiden mischt, will ihn einfach nur halten und ihm nah sein. Ich kann selbst kaum glauben, wie schnell und einfach Levi es geschafft hat, sich in mein Herz zu schleichen, aber nach dieser Nacht ist es mir beinahe egal, ob ich jemals wieder nach Hause kann. Nein, eigentlich wäre es mir sogar lieber, wenn Shadis und Erwin sich gar nicht mehr blicken lassen würden und wir beide einfach so weiterleben könnten, unbehelligt unserer Herkunft und Verpflichtungen.
Langsam kommt Levi wieder zu sich und erst jetzt scheinen ihm seine Flügel aufzufallen, denn als er zur Seite blickt und sie dabei sieht, versteckt er sie schnell wieder, als wäre es ihm unangenehm.
Zuerst denke ich, dass er es tut, weil es ihm möglicherweise peinlich ist, wie sehr er sich vor mir hat gehen lassen, aber je mehr ich darüber nachdenke, glaube ich viel mehr, dass es auch für ihn eine bittere Erinnerung daran ist, dass diese gemeinsame Nacht etwas ist, das nicht hätte passieren dürfen, dass die Flügel ihn daran erinnern, wer er ist und wo er hingehört. Die Vorstellung, dass er es bereut sich auf mich eingelassen zu haben, finde ich unerträglich.
Daher frage ich ihn ganz direkt, ehe er mir zuvor kommen kann: »Haben wir einen Fehler begangen?«
Levi rappelt sich auf und setzt sich aufrecht hin. Er mustert mich und überlegt dabei.
Dann sagt er: »Möglicherweise. Aber das heißt nicht, dass ich es ungeschehen machen würde, wenn ich könnte. Ehrlich gesagt glaube ich sogar, ich würde es immer wieder tun.«
Er schenkt mir ein schiefes Lächeln und streicht mir über das Gesicht.
»Ich vertraue dir, Eren. Und das ist mehr, als ich über die meisten anderen sagen kann. Wenn man uns dafür verurteilt, was wir heute Nacht gemacht haben, dann werde ich an deiner Seite stehen und vertraue darauf, dass du auch an meiner stehst.«
Bevor ich ihm darauf eine Antwort geben kann, versiegelt er meine Lippen mit seinen. Langsam und träge küssen wir uns, legen darin all die Gefühle, Ängste und unausgesprochenen Worte, die uns schwer auf der Seele lasten.
»Ich komme gleich zurück«, spricht Levi sanft, als ich ihn wieder freigebe. Ich beobachte, wie er zum Wascheimer geht und sich reinigt, danach kommt er mit einem feuchten Lappen und wischt mir damit den Bauch ab.
Diese Nacht bleibt er bei mir im Bett und schläft in meinen Armen ein. Und auch die folgenden Nächte ist es nicht anders. Unser Alltag geht weiter, ohne dass wir eine Lösung finden, wie wir den Schild brechen können, am Abend dann können wir die Finger nicht voneinander lassen. Wir denken uns immer neue Arten aus uns zu verwöhnen, einander zu spüren und zu kosten. Und als ich Levi irgendwann ganz zu meinem mache, bringe ich endlich den Mut auf ihm zu sagen, was ich für ihn empfinde, dass ich ihn nicht nur körperlich begehre, sondern auch sein Herz will. Vielleicht habe ich es mir nur eingebildet, aber ich glaube gesehen zu haben, dass er in diesem Moment eine Träne vergossen hat. Trotzdem ist er bei mir geblieben und auch, wenn er es mit Worten nicht so gut ausdrücken kann, weiß ich, dass er für mich dasselbe fühlt.
»Vielleicht sollten wir einfach von hier verschwinden und untertauchen, irgendwohin, wo wir vor Shadis, Erwin und allen, die hinter uns her sein könnten sicher sind«, schlage ich ihm eines Tages am Mittagstisch vor.
»Es gibt keinen Ort, an dem wir sicher sind. Wenn sie uns finden wollen, werden sie das auch«, erinnert mich Levi, »Aber ich habe immer mehr und mehr das Gefühl, dass es ihnen nicht darum geht, sonst wären sie schon lange hier aufgetaucht.«
»Vielleicht haben sie einfach keinen Nutzen mehr für uns?«, überlege ich und kaue lustlos auf meiner Scheibe Brot herum. Ich halte das zwar selbst für unwahrscheinlich, aber langsam gehen mir die Ideen für das aus, was hier gespielt wird. »Ich meine, wie lange warten wir hier schon auf sie? Es müssen doch schon Monate sein.«
»Eilig haben sie es jedenfalls nicht uns zurückzuholen, das steht fest«, stimmt er mir nachdenklich zu.
»Dann lass uns von hier verschwinden«, unterbreite ich meinen Vorschlag ein weiteres Mal, »Wenn es keinen interessiert, was aus uns wird, dann müssen wir auch niemanden Rechenschaft darüber ablegen, wo wir sind. Wir könnten in ein Dorf ziehen, uns unter die Menschen mischen und unter ihnen leben, als würden wir dazu gehören.« Die Wahrheit ist, dass ich mich in meinem Haus nicht mehr sicher fühle. Es ist, als würde eine Drohung über mir schweben, die mich jederzeit einholen könnte.
Levi seufzt, aber dann nickt er doch.
»Also schön, heute Nacht packen wir die wichtigsten Dinge und morgen früh verschwinden wir. Was soll’s.«
Ich danke Levi überschwänglich, als Erleichterung mich erfasst, und beginne sofort mit dem Packen meiner Sachen. Ich stopfe Kleidung, Geld und Lebensmittel in einen großen Sack, gehe danach zum Markt und verkaufe dort meine Hühner, was uns noch mal eine zusätzliche Summe beschert.
»Es ist nicht die Welt, aber wir werden erst einmal über die Runden kommen, bis wir uns eine neue Existenz aufgebaut haben«, sage ich, als Levi und ich gemeinsam die gesammelten Finanzen durchgehen.
»Es wird reichen«, entgegnet er und sucht seine wenigen Habseligkeiten zusammen.
Am nächsten Tag stehen wir noch vor dem Morgengrauen auf, um im Schutz der Dunkelheit zu fliehen. Jeder von uns mit einem großen Sack bepackt, verlassen wir das Haus und machen uns auf den Weg in unser neues Leben, wo immer uns das auch hinführen mag. Ich werfe einen letzten schwermütigen Blick zum Haus, erinnere mich an alles, was ich dort erlebt habe, an die Nächte mit Levi, den Beginn unserer Liebe, dann wende ich mich ab und folge ihm dem Pfad zum Wald entlang, dort, wo wir uns zum ersten Mal begegnet sind.
»Was genau glaubt ihr eigentlich, was ihr da tut?«, tönt es plötzlich hinter uns und wir fahren erschrocken herum. Es ist Shadis, der uns anspricht. Neben ihm ein großer, blonder Engel, der weitaus mächtiger, als Levi aussieht. Wenn mich nicht alles täuscht, ist das Erwin.
»Dann haben die Weissagungen also doch gestimmt«, spricht genau dieser jetzt mit einer Mischung aus Enttäuschung und Wut, »Levi, wie konntest du uns nur so verraten?«
Levi, der genauso schockiert wie ich ist, bringt kein Wort heraus.
»Ich verstehe nicht -«, rede ich stattdessen los.
»Ein Engel und ein Dämon«, zischt Shadis verächtlich, »Euch ist klar, dass ihr damit gegen all unsere Gesetze verstoßen habt. Und nicht nur das. Ihr habt euch von uns abgewandt.«
»Shadis, lass mich den beiden erklären, was passiert ist«, schreitet Erwin ein und tritt einen Schritt nach vorne, »Vor einigen Monaten haben wir eine Prophezeiung erhalten, dass ein Engel und ein Dämon sich vereinen werden, um sich gegen Himmel und Hölle aufzulehnen. Da das für jedes unserer Reiche zu einem Problem geworden wäre, habe ich Shadis vor einiger Zeit aufgesucht, um nach einer Lösung zu suchen. Zur selben Zeit hat er eine ähnliche Weissagung erhalten und nach Abgleich unserer Informationen, gab es nur zwei Wesen, auf die die Beschreibungen gepasst haben.«
»Wir. Levi und ich«, sage ich leise, die Augen geweitet und im Unglauben darüber, was ich höre, »Aber das wolltest du doch, Shadis! Du wolltest sie überflüssig machen. Das war dein Plan.«
»Und deine Aufgabe wäre es gewesen, deinen eigenen Kopf zu benutzen und mich anzuzweifeln, Eren. Es war ein Test deiner Moral und Werte. Wir haben euch immer wieder belehrt, dass die Kräfte im Gleichgewicht bleiben müssen, dass wir die Freiheit genauso brauchen, wie die Ordnung. Eins ohne das andere führt zu Chaos und Untergang. Und keiner von uns ist darauf aus«, erklärt Shadis.
»Aber warum habt ihr uns überhaupt den Auftrag erteilt? Wenn wir diesen Auftrag nie erhalten hätten, wären Eren und ich uns nie begegnet und das Schicksal der Menschen würde auch nicht am seidenen Faden hängen«, wirft Levi ein, der endlich seine Sprache wiedergefunden hat.
»Das ist korrekt, Levi«, bestätigt Erwin seine Vermutung, »Allerdings sagen die Weissagungen auch, dass euer Treffen ein Fixpunkt in den Bestimmungen ist. Ihr wärt euch auch ohne den Auftrag begegnet, hättet euch verliebt und dann gegen uns aufgelehnt, was zur kompletten Vernichtung unserer Reicher und damit auch der Menschheit geführt hätte.«
»Wir konnten euch aber nicht verurteilen, bevor ihr euch tatsächlich schuldig gemacht habt, deswegen haben wir bis jetzt gewartet. Die wahre Aufgabe, die ihr beiden hattet, war eure Loyalität zu eurem Volk zu beweisen. Und ihr seid gescheitert«, führt Shadis aus, die Stimme dunkel und bedrohlich, »Wir hatten euch immer im Auge, wollten wissen, wie weit ihr bereit sein zu gehen. Aber jetzt, wo ihr uns den Rücken ganz abgewandt habt, gibt es keinen Grund mehr länger zu warten.«
»Erwin, lass es mich dir erklären!«, ruft Levi dazwischen, wird aber mit einer abwehrenden Handbewegung von diesem abgefangen.
»Es gibt nichts zu erklären. Ihr beiden habt Hochverrat an euren Völkern begangen und werdet entsprechend dafür verurteilt werden.«
Mein Herz sinkt mir in die Kniekehlen, als mir bewusst wird, was das heißt. Sie werden Levi und mich töten!
»Nein, das könnt ihr nicht tun!«, schreie und flehe ich, »Es war meine Schuld. Levi kann nichts dafür. Ich habe ihn verführt!« Wie um mich zu ergeben, falle ich auf die Knie, während heiße Tränen meine Wangen hinab rinnen.
»Lasst ihn gehen, bitte«, wimmere ich, was aber weder Shadis noch Erwin interessiert.
»Eren, es war genauso meine Schuld«, spricht Levi, legt mir seine Hand über die Schulter und hockt sich neben mich. Er wirkt weitaus gefasster als ich, als hätte er sich mit seinem Schicksal bereits abgefunden und wüsste, dass es keinen Ausweg gibt. Dann flüstert er, gerade so laut, dass nur ich es hören kann: »Erinnere dich an das, was ich dir gesagt habe. Ich stehe an deiner Seite und vertraue darauf, dass du an meiner stehst.«
Ich schluchze und wische mir die Tränen aus dem Gesicht. Levis Arme halten mich geborgen, während ich meine Fassung verliere und um all das trauere, was wir hätten haben können.
»Dann macht endlich und bringt uns um«, keift er Shadis und Erwin an, »Dafür seid ihr doch gekommen. Worauf wartet ihr noch?«
»Euch einfach auslöschen? Nein, daran haben wir nicht gedacht«, spricht Erwin und blickt hinüber zu Shadis, der dann weiter spricht: »Wir haben lange mit den Übergeordneten darüber gesprochen, was wir aus euch beiden machen, sollten die Prophezeiungen stimmen. Schließlich hatten wir lange genug Zeit uns etwas auszudenken.«
»Was?«, frage ich weinerlich, »Was habt ihr euch ausgedacht?«
»Einen Fluch, der grausamer nicht sein könnte. Nach eurer Auslöschung sollt ihr als Menschen wiedergeboren werden. Immer und immer wieder. Ihr werdet euch finden, euch lieben, bis das Schicksal euch auf grausame Weise trennt. Jedes Mal wieder. Und irgendwann werdet ihr vielleicht lernen, dass es der größte Fehler war, den ihr jemals gemacht habt, als ihr beschlossen habt, euch aufeinander einzulassen. Und wir werden jedes Mal dabei sein, um euch daran zu erinnern.«
Und noch bevor die Bedeutung der Wörter in meinen Kopf sickern kann, sehe ich aus den Augenwinkeln ein loderndes Schwert auf mich zukommen und dann wird der Rest der Welt um mich herum schwarz.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast