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Jungs heulen nicht

von Agnar
Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Andi Bill Georg Gustav OC (Own Character) Tom
06.10.2021
27.01.2023
107
307.591
6
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167 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
28.11.2022 3.043
 
Willkommen zurück auf der Müllhalde meiner Fantasie, liebe Zellhaufen.
Wie Einige von euch festgestellt haben dürften, habe ich mit meinem Profilbild dieser kleinen Geschichte hier ein neues Cover verliehen, einfach, weil ich Bills Gesichtsausdruck auf dem Foto wahnsinnig gut finde. Außerdem dürfte diese Story meiner Meinung nach ein etwas düstereres Image vertragen. Torri sieht in meinem Kopf zwar eher wie auf dem alten Cover aus, allerdings hat er inzwischen längere Haare als letzten Sommer und die E-Gitarre auf dem Unterarm ist nicht das letzte Tattoo, dass er sich zufügen wird.

An dieser Stelle erst einmal herzlichen Dank an die Kommentare von Luckiboy, die mich in dieser kleinen Durststrecke sehr motiviert haben (Hust. Ihr wisst, wo die Kommentarspalte ist. Alle sind willkommen.)
Besonders nach diesem Kapitel würde ich mich sehr über Rückmeldungen freuen;)

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„Bist du total irre?“

Wenigstens weiß ich jetzt, warum er mich - von ihm aus gesehen - fünf Uhr morgens so aufgeregt anruft.

Für mich ist gerade einer dieser unerträglich schwülen Spätsommernachmittage, ich bin verschwitzt und verdreckt von der Werkstatt und will nur noch mit den Jungs ins Schwimmbad abzischen.

Wenn nicht Bill wäre, der mich mit seiner überrumpelnden Beichte so heftig aus dem Konzept wirft, wie schon ewig nicht mehr.

„Tu nicht so unschuldig, wir alle haben sowas schon mal im Internet eingegeben.“
„Aber doch nicht mit allen Einzelheiten! Was zur Hölle hast du da denn bitte alles gesehen, dass du es sogar bei dir selber…“
„Anleitungen, Tipps, Anatomie und Hintergrundwissen, Pornos…“

Ich verschlucke mich und huste erst einmal Wasser über den Tisch.

Zum Glück bin ich gerade alleine zuhause, ich habe echt keine Lust auf neugierige Fragen.

„Gesundheit. Und jetzt erzähl mir nicht, dass du dir noch nie einen Schwulenporno angesehen hast.“, bemerkt Bill trocken am anderen Ende der Leitung.
Wenn er nur wüsste, dass ich mir einmal zu viel verrückte Fanfantasien angesehen habe, wo er mit scharfen Eckzähnen unnötig anrüchig Blut aus dem Hals eines blonden Mädchens saugt…

„Doch, aber…“
„Was aber?“
„Nur… einmal. Oder zweimal. Aber nur aus Neugier. Und ich habe dann auch nicht mir selber…“
„Ist mir schon klar, dass du dich das nicht getraut hättest, Softi. Und was denkst du, warum ich das gemacht habe?“
„Ist gut, ich hab´s ja verstanden. Aber das heißt doch nicht, dass man es selber…“

„Wenn du mir jetzt ernsthaft weismachen willst, dass du nicht ein einziges Mal daran gedacht hast, mit mir RICHTIG in die Kiste zu steigen, dann weiß ich auch nichts mehr, Torri. Du bist doch nicht mehr zwölf.“

„Doch, schon, aber…“
„Na also. Können wir jetzt darüber reden wie zwei Volljährige?
"Bill..."
"Find ich auch, schön, dass wir einer Meinung sind.“

„Das hat nichts mit volljährig zu tun, sondern damit, dass ich niemals auf die Idee kommen würde, mir selber was reinzuschieben, nur weil ich Typen im Internet gesehen habe, die das auch machen!“
Zumal das auf dem Videomaterial, das ich gesehen habe, mehr als nur ein bisschen unangenehm aussah.

„Ohmann.“
Bill holt tief Luft.
„Hast du denn… dich kein einziges Mal gefragt, wie sich das anfühlt? Hattest du nie diesen Impuls, wo du dir denkst: gut, ich teste jetzt einfach mal, wie man das am besten anstellt und ob ich den richtigen Punkt finde?“
„Ähm gedacht, sicher mal, aber nie ernsthaft vorgehabt. Ich meine… Hallo? Zehn Zentimeter sind verdammt nochmal echt nicht wenig, da musst du dich schon was trauen.“
„Gut, dann hast du dich eben bisher nicht getraut. Aber nicht mal rantasten? Du musst ja nicht gleich zehn Zentimeter.“

Ich schlucke nochmal ein Glas Wasser runter.
Obwohl es im Haus ganz erträglich kühl ist, fange ich wieder etwas zu schwitzen an.
Fahrig wische ich meine Handballen an meiner Hose ab.

„Ne, hab ich auch nicht. War es irgendwie nicht wert.“
„Nicht mal ne Fingerspitze?“
„BILL! Wie oft denn noch! Hab ich nicht!“
„Komm runter. Ich wills doch nur wissen.“

„Sorry fürs Austicken. Jetzt weißt du es.“
Warum rege ich mich gerade eigentlich auf?
Wegen so einem Thema mit blanken Nerven in der Küche zu sitzen, ist doch echt eine Überreaktion, oder?

„Angenommen. Wo waren wir? Achja. Ich habs jedenfalls gerade etwas ausgereizt… und naja. Ich hab´s geschafft. Meine Finger sind lang genug, ich hab den Punkt gefunden. Beim dritten Anlauf.“


Ich hole scharf Luft.
Die Bilder, die sich ohne mein persönliches Einverständnis vor meinem inneren Auge zeichnen, bereiten mir ein flaues Gefühl im Magen.
Allein der Gedanke daran, wie Bill mitten in der Nacht in seinem Bett liegt und versucht, seinen G-Punkt zu finden…
Das fühlt sich verbotener an, als sich jemanden nackt vorzustellen.

Und ich kann beim besten Willen nicht davon ablassen, mir das auszumalen.

Bill, alleine im Mondlicht, ohne T-Shirt, schimmernd von einem dünnen Schweißfilm, angewinkelten Beinen, den Kopf in den Nacken gelegt, die Lippen stumm geöffnet und...

Ich schlucke, der Kloß in meiner Kehle bleibt trotzdem.


„Und… wie hat es sich angefühlt?“
„Erst komisch, und du musst echt aufpassen, dass du keine ruckartige Bewegung machst und nicht verkrampfst… aber wenn du den richtigen Winkel gefunden hast… Wow. Das kann man gar nicht beschreiben, Torri. Es ist… der Hammer. Normal Runterholen ist gar nichts dagegen. Du bist gefühlt nur noch am Zucken. Wenn man damit ein bisschen Übung hat…“

Er verstummt.

„Du musst es mal versuchen. Besser geht es gar nicht.“

Mir fällt auf, dass ich die Hände zu Fäusten geballt habe.
Mit mentaler Gewalt zwinge ich meine Finger, sich zu entspannen.

„Bill…“

„Wovor hast du Angst?“
„Ich hab keine Angst. Das ist… komisch.“

„Warum? Es sind bloß Finger, keine Schwänze. Das geht viel krasser. Andi macht das inzwischen fast täglich mit Björn und Tom hat das schon mal mit einem Mädchen gemacht, das ist total normal.“

Ich drücke meine Finger gegen die geschlossenen Augenlider.
Das war entschieden zu viel Information auf einmal.
Was immer Bill versucht, zu unternehmen, um mich dazu zu bringen, richtigen Sex mit ihm - oder auch nur Rumfingern - in Erwägung zu ziehen… Dabei zu erwähnen, was Andi und Tom so machen, wenn die Lichter ausgehen, hilft da echt nicht weiter.
„Das hättest du ruhig für dich behalten können…“

„Ich will dir nur sagen, dass das nicht halb so wild und abnormal ist, wie du denkst und dass das total Viele mal machen.“


Ich hole Luft.

Ich werde jetzt einfach nur die Wahrheit sagen.

„Okay, ich geb´s zu. Ich hab Angst.“

Kurze Ruhe tritt ein.

„Davor, dass es wehtut?“

Verdammt, jetzt hat er das Kind beim Namen genannt.
Arschloch.

Aber Bills Ton spottet nicht.
Er ist verständnisvoll und ehrlich interessiert daran, wie es mir bei dem Gedanken geht.

„Mhm.“
Ich fühle mich wie ein kleines Kind, das Angst vor dem Zahnarzt hat.

Das ist fast schon peinlich.
Oh. Warte.
Ich nehme alles zurück.
Es ist richtig peinlich.


„Es muss nicht unbedingt wehtun. Zumindest nicht so krass, wie du jetzt denkst. Ein bisschen vielleicht. Aber es gibt echt krassere Schmerzen, wenn du mich fragst. Nen Zeh gegen die Tür zu hauen ist schlimmer.“

Ich weiß nicht, wie ich ihm je beibringen soll, wie dankbar ich ihm gerade dafür bin, mit dieser perfekten Mischung aus Verständnis und Nüchternheit zu reagieren.
„Und so schlimm ist es gar nicht, wenn du es vorsichtig machst. Außerdem kannst du ja jede Sekunde aufhören, wenn es zu viel wird. Ist ja nicht wie ne OP, die du durchziehen musst. Das ist … nur zum Spaß. Zum Ausprobieren.“

Ich verschwende noch ein paar Sekunden darauf, zu versuchen, mich mit dem Gedanken anzufreunden, mich selbst zu fingern.
Dann gebe ich auf.

„Ich glaube, ich mach das trotzdem nicht, Bill.“
„Warum?“
„Ich komm mir dabei… irgendwie dämlich vor. Ich meine… sich einen runterzuholen ist noch irgendwie gewöhnlich, weil da eh alle drüber reden und es gefühlt jeder macht… aber das?“

„Dir selbst was einführen oder allgemein was im Arsch haben?“

„Ich glaube eher, weil ich mich selber nicht so fingern würde.“


Aufgeladene Stille.
Diese Art von Stille, bevor du das erste Knacken von einem zum Bersten aufgestauten Damm hörst.


„Und… wenn ich es dir machen würde?“

Ohgott.
Kopfkino.
Ich sterbe.


„Du wirst gerade rot, oder?“, raunt er mir ins Ohr.

Er will mich reizen.
Er weiß, dass er es kann.

„Ach halt die Klappe.“
„Tja Torri. Was das angeht, bist du eben wirklich eine Jungfrau. Da benimmst du dich nicht nur so.“
„Die meisten Männer bestehen ja drauf, was das angeht, für immer Jungfrau zu bleiben…“
„Das sind ja auch verklemmte Langweiler mit Stock im Arsch... Oder auch nicht.“

„Das war das mieseste Wortspiel., das ich je gehört habe, Bill…“

„Ach komm schon, Torri, das muss ja nicht von jetzt auf nachher. Nur… irgendwann?“

Fuck.
Er lässt nicht locker… und ich verstehe, warum.
Langsam… fange ich doch an, mich zu fragen, wie es sein könnte.

Jetzt nur nicht wie ein kleines Mädchen rumstammeln und herumdrucksen.
Tief Luft holen und die Sache klären wie jemand, der über achtzehn ist.


„Ich werde dir da keinen Freifahrtschein geben, damit das klar steht. Lässt du irgendwann dann auch irgendwann sein? Nicht, dass irgendwann dann plötzlich übermorgen heißt.“

Stille.

„Bill, mach jetzt keinen telefonischen Engelsblick. Jeder weiß, dass du die Ungeduld in Person bist.“

Er atmet tief durch, sein Ton sinkt gefühlt um eine Oktave.
„Ich verspreche, ich mach keinen Druck, Torri. Ich warte so lang wie du willst.“

Irgendwas in mir fängt an zu zittern.
So ernsthaft und aufrichtig klingt er echt nur zu besonderen Anlässen.

Ich glaube, damit hat er mich weichgeklopft.



„Okay.“
Ob meine Stimme deswegen so leise geworden ist, weil ich das Gefühl habe, dass ich es mir gleich anders überlege, oder weil mir unerwartet doch ein bisschen wärmer geworden ist, als die Luft sowieso schon ist, kann ich nicht mehr genau sagen.

„Also hab deine Erlaubnis? Darf ich?“, quietscht er aufgeregt.
Junge, wir sind hier nicht am Süßigkeitenregal.

„Ja. Aber Betonung auf irgendwann! Und… wehe du überfällst mich dann wieder aus dem Nichts mit irgendwelchen verrückten Ideen. Und nicht ohne vorher duschen.“
„Ehrenwort. Wie du willst.“
„Das würde ich lieber nicht sagen. Sonst kann es sein, dass ich dich irgendwann damit überfalle.“

Und prompt lacht er mich aus.

„Red kein Blech, Kleiner. Wir beide wissen genau, dass die Hölle zufriert, bevor du auch nur im Traum ernsthaft vorhast, irgendwas mit mir anzustellen, dass auch nur im Geringsten EIN BISSCHEN wehtun könnte…“
„Stimmt doch gar nicht! Hast du das am COMET schon vergessen?“

Er japst vor Lachen.
„Ohja. Ich musste dich beinahe TAGELANG dafür bearbeiten und dich den gesamten Abend lang anstupsen, damit du auch nur ein bisschen die Kontrolle verlierst. Weißt du, wie viel Arbeit das war, Prinzessin?“

„Schon gut.“, knurre ich.
Er hat verdammt nochmal Recht.
Ich komme mir ja schon wegen einem behämmerten Halsband wie ein Psychopath vor.
„Ich hab´s ja kapiert.“


„Schön. Und wie geht´s dir sonst so? Ist das Tattoo gut abgeheilt?“
„Soweit mega.“
Der Schweiß auf meiner Kopfhaut kühlt sich unangenehm ab.

Dieser abrupte Themawechsel macht fast schwindelig.
„Alli quengelt Papa nicht mehr an, aber diese grottigen Eddingtattoos malt sie sich trotzdem noch jeden Tag auf den Arm.“
„Ich würde ja sagen, euer Vater soll sich nicht so anstellen, aber ich bin mir nicht so sicher, ob man das sagen darf.“
„Ich verstehe immer noch nicht, warum eure Mutter das einfach mal so erlaubt hat.“
„Eher im Austausch für gute Noten, aber ja. Sagen wir mal, Mama ist schon… was Besonderes. Ihre Eltern waren halt null entspannt, deswegen wollte sie es wohl besser machen, verstehste?“
„Irgendwie ja schon. Ich will gar nicht wissen, wie Alli als Mutter drauf wäre.“
„Oder du als Vater?“
„Pff, träum weiter. Ich werde ganz sicher niemals Vater werden. Kommt gar nicht infrage.“
"Hä, wieso?“
„Ich mag kleine Kinder nicht so…“
„Sagt Tom auch die ganze Zeit, aber meint dann, dass er später doch ne Familie will. Muss ja nichts heißen.“

Ich bin vor ein paar Monaten sogar live dabeigesessen, als Tom meinte, in seiner Idealvorstellung würde er zwar irgendwann Vater werden, die Kinder dann aber schon über zehn Jahre alt.
Bill hat ihm darauf geraten, sich einfach eine Witwe mit etwas größeren Kindern zu suchen.
War nur als Witz gemeint, aber Tom hat nicht einmal abgeneigt gewirkt.

„Toms Familienplanung ist ja auch endsspezifisch, wenn du mich fragst.“
„Als wären wir nicht ohnehin superspezifisch.“
„Ich kann den ganzen Kitsch von wegen Für-immer-und-ewig, einzig-wahre-Liebe und lass-uns-heiraten eh nicht ausstehen.“
„Das findest du kitschig?“
„Ich hab einfach das Gefühl, das machen so viele, weil sie es halt im Fernsehen sehen. Dann äfft man irgendeine Disneyfilmbeziehung nach, ohne sich wirklich zu fragen, was man wirklich haben möchte.“

„Weißt du denn, was du willst?“
„Keine Ahnung. Ich meine… eigentlich bin ich so wie es jetzt ist, total glücklich. Die Ausbildung, die Band… und du. Klar, die Sachen ändern sich, spätestens wenn die Ausbildung vorbei ist… aber wenn ich es mir aussuchen könnte, würde es so bleiben. Auch wenn ich dich manchmal gerne hier hätte.“

„Und das soll nicht sentimental sein?“
„Äh…“

„Das ist richtig süß, Torri. Du bist manchmal richtig romantisch, ohne es zu merken.“

„Ist… das gut?“
„Und wie. Das ist richtig süß. Das liebe ich so an dir.“

Ich glaube, das ist das erste Mal, dass er sich an dieses Wort herantastet.
Und mir wird schleichend bewusst, wie krass schwer sich der Begriff eigentlich anfühlt.
So besonders. Und krass.

„Ist alles okay bei dir, Bill?“
„Ja, schon. Ich… vermiss dich bloß ein bisschen.“
„Nur ein bisschen?“
„Zwing mich nicht dazu, rumzuheulen, wie gerne ich dich gerade hier hätte.“
„Weil du so notgeil bist, dass du mich frühmorgens anrufen musst um mich zu meinem Sexleben auszufragen?“

„Das zwar auch, aber das meine ich nicht. Ich… fühl mich die letzten Tage ziemlich alleine, weißt du?“
„Aber du bist doch nicht alleine.“
Das Team, die Band, die Crew…

„So meine ich das nicht. Irgendwie… sind gerade alle so komisch.“
„Komisch? Wieso?“
„Nathalie telefoniert jede freie Sekunde mit ihrem Freund, Georg hat auch wieder irgendeine Teilzeitfreundin, Gustav geht’s gerade nicht so gut, weil er Ärger zuhause hat… und du kennst ihn ja. Wenn was ist, dann macht er auf Autopilot und lässt niemanden an sich ran. Und David macht es auch nicht besser, der geht ihm seit Neuestem auf die Nerven, dass er abnehmen soll, von wegen fette Teeniestars will keiner haben.“
„Das kann man aber auch taktvoller sagen.“
„Mein ich ja. Und was Tom angeht…“
„Was ist mit ihm?“
„Er verheimlicht wir irgendwas.“


Oha.
Fuck.

„Er hat neulich mit Lukas irgendwas telefoniert, Lukas meint, er darf mir dazu nichts sagen, und Tom meint nur, ich soll mir keine Gedanken machen, weils nicht wichtig ist.“
Bill schnaubt.
„Aber wenn er es mir nicht einfach sagen kann, IST ES OFFENSICHTLICH DOCH WICHTIG! Wichtig genug, um es mir zu verheimlichen. Was echt ein Aufwand ist. Mit Dunja hat er auch schon irgendwas gelabert, das sie nicht rausrücken wollte.“

Ohshit.
Ich habe wohl richtig eingeschätzt, wie krass es Bill umtreibt, wenn sein Zwilling ihm etwas bewusst an Informationen vorenthält.

Ein unangenehmes Schuldgefühl macht sich breit.
„Bill, das ist bestimmt nichts Krasses. Vielleicht sagt er es dir irgendwann doch.“
„Aber warum nicht jetzt? Ich kapier es nicht.“

Ohmann Tom.
Warum kann er ihm nicht einfach sagen, dass es eine Überraschung wird?
Da die Beiden in elf Tagen Neunzehn werden, müsste dann doch alles offensichtlich sein, oder?

„Ich hab kurz überlegt, ob es wegen unserem Geburtstag ist, aber das ist lächerlich. Wir schenken uns nie was. Haben wir nie gemacht.“
„Also…“
„Und wenn es ein Mädchen wäre, hätte er es gesagt. Außerdem würde ich es merken, wenn er verknallt wäre.“
„Tom und verknallt?“
„Ich prophezeie es ihm schon seit Jahren. Er sträubt sich jedes Mal, wenn er Eine kennenlernt dagegen, sieht sie als reines Fickmaterial, aber ich hab's ihm schon tausendmal gesagt. Irgendwann erwischt es dich richtig, Tom. Aber so ist er nicht drauf, wenn er Gefühle entwickelt. Er ist einfach nur… komisch.“

Ohmann.
So eine Scheiße.

Jetzt stecke ich hier nicht nur in der Zwickmühle, dass ich Bill gerne mit dem Wissen, dass ich bald bei ihm sein werde, trösten würde, gleichzeitig Tom aber mein Ehrenwort gegeben habe fest, sondern muss neben diesem Geheimnis auch noch für mich behalten, dass er sich keine Sorgen machen muss und Tom nur Flugtickets für mich organisiert hat, mit denen ich in wenigen Tagen nach Los fucking Angeles fliegen werde, um ihn endlich wieder zu treffen.
Und dass ich nebenbei erwähnt noch extrem aufgeregt deswegen bin.
Und dass ich ihn am liebsten mit meinem sprudeligen Cocktail aus Nervosität und Vorfreude zutexten würde.
Darüber, dass ich zum ersten Mal in die Staaten fliege.
Bill zum ersten Mal außerhalb on Deutschland auf Tour besuche.
Dass wir zum ersten Mal seinen Geburtstag zusammen feiern dürfen.
Dass wir uns seit fast einem Jahr kennen.
Dass Alli sich fast noch mehr für mich freut als ich selber.

Oh.
Und dass ich Papa noch nichts davon gesagt habe.
Ich meine… ich bin achtzehn, was soll er dagegen machen?

Etwas Bammel davor habe ich schon.
Mit Freude wird er mich niemals ziehen lassen, aber davon abhalten kann er mich auch schlecht.
Und er wird wissen wollen, was zur Hölle ich in den USA will.
Ich könnte irgendeine Story auftischen, von wegen ich will auf ein Slipknot-Konzert oder so.
Nur, dass es mich ein bisschen wurmt, dass ich ihn wieder bewusst dafür anlügen müsste.
Andererseits… wegen Bill lüge ich ihm ja auch schon die ganze Zeit vor, ich hätte was mit einem Typ aus strengreligiösem Haushalt in Berlin.

„Ach Torri… du kommst aber auf jeden Fall, wenn wir wieder in Deutschland sind?“
„Was für ne Frage, Bill.“
„Ich meine… auch wenn wir vielleicht keine Zeit für Hamburg haben. Wenn du dafür wieder in irgendeine andere Stadt kommen müsstest?“

Wenn Bill nur wüsste…

„Wann war mir denn jemals ein Weg zu weit für dich, Großer?“

Bills halb engelsgleiches, halb dämonisches Lächeln strahlt förmlich durch die ganze Leitung, ich kann ihn regelrecht vor mir sehen.

„Ich kann es kaum abwarten. Ich will endlich sehen, wie dein Tattoo abgeheilt aussieht. Und dann müssen wir nicht mehr vorsichtig sein.“

„Du hast es auch echt nötig, oder?“
"Softi, du kannst dich sowas von darauf gefasst machen, verräumt zu werden…“

„HEY! Ich hab gesagt, wir machen es nach MEINEM Tempo!“
„Scheiße, warum hab ich dazu bloß ja gesagt…“

*********************

Die Leute munkeln, dass Toms Zukunfts- und Familienpläne prophetisch genau eingetroffen sind.
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