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Jungs heulen nicht

von Agnar
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
06.10.2021
14.10.2021
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14.10.2021 2.247
 
Ich bin mir ziemlich sicher, dass jeder Mensch diesen Moment der Hoffnung auf eine Art kosmisches Gleichgewicht in Sachen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, welches manche auch Karma nennen, kennt.
Normalerweise würde ich solche Sätze, würde ein anderer sie zu mir sagen, als Bockmist abtun, ihm sagen, dass wir dem Universum am Arsch vorbeigehen und er mal dringend erwachsen werden soll… nicht aber jetzt, da ich mit meinem Handy unter der Regenrinne von der örtlichen Bäckerei stehe und versuche, mich mit den zwei zarten Empfangsbalken, die der Starkregen mir heute noch übriglässt, durch die Hotline eines Radiosenders von sonstigem Desinteresse durchzukämpfen.
Warum?
Ein Gewinnspiel.
Niemals hätte ich gedacht, dass ich bei so einem Scheiß mitmachen würde, aber diese gottverdammte, durch die Krisensituation, in der wir feststecken, bis aufs äußerste geschärfte Geschwisterliebe bringt mich dazu, sämtliche Grenzen zu sprengen. Zu erwähnen wäre vielleicht, wie ich es geschafft habe, mich in diese Lage zu manövrieren. Es ist eigentlich eine ganz amüsante Geschichte:

Folgendermaßen hat heute nämlich mein Tag begonnen:
Ich wache gegen drei Uhr morgens auf, weil meine Blase so heftig drückt, dass ich mich gezwungen sehe, mich aus dem Gästebett zu schälen und das Badezimmer aufzusuchen. In meiner nächtlichen Geistesgegenwart halte ich es für eine grandiose Idee, das Licht nicht anzuschalten.
Die Folge dessen: Ich übersehe die erste Stufe der Treppe, die zum ersten Obergeschoss hinunterführt, trete ins Leere, verliere den Halt und poltere unter lautem Fluchen sowie dem ein oder anderen Schmerzschrei die ausgetretenen Holzstufen hinunter, um auf den Untersten liegen zu bleiben.
Die blauen Flecken, die ich mir dabei geholt habe, werde ich noch wochenlang auf meinem Körper bewundern können. Würde ich an eine Art Karma glauben, wäre ich in dieser Sekunde absolut überzeugt davon gewesen, dass das Universum mich gehörig auf dem Kicker hat, denn wie der Zufall will, befindet sich Ernas Schlafzimmer direkt neben der Treppe.
Dass ich sie aufgeweckt habe, ist mir spätestens klar, als sie die Tür aufreißt und mich anfaucht, was um alles in der Welt ich bitte sehr mitten in der Nacht außerhalb von meinem Zimmer zu suchen habe.
Fuck.
„Tut mir leid, Erna, ehrlich!“, wispere ich zwischen meinen zusammengebissenen Zähnen hervor, um mir irgendwie die Schmerztränen zu verkneifen. Ich habe nicht vor, vor diesem Hausdrachen loszuheulen.
Oder sonst irgendwo.
„Niemanden interessiert es, wie leid es dir tut, du hast die Nachtruhe gestört, obwohl Gerd euch klipp und klar gesagt hat, dass er euch nach zehn Uhr nicht mehr außerhalb eurer Zimmer sehen will, also sag mir, was du hier verloren hast!“
„Ich musste mal ins Bad, ich wollte wirklich niemanden wecken!“
Jetzt bloß nicht laut oder ununterwürfig werden, sonst ist die Hölle los…
„Dazu musst du aber nicht solchen Lärm veranstalten, junger Mann!“
„Tut mir ehrlich leid, aber ich bin ausgerutscht und bin hier runtergefallen!“
Einen Moment lang herrscht Ruhe. Selbst im Stockdunkeln kann ich sehen, wie ihre Augen blitzend versuchen, mich auszuschalten.
Okay…Jetzt bloß nichts Falsches sagen…
„Dann ab ins Bad mit dir und dann sofort wieder ins Bett! Und pass nächstes Mal auf!“ Ihre Stimme bebt vor Zorn. Aber sie will Gerd, der dank seiner Schlaftabletten den Lärm, den ich veranstaltet habe, wohl überhört hat, anscheinend nicht durch die Hochfrequenzen ihres wütenden Gekeifes wecken.
„Mach ich, Erna. Versprochen, Danke!“
Schon will ich mich mit schmerzverzerrtem Gesicht aufrappeln, aber offenbar ist sie noch nicht fertig.
„Aber da du schon einmal wach bist, kannst du gleich rüber zum Bäcker Unker laufen, und die restlichen drei Liter ausliefern, die wir in der Lieferung gestern übersehen haben. In einer halben Stunde müsste er wach sein.“
Das tut sie zu hundert Prozent, um mich zu schikanieren.
Es sind fast vier Kilometer bis zum benachbarten Dorf und wieder zurück, außerdem werden diese drei Liter Milch frühestens heute Mittag gebraucht.
Aber noch mehr Schnitzer kann ich mir nicht leisten.
„Kein Problem, Erna, mache ich!“, sage ich so freundlich, wie es eben geht und verschwinde, ehe sie mir noch mehr frühmorgendliche Arbeit aufrücken kann.
Also verziehe ich mich ins Bad, wo meine erste Amtshandlung nach dem Toilettengang, der mich erst in diesen Schlamassel befördert hat, darin besteht, mit kaltem Wasser den letzten Rest an Müdigkeit, den der Sturz und Ernas Tirade noch übriggelassen haben, aus dem Kopf zu rubbeln.
Dass mein Haaransatz dabei tropfnass wird, ignoriere ich getrost.
Dann werde ich eben krank.
Mit Erkältung würde selbst Gerd mich nicht zum Arbeiten schicken, wenn es darum geht, Krankheitserreger aus dem Kuhstall fernzuhalten, versteht er gar keinen Spaß.
Also binde ich meine immer noch halbnassen Haare im Nacken zusammen, ziehe mir eine verwaschene Jeans und ein etwas wärmeres Shirt über, bevor ich mich ins Erdgeschoss schleiche, um mir die wärmste Jacke aus der Garderobe zu fischen, die ich finden kann.
Um diese Uhrzeit ist es selbst Ende August saukalt draußen.
Wenig später befinde ich mich mit den drei Milchflaschen im Rucksack und einer Taschenlampe bewaffnet auf dem Weg zur Bäckerei Unker. Es nieselt bereits, laut Wetterbericht wir es heute noch aus Kübeln gießen.
Ich hasse diese ländliche Einöde.
Ich hasse diesen Hof.
Und achja, Erna hasse ich ganz besonders.
So eine Scheiße.
Als ich am Hintereingang der Backstube klingle, bin ich bereits oberflächlich durchnässt. Zum Glück öffnet die Angestellte von Herr Unker, die mich glücklicherweise vom Sehen her kennt und zuordnen kann, sofort. Wenn auch mit dem Ellenbogen, denn ihre Hände sind völlig mehl- und teigverklebt. Ich habe sie wohl gerade beim Brotteig durchkneten erwischt.
„Was machst du denn schon hier?“, begrüßt sie mich verblüfft, aber nicht unfreundlich.
„Ich bringe die Milchflaschen, die Erna Hansen heute vorbeibringen wollte…“, beginne ich zähneklappernd, doch da kommt die gute Frau mir auch schon zuvor.
„Komm erst mal rein, mein Lieber und zieh die nasse Jacke aus, da draußen holst du dir ja noch den Tod!“
Dankbar komme ich ihrer Aufforderung nach und lasse mich auf einen der Stühle neben dem langen Kleiderständer fallen, wo ich mich ohne weiter Zeit zu verlieren von der Jacke befreie. Die Wärme, die mich im Inneren der Backstube umgibt, war mir selten so willkommen wie jetzt gerade.
„So, mein Junge.“, sagt die Frau vor mir, wischt sich ihre Hände an der Schürze ab, um sie darauf in die knochigen Hüften stemmen zu können. „Warum schickt Erna dich um diese Zeit schon nach draußen? Die Milch brauchen wir erst gegen Vormittag, wenn wir die Kuchen backen. Außerdem hätten drei Liter weniger es auch getan, ich wollte Erna nur Bescheid geben, damit sie nicht aus Versehen falsch abrechnet…“
Ich beschließe, wahrheitsgemäß zu antworten.
„Ich habe sie aus Versehen aufgeweckt, dabei ist sie wohl etwas böse auf mich geworden.“
Kopfschüttelnd nimmt sie die Milchflaschen aus meinem Rucksack.
„Also sowas. Dass sie leicht aufbrausend ist, weiß ja jeder, aber das geht doch zu weit. Warte, Junge, ich hole dir ein Handtuch, mit diesen nassen Haaren…“, sie wuselt in das kleine Badezimmer, wirft mir ein frisches Handtuch zu, in das ich sofort dankbar meine Haare einwickle.
„Normalerweise würde ich dir ja sagen, dass du schnell wieder ins Bett sollst, in deinem Alter braucht man Schlaf… Aber bei diesem Wetter kann ich dich doch unmöglich wieder rausschicken. Möchtest du hierbleiben, bis mein Sohn wach ist? Der Hansen-Hof ist auf dem Weg zu seiner Arbeit, er kann dich dann nach Hause fahren.“
„Das wäre schön, vielen Dank. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich dann zu spät ankomme…“
„Papperlapapp. Ich rufe Erna an und sage, dass ich darauf bestanden habe, dich hier zu behalten. So geht man nicht mit seinem Enkel um.“
„Stiefenkel.“
„Wie auch immer. Also, mein junger Hansen, wie war dein Name gleich noch einmal?“
„Thorsten.“
„Sehr passender Name. Ich habe noch ein paar Brote in den Ofen zu schieben und das Frühstücksgebäck macht sich auch nicht von alleine. Möchtest du dich in die Backstube setzen und mir bei der Arbeit ein wenig Gesellschaft leisten? Sonst bin ich unter der Woche immer alleine hier. Du kannst jederzeit in die Küche und dir eine schöne Tasse Tee machen.“
„Dankesehr, das ist sehr freundlich von ihnen.“
„Lass das Sie stecken, du darfst mich Hannelore nennen.“
„Gerne, Hannelore.“
Der Höflichkeit halber und weil sie den Teig mittlerweile von den Händen weggewischt hat, reiche ich ihr die Hand, welche sie fest schüttelt.
„Allerdings muss ich dich vorher bitten, eine von diesen Schlappen dort zu nehmen. Deine Schuhe sind auf dem Weg hierher etwas schlammig geworden…“
„Kein Problem.“, erwidere ich und ergreife die Hausschlappen, ziehe sie über und folge Hannelore in die Backstube. Neben der Arbeitsplatte gibt es einen kurzen Tresen mit einem Holzstuhl davor, wo ich mich niederlasse.
Das etwas veraltete Radio neben uns läuft auf voller Lautstärke, was die Dame allerdings keinesfalls daran hindert, mich beim Teig kneten über meine Ferien, und wie es mir denn so auf dem Land gefällt, auszufragen. Ich beschönige etwas, antworte sonst aber wahrheitsgemäß. Auch wenn ich nicht unbedingt gerne mit fünfzigjährigen Frauen tratsche, ist es auch mal schön, jemanden gegenüber zu sitzen, der sich wirklich für mich zu interessieren zu scheint. Sonst tut das im Moment nur Alli.
Die Zeit verfliegt, langsam wird es fünf Uhr, ich hole mir die dritte Tasse Kräutertee, wärme mich von innen auf und Hannelore tratscht unablässig über den neusten Dorfklatsch.
„…und dann sagt sie noch, so: Hanne, ich habs ja damals schon gesagt – nen feuchten Dreck hat sie, das Klatschmaul – dass diese Ehe nicht lange hält, sieht ja jeder Blinde von hin…“
„Morgen, Hannelore, entschuldige die Verspätung, ich fange gleich an, die Brezeln zu machen, ja?“, ruft uns die deutlich jüngere Stimme von dem Azubi, der etwas hektisch durch den Hinterraum eintritt und sich dabei die Schürze umbindet, entgegen.
„Nicht schlimm, Hans, aber mach das ja nicht, ohne dass ich dir diese Mal auf die Finger schaue, damit das klar ist!“
Ich unterdrücke mein Lachen, als ich sehe, dass der sommersprossige Kerl errötet.
„Ich muss dich kurz allein lassen, Thorsten, du kannst ja hier weiter Radio hören. Denk nicht, dass ich dich vergesse, ich rufe schon noch rechtzeitig meinen Sohn an, damit er dich abholt.“
„Kein Problem.“, winke ich ab, und schon ist sie mit Hans im Nebenraum, wo ich die Teigkessel vermute, verschwunden.
Sofort schalte ich das Radio etwas leiser.
Diese Morgenshows von langweiligen Moderatoren, die auf so unglaublich nerventötende Art und Weise versuchen, gute Laune zu verbreiten, brauche ich nun wirklich nicht zu hören.
„…und damit wären wir wieder an den Charts angelangt…“
Ohnein, bloß nicht, da kann ich ja gleich ganz abschalten, oder?
„…Deutschlands erfolgreichste Teenieband hat Großes verkündet, das insbesondere unsere jüngeren Zuhörer ganz besonders interessieren dürfte…“
Reflexartig halte ich in der Bewegung inne. Über die letzten Jahre habe ich es mir durch Allis ständiges Einschärfen so fest angewöhnt, sie jedes Mal, wenn ihre Lieblingsband im Fernsehen oder sonst wo erwähnt wird, sofort zu alarmieren, dass ich allein schon bei einer Anspielung auf Tokio Hotel zusammenzucke, als wäre ich selbst ein Fan.
„Die Möglichkeiten für die überwiegend weiblichen Fans, ihre Idole zu treffen, sind insbesondere durch den mittlerweile ernst zu nehmenden internationalen Erfolg der Band selten geworden, umso mehr dürfte es auf Interesse stoßen, dass wir unter anderen Sendern an dem großen Gewinnspiel um zwei Karten für ein exklusives – halten sie sich fest – halbstündiges Meet&Greet mit der gesamten Band mitwirken. Wenn sie also bald ihre Tochter aufwecken, denken sie daran, dass unsere Hotline offensteht – mit einer Frage, die nur ein wahrer Tokio-Hotel-Fan beantworten kann. Die Nummer lautet wie jedes Mal…“
Ich habe genug gehört.
Hektisch tippe ich die Nummer in mein Handy ein.
Alli hat mir oft genug und viel genug von „den Jungs“ erzählt, eine Insider-Frage dürfte ein Klacks für mich sein. Der Henker soll mich doch holen, wenn ich noch warte, bis ich Alli dafür wecken kann, und schon fünftausend andere verrückte Fans angerufen haben und ihr die Karte für etwas, das ihr vielleicht mal wieder eine Freude machen könnte, wegschnappen.
Fuck it.

Und so kommt es, dass ich unter besagter Regenrinne stehe, und das Tuten am Ende der Leitung belausche. Mein Herz klopft wie verrückt. Alli würde völlig durchdrehen, wenn es tatsächlich funktioniert.
Und dann… „Schönen Guten Morgen, bitte nennen sie ihren Namen und nennen sie anschließend den Namen, unter dem die Band Tokio Hotel vor ihrem Durchbruch bekannt war.“, ertöt eine gelangweilte Stimme.
Ich hole Luft, zu verängstigt, dass ich vor Aufregung darüber, dass ich es trotz meines miserablen Empfangs bis in die Hotline geschafft habe, keinen Ton herausbekomme.
Dann räuspere ich mich.
„Thorsten Hansen. Und der Bandname vor dem Durchbruch… war Devilish.“
Und das nennen sie eine Insider-Frage? Das steht auf jeder Internetseite.
Aber gut, hätte schlimmer sein können. Mir solls recht sein.
Kurze Stille.
„Danke. Nennen sie bitte noch den Namen ihrer Begleitperson, sowie das Alter von Beiden.“
Nochmal durchatmen. Es könnte klappen.
„Alina Hansen. Dreizehn Jahre. Und ich bin siebzehn.“
„Danke für ihre Teilnahme, sie befinden sich in der Lotterie. Halten sie ihre Leitung um drei Uhr mittags frei, sollte der erste Gewinner nicht sofort erreichbar sein, wird erneut gelost und der nächste Teilnehmer angerufen. Verstanden?“
Meine Hand beginnt zu zittern.
Drei Uhr. Mittags. Das schaffe ich.
„Ja, verstanden.“
„Auf Wiederhören.“
Ich lasse das Handy sinken.
Die Chance ist gleich null… aber sollte ich jemals doch auf die Idee kommen, an Zeichen und Wunder zu glauben, würde ich die Tatsache, dass ich es geschafft habe, mit zwei Balken Empfang im mittlerweile strömenden Regen die Gewinnspielhotline zu erreichen, definitiv als Omen sehen.

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Etwas, das so etwas wie einer Handlung nahekommen dürfte, kommt langsam ins Rollen. Lasst unseren Protagonisten gerne wissen, ob sein grandioser Plan Erfolgschancen hat. Immerhin ist das hier eine Fiktion.
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